Sonntag, 30. November 2014

Wie es schon die Alten sungen

Als ein älterer Herr bei Rinteln tot aus der Weser gezogen wird, eilt der neu an den Ort gekommene Kommissar Wolf Hetzer sofort an den Fluss. Der Tote hat nicht lange im Wasser gelegen und schnell stellt sich heraus, dass er nicht einfach so ins Wasser gefallen sein kann. Obwohl schwerste Verletzungen zu einem starken Blutverlust geführt haben müssen, ist an der Weser kaum Blut zu finden. Außerdem trug der Tote keine Hose und wie die herbeigeeilte Rechtsmedizinerin bald feststellt, wurde ihm der Adamsapfel entfernt. Möglicherweise hat der Täter medizinische Grundkenntnisse. Schnell kann das Opfer identifiziert werden, es handelt es sich um den pensionierten Pfarrer Josef Fraas aus Hameln handelt. 

Wie manchmal bei der alltäglichen Zeitungslektüre feststellbar, sind auch die beschaulichen Orte in der Provinz nicht vor schweren Verbrechen gefeit. So hat nicht jede kleine Dienststelle eine Abteilung für Kapitalverbrechen und diese Ermittlungen werden dann üblicherweise von einer übergeordneten Stelle koordiniert. Dennoch wird natürlich gerne auf die Erfahrung und die Ortskenntnis der ansässigen Polizisten zurückgegriffen. Peter Kruse und sein neuer Kollege Wolf Hetzer nehmen die Ermittlungen auf, begleitet von der schlagfertigen Rechtsmedizinerin Mica (Mechthild) finden sie auch kleinste Spuren und tappen doch lange im Dunkeln.

Auf verschiedenen Zeitebenen entwickelt sich der Fall, in dem ein Thema aufgegriffen wird, dem durchaus zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird, welches aber ungefähr zur Entstehungszeit des Romans „in“ war. Leider ist es wieder in der Versenkung verschwunden, ohne dass bekannt wäre, ob sich die Situation der Betroffenen eingehend verbessert hätte. Gerade dies besondere Thema gibt diesem ersten Band um Wolf Hetzer und seine Kollegen einen besonderen Reiz und eine gewisse Tiefe. Angeregt versucht man als Leser mitzuermitteln und ruft sich gleichzeitig das wenige Wissen über dieses spezielle Thema ins Gedächtnis. Langsam keimt ein Verdacht, der sich nach und nach verdichtet. So macht ein Krimi Spaß.


Was die Lesefreude ein klein wenig trübt, sind ein paar Hintergrund-Informationen zur Vorgeschichte des Kommissars Wolf Hetzer und seine etwas formelhaften Lebensumstände. Dennoch ein sehr gut recherchiertes Erstlingswerk, packend und geradlinig. Man kann die weiteren Ermittlungen des Kommissars und seines Teams getrost auf die innere Leseliste setzen.

SchattenHaut von Nané Lénard
ISBN: 978-3-8271-9403-9

Samstag, 29. November 2014

Noble Tote

Wie in jedem Jahr hat er verkündet, wer den Literatur-Nobelpreis bekommen soll, den Empfang zum 100. Todestag des Dichters August Strindberg überstanden und nun liegt er tot im Park, Hubert Rudqvist, der ständige Sekretär der schwedischen Akademie. Wer kann seinen Tod gewollt haben? Ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft. Claudia Rodriguez von der zentralen Mordkommission wird zum Tatort gerufen, was die örtliche Polizei nicht gerade begeistert, sieht es doch im ersten Moment eher wie ein verunglückter Raubüberfall aus. Doch schon bald werden Indizien ermittelt, die doch auf einen anderen Zusammenhang hindeuten. So hat der Täter einen über 150 Jahre alten Revolver verwendet. Eine solche Waffe dürfte nicht leicht zu finden sein. Schließlich werden weitere Akademie-Mitglieder getötet.

Gibt es mit Claudia Rodriguez und dem Buchantiquar Leo Dorfman ein neues Ermittler-Team? Das wird aus diesem Erstlingswerk im Bereich der Erwachsenenliteratur nicht eindeutig klar. In diesem Fall jedoch ergänzen sich die beiden unterschiedlichen Charaktere perfekt. Nahezu gleich alt (ungefähr Mitte 30) treffen sich Rodriguez und Dorfmann nach Jahren wieder, wobei man als Leser schnell in die Falle tappt, dass ein Buchantiquar eigentlich mindestens 60 oder 70 und schon leicht verstaubt sein sollte. Nun dieser Vorstellung wird durch Leos Beschreibung schnell ein Ende bereitet. Nachdem Claudia bei ihren Polizeikollegen heftig angeeckt ist und auch noch zwischen die Fronten der Chefs zweier Abteilungen geraten ist, hält sie sich bei den Ermittlungen eher an Leo. Besonders nachdem sich ein gewisser Bezug des Täters zu Strindberg herauskristallisiert, können Claudia und Leo ihr Wissen kombinieren. 


Die schwedische Akademie und die Hintergründe der Nobelpreisvergabe. Ein ausgesprochen interessanter Teilaspekt dieses Krimis, der mit einem spannenden und schlüssig konstruierten Fall kombiniert ein Lektüre ergibt, die man im Nachhinein nicht mehr missen möchte. Rodriguez und Dorfman sympathische Ermittler, die den Leser durch den Fall begleiten und vielleicht einige Zweifel an der Auswahl der Preisträger aufkommen lassen, wenn die Dinge denn tatsächlich so laufen wie der Autor schildert. Auf jeden Fall bekommt man einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise der Akademie. Ein Literatur-Krimi, dem gerne ein zweiter folgen dürfte, wenn sich für die Ermittler eine weitere Thematik finden lässt, bei der sie ihre Fähigkeiten in einen gemeinsamen Topf werfen könnten.

Die Akademiemorde von Martin Olczak
ISBN: 978-3-442-74729-0

Freitag, 28. November 2014

Titanen

Als Metis und ihre Schwestern in der Natur die ersten Menschen entdecken, finden sie diese sehr possierlich. Ebenbilder der Götter, nur klein und streitbar und leider auch sterblich. Sie schmuggeln die Kleinen auf den Olymp, wo Kronos der König der Götter der alleinige Herrscher ist. Doch so wie Kronos seinen Vater stürzte, so sehr fürchtet er von seinem Sohn gestürzt zu werden. Deshalb zwang er seine Frau fünf Kinder herzugeben und nun ist ein sechstes unterwegs. Um etwaigen weiteren Hofintrigen zu entgehen, entspinnt Kronos selber eine. Um die Okeaniden von ihrem Thron zu stürzen, behauptet er, es sei ein Attentat auf ihn geplant und er verspricht einigen seiner Brüder jeweils einen Thron, wenn sie ihn in seinen Plänen unterstützen.

Nur vage bekannt ist mir die griechische Mythologie. Doch schon in meiner Schulzeit hatte ich durchaus Interesse an den alten Mythen und Sagen. Und daher gefiel mir die Thematik dieses Buches gleich. Die Nacherzählung der Titanensagen durch den Autor ist nach meinem Empfinden sehr gelungen. Schon die Entdeckung der ersten Menschen durch die jungen Göttinnen und Musen ist humorvoll geschildert. Die Intrigen des Kronos, der aufgrund seines eigenen Misstrauens und seiner eingebildeten Befürchtungen eines Putsches, das Gras wachsen hört und von sich auf andere schließt, sind ausgesprochen gemein. Er spielt jeden gegen jeden aus, wobei natürlich auch andere in diesem Spiel kräftig mitmischen. Und Proteus, der Gestaltwandler, hat seine ganz eigene Geschichte. Mit seiner Eigenschaft als Seher eher unglücklich, versucht er doch, der Katastrophe entgegen zu wirken. Und seine Liebe zu der Nymphe Nalassa nimmt eine dramatische Wendung.

Ein Teil der griechischen Mythologie mit modernen teils witzigen teils ernsten Szenen wiedergegeben, bei einem gewissen Interesse an der Thematik ist dieses aus zwei Teilen bestehende Buch eine sehr gelungene Auffrischung des fast gänzlich in Vergessenheit geratenen Wissens aus alten Schulzeiten, wobei die Titanen teilweise recht fremdartige Sitten und Gebräuche hatten und doch so menschliche Gefühle hegten und sich schließlich auch mit einer Endlichkeit befassen mussten.


The Lord of the crooked Paths (including Master of the fearful Depths) von Patrick H. Adkins
ISBN: B000ZMZTIQ

Eine Familie

Seit einem Jahr hat Joe O’Laughlin eine neue Patientin. Marnie Logan kam zu ihm als ihr Mann Daniel spurlos verschwand. Ein gutes Jahr ist das nun schon her und O’Laughlin hat nicht den Eindruck, dass es Marnie besser geht. Anscheinend verschweigt sie etwas. Außerdem zwingt der Kredithai ihres Mannes sie, die Schulden bei seinem Escort-Service abzuarbeiten. Wie soll Marnie das nur ihren beiden Kindern erklären? Als sie bei einem ihrer Aufträge Owen kennenlernt, der sehr depressiv zu sein scheint, kann sie nicht anders, als ihm Mut zu zu sprechen. Und für so etwas verlangt man kein Geld. Marnies Aufpasser ist da natürlich anderer Meinung.

Mal wieder einer der Thriller, die Beklemmung auslösen. Marnies Welt ist bereits seit ihrer Kindheit aus den Fugen geraten. Sie saß mit im Auto als ihre Mutter einen schweren Unfall hatte, bei dem sie starb. Wie schwer muss es für ein Kind sein, dies miterleben zu müssen. Marnie ist immer um Normalität bemüht. Und so kommt sie auch ihrem Psychologen eigentlich recht normal vor, problembehaftet zwar durch die miese Situation, die ihr Mann hinterlassen hat, aber doch normal. Doch als Marnie Joe bittet, ihr zu helfen und herauszufinden, was mit ihrem Mann geschehen sein könnte, kommen einige seltsame Dinge ans Tageslicht, die ein eigenartiges Licht auf Marnie werfen. O’Laughlin kann sich keinen Reim darauf machen. Eine ganze Weile weiß der Leser mehr als Joe, aber er weiß durch geschickte Wendungen, nicht wirklich, was er weiß. Der Autor regt zu Vermutungen und falschen Schlüssen an und befeuert dabei immer die Vorstellung, des beobachtet Werdens, des Misstrauens. Was wird noch geschehen, wer wird schneller sein? 

Aufgrund ihrer psychischen Aufstellung schafft es Marnie allerdings nicht sympathisch zu werden und auch O’Laughlin scheint sich in etwas zu verrennen. Ein zwar fesselnder, aber aufgrund der Charakterstudie des Opfers und ihrer Verbandelung mit ihrem Therapeuten, kein Thriller, der am Ende aufatmen lässt. Eher bleibt eine unterschwellige Bedrohung, die für den nächsten Band der Reihe Unannehmlichkeiten befürchten lässt. Mit etwas Wiederwillen doch verschlungen, ein Roman, über den sich jeder selbst eine Meinung bilden muss.
3,5 Sterne


Erlöse mich von Michael Robotham
ISBN: 978-3-442-31317-4

Mittwoch, 26. November 2014

Auf Rügen

Auf Rügen gibt´s ´ne Leiche. Ein anonymer Anrufer bittet die Polizei, doch mal in der Fischfabrik im Sassnitzer Hafen nachzuschauen. Dort wird dann tatsächlich der Unternehmer Kai Richardt aufgefunden. Offensichtlich ist er keines natürlichen Todes gestorben. Zunächst scheint es so als sei Richardt ein smarter bei allen beliebter Geschäftsmann, doch schnell stellt sich heraus, dass er durchaus nicht von allen gemocht wurde. Noch bei den Untersuchungen am Fundort findet die Polizei weitere sterbliche Überreste.
Der erste Fall der Kommissarin Romy Beccare wird hier in gekürzter Lesung erfrischend vorgetragen von Stephanie Kellner. Sie haucht den handelnden Personen dieses Krimis Leben ein. Die Ermittlerin Romy Beccare mit italienischen Wurzeln hat großen Kummer. Moritz, ihre große Liebe, ist plötzlich verstorben. Oft noch schweifen ihre Gedanken ab, in die schöne Zeit, die nun leider vorbei ist. Mit Eifer stürzt sie sich in die Ermittlungen um den Tod von Kai Richardt. Besteht eine Verbindung zwischen Richardt und der zweiten Leiche? Hartnäckig und mit großer Akribie widmen sich die Polizisten diesem Fall, in dem sich zunächst mehr Rätsel als Lösungen ergeben. Jeder, der Befragten kannte den Toten auf spezielle Art und Weise und auf der großen kleinen Insel ergeben sich mehr Verbindungen als zu vermuten war.
Es ist sicher nicht notwendig, die Insel Rügen schon einmal besucht zu haben, um Freude an diesem Krimi zu haben, aber sicher erleichtert eine gewisse Ortskenntnis das Erstehen der Romanbilder vor den Augen. Eine sympathische trauernde Kommissarin mit ihrem brummigen Partner, gewiefte weitere Mitarbeiter in Staatsdiensten, ein vermeintlich einfacher Fall, aus dem sich ein Psychogramm des Opfers entwickelt, welches es schwer macht Mitleid zu empfinden.
Spannend und hörenswert. Einige Kleinigkeiten und Hintergrundinformationen, die man vermissen könnte, sind möglicherweise der Kürzung zum Opfer gefallen.

3,5 Sterne

Hafenmord von Katharina Petersen
ISBN: 978-3-86804-826-1

Sonntag, 23. November 2014

Reise in die Vergangenheit

Nachdem Vanoras Fluch gebrochen ist, sollte doch eigentlich alles in Ordnung sein. Die Liebe unendlich, das Leben schön. Doch Payton geht es immer schlechter und sein Bruder Sam berichtet ihm, was er erlauscht hat. Die Brüder reisen zurück nach Schottland, um eine mögliche Lösung zu finden. Payton hinterlässt Sam einen sogenannten Brief, diese kann nicht glauben, was darin steht und macht sich Hals über Kopf auf ins alte Europa. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Peyton und Sean berichten ihr von der Gefahr, die Paytons Leben bedroht. Gemeinsam finden sie heraus, dass die Lösung nur in der Vergangenheit liegen kann. Und eher durch Zufall oder vielleicht auch Fügung ist genau das der Ort, an dem Sam schließlich landet, Schottland im Jahre des Herrn 1740.
Gefühl und Action so könnte man dieses Buch beschreiben, das einen sofort in seinen Bann zieht. Noch einmal haben die sympathischen Protagonisten schwere Zeiten zu durchstehen. Sams Reise in die Vergangenheit ist beschwerlich. Immer wieder scheint sich alles zum Schlechteren zu wenden. Gerade das, was sie zu verhindern sucht, tritt ein. Wäre selbst in der Vergangenheit die Liebe zu Payton nicht, Sam wäre drauf und dran aufzugeben. Und in der Gegenwart wird Payton immer schwächer. Wie soll das Dilemma bloß aufgelöst werden, fragt man sich während des Lesens. Ändert man die Vergangenheit, ändert sich die Zukunft. Wenn es in der Zukunft keinen Payton gibt, wie soll man dann in die Vergangenheit kommen, um ihn zu retten. Kann man die Zukunft retten, ohne die Vergangenheit zu ändern. Immer knapper wird die Zeit, fast scheint es als sollten Vergangenheit und Zukunft verloren sein. 
Spannend und emotional gefesselt liest man eine Seite nach der anderen. Der Autorin ist es wirklich gelungen der Leserin einen Roman mit liebenswerten Charakteren zu bescheren, von denen man sich am Schluss nur ungern verabschiedet.

Im Schatten der Schwestern von Emily Bold
ISBN: 978-1-479-29746-7

Durch die Highlands

Kurz vor den Sommerferien findet Samantha unter den Sachen ihrer verstorbenen Großmutter ein kleines Büchlein und eine Kette mit einem ungewöhnlichen Anhänger, die sehr alt zu sein scheinen. Doch ihre beste Freundin Kim lenkt sie mit ihren Jungsgeschichten ab, so dass Sam sich nicht näher mit ihren Fundstücken beschäftigt. Als Sam wegen schlechter Noten in einigen Fächern über den Sommer nach Schottland geschickt wird, hat sie zwar die Kette dabei. Das Buch allerdings hat sie in Amerika vergessen. Schon bald nach der Ankunft wird Sam fast von einem Motorrad überrollt und damit kommen seltsame Ereignisse in Gang. Sam, die immer wollte, dass ihr erster Kuss etwas Besonderes sein sollte, lernt den geheimnisumwitterten Payton kennen. Dieser scheint sich gleichzeitig von Sam angezogen zu fühlen als auch vor ihr zurück zu schrecken. 

Lange schon war ich nicht mehr in den Highlands, im wirklichen Leben noch nie. Die schottische Geschichte kenne ich nur aus Romanen und hier konnte ich meinen Horizont mal wieder etwas erweitern. Und ein wenig war es wie nach hause kommen. Ein All-Ager Roman, den ich mit Freude gelesen habe und somit gerne weiter empfehle. Um die sympathischen Protagonisten wurde eine spannende Geschichte erzählt. Ein alter Fluch, der verschwommen formuliert ist,den es zu entschlüsseln und zu bannen gilt. Eine große Liebe, eine Wiedererweckung des Gefühls. Das liest sich weg wie nichts, man taucht ein und wieder auf und schon vorbei. Aber pst, es gibt einen zweiten Teil. 

Sehr gut gefallen hat mit auch die Aufmachung des Buches, das Schriftbild ist sehr angenehm zu lesen und einzelnen Kapiteln sind kleine Bilder vorangestellt, die zur Handlung passen und dem Leser eine Vorstellung von der Umgebung geben. Es war für mich eines dieser Bücher, die man aufblättert und sofort den Eindruck bekommt, mag ich, was sich dann beim Lesen auch bestätigt.

Vanoras Fluch von Emily Bold
ISBN: 978-1-477-67860-2

Das Haus am Meer

Das Haus am Meer hat es Daniel und seiner schwangeren Freundin Piper angetan. Zwar ist es etwas heruntergekommen, aber wenn sie etwas Arbeit hineingesteckt haben, wird es das ideale Haus für ihre kleine Familie sein, voller Liebe und Wärme. Das ist der Traum. Das war der Traum. Denn als Daniel eines Abends alleine noch eine Kleinigkeit erledigen will, platzt das Aneurysma in seinem Kopf, von dem niemand etwas wusste und jede Hilfe kommt zu spät. Und nun steht Piper vor den Scherben ihres Glücks, zutiefst deprimiert, würde sie Daniel am liebsten folgen, doch sie muss an ihr ungeborenes Kind denken, das einzige, was von Daniel bleibt. In der kleinen Wohnung im Haus von Daniels Eltern erinnert alles an den Verstorbenen, Piper beschließt daher in das Haus am Meer zu ziehen. 

Wie schwer ist der Tod eines geliebten Menschen zu verwinden, fast scheint es unmöglich zu sein. Wahrhaftig leidet man mit Piper mit, hofft, wenn es doch mal einen kleinen Silberstreif gibt, stürzt mit ihr in den Abgrund der Trauer, wenn die Erinnerungen übermächtig werden, fragt sich, ob es jemals besser werden wird. Spürt doch allmählich, dass der dumme Spruch, die Zeit heile alle Wunden, eine gewisse Gültigkeit hat. Empfindet die Schuldgefühle, wenn die Erinnerung an den Verstorbenen langsam nachlässt. Auch die große Freude über die Geburt des Kindes, tatsächlich, ein Grund zu leben und Freude zu empfinden. Kann es jedoch jemals wieder eine Liebe geben? Immer in der Angst, es könne wieder einen unerträglichen Verlust geben. Man fühlt die Stärke Pipers, die sich langsam dem Leben und der Liebe zuwendet, Daniel loslässt, ohne ihn zu vergessen. 


Ein wunderbar gefühlvoller Roman, der obwohl voller Traurigkeit, doch auch Kraft, Hoffnung und Freude ausstrahlt und somit etwas Sonne in die dunkle Jahreszeit bringt.

Klang der Gezeiten von Emily Bold
ISBN: 978-3-477-82458-0

Samstag, 22. November 2014

Merry old England

Die seit drei Monaten verwitwete Viola Withers soll aus London zu ihren Schwiegereltern aufs Land ziehen. Mr. und Mrs. Withers, die 39jährige Madge und die 36jährige Tina machen ihrem Namen alle Ehre. Sie kommen der erst 21jährigen Viola reichlich verwittert vor. Dennoch sieht sie keine Möglichkeit im London der 1930er zurecht zu kommen, sie hat kein Geld und keinen Job. Wie soll sie nur den Rest ihres Lebens verbringen, gelangweilt auf dem Sofa sich selbst bemitleidend? So jedenfalls scheint es zu sein während der ersten Tage. Und wie soll sie Mr. Withers, der unbedingt ihr Geld verwalten will, beibringen, dass sie gar keins hat? Keine schönen Aussichten auf den Rest ihres Lebens, doch dann kommt die Einladung zum örtlichen Sommerball…

Als ich so durch die Bücherei schlenderte, lachte mir dieses Buch entgegen mit seinem farbenfrohen Partycover, dass die Stimmung der Zeit gut rüberbringt. Tatsächlich im Original bereits im Jahr 1938 erschienen, handelt es sich um eine kleine Wiederentdeckung der Autorin, die hier nicht ihr bekanntestes aber doch ein sehr lesenswertes Werk abliefert. Auf seine altmodische Art wirkte das Buch auf mich doch sehr modern, stellt es doch eine Zeit des Umbruchs dar, was die Autorin auch deutlich beschreibt. So wie sich die Zeiten ändern, so müssen sich die Protagonisten anpassen. Viola, nur kurz verheiratet, vermisst ihren Mann nicht besonders. Etwas schlicht zwar, dennoch eine Romantikern, der es ihre Namensvetterin Shakespeares Viola besonders angetan hat, wünscht sie sich doch etwas anderes als bei den Schwiegereltern zu versauern. Während es der dicklichen Madges einziger Wunsch ist, einen Hund zu bekommen. Die immer dünner werdende Tina sieht sich schon als vertrocknende alte Jungfer, sie ihre Chancen auf der Kunstschule nicht genutzt, bis sie anfängt mit sich selbst ehrlich zu sein. 


Im England der 30er versunken nahm ich am Schicksal der drei jungen Frauen teil, manchmal denkend, was verzogene Gören sie doch in ihrem fortgeschrittenen Alter sind, manchmal schmunzelnd, wenn die Withers sich doch nicht als ganz so verwittert herausstellen und schließlich  mit einiger Freude, wenn sich der Ausgang des Sommernachtsballs andeutet. Welche der drei Frauen ich am sympathischsten fand, verrate ich allerdings nicht. Besonders gut jedenfalls hat mir die Beschreibung des beschaulichen Landlebens der damaligen Zeit gefallen, in der sich die Veränderungen, die eben die Zeit mit sich bringt, bereits andeuten.

Der Sommernachtsball von Stella Gibbons
ISBN: 978-3-442-54726-5

Freitag, 21. November 2014

Lebewohl


Die Notärztin Angela Rossi ist voll im Einsatz. Allerdings fühlt sie sich seit längerem nicht wohl. Sie schläft schlecht, manchmal zittern ihre Hände. Und in dieser Nacht hat sie zwei Patienten. Einer ist der Polizist Ryder, dem sie helfen kann. Bei der anderen handelt es sich um die Nonne Schwester Patrice, für die, obwohl Rossi wirklich alles versucht, jede Hilfe zu spät kommt. Im Moment des Todes der Nonne hat Angela eine seltsame Erscheinung als erlebte sie die letzten Stunden der Versterbenden nach. Schwester Patrice hat eine Nachricht für Angela Rossi: Rette das Mädchen!

Tatsächlich war die Autorin lange Jahre als Notärztin in der Pädiatrie tätig und sie schreibt selbst, sie suche seltene Krankheiten, die sie  in die Handlung ihrer Bücher einbaut. Und so leidet Dr. Angela Rossi an einer beginnenden letalen familiären Schlaflosigkeit, einer Prionenkrankheit, wie Wikipedia erläutert, die wenige Jahre nach den ersten Symptomen tödlich endet. Keine schönen Aussichten für die Ärztin, die zwar vermutet, dass etwas mit ihr nicht stimmt, die aber erst im Laufe der Handlung von der vermutlichen Diagnose erfährt. Ein Leser mit entsprechenden Kenntnissen erfährt von der Krankheit allerdings schon durch das Titelbild des Romans. Doch so wie die Krankheit Angelas Leben verkürzt, bringt sie ihr auch die Gabe, in die Seele der Sterbenden einzutauchen, wenn sie sie berührt. Mit dieser Fähigkeit ist es ihr möglich dem Cop Ryder bei seinen Ermittlungen hilfreich zur Seite zu stehen. 


Die Autorin kombiniert hier einen ausgesprochen fiesen Fall über die Tyrannei Einzelner über einen Wohnkomplex, während derer es im Laufe der Jahre zu grausamen Tötungen kam, mit dem Schicksal der Ärztin Angela Rossi, die ihrem nahenden Tod entgegensehen muss. Und so wie die perfiden Handlungen der Täter mit den kaputten Seelen einfach etwas zu viel sind, ist auch das entsetzliche Schicksal Dr. Rossis etwas zu viel. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist jene, dass Angela Rossi ihre Krankheit annehmen kann und die ihr verbleibende Zeit so weit es geht genießt. Möge sie dereinst eines schnellen Todes sterben und möge dies ein Einzelband bleiben.

Farewell to Dreams von CJ Lyons
ISBN: 978-1-939038-11-1

Dienstag, 18. November 2014

Ein Stalker

Die berühmte Country Sängerin Kayleigh Towne fühlt sich bedroht. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere muss sie sich um die Fans bemühen, doch einer scheint die geschäftsmäßige Freundlichkeit von automatisch versandten Mails und Formbriefen völlig falsch eingeschätzt zu haben. Edwin Sharp ist in seiner Art allerdings hochintelligent und so wirken seine Aktionen zwar beängstigend, aber gerade so im Rahmen des gesetzlich Erlaubten, kann niemand wahrhaft etwas dagegen unternehmen. Die Ermittlerin Kathryn Dance, die mit der Sängerin bekannt ist, möchte während einer Urlaubswoche eines der Konzerte zu besuchen. Daher ist sie eher zufällig am Ort als Towne´s Chefroadie auf ungewöhnliche Art zu Tode kommt.

Neben Lincoln Rhyme ist Kathryn Dance die zweite Hauptperson, der der Autor eine lockere Reihe gewidmet hat. Dances besondere Fähigkeiten, die Körpersprache zu lesen und Menschen genau zu beobachten, geben ihr so manchen Vorsprung bei schwierigen Ermittlungen. Und in diesem Fall ist sie in gewisser Weise persönlich betroffen, da die Sängerin, da Opfer, eine wenn auch nicht enge so doch liebe Freundin von ihr ist. Zwar hat die örtliche Polizei zunächst kein großes Interesse an Kathryns Mithilfe, was sie jedoch nicht davon abhält, alles zu unternehmen, um die Sache aufzuklären und die Sängerin zu schützen.


Sehr gut geschildert und Schauer auslösend, ist das Unbehagen, dass der Stalker bei seinem Opfer auslöst. In die Privatsphäre eindringend doch immer noch im Rahmen der Legalität, löst er großes Unwohlsein und Hilflosigkeit aus. Ein wehrloses Opfer, das sich genau als solches fühlt und auch als solches fühlen soll. Mit gemeinen Tricks schafft Sharp es teilweise sogar als Retter dazustehen und beinahe erschleicht er sich das Vertrauen Kayleighs. Geschickt vollbringt es der Autor, seine Leser und mit ihnen die Ermittlerin zu verunsichern. Steckt Sharp wirklich hinter allem oder planen da noch andere ihre Winkelzüge. Hin und her geht es, verdächtig oder nicht. Spuren, die sich aufdrängen und dann doch ins Leere führen. Dance selbst hat den Eindruck, dass Sharp schwer zu lesen ist. Schließlich ergeht sich dieser Unbehagen auslösende Thriller doch auf etwas vielen Nebenschauplätzen, die dem gleichen Muster folgen, so dass der beklemmende Beginn und das packende Ende von einer etwas ausufernden Mitte getrennt werden.

XO von Jeffery Deaver
ISBN: 978-1-4391-5638-4

Sonntag, 16. November 2014

Tod einer älteren Dame

Nach einem Kurzurlaub wird Signora Altavilla von einer Nachbarin tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Commissario Brunetti, der gerade bei einem Essen mit Vice-Questore Patta weilt (oder sich langweilt), ist heilfroh, dass er sich sofort an den Ort des Geschehens begeben kann. Was ist geschehen? Die Situation, in der die Tote gefunden wurde, deutet zwar nicht direkt auf Fremdverschulden hin, aber Brunettis Verdacht ist geweckt. Er ordnet weitere Ermittlungen an. Zwar wird bei der Obduktion festgestellt, dass die Todesursache eindeutig Herzversagen ist, doch wie kommt es zu den Malen an Schultern und Hals der Toten. Brunetti beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen.

Diese ungekürzte Lesung des 20. Falles von Commissario Brunetti ist im Weltbild Verlag erschienen. Gekonnt versteht es der Vorleser Jochen Striebeck den einzelnen Personen eine Stimme zu verleihen. Seinem sonoren Timbre zuzuhören bringt echtes Vergnügen. So viel Vergnügen bringt es allerdings nicht, den Fall zu verfolgen. Etliche vermeintliche Spuren führen ins Leere. Zwar kann Commissario Brunetti nach und nach einige Fragen um die Lebensumstände der Signora Altavilla klären und auch einige Ungereimtheiten, die bereits in der Vergangenheit ihren Anfang nahmen, ans Tageslicht bringen. Doch hat man das Gefühl, dass er sich hier in etwas verbeißt und sich dabei auch verzettelt. Brunetti ermittelt so vor sich hin. So rechte Spannung will dabei nicht aufkommen, eher kann man mal wieder etwas über die Lagunenstadt Venedig erfahren, die genauso viele Probleme mit der Pflege ihrer alten Einwohner hat wie andere Städte auch.


Die sehr gelungene Lesung macht aus diesem eher schwächeren Fall für Commissario Brunetti zumindest ein beeindruckendes, wenn auch durch den Inhalt bedingt, ein nicht so spannendes Hörerlebnis.

Reiches Erbe von Donna Leon
ISBN: 978-3-86365-342-2

Samstag, 15. November 2014

Eine einfache Kellnerin

Joan war erst 17 als sie schwanger wurde, Abtreibung kam für sie nicht infrage, heiraten schon. Und so hat sie es gegen den Willen der Eltern und Familien vier Jahre lang mit Ron Medford ausgehalten, der weder sie noch ihren gemeinsamen kleinen Sohn liebte. Ron, ein gewalttätiger Säufer, rast eines Abends mit dem Auto eines Freundes davon und kehrt nicht mehr lebend zurück. Joan gerät in Verdacht, etwas mit dem Tod zu tun gehabt zu haben, obwohl sie beteuert, sie habe ihren Mann nicht zum Trinken animiert und ihn auch nicht gebeten in seinem Zustand in ein Auto zu steigen. Frisch verwitwet steht Joan vor dem Nichts, kein Strom, kein Telefon, kein Gas, ihren Sohn hat die Schwester ihres Mannes zu sich genommen. Aufgrund eines Tips bewirbt sie sich um eine Stelle als Kellnerin in einer Cocktailbar und dort lernt sie den älteren Earl K. White kennen und den jungen Tom….


In den 70ern geschrieben hat dieses Buch einen ganz eigenen Charme. Joan selbst ist es, die von den Ereignissen berichtet. Also bekommt der Leser eine sehr subjektive Sicht der Dinge dargelegt, auch wenn Joan meint, sie nimmt alles genauso auf wie es war. Wie es scheint spielt das Buch eher in den 60ern, was für bestimmte Handlungsstränge wichtig ist, denn so waren einige Tatsachen noch nicht so allgemein bekannt wie heute oder überhaupt etwas später. Bis zum Ende weiß der Leser nicht, ob Joan so unschuldig ist, wie sie behauptet. Die Mittel und die Gelegenheit, die Ereignisse nach ihrem Willen zu beeinflussen hatte sie. Und um ihren geliebten kleinen Sohn selbst versorgen zu können, tut sie zumindest fast alles. Dennoch reißt sie mit ihrer Beschreibung von sich selbst, ihrem Charakter, den Begebenheiten einfach mit. Man kann sich ihrem Bann nicht entziehen und frisst das Buch förmlich in sich hinein. Manche ihrer Handlungen sind nur zu gut verständlich, denn scheint es so als stünden die Barmädchen manchmal auch für mehr zur Verfügung, kam Joan vor dem Bruch doch aus gutem Haus. Und einem alten Mann zu Willen zu sein, kann schon große Überwindung kosten. Bei der Vorstellung schüttelt es nicht nur Joan. Und so birgt dieser Roman weite Passagen großer Authentizität. Als Leser ist man dermaßen von Joan eingenommen, dass man dem Autor sogar verzeiht, dass man im Unklaren gelassen wird, ob Joans Aufzeichnungen der Wahrheit entsprechen, wahrscheinlich fesselt das Buch gerade dadurch noch mehr. Ein Hard Crime Case, der nach dem Tode des Autors entdeckt wurde und über dessen Entdeckung man nur froh sein kann.

The Cocktail Waitress von James M. Cain
ISBN: 978-1-781-160434-3


Freitag, 14. November 2014

Nenne das Dunkel Licht

Die Bruderschaften des Dunkel und des Lichts sind sich nicht wohlgesonnen. Dennoch ergibt ihre Existenz ein Gleichgewicht in der Welt. Mit den Kräften des Lichts und der Dunkelheit ausgestattet wirken sie im Verborgenen. Im Jahr 1999 werden die Mitglieder beider Bruderschaften plötzlich systematisch verfolgt und getötet. Immer gefährdeter wird ihr Dasein bis es offensichtlich nur noch zwei Überlebende gibt. Johannes Sturm, ein Krieger des Lichts, und Antoine Chevalier, ein Gelehrter der Dunkelheit. Zu ihnen gesellen sich der Magiker Martus und Ella, die Johannes aus einer brenzligen Situation rettet und geheimnisvolle Fähigkeiten zu haben scheint. Gemeinsam wollen die Vier das Unheil aufhalten. Doch das militärisch organisierte Büro 13 nimmt die Verfolgung auf.

Bei diesen Roman handelt es sich um den ersten Band einer Trilogie. Im sehr diesseitigen Dortmund spielend handelt es sich um eine Mischung aus Thriller und Fantasy und ist dabei ein bisschen hardcore. Die kurzen Kapitel tragen dazu bei die eh schon außerordentliche Spannung noch zu steigern. Wer steckt hinter dem Büro 13? Welche Bedeutung haben Johannes´ Visionen? Wer ist Ella? Spielt Martus immer mit offenen Karten? Was ist in Dorn gefahren? Natürlich können in einem ersten Band nicht alle Fragen beantwortet werden. Dennoch bringt die Teilauflösung am Ende eine gewisse Erklärung für den Beginn, der in der Vergangenheit liegt. 

Sehr gelungen sind die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen der Fortgang der Geschichte geschildert ist, die schnellen Ortswechsel und auch die Ungewissheit, in der der Leser über die Frage wird, wer denn nun wirklich gut oder böse ist. Zwar sind einige Beschreibungen, wenn man nicht an das Genre gewöhnt ist, manchmal etwas brutal. Doch gerade, wenn es etwas zu viel zu werden droht, wird durch ein Wendung eine Entspannung herbeigeführt oder durch einen Kniff die Aufmerksamkeit auf eine neue Entwicklung gelenkt, so dass das nicht weiter stört. Und gerade die Fragen, die am Ende bleiben, machen neugierig auf die Folgebände.

Dunkellicht von Martin Ulmer

ISBN:978-3-944544-61-8

Mittwoch, 12. November 2014

Glénan

Ganz genau ist nicht klar wie viele Inseln der Glénan-Gruppe der bretonischen Küste vorgelagert sind. Das kommt darauf an, wie man Insel definiert, aber sieben sind es gewiss, vielleicht auch zwanzig. Die meisten der Inseln sind unbewohnt und sie stehen unter Naturschutz. Doch nun werden auf einer der Inseln gleich drei Tote angeschwemmt. Kommissar Dupin wird sofort an den Ort des Geschehens beordert, zu seinem Leidwesen muss er mit dem Schnellboot anreisen. Als eben doch Pariser und Bootsunerfahrener bekommt er gleich eine ordentliche Welle ab und tritt die Ermittlungen nicht nur schlecht gelaunt, sondern auch nass an. Mysteriös ist zunächst wie die Toten auf die Insel gelangt sind und wie sie starben. War es ein Unfall, wie es in der rauen Gegend häufiger vorkommt oder hat jemand nachgeholfen. 

Seit seinem ersten Fall hat Kommissar Dupin sich nicht verändert. Der Pariser, der schon ein wenig zum Bretonen wurde, allerdings nur in seiner Sicht. Aus dem Blickwinkel eines echten Bretonen wird er immer der Pariser bleiben. Dennoch hat er ein Händchen, seine Fälle zu entschlüsseln. Da widersetzt er sich dem Druck des Präfekten und folgt seinem Dickkopf, der ihn manchmal per Zufall auf die richtige Spur führt. Seine Mitarbeiter stehen ihm meist hilfreich beiseite. Besonders seine Kollegin Nolwenn hält ihm häufiger den Rücken frei. Allerdings funktioniert des Gehirn des Kommissars nur, wenn er seine gewohnte Dosis Koffein im Blut hat. 


Seit der durchaus gelungenen Verfilmung des ersten Falls dieses verschrobenen und doch sympathischen Kommissars stehen einem schon bestimmte Bilder vor Augen. Das ist aber nicht so schlecht, besonders wenn man die Gegend noch nicht bereist hat, in der das Buch spielt. Auch in seinem zweiten Buch hat sich der Autor wieder einen speziellen Teil dieser großartigen Landschaft ausgesucht, die er dem Leser hervorragend nahezubringen versteht. Und wie schon bald typisch für Kommissar Dupin ermittelt er ohne Hast und gründlich und kommt dabei dank seiner Intuition recht schnell zum Ziel. Dabei zeigt er große Kenntnis von Land und Leuten. Da glaubt man gerne, dass der Autor sich in diesem Landstrich heimisch fühlen möchte. Ein Krimi, der mit Gewalt geizt und doch auf seine eigene ruhige Art fesselt.

Bretonische Brandung von Jean-Luc Bannalec
ISBN: 978-3-462-04496-6

Dienstag, 11. November 2014

Cinderella verkehrt

Nach dem Krebstod ihrer Mutter vor einigen Monaten ist Veronica immer noch völlig verzweifelt. Sie hat ihre liebe Mutter gepflegt und dafür auch ihre Arbeit aufgegeben. Bisher hat sie es noch nicht geschafft, den Job wieder anzutreten. Im Gegenteil, mehr und mehr hat sie den Kummer im wahrsten Sinne des Wortes in sich hineingefressen. Veronica hat durch den Schmerz einige Pfunde zugenommen und fast ihr einziger Kontakt ist ihre beste Freundin Nellie. Und Nellie ist es, der eines Abends der Kragen platzt und die Veronica in ein kleines Fitness-Studio schleppt. Dort ist Noah eigentlich Mädchen für alles, doch er hat sich in den Kopf gesetzt, Trainer zu werden. Eigentlich macht sich sein Chef einen Spaß, als er Noah die beiden Mädels zuweist. Denn vermutlich werden die beiden Frauen nach der Einweisung nie wieder kommen. Noah allerdings legt sich richtig ins Zeug.

Wer kennt nicht den Spruch, lass die Finger von dem Trainer. Nun hier muss der Trainer die Finger von der Deern lassen. Veronica fühlt sich so unwohl mit ihrem Körper, dass sie niemanden an sich heranlassen will. Dennoch findet sie Noah sehr attraktiv und auch Noah ist Veronicas Reizen nicht abgeneigt. Er hilft ihr, wieder fit zu werden und einige Kilo abzunehmen, dabei kommen sich die beiden näher, natürlich nur auf freundschaftlicher Ebene. Denn selbst obwohl Veronica sich zu Noah hingezogen fühlt und er langsam zu einem guten Freund wird, kann sie sich nicht vorstellen mit einem Mann zusammen zu kommen, der acht Jahre jünger ist als sie.

Was anders herum kein Problem ist, ergibt hier eine schöne Ausgangsposition für einen niedlichen kleinen Roman. Veronicas Zögern und Noahs Werben sind unterhaltsam und überzeugend umgesetzt. Vielleicht ist Noah manchmal etwas besitzergreifend und Veronica manchmal etwas altjüngferlich mit ihren 28 Jahren, denn ist die Geschichte der beiden Protagonisten so süß umgesetzt, dass man kleine Unzulänglichkeiten gerne verzeiht. Gute Unterhaltung, über die man zwar nicht viel nachdenken muss, die aber lächeln macht und einen seufzend und dahin schmelzend eine Seite nach der anderen verschlingen lässt.

Noah von Elizabeth Reyes

ISBN: B007GEUY7W

Sonntag, 9. November 2014

Those were the Days

Wie kann man einem gerade 59jährigen nur erzählen, er könne nun kürzer treten und brauche nicht mehr zu arbeiten. Ove versteht die Welt nicht. Seine Welt ist eigentlich schon mit dem Tod seiner geliebten Frau vor einen halben Jahr untergegangen. Doch deshalb muss man trotzdem zur Arbeit gehen, kein Grund krank zu feiern. Doch nun brauchen sie ihn nicht mehr. Was soll das Leben noch? Ove ahnt nicht, dass das Leben noch etwas mit ihm vor hat. Eine kleine Ahnung bekommt er allerdings als die neuen Nachbarn beim Versuch, den Wagen mit dem Anhänger rückwärts einzuparken, seine Hauswand zerkratzen und den Briefkasten umnieten.

Es brauchte eine Weile, bis mir Ove sympathisch wurde, knorrig und verschroben wie er ist. Mit 59 benimmt er sich wie 79, was einem beim Lesen wie ein kleiner Webfehler vorkommt. Ein Mensch der Zahlen ist er und wenn er Gefühle ausrechnen könnte, würde er es wohl tun. In Rückblenden erfährt der Leser, wie Ove aufwuchs, wie er seine Frau kennenlernte, wie er mit ihr lebte, wie sie sein Gegenpol war, wie sie Katzen liebte und er nicht. Doch wie Katzen es manchmal an sich haben, sich in das Herz ihrer Dosenöffner zu schleichen, so macht es auch Ove. Er meckert, flucht und streitet sich in das Leserherz. Denn hier ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel. Und Ove liegt das Wohl seiner Mitmenschen sehr am Herzen, auch wenn er es nicht zugeben mag oder kann. Zwischen Gut und Böse unterscheidet er streng und wenn jemand in letztere Kategorie gehört, tut er gut daran, sich nicht mit Ove anzulegen. Und mit den neuen Nachbarn, die ihre Probleme einfach auf Oves Schultern laden, vielleicht weil sie ihn erkannt haben, muss Ove seinen Wunsch, bei seiner geliebten Frau zu sein, ein ums andere Mal auf später verschieden, da die Probleme in dieser Welt doch vor denen in der nächsten zu lesen sind.


Ein wunderschöner Roman, während dessen Lektüre man mit Ove lernt, mit dem Schmerz und der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen, mit dem Schmerz und der Wut, auf einmal zum Rentner gemacht zu werden und ohne einen Sinn dazustehen. Man lernt wie, obwohl man schon abgeschlossen hat, das Leben bei einem Einzug hält, auch wenn man es gar nicht hereinlassen will. Ein melancholisch stimmendes und zugleich hoffnungsfrohes Buch.

Ein Mann namens Ove von Fredrik Backman
ISBN: 978-3-8105-0480-7

Donnerstag, 6. November 2014

Ein Palast in der Wüste

Sheik Ahsan Afshar ist das schwarze Schaf der Familie. Als Sohn des Emirs sollte er die Traditionen bewahren. Sein westlich geprägtes Jet-Set Leben gefällt dem Vater überhaupt nicht. Zum Glück hat er 18 Kinder, davon neun Söhne. Die Thronfolge sollte also gesichert sein. Doch ausgerechnet der Kronprinz Bashir hat nicht gerade die Eigenschaften, die sich ein Vater wünschen würde, zwar hält er sich an die Traditionen, doch wird immer deutlicher, dass er in dunkle Machenschaften verstrickt ist. Ahsan versucht des Bruders üble Pläne zu durchkreuzen. Aber mehr noch genießt er das Leben eines Playboys. Bis er eines Abends auf einer Gala-Veranstaltung die junge Sessily Pavel entdeckt und sich ihres spröden Charmes nicht erwehren kann.

Anhand des Covers könnte man vor der Lektüre eine gewisse Erwartung an die Handlung hegen, die jedoch nur bedingt erfüllt wird. Zwar prickelt es tüchtig zwischen dem Über-Mann Ahsan und Sessily, der atemberaubenden Schönheit. Doch hat die Autorin eher so etwas wie einen Polit-Thriller mit einer kleinen Liebesgeschichte geschrieben, wobei ihr der Thriller besser gelungen ist. Man möchte beim Lesen meinen, Ahsans Ansichten könnte sich so mancher zum Beispiel nehmen. Da gönnt man ihm hin und wieder ein Glas Cognac zur Entspannung. Immerhin ist es sein Traum, die Eine zu finden und seinem Bruder das Handwerk zu legen. Sessily trägt ein Geheimnis mit sich herum, dass sie hindert sich Ahsan anzuvertrauen. Und so ist ihr Eintritt in Ahsans Welt der Superreichen weder aus ganz freien Stücken noch unter ganz ehrlichen Umständen. Und so verfolgen beide ihre geheimen Ziele und können doch die Anziehung nicht verleugnen.

Der durchaus ernste Hintergrund dieser Geschichte lässt wünschen, es würde mehr Erzählungen dieser Art geben. Doch leider ist die Love-Story dagegen etwas lau geraten, so dass man eigentlich lieber einen echten Thriller mit der Thematik gelesen hätte.

Ahsan von Danielle Bourdon 

ISBN:  B00IGHYPIM

Dienstag, 4. November 2014

Odo und Lupus auf der Walz

Im Auftrage Karls des Großen werden Königsboten ins Land geschickt, die dafür sorgen sollen, dass die Gesetze eingehalten werden. Da gibt es bessere und schlechtere Aufträge. Und Odo, der schließlich einem Adelsgeschlecht entstammt, spekuliert natürlich auf einen der besseren. Doch ein Auftrag nach dem anderen wird vergeben in die schönen westlichen Lande. Schließlich bleiben nur noch welche übrig, vor denen sich Odo am Liebsten aus dem Staube machen würde. Doch eben als Sachsen, dieses raue Land, im Angebot ist, meldet sich der Geistliche Lupus freiwillig und er erwählt Odo zu seinem weltlichen Gefährten. Grollend fügt sich Odo in sein Schicksal. Die beiden sind noch nicht lange unterwegs als nach einer Übernachtung ein junges Burgfräulein tot aufgefunden.

Welch ein Paar sind dieser gewitzte Lupus und sein tollkühner Gefährte Odo. Da scheinen sich gerade die Richtigen gefunden zu haben, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Lupus, der Geistliche auf dem Esel reitend, und Odo, der den weiblichen Reizen doch sehr zugeneigt ist. Überraschend auch wohl für beide selbst, sie ergänzen sich recht gut. Tappt der Eine mal im Dunkel, hat der andere eine Eingebung. Und obwohl etwas vorhersehbar ist, zu welchen Abschluss die Ermittlungen führen werden, ist der Weg dorthin doch außerordentlich unterhaltsam und kurzweilig. Lupus und Odo, ein ungleiches Team mit Ecken und Kanten, das sehr gewieft die damaligen einfachen Mittel nutzt. Mit feiner Beobachtungsgabe und geschickten Befragungen gelangen die beiden zu Lösungen, die überzeugen.


Natürlich ist dieses kleine Büchlein nur der erste Fall von Odo und Lupus. Diese Beiden sind aber welche, deren Namen man sich getrost merken kann. Im Positiven hat der Autor den Zeitbezug gewahrt, ohne belehrend zu wirken oder zu trocken zu werden. Die Lebensfülle der Vergangenheit gepaart mit einem Kriminalfall, der bestens unterhält. Eine schöne Entdeckung.

Demetrias Rache von Robert Gordian
ISBN: 978-3-95502-54-5

Sonntag, 2. November 2014

Verbrannte Asche

Einigen dürfte Darius Kopp schon aus „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ bekannt sein. Ein etwas oberflächlicher Typ, zunächst ein Wendegewinnler, doch nun eher ein Looser. Nicht besonders sympathisch, allerdings würde man ihm doch ein anderes Schicksal gönnen, denn seine Frau Flora hat sich vor fast einem Jahr umgebracht und über diesen Schlag kommt er nicht hinweg. Er verkriecht sich in seiner Wohnung und später wird er von einem Freund aufgenommen. Erst als er die Übersetzung von Floras Tagebuch, das sie in ihrer Muttersprache Ungarisch verfasst hat, rafft sich Kopp wieder etwas auf. Er will Floras Heimat besuchen und vielleicht herausfinden weshalb sie sich das Leben nahm.

Darius’ Leid am Tod seiner Frau lässt sich beim Lesen mitfühlen, keine Hilfe ist in Sicht. Gerade eine Selbsttötung ist für die Hinterbliebenen schwer zu verarbeiten. Oft macht man sich Vorwürfe, warum man nichts gemerkt oder getan hat. Man empfindet aber auch Wut, weil der Verstorbene nicht geredet hat, keine Hilfe suchte und schließlich seine Lieben einfach so im Stich ließ. Beinahe kann einem Darius Kopp sympathisch werden. Man meint ihm den Aufbruch gönnen zu wollen, seine Reise zu Flora und ihren Wurzeln. Ihre Depression, unter der sie wohl schon seit Ewigkeiten litt, ließ letztlich keine Heilung zu, eine chronische Krankheit, die mit dem Tode endete. Das Tagebuch bietet eine Einblick in ihren Kampf um psychische Gesundheit und ihr langsames Scheitern. Zu seiner Enttäuschung kommt Darius kaum darin vor, was also mag er ihr bedeutet haben. Doch auch Darius muss sein Tal durchwandern, manchmal könnte Hoffnung bestehen, dann wieder kommt eine Phase der Ziellosigkeit, des aus dem Auge verlieren des eigentlichen Zweckes. 


Beginnt die Erzählung zunächst wirklich hervorragend, einfühlsam die Trauerarbeit beschreibend, so wandelt sie sich im Verlauf auch nach mehrmaligen Lesens einiger Passagen in etwas Unverständliches, Verschwurbeltes. Sicher ist es wahrscheinlich genau das, was nach einem Suizid bleibt. Dennoch wünschte man als Leser etwas mehr Klarheit, um die Andeutungen eine Richtung zu geben. So ist dieser Roman zwar ergreifender als sein Vorgänger, lässt aber doch das letzte Quentchen vermissen. Die Art, die Seiten des Buches in einen oberen Darius-Teil und einen unteren Floras-Tagebuch-Teil aufzuteilen, gibt dem Buch etwas eigentümlich besonderes, was das Lesen zwar etwas verlangsamt, dafür aber die Aufmerksamkeit erhöht - ein echter Pluspunkt.

Das Ungeheuer von Terézia Mora
ISBN: 978-3-630-87365-7

Samstag, 1. November 2014

Wolpertinger

Als in der westfälischen Kleinstadt vor einem Kaufhaus eine Kinderleiche gefunden wird, herrscht großes Entsetzen und helle Aufregung. Wie kann es nur sein, dass jemand dieses püppchenhafte Wesen in einem Kinderwagen vor einem Kaufhaus stehen lassen konnte. Die schnell herbei gerufenen Polizisten stehen zunächst vor einem Rätsel. Das Kind ist eindeutig tot, obwohl es noch sehr lebendig wirkt. Ist der Kinderwagen etwa nicht vergessen, sondern entdeckt worden, bevor die Besitzerin mit ihm davon gehen konnte. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, wird dann auch noch entdeckt, dass die kleine Leiche präpariert wurde. Ein Fall der Kommissar Karl Rohleff sehr nahe geht, versucht seine jüngere Frau doch gerade, ihn zu überzeugen, dass ein Kind genau das Richtige für sie wäre. Ein Kind, auf das sie schon seit Jahren warten.

Dieser erste Band einer Reihe um den Kommissar Karl Rohleff spielt in Westfalen, wobei die Personen etwas dröge daher kommen, was vielleicht als ortstypisch angesehen werden kann. Da ist der hintersinnige alte Präparator Müller, der dem Kommissar und auch den Pathologen wertvolle Hinweise geben kann. Die Sprachlosigkeit Karl Rohleffs, der den Feierabend manchmal lieber in seinem Schrebergarten verbringt als bei seiner Frau, ist hin und wieder geradezu verständlich, wenn seine Sabine ihm mal wieder arg zusetzt. Fast mit mehr als nur sanfter Gewalt muss er dazu gezwungen werden, sich mit dem Kinderwunsch auseinander zu setzen. Und eben jetzt erwartet die Frau eines jüngeren Kollegen ihr erstes Kind. 


Mit den Stimmungen, in die die Autorin ihre Figuren versetzt, gibt sie auch ihrem Roman eine bestimmte Stimmung. So hat man am Anfang einige Mühe Sympathie für die handelnden Personen zu empfinden. Der störrische Kommissar, dessen Ehe doch etwas abgehalfert wirkt und der so Manches mit Speck, Eiern und Alkohol betäubt, geht einem fast schon auf die Nerven. Besser wird es zum Glück, wenn er seine Ermittler-Fähigkeiten ausspielt, denn da hat seine Hartnäckigkeit positive Auswirkungen und er ist in der Lage die Fragen zu klären. Mit dem Fall selbst mutet die Autorin ihren Lesern schon so einiges zu. Wenn es um Babys oder Kleinkinder geht, ist man doch oft mehr berührt, da diese Wesen so hilflos und wehrlos sind. Hinzu kommt der Konflikt des Kommissars mit dem Kinderwunsch seiner Frau, der dem Roman eine spezielle Spannung verschafft. Vielleicht muss man diesen Krimi nicht unbedingt gelesen haben, man muss es aber auch nicht bereuen, sich die Zeit genommen zu haben.

Das Puppenkind von Eva Maaser
ISBN: 978-3-95520-682-6