Sonntag, 31. Mai 2015

Die ewige Erinnerung

Italien steht im WM-Finale 1982 und der junge Kommissar Michele Balistreri hat Besseres vor als sich um seine Arbeit zu kümmern. Mit Freunden will er das Finale sehen und die Feier beginnt schon früh. Deshalb tut er die Sorgen des Ehepaars Sorti als übertrieben ab, als diese ihre Tochter Elisa als vermisst melden. Sicher sieht sich sich irgendwo das Finale an. Nur wenige Tage später wird Elisa tot aufgefunden und es stellt sich die Frage, ob das Verbrechen hätte verhindert werden können, hätte Balistreri die Sorgen der Eltern ernst genommen. Mit nunmehr verspätetem Eifer macht sich Balistreri an die Ermittlungen.

Ist es eine lässliche Sünde, wenn auch einmal einem Kommissar etwas anderes wichtiger ist? Bei einem WM-Finale könnte man doch mal ein Auge zudrücken. Doch an den katastrophalen Folgen seiner nachlässigen Arbeit leidet der Kommissar genau genommen für den Rest seines Berufslebens. Beginnend während der WM 1982 führt der Autor seine Leser ins Jahr 2005, in dem es zu neuen Todesfällen kommt. Inzwischen neigt sich das Berufsleben des Kommissars eher dem Ende entgegen, desillusioniert und abgeklärt beginnt er mit den Ermittlungen.


Vor der Kulisse des erfolgreichen italienischen Fußballs erfreut der Autor mit einem ausgesprochen komplexen Fall, in dem so mancher Schein trügt. Der Fall Elisa Sorti hat Balistreris gesamte Karriere beeinflusst. Aus dem jungen Haudegen wurde ein abgehalfterter und einsamer alter Ermittler. Langsam nur entschlüsselt man mit dem Kommissar ein Rätsel nach dem anderen. Was zunächst als oberflächliche Nachforschung beginnt, bohrt sich schließlich mit Vermutungen und Grübeleien ins Hirn des Lesers und lässt diesen so schnell nicht los. Schließlich erlebt der Leser ein rasantes und fulminantes Finale, in dem Roberto Costantini mit einigen Überraschungen aufwartet. Zwar weniger ein Thriller, aber ein herausragender intelligenter Kriminalroman, bei dem es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt.

4,5 Sterne

Du bist das Böse von Roberto Costantini
ISBN: 978-3-570-10132-2





Samstag, 30. Mai 2015

Der nahe Krieg

Im schönen Städtchen Rottweil des Jahres 2010 beginnt ein Fremder, Fragen nach dem Verbleib von Thomas Cavar zu stellen. Soweit bekannt ist, kam dieser im Jahr 1995 im Jugoslawien-Krieg um und wurde in einem Massengrab verscharrt. In Berlin wird Kommissar Lorenz Adamek von seinem Onkel, dem ehemaligen Politbeamten Dr. Ehringer, gebeten über Cavar Nachforschungen anzustellen. Ehringer, der nach einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzt, kann nicht selbst nach Rottweil fahren, über die genauen Hintergründe seiner Bitte lässt er seinen Neffen allerdings im Unklaren. 

Mit seinen Ermittlungen taucht Kommissar Adamek in eine fremde Welt. Nach und nach muss er die Puzzleteile zusammen setzen, während der Leser in Rückblenden vom Leben des Thomas Cavar erfährt und die Entwicklung verfolgen kann, die ihn ins ehemalige Jugoslawien führt. Erschreckend wie weit die Auswirkungen dieser Ereignisse in die Gegenwart hereinreichen und immer noch über das Leben einzelner Personen bestimmen. Wie kann es sein, dass Cavar in Deutschland geboren und eigentlich Deutscher, in die politischen und gewalttätigen Umbrüche verwickelt wird. Sind es die Älteren, die selbst nicht mehr kämpfen können und ihre Kinder beeinflussen oder sind es die eigenen Überlegungen? 


Warum ziehen Menschen in einen Krieg, der so nah war und doch aus der heutigen Lebenswirklichkeit entrückt scheint. Natürlich regt es zum Nachdenken an, die Politisierung oder auch Radikalisierung der Jungen, was bewegt sie. Gerade bei den aktuellen Entwicklungen, denen man zum Teil fassungslos gegenüber steht, könnte sich ein besseres Verständnis bilden. Doch mit zwar hervorragend recherchierten aber leider allzu vielen Fakten, kann sich der Leser überfordert fühlen und die Verbindung zu der Handlung und den Personen verlieren oder nicht erst aufbauen. So beginnt der Roman wie eine Reportage, die für sehr an diesem Krieg Interessierte wahrscheinlich ausgesprochen spannend ist, anderen jedoch einiges abverlangt, um bei der Stange zu bleiben. Erst wenn die eigentlichen Begebenheiten in der Gegenwart in den Vordergrund treten, ist auch der etwas eingeschüchterte normal wissende und normal interessierte Leser gefesselt. Um für das Buch wahrhafte Begeisterung zu empfinden zu können, sollte ein Leser möglicherweise eher berichtenden Büchern zugeneigt sein. Wer einen straighten Thriller erwartet, ist vielleicht etwas enttäuscht.

3 Sterne

Der kalte Traum von Oliver Bottini
ISBN: 978-3-8321-8691-7

Donnerstag, 28. Mai 2015

Vom Mann zur Frau

Ein Fortschritt ist es schon, auch Frauen können nun Medizin studieren. Dr. Anna Kronberg, die sich jahrelang in Dr. Anton Kronberg verwandelte, um ihrer Berufung nachgehen zu können, kann nun ihre wahre Identität offenbaren. Ihre Situation bessert sich dadurch nicht, verborgen und zurückgezogen in ihrem Cottage lebend, wird sie von Moriarty aufgespürt und in sein Haus entführt. Dieser will ihr Wissen für seine mörderischen Zwecke nutzen und biologische Waffen entwickeln, die nicht dem Wohle der Menschheit dienen. Zum Schein geht Anna auf Moriarty Verlangen ein, sucht aber insgeheim fieberhaft nach einem Ausweg. 

Sehr angetan vom ersten Band dieser Reihe, war ich sehr gespannt und neugierig, auf welchen Wegen sich Dr. Kronberg und Sherlock Holmes wieder begegnen würden und welche Fälle sie gemeinsam lösen würden. Umso überraschter war ich nun, dass Anna Kronberg in Moriartys Fänge gerät und keinen Kontakt mehr zu Holmes zu haben scheint. Noch mehr überrascht war ich von der Entwicklung, die Annas Leben nimmt. Von der kraftvollen Persönlichkeit, die beinahe durch nichts zu stoppen ist, die es mit ihrer außerordentlichen Intelligenz sogar mit Holmes aufnehmen kann, wandelt sich sich in eine Frau, die sich fast zur Gänze aufgibt, um noch Schlimmeres zu verhindern. Allein bewirkt sie nicht so viel wie vielleicht gewünscht. Eine starke Veränderung geht mit ihrem Charakter vonstatten, die einen beim Lesen beziehungsweise Hören etwas niederdrückt. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die getragen betonte Lesung von Esther Schweins, die die Wandlung der Dr. Anna Kronberg damit hervorragend vermittelt.


Aus dieser Sicht betrachtet ist dieser Roman schon bald kein Krimi mehr, eher eine Studie der Anna Kronberg, eines Menschen, der zum Äußersten getrieben, sich extrem verändert und eigentlich mit Zärtlichkeit umfangen werden müsste. Zu meinem großen Bedauern jedoch muss ich gestehen, mir gefiel die Geschichte einfach nicht. Einen gradlinigen Krimi und intelligente Geplänkel zwischen Holmes und Kronberg erwartend, konnte ich mit diesem Psychogramm eines wahrlich Tiefen Falls nicht warm werden. Es ist alles vorhanden, was einen herausragenden Roman ausmacht, intelligent gestrickte Handlung, glaubhafte Gefühle - doch eher für andere Leser. Unsicher bin ich nun, ob ich mir den dritten Band zulegen werden, welcher im Englischen unter dem Titel „The Journey“ bereits erschienen ist.

3 Sterne

Tiefer Fall von Annelie Wendeberg
ISBN: 978-3-837-12585-6




Dienstag, 26. Mai 2015

Blut ist dicker

Auf dem Heimweg erleidet Hermine Aufdemsande einen Unfall. Obwohl sie ganz normal auf dem Radweg unterwegs ist, wird sie von einem Auto angefahren. Die ehemalige Lehrerin Charlotte Kantig, die zufällig vorbei kommt, bemerkt den Unfall und kann dafür sorgen, dass Hermine ins Krankenhaus gebracht wird. Leider verstirbt sie dort am nächsten Morgen und Charlotte kann sich nicht erinnern, was Hermine ihr noch zugeraunt hat. Nur wenige Wochen später hat auch Hermines Sohn einen Unfall. Obwohl als guter Kletterer bekannt, fällt er beim Reinigen einer Dachrinne von der Leiter und kommt bei dem Sturz ums Leben. 

Das kann doch kein Zufall mehr sein, vermuten die Schwestern Charlotte Kantin und Isabella Steif. Pfiffig und neugierig wie die beiden sind, beginnen sie in der Nachbarschaft Fragen zu stellen und versuchen zu beobachten, ob sich jemand eigenartig benimmt. Nicht verstehen können sie, dass die Polizei lieber an Unfälle glauben möchte. Nun wenn die Polizei nur schleppend arbeiten möchte, müssen eben die beiden Schwestern ran. Nach und nach fügen sie die kleinen Hinweise zusammen und langsam beginnt sich ein Bild abzuzeichnen. Wie bei den meisten Kriminalfällen kann es eigentlich nur um Geld oder leidenschaftliche Gefühle gehen.


Auf unterhaltsame Art und Weise machen sich Charlotte und Isabella an gerade nicht ihre Arbeit und entwickeln dabei eine bessere Spürnase als die professionellen Ermittler. Gegenseitig bekabbeln sich die junggebliebenen Rentnerinnen und feuern sich gegenseitig an. Jede trägt auf ihre Art zur Lösung des Falles bei, auch wenn manchmal die eine schlauer als die andere sein möchte, ergänzen sie sich doch hervorragend und können ihre Kräfte bündeln. So bereiten die beiden liebenswerten Schwestern ihren Lesern ein paar ausgesprochen unterhaltsame Stunden und man möchte sie gerne wieder ins Wohnzimmer einladen.

3,5 Sterne

Kühe, Konten und Komplotte von Gisela Garnschröder
ISBN: 978-3-95819-035-1

Montag, 25. Mai 2015

Tod, Tod, Tod

Zurückgezogen lebt Art Keller in einem Kloster, wo er sich um die Bienen kümmert. Vor einiger Zeit hat er mit einem Trick den Drogenboss Adán Barrera ins Gefängnis gebracht. Als dessen kleine Tochter an einer schweren Krankheit stirbt, will der Vater ihr unbedingt die letzte Ehre erweisen. Dafür ist er bereit einen Preis zu zahlen, er verrät den Behörden einiges über die herrschenden Kartelle. Als Gegenleistung will er den Rest seiner Strafe in Mexico absitzen. Die US-Behörden stimmen der Bedingung zu, nicht ahnend, dass das mexicanische Gefängnis in Teilen von Barrera beherrscht wird. Ein Gefängnis, in dem Barrera ein lockeres und sicheres Leben führen kann und wo er die Neuordnung des Drogenmarktes planen kann. Doch zunächst setzt er ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf Keller aus, worauf dieser zu seinem Schutz wieder aktiviert wird.

Drogenhandel zwischen Mittel- und Nordamerika, ein hartes Geschäft in Teilen wie ein Konzern geführt, gäbe es da nicht die Rivalitäten und Kämpfe um die Vorherrschaft auf dem Markt. Ein Business, das eine Spur von Toten hinterlässt, eine breite Spur. Ein Geschäft, für das auch der DEA-Mitarbeiter Art Keller seine Seele verkauft hat. Einst befreundet sind Keller und Barrera nun auf den Tod verfeindet. Doch weil andere Machtspiele zunächst wichtiger sind, wird das Persönliche hintenangestellt. Das ganze Land ist von diesem Krieg erfasst, wer nicht spurt, kann sich schnell in tödlicher Gefahr befinden. Wer nicht bestochen werden kann, stirbt. Einzelne Gruppierungen beherrschen bestimmte Landstriche. Allianzen, auf Gräbern geschlossen, können je nach Bedarf wechseln. Selbst die Behörden und Regierungen sind nicht gefeit. 


So wie man im wahren Drogenkrieg Mittelamerikas die Toten nicht mehr zählen kann, so mag man hier irgendwann die Leichen nicht mehr zählen. Immer mehr scheint die Lage zu eskalieren. Krieg und Tod unterbrochen von erschütternden Geschichten, die schleichende Abstumpfung der per Definition Guten, wohingegen manche der sogenannten Bösen hin und wieder sogar ein wenig Menschlichkeit anklingen lassen. Ein Gemälde, das schwer zu ertragen ist, und das mit seinen immer neuen grausamen Facetten und Einzelheiten doch fasziniert. Mit Schrecken ist nach einer kurzen und mit Absicht nicht sehr intensiven Internetrecherche festzustellen, dass viele der Schilderungen wahrscheinlich nicht allzu weit hergeholt sind. Ein bitteres Buch, das zwar Hoffnung auf ein Atem holen gibt, aber kaum Hoffnung auf ein Ende des Krieges.

4 Sterne

Das Kartell von Don Winslow
ISBN: 978-3-426-30429-7

Sonntag, 24. Mai 2015

Futsch!

Detective Nick Belsey ist eigentlich noch irgendwie suspendiert und zum Schreibtischdienst verdonnert. Gerade mal wieder will er sich vor Feierabend davonmachen als ein BMW in wilder Fahrt an ihm vorbei jagt. Sogleich nimmt Belsey die Verfolgung auf und als der Fahrer seinen Wagen unvermutet stopt geht es zu Fuß weiter in eine Sackgasse. Des Sieges gewiss muss Belsey feststellen, dass der Flüchtige sich verflüchtigt hat. Wohin kann er verschwunden sein? Belsey steht etwas dumm da, doch als der den Ort des Geschehens später genauer untersucht, entdeckt er den Zugang zu einen unterirdischen Tunnelsystem. Das wäre doch der ideale Platz für sein Date an diesem Abend. Nur wird seine Freundin während eben diesen Dates entführt.

Auch die zweite Begegnung mit dem unkonventionellen Detective Nick Belsey gestaltet sich amüsant und spannend. Mit seiner eigenartigen Dienstauffassung bringt sich der Ermittler in Schwierigkeiten, denn wie soll er diesen Fall bearbeiten, den er durch seinen Leichtsinn selbst verursacht hat. Besonders seine neue Chefin, die er noch von früher kennt, darf nichts davon erfahren. Dennoch ist ihm klar, dass er seine Freundin in große Gefahr gebracht hat und er will alles unternehmen, um sie zu retten. Nichts ahnend bringt er damit eine Sache ins Rollen, deren Ausmaß er nicht abschätzen kann. 


Ein Tunnelsystem unter den Straßen Londons, ein realer Ansatzpunkt, aus dem der Autor einen ausgesprochen packenden Krimi gezaubert hat. Schon früh wurden in London erste Tunnel gebaut, um zum Beispiel die Themse unterqueren zu können. Fortgesetzt wurde dies mit Tunnelbauten für die U-Bahn oder auch für Bunker, die im Krieg benötigt wurden. Teile dieser Tunnelsysteme stehen heute leer und bieten somit eine hervorragende Kulisse für die komplexe Handlung dieses Romans. Was relativ einfach beginnt mit der Verfolgungsjagd und dem Abhandenkommen einer jungen Frau entwickelt sich zu einer hochpolitischen Affäre, die ihren frühen Ursprung im zweiten Weltkrieg und dem darauf folgenden kalten Krieg hat. Was wollen die Dienste des Landes geheimhalten. Nick Belsey tritt in ein Wespennest und entdeckt dabei ein London wie er es bisher nicht kannte. Mit ihm kann der Leser eine außerordentlich fesselnde Entdeckungsreise unternehmen, die ihn am Ende manches mit anderen Augen betrachten lässt.

4,5 Sterne

London Underground von Oliver Harris
ISBN: 978-3-89667-449-4





Samstag, 23. Mai 2015

Vetternwirtschaft

Wie kann das zugehen? Ein Berliner Senatsangestellter und ein Polizeihauptkommissar werden mit der selben Waffe erschossen. Die forsche Staatsanwältin Dagmar Wohlfrom-Kühn übernimmt die Leitung der Ermittlungen, obwohl diese Gemengelage schon ahnen lässt, dass dieser Fall einigen Staub aufwirbeln wird. Zur gleichen Zeit überfällt die junge Journalistin Karen Andermatt das unangenehme Gefühl, sie könnte beschattet werden. Sie beauftragt den nunmehr als Privatermittler tätigen ehemaligen Kommissar Hans Berndorf, herauszufinden, ob ihr Gefühl sie trügt. 

Zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, so scheint es. Eine mögliche Verbindung ergibt sich jedoch schon daraus, dass die Staatsanwältin und Karen sich über Karens Mann kennengelernt haben. Staatsanwältin Wohlfrom-Kühn hatte daraufhin die Idee, sich von der Journalistin für eine Weile begleiten zu lassen. Ein Projekt, aus dem ein Buch entstehen könnte, das wiederum nützlich für den kommenden Wahlkampf sein mag. Nach und nach entschlüsseln Polizei und Privatdetektiv immer mehr verborgene Details, die auf Verquickungen deuten, von denen eigentlich niemand etwas wissen möchte, die die Öffentlichkeit aber kennen sollte. Hans Berndorf scheint als Einziger der Wahrheit auf die Spur kommen zu wollen. 


Gut diesem Roman seine volle Aufmerksamkeit zu widmen, denn nicht ohne Brisanz ist das, was da mehr oder weniger klar angedeutet wird. Gerade wenn man vor kurzem eine Art Korruptionsbericht gelesen hat, bekommt man hier einen Hinweis wie es trotzdem geht und man fragt sich, wie die eigene Republik unter diesen Umständen als die am wenigsten korrupte gelten kann. Ausschreibung ist nicht gleich Ausschreibung und ein Zuschlag will noch lange nichts heißen. Böse sind da einige Entwicklungen, dennoch dürften sie einen nicht geringen Wahrheitsgehalt innewohnen haben. Um einige Illusionen ärmer, um einige Verdachtsmomente reicher, folgt man dem weißen Ritter Berndorf in seinem Kampf um die Wahrheit und hofft, es möge nicht alles unter den Tisch gekehrt werden. Eine Hoffnung, die eigentlich nur vergebens sein kann, so in etwa weiß man ja doch, wie es läuft und dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt ist auch hinlänglich bekannt. Die Ränkeschmiede, das Intrigenspiel zwischen Politik und Wirtschaft werden hier zu einem spannenden und boshaften Krimi verquickt, der sehr nachdenklich stimmt.

4 Sterne

Trotzkis Narr von Ulrich Ritzel
ISBN: 978-3-442-75298-0






Freitag, 22. Mai 2015

Japanische Kirsche

Der bekannte Schriftsteller Kunihiko Hidaka will etwas kürzer treten. Mit seiner Frau Rie möchte er eine Weile in Kanada leben. Ihre Sachen sind schon gepackt und verschickt, nur das Arbeitszimmer des Hauses ist noch eingerichtet, weil der Autor noch einige Seiten seines neuesten Fortsetzungsromans abliefern muss. Ein letztes Mal noch will er sich mit seinem Freund und ehemaligen Schulkameraden Osamu Nonoguchi treffen, der Kinderbücher schreibt. Nach dieser letzten Begegnung, bei dem auch Rie zugegen ist, gibt es noch ein allerletztes Treffen. Da jedoch kann Hidaka zum Entsetzen seines Freundes nur tot aufgefunden werden.

Kommissar Kaga ermittelt in seinem ersten Fall, der sich vielschichtiger darstellt als es zunächst den Anschein hat. Fast schon ein wenig zu schnell schießt sich der Ermittler auf einen Verdächtigen ein. Das der Roman dennoch seine Spannung hält, hat mit der raffinierten Komposition von Beweggründen, Manipulationen und falschen Fährten zu tun, mit denen Bilder gezeichnet werden, die zu Schlüssen verleiten, die in der Folge häufig widerlegt werden und so zu immer neuen Überraschungen und Deutungen führen. 


Nach einiger Leseerfahrung mit unterdessen mehreren unterschiedlichen japanischen Autoren, scheinen diese fast so etwas wie eine gemeinsame Sprachmelodie zu haben, die einem als Leser entweder liegt und gefällt oder auch nicht. Mit einem gewissen Faible für diese spezielle Ausdrucksweise ausgestattet, kann man diesem verschachtelten Kriminalroman eine Menge abgewinnen. Man wird in eine Kultur eingeladen, die zugleich fremd und vertraut ist. Menschliche Gefühle ähneln sich überall, da mag die Beschreibung anders verschlüsselt sein. Verschiedene geschickt gewählte Perspektiven geben ein rundes Bild des Ganzen und enthüllen einen perfiden Plan eines Mörders, der einen tiefen Groll hegt. Vermutlich hätte er sich ein anderes Leben gewünscht. Der nie nachlassende Eifer des Kommissars, der Sache auf den Grund zu gehen, tut ein Übriges, die Lektüre fesselnd und Gedankenspiele anregend zu gestalten. So ist dieser Roman ein schönes Beispiel dafür, dass japanische Autoren durchaus noch mehr Beachtung verdienen.

4 Sterne

Böse Absichten von Keigo Higashino
ISBN: 978-3-608-98027-1

Donnerstag, 21. Mai 2015

Wer meckert, fliegt

Seit Karl Schmidt verrückt geworden ist, lebt er in einer Drogen-WG und arbeitet als Hilfshausmeister in einem Kindererholungsheim bei Hamburg. Wir schreiben das Jahr 1995 und Karl hat mit seinem vor WG Leben abgeschlossen. Bis er seinen alten Freund Raimund Schulte im Eiscafé trifft. Genau genommen möchte er ihn nicht einmal wiedersehen, aber es lässt sich nunmal nicht vermeiden. Und Raimunds Idee rumort dann doch in Karls Gedanken, der jetzt wieder Charlie heißt. Als dann auch noch festgestellt wird, dass er ein Jahr lang keinen Urlaub genommen hat und man ihn in Zwangsurlaub schickt, ist die Zeit reif. Karl oder besser Charlie geht mit seinen alten und einigen neuen Kumpels auf die Magical Mystery Tour. Techno pur - nur einer muss nüchtern bleiben.

Bei der Betrachtung dieser eigenartig widersinnig auffälligen Covergestaltung fragt man sich zunächst, wieso man diesen Roman lesen wollte. Zum Glück fällt es einem schon nach wenigen Seiten wieder ein. Da sind sie die 90er, die Zeit von Techno und Rave. Die Techno-Parties, zu denen man alleine hinging, weil keiner mit wollte, die total urig waren mit seltsam gewandeten Gestalten und minimalistischer Musik. Laut und schnell war am schönsten, doch chillen war auch okay. Und in diese Zeit des Aufbruchs in die Welt der Techno-Freaks, von denen einige schon begannen Geld zu machen, die Meisten aber noch mit großem Enthusiasmus durch die Discotheken zogen nur, um auflegen zu können, entführt der Autor seine Leser. Welch eine irre Zeit das war, wo alles noch echt war und der Mainstream noch nicht die Oberhand hatte. 


Natürlich ist es vorteilhaft, die Welt des Herrn Lehmann und seinen Freunden zu kennen, doch auch viele andere Leser werden sich mit Karls Geschichte wohlfühlen, der seinem behüteten Kokon entwächst und lernt wieder Verantwortung zu übernehmen, der mit zarter Hand die Meerschweinchen umhegt, der seine verrückte Truppe durch die Gegend kutschiert und in dem schließlich die Sehnsucht wächst, wieder ein eigenständiges Leben zu führen. Was für eine coole Socke muss der Autor sein, um so ein cooles Buch zu erfinden.

4,5 Sterne

Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt
ISBN: 978-3-86971-073-0

Mittwoch, 20. Mai 2015

Invasion von Freunden

Willibald Adrian Metzger, seines Zeichens Restaurateur alter Möbel, bekommt "Besuch" von seinem Freund dem Kommissar Eduard Pospischill. Und mit dem muss er dann auch noch in die Oper, Stravinsky wird gespielt, schwere Kost, da haut man doch nach der Pause ab. Auf dem Heimweg wird dem Metzger das Sakko geklaut, von einem jugendlichen Spitzbuben. Und am nächsten Tag wird die Paukenspielerin mit durchschnittener Kehle in einer Mülltonne gefunden. Da des Metzgers Wohnung als Pospischills Hautquartier dient, ist er näher an den Ermittlungen als ihm lieb sein kann, denn nicht nur ihn bringt es durcheinander, sondern auch die Beziehung zu seiner Wochenendfreundin.

Hineinlesen muss man sich etwas in diesen literarischen Ausflug nach Wien, doch dann mag man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Leicht verdreht doch sympathisch grummelt und grantelt sich der Metzger durch die Ermittlungen. Doch immer steht er seinem Freund Pospischill zur Seite oder dieser dem Metzger. Auch große und vor allem unerwartete Änderungen in seinem Leben nimmt der Metzger mit Ruhe und Gelassenheit. Nur ein Ereignis lässt ihn die Gelassenheit verlieren und fast verzweifeln, wäre da nicht eine kleine Blume Hoffnung. Fast schon nebenbei wird auch der Fall gelöst und zu einem überraschenden Schluss geführt. 

Der Metzger, ein Starrkopf, der sich fast gegen seinen Willen weiter entwickelt und dem ich aus freiem Willen wohl noch öfter begegnen werde.

4 Sterne

Der Metzger holt den Teufel von Thomas Raab
ISBN: 978-3-492-27362-6


Montag, 18. Mai 2015

Geheime Netze

Es ist kalt in Venedig als am Ufer des Canal Grande eine weibliche Leiche angespült wird. Sie trägt  eine Priesterrobe, was für die katholische Kirche natürlich überhaupt nicht geht. Hat sie sich einer Art Amtsanmaßung schuldig gemacht und wurde dafür bestraft? Capitano Katarina Tapo ermittelt in ihrem ersten Mordfall. Dabei erwischt sie gleich diesen besonders brisanten Fall, der sich als ganz anders entwickelt als man es zunächst vermuten könnte. Schon kurz nach den ersten Nachforschungen bekommt der Fall eine internationale Komponente.

Zum einen vergisst man doch schnell wie rückständig - aus gewissem Blickwinkel betrachtet jedenfalls - Teile der Kirche sind und zum anderen vergisst man auch schnell welche Präsenz die Amerikaner in Europa noch haben, da in den letzten Jahren doch ein nicht unerheblicher Rückzug stattgefunden hat. Und mit einer Mixtur aus diesen beiden Vergesslichkeiten startet eine Trilogie um die Italienerin Katarina Tapo und ihre amerikanische Militärkollegin Holly Boland. Man mag kaum glauben, was die beiden Frauen herausfinden. 

Ausgesprochen vielschichtig ist dieser Thriller, der sehr pointiert vorgetragen wird von der Sprecherin Ulla Wagener, die ihren Figuren wahres Leben einhaucht. Je näher das Finale rückt, desto mehr merkt man dem Buch an, dass das noch nicht alles gewesen sein kann, was eine kurze Internetrecherche schließlich auch bestätigt. Bei einer derart komplexen Handlung bleibt die Frage, was hier tatsächlich im Bereich des Möglichen liegen könnte und was reine Fiktion ist. Man wünschte sich hierzu eine gewisse Information, schließlich traut man einigen einiges zu, aber das?
Insgesamt ein stimmiger und packender Thriller, bei dem man sich allerdings fragt, ob der Autor den Boden der Glaubwürdigkeit nicht doch verlassen oder ob man selbst dem System zu sehr vertraut. Lediglich eine in diesem Teil störende und aufgepfropft erscheinende kleine Nebenhandlung, die einige Sympathien kostet, könnte möglicherweise in den Folgebänden noch eine Bedeutung erhalten.


Der zweite Teil der Reihe ist bereits erschienen.

3,5 Sterne

Marter von Jonathan Holt
ISBN: 978-3-868-04809-4


INFO: Ich habe mir das Hörbuch zu Gemüte geführt und ich füge euch hier das Cover des Buches bei.





Sonntag, 17. Mai 2015

Skiurlaub für einen Fußgänger

Welch eine Ehre, Willibald Adrian Metzger darf den Kinderwagen der kleinen Lilli durch den verschneiten Park schieben. Nicht nur für Lilli und ihre Mutter, sondern auch für seinen verstorbenen Freund, den Kommissar Eduard Pospischill, tut er das und es ist ihm eine Freude. Wären da nicht die minütlichen Kontrollanrufe seiner lieben Danjela, doch auch die nimmt der Metzger irgendwie gerne entgegen. Auf einer seiner Runden durch den winterlichen Park muss er bestürzt mit ansehen, wie ein kleines Mädchen einen Erstickungsanfall durchleben muss. Zum Glück eilt ein Obdachloser herbei, der die richtigen Griffe kennt und das Kind retten kann. „Nun geht das Sterben wieder los!“ murmelt dieser und ist bald selber tot.

Das Gedankengekreisel des liebenswerten Grantlers Willibald ist schnell in Gang gesetzt. Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Und gemeinsam mit seiner Danjela macht er sich auf in die Welt der Skipisten, der Seilbahnen und Touristen. Hei, wie lustig geht es dort daher, wie schön werden da die Fremden verschaukelt. Gemeinsam schauen der Willibald und die Danjela nach und nach hinter die Kulissen des harten Tourismusgeschäfts, durchschauen die Ränke, die in der Dorfgemeinschaft geschmiedet werden und die schließlich zu dem seltsamen Ausruf des Obdachlosen geführt haten. 

Nach einer Pause mal wieder ein Besuch in der Welt des Metzgers, brummelnd, behäbig, geistig schnell, körperlich nicht ganz so. Mit seinem eisigen Abenteuer nimmt einen der Metzger gefangen, man möchte die bizarren Ideen, die hingegrummelten Sätze, die humorigen Auswüchse anstreichen, damit man ja nichts vergisst. Allerdings hätte man dann ein kunterbuntes Buch, so viele dieser Kleinode enthält es. Gleichzeitig mit diesem urigen Sprachwitz bekommt der Leser auch einen aufrüttelnden Fall geliefert, der die Auswüchse der Tourismusindustrie an den Pranger stellt, was wird da alles dem Gewinnstreben und der Gier nach mehr untergeordnet. Betroffen und beschämt könnte so mancher sein, bei Gedanken, dass hier Ressourcen verschwendet werden, die in anderen Regionen zum Überleben gut gebraucht werden könnten. Da scheinen wir den Scheichs in Nichts nachzustehen. Das Ganze ist eingebettet in eine tragische Familien- und Dorfgeschichte. Willibald Adrian Metzger at his Best.

4,5 Sterne

Der Metzger bricht das Eis von Thomas Raab

ISBN: 978-3-492-05473-7

Nicht so ergreifend wie gedacht

Die 16jährige Aysel leidet unter Depressionen. Ihr Herz erscheint ihr wie ein schwarzes Loch, das alles zu verschlingen droht. Ihre Lebensfreude hat die schwarze Qualle namens Depression aufgesaugt, ihr Leben erscheint ihr nicht mehr lebenswert. Als sie über ein Forum für Selbstmörder den 17jährigen Roman kennenlernt, scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein: Gemeinsam planen die Beiden ihren Selbstmord. Doch je näher der Termin Ihres Vorhabens rückt, desto mehr Zweifel umtreiben Aysel. Warum Roman sein Leben beenden möchte, bleibt ihr schleierhaft und in ihrem eigenem Leben haben Lichtschimmer und Hoffnung inzwischen Einzug erhalten. Und so beginnt Aysel für einen Ausweg zu kämpfen; für sich und für Roman, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt... "Mein Herz und andere schwarze Löcher" greift ein sehr ernstes Thema auf: das der Depression und der Todessehnsucht. Es handelt sich um ein Jugendbuch, das leicht und verständlich geschrieben ist. Der Autorin gelingt es, das Innenleben der beiden Hauptprotagonisten, Aysel und Roman, so anschaulich zu beschreiben, dass der Leser einen tiefen Einblick in deren Gefühlswelt bekommt. Im Verlauf der Geschichte erfährt man immer mehr über die Beweggründe der Beiden, ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen. Es ist eine emotionale Geschichte, die Jugendliche sicher packt und zum Nachdenken anregt. Mich persönlich hat die Geschichte nicht so aufgewùhlt, wie ich es erwartet hatte. Insbesondere Aysels "Leidensgeschichte" empfand ich als etwas übertrieben, den Selbstmordgedanken konnte ich ihr von Anfang an nicht richtig abkaufen. Ich hatte immer den Eindruck, dass ihre momentane Depression relativ schnell überwunden werden könnte, wenn es ihr gelänge, im Leben mehr Anerkennung und Liebe zu spüren. Ob dem letztlich so ist, muss der Lesen natürlich selbst herausfinden. Lesenswert ist die Geschichte allemal.

3 Sterne

© Britta Kalscheuer

Mein Herz und andere schwarze Löcher von Jasmin Warga
ISBN: 978-3-7373-5141-6




Samstag, 16. Mai 2015

Casting Show

Sergeant Logan McRae hat mehr Arbeit als er schaffen kann. Am brisantesten ist dabei die Entführung von Alison McGregor und deren kleiner Tochter Jenny. Die beiden stehen im Finale einer Casting Show und so ist ganz Aberdeen in Aufruhr als die Entführung bekannt wird. Natürlich setzt die Polizei alles daran, besonders das kleine Mädchen zu retten. Da treten andere Einsätze wie die Verhaftung des Kleindealers Shuggy in den Hintergrund. Was sich allerdings schnell rächt. Noch nicht einmal genügend Zeit für seine Freundin Samantha kann McRae aufbringen.

Gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ermittlungen? Was will die Interne schon wieder? Und wie hält man sich am besten diesen arroganten Besserwisser Green von der SOCA (Serious Organised Crime Agency) vom Hals? Und wie hält man die Termine mit Samantha ein? Nahezu unlösbar scheinen die Aufgaben von Logan McRae und den anderen Mitgliedern des Teams. Allerdings scheint dieses Team aus nur wenigen denkenden Ermittlern und einer Menge Idioten zu bestehen. So geht zu Beginn erstmal eine Menge schief und die Fälle bringen nichts als Probleme und die Felle schwimmen davon. Schließlich bleibt nur wenig Zeit bis das Ultimatum der Entführer abläuft. 


Anfänglich scheint auf dem Revier nur ein etwas nerviges Durcheinander zu herrschen und die Polizeiarbeit nur aus Fehlern und Rechtfertigungen zu bestehen. Die Ermittler rennen den Entwicklungen hinterher, die Zeit läuft ihnen davon und nichts geht voran. So konfus wie die Ermittler kommt man sich bald auch als Leser vor. Dennoch sollte man diesen Krimi in der Hand behalten und sich auch die zweite Hälfte zu Gemüte führen. Dann endlich nimmt der Fall an Fahrt auf und die Polizisten beginnen, sich auf ihre eigentliche Aufgabe nämlich die Lösung der Fälle zu konzentrieren. Plötzlich hat man einen packenden Thriller, einen Fall, der einem die Haare zu Berge stehen lässt und einen Ermittler, der zu einer authentischen, wenn auch gebrochenen Persönlichkeit wird. 

3,5 Sterne

Knochensplitter von Stuart MacBride
ISBN: 978-3-442-54669-2






Freitag, 15. Mai 2015

Man on Mars

Bei einer Marsmission geht etwas schief, nur fünf der sechs Crewmitglieder können sich in das Raumschiff retten, das sie zur Erde zurückbringen soll. Alles spricht dafür, dass der Sechste nur tot sein kann. Doch das Unglaubliche ist geschehen, Mark Watney hat überlebt. Und so ist er auf dem Mars gestrandet mit der Station und den Ausrüstungsgegenständen, die auf dem Planeten verblieben sind. Sein nächstes Ziel ist es, zu überleben, überhaupt und dann möglichst so lange, bis die nächste Marsmission in abholen kann.

Welch schräge Vorstellung, als einziger Bewohner des Planeten Mars sein Dasein zu fristen. Marc Watney erzählt von seinem Schicksal in Tagebüchern, die in Marstage gegliedert sind. So kann der Leser dem nimmermüden Watney folgen, wie er seine Situation kühl durchdenkt und jedem Problem letztlich mit einer Lösung begegnet. Da gibt es kein Aufgeben, vielleicht ein kurzes Verzagen, wenn mal wieder etwas gründlich schief gelaufen ist, doch schnell versucht Mark etwas Positives in einer vertrackten Situation zu sehen. Gerade der rechte Ansatz, um selbst schwierigsten Problemen begegnen zu können. Und so folgen wir seinem einsamen Weg, der mühsam scheint, aber von seinem großen Durchhaltevermögen und Optimismus bestimmt ist.


Ein Mensch einsam und allein gestrandet auf dem Mars. Beim Lesen der Beschreibung und zugegeben kein Liebhaber von Robinson Crusoe, geht man vielleicht etwas verhalten an das Buch heran. Was kann es denn anderes geben als langatmige Beschreibungen der Einsamkeit. Doch weit gefehlt, das Buch ist sehr spannend. Zwar schon typisch amerikanisch verfällt der Marsianer nie in Depressionen, mit ungeheurem Optimismus glaubt er jedes Problem lösen zu können. Und mit diesem Glauben geht er an jedes Hindernis heran, das sich seinem Überleben in den Weg stellt. Und immer wenn es doch ein wenig eintönig zu werden droht, gelingt dem Autor eine Wendung, die dem Roman die nötige Fahrt verleiht und den Leser förmlich vor die Seiten des Buches bannt. Eine packende Lektüre, die so schnell nicht ihres gleichen findet.

4,5 Sterne

The Martian von Andy Weir
ISBN: 978-1-448-17720-2


INFO: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und füge hier auch noch das deutschsprachige Cover bei.






Donnerstag, 14. Mai 2015

Eine ganz andere Werbeagentur

Musa Bey ist Texter, ein Job, der nicht viel einbringt. Deshalb ist er sehr froh als ein ehemaliger Militärkamerad, der gerade nach Istanbul gezogen ist, ihm anbietet, dass er das dritte Zimmer in der neuen Wohnung übernehmen kann. Die Freude dauert allerdings nicht lange, denn Musa verliert seinen Job. Doch er darf weiterhin in der Wohnung bleiben und kann die Miete zahlen, wenn er wieder eine Arbeit hat. Aus diesem Grund überlegt Musa nicht lange, als er einen Job in einer Werbeagentur angeboten bekommt, tritt er die Stelle sofort an. Doch wo ist er da nur gelandet, die Agentur hat nur einen einzigen Kunden und sein Chef ist eine biestige Katze. 

In was für ein seltsames Abenteuer ist Musa da hineingeraten, wäre da nicht Sanem, die am Schreibtisch gegenüber sitzt, Musa hätte bald wieder gekündigt. Doch diese wunderschönen Augen, in denen er versinken kann, wenn er am Arbeitsplatz den Kopf hebt, lassen in weitermachen. Und so gerät er von einer skurrilen und unglaublichen Situation in die andere. Hinter den eigenartigen Ereignissen, scheint ein Plan zu stecken. Doch was soll das Ziel sein und werden Musa und Sanem glücklich?


In eine Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit scheint der Autor seine Leser zu ziehen. Und je abstruser Musas Erlebnisse werden, desto verwirrter wird der Leser. Verwirrt allerdings auf eine angenehme Art und Weise, denn dieses kleine Büchlein mit seiner verschrobenen Geschichte ist doch höchst amüsant. Dabei bedarf es schließlich gar keiner wirklichen Klärung, ob und in welchem Maße Wahrheit oder Inszenierung für Musa ineinander fließen. Wie ein kleiner Schelmenroman bringt dieses Buch den Leser auf mal ganz andere auf die vermeintliche Wirklichkeit.

4 Sterne

Secret Agency von Alper Canigüz

ISBN: 978-3-943-56208-8

Dienstag, 12. Mai 2015

Lasset die Englein zu mir kommen

Kommissar Holger Munch wird an seine alte Wirkungsstätte zurück gerufen. Nach einem missglückten Einsatz eigentlich in Ungnade gefallen, wird er nun doch gebraucht. Und er will seine alte Mannschaft wieder zusammenhaben. Zu dieser gehört auch die gut dreißigjährige Mia Krüger. Zwar hat sie sich auf eine einsame Insel zurückgezogen, um mit dem Leben abzuschließen. Als sie hört, dass es bei dem neuen Fall um getötete Kinder geht, kleine Mädchen in Puppenkleidern, kann sie nicht anders als sich den Ermittlern anzuschließen. Schnell mehren sich die Anzeichen, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun bekommen könnten. Das Team arbeitet auf Hochtouren.

Zunächst durch eine Mischung aus deutlichen, erschreckenden Szenen und phantasieanregend Ungesagtem fesselt der Autor seine Leser. Für seine Figuren lässt er sich Zeit, fast liebevoll beschreibt er die Ermittler und ihr Umfeld, fast akribisch die Verdächtigen, doch auch zunächst anscheinend Unbeteiligte bekommen ihre Aufmerksamkeit. Aktionsreiche Szenen wechseln sich mit eher nachdenklichen manchmal sogar witzigen und humorvollen Abschnitten ab. Gerade, wenn etwas zu viel zu werden droht oder man etwas zu vermissen beginnt, scheint der Autor ein Gespür dafür zu haben, genau den Wechsel herbeizuführen, den es benötigt, um die Spannung beizubehalten. Geheimnisvolle Hinweise, die Schritt für Schritt durch akribische Ermittlungen und präzise Denkoperation entschlüsselt, lassen einen hochintelligenten Täter vermuten, der alles daran setzt seinen perfiden Plan durchzuführen. So ausgewogen und manchmal überraschend und erfrischen anders sich der Beginn und der Mittelteil gestalten, so doch ein wenig enttäuschend ist die Auflösung, die schließlich recht schnell und nicht ganz so geheimnisumwittert präsentiert wird wie es zunächst zu vermuten oder zu hoffen war.

Dennoch ein packender Beginn einer neuen Reihe um die außergewöhnlichen Ermittler Holger Munch und Mia Krüger, die durch ihre besonderen Fähigkeiten bestechen und die ihre persönlichen Eigenheiten zu Persönlichkeiten machen, denen man gerne wieder begegnen und an deren Weiterentwicklung man teilhaben möchte.


Hervorzuheben ist die hervorragende Covergestaltung, die das Buch zu einem Hingucker in jedem Regal macht und die dazu noch ein besonderes haptisches Erlebnis bietet.

4 Sterne

Engelskalt von Samuel Bjørk
ISBN: 978-3-442-48225-2






Sonntag, 10. Mai 2015

Ein Meer aus Geheimnissen und Lügen

Der Albtraum einer jeden Frau: Eva wacht eines morgens auf, das Bett neben ihr ist leer. Daraufhin begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Ehemann Jackson. Leider gibt es schlechte Nachrichten für sie, denn Jackson stürzte beim Angeln von den Klippen und fand im Meer den Tod. Seine Leiche wird nie gefunden. Die erst seit zehn Monaten verheirate Eva fühlt sich alleine und einsam. Sie beschließt nach Tasmanien zu reisen, wo die Wurzeln ihres Mannes liegen. Sie bedauert nicht zu Lebzeiten mit Jackson dort gewesen zu sein und möchte nun endlich dessen Familie kennenlernen. Nicht zuletzt ist dies ja auch die letzte Verbindung zu ihrem Ehemann, mit dem ihr insgesamt nur zwei Jahre vergönnt waren. Doch was sie dort nach und nach erfährt, wirft sie komplett aus der Bahn und lässt Jackson in einem neuen Licht erscheinen. Callie und Saul, Jacksons Bruder, sind ihr in dieser Zeit wichtigte Stützen. Die braucht sie auch, als das Unvorstellbare wahr wird... Lucy Clarke ist es gelungen, eine Geschichte zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und immer wieder überraschende Wendungen nimmt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Das Ende habe ich zwar so ähnlich vorhergesehen, dennoch tat dies der Spannung keinen Abbruch. Gebannt habe ich mit Eva mitgefiebert, die sich in der atemberaubenden Kulisse Tasmaniens Schritt für Schritt der Wahrheit annähert. Allein die love story hätte es nicht gebraucht, aber das ist natürlich Geschmackssache. Ansonsten bin ich begeistert von den Charakteren, mit denen ich im einen Fall mehr, im anderen weniger sympathisieren konnte, ebenso wie von den Lanschaftsbeschreibungen und der Gesamtkonstruktion der Geschichte. Unbedingt lesenswert!

4 Sterne

Der Sommer, in dem es zu schneien begann von Lucy Clarke
ISBN: 978-3-492-06012-7

© Britta Kalscheuer

Promenadenmischung

Kurz nach der Wende macht er etwas, was Unverständnis auslöst, er kündigt seine Arbeitsstelle. Und eine Weile später kündigt er weiter, die Wohnung, die Versicherung, er meldet sich ab, verkauft und verschenkt, was er besitzt. Ein Besuch beim Vater noch und fort aus Berlin, egal wohin fast, nur warm soll es sein und auf dem Landweg zu erreichen. Und so geht es mit dem Zug zunächst in die Schweiz und weiter nach Spanien. Ohne geplantes Ziel führt ihn die Reise nach Gabo de Gata, ein karger Landstrich an der Südküste Spaniens, einer der Orte in Europa mit den meisten Sonnenstunden und nur wenig Regen. Dort soll sein Roman entstehen. Der Ort und seine Menschen sollen eine Inspiration bringen.

Mit dem Autor kann der Leser eine Weile aus der Zeit heraustreten, sich vielleicht an einen Urlaub oder eine Reise erinnern, die in ihrer Eintönigkeit befreit, Sorgen und Nöte in den Hintergrund drängt und dazu anregt, den Moment zu genießen. Nicht mehr genau zu wissen, welcher Tag es ist, in jeden neuen Tag hineinzuleben, Gedanken loszulassen. Doch auch die Fremdheit zu spüren, die einem entgegen gebracht wird, taucht man außerhalb der Saison auf. Das langsame Herantasten, die Aufnahme in den Alltag der Einheimischen, die sich nicht in großen Gesten äußert, sondern eher in einem leisen Gruß oder der anheimelnden Nichtbeachtung. Die wenigen Durchreisenden nehmen sogleich Kontakt auf und sind doch schnell wieder vergessen.


Zwischen Gedanken, Erfindung und beschriebener Wirklichkeit kann man als Leser an der Deutung zweifeln. Man kann jedoch auch auf eine Deutung verzichten und das Buch wie eine kleine Auszeit, einen kleinen Urlaub auf sich wirken lassen. Gerade die Ungezieltheit der Aufzeichnungen befreien auch den Leser von störenden Gedanken und er kann sich in die Szenerie hinein sinken lassen.

4 Sterne

Cabo de Gata von Eugen Ruge
ISBN: 978-3-498-05795-4




Samstag, 9. Mai 2015

Broken

Ein Fall wie ihn sich niemand wünscht. In einer Musterwohnsiedlung in der Nähe von Dublin, die leider nie fertig wurde, werden drei Tote und eine Schwerverletzte gefunden. Eltern und zwei Kinder, die Kinder wurden erstickt, die Eltern haben verschiedene Stichwunden. Detective Mike Kennedy, der in seiner Jugend mit seinen Eltern oft in der Gegend Urlaub machte, übernimmt den Fall. Er ist genau der Richtige für den Fall, er hat eine super Aufklärungsrate und sein neuer Partner scheint ein Händchen für die Arbeit zu haben und ist sich für keine Überstunde zu schade. Doch was kann in dieser verwünschten Siedlung nur geschehen sein? Nur wenige der Häuser sind bewohnt, es gibt kaum Zeugen, nur die Erzählung einer Familie, die durch die Rezession nach unten gerissen wurde.

Die Autorin gibt ihren Lesern hier einen harten Brocken zu schlucken. Wer kann eine solche Tat begehen? Was kann hier ein Motiv sein? Eine Familie, die offensichtlich trotz der nicht einfachen Umstände glücklich war. Alles scheint zu passen und es kann nur eine Frage der Zeit sein bis sich wieder ein Job findet. Ist es für Kennedy hilfreich, dass er seine eigenen Beziehungen zu der Gegend hat, oder schränkt es sein Urteilsvermögen ein? Ist der sein Partner, der unerfahrene Richie Curran wirklich die ideale Besetzung?


Man tut sich etwas schwer mit der Lektüre, so recht will keine Spannung aufkommen. Aus der nicht von einer Rezession geprägten Sicherheit betrachtet, fragt man sich, ob eine Krise wirklich solche Auswirkungen haben kann. Man fragt sich nach der Recherche, man fragt sich nach einer wirklichen Erklärung. Vielleicht ist es von der Autorin gewollt, einige Dinge offen zu lassen oder einfach nicht zur Befriedigung einzelner Leser zu erklären. Doch um zu diesem Schluss zu gelangen, wendet sie viel Zeit und Mühe auf und wirft die Frage auf, was dieses oder jenes denn bezwecken soll. Diese Unterschwelligkeiten und Verdrehtheiten könnten einigen Lesern nach einer Weile doch auf die Nerven gehen. Wohl schon ein psychologischer Kriminalroman, der die Leser in eine depressive Welt entführt, ob es allerdings ein Meisterwerk ist, muss jeder Leser für sich selbst beurteilen.

3 Sterne

Schattenstill von Tana French
ISBN: 978-3-596-18882-6

Info: Das Cover ist von der Neuauflage. Ich habe eine ältere Ausgabe gelesen.


Freitag, 8. Mai 2015

Das Haus in Schweden

Daniels Eltern haben beschlossen, ihren Lebensabend in Schweden zu verbringen. Von dort stammt seine Mutter und er denkt, es sei eine wunderbare Gelegenheit für die Eltern. Für Daniel ist es allerdings auch eine Gelegenheit, nämlich hinauszuzögern, seinen Eltern von seinem Lebenspartner Marc zu erzählen, mit dem er inzwischen zusammen wohnt. Als Daniel nach Monaten einen Anruf von seinem Vater erhält, in dem dieser mitteilt, die Mutter, Tilde, sei in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden, ist er sehr erschrocken und will sich sofort auf den Weg nach Schweden machen. Doch noch am Flughafen in London meldet seine Mutter ihr Ankunft in England an. Sie hat ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Man fragt sich zu Beginn, wie die Mutter Tilde in so relativ kurzer Zeit so seltsame Anwandlungen bekommen kann. Die gestandene Frau, die mit ihrem Mann eine Gärtnerei in England führt, wird nach Aufgabe des Geschäfts relativ plötzlich zu einer vermeintlich Durchgedrehten, die psychiatrischer Behandlung bedarf. Daniel lernt eine ganz andere Mutter kennen, er erfährt, dass die Eltern andere Gründe hatten nach Schweden zu gehen als gedacht, dass die Aufnahme dort nicht so wohlwollend war wie erhofft. Doch alles, was Tilde erzählt, scheint keinen Grund für Tildes doch extreme Reaktion darstellen zu können. Nach und nach kommt eine Geschichte zutage, mit der Daniel überhaupt nicht rechnen konnte. Er muss das Bild, das er sich von seiner Mutter gemacht hat, neu überdenken.


Dieses ungekürzte Hörbuch lebt sehr von seinen beiden Vorlesern, wobei Friedrich Mücke Daniels Part übernimmt und Beate Himmelstoß den von Tilde. Ob bewusst ist nicht ganz klar, doch kommt Daniel zunächst etwas weichlich und verschlürt daher, während Tilde klare teils schonungslose Worte findet, erscheint Daniel am Ende gereift und endlich erwachsen, er bringt seiner Mutter schließlich die Hilfe, die sie erhofft hatte. In Teilbereichen fast schon ein Hörspiel fasziniert die Lesung und entwickelt sich zu einem spannenden Stück für Mutter und  Sohn. Wenn man vielleicht auch nicht immer glauben mag, dass Dinge so geschehen können, wird man doch bestens unterhalten und bekommt jegliche Frage logisch beantwortet und Handlungen begründet.

4 Sterne

Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith
ISBN: 978-3-844-51130-7





Donnerstag, 7. Mai 2015

Boudicca Project

Detective Nick Belsey ist ziemlich am Ende, eines morgens wacht er irgendwo draußen auf und fragt sich, was er gestern getan hat. Wie es sich herausstellt, hat er Schulden, kein Haus mehr und trinkt mehr Alkohol als gut für ihn ist. Da ist eine Selbstmord-Ermittlung in einem der besseren Viertel Londons fast wie ein Geschenk des Himmels. Zwar ermittelt Belsey etwas vor sich hin. Doch hauptsächlich nutzt er die Gelegenheit, sich im Haus des Opfers einzunisten. Und als er auch noch ein geheimes Konto entdeckt, scheinen alle seine Träume in Erfüllung zu gehen.

Bevor ich zur eigentlichen Besprechung komme, will ich eine Kleinigkeit erzählen. Ich habe das Buch gebraucht erworben und so wie der Buchrücken aussah, hat mein Vor-Leser gerade in dem Moment aufgehört zu lesen als das Buch spannend wurde. Wie schade.
Allerdings musste ich zu Beginn auch etwas kämpfen, denn ein Bulle, der das tote Opfer ausnimmt, um abhauen zu können, entspricht nicht so ganz meiner Vorstellung von einem Polizisten. Aber je mehr ich in die Geschichte eintauchen konnte, desto mehr hat mich speziell dieser Teil des Szenarios belustigt. Der gute Nick schlittert nämlich immer wieder in Situation, in denen er seine Ausbildung einfach nicht verleugnen kann und dann doch beginnt ordentlich zu ermitteln. Mitunter bringt er seine Hinweise dann bei den Kollegen an oder auch bei der Presse, ohne natürlich seinen geheimen Plan aus den Augen zu verlieren. Fast unfreiwillig entschlüsselt er einen ausgesprochen interessanten Plan, den einer hat, um an das Geld anderer Leute zu kommen. 

Für mich war dieses eines der Bücher, mit denen es anfangs etwas langsam vorangeht, die aber dann immer besser werden, so dass man schließlich nicht mehr von ihnen lassen kann, weil man wissen will, was dahintersteckt. Dieser etwas andere Held wurde mir doch sehr sympathisch und ich denke, wir werden noch mehr von ihm lesen können.

4 Sterne

The Hollow Man von Oliver Harris
ISBN: 978-0-062-13671-8


INFO: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Ich füge mal das deutsche Cover hinzu.






Mittwoch, 6. Mai 2015

Shibumi preloaded

Nikolai Hel hat seinen Ziehvater umgebracht, um ihn vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren. Dafür saß er einige Jahre im Gefängnis. Doch im Jahr 1951 macht ihm der Amerikaner Haverford ein Angebot. Wenn er nach Peking reist und dort einen bestimmten Russen umbringt, bekommt er seine Freiheit, Geld und einen Pass eines Landes seiner Wahl. Diese Chance will Hel sich nicht entgehen lassen. Und so landet er zunächst in Tokio, wo er die Identität eines französischen Waffenhändlers annehmen soll. Damit ihm das perfekt gelingt, verbringt er die Zeit mit der Französin Solange, die ihm noch einiges mehr beibringt als nur den Akzent der Gegend um Montpellier. Nach einigen kurzen Wochen der Regeneration und Entspannung, die nur von einem Mordanschlag unterbrochen werden, beginnt das Abenteuer in Peking. 

Ein rasant geschriebenes Abenteuer in authentisch altmodischer Thriller-Manier, einfach klasse. Der Beginn des kalten Krieges, USA gegen Russland, Russland mit China, alle rühren im vietnamesischen Pott. Und dann dieser Superheld Nikolai Hel, der es schafft größten Gefahren zu entgehen. Der schneller den Attentäter tötet, bevor dieser sein Werk beginnen kann. Ein Agent jagt den anderen, es werden verschiedenste Süppchen gekocht. Und auch Nikolai hat private Hühnchen mit seinem Opfer zu rupfen. Teilweise scheint es etwas kunterbunt durcheinander zu gehen, gerade wenn man mit den Gegebenheiten der Zeit und des asiatischen Raumes nicht so vertraut ist. Doch ist am Ende jedes Steinchen an seinem Platz. Und einige Überraschungen muss der Leser auch verkraften. Mir jedenfalls hat diese ausgesprochen unterhaltsame Kost in einem gekonnt altmodischen Stil sehr gut gefallen. Der Autor hat seinen Roman im Übrigen als Prequel zu dem Buch Shibumi des Autors Trevanian, was mal ein ungewöhnlicher Ansatz ist.

5 Sterne

Satori von Don Winslow


ISBN: 978-0-446-56192-1

INFO: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Unten habe ich das Cover der deutschen Ausgabe hinzugefügt.










Sonntag, 3. Mai 2015

Blut, das auf Schnee fällt

Sein Leben hat sich Olav anders vorgestellt, doch es ist wie es ist. Und so ist er derjenige, der für andere aufräumt. Zwar arbeitet er nur Aufträge ab, dennoch würde sich Daniel Hoffmann als sein Chef bezeichnen. Und genau dieser Hoffmann ist es, der Olav den Auftrag erteilt, sein untreues Weib umzubringen. Nicht gerade glücklich mit dieser Aufgabe, sieht Olav dennoch keine Möglichkeit, nein zu sagen. Bald beginnt er dass Haus seines Bosses zu beobachten und macht dabei einige erstaunliche Entdeckungen, die eine Kette von Ereignissen ins Rollen bringen, an deren Ende alles anders ist.

Eine etwas andere Veröffentlichung von Jo Nesbø, ein relativ kurzer Roman, fast wie eine Erzählung, wenn man denn einen Thriller so nennen kann. Wobei sich am Ende des Buches ein Hinweis auf einen weiteren Teil dieser befindet,  der mit diesem zumindest locker zusammenhängt. Hier bliebe abzuwarten wie eng der Zusammenhang ist, um herauszufinden, ob es sich schließlich eher und eine Sammlung von Geschichten handelt oder doch einen Roman, der vielleicht besser in einem Band herausgegeben würde.

Hier wird zunächst Olavs Geschichte erzählt, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, wie er meint, ist er zu einem erfolgreichen Auftragskiller geworden. Doch mehr als einmal spielt ihm seine  Phantasie Streiche und er denkt sich Geschichten aus, die mit den Menschen, die er trifft, nicht wirklich viel zu tun haben. Dennoch ist er als Mörder erfolgreich, er lebt noch und er wurde bisher nicht erwischt. Doch ist es nicht an der Zeit etwas zu ändern, ein anderes Leben zu beginnen? Dieser Gedanke und die Beobachtung des Hauses von Hoffmann setzen einiges in Gang.


Zwischen den Erinnerungen und Gedanken Olavs und actionreichen Szenen des Aufräumens hin und her pendelnd bietet das Buch durchaus vielschichtige Unterhaltung, spannend teilweise etwas surreal. Vielleicht liegt manchmal wirklich in der Kürze die Würze, dann hätte der Autor es hier auf den Punkt gebracht. Die stimmungsvolle Poesie des rot wie Blut und weiß wie Schnee jedenfalls erreicht den Leser, allerdings erreichen mich persönlich die Fälle des Harry Hole noch viel mehr.

3,5 Sterne

Blood on Snow von Jo Nesbø
ISBN: 978-1-84655-992-1


Samstag, 2. Mai 2015

Tief im Süden

Im Jahr 1946 ist Regina Mary Robichard eine der ersten schwarzen Bürgerrechts Anwältinnen. Kurz vor ihrer Ernennung arbeitet sie im Büro von Thurgood Marshall in New York, der sich der Rechte der schwarzen Bürger angenommen hat. Als eines Tages ein Schrieben des bekannten Schriftstellers M. P. Calhoun die Kanzlei erreicht, in der der Autor darum bittet, den Todesfall eines farbigen Weltkriegs-Heimkehrers aufzuklären, setzt Reggie alles daran, diese Ermittlungen zu übernehmen. Denn Calhoun ist der Autor ihres Lieblings-Kinderbuches, das noch in den 1940ern in den Südstaaten verboten ist, denn es handelt von den Erlebnissen dreier Kinder, zwei davon weiß eines schwarz.

Die Zeit der Rassentrennung neigt sich ganz langsam dem Ende zu, so ganz erreicht ist dieses Ende angesichts gerade der aktuellen Ereignisse wohl immer noch nicht. Umso spannender und lehrreicher wird vor diesem Hintergrund die Lektüre des Romans um Reggie Robichard und die Ereignisse in den 40ern. So lange ist es noch nicht her, doch wirkt das Geschehen als müsste es zu einer Zeit spielen, die viel länger vergangen ist. Versetzt man sich in Reggies Lage als sie schon während der Anreise sehr deutlich erfährt, dass sie im Süden eine andere Welt betreten wird als sie es von New York gewöhnt ist, fühlt man ihr ungläubiges Erstaunen und Entsetzen als sie in die Klasse der Schwarzen umquartiert wird als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Man fühlt auch ihre Unsicherheit, soll sie lieber kein Aufsehen erregen und mit dem Strom schwimmen oder soll sie sich wehren. Um überhaupt am Ziel der Reise ankommen zu können, entscheidet sie sich für ersteres. Eine Entscheidung, die sie noch häufiger treffen muss. Manchmal muss es schlimmer werden, bevor es besser werden kann.


Dieser Roman macht seinem Titel alle Ehre - tatsächlich hat er etwas Magisches und Geheimnisvolles. Die Wege des Zwischenmenschlichen im Süden sind manchmal sehr unergründlich, ihnen scheint ein Zauber innezuwohnen, den fortschrittlichere Gegenden wohl nicht hervorgebracht haben. So taucht Reggie ein in eine Welt, in der schwarze Mitbürger weniger gelten als weiße, ihr Einfluss aber dennoch nicht zu unterschätzen ist. Verschlungen sind die Wege des Rechts, das sich aber doch irgendwie einen Pfad durch das Dickicht bahnt. Mit ihrer Art zu schreiben fast etwas wie kindliche Naivität ausstrahlend, fängt die Autorin ihre Leser ein, um sie so schnell nicht wieder loszulassen. Sie lässt mit ihrer Geschichte eine längst vergangene Zeit lebendig werden, die nichts an Aktualität verloren hat. Der Kampf um das Recht soll nie aufgegeben werden.

4,5 Sterne

The Secret of Magic von Deborah Johnson
ISBN: 978-0-241-19893-2

Freitag, 1. Mai 2015

Beste Freundinnen

Während der Schulzeit mit dreizehn oder vierzehn lernen sich Rachel und Clara kennen. Sie werden unzertrennlich, die etwas dickliche und unscheinbare Rachel und Clara, mit der eigentlich jeder befreundet sein möchte. Gerade Rachel ist es, die es schafft. Viele Jahre später hat Rachel es geschafft, die überflüssigen Pfunde loszuwerden und sich zur anerkannten TV-Reporterin zu mausern. Nach einem langen Aufenthalt im Ausland ist Clara nach England zurückgekehrt. Die Freundinnen möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen, doch so einfach ist das nicht. Dennoch ist Rachel entsetzt als sie während der Vorbereitungen auf einen Life-Report erfährt, dass es genau um ihre beste Freundin geht, die verschwunden ist.

Psychospielchen unter Kindern sind nicht unbedingt etwas Unbekanntes, gerade bei Mädchen scheint sich oft eine vermeintlich begehrenswerte mit weniger herausragenden Freundinnen zu umgeben, vielleicht um noch mehr zu strahlen. Manchmal kann es geschehen, dass sich die Rollen im Laufe der Zeit umtauschen. Doch immer bleibt es ein Rollenspiel, das eine echte Freundschaft in Frage stellt. Jedenfalls gibt es zwischen Clara und Rachel zweifelhafte Freundschaftsbeweise, die unsicher machen, ob so etwas tatsächlich ein Zeichen von Freundschaft oder Zusammengehörigkeit sein kann. Nicht viel anders ist es zwischen den erwachsenen Frauen. Man fragt sich, wer welches Spielchen spielt und warum. Während die Gedanken kreisen liest sich das Buch ausgesprochen locker und gut. Immer tiefer wird der Leser in den seltsamen Kampf der Freundinnen hineingezogen und fragt sich, ob überhaupt jemand die Oberhand behalten kann und ob sie jemals eine gehabt hat. Die beiden Frauen scheinen sich in nichts nachzustehen. 


Aus Rachels Sicht geschildert, werden einige Vermutungen zur Gewissheit und einige Fragen geben Anlass zu Grübeleien. Der Ausdruck „Beste Freundin“ bekommt in diesem spannenden Roman eine recht eigenartige Bedeutung, der man im richtigen Leben keinen Platz einräumen möchte. Anziehend und abstoßend zugleich und doch eine packende Lektüre.

4 Sterne

Zorneskalt von Colette McBeth
ISBN: 978-3-442-38265-1