Dienstag, 31. März 2015

Juicy

Die Buchprüferin Delilah Sheridan hat einen Einsatz in San Francisco, sie soll einige Buchungen nachverfolgen. Der am Ort tätige John Rearden ist ihr dabei keine besonders große Hilfe, mit dem Herbeischaffen von Belegen und dem Geben von Erläuterungen tut er sich schwer. Am eigenartigsten jedoch ist, dass Delilah auf dem Weg in ihr Apartment überfallen wird. Mit knapper Not kann sie sich auf die Schwelle von Samson retten, der zunächst annimmt, sie sei eine Stripperin. Samsons Freunde wollte eine solche engagieren, da er seit einiger Zeit Probleme mit der Funktionstüchtigkeit gewisser edler Teile hat. Sobald Samson Delilah erblickt funktioniert alles bestens. Peinliche Situationen sind allerdings vorprogrammiert, zumal Samson auch die nicht ganz unbedeutende Tatsache, dass er ein Vampir ist, verschweigen möchte.

Welche eine prickelnde Idee, eine Buchprüferin, die mit einer Stripperin verwechselt wird, landet bei einem Vampir, der das tunlichst geheimhalten will. Zwei Lebewesen, die wie füreinander geschaffen scheinen und es doch zunächst nicht wahrhaben wollen. Denn eigentlich möchte Samson lediglich seine Sex-Werkzeuge repariert bekommen, so glaubt er jedenfalls. Und Delilah möchte einfach überhaupt mal wieder Sex und nachdem ihr Auftrag durchgeführt ist wieder zurück nach New York.


Dieser erste Band um die Scanguards Vampire regt wahrlich die Phantasie an. Man beginnt zu spekulieren und zu frohlocken, ob der Möglichkeiten an witzigen und herzerwärmden Szenen, die sich auch dieser Konstellation ergeben könnten. Eine Liebesgeschichte kombiniert mit einem in den Büchern versteckten Rätsel, das unvorhersehbare Gefahren mit sich bringt. Ein tolle Idee, die mit Weichzeichner versehen, gut auf einem TV Bildschirm landen könnte. Mancher mag schließlich etwas Witz vermissen oder einige Schilderungen als zu saftig empfinden. Möglich, dass dann der Fehler eher in den Erwartungen des Lesers liegt als an der Ausführung der Autorin. Insgesamt ein unterhaltsamer und gefühlvoller Roman, in dem sicherlich einiges der turbulenten und interessanten Vita seiner Schöpferin verpackt ist.

3,5 Sterne

Samson`s Lovely Mortal (Scanguards Vampire 1) von Tina Folsom
ISBN: 978-1-9375-1994-0


Sonntag, 29. März 2015

Eine Aussicht zum Töten

Was wäre wenn sich Lincoln Rhyme einer weiteren Operation unterzöge? Es besteht die Chance, seinen linken Arm benutzen zu können, doch die Operation birgt auch Risiken. Quasi mitten in diese Überlegungen platzt die Staatsanwältin Nance Laurel, die Rhymes Hilfe in einem Fall benötigt, der noch nicht an die Öffentlichkeit dringen soll. Ein Aktivist, der amerikanischer Staatsbürger war, ist auf den Bahamas einem Anschlag zum Opfer gefallen. Lincoln Rhyme und Amelia Sachs beginnen mit den Ermittlungen und schnell merken sie zum Einen, dass nicht alles so ist wie es scheint, und zum Anderen, dass jemand beginnt potentielle Zeugen zu auf grausame Weise zu ermorden.

Zu Beginn der Ermittlungen wird die Spannung nur langsam aufgebaut. Trockene Schilderungen der Situation, die zur Einleitung der Ermittlungen geführt haben, machen die Lektüre für einen Nicht-Muttersprachler doch etwas mühsam. Doch wenn der Leser gemeinsam mit Amelia und Lincoln nach und nach dahinter kommt, wie die Dinge gelaufen sind, packt einen das Buch doch sehr. Ungeahnte Möglichkeiten des Tötens und sehr grausame Killer werden geschildert. Immer wieder tauchen Hinweise auf, die auf eine völlig anderen Lösungsansatz deuten als zunächst vermutet. Selbst Lincoln Rhyme durchdringt das Dickicht nur nach und nach. Ungewöhnlich für ihn ist er unterschwellig mit seinen privaten Gedanken beschäftigt und auch Amelia Sachs wird mitunter zwangsweise abgelenkt. 


Doch mutig und mit vielen intelligenten Ableitungen schaffen es die beiden über die Jahre zu einem herausragenden Team zusammen geschweißten Partner, den Fall zu knacken. Schließlich entwickelt sich der Roman zu einer wahren Verfolgungsjagd der Intelligenzen, bei der plötzliche Hakenschläge den Leser in seiner gewohnten Denkweise aufrütteln und animieren, immer noch einen weiteren Ansatz in Betracht zu ziehen, um dann doch wieder überrascht zu werden, darüber, dass dich immer noch eine weitere Möglichkeit bietet. Auf sehr fesselnde Weise spielt der Autor mit den Optionen der Verbrecher in der heutigen technisierten Welt, wobei man als Leser lieber nicht darüber nachdenken möchte, was davon tatsächlich machbar wäre. 

The Kill Room von Jeffery Deaver
ISBN: 978-1-455-51709-1

Samstag, 28. März 2015

Der Tag X

Kurz vor einer Verhaftung wird Kommissar Frank Stave angeschossen. Wochenlang ringt er in der Eppendorfer Klinik mit dem Tod. Langsam wieder genesen steht sein Entschluss fest: Er wird das Morddezernat verlassen und zum Chefamt S wechseln, dass für den Schwarzmarkt zuständig ist.  Im Juni 1948 stellt er sich damit in den Augen der Kollegen auf das berufliche Abstellgleis. Die Gerüchte einer Währungsreform und dem Ende des Schwarzmarkts verdichten sich. Dennoch gibt es einen Fall für Stave, in einem zerbombten Haus haben einige Trümmerfrauen neben einem Toten auch ein paar Skulpturen gefunden, die vermutlich von den Nazi-Schergen als entartete Kunst eingestuft dort versteckt waren.

In seinem dritten Fall ermittelt Kommissar Frank Stave in einem anderen Milieu und gerät von Jagdfieber gepackt doch wieder in eine Mordermittlung. Denn so scheint es der Ex-Kollege von der Mordkommission verschleppt eine Nachforschungen fast so als solle der Fall im Sande verlaufen. So etwas kann Stave einfach nicht geschehen lassen zumal zwischen den beiden Fällen eine Verbindung zu bestehen scheint. Gleichzeitig tauchen auf dem Schwarzmarkt gefälschte Geldscheine auf, was Staves Freund Lieutenant James MacDonald auf den Plan ruft. Dieser hat bereits seine Abkommandierung in der Tasche und es wird die vorerst letzte Zusammenarbeit der Beiden in Hamburg.


Die Nachkriegszeit, die Zeit um die Währungsreform - in einen packenden Fall gekleidet schildert der Autor das Leben der Menschen in diesen Wendewochen. Verbrechen gibt es zu jeder Zeit, also auch in dieser des Aufbruchs. Und so wird Oberinspektor Stave nicht arbeitslos. Doch ist der Ruck, der mit der Ausgabe des neuen Geldes, durch die Menschen und auch durch die Wirtschaft ging, in den Zeilen deutlich zu spüren. Das karge Leben, die im geheimen gehorteten Waren, die plötzlich in den Schaufenstern lagen, das Staunen der Menschen, der Glaube an das gute Geld, die regulierende Wirkung von Angebot und Nachfrage. Doch auch die Naziverbrechen, die kaum geahndet werden, da kaum jemand seine Schuld anerkennt, die meisten sich als bloße Befehlsempfänger bezeichnen und ihnen bedauerlicherweise in den seltensten Fällen das Gegenteil bewiesen werden kann. Eintauchen kann man in diesen fesselnden Krimi, der packt und gleichzeitig gemahnt, nicht zu vergessen. Wie können Täter so leicht davonkommen, die Opfer sind für immer tot. Eine ausgesprochen gelungene Krimireihe für zeitgeschichtlich Interessierte, die  lebensechte Charaktere und intelligent konstruierte Fälle zu schätzen wissen.
4,5 Sterne

Der Fälscher von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-8321-9695-0

Mittwoch, 25. März 2015

Stille See

Mit einer Tasse Rumkaffee beginnt Hauptkommissar Toni Sanftleben den Morgen, wie so oft grübelt er, was vor 16 Jahren geschehen sein kann, als seine junge Frau Sofie spurlos verschwand, ihn und den damals einjährigen kleinen Sohn zurückließ. Dieses traumatische Ereignis führte schließlich dazu, dass er eine Ausbildung bei der Polizei begann. Wissen wollte er sich aneignen und Ressourcen der Behörde nutzen können, um jeder noch so kleinen Spur nachgehen zu können. Doch auch nach dieser langen Zeit ist Sofies Schicksal ungewiss. An diesem Morgen jedoch wird Toni Sanftleben zu einem Todesfall gerufen, der eine ungeahnte Bedeutung bekommen soll, denn eine vage Spur könnte zu Sofie führen.

Der Autor Tim Pieper sonst eher durch seine Beschäftigung mit historischen Themen oder Krimis bekannt erfreut seine Leser zur Abwechslung mal mit einem Ausflug in die Gegenwart. Bei Toni Sanftleben handelt es sich um einen Ur-Enkel des Kriminologen Dr. Otto Sanftleben, den der Leser möglicherweise schon aus den früheren Veröffentlichungen kennt. Wie sein Vorfahr ist auch Toni als Ermittler tätig, wenn er auch seinen ganz eigenen Grund hatte, diese Tätigkeit aufzunehmen. Mag man seinen Hintergrund für den Berufswunsch nachvollziehen können oder nicht, gerade aufgrund seiner privaten Motivation ist aus Toni ein herausragender Ermittler geworden, der sich durch Hartnäckigkeit auszeichnet, der oftmals eher den Durchblick hat und den Überblick behält. Doch reibt er sich auch auf, der nimmermüde Suchende, sich um den Sohn kümmernde, der in Gedanken doch immer bei seiner Frau bleibt. In seinem nicht loslassen können scheinen Alkohol und Tabletten der einzig mögliche Trost und Mittel zur Entspannung. Dass sein Sohn, der sich trotz aller schwieriger Umstände gut entwickelt, dabei fast zu kurz kommt, bemerkt Toni beinahe nicht. 


Ein fesselnder Krimi mit einem packenden Fall, in dem die Rätsel überraschend und zufriedenstellend gelöst werden. Ein Kommissar, der einen inneren Kampf auszufechten hat und der von seinem erfrischend bodenständigen Sohn auch mal etwas zurecht gerückt wird. Dazu wunderbare Schilderungen von einer Landschaft ganz in der Nähe Potsdams, von der der Autor auf seiner web-site einige ausgesprochen stimmungsvolle Fotos zusammengestellt hat. Da bekommt man Lust auf eine Urlaubsreise, auch wenn die Idylle möglicherweise etwas trügerisch sein kann. Man möchte eigentlich gleich weiterlesen, wie sich das Leben des Kommissars Toni Sanftleben entwickeln wird.

4,5 Sterne
Dunkle Havel von Tim Pieper
ISBN: 978-3-95451-507-3

Sonntag, 22. März 2015

Das Buch der Mörder

Die junge Streifenpolizistin Sanela Beara wird eher zufällig zum Berliner Tierpark gerufen. Dort sollen in einem Schweinegehege Leichenteile aufgetaucht sein. Als sich herausstellt, dass es tatsächlich einen Toten gegeben hat, ist das die Gelegenheit für die ehrgeizige Sanela, die mehr als alles andere zur Kripo möchte. Damit gerät sie allerdings erstmal dem Ermittler von der Mordkommission Lutz Gehring in die Quere, der mit Sanelas Methoden überhaupt nicht einverstanden ist. Lieber soll sie einen Kaffee holen. Dass sie gerade dabei mit dem vermeintlichen Täter zusammentrifft und auch noch in große Gefahr gerät, damit konnte keiner rechnen. Doch so scheint der Fall schon nach kürzester Zeit abgeschlossen. 

Dank Sanelas Hartnäckigkeit geht es aber nun erst richtig los. Und der Leser hat einfach keine Chance mehr, dass Buch aus der Hand zu legen. Fast schon unter Zwang begibt er sich gemeinsam mit den handelnden Personen in die Vergangenheit des geständigen Täters und deckt nach und nach Ungeheuerlichkeiten auf, mit denen zu Beginn der Ermittlungen in keinster Weise zu rechnen war. Zwar behindern sich Gehring und Sanela gegenseitig, doch das macht noch einen besonderen Reiz aus, scheinen sie sich doch fast gegen ihren Willen voneinander angezogen zu fühlen. Und auch ein zweiter Handlungsstrang lässt es an Spannung nicht fehlen. So gerät der Assistent des psychologischen Gutachters tiefer ins Geschehen als er sich hätte träumen lassen. Man sieht ihn beinahe in sein Unglück rennen. Und während man beim Lesen glaubt, man habe die Psychologie entschlüsselt und den Fall gelöst, so wird man am Ende doch überrascht. 

Mehr von diesem Ermittlerteam zu erfahren und mitzuerleben, wäre eine wahre und mit großer Spannung zu erwartende Freude.

Das Dorf der Mörder von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-442-48114-9






Berliner Gören

Nini und Jameelah sind beste Freundinnen. Es ist Sommer und gemeinsam gehen die 14jährigen durch dick und dünn. Alles wollen sie ausprobieren; Alkohol, Zigaretten, Sex. Und immer wieder die gefürchteten Briefe vom Ausländeramt, die im Briefkasten von Jameelahs Mutter landen. Doch erstmal beginnen die Sommerferien und es ist heiß. Die beiden Mädchen leben in den Tag hinein wie es viele nur in der Jugend können. An das Bedrohliche kann man auch morgen denken, heute wird Party gemacht. Doch manchmal wird morgen zu heute und es gibt kein Entkommen mehr.

Zwei junge Mädchen an der Schwelle zum erwachsen werden. Ganz leicht haben sie es nicht, Ninis Vater ist schon vor langem abgehauen. Jameelah und ihre Mutter sind nur geduldet, doch am liebsten würden sie Deutsche werden, um endlich bleiben zu können. Auch in der Nachbarschaft der jungen Damen herrschen teilweise raue Sitten. Kulturen prallen aufeinander, die nicht wirklich zueinander passen wollen. Dem oberflächlich zur Schau gestellten Frieden scheint doch eine unterschwellige Bedrohung innezuwohnen. Und immer noch sind Ferien, die die Jugendlichen eigentlich genießen wollen.

Die Welt einer Jugend in Berlin, die ein wenig an eine Welt der Jugend in Los Angeles erinnert. Eine Welt, die älteren Landpomeranzen doch sehr fremd erscheint. Wie idyllisch und friedvoll erscheint die eigene Jugend im Lichte des Gelesenen. Natürlich gab es ähnliche Katastrophen und  aufwühlende Ereignisse, was die Gedanken an bestimmte Jungs betraf, die Neugier, die harte Realität. Und dennoch welche problemlose Jugend hatte man doch im Vergleich zu Nini und Jameelah. Keine Freundschaft, über der das Damoklesschwert der Abschiebung schwebte, keine Freundschaft oder Feindschaft zwischen verschiedenen Kulturen, die in die eine oder andere Richtung zu eskalieren droht. Gefühle und Handlungen, vor denen man staunend und kopfschüttelnd steht, fast schon froh über den eigenen wohlbehüteten Spießerhintergrund, der einem gewisse Entscheidungen einfach nicht abverlangte.


Ein Buch, in dem vermutlich Wahrheiten über die Großstadtjugend von heute ausgesprochen werden, von denen man wissen sollte, die man aber vielleicht nicht wissen möchte. Ein Roman, der mitreißt, gleichzeitig abstößt und anzieht. Eine Lektüre, die bereichert, aber nicht erfreut und schon gar nicht belustigt. Lesenswert.

Tigermilch von Stefanie de Velasco
ISBN: 978-3-462-04753-0

Samstag, 21. März 2015

Pasquales Traum

Die Welt steht für einen Moment still. Da steht sie am Bug des Bootes die todkranke amerikanische Schauspielerin. Bestimmt ein Irrtum, denkt Pasquale, denn niemand kann freiwillig in sein winziges Hotel wollen, in Porto Vergogna einem auf der Karte fast nicht vorhandenen Örtchen, dass nicht einmal eine Bahnverbindung hat. Doch, ein paar ruhige Tage will sie hier verbringen bevor sie in die Schweiz zur weiteren Behandlung fährt. Pasquale, dessen Karriere als Hotelier nach dem Tode seines Vaters gerade erst begonnen hat, sieht sich der Erfüllung nahe. Und seine Mutter wünscht sich nichts sehnlicher als das er die Amerikanerin heiraten möge. Fünfzig Jahre später also unlängst reist Pasquale in die USA, um eben jene Schauspielerin zu finden.

Aus verschiedensten Perspektiven, verschiedenen Zeitebenen, verschiedenen Fragmenten puzzelt sich der Leser Pasquales Geschichte zusammen. Wobei so manches Mal der Gedanke aufkommt, diese Zufälle kann es gar nicht geben. Doch gerade diese abgefahrene Geschichte macht den Reiz dieses Romans aus. Hollywood auf Stippvisite in Italien, nur drei, vier Tage, die doch das Leben aller Beteiligten verändert bis sich so lange Jahre danach das Bild rundet. Manche der Protagonisten wachsen, manche bleiben einfach nur die Egoisten, die sie sind, und der ein oder andere scheitert grandios. Doch alle sind sie irgendwie sympathisch, ihre Beweggründe nachvollziehbar. Wobei es natürlich einen Dorn in der Seite geben muss, den Charakter, an dem sich der Leser reiben kann.

Der Roman einer Idee, aus der eine wunderbare Geschichte geformt wurde, wobei die Übersetzungsprobleme zwischen dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem alten Europa beim Leser so manches Lächeln hervorrufen und das Schicksal der Protagonisten zu rühren vermag. Bei allem behält der Autor jedoch seine Distanz und vermeidet überbordende Emotionalität, sodass der Roman nie kitschig wirkt.
4,5 Sterne

Schöne Ruinen von Jess Walter
978-3-8966-7499-9



Nemesis

Kommissar Niklas Steg hat sich nach seiner Trennung von München zurück nach Berlin versetzen lassen. Zwar bedauert er sehr, dass er so seine Tochter nur selten sieht, doch der Schritt war notwendig. Zum einen brauchte er Abstand und zum anderen bedürfen seine Eltern, die nun langsam in die Jahre kommen, einer gewissen Betreuung. Und schnell bekommt es Niklas mit einem sehr grausamen und kaltblütigen Mörder zu tun. Der Täter klingelt sogar bei einer Nachbarin, damit das Opfer schnell gefunden wird. Dominik Weiß war allein zu Haus, seine Frau verbrachte ein verlängertes Wochenende in einem Wellness-Hotel. Weiß hatte keine Chance.

Zunächst kommen die Ermittlungen nicht so recht voran, Kommissar Steg und seine Kollegin Jasmin Ibscher tappen zunächst im Dunkeln. Was wie eine Beziehungstat erscheinen könnte, wird durch das 100%ige Alibi von Annika Weiß zu einem rätselhaften Geschehen. Denn wer sonst könnte ein Motiv haben? Zwar arbeitete Weiß für eine etwas zwielichtige Firma, doch gibt dies keinen weiteren Ansatzpunkt. Was also kann zu dieser Gewalttat geführt haben. Erst als eher durch einen Zufall die Privatdetektivin Sabrina Lampe zu den Ermittlern stößt, ergibt sich ein Zusammenhang.

Ein Thriller wie er im Buche steht. Erst einmal begonnen mag man das Buch kaum mehr aus der Hand legen, weil man wissen will, wie es den Polizisten gelingt, dem Täter das Handwerk zu legen. Völlig unerheblich dabei, dass einige Zusammenhänge recht schnell klar werden, wobei eine gewisse Ähnlichkeit zu bestimmten Hitchcock-Filmen durchaus gewollt ist. Ein wenig erinnert es an Remmington Steele, der ja auch zur Lösung seiner Fälle oftmals ein paar Filme in petto hatte. Dabei wird gerade der Kommissar Niklas Steg sehr menschlich dargestellt, wie er langsam dabei ist, die Trennung zu überwinden und wie er in die Rolle als „Pfleger“ seiner Eltern hineinwächst. Da kommt die Kollegin Ibscher fast ein wenig zu kurz. Dennoch besteht hier ein interessantes Team, dem noch viele Fälle zu gönnen wären, perfekt ergänzt durch die manchmal etwas schusselig erscheinen Detektivin Sabrina Lampe. Vielleicht wird man auf die nächste Ermittlung auch nicht lange warten müssen, jedenfalls endet die Danksagung des Autors mit einem entsprechenden Hinweis.


Atemberaubende Spannung, ein Sturzflug durch das Geschehen, der zum Glück mit einem Ausflug an den Wannsee endet. 

Vergelte! von Siegfried Langer
ISBN: 978-1-477-83071-0

Freitag, 20. März 2015

Die Mitmischer

In seinem zweiten Fall wird Vincent Che Veih gleich mit mehreren älteren Fällen konfrontiert. Zum einem soll es ein Wiederaufnahmeverfahren für einen jungen Mann geben, der vor zwei Jahren seinen Rivalen getötet haben soll. Dabei wurde die junge Pia schwer verletzt und nun hat sie sich das Leben genommen, was ihren Ziehvater, den Polizisten Stefan Ziegler, schwer trifft. Kommissar Veih bekommt nun den unangenehmen Auftrag, die damaligen Ermittlungen zu evaluieren. Nur zwei Tage später wird die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau auf Pias Grab abgelegt. Gibt es zwischen den beiden Todesfällen eine Verbindung? Etwa in die radikale linke Szene, an deren äußersten Rand sich ja auch Vincents Mutter aufhält? Und wie passt das Ganze zu den noch weiter in der Vergangenheit liegenden Geschehnissen?

Gerade mit seiner korrekten Art eckt Vincent manchmal an, fast könnte man meinen, die Kollegen setzen die Gemeinschaft untereinander und den Zusammenhalt über den Rechtsstaat. Mit Veihs  Nachforschungen, die schnell einige Ungereimtheiten zutage fördern, steigt das Beliebtheitsbarometer  gerade nicht. Auch seine Vorgesetzten, die eigentlich eher um ihre eigene Position fürchten müssten, äußern manchmal fast so etwas wie Drohungen. Doch Vincent Che Veih trägt seinen zweiten Vornamen nicht völlig zu unrecht, er bleibt unbestechlich und nun langsam beginnt er zu ahnen, in welchen Wespennest er hier stechen könnte.

Ausgesprochen fesselnd sind auch hier verschiedene Handlungsstränge verknüpft und Lösungen, die sich nach und nach abzeichnen, lassen doch ein ganz erstaunliches Bild von dieser schönen Republik erstehen.Hinzu kommt noch die weiter komplizierte Beziehung zu seiner Mutter, seine dadurch doch etwas getrübte Kindheit, die schließlich zu einer eingeschränkten Beziehungsfähigkeit führt. Gerade dieser zwar bestens funktionierende, aber doch belastete Kommissar wirkt sehr sympathisch. Manchmal möchte man ihn treten, manchmal kann man ihn gut verstehen. Was wird die Zukunft für ihn bringen, seine Karriere, sein Privatleben? 

Ein herausragender Kriminalroman mit großem Unterhaltungswert, der mit einer spannenden politischen Komponente aufwartet.

4,5 Sterne


Schattenboxer von Horst Eckert
ISBN: 978-3-8052-5079-5

Montag, 16. März 2015

Bezaubernde Flöhe


Eigentlich sollte Julius Birdwell ein kleiner Ganove werden, doch er ist kein guter Einbrecher. Viel lieber ist er ehrlich, obwohl er auch das Blaue vom Himmel runterlügen kann, wenn es sein muss. Seine wahre Berufung ist seine Tätigkeit als Flohzirkus-Direktor. Seinen geliebten Flöhen hat er Namen gegeben, er spricht mit ihnen, er füttert sie. Doch eines ein später Nachtfrost und Julius findet seine Flöhe erfroren. Ein Drama, das Ende seines Flohzirkus´. So richtig erinnert sich Julius nicht, was geschehen ist. Sein Gefühl sagt ihm, er könnte einen Handel abgeschlossen haben. In seiner Trauer um die Flöhe, ist Birdwell ausgesprochen froh als die eigenartig schöne Elisabeth behauptet, es gebe eine Möglichkeit, seine kleinen Freunde wieder zu beleben.



Lebhaft hüpfen die kleinen Zirkusartisten durch dieses Buch, wiedererweckt und zu jedem Abenteuer bereit. Dabei erfreuen sie auch ihren Direktor, der am liebsten mit ihnen hüpfen möchte. Doch bevor sie glücklich miteinander sein können, müssen sie so manche Gefahr überstehen. Julius begegnet seiner Suche nach einer Nixe mehr Wesen, an deren Existenz er nicht einmal im Traum glauben würde, als er sich je vorstellen konnte. Dabei entwickelt er mit Hilfe des sogenannten Detektivs Green fast schon kriminalistische Fähigkeiten.



Fast scheint es, als würde der sympathische Held Julius Birdwell in eine Phantasie-Welt springen, die doch irgendwie ganz normal ist. Ein wenig muss man sich öffnen, um ihm in diese Welt folgen zu können. Immer auf einer kleinen Gratwanderung zwischen dem gerade noch Möglichen und dem fast schon nicht mehr Möglichen findet man sich bei dieser amüsanten und vor Ideen nur so strotzenden Lektüre. Ein Kriminalroman, ein wenig, eine Detektivgeschichte ein wenig mehr, ein phantastisches Märchen ganz bestimmt. Am Ende wie aus einem Traum erwacht blickt man auf einen anheimelnden Roman zurück, der ein Gefühl der Wärme zurücklässt.


Dunkelsprung von Leonie Swann
ISBN: 978-3-442-31387-7






Sonntag, 15. März 2015

Kreaturen der Nacht

Schon einige Jahre ist es her, dass ihr geliebter Mann Simon verstorben ist, doch Diana ist nie über seinen Tod hinweggekommen. Als Wissenschaftler suchte Simon nach dem Unmöglichen und das brachte ihm den Tod und sein Ruf war zerstört. Nun will Diana es ihm nachtun und sie will seinen Ruf wieder herstellen. Von ihrer Familie hat sie sich entfernt und sie lebt mehr schlecht als recht von kleinen Aufträgen. Da kommt die Anfrage von Frank Tallient ganz recht, sie soll nach New Orleans reisen, um für ihn nach dem Werwolf zu suchen. Natürlich glaubt Diana nicht ans Paranormale, doch Simon glaubte und Simon ist tot und wenn es Werwölfe gibt, wird Diana sie finden. Zunächst einmal findet sie jedoch den hinreißen Adam Ruelle.

So hin und wieder tut es richtig gut, ein Buch zu lesen, bei dem man beim Lesen des Autorennamen eigentlich schon weiß was kommt. Bei der Nightcreatures Reihe von Lori Handeland weiß man nicht nur, was kommt, man weiß auch, dass man bestens unterhalten wird. Die Autorin schreibt mit Wortwitz und Humor und entlockt einem so manches Schmunzeln. Die Schlagabtausche in den Dialogen sind wirklich eine Wonne, wobei der Witz der Originalausgabe genau den Punkt trifft. Neben diesem schon herausragenden Punkt überzeugt auch die Handlung mit viel Gefühl und einer gehörigen Portion Spannung und Geheimnis. 


Ein Buch, mit dem man gerne ins Wochenende startet und das einem die Reihe noch sympathischer macht. Die Autorin versteht es wirklich beste Unterhaltung zu bieten und einen kleinen Urlaub vom Alltag zu unternehmen.

Crescent Moon von Lori Handeland
ISBN: 978-0-990-59640-0

Samstag, 14. März 2015

Prediger

Sheriff Hackberry Holland hat ein bewegtes Leben hinter sich, Weiberheld und Alkoholiker, im Korea-Krieg fast gefallen, eine Frau hat das Weite gesucht, die andere bedauerlicherweise früh verstorben. Mit etwas über 70 bräuchte er eigentlich nicht mehr zu arbeiten, doch durch seine zweite Frau, die er immer noch sehr vermisst, zu einem der besseren Mitglieder der Gesellschaft geworden, hat er es sich zu Aufgabe gemacht, das Verbrechen zu bekämpfen. In der kleinen Stadt in Texas zu Sheriff gewählt, scheint das gerade die richtige Aufgabe zu sein. Wenn da nicht dieser Anruf wäre, in dem eine Schießerei gemeldet wird. Am Ort des Geschehens traut Hackberry seinen Augen kaum, denn neun tote Frauen vermutlich asiatischer Herkunft werden gefunden. Wie kann so eine Bluttat in seinem Bezirk geschehen.

Möchte man eine Vorstellung von dem nur knapp beschrieben Helden haben, genügt ein Blick auf das Foto des Autors. Dieser entspricht genau dem Bild, dass man sich von dem schon älteren wettergegerbten Sheriff machen könnte. Groß, schlank, den Cowboyhut in die dunklen Haare gedrückt, mit einem wissenden Blick des lebenserfahrenen alten Haudegens. Ruhig und bedächtig geht Hack an die Ermittlungen, unterstützt von Pam Tibbs, die ebenfalls im Büro des Sheriffs arbeitet und ihm manchmal im richtigen Moment die richtige Rückendeckung gibt. Schnell stellt sich heraus, dass auch das FBI ein Interesse an dem Fall hat, da scheint etwas Größeres im Gange zu sein. Doch wie so oft klappt die Zusammenarbeit nicht optimal. Und wer ist der geheimnisvolle Prediger, der die Frauen auf dem Gewissen zu haben scheint.


Staubtrocken wie die Wüste in Texas so wirkt dieser Roman. Der abgeklärte Held, der seine Kriegserlebnisse doch nicht richtig überwinden konnte. Die jüngere Pam, die auf der Suche nach einer Vaterfigur zu sein scheint und diverse mehr oder weniger böse Wichte, die alle unter einer Decke stecken mögen und sich doch spinnefeind sind. Das geht nicht ohne weitere Tote ab. Spannende sehr bildhaft beschriebene Szenen wechseln sich dabei mit manchmal etwas langatmigen Ergüssen ab, die vielleicht aus europäischer Sicht nicht so nachvollziehbar sind. Dies ist doch ein sehr amerikanischer Roman, wo man schnell mit der Waffe bei der Hand ist, wo Gescheiterte selten Hilfe bekommen, wo ein 70jähriger Sheriff sein kann und wo es aber doch immer einen Silberstreifen am Horizont gibt, weil diese Menschen sich einfach nicht unterkriegen lassen. Eher ein moderner Western als ein Krimi aus dem Land der Cowboys, der einem einen erhellenden Einblick in eine fremde Welt gewährt.

Rain Gods von James Lee Burke
ISBN: 978-1-439-12830-5

Hier noch die deutschsprachige Leseprobe





Donnerstag, 12. März 2015

Räuberbande

Nach zehn Jahren kehrt Tom Sawyer nach St. Petersburg zurück, um Sids Einladung zur Hochzeit zu folgen. Der Bürgerkrieg ist gerade vorbei und Tom musste mit ansehen wie Präsident Lincoln umgebracht wurde. Eigentlich gehörte Tom zu Lincolns Personenschutz, doch an jenem Abend hatte er nach zwei Tagen ununterbrochen im Dienst frei. Als seine Ablösung jedoch nicht auftaucht übernahm Tom noch eine Wache und schlief ein. Und nun fühlt er sich mitschuldig am Tod des Präsidenten. Und seine einzige Chance in wenig Frieden zu finden, sieht er in der Rückkehr in die Heimat. Doch seine Ankunft gestaltet sich ganz anders als erhofft, denn er kommt nicht bei einer Hochzeit an, sondern bei der Beerdigung seiner lieben und gefürchteten Tante Polly und er erfährt, dass die nun verhinderte Braut Becky Thatcher heißt.

Mit Neugier und etwas Skepsis kann man diesem Roman begegnen. Wohl die meisten kennen die Geschichte von Tom Sawyer und Huck Finn. Wie soll man die Geschichte dieser beiden Lausebengel einfach so weitererzählen. Zum einen schafft der Autor durch die zehn Jahre, die er Tom durch die Weltgeschichte vagabundieren lässt eine gewisse Distanz. Tom und seine Freunde sind älter geworden, doch sie sind sich treu geblieben und damit gut wiedererkennbar. Und das ist das Schöne an Büchern dieser Art, man findet Gedanken ausgesprochen, die man sich vielleicht selbst schon gemacht hat. Was ist aus den liebgewonnenen Figuren der Bücher, die man als Kind oder Jugendlicher verschlungen hat, geworden. Wird man auch die Erwachsenen Toms und Beckys noch mögen. Genau diese Frage beantwortet der Autor auf sympathische und herzerfrischende Weise. Tom, gewitzt wie eh und je, setzt alles ein, um den Tod seiner Tante aufzuklären. Dazu sein zugelaufener Mischlingshund Hollis, der eine sehr eigene Geschichte hat. Und natürlich Becky, die jetzt Rebecca heißt. Man mag in dieser Welt versinken angespannt ob der verschiedenen Rätsel, die es zu lösen gilt und die doch etliche Gefahren bergen, und auch schmunzelnd ob dieses liebenswerten Wiederlesens alter Freunde.


Sehr erfreulich war dieses fesselnde, Erinnerungen weckende und gerade im richtigen Moment - wie der Autor so treffend im Nachwort bemerkt - endende Neuerleben der in der Jugend ans Herz gewachsenen Helden, die einem auch in deren und im eigenen fortgeschrittenen Alter eine großes Lesevergnügen bereiten.
4,5 Sterne

Der Mann, der niemals schlief von Simon X Rost
ISBN: 978-3-404-17008-1

Dienstag, 10. März 2015

Eine bessere Zukunft


Mit erst sechzehn ist Darrow einer der besten Minenarbeiter der Roten auf dem Mars. Doch als es dafür eine Belohnung geben soll, bekommen andere diese. Denn Darrow gehört zu den Roten, den Geringsten und diese unterste Klasse bekommt keine Belohnungen. Der Lichtblick in Darrows Leben ist seine Frau Eo, was machen schon Belohnungen, wenn man Eo hat, die wirklich besonders ist. Doch Eo hat Forschergeist, sie will nicht immer unten in den Minen leben. Sie will den Himmel sehen, sie will singen. Doch nur die Gedanken sind frei, Eo ist schnell nicht mehr frei, doch ihre Seele wird befreit.

In einer Reihe genannt wie andere Dystopien bietet dieser erste Band einer Trilogie eine besondere Idee, einen aufwühlenden und emotionalen Beginn. Darrows Arbeit, Eos Opfer, wodurch Darrow in Kontakt mit einer Widerstandsgruppe kommt. Ein Betrug, der Darrows Welt zum Einsturz bringt, der den Hass auf die herrschende Klasse - die Goldenen schürt. Genug, um zu äußersten Mitteln zu greifen, die Befreiung der eigenen Schicht als fernes Ziel. Der Beginn dieses Buches fesselt aufs Äußerste und weckt Erwartungen, denen der Roman im weiteren Verlauf nicht stand hält. Denn es folgen teilweise recht langatmige Erläuterungen zu Häusern, die doch irgendwie an andere Bücher erinnern, und mit viel Gewalt gespickte Szenen werden manchmal doch etwas viel, auch wenn das Ziel dann wieder einen Sinn zu haben scheint.

Ein überzeugender Beginn, der mehr Erwartungen weckt als der weitere Verlauf halten kann. Insofern bleibt Verunsicherung, ob die Reihe weiterverfolgt werden sollte. Schwer auszudrücken, was das Buch letztlich auslöst, zwingende Begeisterung ist es jedenfalls nicht. Obwohl nicht verholen werden kann, dass die Handlung letztlich doch fesselt und überrascht.


Red Rising von Pierce Brown
ISBN: 978-1-444-75900-6

Sonntag, 8. März 2015

Narreteien

Nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben ist, weiß Camille vor lauter Trauer nicht ein noch aus. Doch als sie zwischen den vielen Kondolenzbriefen Schreiben wie Auszüge aus einen Tagebuch findet, kann sie zunächst nicht glauben, dass sie die wahre Empfängerin sein soll. Es wird eine Geschichte aus den Jahren von Camilles Geburt erzählt. Die Erzählung beginnt vor dem Krieg und beschreibt eine Zeitspanne von mehreren Jahren. Was kann das mit Camille zu tun haben. Camille beginnt nach dem Schreiber und dem Wahrheitsgehalt der Geschichte zu forschen. Soll ihr als Verlagsmitarbeiterin etwa ein Manuskript untergeschoben werden?

Im Jahr 1975 angesiedelt, was Camilles Forschungen um einiges erschwert, da sie sich nicht auf die heute selbstverständliche Hilfe des Internets stützen kann, entwickelt dieser Roman eine ganz besondere Spannung. Was kann die alte Erzählung mit Camilles leben zu tun haben? Welchen Grund sollte jemand haben, ihr diese extreme Geschichte aufzutischen. Eine Freundschaft zwischen zwei Frauen, die so optimistisch beginnt und so tragisch endet. Wie schwierig es in der Kriegszeit war, sich mit einem sich nicht erfüllenden Kinderwunsch abfinden zu müssen, wo die Gesellschaft nach Kindern verlangt, um die verlorene Generation des ersten Weltkrieges zu ersetzen. Wie schmerzlich muss es sein, das Gefühl des Versagens. Wie drängend der Wunsch nach Vollständigkeit der Familie. Welch krude Ideen ruft es hervor. Narreteien der Jugend und der Verzweiflung könnte man sie nennen, sprächen nicht die letztlich krassen Auswüchse und die Tragik der Ereignisse dagegen. Eine vermeintliche Freundschaft, die im Nichts endet. 

Viele Jahre umspannt die Handlung zu einem fesselnden in immer feineren Einzelheiten klar werdenden Bild, um dann jedoch etwas abrupt beendet zu werden. Dennoch ein Roman, der einen in seinen Bann zieht, der mit dem langsamen Begreifen immer bewegender wird und schließlich Camille auf eine unerwartete Art beschenkt.
4,5 Sterne

Das geheime Prinzip der Liebe von Héléne Grémillon

ISBN: 978-3-426-51381-1


Samstag, 7. März 2015

Der Katzengarten

Der Schriftsteller braucht Abstand von seinem hektischen Leben und der Arbeit im Verlag. Überzeugt, die richtige Entscheidung zu treffen, kündigt er nach einer ernsten Krankheit seinen Job. Nun können beide, er und seine Frau, die ebenfalls im Verlagswesen tätig ist, von zu hause aus arbeiten. Trotz der finanziell etwas angespannten Lage finden sie das ideale Plätzchen dafür. Sie mieten das Gartenhaus, das sehr idyllisch in den Garten eines größeren Anwesens eingebettet ist. Durch die spezielle Lage vor fremden Blicken geschützt, hat das Ehepaar nur oberflächlichen Kontakt zu den Nachbarn. Doch als der kleine Junge von nebenan stolz verkündet, die kleine Katze sei nun seine, ergibt sich ein Kontakt. Denn die kleine Katze adoptiert auf ihre Art die Frau des Schriftstellers und bringt einen zusätzlichen Lichtstrahl in das helle und doch beschauliche Leben des Ehepaars.

Im Jahr 2001 in Japan erschienen beginnt die Erzählung mit dem Einzug des Paares in dem Gartenhaus im Jahr 1988. Das Ehepaar fühlt sich in dem kleinen Häuschen, das sie günstig mieten konnten, ausgesprochen wohl und die kleine Katze „Chibi“ trägt noch zu dem Wohlbefinden bei. Auf Katzenart beherrscht sie mit Blicken und Gesten den Haushalt und strömt gleichzeitig Ruhe und Lebhaftigkeit aus. Als Gast ist sie bei dem Ehepaar gerne gesehen. Obwohl im Mietvertrag weder Kinder noch Haustiere genehmigt sind, haben letztlich auch die Vermieter, ein älteres Paar mit erwachsenen Kindern, nichts gegen die Katzen, die auf dem Grundstück herumstromern. Am Vorabend der Japankrise, die wohl aus einer Immobilienblase hervorgeht, ist der wunderbaren Idylle nur eine relativ kurze Dauer beschieden. 


Mit wunderbaren Bildern eingefangen durch den Maler Quint Buchholz geleiten wir „Chibi“ und ihre Menschen durch die ruhige Zeit vor der Krise. Man weiß nicht, was man genießt, bevor es vorbei ist, könnte man sagen. Und so wirkt diese Erzählung zum großen Teil erst, wenn die Lektüre bereits abgeschlossen ist. Man erinnert sich an die eigenen „Nachbars Katzen“, die man gekannt hat und deren man noch manchen Gedanken widmet. Man entdeckt per Zufall ein Katzenkaffee, eine Idee, die aus Asien stammt, wo die Wohnungen der Menschen so klein sind, dass sie keine Haustiere halten dürfen. Man denkt an das leise Lächeln, das die Anwesenheit von Katzen den Menschen aufs Gesicht zaubert. Man denkt an den klugen manchmal naseweisen Blick der Katzen, wie ihn der Maler so zauberhaft wiedergegeben hat. Die Idylle eines Gartens, der durch seine Bewohner, seien es Katzen oder anderes Getier, erst richtig lebendig wird. Ein Buch, das berührt und sich im Herzen des Lesers niederlässt. Ein Büchlein, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte.

Der Gast im Garten von Takashi Hiraide mit Bildern von Quint Buchholz
ISBN: 978-3-458-17626-8

Freitag, 6. März 2015

Wir schreiten leicht

Wird die Erhebung die Befreiung bringen. Auf unterschiedlichen Wegen sind Cassia und Ky und vor längerer Zeit auch schon Xander zur Erhebung gelangt. Doch gerade dadurch trennen sich ihre Wege wieder. Cassia wird in Central gebraucht, sie soll das System von innen infiltrieren, Ky dagegen wird zum Piloten ausgebildet, um Transporte durchzuführen. Xander wird als Funktionär eingeschleust, um seiner Tätigkeit als Arzt nachgehen zu können. Seine erste Aufgabe ist es dabei, Kleinkinder mit ihren ersten Tabletten zu versorgen. Tabletten, die von der Erhebung modifiziert wurden. Und wieder kann Cassia mit Ky und Xander nur über verborgene Kanäle kommunizieren. Und in der Gesellschaft beginnt eine geheimnisvolle Seuche zu wüten.

Dieser abschließende Band um Cassia und Ky, in dem Cassia, Ky und diesmal auch Xander von ihren Erlebnissen berichten, liest sich eher wie ein spannender Medizin-Thriller als eine Dystopie. Zwar ringen die Systeme der Erhebung und der Gesellschaft miteinander und man fragt sich, was man alles an Freiheit bereit wäre aufzugeben, um Sicherheit zu erlangen. Doch so wie die unerwartete Krankheit sowieso jede Sicherheit vernichtet, drängt die spannende Beschreibung der Suche nach einer Behandlungsmöglichkeit, den Vergleich der Systeme in den Hintergrund. Man fühlt sich an sehr aktuelle Infektionskrankheiten erinnert, gegen die fieberhaft nach einer Heilung gesucht wird. Man folgt den Protagonisten bei ihrer dramatischen Suche, man leidet mit ihnen, man bangt, man hofft.


Anders als erwartet verläuft die Geschichte und dennoch reißt sie einen mit. Wenn auch anfänglich etwas trocken, versinkt man doch immer mehr in der Handlung. Die Zeit der Lektüre vergeht wie im Flug. Ein Abschlussband der Ereignisse um Cassia und Ky, der zwar anders ist als seine Vorgänger, ihnen aber auf seine Art in nichts nachsteht.

Die Ankunft (Cassia & Ky 3) von Ally Condie
ISBN: 978-3-8414-2151-7


Donnerstag, 5. März 2015

Geh nicht gelassen

Freiwillig meldet sich Cassia zu einem Arbeitseinsatz und von dort gelingt es ihr in die äußeren Provinzen zu fliehen. Sie will Ky suchen, den sie sortiert hat. Und damit hat sie in eine bedrohliche Umgebung geschickt. Ky ist in die äußeren Provinzen geschickt worden, um dort zu kämpfen. Ganz klar ist nicht, wer die Gesellschaft zu bedrohen scheint. Doch schnell wird klar, dass die jungen Soldaten kaum eine Überlebenschance habe. Während eines Angriffs gelingt es Ky und zwei Gefährten zu fliehen. Ky möchte am liebsten in seine Heimat in den Außenbezirken zurückkehren. 

In diesem zweiten Band um Cassia und Ky berichten beide Protagonisten selbst von ihren Erlebnissen. Wie sie sich gegenseitig vermissen, wie Ky aus dem Kampfgebiet fort will, wie Cassia stark sein will, um Ky zu finden. Ky leidet sehr unter seinem Kriegseinsatz, schwer ist es mit ansehen zu müssen, wie Kameraden getötet werden. Ky sieht nur die Möglichkeit zu fliehen, nur Vick und den jungen Eli kann er mit auf die Flucht nehmen. Cassias Arbeitseinsatz ist schon fast vorbei als sich die Gelegenheit ergibt, in die äußeren Provinzen zu gelangen. Nur in India findet sie etwas Unterstützung, doch kann sie ihr trauen.


Durch die Darstellung der Gedanken und Gefühle von Cassia und Ky gewinnt dieser Band eine spezielle Spannung und emotionale Dichte. Die Autorin versteht es die Geschichte ihrer beiden Helden so weiterzuspinnen, dass man sich gefühlsmäßig mit beiden auf ihren Weg begibt, die kargen Landschaften vor sich sieht, um die Toten trauert und auch Hoffnung schöpft. Denn was wie ein Ende scheint, kann manchmal auch ein Anfang sein. Von diesem wird sicherlich im dritten und abschließenden Band der Reihe berichtet.

Die Flucht (Cassia & Ky 2) von Ally Condie
ISBN: 978-3-8414-2144-9

Dienstag, 3. März 2015

Die Funktionäre

Cassia und ihre Familie leben in einer fast idealen Welt, sie brauchen sich nicht zu sorgen, die Chancen stehen gut, dass sie achtzig Jahre alt werden. Und nun naht das Bankett, während dessen Cassia gepaart werden soll, ein herausragendes Ereignis. Die 17-jährige ist gespannt, wer ihr idealer Partner wird. Mehr als erfreut und überrascht ist Cassia als sich ihr guter Freund Xander als ihr Gegenstück herausstellt. Sie ist froh und erleichtert, dass es jemand ist, den sie schon kennt und mag, dass sie wahrscheinlich nicht fortziehen muss. Doch so wie die Paarung ein einschneidendes Erlebnis ist, gibt es auch Begebenheiten, die Cassia traurig stimmen. Ihr lieber Großvater hat sein Abschiedsbankett, an dessen Ende er sterben wird.

Bei diesem ersten Band der Trilogie um Cassia und Ky lernt man eine schöne neue Welt kennen, deren Errungenschaften teils erstrebenswert scheinen, teils aber auch um den Preis der Freiheit sehr teuer erkauft. In einem weitgehend totalitären System wird nahezu alles von den Funktionären überwacht. Sie lenken das Leben der Bewohner und wenn es nur zu Studienzwecken ist. Alles wird geplant, von der Geburt, die vor dem 31. Geburtstag der Mutter stattzufinden hat, über die Paarung, für die sich nicht jeder qualifiziert, bis zum Tod, der am 80. Geburtstag eintritt. Sogar die Schrift ist verboten, die Einwohner dieses Utopias können nicht wirklich schreiben. Computer-Terminals werden eher für das Versenden von Nachrichten benutzt, für Spiele oder für das Tippen auf Symbole. Und der Frieden scheint brüchig, denn die Kontrolle der Funktionäre wird engmaschiger.


Zunächst die Idylle, dann die immer unangenehmere Stimmung unter den Einwohnern, dass lässt beim Lesen mitfühlen und mitschaudern. Warum nur wehren sich die Menschen nicht. Doch die Bedrohung ist eher subtil, direkte Angriffe sind eher selten. Eher schwebt die Angst über allen, dass sie Privilegien verlieren könnten, die sie schon im Vorfeld einknicken und gehorchen lässt. Auch Cassia fühlt sich als Teil des Systems. Erst ein Fehler bei der Paarung öffnet ihr nach und nach die Augen und je mehr sie erwacht, desto mehr wächst die Sympathie für die junge Frau. Und so versteht es auch dieser Roman mehr und mehr zu gefallen.

Die Auswahl (Cassia & Ky 1) von Ally Condie
ISBN: 978-3-8414-2119-7

Sonntag, 1. März 2015

Die sieben Raben

Fünf Jungen und zwei Mädchen waren sie in der Elefantenstube im Kinderheim Kongslund, dem schönsten Kinderheim in ganz Dänemark, aber eben doch ein Kinderheim. Seit 1948 bis zu ihrer Pensionierung hat es sich Magnolia genannt Magna zur ihrer ureigensten Aufgabe gemacht, dieses Heim zu leiten und den Kindern für die Dauer ihres Aufenthaltes so etwas wie eine Heimat zu bieten und natürlich dafür zu sorgen, dass die Kinder zu guten Adoptiveltern gegeben wurden. Doch diese Sieben waren etwas Besonderes, ihnen wurde spezielle Aufmerksamkeit zuteil. Erst vierzig Jahres später fängt eines der sieben Kinder nun natürlich erwachsen nach seiner Vergangenheit zu forschen. Es ist Maria, die im Kinderheim geblieben ist.

Aus Sicht eines Berichterstatters, der Marias Aufzeichnungen und Sammlungen für seine eigene Nachforschungen nutzen kann, werden die Ereignisse geschildert, die letztlich zu dem sogenannten Kongslund-Skandal führen. Dieser ruft ganz eigenartige Reaktionen bei verschiedenen Personen hervor, die unter anderem auch zu Regierungskreisen gehören. Es wird über die Lebensgeschichten der sieben Kinder berichtet. Jedes einzelne Schicksal ist nicht so einfach und von Ereignissen überschattet, wie sie ein Kind eigentlich nicht erleben müssen sollte. Und die Vergangenheit überschattet auch die Gegenwart. So werden die Berichterstattungen behindert, es kommt zu ungeklärten Todesfällen und Intrigen werden gesponnen. 


Eine verschlungene Geschichte, die berichtet wird. Durch diese Form der Rückschau könnte der Handlung Tempo genommen worden sein. Nichtsdestotrotz baut sich Spannung auf, weil sich der Leser fragt, was letztlich in der Vergangenheit geschehen ist und auch was in der Gegenwart tatsächlich passiert. Mit der gleichen Hartnäckigkeit wie Marie sich an ihre Forschungen macht, macht sich auch der Leser an die Lektüre, um schließlich einige Überraschungen zu erleben, darüber wie gute Absichten mitunter zu Lebenslügen führen, die nicht zum Wohlbefinden aller beitragen. Eine eigenartige Geschichte, die dennoch ihren Reiz hat.

Das siebte Kind von Erik Valeur
ISBN: 978-3-7645-0504-2