Samstag, 24. Januar 2015

Das Meer sehen

Etta ist 82 Jahre und sie will das Meer sehen, solange sie sich noch an ihren Wunsch erinnern kann. Und so marschiert sie los aus der Mitte Kanadas. Und sie läuft nach Osten wie ihr Mann Otto richtig vermutet, obwohl es doch nach Westen viel näher wäre. Heimlich hat sie sich auf den Weg gemacht und Otto nur einen Brief und ein paar Rezepte hinterlassen, ihren Nachbarn Russell zu treffen, macht ihr nichts, denn dieser ebenso betagt wie sie, ist seit einem Unfall in der Kindheit nicht mehr besonders gut zu Fuß. Und Etta wandert weiter und Otto wartet.

Heiter melancholisch wirkt die Erzählung über Etta und Otto und Russell und James. Die alte Frau, die unbedingt das Meer sehen möchte und die um ihr Gedächtnis ringt. Ihr Mann, der wartet, weil er ihren Wunsch respektiert, der sich auf seine Art aber auch zu neuen Ufern aufmacht. Russell, ihr Nachbar zugleich Ottos bester Freund, wartet nicht, er macht sich auf Ettas Spuren zu folgen und landet doch ganz woanders. Und James ist Ettas überraschende, späte und ungewöhnliche Bekanntschaft. 

Zwischen den Erinnerungen an die einschneidenden Erlebnisse während der Kindheit und der jungen Erwachsenenjahre und den Ereignissen der Gegenwart pendelt der Lauf der Geschichte. Ein Kampf ums Leben und Überleben zu allen Zeiten, ein häufig hartes und von Entbehrungen geprägtes Leben, das dennoch mit Wärme erfüllt ist. Vieles wird zwischen den Zeilen angedeutet und ruft zum einen Neugier und Spannung hervor und zum anderen Hoffnung und ein Miterleben von Liebe und Freundschaft, doch auch Trauer und fehlender Erfüllung. Ein sehnsüchtiger Optimismus bleibt und eine vage Frage nach dem Unausgesprochenen.


Hervorzuheben ist auch das sehr gelungene Cover, das man sich sehr genau anschauen sollte, um es in allen fast schon versteckten Einzelheiten erfassen zu können.

Etta and Otto and Russell and James von Emma Hooper
ISBN: 978-0-241-18586-5

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