Sonntag, 22. Oktober 2017

Neue Ufer

Nachdem Jane Tennison eine Prüfung bestanden hat, darf sie die Uniform ablegen und bei der Kriminalpolizei anfangen. Allerdings ist es Mitte der 1970er nicht üblich, dass Frauen im Polizeidienst einfach eine herausgehobene Stellung einnehmen dürfen. Deshalb muss Jane erstmal in der Abteilung für Taschendiebstahl anfangen. Mit ein paar Vorbehalten macht sich Jane an ihre neue Aufgabe. Doch die neuen Kollegen scheinen recht nett zu sein, auch wenn sie die Neue etwas hochnehmen. Schon bei ihrem ersten Außeneinsatz gelingt Jane und ihren Kollegen die Verhaftung einiger Taschendiebe, die offensichtlich im Team arbeiten. Als sie am nächsten morgen zur Kautionsverhandlung eines der Täter einbestellt wird, gerät sie auf dem Weg dorthin in  einen Anschlag, der mehrere Menschen das Leben kostet.

Vielleicht erinnert man sich bei dem Namen Jane Tennison noch an die TV Serie „Prime Suspect“ („Heißer Verdacht“) mit Helen Mirren und damit liegt man auch garnicht falsch. Doch hier geht es nicht um die spätere erfolgreiche Ermittlerin, sondern um die noch junge unerfahrene Jane, die kurz nach der Ausbildung ihre ersten Fälle löst. Auch hier entwickelt sie schon das Näschen, das später für sie typisch wird. Allerdings ist sie vor Fehlern nicht gefeit, nicht umsonst fehlt ihr noch die Erfahrung und das Misstrauen, dass einen Kriminalbeamten wohl im Lauf der Jahre überkommt. Manchmal noch etwas ungestüm prescht sie durch ihren Fall, ohne nach links oder rechts zu schauen. Dass sie dadurch mitunter sich selbst oder andere in Gefahr bringen kann, ist ihr noch nicht in jeder Situation bewusst. 


In den 1970ern war die Gefahr durch Anschläge der IRA noch allgegenwärtig. Gerade dadurch wirkt dieser Kriminalroman sehr spannend und da heute bedauerlicherweise eine ähnliche Zeit durchlitten werden muss auch ausgesprochen aktuell. Die Angst der Menschen vor dem nächsten Anschlag, die Wachsamkeit einzelner - Janes zufälliger Einsatz während des Ereignisses ist so dicht beschrieben, dass es einen kalt überläuft. Zwar ist Jane Tennison als junge Polizistin hin und wieder zu häufig am rechten Ort, wird zu oft zum Mittelpunkt und ist ihren Kollegen voraus, das jedoch tut der packenden Story mit Bezug zum tagesaktuellen Geschehen keinen Abbruch. Die junge Jane Tennison nimmt für sich ein, wobei anzumerken ist, dass von der Autorin nicht viele Bücher ins Deutsche übersetzt sind und man so ein wenig erstaunt ist, dass es sich bei dem vorliegenden Band bereits um den dritten Auftritt der jungen Tennison handelt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Good Friday von Lynda La Plante
ISBN: 978-1-78576-329-8


Samstag, 21. Oktober 2017

Veteran

Nach seinen Einsätzen im Krieg kann sich der Heimkehrer Peter Ash nicht mehr gut in geschlossenen Räumen aufhalten. Auch mehr als ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Armee hat sich daran nicht viel geändert. Peter versucht das Beste aus der Situation zu machen und hält sich meist draußen auf. Über Wasser hält er sich mit Gelegenheitsarbeiten. Als er eines Tages davon hört, dass sich sein Freund aus Armeetagen Big Jim erschossen hat, entschließt er sich, wenigstens der Witwe zu helfen. Für sie und ihre Kinder will er die Veranda reparieren. Doch zunächst muss er eine Bestie von Hund zähmen, der sich in dem Kriechkeller unter der Veranda eingenistet hat. 

Wird es einem unter post traumatischem Stress leidenden Ex-Soldaten gelingen, sich mit seinen Schuldgefühlen dem Freund gegenüber auseinander zu setzen? Die Reparaturarbeiten sind nur ein erster Schritt. Ein Schritt allerdings auf einem ungewöhnlichen Weg, denn je mehr er über die letzten Tage seines Kameraden erfährt, desto mehr fragt er sich, was sich Jim als Ziel gesetzt hatte. Nach der Trennung von seiner Frau stürzte er nicht völlig ab. Und dann die Sache mit dem Hund, der nur mit bezwungen werden kann. Immerhin, der Hund bewachte einen Koffer voll Geld und Ash setzt schließlich alles daran, hinter das Geheimnis des Geldes zu kommen.

Ein Antiheld wie er im Buche steht ist dieser Ash, traumatisiert, kaum fähig ein normales Leben zu führen. Aber dennoch ist er nicht völlig zerbrochen. Er fühlt mit der Witwe und ihren Kindern, er nimmt sich eines halb verwilderten Hundes an. Und er bohrt hartnäckig nach, was seinen Freund zu seiner Tat getrieben haben kann. Mit immer größer werdender Anspannung verfolgt man, was Peter Ash nach und nach in Erfahrung bringt. Die Lesezeit vergeht dabei wie im Flug, wobei die Schilderungen der Mühe, die den Kriegsheimkehrern die Ankunft in ihrer ehemals vertrauten Umgebung bereitet, sehr berührt und nachdenklich stimmt. In was für eine Welt werden die Soldaten geschickt und was für eine Heimkehr wird ihnen bereitet. Wird ihre Arbeit genug gewürdigt, werden sie ehrenvoll aufgefangen, wenn sie sich in der Fremde verloren haben. Auch die Ereignisse, die zu Jims Tod geführt haben, sind ausgesprochen fesselnd dargestellt. Einzig ab einem gewissen Moment wirkt die Story etwas überdreht, obwohl gerade hier wie bei einem Actionfilm noch das Letzte an Spannung und Geschwindigkeit aus dem Plot herausgeholt wird.


Beim Lesen ahnt man es schon, dieser Roman ist der erste Band einer Reihe um den Heimkehrer Peter Ash, der durchaus an Jack Reacher erinnert, allerdings doch anders ist und sich keinesfalls vor irgendjemandem zu verstecken braucht.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Drifter von Nicolas Petrie
ISBN: 978-3-518-46679-7


Freitag, 20. Oktober 2017

Trügerisch

Ende 1944 in den Kriegswirren geschieht in Dresden ein Mord an einer jungen Frau. Sie wurde übelst zugerichtet. Kommissar Max Heller übernimmt die Ermittlungen. Er ist einer der wenigen, die noch normale Polizeiarbeit ausführen dürfen. Wegen einer Verletzung aus dem ersten Weltkrieg ist er nicht kriegstauglich. Doch er und seine Frau sorgen sich außerordentlich um die beiden Söhne, die an der Front kämpfen. Durch die häufigen Bombenwarnungen werden die Untersuchungen ebenso behindert wie durch Hellers Chef, der den Fall unbedingt schnellsten gelöst haben will. Schließlich sollen bald auch noch die letzten jungen Männer eingezogen werden. Und die Verstorbene war mit einem Juden verheiratet gewesen. Da bietet der sich als Täter doch förmlich an.

Kommissar Max Heller ermittelt in einer Extremsituation. Ende 1944 zeichnet sich schon ab, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist, doch die sogenannten Herrenmenschen sind noch an der Macht. Und so müssen die, die sich eigentlich eine andere Welt wünschen, ausgesprochen vorsichtig sein in ihrem Verhalten. Ein Denunziant könnte überall lauern. Dass sein direkter Vorgesetzter unbedingt eine bestimmte Lösung haben möchte, macht es auch nicht leichter. Erst ein zweiter Mord führt dazu, dass zumindest weiter nach dem Täter gesucht werden kann. Doch nur schleppend geht es voran. 

Es scheint seltsam unpassend, dass in Kriegszeiten auch „normale“ Verbrechen geschehen können. Man könnte meinen, das kann doch nicht sein. Durch Krieg, Hunger und Tod sollte genug Leid unter den Menschen sein, es dürfte nicht noch irgendwelche Verbrechen brauchen. Doch ein Mörder ruht nicht und bringt Unheil über die Stadt. Die Menschen haben Angst, umso mehr seit dieser Mörder umgeht. Man möchte sie hinein fühlen in die Welt der vielen Mitläufer und der wenigen Aufrechten, man möchte sie durchdringen die noch existierenden Verbindungen zwischen den noch Machthabern. Ein wenig fern bleibt die Szenerie und doch verfängt man sich im Geschehen. Gerade Dresden, die so sehr zerbombte Stadt, bildet eine berührenden Hintergrund für diesen Kriminalroman, mit dem ein neuer Ermittler vorgestellt wird.


Max Heller bei seinem ersten Fall, der mit einer ganz anderen spannenden Ausgangssituation endet als zu erwarten gewesen wäre.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Der Angstmann von Frank Goldammer
ISBN: 978-3-423-26120-3



Mittwoch, 18. Oktober 2017

Die Gesetze der Musik

Leopold Mozart wird eingeladen, Mitglied der Mitzler’schen Gesellschaft zu werden. Für den Vater des noch ungeborenen Amadeus ist das eine außerordentliche Ehre, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Denn um Mitglied zu werden, gilt es etliche Rätsel zu lösen. Leopold befürchtet mit der Aufgabe überfordert zu sein. Doch gemeinsam mit seinem Schüler David Stark und dessen Freundin Therese begibt er sich daran, die Rätsel eines nach dem anderen zu lösen. Die Sache erweist sich als schwierig, denn bald wird klar, dass es nicht jedem Recht ist, wenn es gelingt alle Aufgaben zu lösen. 

Ein Reigen von mehr oder weniger bekannten Personen der Geschichte, eine Abfolge von kniffeligen Aufgaben, Freimaurer und unheimliche Gegner bilden hier eine Mischung, der ein unterhaltsamer und lehrreicher Geschichtskrimi wird. Ein Abenteuer für Leopold Mozart, dessen Ausgang zu Beginn doch sehr ungewiss erscheint. Schafft er es schließlich nicht, die Rätsel zu lösen, könnte es mit seinem Leben vorbei sein oder zumindest doch mit seinem guten Ruf als kenntnisreicher Musiker und Musiktheoretiker. Doch so manches Mal helfen ihm David und Therese aus der Patsche und auch andere hilfreiche Personen greifen in die Suche ein. Doch auch gefährliche Situationen müssen überstanden werden.

Ein historischer Abenteuer-Krimi mit einem interessanten Hintergrund, lehrreich und intelligent. Wenn auch manchmal etwas betulich, was durchaus der Zeit geschuldet sein könnte, in der er angesiedelt ist, unterhält dieser Roman doch sehr gut. Die Protagonisten sind sympathisch gezeichnet und die zu lösenden Rätsel erscheinen knifflig. Man bekommt Lust, nach den gefundenen Gesetzen der Musik, den idealen Gassenhauer zu erfinden. Doch vermutlich wird man als unmusikalischer Normalo daran scheitern und nicht mit dem mit einem begnadeten Sohn gesegneten Leopold mithalten können. 

Spannende Rätsel, interessante Zusammenhänge und eine tolle musikalisch geschichtliche Führung durch Salzburg.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Mozart-Mysterium von Christoph Öhm
ISBN: 978-3-839-21299-8


Sonntag, 15. Oktober 2017

Myrina

Kann die Sage von Troja einen wahren Kern haben? Dieser Frage geht die Philologin Diana Morgan nach, die sich auch sehr für die Geschichte der Amazonen interessiert. Eigentlich unterrichtet Diana ein Seminar an einer britischen Universität. Doch einem verlockenden Angebot, eine alte Schrift zu entziffern, kann sie nicht widerstehen. Sie reist nach Nordafrika, um eben diese Aufgabe zu lösen. Bei ihrer Ankunft trifft sie auf Nick Barran, ein auf den ersten Blick zwielichtiger Typ, der sich mehr in Dianas Gedanken schleicht als ihr recht ist. Ihr Jugendfreund James liegt doch viel mehr auf ihrer Linie. Diese Gedanken sind jedoch schnell vergessen, denn tatsächlich ergeben sich Spuren zu den Amazonen, deren Existenz Diana gerne bestätigen möchte.

Troja, Amazonen, die Ilias - könnte wirklich etwas dran sein? Sicher fast jeder kennt die sagenhaften Geschichten, hat mal eine Verfilmung gesehen oder ein Buch gelesen. Eine Fülle von Leben, aus denen sich viele Artikel, Romane, Filme, Stücke zaubern lassen. Es ersteht eine Vorstellung alter Welten, die nie langweilig gewesen zu sein scheinen. 

In ihrem Roman verknüpft die Autorin geschickt Vergangenheit und Gegenwart und nährt so die Idee eines gewissen Wahrheitsgehaltes der alten Sagen und Erzählungen. Beim Lesen bzw. Hören verbinden sich die Erinnerungen an die Geschichte mit den Erläuterungen der Autorin. Gefesselt verfolgt man Parallelen und Unterschiede, Auswirkungen des Lebens in alter und moderner Gesellschaft, deren Unterschiede manchmal nicht so groß sind. Einige Dinge ändern sich halt nie oder es gab sie schon länger als gedacht. Mit diesen Vergleichen im Kopf verfolgt man Dianas Weg durch Antike und Gegenwart, ein Weg, der etwas harmlos beginnt zum Schluss aber immer mehr wie ein Thriller wirkt.


Vergangenheit und Gegenwart sind bei diesem Hörbuch sehr gut verbunden und doch getrennt durch die angenehm betonten Lesungen von Tanja Fornaro und Suszanne von Borsody. Wenn man sich selbst auch eher als Anhänger ungekürzter Lesungen sieht, so wie geboten, bilden ca. 22 Stunden doch eine gewisse Herausforderung.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die geheimen Schwestern von Anne Fortier
ISBN: 978-3-844-51653-1





Samstag, 14. Oktober 2017

Haute Couture

Eine alte Obdachlose stirbt. Die Baustelle, auf der sie gefunden wird, entpuppt sich als Grabstelle vieler Toter. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich um alte Skelette, vermutlich von Menschen, die vor über 200 Jahren dort hingerichtet wurden. Doch ein Skelett ist deutlich jünger und weist Anzeichen auf, dass die Person gewaltsam zu Tode gekommen ist. Captain Riedwaan Faizal beginnt mit den Ermittlungen. Er zieht seine Freundin, die Profilerin Dr. Clare Hart hinzu, die zunächst herausfinden soll, ob die sterblichen Überreste nach über zwanzig Jahren noch identifiziert werden können. Tatsächlich ergibt sich bald ein Hinweis, der berühmte Griff nach dem Strohhalm.

Es scheint ein Griff ins Wespennest zu sein, denn sowohl Faizals als auch Clares Leben wird bedroht. Ein ehemaliger Kleinkrimineller, der zwar so wirkt als sei er in bessere Kreise aufgestiegen, der aber seine Herkunft nicht verleugnen kann, spricht offene Drohungen aus. Das hält die beiden Ermittler natürlich nicht davon ab, weiter zu machen, eher im Gegenteil. Schon bald gibt es Proteste, weil die Baustelle stillgelegt wurde, und Riedwaan fängt an, nachzubohren, bei großen Bauobjekten ist schließlich viel Geld im Spiel, da liegt der Gedanke an Schmiergeldzahlungen meist nicht fern. Clares Nachforschungen führen zunächst in eine andere Richtung. Das grüne Kleid, von dem Reste an der Toten gefunden wurden, scheint ein Einzelstück gewesen zu sein.

Südafrika nach der Apartheid, werden die Spuren davon jemals verschwinden? Auch in diesem vierten Band um die Profilerin Dr. Clare Hart werden die Nachwirkungen dieser Zeit deutlich geschildert. An der Oberfläche scheint alles eitel Sonnenschein, doch die alten Strukturen bestehen großenteils weiter. Korruption herrscht und besonders durchlässig ist die Gesellschaft nicht. Die Volksgruppen leben eher nebeneinander als miteinander. Politiker, Reiche und andere mit Macht ausgestattete spielen ihre Spielchen um Geld und Macht. Wenn da zum Beispiel ein Obdachloser ins Räderwerk gerät, juckt das eigentlich niemanden. Wenn jemand Teile der Strukturen aufdeckt, ist er eben tot. Es herrscht schon eine große Kälte und die wenigen, die sich dem System entgegenstellen, bringen sich selbst und ihre Familien in Gefahr. 

In einen fesselnden Kriminalroman hat die Autorin ihre Beschreibung der Zustände verpackt. Man fragt sich, ob eine Hoffnung bestehen kann, dass jede weitere Generation den Weg zu einer einheitlichen Gesellschaft ebnen könnte, man befürchtet allerdings, dass die Hoffnung eher als vage anzusehen sein könnte.



4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Galgenberg von Margie Orford
ISBN: 978-3-7645-0465-6




Dienstag, 10. Oktober 2017

Untergang

Mit einer kleinen Flotte von Segelschiffen soll es nach Afrika gehen. Verschiedenste Menschen haben sich im Jahr 1816 auf den Weg gemacht. Sie wollen eine bessere Zukunft, Reichtum, Macht. Besonders Eilige landen auf der Medusa. Dort merken sie schnell, dass eine Schifffahrt nur für die schön ist, die nicht mit dem Zwischendeck vorlieb nehmen müssen. Zwar sind alle zuversichtlich, schnell gestört wird diese Zuversicht aber schon in dem Moment als ein Matrose wegen einer Nichtigkeit ausgepeitscht wird und an dieser Behandlung verstirbt. Abergläubisch wie viele der Seeleute sind, steht für sie fest: Das bringt Unglück.

Und nicht nur das bringt Unglück, auch die Anwesenheit von Frauen, ein unfähiger Kapitän, durchsetzungsschwache Offiziere. Die Fahrt der Medusa, die so ruhig begann, scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Die bereits erwähnte Auspeitschung, die ein erstes Todesopfer fordert, ist da nur ein Vorbote. Grausame Misshandlungen von scheinbar Schwächeren passen ins Bild. Und Fehlleistungen bei der Navigation führen dazu, dass die Medusa auf eine Sandbank gesetzt wird und folglich in Gefahr gerät, auseinander zu brechen und zu sinken. Die vorhandenen Rettungsboote bieten nicht für alle Platz und mit großer Kaltblütigkeit werden fast 150 Menschen auf einem Floß ausgesetzt und zurückgelassen.

Nach einer wahren Begebenheit entwickelt Franzobel seinen Roman, mit dem er dem Leser einen harten Brocken vorwirft. Schon auf dem Schiff üben einige Menschen Grausamkeiten an anderen aus, was nur mit Machtgetue zu erklären ist. Was sich einige den vermeintlich Untergebenen oder Schwächeren gegenüber herausnehmen, ist kaum zu ertragen. Wenn man allerdings meint, es könne keine Steigerungen dieser Misshandlungen geben, wird man eines besseren oder besser schlechteren belehrt. Kaum sind die Rettungsboote davon gefahren, kaum haben die Menschen auf dem Floß verstanden, dass sie schutzlos ausgeliefert sind, geht schnell alles verloren, was man vorher als Zivilisation bezeichnet hätte. Da muss man schon mit dem Ekel kämpfen, man fragt sich, ob man die Geschehnisse weiter ertragen will, ob man wissen will, wie schnell das menschliche im Menschen verloren geht. Schließlich kämpft man sich ein wenig durch den Roman, unschlüssig, ob man dieses Buch, dass doch so viel Nachdenken, Unglauben, Wiederwillen auslöst, nun gut finden muss, eben weil alles so plastisch beschrieben ist, oder ob man sich abwenden möchte und fliehen, weil man die Vorstellung von den Geschehnissen nicht erträgt.


Wahrlich kein schönes Buch, aber man muss auch nicht immer schöne Bücher lesen. Man kann sich auch mal den unschönen Dingen aussetzen und mit dem Wunsch schließen, man möge nie in eine solche Situation kommen und dürfe das Privileg genießen, seine Menschlichkeit zu behalten.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Floß der Medusa von Franzobel
ISBN: 978-3-553-05843-9