Dienstag, 30. Dezember 2014

Ein Jahr

George Silver hat alles, was sein älterer Bruder Harry nicht hat, jedenfalls nicht so wie er es gerne hätte. George hat eine Karriere als TV-Produzent, er und seine Frau haben zwei Kinder, ein tolles Haus, Hund und Katze. Harry hat eine Frau, die eher kühl ist, er wohnt in ihrer Eigentumswohnung und er hält Seminare an der Uni. Allerdings scheint es so als habe Georges Frau ein Auge auf Harry geworfen. Als George dann einen Unfall verursacht, bei dem zwei Menschen sterben, versucht Harry Jane zu helfen. George indes, der mit schweren psychischen Problemen im Krankenhaus gelandet ist, entweicht von dort nach hause, wo er Harry und Jane in flagranti ertappt. Vor Harrys Augen bringt George Jane mit einer Lampe schwerste Kopfverletzungen bei, die sie kaum überleben kann. War es Absicht? George, der schon als Kind grausam und gewalttätig war, wird zunächst in eine geschlossene Abteilung überstellt. Harry wird mit den Überresten seiner Familie und seines Lebens konfrontiert.

Satire oder Ernst? - die Frage stellt sich nach der Lektüre. In heiteren Worten wird die Handlung geschildert, deren Verlauf einem buchstäblich das Essen im Halse stecken bleiben lässt. Gerade diese Wiedersinnigkeit macht Georges Taten noch schrecklicher und Harrys Reaktionen darauf noch eigenartiger. Nach der Tat verliert Harry zunächst alles, doch er schultert auch die Verantwortung für das, was von Georges Leben übrig bleibt. In erster Linie kümmert sich Harry um die beiden Kinder, die durch den Tod der Mutter durch die Hand des Vaters völlig traumatisiert sind. Im Fortgang sammelt Harry eine Art verrückte Familie um sich und wird selbst dabei eigentlich normaler. Aus einem drögen Professor ohne wahre Verantwortung, ohne wirklichen Platz, wird ein verantwortungsbewusstes Familienoberhaupt, das sich seiner Aufgabe gegenüber aufgeschlossen zeigt und auch die Bereitschaft zeigt mehr zu übernehmen als erwartet würde.

Ein Roman, der zwiespältige Empfindungen hervorruft. Die Entwicklung Harrys ist nachvollziehbar und erfreulich. Gerade der Beginn jedoch löst ungläubiges Staunen ob der Aberwitzigkeit der Handlung aus. Und da ist sie wieder die Frage nach Satire oder Ernst, die nicht wirklich beantwortet werden kann. Vielleicht ist es beides oder es bleibt dem Leser überlassen, wie er die Hinweise deuten möchte.


3,5 Sterne

May we be forgiven von A. M. Homes
ISBN: 978-1-84708-723-2

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