Samstag, 17. Januar 2015

Der Turing Test

Den Turing Test besteht ein Computer, wenn er eine gewisse Anzahl menschlicher Gesprächspartner überzeugen kann, dass er kein Computer ist. Natürlich dürfen sich die Gesprächspartner bei dem Test nicht sehen.

Genau an so einem Computerprogramm arbeitet die Firma, bei der Neill Bassett jr. angestellt ist. Eigentlich ist Neill Wirtschaftswissenschaftler und hätte sein Vater Neill Bassett sen. nicht 5000 Seiten an Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen, auf denen das Programm basiert, hätte Neill jr. nichts mit der Firma zu tun. Doch so besteht seine Arbeit aus Chats mit dem Computer-Vater und eigenartigerweise führt das dazu, dass Neill beginnt über die Beziehung zu seinem echten Vater nachzudenken, der sich vor langer Zeit schon umgebracht hat. Welchen Einfluss hat sein Vater auf seinen Umgang mit anderen Menschen, speziell Frauen. Neill ist geschieden und nicht sicher, ob er wirklich auf der Suche ist.

Kann man einem Computerprogramm so viel Lebensechtheit einhauchen, dass er Unterhaltungen führen kann, die darüber hinwegtäuschen, dass man es mit einer Maschine zu tun hat? Die Chats des jüngeren Neill mit dem Computer alter Ego seines Vaters haben in ihrer Entwicklung jedenfalls etwas Anrührendes. Fast als würde der Vater sich dem Sohne öffnen und ihm die Worte zukommen lassen, die der Sohn während Kindheit und Jugend vermisst hat. Bittersüß die Momente, in denen der Sohn ausweichen muss, weil das Programm nicht durcheinander kommen darf. Die Aufarbeitung der Beziehung zum Vater wirkt sich auch auf die Liebe im wahren Leben aus. Die Begegnung mit Rachel bringt Neills Leben durcheinander, schwer ist es für ihn einen Weg zu finden.


Schwer ist es manchmal auch für den Leser einen Zugang zu der Geschichte zu finden. Äußerst gelungen sind dabei die Chats zwischen Computer-Neill und anderen Personen, emotional berührend und so authentisch wie Gespräche zwischen Computer und Mensch eben sein können. Doch so schön dieser Teil des Romans gelungen ist, so schwierig nachvollziehbar sind die Wirrungen, denen das wirkliche Leben Neill jrs. unterliegt. Bei allen Bemühungen um die Liebe scheint er seltsam unbeteiligt und kühl, so dass man sich beim Lesen fragt, ob man gerade den entscheidenden Moment verpasst hat. Eine Frage, die auch beim Zurückblättern und nachlesen, nicht zu einer Antwort führt. Und so bleibt Computer-Neill der Sympathieträger dieses Romans und die Theorie der Liebe doch sehr vorläufig.

3,5 Sterne

Eine vorläufige Theorie der Liebe von Scott Hutchins
ISBN: 978-3-492-05517-3

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