Donnerstag, 30. Juli 2015

Sommerleichte Lektüre

„Das Meer in Deinem Namen“ erzählt die Geschichte zweier Frauen, die zumindest auf den ersten Blick nichts gemein haben: Carly und Henny. Carly fühlt sich zum verheirateten Professor vielleicht mehr hingezogen, als ihr gut tut und so kann sie ihm nicht den Wunsch abschlagen, sich um den Nachlass von Henny zu kümmern – einer ihr unbekannten Frau. Überraschenderweise entdeckt Carly während ihrer Arbeit aber immer mehr Gemeinsamkeiten mit Henny. Während sie sich um deren Nachlass kümmert, stößt sie auf immer mehr Geheimnisse. Ihre Reise in Hennys Vergangenheit ist aber gleichzeitig die Auseinandersetzung mit eigenen, in der Vergangenheit verwurzelten Ängsten und mit der eigenen, noch ungewissen Zukunft. 
Patricia Koelle hat einen stimmungsvollen Roman geschrieben, der die Sehnsucht nach dem Meer weckt und sich perfekt als Sommerlektüre eignet. Die Geschichte wird zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, die am Ende zusammenlaufen. Das hat mir gut gefallen. Die Charaktere sind sehr lebendig und vielschichtig, Landschaftsbeschreibungen sehr detailliert. Der Schreibstil ist sehr angenehm. Dennoch konnte mich die Geschichte leider nicht hundertprozentig packen. Die beiden Nachfolger werde ich mir dennoch ansehen, denn ich bin neugierig, wie der Faden weiter gesponnen wird. 

3 Sterne

© Britta Kalscheuer

Das Meer in deinem Namen von Patricia Koelle
ISBN: 978-3-596-03188-7


Mutti und die Politik

Der Mitarbeiterin einer Bank platzt ein wichtiger Deal. Hanna Kauls Stellung ist nicht mehr wie vorher. In dieser Situation ist sie sogar froh, dass ihre Nichte für ein paar Tage bei ihr einzieht. In der Berliner Politik werden derweil die Fäden gezogen. Nicht nur Posten werden verschoben sondern auch Geld. Doch eine will aussteigen: Paula Busch. Und sie will sich mit einem alten Freund treffen. Lothar Mierscheid, der ebenfalls Politiker geworden ist. Nicht in Berlin soll das Treffen stattfinden. Bevor es jedoch soweit kommen kann wird Paula vor einem Café in Düsseldorf erschossen. 

Der Polizist Dominik Roth möchte gerne zu den Mordermittlern, doch seit seine Frau vor einigen Jahren verstarb, hat er nur noch Aufgaben bekommen, die eher leicht zu lösen sind. Jetzt aber wittert er seine Chance. Und diese Chance beschert dem Leser einen packenden Krimi. Die Bankenkrise, welche vor einigen Jahren begann und uns auch heute, wenn auch in anderer Form, noch nicht loslässt, wird mit anderen Verwicklungen zu einem fesselnden Szenario kombiniert. Der gelangweilte Polizist Dominik Roth, der mehr will und dabei seine Kompetenzen sehr weit ausdehnt, wirkt dennoch sehr sympathisch. Immer noch versucht er den tragischen Tod seiner Frau zu verarbeiten, versucht sich abzulenken, indem er sich umso mehr in die Arbeit kniet. Nicht ahnend, dass er während der Ermittlung zum ersten Mal seit langem er Frau begegnen wird, die sein Innerstes berührt. 


Nachdem schon die neueren Bücher überzeugten, ist dieser Roman eine weitere Empfehlung wert. Ein Autor, der mit seinen klug konstruierten Krimis ausgesprochen gut unterhält und über brisante Themen informiert. Mal wieder hat man es nicht geschafft, das Buch zu normalen zu-Bett-geh-Zeit aus der Hand zu legen.

4 Sterne

Schwarzer Schwan von Horst Eckert
ISBN: 978-3-8942-5858-0




Montag, 27. Juli 2015

Die Bibliothek

Caleb Shaw, eines der Mitglieder des Camel-Clubs, arbeitet in der Bibliothek. Zu seinem Entsetzen findet er eines Tages seinen Vorgesetzten tot in einem der Räume. Anscheinend ist dieser an Herzversagen verstorben, was aber eigentlich nichts anderes heißt, dass man die genaue Todesursache nicht kennt. Caleb wird zum bibliothekarischen Nachlassverwalter ernannt, denn der Verstorbene war ein Sammler von besonderen Buchausgaben und diese Sammlung muss nun katalogisiert, geschätzt und veräußert werden. An seine neue Aufgabe geht Caleb zusammen mit seinen Freunden des Camel-Club heran. Und schon bald beginnen die Freunde daran zu zweifeln, dass der Tod des Verstorbenen ein natürlicher war. 

Dieses Hörbuch wird sehr unterhaltsam und fesselnd vorgetragen von K. Dieter Klebsch. Um den Camel-Club entwickelt sich hier ein Fall, der jeden Buchliebhaber in seinen Bann ziehen müsste. Schließlich geht es um Bibliothekare, Antiquare, Sammler und Restaurateure und man meint den Duft der Bücher zu atmen. Um dieses Grundthema konstruiert der Autor seine Theorien um Mord, Verschwörungen und Verrat. Ausgesprochen amüsant und dabei spannend entwickelt sich die Geschichte. Und auch der zweite Handlungsstrang hat es in sich, denn in dieser wird einem Bösewicht eine menge Geld förmlich unter dem Hintern weg geklaut. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, kann man beim Zuhören selbst herausfinden.


Dieser zweite Band der Reihe um den Camel-Club bereitet noch mehr Vergnügen als der erste. Er bietet einen glaubwürdigen Fall, der einige Wendungen enthält, die einen schmunzeln lassen und einige, die die Anspannung aufs Äußerste steigern. In gelesener Fassung genau das Richtige, um eine Autofahrt zu einer kurzweiligen Krimilesung werden zu lassen. Sollte die Fahrt nicht ausreichen, um ein Kapitel zu beenden, ist man geneigt, noch ein Weilchen bei ausgeschaltetem Motor zu verweilen. 

4 Sterne

Die Sammler von David Baldacci
ISBN: 978-3-7857-3842-9

Sonntag, 26. Juli 2015

Nenn mich nicht Schwarzi!

Ein Remake von „Der dritte Mann“ soll gedreht werden, deshalb kommt der Autor Harald Schwarzkopf zusammen mit dem jugendlichen Regisseur Ernesto Ostwaldo nach Wien. Schon am Flughafen gibt es Schwierigkeiten. Schwarzkopf als Jugendlicher von Österreich nach Amerika ausgewandert gerät in eine seltsame Situation nach der anderen. So wird er zum Beispiel mit einem Bediensteten des Lost-and-Found Schalters verwechselt. Sein Kumpel Ernesto versucht inzwischen, den Koffer mit den Pillen loszuwerden, die er zur Selbstversorgung aus den Staaten mitgebracht hat. Auch das will nicht so recht gelingen. Die beiden Hollywood-Chaoten kommen mit Mühe durch den Zoll, um dann eine Katastrophe nach der nächsten auszulösen. Wenigstens brauchen sie kein Hotelzimmer, die Übernachtung in der Arrestzelle für Prominente ist ihnen sicher.

Wie ein Drehbuch geschrieben ist dieser Krimi, Regieanweisungen und Dialoge wechseln sich ab. Den einzelnen Kapiteln sind kurze Zeitungsausschnitte vorangestellt. Die Handlung erinnert in gewissen Zügen durchaus an die des Films „Der dritte Mann“ wie sich mit der freundlichen Hilfe Wikipedias feststellen lässt. Eine genauere Kenntnis des Films würde den Reiz der Handlung dieses Romans sicher noch erhöhen, wie auch Ernesto des Öfteren feststellt. Die schnellen Szenenwechseln und die teilweise irrwitzigen Ereignisse und Dialoge gepaart mit absichtlichen Wiederholungen lassen dieses skurrile Werk zu einem echten Lesevergnügen werden, wobei das kleine Glossar der wienerischen Begriffe zu Beginn für den norddeutschen Flachlandtiroler wahrhaft hilfreich ist. Unter den zahlreichen running Gags die durchaus intelligente Geschichte auszumachen, fordert die geneigte Aufmerksamkeit des Lesers, die der Autor durch die witzige Art leicht gewinnt. 


Ein ein lesenswertes fast-Remake des Kino-Klassikers „Der dritte Mann“. Ein etwas anderes Buch, zu dem man im Takt des „Harry Lime Themes“ schwingen kann.

4 Sterne

Schwarzkopf von Richard K. Breuer
ISBN: 978-3-9502498-6-6




Samstag, 25. Juli 2015

Putain!

Mal wieder irrt sich Capitaine Roger Blanc, für einen aufgedeckten Korruptionsfall sollte man doch belobigt und befördert werden. Nun befördert wird Roger Blanc auch, allerdings nicht die Karriereleiter nach oben, sondern in die tiefe Provinz des Midi. Anstatt dorthin mitzukommen, eröffnet ihm seine Frau, sie bleibe lieber in Paris bei ihrem Liebhaber. Als kleiner Fixpunkt  in seiner neuen Heimat bleibt Blanc nur ein verfallenes Haus, das er geerbt hat. Bevor er sich in seiner neuen Dienststelle einleben kann, geschieht ein Mord, in dem er und seine Kollegen doch mehr zu tun bekommen, als nur den Tatort zu sichern.

Möglicherweise von den Romanen um Frank Stave begeistert, wird man sich ebenso möglicherweise mit diesem neuen Kommissar etwas schwer tun. Schon wieder ein Polizist, der aus Paris in die französische Provinz versetzt wird. Wenn man dann die Gegen auch nicht kennt, mögen die durchaus ansprechenden Beschreibungen der Landschaft und des Landlebens an einem vorbeirauschen, weil man nicht die passenden Bilder vor Augen hat. Etwas missmutig wirkt zunächst der Ermittler Roger Blanc. So wie dieser sich nur langsam einlebt und einfühlt, braucht man auch als Leser ein wenig Zeit, sich einzuleben und anzufreunden. Der kühle Chef, der nur die Karriere im Sinn zu haben scheint, der abgehalfterte Marius, der irgendwann zurückgelassen wurde, die forsche Fabienne, die eigentlich zu gut für die Provinz ist. Nach und nach allerdings schafft man es, sich den Figuren zu nähern.


Und schließlich wird der Fall zum Finale hin dermaßen rasant und spannend, dass man alle anfänglichen Schwierigkeiten vergisst und sich erinnert, dass dieser Autor einfach gute Bücher schreibt. Und so hat man den Start zu einer Reihe, die es sicher wert ist, sie auf der Merkliste zu behalten.

3,5 Sterne

Mörderischer Mistral von Cay Rademacher
978-3-8321-6316-7


Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Bild eines Sommerabends

Schon als junger Mann ist der Künstler Heinrich Vogeler durch eine Erbschaft zu etwas Geld gekommen und hat so die Möglichkeit in Worpswede ein Haus zu erwerben, das er nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Nach der Fertigstellung verbringt er hier mit ihm lieben Menschen aus der Worpsweder Künstlergemeinde einige laue Sommerabende, deren Stimmung er in einem großformatigen Bild festhalten möchte. Doch das Werden des Bildes nimmt Zeit in Anspruch und während die Zeit vergeht verwandelt sich das Innenleben der kleinen Gruppe. Aus den lauen Sommerabenden resultieren Trennungen und Spaltungen. Und so wirkt das Bild nicht leicht dahingewischt und sommerlich, sondern eher herbstlich konstruiert und einer besseren Vergangenheit nachtrauernd.

Auf den Innenseiten des Einbandes ist das Bild „Das Konzert (Sommerabend)“ des Künstlers Heinrich Vogeler abgedruckt. Der Roman beschreibt zum einen die Entstehungsgeschichte des Bildes, zum anderen auch das Bild selbst. Inwieweit sich der Autor künstlerische Freiheiten gegönnt hat, lässt sich nicht beurteilen, schließlich hat er als Schriftsteller diese Freiheit. Ist man durch die Lektüre angeregt, lassen sich einige Hinweise hierzu im Internet finden, die eine interessante Ergänzung darstellen können. 


Sehr gut gelungen ist die Darstellung der Künstlerkolonie Worpswede, die Stimmung eines ländlichen Sommers, die Begegnung der suchenden Künstler mit den bodenständigen Einheimischen, die sich mit einer knorrigen Offenheit gegenüber treten. Eine Generation der Erben, die die Künste fördert und auch eifersüchtig bewacht. Eifersüchtige Künstler, denen menschliches auch nicht fremd ist. Die wechselnde Beziehung des Künstlers zu seinem Bild. Man mag nicht alles schön finden, die Künstlerseelen nicht durchgeistigt. Doch versetzt einen das Buch schon nach den ersten Seiten in die frühsommerliche Blütenpracht der Worpsweder Gärten und lässt einen ein Bild genießen, mit dem der Maler so scheint es nicht zufrieden war, das zum Glück aber die Zeit überstand und heute im Museum zu besichtigen ist.

4 Sterne

Konzert ohne Dichter von Klaus Modick
ISBN: 978-3-462-04741-7


Sonntag, 19. Juli 2015

The Yellow Dog

Er lebt in den Tunneln unter New York City, seine Welt liegt unter der Erde. Seit einem Ereignis, an das er sich nicht erinnern kann, leidet Joe Tesla unter Agoraphobie, dass heißt, er kann die Tunnelwelt nicht verlassen. Seit einem halben Jahr ist das schon so und trotz mehrerer Behandlungsversuche ist keine Besserung in Sicht. Glück im Unglück, in seinem vorherigen Leben war Joe Tesla der reiche Besitzer einer Softwarefirma und deshalb hat er auch die richtigen Kontakte, um ein tief unter der Erde in den Fels gehauenes Haus bewohnen zu dürfen. Seine dunkle Ruhe wird jedoch jäh gestört als er einen Mord beobachtet.

Mit welcher Anstrengung Tesla gegen seinen Zustand rebelliert, er möchte wieder an die Oberfläche, er möchte wieder in die Sonne, er möchte nach hause. Doch bisher löste jeder Versuch nur eine weitere Panikattacke aus. Sein Hund Edison steht ihm in solchen Situationen hilfreich zur Seite, dafür ist er ausgebildet und sonst ist er einfach ein guter Kamerad. Trotz der ungewöhnlichen Umstände hat Joe durch seinen Reichtum und durch auch das reichhaltige unterirdische Netz der Metrostationen mit ihren Läden und Restaurants die Möglichkeit am normalen Leben teilzunehmen. Und so beginnt er selbst zu ermitteln, um nach dem Mord nicht jeden aufkommenden Verdacht entkräften zu können.

So eine coole Idee, eine brisante Ermittlung, die hauptsächlich in den Tunneln unter den Straßen New Yorks stattfindet. Eine packende Story in einem ausgefallenen Setting, von dem man sich fragt, inwieweit das so möglich ist. Vielleicht? Schließlich ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eines Teils herausragend, welche Entwicklungen dieses Land hervorzubringen vermag, anderes Teils unheimlich, was es seinen Einwohnern mitunter antut. Die Kombination des ausgesprochen intelligenten Helden, der doch auf Hilfe angewiesen ist, mit einem fesselnden Geheimnis macht diesen Roman so kurzweilig und packend, dass man schließlich viel schneller als gedacht ans Ende gelangt und hofft, dass der nächste Band dieser Reihe ebenso unterhaltsam sein möge wie der Vorliegende.


4 Sterne

The World beneath von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-4947-8771-4


Man kennt sich

Ja, man kennt sich in dem kleinen finnischen Ort Palokaski, in den Miia Pohjavirta zurückkehrt. Sie wurde als Internetpolizistin bekannt, doch den Job musste sie aufgeben, da sie Gefahr lief, sich in den Tiefen des Internets zu verlieren. Nun soll ihr Leben als Sonderpädagogin an ihrer alten Schule in ruhigere Bahnen kommen. Der Neubeginn gestaltet sich allerdings anders als gedacht. Schon in den ersten Minuten nach ihrer Ankunft in der Schule, erfährt Miia, dass die Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Gehört Laura zu der großen Gruppe von Menschen, die verschwinden und kurze Zeit später unversehrt wieder auftauchen? Ihre Eltern jedenfalls setzen alles daran, ihre Tochter wiederzufinden, und starten eine Facebook-Seite, auf der Posts hinterlassen werden, mit denen niemand rechnen konnte.

Welch eine Lücke das Verschwinden eines geliebten Menschen reißt, weiß Miia nur zu gut. Manchmal jedoch hilft alles Wissen und jede Ausbildung nicht, gewisse Ereignisse zu verhindern. Das erfährt Miias Bruder, der als Psychologe an der Schule tätig ist. Auch halten sich Eltern nicht immer an die wohlmeinenden Ratschläge, die die Polizei aus vorherigen Erfahrungen gebildet hat. 


In einfachen und prägnanten Worten geschrieben baut dieser Krimi mehr Spannung auf als man ahnen kann. Eigentlich geschieht nicht viel, doch das ganz schön heftig. Man folgt den Personen, die so ein wenig vor sich hin zu ermitteln scheinen, um plötzlich mit Herzklopfen eine Seite nach der anderen zu verschlingen. Die Haare auf den Armen stellen sich auf bei den kleinen subtilen Hinweisen, die noch einiges mehr vermuten lassen als das Offensichtliche, das Harmlose. Was ist nur los in diesem kleinen Ort, in dem es eigentlich keine Ungereimtheiten geben sollte. Welche Kräfte herrschen in Palokaski, welche Kräfte wirken im Verborgenen. Zwangsläufig müssen Ansätze zunächst ins Leere führen, Fragen unbeantwortet bleiben, denn die Handlung ist auf eine Trilogie angelegt, deren Bände vermutlich so eng zusammenhängen, dass letztlich die Geschichte nur im Ganzen zu überblicken ist. Da jedoch alle Bände nicht so umfangreich sind, würde es sicher nicht schaden, hätten sie sich in einem Band versammeln dürfen. 

3,5 Sterne

Lauras letzte Party von J.K. Johansson
ISBN: 978-3-518-46590-5


Samstag, 18. Juli 2015

Sehnsuchtsschwestern

Nichts ist mehr so wie es war. Rosemary wird zu den Großeltern geschickt und als sie wieder nach hause kommt ist ihre Schwester Fern nicht mehr da. Dieses Ereignis bestimmt Rosemarys Leben, denn Fern war wie ihre zweite Hälfte. Bei Fern durfte Rosemary einfach sie selbst sein. Nun im Kindergarten soll sie sich wie die anderen Kinder benehmen und so geht es weiter. Rosemary muss sich wie die anderen benehmen und kann es doch nicht. Wieder und wieder kommt das Affenmädchen durch. Selbst im Studium noch fällt es Rosemary schwer, Freunde zu finden. 

Dieser Roman wirkt wie der Bericht eines fehlgeschlagenen Experiments. Eine zerbrochene Familie bleibt zurück, die etwas Besonderes sein wollte. Der Vater, ein Wissenschaftler, geht der Frage nach, in wie weit man Affen- und Menschenkinder gemeinsam aufziehen kann, wie sie sich gegenseitig beeinflussen oder fördern. Dass dabei sowohl die Affen- als auch die Menschenseelen beschädigt werden könnten, scheint er nicht bedacht zu haben. Und dass Affen nicht immer die niedlichen Äffchen bleiben auch nicht. Auch als das Experiment beendet werden muss, scheint es keine Reflexion darüber zu geben. Die Familie fängt sich nicht auf, sie lässt sich nicht auffangen, sie stürzt ab. Eine Leerstelle bleibt und diese scheint größer zu werden, da auch Rosemarys Bruder verschwindet. 


Das Buch scheint ein Plädoyer dafür zu sein, dass man manche Experimente lieber nicht machen sollte, bei denen alle Beteiligten Schaden nehmen und es keine weiche Landung gibt. Doch wie typisch für die menschliche Natur, Neugier und Wissensdurst werden über Empathie und Verzicht gestellt. Die Folgen sind eben zu ertragen. Rosemary schildert wie es ihr ergangen ist, wie sie sich erinnert, wie sie sich fühlt. Eigentlich genial die Idee, das Affenmädchen sprechen zu lassen. Doch leider hat Rosemary beim Leser das gleiche Problem wie in ihrem geschilderten Leben, das Affenmädchen kommt ihr in die Quere. Deshalb wird der Leser nicht mitgenommen, sondern ist eher etwas mitgenommen von dieser traurigen Geschichte, die aber eher Distanz auslöst als Sympathie. Man bedauert Rosemary und ihre Familie, denkt sich, solche Experimente sollten zum Wohle aller Beteiligten lieber unterlassen werden, und möchte doch schnell zu einer anderen Beschäftigung übergehen.

3,5 Sterne

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke von Karen Joy Fowler
ISBN: 978-3-442-54737-1





Freitag, 17. Juli 2015

The End

Der Söldner Jonathan Yeager wäre nirgendwo lieber als bei seinem todkranken Sohn. Doch dessen Behandlung ist teuer, wird teurer je mehr sich der Zustand seines geliebten Kindes verschlechtert. Deshalb sieht Yeager sich gezwungen einen geheimnisvollen Auftrag anzunehmen. Gemeinsam mit drei weiteren Teilnehmern wird er in ein Trainingslager geschickt, wo sie auf einen Einsatz vorbereitet werden, der angeblich dazu diesen soll, die Ausbreitung eins tödlichen Virus zu verhindern. Gleichzeitig muss in Japan ein junger Wissenschaftler den plötzlichen Tod seines Vaters verwinden. Nur kurze Zeit später erhält er eine seltsame Nachricht des Verstorbenen, letztlich mit der Bitte, das Werk fortzuführen.

Ein wissenschaftliche geprägter Thriller mit einem Schuss Science Fiction, so könnte man das Genre vielleicht zusammenfassen. Die Befürchtung, die Story könnte bei dieser Mischung etwas trocken geraten, ist völlig unbegründet. Der Autor versteht es hervorragend, seine Gedanken in Worte zu kleiden, die, wenn auch nicht ganz einfach, schließlich gut verständlich sind. Mit wachsendem Interesse verfolgt man die Geschichte des Jonathan Yeager, des Japaners Kento Koga und der weiteren Figuren dieses ausgesprochen vielschichtigen Werkes. Man lernt etwas über die Planung und Organisation von halb militärischen Einsätzen, über die Entwicklung von Medikamenten und über die politischen Strippenzieher, die mehr an der Macht kleben als es der Menschheit guttun kann. Dieses Gedankenspiel einer neuen Spezies, einer Weiterentwicklung, die den heutigen Menschen, der sich auch schon für intelligent hält, überflüssig, ja, mehr oder weniger zum Affen macht, lässt die Neuronen feuern vor Angeregtheit. Werden wir aussterben wie der Neandertaler, der an sich ein größeres Gehirnvolumen hatte als der Homo Sapiens? Oder ist dieser neue Mensch ein Besserer, der andere neben sich gelten lässt? 

Bei diesem ungekürzten Hörbuch kommt in keiner Sekunde Langeweile auf. Schon nach den ersten paar Sätzen herausragend vorgetragen von Sascha Rotermund, bildet sich die Überzeugung, dass hier ein intelligenter Spitzenthriller genau seine Stimme gefunden hat. Ein Vortrag, bei dem es nichts zu meckern gibt, wo bei der Printausgabe möglicherweise die Versuchung besteht, die eher wissenschaftlichen Passagen nur flüchtig zu lesen, bleibt man bei der Lesung gespannt und aufmerksam. 


Einzig der Wunsch nach einem Personenverzeichnis bleibt leider wie bei nahezu allen Hörbüchern unerfüllt.

4,5 Sterne

Extinction von Kazuaki Takano
ISBN: 978-3-8445-1736-1



Donnerstag, 16. Juli 2015

Verschwunden

Jake Fisher ist völlig am Boden zerstört als seine Freundin Natalie ihm mitteilt, sie werde einen anderen heiraten. Eigentlich kann er es nicht glauben und deshalb besucht er die Hochzeit, er will Gewissheit haben. Dort nimmt Natalie ihm das Versprechen ab, sie in Ruhe zu lassen und nie nach ihr zu suchen. Sechs Jahre hält sich Jake daran, doch dann findet er auf der College-Seite die Todesanzeige ihres Mannes. Sollte er jetzt noch an sein Versprechen gebunden sein, vergessen hat er Natalie nie.

Was, wenn ein Mensch nicht gefunden werden will? Welche Lebensgeschichte führt dazu, den Wunsch zu hegen, für immer von der Bildfläche zu verschwinden? Recht harmlos fangen Jakes Nachforschungen mit dem Besuch der Trauerfeierlichkeiten des Ehemannes an. Doch schon beginnen die Puzzlestücke nicht mehr zusammen zu passen. Verwirrt beginnt Jake weiter Dinge zu hinterfragen, die ihm vorher selbstverständlich schienen, und zunächst scheint jede Frage auf ein totes Gleis zu führen. Doch auch als Jake eindeutig klar gemacht wird, das es für ihn gefährlich werden könnte, lässt er nicht nach eher im Gegenteil. 

Mit den Geheimnissen, die sich um Natalies Vergangenheit ranken, erzeugt der Autor große Spannung. Ist die Neugier einmal geweckt, begibt man sich mit einem auf die Seiten gesenkten Haupt in das Abenteuer der Lösung des Rätsels. Vielleicht mag man einige Winkelzüge nicht so einfach nachvollziehen können, doch die logisch schlüssige und überraschende Geschichte zieht einen einfach in ihren Bann. Wirkt das Aufspüren der kleinsten Hinweise vielleicht zu Beginn etwas manisch, merkt man doch schnell, dass Jake, in dem er seinem Herzen folgt, schließlich auf den richtigen Weg geführt wird. 

Ein ausgesprochen fesselnder Thriller, eine Tour de Force einer Liebe, der man unbedingt ein Happyend wünschen würde.


4 Sterne

Ich finde dich von Harlan Coben
ISBN: 978-3-442-20435-9





Dienstag, 14. Juli 2015

Jem und Scout und Atticus und so

In den 1930ern läuft die Wirtschaft nicht so rund in Amerika. Dennoch erleben die kleine Scout und ihr großer Bruder Jem einen tollen Sommer. Sie wollen das Geheimnis um Boo Radley lüften, der immer nur im Haus bleibt. Dabei bestehen sie mit dem Nachbarsjungen Dill so einige Mutproben. Viel zu schnell ist der Sommer vorbei und für Scout beginnt der Ernst des Lebens, denn sie wird eingeschult. In der Schule gefällt es ihr nicht im geringsten. Irgendwie nebenbei hat sie schon lesen gelernt und nun soll sie sich dümmer stellen als sie ist. Da ist die Lehrerin bei ihr aber an der falschen Adresse. Von ihrem Vater dem Anwalt Atticus Finch bekommt Scout ihre erste sanfte Lektion in Diplomatie.

Einige Jahre im Leben der beiden Kinder Jem und Scout. Jem, der an die Schwelle des Erwachsenwerdens kommt mit seinem großen Sinn für das was Recht ist und Scout, etwas naseweis und doch fast schon weise. Mit ihrem Vater, der ihnen eine für den amerikanischen Süden doch sehr freie Erziehung zukommen lässt, ihnen Vater und Mutter ist und ihnen die wahren Werte nahebringen möchte. Zu Beginn leben die Kinder in einer ruhigen kleinen Welt des Abenteuers und der Kinderspiele. Doch mit dem Gerichtsprozess gegen den Schwarzen Tom Robinson, den die Kinder hautnah miterleben, endet ein Teil der Kindheit.


Ein wunderbarer Roman, der auch heute noch große Aktualität besitzt. Sicher vielen bekannt ist die Verfilmung des Buches aus dem Jahr 1962, die von der Autorin als „getreue Übertragung“ gewürdigt wurde. Gerade die Szenen vor dem Gefängnis und im Gerichtssaal beeindrucken außerordentlich und bleiben lange im Gedächtnis. Demgegenüber weist das Buch noch eine größere Vielfältigkeit auf und auch den Vorteil, dass man es jederzeit wieder zur Hand nehmen kann, um sich in Scouts Welt hineinzuversetzen. Dieses freche und doch so rührend lebenskluge Mädchen, das uns allen ein Beispiel sein kann. Geprägt durch den für die Gleichheit aller einstehenden Vater, der einem Werte vermittelt, ist Jem in seinen Kindertagen schon ein kleiner Anwalt, dem Ungerechtigkeiten schwer zu schaffen machen. Besonders beeindruckend ist jedoch Dills Reaktion in dem Erkennen, welche Ungerechtigkeiten in der Welt geschehen. Dieser herausragende Roman, der emotional sehr berührt, verdient es wahrlich immer wieder gelesen zu werden. Er sollte nie in Vergessenheit geraten.

5 Sterne

To kill a Mockingbird von Harper Lee
ISBN: (978-)0-7493-0134-1


Montag, 13. Juli 2015

Das Lied vom Bauern und seinem Heu

Während der Nachtschicht werden Kommissar Bastian Matt und sein Kollege zu einem Verkehrsunfall gerufen. Ein junges Mädchen scheint urplötzlich auf die Straße gelaufen zu sein. Dabei wurde sie von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Matt befragt die Unfallfahrerin und gewinnt schnell den Eindruck, dass die Möglichkeit besteht, in Wahrheit könne ihr Mann der Fahrzeugführer gewesen sein. Inzwischen soll der Kollege die Leiche untersuchen. Doch erst in der Gerichtsmedizin wird festgestellt, dass die junge Frau sich vermutlich aus einer Fesselung befreit hat und in Panik geflüchtet ist. Was für ein Mensch treibt da sein Unwesen?

Jürgen Kehrer, Vielen als Schöpfer des urigen Privatdetektivs Georg Wilsberg bekannt, schickt seine noch junge Figur Bastian Matt in seine zweite Ermittlung. Matts Traum ist es, der Mordkommission zugeteilt zu werden. Deshalb nutzt er die Gelegenheit, dieser Untersuchung hinzugezogen zu werden, auch wenn er mit der vorläufigen Leiterin so seine Probleme hat. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei der jungen Frau nicht um das einzige Opfer handelt. Doch was bewegt den Täter. Mit ihren akribischen Nachforschungen kommen die Polizisten auf so manche Spuren, die jedoch nicht unbedingt geradewegs zum Täter führen.


Ein witziges und im Kulturclash befangenes Team bilden Bastian Matt und seine lockere Bekanntschaft, die Rechtsmedizinerin Dr. Yasi Ana. In diesem Fall, der in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt, wirkt der unverstellte Blick der Medizinerin manchmal sehr erhellend. Schilderungen aus der Sicht des Täters, von denen eine die Einleitung des Romans bildet, lassen dem Leser so manchen Schauer über den Rücken laufen. Doch auch das vielleicht eher betuliche Münsterland ist vor Verbrechen nicht gefeit. Schauderhaft packend bietet dieser Krimi ausgezeichnete Unterhaltung.

4 Sterne

Lambertus Singen von Jürgen Kehrer
ISBN: 978-3-499-26864-9


Sonntag, 12. Juli 2015

Die Studienarbeit

Zwei Jahre schon war die Studentin Rebecca Trolle verschwunden und nun hat der Hund eines Spaziergängers eine Leiche aufgestöbert. An einer Kleinigkeit erkennt Alex Recht sofort, dass er die vermisste Studentin vor sich hat, was von der Obduktion auch bestätigt wird. Wer kann einen Grund gehabt haben, die junge Frau zu töten. Hat möglicherweise der junge Mann etwas damit zu tun, der sich auf ihre Bekanntschaft mehr einbildete als Rebecca offensichtlich darin sah. Frederika  Bergman hat nach der Geburt ihrer Tochter noch nicht wieder begonnen zu arbeiten, doch als ihr Freund den Vorschlag macht, in Elternzeit zu gehen, nimmt sie dankbar an. Und so ermittelt Alex Recht gemeinsam mit seinem Team in einem Fall, der für die Ermittler persönlich sehr aufreibend zu werden scheint.

Verschiedene Handlungsstränge, die zunächst keinen Zusammenhang zu haben scheinen, werden zu einem verzwickten Fall verwoben, der für die Ermittler an die Substanz geht. Alex trauert noch um seine verstorbene Frau, für Frederika bringt der Wiedereinstieg in den Job doch eine große Veränderung, sie hätte nie gedacht, wie sie ihre Tochter vermisst und Peder hat sein Tief auf gerade erst überwunden und sich mit seiner Frau ausgesöhnt. Nach und nach ergeben kleinste Hinweise ein Bild, mit dem so niemand gerechnet hat. Der Fall wird für die Ermittler zur Tortur.


Zunächst fragt man sich, was passiert hier eigentlich. Etwas ziellos erscheinen die Nachforschungen der Polizisten. Auch scheint die professionelle aber mitfühlende Distanz zu Opfer und Angehörigen nicht immer gewahrt. Doch nach und nach lädt der Roman immer mehr zum Miträtseln ein, was mag nur geschehen sein, ein junges Mädchen auf einer heren Mission so grausam ausgebremst. Man erlebt mit wie sich die losen Fäden langsam zu einem Ganzen verknüpfen und die Spannung steigt. Sehr schön wird hierbei letztlich die Balance gehalten zwischen sachlich genauen Untersuchungen und persönlicher Betroffenheit. Packend bis auf den letzten Widerhaken.

4 Sterne

Sterntaler von Kristina Ohlsson
ISBN: 978-3-80902617-4






Samstag, 11. Juli 2015

Nachkommen unsterblich

Ihre Mutter ist mal wieder verschwunden, doch die Sprayerin Saira ist das schon gewöhnt. Fast jedes Jahr zur gleichen Zeit ist ihre Mutter eine Weile nicht da und wenn sie wiederkommt, heißt es meist umziehen. Doch diesmal geht es schief mit dem alleine zurecht kommen, Saira wird zu ihrer Großmutter nach London verfrachtet. Saira, die ein eher einfaches Leben gewöhnt ist, stellt überrascht fest, dass ihre Großmutter einen ganz schön noblen alten Kasten besitzt. Leider trägt das nicht dazu bei, dass die Beiden sich gut verstehen. Deshalb entflieht Saira ins nahe London, doch unheimlich wird ihr zumute als sie bemerkt, dass sie verfolgt wird. Auf der Suche nach Schutz  landet Saira unversehens im London des Jahres 1888.

Zeitreisen - ein Thema, das mich schnell dazu verleitet, mit ein Buch zu genehmigen. Und so war es auch bei diesem Gratisangebot. Nicht immer werde ich mit den Romanen glücklich, die sehr günstig vertrieben werden. Doch dieses Buch hier ist mal eine rühmliche Ausnahme. Eine Thematik, der ich sowieso zugeneigt bin, wird hier spannend und mitreißend umgesetzt. Langsam kann der Leser an Sairas Entdeckungen über ihre Herkunft teilhaben. Zunächst scheint sie ein ganz normaler Teenager zu sein, auch wenn ihre körperlichen Fähigkeiten schon erstaunlich sind. Natürlich meint man aber, als Sprayer muss man schon mal rennen können. Doch nach ihrer Ankunft in England erfährt Saira um die Geheimnisse ihrer Herkunft und weshalb die Mutter ihre Familie verließ. Mehr als die Großmutter, die sich als sehr verschlossen erweist, nutzen Saira ihre neuen Freunde, die sie im Internat kennenlernt, in das sie gesteckt wird - das Internat der „Immortal Descendats“ - so wie auch die YA-Reihe überschrieben ist, von der dies der erste Band ist.


Ein sehr guter Reihenstart, der von allem etwas hat und dennoch nicht überfrachtet ist. Er wandelt zwischen Historie und Gegenwart und verbindet Spannungselemente mit Urban-Fantasy gepaart mit einer zarten Liebesgeschichte, die ihren Anfang nimmt. Da werden sicher bei Gelegenheit auch die weiteren Bände den Weg auf meinen Reader  finden.

4 Sterne

Marking Time von April White
ISBN: 978-0-9885368-2-1


Mittwoch, 8. Juli 2015

Die Fischer

Eines Morgens sagt der Vater, er müsse in die nächste Stadt ziehen, um seine Arbeit zu behalten. Zwar ist die Mutter, die die fünf Söhne und die kleine Tochter dann alleine hüten muss, nicht einverstanden, aber es hilft nichts. Und ohne die gerechte Strenge des Vaters kommen die Jungen, die zwischen 16 und neun Jahren alt sind, auf dumme Gedanken, wie es in diesem Alter schon mal sein kann. Sie fangen an im Fluss, zu angeln, die Älteren fangen, an zu streiten, der Älteste fängt an, sich gegen die Mutter, den Vater und auch die Geschwister aufzulehnen.

Aus hiesiger Sicht  eine ganz normale Geschichte könnte man meinen, denn wer kennt es nicht, das Alter, in dem man gegen alles rebelliert, rebellieren muss. Doch im Nigeria des Jahres 1996 entwickelt sich der Weggang des Vaters aus der wirtschaftlichen Not geboren zur Katastrophe. In einem Lebensabschnitt wo die jungen Rebellen eine Reibungsfläche brauchen, um sich zu formen, kann die Mutter alleine dies nicht bietet. Die Jungen, für die der Vater hochfliegende Träume von akademischen Berufen hegt, fangen an, im naheliegenden Fluss zu fischen. Schon nach kurzer Zeit werden sie erwischt und vom Vater während seines Wochenendbesuchs bestraft. In seiner Enttäuschung über die vermeintliche Wahl dieses einfachen und traditionellen Berufs fällt die Strafe etwas hart aus. Zu spät erkennt der Vater das, denn der Älteste Sohn hat sich nun gegen die Familie gewandt. 


Ein eher harmloses Ereignis, durch welches letztlich ein Unheil nach dem anderen heraufbeschworen wird. Westliche Werte vermischen sich mit ursprünglichem Aberglauben an Flüche und Prophezeiungen, wobei letztlich nicht von beiden Welten das Beste bleibt, sondern eher im Gegenteil der Kampf der Traditionen zu großem Unglück führt. Alle Träume sind zerplatzt, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft liegt in Scherben. Die Geschichte einer Familie, die wie ein Gleichnis auf eine Gesellschaft wirkt, in der ein Umbruch zunächst einmal in eine dunkle Epoche mündet. Eine Story, die verstört und schwer zu ertragen ist, aber die dennoch fesselt.

4 Sterne

Der dunkle Fluss von Chigozie Obioma
ISBN: 978-3-351-03592-1


Sonntag, 5. Juli 2015

Slang zum Vierten

Und wieder einmal übernimmt die ECSB Ermittlungen in einem komplizierten und fast schon weltumspannenden Fall. Solveigh Lang reist dafür nach Südamerika, um sich als Sekretärin bei einem Verdächtigen einzuschleusen. Zur selben Zeit reisen drei junge Männer in ein Ausbildungslager, um das Töten zu lernen. Zwei von ihnen haben deutsche Wurzeln. Hadi, der Vernünftigste, ist der Ehre wegen hier. Er hat die große Sünde begangen, sich zu verlieben. Ebenfalls zur gleichen Zeit nimmt der LKA Beamte Paul Regen an einer unheimlichen Übung teil, mit der ein Ernstfall geprobt werden soll, wie er hoffentlich nie eintreten wird.

Hat man die Mitglieder der Ermittlungsgruppe der ECSB in den vorherigen Bänden der Reihe doch lieb gewonnen, so könnte man hier etwas enttäuscht sein, weil man kaum etwas Neues über das persönliche Umfeld dieser Personen erfährt. So sehr spinnt der Autor seinen Fall aus, das gerade die sympathischen Nebensachen etwas zu kurz kommen. 

Der Fall natürlich hat es in sich. Was bewegt junge Menschen, sich kämpfenden Truppen anzuschließen? Eine Frage, die so einfach nicht beantwortet werden kann, jeder Roman kann da möglicherweise nur zu kurz greifen. Dennoch versucht der Autor sich seinen Charakteren zu nähern und es gelingt ihm gerade in Hadi einiges an Verständnis zu wecken, da dieser wirklich nicht wie eine eine eiskalte Tötungsmaschine wirkt, sondern wie ein sensibler junger Mensch, der seinen Weg leider in der falschen Richtung sucht. 

Über der Schilderung mehrerer Handlungsstränge, die letztlich zu einem packenden Finale führen, verliert sich die Story etwas. Und so bleibt man trotz der akribisch und detailliert ausgearbeiteten und sorgsam ausgeführten Erzählung seltsam unberührt bis einen die plötzlich rasante Fahrt am Schluss fast überfällt und schließlich allein zurücklässt.


Eine tolle Reihe mit spannenden Geschichten, die hier leider ihre Stärken nicht wie gewohnt auszuspielen vermag.

3 Sterne

Phantom von Jenk Saborowski
ISBN: 978-3-492-30470-2


Samstag, 4. Juli 2015

Darcy

Von ihrem Vater will Fiona schon lange nichts mehr wissen. Er saß lange Jahre wegen eines Tötungsdelikts im Gefängnis, erst seit einem Jahr war er wieder draußen. Dennoch lässt Fiona die Nachricht vom Tod des Vaters nicht völlig kalt, das hätte sie gerne, aber es ist einfach nicht so. Als dann auch noch der Rettungssanitäter, der alles versuchte, das Leben des Vaters zu erhalten, mit einer Nachricht zu ihr kommt, ist Fiona zunächst wütend. Nichts will sie hören, schließlich hat der Vater sie mit der Tat im Stich gelassen als sie erst sieben Jahre alt war. Und ihre Mutter starb kurze Zeit später bei einem Unfall. Welches Kind kann solche Eltern schon gebrauchen. 

Fiona, die sich aus der Not geboren gegen alles und jeden wehrt, kann nicht verhindern, dass die letzten Worte, die der Vater an sie gerichtet hat, in ihr festbrennen. „Ich bin kein Mörder!“ Sie beginnt, Fragen zu stellen. Endlich will sie wissen, was damals wirklich passiert ist. Und der Rettungssanitäter, den sie Darcy nennt, steht ihr dabei zur Seite. 


Eine Geschichte über die Vergangenheit, die das Leben bestimmt. Sollte eine solche Vergangenheit das Leben bestimmen? Wahrscheinlich nicht, fraglich nur, ob man sich dagegen wehren kann. Nicht immer hat man dies selbst in der Hand. Die Umwelt begegnet einem und macht aus einem, was man wird. Sich dagegen zu stemmen, sich zu wehren, ist alles andere als leicht. Für Fiona fängt mit der Suche nach der Wahrheit auch die Aufarbeitung an, sie ist nicht schuld, sie wurde ungerecht behandelt, sie will sich freimachen. Doch erst muss sie herausfinden, was die Worte des Vaters bedeuteten. Hartnäckig forscht sie nach und bringt Wahrheiten ans Licht, die eigentlich kaum jemand wissen will. Auf ihrem Weg fesselt sie die Leser und zeigt immer neue Facetten einer komplizierten Persönlichkeit, die langsam zum Selbstbewusstsein und in sich Ruhen der Kindheit zurückfindet. Unterhaltsam und packend.

4 Sterne

Mörderkind von Inge Löhnig
ISBN: 978-3-548-61226-3


Freitag, 3. Juli 2015

Paris liegt an der Seine


In einem vornehmen Pariser Stadthaus arbeitet Lucie als Hausmeisterin. Nach Jahrzehnten auf diesem verantwortungsvollen Posten wird ihr die Tätigkeit allmählich etwas beschwerlich. Natürlich gibt Lucie das nicht zu und ist immer eifrig bei der Sache und mitunter erweist sie den Bewohnern noch kleine Zusatzdienste wie das Bügeln der Wäsche. Und eben diese will sie der herrischen Vanessa Blandel eines Tages zurückbringen. Mühsam klettert Lucie die Treppe hoch nur um in der Wohnung Blandel niemanden anzutreffen. Soll sie nun alles wieder nach unten schleppen? Wozu hat sie einen Schlüssel? Sie wird die Sachen nur eben abstellen. Doch als Lucie die Wohnung betritt bemerkt sie, dass es dort sehr unordentlich ist und Lucie kann nicht anders, sie beginnt aufzuräumen.

Die herzensgute aber doch etwas neugierige Hausmeisterin Lucie, die sich nicht scheut, sich in die Belange der Bewohner einzumischen, wenn sie meint, es sei zu deren bestem, gerät hier in einen Kriminalfall. Das hätte sie sich nie träumen lassen, doch Vanessa Blandel ist nicht nur verschwunden, sondern auch tot. Lucie sorgt sich sehr, sie könnte mit ihrer Aufräumaktion ein wenig über das Ziel hinaus geschossen sein. Was, wenn sie damit gleich auch wichtige Spuren beseitigt hat. Um den Fehler auszubügeln, fängt Lucie selbst an, in Vanessa Blandels Leben herum zu stochern. 


Zwar erscheinen der tumbe Kommissar Legrand und die gewitzte Hausmeisterin etwas stereotyp in ihrer Gegensätzlichkeit, dennoch versteht es die Autorin ihre Leser mit einem unterhaltsamen Krimi zu erfreuen. Ein lockeres in die Irre führen wechselt sich mit versteckten Hinweisen auf eine Weise, die peu a peu zum Täter führt. Geschickt spielt die Marie Pellissier mit der Rätselbereitschaft ihrer Leser und ist ihm doch immer einen Schritt voraus. Gerne kann man mitfiebern, ob Lucie zu einer Lösung dieses Falles kommt. Nein, Lucie gehört noch nicht zum alten Eisen, ein Rentnerdasein am Stadtrand ist wirklich nichts für sie. Ein schöner Ausflug nach Paris.

3,5 Sterne

Die tödliche Tugend der Madame Blandel von Marie Pellissier
ISBN: 978-3-453-35767-9