Samstag, 31. Oktober 2015

Nicht ostfähig

Kommissaranwärter Fritz Lehmann hat es nach München verschlagen. Eigentlich stammt er aus Pommern, aber im Jahr 1948 gibt es das in der Form nicht mehr. Bereits vor dem Krieg hat er mit der Polizeiausbildung begonnen. Während des Kriegs war er bei verschiedenen Polizeieinheiten eingesetzt und nun möchte er endlich seine Prüfung ablegen. Auch wenn es ihn an der Münchner Mundart mangelt, ist der Ort doch so gut wie jeder andere. Während Lehmann in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war hat er sich die englische Sprache angeeignet und war in der ersten Nachkriegszeit Verbindungsmann zum CID. Doch nach und nach werden Zuständigkeiten an die deutsche Polizei zurückgegeben und so ermittelt Lehmann in seinem ersten Mordfall. Der Torso einer jungen Frau wurde gefunden.

Bei seinen Nachforschungen wird Lehmann mit seiner Vergangenheit konfrontiert, eine Vergangenheit, die ihm fast in jeder Nach Albträume beschert, die verhindert, dass er eine Beziehung zu einer Frau eingehen kann. Zunächst schon schwierig gestaltet sich die Identifizierung der Toten. Keiner will etwas bemerkt haben, keiner vermisst die junge Frau. Aus den wenigen Hinweisen ergibt sich die Möglichkeit einer Beteiligung jüdischer Personen. Eine unmögliche Möglichkeit, in diesen Kreisen können einfach keine Verbrechen begangen werden. Da verlangt der Staatsanwalt einen mehr als wasserdichten Fall. Und immer wieder legt Lehmann seine Befugnisse recht großzügig aus, um an Informationen zu kommen, und immer wieder stößt er dabei auf sich selbst.

Wie viele solcher Polizisten hat es nach dem Kriegsende wohl gegeben. Oder muss man sagen wie viele solcher Menschen? Durch die Bearbeitung des Falles wird Lehmann gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Ist auch er ein Täter? Hat er Taten begangen, die nicht wieder gut zu machen sind? Kann sein Einsatz bei der Polizei etwas daran ändern? Auf sich selbst zurückgeworfen, muss Lehmann sich stellen. Um bei den Ermittlungen voranzukommen, bleibt ihm keine andere Wahl. Lehman wird dadurch kein Held, denn er behält so einiges für sich, doch wenigstens etwas scheint er über sich selbst gelernt zu haben. 

Die Lektüre ist schon eine kleine Tour de Force, die teilweise lähmenden und ausufernden Beschreibungen von Lehmanns Innensichten fordern große Konzentration und auch Pausen. Mit einem Überfliegen der Seiten ist es nicht getan. Eingebettet in einen spannenden Kriminalfall wird hier ein Portrait von einem Nachkriegsdeutschen vorgestellt, dem klar ist, dass er im Krieg nicht unschuldig geblieben ist. Der seine Vergangenheit zu bewältigen hat, der nicht alles verdrängen kann. Wenn man sich mit Lehmann durch dessen inneren Krieg kämpft, wird man schließlich bestärkt sein, für ein „Nie wieder!“ zu stehen, so ist es jedenfalls zu hoffen. Eine Lektüre, die alles andere als leicht ist, die man aber nicht verpassen sollte.


4,5 Sterne

Wolfsstadt von Bernd Ohm
ISBN: 978-3-86913-501-4


Freitag, 30. Oktober 2015

Weeds

Flavia de Luce ist wieder da. Hochintelligent und von Chemie begeistert (nichts für mich) schliddert sie in eine zunächst nur etwas geheimnisvolle Geschichte um Rupert, den bekannten BBC Puppenspieler und seine Assistentin Nialla. Das Pärchen ist in Flavias Kirchspiel gestrandet. Der Wagen hat einfach seinen Geist aufgegeben und ein Handwerker ist so schnell nicht greifbar. Notgedrungen lässt der Pastor sie auf seinem Grundstück übernachten. 
Flavia stolpert auf dem Friedhof geradezu über die schluchzende Nialla und kommt natürlich neugierig wie sie ist sofort mit der jungen Frau ins Gespräch. Sofort ist Flavias grenzenlose Fantasie angeregt und sie versucht herauszufinden, was für ein Geheimnis Nialla verbergen könnte. 
Ausgesprochen amüsant ist hier die Geschichte Flavias weiter zu verfolgen. Es ist ein wenig bitter-süß wie Flavia mit ihren miesen Schwestern klarkommen muss, ihr Vater sie nicht wirklich wahrnimmt, Flavia jedoch unverzagt anderen Menschen hilft wo sie kann, dabei dann oftmals aneckt, weil sie halt etwas anders ist, und doch immer wieder die Kurve kriegt, Sympathie weckt und mich als Leser begeistert. Eine kleine unerwartete Hilfe und Erklärung bekommt sie in diesem wunderbaren Buch von ihrer Tante, von der sie bisher nicht ganz so viel gehalten hat. 
Ich bin gespannt wie es mit Flavia weitergehen wird.

5 Sterne

The Weed that strings the Hangman´s Bag von Alan Bradley
ISBN: 978-0-3853-4231-5


Und hier geht es zur Info für die deutschsprachige Ausgabe





Dienstag, 27. Oktober 2015

Das Team der Damen

In der Welt von Mina Holmes und Evaline Stoker, ein London zur Zeit der Regentschaft von Königin Victoria, in dem Elektrizität verboten ist, verschwinden einige Jungen. Die Schwester eines der Verschwundenen bittet Mina um Hilfe. Willa Ashton ist überzeugt, dass ihr Bruder noch lebt. Während einer Séance ist ihr die verstorbene Mutter erschienen und hat ihr gesagt, sie solle Robby helfen. Mina ist mehr als skeptisch, sie fragt sich, wer wohl an Willas Erbe möchte. Evaline Stoker, die angehende Vampirjägerin, ist derweil einem anderen Geheimnis auf der Spur. Es scheint wieder eine Gesellschaft der Vampire in London zu geben.

Irgendwie sind sie schon befreundet - Mina Holmes, die Nichte von Sherlock, und Evaline Stoker, die Schwester von Bram. Aber so richtig grün sind sie sich manchmal nicht. Mina hält sich für die Intellektuelle, während Evaline die toughe Jägerin ist, was sie allerdings noch beweisen muss. Mina dagegen nicht einmal an die Existenz der Vampire, da kann Evaline mit ihren Fähigkeiten überhaupt nicht punkten. Und ihr gutes Aussehen macht Mina schon etwas neidisch. Zum Glück allerdings ist der Geschmack der beiden jungen Frauen was Männer anbetrifft sehr unterschiedlich, da kommt es nicht zu Unstimmigkeiten, noch. Aus den Kabbeleien zwischen Mina und Evaline ergibt sich ein großer Teil des Witzes dieses Romans. Beide erzählen aus ihrer Sicht, wobei die Sicht der einen nicht immer mit der Sicht der anderen übereinstimmen muss. Auch das macht einen Reiz der Geschichte aus. Die Handlung selbst überzeugt mit einiger Finesse. Bekannte Motive werden geschickt so zusammengewürfelt, dass wieder etwas Neues entsteht, man sich aber gleichzeitig freut Vertrautes zu entdecken. 


Ein ausgesprochen vergnüglicher Band der Steampunk-Reihe um Mina Holmes und Eveline Stoker, für jugendliche Leser ebenso geeignet wie auch für Ältere. So soll Unterhaltung sein.

4,5 Sterne

The Spiritglass Charade von Colleen Gleason
ISBN: 978-1-4521-3058-3


Montag, 26. Oktober 2015

Auf´m Dorf

In einem kleinen Dorf in Holstein geschieht ein Dreifachmord. Die Dorfgemeinschaft ist entsetzt und kann sich nicht erklären, wie es in ihrem kleinen Örtchen zu so einer Tat kommen kann. Die Mordkommission aus Lübeck wird herbei gerufen. Kommissarin Pia Korittki ist noch neu bei der Truppe und noch scheint es so als seien ihre Kollegen nicht sehr von ihr angetan. Doch Pia will sich durchbeißen. Und auch wenn der Kollege Marten Unruh nicht so sehr einverstanden ist, mit ihr zusammenarbeiten zu müssen, macht er sich mit ihr gemeinsam auf den Weg aufs Land. 

Sehr unterhaltsam lässt sich dieses Hörbuch an. Pia Korittkis erster Fall. Man lernt die junge Frau kennen, die bei der Mordkommission noch einen schweren Stand hat. Sie setzt sich gegen das teilweise eher unschöne Verhalten der alteingesessenen Kollegen zur Wehr. Und nun bekommt sie ihre Nagelprobe. Ohne viel Hilfe von dem erfahreneren Unruh zu erhalten, findet Pia durch geschicktes und hartnäckiges Nachfragen so einige Hinweise. Sie entdeckt, dass in dem Dorf längst nicht alles so friedlich ist wie es nach dem ersten Anschein zu sein schien. Die Opfer waren nicht sonderlich beliebt in dem Ort. 


Ruhig und doch sehr fesselnd kann man diesem Hörbuch folgen. Vorgetragen von Anne Moll, die es wunderbar versteht, den unterschiedlichen Charakteren ihre eigene Stimme zu geben. Besonders der norddeutsche Einschlag gelingt ihr ausgesprochen gut. Dabei bleibt sie dennoch beim Hochdeutschen, so dass es keine Verständnisprobleme gibt. Auch in die Kommissare kann man sich gut hinein versetzen. Man empfindet Wiederwillen gegenüber den anderen Polizisten, die Pia schlecht behandeln. Gut kann man auch verstehen, wieso sich Pia zu einer Dummheit hinreißen lässt, wie sie sich fühlt, wenn sie doch nicht ganz richtig liegt. Vier CDs, die eine herausragende und kurzweilige Unterhaltung für eine längere Autofahrt bieten. Es erster Fall, der neugierig macht, welche Ermittlungen Pia Korittki noch weiter führen wird.

4 Sterne

Kalter Grund von Eva Almstädt
ISBN: 978-3-7857-5006-3


Sonntag, 25. Oktober 2015

Madness

Er hat es getan, er hat den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umgehauen. Mit seinen Freunden wohnt er im Auerhaus, gerade 18 geworden haben sie im Haus seiner Großeltern eine WG gegründet. Sie sind nicht einfach so ausgezogen, sondern sie sind mit Frieder zusammengezogen, der nach einem Selbstmordversuch nicht mehr in der Klinik bleiben muss, aber auch nicht alleine sein soll und nicht bei seinen Eltern wohnen möchte. Und nun erleben sie die erste Freiheit in der eigenen WG, immer sturmfrei. Und doch müssen sie ihren Alltag organisieren. Und immer sitzt ihnen die Angst im Nacken, dass Frieder es wieder versuchen könnte. Er hat niemandem etwas versprochen.

Höppner, der mit Frieder seit der neunten irgendwie befreundet ist, erzählt von der Sache mit Frieder und vom Auerhaus, das einer so nennt, weil er das Lied nicht kennt. „Our House“ aus der Zeit als sie gerade volljährig waren. Die Zeit des Abiturs, in der sie unter den doch besonderen Umständen in einer Schüler-WG wohnten und so für Gesprächsstoff im Dorf sorgten. Sie traten aus der Zeit ins Auerhaus. In eine Zeit, die ewig dauert und doch schnell vergeht. Und so richtig erwachsen sind sie nicht, angefangen bei der unorthodoxen Art des Einkaufens über die ausufernden Feten bis zu unheimlichen Begegnungen mit der Polizei. 


In Erinnerungen schwelgend an die eigene Jugend liest man vom Auerhaus, man entdeckt Ähnlichkeiten und auch Unterschiede. Die Feiern, der Gedanke, endlich erwachsen zu sein, der sich erstmal als Irrtum erweist. Eine tragische Freundschaft, eine erste bewusste Begegnung mit dem Tod, die deutlich macht, dass ein Leben irgendwann für immer endgültig vorbei sein kann. Ohne groß darüber zu reden, nehmen sie Frieder in die Mitte und erleben vielleicht ein Jahr, das immer in Erinnerung bleiben wird. Ein Jahr, das in Wirklichkeit ziemlich chaotisch war, in dem sie über die Stränge schlugen. Ein Jahr, das in der Erinnerung das beste ihres Lebens war, in dem sie unschlagbar waren und unsterblich. Ein Jahr, das man auch als Leser nicht so schnell vergessen wird.

4,5 Sterne

Auerhaus von Bov Bjerg
ISBN: 978-3-351-05023-8


Samstag, 24. Oktober 2015

Boston Terrier

Kann man als Boston Terrier eine wichtige Rolle spielen, wenn man wegen seiner Narkolepsie in den wichtigen Momenten schnarchend umfällt? Zum Glück ist das kein Problem, über das sich der kleine Hund der Opernsängerin Pauline Miller große Gedanken macht. Auch das Frauchen ist mit anderen Problemen beschäftigt. Zu einer herausragenden Inszenierung der Entführung aus dem Serail für die weibliche Hauptrolle engagiert, muss sie sich nicht wie erwartet mit den Stimmübungen beschäftigen, sondern damit, dass einer nach dem anderen ihrer Sangeskollegen auf unnatürliche Weise das Zeitliche segnet. Pauline bekommt es mit der Angst zu tun und beschließt, den Mörder zu finden bevor er sie findet.

Die Salzburger Festspiele bieten doch mal einen anderen Hintergrund für einen Krimi. Zunächst trällern die Akteure noch friedlich ihre Liedchen und man denkt, wer kann ihnen Übles wollen. Doch schon nach dem ersten Mord lassen sich doch ein paar Verhaltensweisen finden, mit denen das Opfer es verstand anzuecken. Viele werden da zu Verdächtigen, allen voran unsere voluminöse Diva Pauline. Frisch entliebt zieht sie deshalb mit ihren Boston Terrier Radames los, um sich von dem Verdacht zu befreien. Mehr oder weniger unterstützt wird sie von ihrer Agentin Brocki und dem Mann für alles Yves, der als Countertenor einfach kein anderes Engagement hat.


Gebannt und doch schmunzelnd folgt man Pauline Miller auf ihren Wegen durch Salzburg und die Opernwelt. Die gestandene Diva mit Kleidergröße 48/50 gesegnet und auf dem Höhepunkt ihres Könnens schnauft durch die Stadt. Sport hat sie, wie sie selbst sagt, zum letzten Mal in der Schule gemacht. Für das schlaue Köpfchen, das sie ihr eigen nennt, braucht sie auch keine sportlichen Ambitionen. Auch wenn sie hier der Lösung eher dadurch näher kommt, dass die Verdächtigen wegsterben, gelingt ihr die Annäherung doch auf äußerst amüsante Weise. Selbst die kleinen und größeren Nebenrollen dieses arienhaften Krimis sind gut besetzt. Doch keiner toppt die Diva, die beim Lesen hervorragend unterhält und das Ende des Romans, zwecks Vorbereitung weiterer Abenteuer, auch lebend erreicht.

4 Sterne

Bei Zugabe Mord! von Tatjana Kruse
ISBN: 978-3-85218-977-2


Freitag, 23. Oktober 2015

Ein Krimi-Märchen

Einige langjährige Bankkunden werden überraschend von ihrer Bank zu einem Golfturnier eingeladen. In den 1930ern, als die Zeit in England noch in ruhigeren Bahnen lief. Wie kommt eine normale Geschäftsbank dazu, ihren Kunden solche Geschenke zu machen. Die Teilnehmer rätseln, was dahinter stecken könnte. Doch schon bald wird dieses Rätsel durch ein viel übleres abgelöst. Einer der Gäste wird gleich während der ersten Platzrunde erschlagen. Alle sind möglicherweise verdächtig, doch wer hatte ein Motiv. John Stableford, einer der Teilnehmer, hat ein Faible für Kriminalromane und schon deshalb, aber auch wegen seiner Fähigkeit, Ableitungen zu bilden, übernimmt er die Nachforschungen.


Äußerst amüsant wird hier mit den Merkmalen eines klassischen Krimis gespielt. Mehrfach weisen die Protagonisten darauf hin. Etliche Ereignisse liegen genau auf der Linie, die ein Krimi ihnen vorgeben würde, was das Lesen in der Erwartung auf die nächste Parallele zu einer freudigen Erwartung werden lässt. Gäbe es nicht die Toten könnte man das Geschehen für eine Srewball Comedy halten, in der sich die Protagonisten die Handlungsbälle zuwerfen. Gerade die Offenheit, mit der das Offensichtliche angesprochen wird, lässt die Neuronen schmunzeln und sie jede weitere Wendung genießen. Man gewinnt den Eindruck als mache sich eine sympathische Stammbesatzung untereinander und auch dem Leser bekannt. Professor John Stableford als Sherlock und seine neue Bekanntschaft Harriet Taylor als seine Dr. Watson bilden ein schmuckes Team, zu dem dann auch noch ein Dr. Holmes stößt, dem man seine psychiatrisch medizinischen Fähigkeiten gerne abkauft. Ein wenig getrübt wird allerdings die Freude über die ausgesprochen unterhaltsame Anlage des Szenarios durch die ein wenig irritierende Auflösung des Rätsels. Doch bleibt ein positiver Eindruck. Einer Wiederbegegnung mit diesem schmucken Team könnte man, soweit es die Möglichkeit geben wird, mit Neugier und Freude entgegensehen. John Stableford sollte so schnell nicht ausgezählt werden.

4 Sterne

Stableford von Rob Reef
ISBN: 978-3-940258-49-6


Donnerstag, 22. Oktober 2015

Im Tod vereint

Kommissar Nils Trojan wird zu einem Leichenfundort gerufen und was er dort zu sehen bekommt ist auch für den erfahrenen Beamten nur schwer zu ertragen. Ein Liebespaar im Tod auf ewig vereint und grausam drapiert. In Trojans Nacken beginnt es gefährlich zu kribbeln, das scheint ein übler Fall zu werden. Seine Ahnung bestätigt sich als erste Hinweise gefunden werden, dass Theresa, die Frau seines Chefs, in den Fall verwickelt sein könnte. Auch privat läuft es eher mäßig für Trojan und seine Freundin Jana. Bei seinem Beruf ist es auch schon schwierig, nur eine einfache Verabredung zum Essen zu treffen.

Alles andere als ein leichter Fall, auch für den Leser. Wer kann ein Interesse daran haben, ein Liebespaar zu töten. Gerade auf diese brutale und zur Schau stellende Art. Da muss einer einen wirklichen Hass haben. Angespannt rätselt man mit den Ermittlern und folgt falschen und richtigen Fährten. Sehr schlimm wird die Situation von Trojans Chef, der in den Konflikt gerät, gegen seine Frau ermitteln zu müssen und sie gleichzeitig schützen zu wollen. So manches Mal hält man den Atem an, bei dem Gedanken, was er noch tun wird. So wie sich die Verdachtsmomente erhärten und sich eine Spur als totes Gleis erweist, so sehr trübt sich die Stimmung, so sehr wünscht man, es gäbe eine ganz andere Erklärung. Die wildesten Verdächtigungen scheinen besser als das, was sich offensichtlich aufdrängt.


Sehr gut herausgearbeitet sind die verschiedenen Stimmungen der Protagonisten und auch ihrer Gegenspieler durch den Leser Axel Milberg. Als Schauspieler wohlbekannt und sympathisch hat er auch als Vorleser herausragende Fähigkeiten. Mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, die Stimme einzusetzen, macht er die Handlung fast schon zu einem Hörspiel. Einziges kleines Manko, wenn man Hörbücher gerne während der Autofahrt genießt, können die sehr unterschiedlichen Lautstärken, der Herr Milberg so passend einsetzt, so manchen Griff zum Lautstärkeregler auslösen. Eine tolle Lesung eines Thrillers, der für die Ermittler manchmal zu persönlich wird.

3,5 Sterne

Die Totentänzerin von Max Bentow
ISBN: 978-3-8445-1565-7





Dienstag, 20. Oktober 2015

Ein Mädchen aus unbekanntem Haus

Im Herbst des Jahres 1913 betritt die junge Marie Hofgartner zum ersten Mal die Tuchvilla. Sie hat eine Stelle als Küchenmädchen bekommen. Zuvor hat sie ihr Leben im Waisenhaus verbracht. Intelligent und hübsch ist Marie, doch sie eckt an, weil sie ihre Meinung zu vertreten weiß. Allerdings merkt sie schnell, dass, auch wenn sie nur die niederen Arbeiten verrichten muss, sie es noch nie so gut gehabt hat, wie hier. Relativ gute Kleidung gab es, sogar einen warmen Mantel und Schuhe. Nicht alle der neuen Kollegen mögen sie und sie muss auch Obacht geben, dass sie nichts sagt, wodurch sie ihre Position verlieren könnte. Doch so langsam beginnt sie, sich wohler zu fühlen und die Hoffnung auf ein besseres Leben zu hegen.

Ein Roman um ein junges Mädchen aus einfachsten Verhältnissen, in deren Vergangenheit es ein Geheimnis zu geben scheint. Ein junges Mädchen, dass sich verliebt, dass sich jedoch seiner Position bewusst ist. In die Zeit vor dem ersten Weltkrieg hineingeschrieben spielt die politische Situation in diesem Buch keine große Rolle. In einzelnen Sätzen wird angedeutet, dass Soldaten zur Truppe müssen oder Arbeiter streiken. Das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt jedoch auf den Erlebnissen der beiden Töchter des Inhabers der Tuchfabrik und der jungen Marie. Alle drei haben ihre Wünsche und Träume und versuchen deren Erfüllung zu erreichen.


Dieser gefühlvolle Roman unter hält zwar nicht mit geschichtlichen Fakten und zeitgeschichtlichem Hintergrund, aber das Schicksal der Bewohner bietet eine meist spannende Lektüre. Man kann sich gut in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptpersonen hineinversetzen. Man fühlt mit ihnen. Zwar muss man sich manchmal fragen, welche Beweggründe sie für ihre Handlungen haben, doch meist kann man die Geschichte erleben als sie man selbst dabei. Ein wenig mehr Historie hätte vielleicht gutgetan, aber als schöner Roman um drei junge Frauen lässt sich das Buch bestens empfehlen.

3,5 Sterne

Die Tuchvilla von Anne Jacobs
ISBN: 978-3-442-38137-1






Montag, 19. Oktober 2015

Frankfurter Gaben

Nach einem reichhaltigen Frühstück, das ich mit einiger Zurückhaltung genossen habe, ging es am Samstagmorgen zum zweiten Messetag. Schon am Freitag hatte ich Sonja tatsächlich mehrfach zufällig getroffen und so war es fast schon klar, dass wir uns auch heute sehen würden. Das erste Mal beim dot.books Blogger-Frühstück. Dort lernte ich auch Sina persönlich kennen. Das ist das Schöne - ein persönliches Treffen von Gleichgesinnten bei besonderen Gelegenheiten , die man in Foren als liebe Bekannte empfindet. Obwohl es noch recht früh war, erschienen erstaunlich viele Teilnehmer und es herrschte ein ziemliches Gewusel.  Sonja, die um einiges größer ist als ich, war so lieb, ein paar Fotos für mich zu schießen.
Der Moderator sprach ein paar witzige einladende Worte und stellte die anwesenden Autoren, darunter Patrick Hinz und Thomas Finn (von dem ich tatsächlich ein Buch gelesen habe),  und ihre aktuellen Bücher vor. Es wurden Fotos für Instagram geschossen und schließlich ein paar leckere Brezeln und Getränke verteilt. Und es gab einen schönen dot.books Goodie Bag im leuchtenden dot.books Grün.
Für mich war es das erste Blogger-Treffen und es war eine sehr schöne Erfahrung. Toll wie viel Arbeit sich der Verlag gemacht hat um die Menge zu unterhalten und zu beschenken. Bald jedoch machte ich mich gemeinsam mit Sonja und Sina auf den Weg zum nächsten Treffen. Etwas versteckt lag es, doch Sonja hatte glücklicherweise den Ort des Geschehens schon vorher ausgekundschaftet. Bei vorablesen war eine Lesung von Corina Bomann angekündigt. Doch noch waren die Türen geschlossen und so blieb uns etwas Zeit für eine Unterhaltung. Nach einigen Minuten stürmte die Menge den Saal und die Sitzplätze waren schnell belegt. Wir nahmen unsere Plätze dann lieber hinten ein, dort konnten wir uns anlehnen und Sonja machte noch ein Foto für mich.
Die sehr sympathische Autorin Corina Bomann las das erste Kapitel aus ihrem berührenden neuen Roman und beantwortete ein paar Fragen der Moderatorin und aus dem Publikum. Auch von vorablesen gab es nach Beendigung der Lesung einen Goodie Bag. Dieser enthielt auch das Buch "Eine wundersame Weihnachtsreise", dessen Leseprobe mir sehr gefallen hatte. Darüber habe ich mich sehr gefreut und ich nutzte die Gelegenheit, mir das Buch signieren zu lassen. Ein herzliches Dankeschön an die Autorin für die liebe Widmung.
Nun legte ich eine kleine Mittagspause ein und machte mich dann auf den Weg zu meinem letzten Termin von Lovelybooks. Waren die vorigen beiden Treffen schon gut besucht mit jeweils mehr Teilnehmern als die Veranstalter erwartet hatten, so schlug das Lovelybooks Treffen doch alles. Hier war ich auch im Vorjahr schon gewesen und mein Eindruck war, dass sich damals weniger Leute auf einer größeren Fläche verteilten. In diesem Jahr hatte ich nicht damit gerechnet, jemanden zu treffen, deshalb hatte ich keine großen Erwartungen. Die Durchsagen per Megaphon waren leider etwas schlecht zu verstehen. Doch die Veranstalter gaben sich alle Mühe, das Chaos zu beherrschen. Bei der Verteilung der Goodie Bags, von denen einen zu ergattern ich mir beim Anblick der Menge gleich abgeschminkt hatte, war das Gedränge doch sehr groß. Durch den Ansturm auf den Verteilerpunkt wurde jedoch am Ort des eigentlichen Treffens ein Sitzplatz frei. Dort setzte ich mich und lernte die Lovelybookerin MelE kennen, deren Rezis und Posts ich schon hin und wieder gesehen hatte. Auf meine Frage, woher sie denn angereist sei, antwortete sie, sie sei aus einem kleinen Ort in der Nähe von B., den ich sicher nicht kennen würde. Ich kannte ihn aber doch, weil auch ich aus einem anderen kleinen Ort in der Nähe von B. komme und so hatten wir gleich ein Thema und konnten noch ein paar andere Gemeinsamkeiten finden.
Und schließlich kam Marcel von Lovelybooks vorbei und brachte einen Goodie Bag. Für mich wurde aus dem Lovelybooks Gedränge also doch ein schönes Erlebnis, das ich allerdings relativ zeitig verließ, weil ich zum Zug musste, der mich Richtung Heimat bringen sollte.
Zwar war die Messe sehr anstrengend, aber natürlich trotzdem ein tolles Erlebnis mit etlichen schönen Treffen, über die ich mich sehr gefreut habe. Ein herzliches Dankeschön auch für die reich ausgestatteten Goodie Bags und auch ein Dankeschön für ein Buch, das ich eher versehentlich bekommen habe.
Nach der Messe ist natürlich vor der Messe. :-)

Die Magie hat sich nicht entfaltet

Ich habe "Big Magic" von Elizabeth Gilbert in der Erwartung gelesen, Ratschläge zu erhalten, wie man kreativer wird bzw. das eigene Leben kreativer gestalten kann. Leider war dies eine falsche Erwartungshaltung. Das Buch liest sich mehr als Selbsterfahrungsbericht, wie die Autorin selbst zur erfolgreichen Autorin wurde. 

Das Buch liest sich vom Schreibstil her gut, allerdings habe ich die permanenten Wiederholungen als recht mühsam und die Ideen als doch recht esoterisch empfunden. Die Magie ist einfach nicht auf mich übergeschwappt. Ich bin aber auch der Meinung, dass Kreativität für mich nicht das non plus ultra ist, an dem all mein Glück und meine Zufriedenheit hängen. Gilberts zum Teil steiniger Weg zum Erfolg war wiederum interessant, aber würde mich das näher interessieren, würde ich zu einer Autobiografie greifen. 

Letztlich bleibe ich sehr enttäuscht zurück. Das Buch ist weder ein gehaltvoller und anregender Ratgeber zum Thema Kreativität, noch ein Selbstbericht über den Weg zur erfolgreichen Schriftstellerei. Vielleicht wäre Gilbert besser bei der Belletristik geblieben. 
 
2 Sterne

© Britta Kalscheuer

Big Magic von Elizabeth Gilbert
ISBN: 978-3-596-03370-6


Enttäuschende Dystopie

"Das Licht der letzten Tage" ist eine Dystopie. Es geht um den Ausbruch der Gregorianischen Grippe, die dadurch ausgelöste Endzeitstimmung und deren Konsequenzen. Eine Story, die zunächst einmal spannend klingt. ich kenne noch nicht allzu viele Dystopien, und so war ich auf diese hier sehr gerade auch wegen der überaus positiven Kritiken gespannt. Ich habe eine anspruchsvolle Endzeitgeschichte, vielleicht vergleichbar mit Saramagos "Die Stadt der Blinden" erwartet - eine hohe Erwartungshaltung, denn "DIe Stadt der Blinden" gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Leider erwies sie sich als zu hoch.

Der Sprachstil an sich gefällt mir sehr gut. Ebenso gefällt es mir, dass die Geschichte auf zwei Ebenen angesiedelt ist. Eine Perspektive handelt von dem Leben vor dem Ausbruch der Epidemie, die andere von dem Leben danach. Leider habe ich die Erzählung über weite Strecken als sehr langatmig und mühsam empfunden. Mit den Protagonisten hatte ich auch so meine Probleme, insbesondere die Mitglieder der Symphonie waren mir irgendwie zu abstrakt. So fiel es mir sehr schwer, in die Geschichte hineinzufinden. Spannend wurde es, wo es um die konkreten Auswirkungen der Epidemie und den Überlebenskampf der Protagonisten ging. Davon hätte ich sehr gerne mehr gelesen.

Kein schlechtes Buch, aber eines, das mich nicht wie erwartet fesseln konnte. Aufgrund des schönen Sprachstils und der Grundidee würde ich weiteren Büchern der Autorin aber auf jeden Fall eine Chance geben. 
 
3 Sterne

© Britta Kalscheuer

Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel
ISBN: 978-3-492-06022-6


Die Zumutung

Gemeinsam mit ihrer Tochter versucht Gemma Adderley ihrer Ehehölle zu entfliehen. Nach langer Leidenszeit hat sie es endlich geschafft mit dem Frauenhaus „Safe Haven“ Kontakt aufzunehmen. Nun sollen sie und ihre Tochter an einem vereinbarten Ort abgeholt werden. Damit sie sicher ist, wird ein Passwort vereinbart. Später wird die kleine Carly in einem desolaten Zustand aufgefunden und nahezu gleichzeitig findet man auch die übel zugerichtete Leiche ihrer Mutter. Detective Phil Brennan beginnt mit den Ermittlungen. Brennan selbst ist denkbar schlecht drauf. Seit dem letzten Fall wohnt er nicht mehr mit seiner Frau Marina zusammen, mit der Hälfte, die ihn ergänzt, mit der Hälfte, die ihm fehlt.

Schon der vorherige Band um Phil Brennan und Marina Esposito war schwer zu ertragen. Und mit diesem neuen Fall geht es in ähnlicher Weise weiter. Phil und Marina sind augenscheinlich getrennt. Zum Schutz ihrer kleinen Tochter hält Marina dies für die beste Lösung. Phil zerreißt es fast, er kann einfach nicht ohne seine kleine Familie sein. Der Aufruhr, in dem er sich befindet, wirkt sich auch auf seine Arbeit aus. Er ist kurz davor völlig auszurasten und überschreitet seine Kompetenzen, so dass seine Chefin keine andere Möglichkeit sieht als die der Suspendierung. Wegen der psychologischen Komponente des Falls holt sie Marina ins Team. 


Ohne Frage spannend wie von der Autorin gewöhnt liest sich dieses Buch sehr schnell weg. Dennoch kann es passieren, dass man sich zwingen muss, mit der Lektüre fortzufahren. Der Inhalt sowohl was den Fall angeht als auch das Drama zwischen Phil und Marina löst manchmal einiges an Widerwillen aus. Man fragt sich, wieso die Autorin mit ihren Figuren so umgeht. Hinzu kommt, dass möglicherweise integre und in sich ruhende Ermittler so langsam mehr gefragt sind als gebrochene Persönlichkeiten. Es reicht, wenn in dieser Ecke die Täter angesiedelt sind. Und so hat man hier schließlich einen sehr spannenden Thriller, rasant geschrieben, doch inhaltlich möglicherweise die Meinungen spaltend.

3 Sterne

Heartbreaker von Tania Carver
ISBN: 978-0-7515-5787-9

Sonntag, 18. Oktober 2015

Frankfurter Meilen

Wie schnell doch ein Jahr vergeht, schon oder endlich wieder Messezeit in Frankfurt.
Für den Freitag habe ich keinen besonderen Plan gefasst. Nach der zum Glück reibungslos verlaufenden Zugfahrt und dem deponieren des Gepäcks im Hotel geht es auf dem schnellsten Weg zur Messe. 
Da gehen einem doch die Augen über, Bücher über Bücher. An so vielen Ständen kann man vorbei flanieren oder auch verweilen. Zunächst einmal die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Mit Hilfe der Messe-App ist schnell der Standort des CW Niemeyer Verlages gefunden. Aufs Geratewohl dorthin spaziert und zur großen Freude den inzwischen bekannten Autor Micha Krämer erkannt, der aus Erzählungen und Berichten von gemeinsamen I-Net Freunden fast schon wie ein guter Bekannter wirkt. Sehr freundlich plaudert Micha Krämer über seine Bücher, die nun schnellstens auf die Wunschliste müssen und hat auch einen Lesungstermin in fast heimatlichen Gefilden im Angebot. Das wär doch was, wenn es zu schaffen wäre.
Auch die Autorin Nané Lénard, mit der ich bereits im bei der vorigen Messe ein sehr freundliches Gespräch führen durfte, war wieder am Stand, so dass ein paar nette Worte ausgetauscht werden konnten. Der CW Niemeyer Verlag steht für mich hauptsächlich für sein schönes Sortiment an Regionalkrimis, bei denen ich schon das eine oder andere Mal zugegriffen habe.
Doch leider musste ich den Stand bald wieder verlassen, denn eine lockere Verabredung mit einer lieben Internetbekanntschaft einzuhalten, die sich von der fleißigen Rezensentin und Forenplauderin zur echten Autorin entwickelt hat. Etwas, dass ich sehr bewundere, denn ich könnte mir nicht vorstellen jemals genug Phantasie zu entwickeln, um ein eigenes Buch zu schreiben. Da hat jeder Autor meinen Respekt. Nach Verlassen der recht warmen Halle ging es einfach mal dahin, wo die meisten Leute standen und nach ihrem Autorenfoto konnte ich Jane-Christine gleich erkennen.
Ihre Blanche Romane, die unter dem Namen Jane Christo erschienen sind, habe ich gerne gelesen. Und nun bin ich sehr froh, dass ich Christine persönlich treffen durfte. Sie hat ein genauso strahlendes und freundliches Wesen wie ich es aus ihren Forenbeiträgen schon gewusst hatte. Ich bin im Übrigen kleiner als sie und beim Betrachten der Fotos war ich von dem Ergebnis überrascht. :-) Leider war die Zeit viel zu kurz und schon weitere Leserinnen standen für das Meet & Greet bereit. Und für mich ging es weiter zum Lesezelt, in dem der Cartoon-Preis 2015 verliehen werden sollte. Dazu hatte ich mich spontan entschlossen, obwohl ich mich mit Cartoons nicht auskenne, bin ich doch gerne offen für einen neuen Eindruck. Und die Preisverleihung war ausgesprochen unterhaltsam, wenn auch vielleicht nicht ganz auf die geplante Weise. Mal funktionierte das Mikro nicht ganz perfekt, dann war die Reichweite der Fernbedienung eher klein, manchmal sprangen gleich zwei Bilder weiter, doch diese kleinen Widrigkeiten wusste der Moderator so perfekt zu überspielen, dass man fast glauben konnte, es sei so geplant. Und so ergab sich eine
turbulente Preisverleihung, zunächst mit der Vorstellung der Bilder und dann auch mit der Vorstellung der Gewinner. Und mein Favorit, von dem ich beim Bilderdurchlauf einen kurzen Eindruck bekam, hat sogar den zweiten Preis bekommen. Dann konnte ich mich so langsam schon wieder auf den Weg ins Hotel machen, denn für den Abend war ich wie im letzten Jahr mit einer lieben Freundin  zum Essen verabredet. In einem italienischen Restaurant gab dann etwas Leckeres zu Essen und zwei Mädels, deren Münder kaum stillstanden, weil es einiges zu erzählen gab. Am Ende des Tages hatte ich einige tolle Begegnungen mit liebenswerten Menschen erleben dürfen. Und ein Blick auf den inzwischen in beinahe jedem Mobiltelefon vorhandenen Schrittzähler zeigte, dass ich beim ersten Tag meiner Bücherschau doch über 10 Kilometer hinter mich gebracht hatte und das ganz im Vorbeigehen.

Zicken halten zusammen

Vor einem Jahr wurde der Jugendliche Chris Harper auf dem Gelände der benachbarten Mädchenschule getötet. Noch immer ist nicht klar, wer den Mord begangen hat. Da wird der Dubliner Polizei ein Hinweis übergeben, der den Ermittlungen einen neuen Ansatz geben könnte. Detective Steven Moran sieht darin seine Chance, zur Mordkommission versetzt zu werden. Zunächst darf er jedoch nur an den aktuellen Untersuchungen teilnehmen. Seine Vorgesetzte Antoinette Conway versteht hervorragend auf das Spiel „guter Cop - böser Cop“. Beide begeben sich zu der Schule, um die Schülerinnen, denen ein Jahr zuvor nichts wirklich zu entlocken war, erneut zu befragen.

Während der Lektüre wirkt die Schule der Mädchen mehr und mehr wie ein Schlangennest. Besonders die im Internat untergebrachten Schülerinnen scheinen eng verbunden zu sein. Im gleichen Alter wie der Tote befinden sich unter den Mädchen zwei Gruppen, die sich spinnefeind sind. Zwei mal vier junge Frauen, aus deren Reihen die Karte stammen muss, auf der der geheimnisvolle Hinweis steht, und die sich gegenseitig beschuldigen und verdächtigen. Keine leichte Aufgabe für die Ermittler. Nur schwer lassen sich die Mädchen kleinste Informationen entlocken. Nach und nach entsteht ein Bild des vergangenen Jahres und auch der letzten Monate im Leben des Chris Harper.


Auf zwei Ebenen berichtet die Autorin von den Ereignissen. Hieraus entwickelt sich ein sehr spezielles Spannungsfeld und wenn man einzelne Teile der Geschichte langsam durchblickt, überläuft einem mehrfach ein Schauer. Wie Katzen umschleichen sich die Schülerinnen. Da kann es geschehen, das plötzlich die Krallen ausgefahren werden. Selbst als Leser kann man die geheimen Strömungen und Stimmungen spüren, die das Internatsleben der Mädchen bestimmen. Man lernt, dass hinter der glatten Fassade längst nicht alles so ist, wie Eltern und Lehrer vielleicht glauben mögen. Gerade wegen der besonderen Komposition bekommt dieses Buch etwas Einzigartiges. Doch verlangsamt dies auch die Entwicklungen und die spezielle Ausdrucksweise, die der Autorin eigen zu sein scheinen, verhindert das völlige Eintauchen in die ansonsten ausgesprochen intelligente und sich überraschend entfaltende Geschichte. Wer sich also auf die Art, wie sich die Autorin ausdrückt, einlassen kann, wird hier bestens unterhalten werden. Und auch die anderen werden zumindest ein gutes Buch zu lesen bekommen, auch wenn es in manchen Momenten ein wenig Überwindung kosten kann.

4 Sterne

The Secret Place von Tana French
ISBN: 978-1-444-75561-9


Montag, 12. Oktober 2015

Wie ein Kahn

Wie ein Kahn auf einem Eissee schippert Kommissar Bruno Kahn durchs winterliche Berlin. Mit einiger Erfahrung gesegnet, fühlt er sich den jungen Kollegen etwas fremd. Er ermittelt lieber auf die altmodische Art. Nachdenken lautet die Devise. Mit seiner neuen jungen Kollegin Laura Conti kann er sich zunächst nicht so richtig anfreunden. Ihre Fahrkünste lernt er schnell zu schätzen, bei der ersten gemeinsamen Untersuchung geht es um schlimme Morde, deren Hintergrund lange im Verborgenen bleiben. Ein Rentner wird tot aufgefunden, er wurde an einen Stuhl gefesselt und in seiner Gartenlaube seinem Schicksal überlassen. 

Kommissar Kahn, im zwischenmenschlichen anscheinend nicht so bewandert und eher zurückhaltend, ermittelt am liebsten während seiner langen Wege, von denen er etliche zu Fuß bewältigt. Autofahren liegt ihm nicht und Aufträge, bei denen die modernen Ermittlungsmethoden zum Einsatz kommen sollten, delegiert er lieber an die anderen Mitglieder seines Teams. Eigenbrötlerisch wirkt Bruno Kahn, dennoch ist ihm Empathie nicht fremd. Mit Hinterbliebenen kommuniziert er ruhig, in die Opfer versucht er, sich hineinzuversetzen. Sein Gegenpool ist Laura Conti, frisch von der Polizeischule, mit italienischen Wurzeln, die ihr die Fähigkeit zu herrlichen Flüchen geben, die möglicherweise besser unübersetzt bleiben. Wie ein Wirbelwind fegt sie durch das Kommissariat und umtost auch Kahn, so dass der nicht erst auf die Idee kommen kann, Staub anzusetzen. Nach und nach kommen die Polizisten einer üblen Sache auf die Spur, deren Anfänge weit in der Vergangenheit liegen.


Der Roman ist wie ein Streifzug durch ein Berlin, das von den kalten Klauen des Winters fest umklammert wird. Man spürt die Kälte und die Düsterkeit, die die Jahreszeit beherrschen. Trotz seiner brummigen Art wird einem Kommissar Kahn schnell sympathisch, man möchte mehr über ihn wissen, welches seine Geschichte ist, wird angedeutet. Dagegen wirkt Laura Conti frisch und unverbraucht, was mag das Leben ihr noch bringen. Hinzu kommt ein Fall, der sich überraschend entwickelt, ruhig zunächst und doch immer fesselnder. Ein packendes Debüt, mit dem eine Vergangenheit in Erinnerung gerufen wird, die noch nicht so fern ist. Verbrechen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.

4 Sterne

Der Eismann von Silja Ukena
ISBN: 978-3-7645-0525-7





Sonntag, 11. Oktober 2015

Tachschön

Sie heißt Lilo Gondorf, ist Ende 50 und wäre Kommissarin in Bielefeld geblieben, wenn es sie nicht zu ihren Zwillingen gezogen hätte. Doch so ist Lilo nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes mit ihrem jüngsten Kind, ihrer Tochter Verena nach Rügen gezogen und bewirtschaftet dort zwei Ferienhäuser. Bei der Polizei ist ihre inzwischen Ende 29jährige Tochter gelandet. Eine gute Wahl wie Lilo findet. Wenn sie ehrlich ist, vermisst sie ihre Arbeit schon etwas, auch wenn sie den Beruf nur kurz ausgeübt hat. Als nun während einer Wanderung eines Ehepaares der Ehemann verschwindet, nimmt Lilos feine Nase die Witterung auf. Leider ist die Frau des Verschwundenen seit ihrer Kindheit blind und kann keine eindeutige Zeugenaussage machen.

Zunächst einmal punktet dieser in einer vielleicht nicht jedem Leser bekannten Ecke Rügens angesiedelte Krimi mit den liebevollen und detailreichen Beschreibungen von Land und Leuten. Da kann man sich direkt den Küstenwind um  die Nase wehen lassen. Mit Lilo Gondorf ist eine sympathische Protagonistin gelungen, die gerade die richtige Mischung aus Zurückhaltung und Neugier ihr eigen nennen kann. In diesem vermutlich ersten Band erfährt man das Wesentliche über ihre Lebensumstände, die trotz des tragischen frühen Todes ihres Mannes durchaus angenehm sind. Einzig die Verstiegenheit bezüglich einer gewissen Bass-Stimme scheint nicht ganz zu ihrer resoluten Art zu passen. 


Interessante Themen aus der Wirtschaft der Nachwendezeit werden geschickt mit der Krimihandlung der Gegenwart verknüpft. Erstaunlich dabei allerdings, dass Lilo und ihr freundlicher Nachbar der Polizei so manches Mal enteilen. Nun, sicher kann es vorkommen, dass die genaue Ortskenntnis einen Vorteil bringt. Verblüffend ist es aber hin und wieder doch. Sanft mäandert dieser Krimi dahin und bietet seiner liebenswerten Lilo Gondorf einen schönen Rahmen, in dem sie von ihrem Leben erzählen kann. Erst kurz vor Schluss wird es plötzlich rasant und reißt den Leser aus seiner ruhigem Meditation über einen möglichen künftigen Ferienaufenthalt.

3,5 Sterne

Halbe Miete von Nadja Quint
ISBN: 978-3-442-74918-8




Samstag, 10. Oktober 2015

Dieser übersinnliche Kram

ist mir zu viel, sagt Chrissys beste Freundin Mia und ich befürchte mir geht es ebenso. Zum Glück bereitet dieser Roman dennoch eine unterhaltsame Lektüre.

Chrissy arbeitet hauptberuflich als Fitnesstrainerin und zusätzlich als Aushilfe in einem Bio-Supermarkt. Wenn es mit den Arbeitszeiten passt, trifft sie sich mit ihrer besten Freundin Mia. So richtig glücklich ist Chrissy allerdings nicht, ein Partner fürs Leben fehlt ihr. Und so kommt sie auf den Gedanken, ihren Engel um die Erfüllung ihres Herzenswunsches zu bitten. Gemeinsam mit Mia versucht sie ihrem Traum ein Gesicht zu geben, das sich in ihrem Wunschbuch formulieren lässt. Und schon kurz darauf scheint ein neuer Kunde im Studio genau ihren Wünschen zu entsprechen.

Auf der einen Seite liest man hier eine sehr schöne Beschreibung der Freundschaft zwischen Mia und Chrissy. Die Beiden gehen durch Dick und Dünn, sie versuchen sich zu helfen und sich mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In ihrer Gegensätzlichkeit scheinen sie sich gut zu ergänzen und sie können sich in gewissen Situationen Halt und Zuversicht geben. Eine Freundschaft, die hoffentlich durch nichts zu trüben ist. 

Auf der anderen Seite gibt es die Suche Chrissys nach ihrem Traummann. Schon bei Betreten des Fitness-Studios war der vermeintliche Traummann für mich etwas too much und Chrissys Verbohrtheit beim Festhalten ihres Traums schien zwar ein Fall von „Liebe macht blind“ und damit verständlich, aber doch etwas schwer zu ertragen. 


Gut gefallen hat mir dagegen Chrissys langsame Wandlung zu Christiane. Sich selbst zu finden oder zu sich selbst zu stehen, da macht Christiane eine schöne Entwicklung durch, die sie sehr sympathisch wirken lässt. Letztlich gefielen mir auch etliche der Gedanken des Engels und auch der Kommunikationen mit dem Engel. Nur war es für mich schwierig zu verstehen, wozu es hier überhaupt eines Engels als Mittler bedarf. Hätte nicht auch ein weiser menschlicher Ratgeber seinen Platz finden können. Natürlich ist es meine eigene Sache, dass ich es mit Mystischem nicht so habe, so hätte mich die Beschreibung des Buches vielleicht warnen sollen. Schließlich bin ich aber doch froh, die Warnung übersehen zu haben, denn sonst hätte ich auch die Teile der Lektüre verpasst, die mir gut gefallen haben.

3 Sterne

Wunschträume von Kari Lessír
ISBN: 978-3-7347-5147-9


Mittwoch, 7. Oktober 2015

Blumenmädchen

London im Jahr 1876. Die beiden Schwestern Florrie und Rosie haben nur noch sich. Ihre Eltern sind tot und ihr bescheidenes Dasein verdienen sie, obwohl sie noch Kinder sind, mit dem Verkauf von Blumen, die sie zu kleinen Sträußchen binden. Eines schlimmen Tages verliert Florrie ihre kleine Schwester aus den Augen. Verzweifelt sucht sie nach ihr, doch Rosie bleibt verschwunden. Über 30 Jahre später nimmt die junge Tilly Harper eine Stelle im Ausbildungsheim für Brunnenkresse- und Blumenmädchen an. Sie soll Assistentin einer der Hausmütter werden, die den Wohneinheiten, in denen die jungen Mädchen und Frauen untergebracht sind. Schon kurz nach ihrer Ankunft findet sie die rührenden Tagebuchaufzeichnungen von Flora Flynn.

Romane, die ein interessantes Thema behandeln, auf die man allerdings nicht so leicht stößt. Leider nicht auf Deutsch erschienen, wie es scheint, kann man sich glücklich wähnen, wenn man dieses Kleinod im englischen Original zu lesen bekommt. Ein wenig mag man an Eliza Doolittle denken, die junge Dame aus dem wohlbekannten Musical „My Fair Lady“, deren Rolle die Autorin während ihrer Schulzeit übernehmen durfte. Doch nicht damit zu vergleichen sind die detailreichen Schilderungen, des Elends der Kinder, ihrer Not, die schwere Arbeit, mit der sie ihr Leben fristeten. Draußen bei Wind und Wetter, ob Hitze oder Kälte, immer müssen sie versuchen ihre Blümchen an den Mann oder die Frau zu bringen, um sich und manchmal auch ihren Familien das nackte Überleben zu ermöglichen. Welch eine wunderbare Fügung ist da die Idee des Albert Shaw, den Mädchen, die häufig unter einer Behinderung leiden, die sie sich durch Krankheit oder Unfälle erworben haben, die Möglichkeit zu bieten, künstliche Blumen herzustellen. Für ihre Arbeit bekommen sie Lohn und die freie Unterbringung in den Häusern, die zu dem Heim gehören. Und so kann man zum einen Florrie begleiten, die die Gründung dieser Häuser miterlebt und so einem harten Schicksal entgehen kann. Über den Verlust ihrer Schwester kommt sie nie hinweg, doch ihre Tätigkeit für Shaw verschafft ihr ein erfülltes Leben. 

Sehr berührt von Florries Worten ist die junge Tilly. Sie hat ihr Elternhaus verlassen, um in London ihren Weg zu gehen. Unsicher, ob sie es schaffen wird, verschüchert zwar, gelingt es ihr jedoch schnell, die Sympathie der Mädchen zu gewinnen. Tillys Jugend war nicht so solcher Not geprägt, wie die Florries, doch auch sie musste als Kind schon Schicksalsschläge hinnehmen, die sie nicht verwunden hat. Sie spürt ein Band zwischen sich und Florrie und in ihr wächst der Gedanke, es müsse möglich sein, die verlorene Rosie zu finden.


Eindringlich und beeindruckend sind die Schilderungen des Lebens, dass die Blumenmädchen von London zu ertragen hatten. Man glaubt, die Kinder rufen zu hören. „Blumen, kauft schöne Blumen, ein kleines Sträußchen nur, zwei Pennys das Stück!“ Man glaubt, in die großen Augen der Kinder zu blicken, die kaum genug zu Essen haben, kaum ein Dach über dem Kopf. Man fühlt die Hoffnung auf ein besseres Leben, die aufkeimt, als die Möglichkeit besteht, die künstlichen Blumen herzustellen, gegen einen Lohn und Unterbringung. Und Jahre später folgt man der jungen Tilly bei ihrem Aufbruch in ein neues Leben. Ist es ein Ende oder ein neuer Anfang, der sie nach London trägt. Flieht sie vor irgendetwas oder fährt sie zuversichtlich in ihr neues Leben. Obwohl sie in ihrer Persönlichkeit eher zurückhalten ist, besitzt sie doch ein Gespür für ihre neuen Schützlinge und nimmt den Leser sofort für sich ein. Und so handelt es sich bei diesem Roman um eine wundervoll gefühlvolle Enträtselung des geheimen Bandes, das die beiden Zeitebenen, in denen die Handlung angesiedelt ist, auf so formvollendet zarte Weise verbindet.

4 Sterne

A Memory of Violets von Hazel Gaynor
ISBN: 978-0-06-231689-9


Dienstag, 6. Oktober 2015

Am See

An einem idyllischen Ort wird Captain Pretorius erschossen aufgefunden. Wer kann etwas davon gehabt haben, den angesehenen Polizisten zu ermorden. Detective Emmanuel Cooper wird aus Johannesburg aufs Land geschickt, um den Fall aufzuklären. Im Südafrika der 1950er Jahre herrscht Apartheid, es gibt Gesetze, die den intensiven Kontakt zwischen Schwarz und Weiß unter Strafe stellen und regeln wer Schwarz und wer Weiß ist. Unter diesem System ist es alles andere als einfach, diesen Fall zu durchdringen. Die Befragungen laufen eher schleppend. Cooper hat es schwer an echte Informationen zu kommen. Der stolze Bure Pretorius kann doch keinem einen Grund gegeben haben, ihn umzubringen. 

Welch ein unheimliches System hat damals in Südafrika geherrscht. Rassentrennung, so schlecht wie überall sonst auch, wird streng durchgedrückt und führt zu Fälschungen, zu Unterdrückung, zu Schweigen. Detective Cooper hat da einen schlechten Stand, seine gemäßigten Vorstellungen muss er verheimlichen. Als ihm schließlich noch die Geheimpolizei vor die Nase gesetzt wird, gestalten sich seine Ermittlungen immer schwieriger. Sogar seinen eigenen Kollegen gegenüber muss er sehr vorsichtig sein, um nicht Gefahr zu laufen, denunziert zu werden. 


Eine sehr beklemmende und düstere Stimmung beherrscht diesen Roman. Da scheint es kein Licht im Tunnel zu geben. Die immer wieder behinderten Ermittlungen, die depressive Grundstimmung sowohl im Land als auch des Ermittlers, machen sehr eindringlich deutlich, dass die verqueren Vorstellungen der Machthaber nicht dazu führen, dass ein Land prosperieren kann. In diesem ruhigen Krimi, der doch in manchen Passagen sehr roh daherkommt, macht die Autorin eindringlich klar, dass man heute froh sein kann, solchen Repressalien in der Regel nicht mehr ausgesetzt zu sein. Mit sonorer Stimme vorgetragen von Bernd Hölscher werden die klaren Worte der Autorin noch verstärkt. 

3,5 Sterne

Ein schöner Ort zu Sterben von Malla Nunn
ISBN: 978-3-8368-0435-1

Sonntag, 4. Oktober 2015

Kochduell

Ungefähr zur Zeit des ersten Weltkriegs fährt der Schiffskoch Carl Juniper auf einem Frachtschiff. Irgendwo zwischen South Georgia und den Falklandinseln im Südatlantik erwischt ein schlimmer Sturm das herunter gekommene Schiff. Allein Carl überlebt den Untergang, nur um wiederum dem Untergang geweiht zu sein. Dem Tode nah verliert er das Bewusstsein und erwacht plötzlich an einem fremden Strand. Dort wird er von einem Arbeiter namens Bren aufgelesen. Beinahe unglaublich ist Carl in einer Art London angekommen, zwar eine Stadt, doch völlig anders als die Bekannte. Arbeiten ist alles, was zählt, das Leben ist straff durchorganisiert und anstelle von Mahlzeiten gibt es Einheiten, die wohl nahrhaft und doch ausgesprochen fad sind. Fast wie ein Wunder erscheint es Carl als er auf heimliche Köche stößt.

Wie gelangt Carl in diese so andere und doch ähnliche Welt? Ist sie wirklich? Ein Glückskind scheint Carl zu sein, denn sogar in dieser fremden totalitären Stadt trifft Carl auf freundliche Geister und kleine Rebellen, die ihm helfen und ihn vor Entdeckung schützen. Sein Dasein als Arbeitsameise stellt ihn nicht zufrieden. Obwohl er seinen Freunden sehr dankbar ist, nutzt er die Gelegenheit in den Untergrund zu gehen als er entdeckt, dass es selbigen gibt. 


Eine wunderbare kleine Phantasie reizt das Gehirn des Lesers, sich auf sie einzulassen. Soll man über Ecken und Kanten, kleine Unstimmigkeiten nachdenken oder das Ganze wie eine gelungene Dystopie einfach auf sich wirken lassen. Zwar bleiben einige Beschreibungen etwas verschwommen, was ein wenig verunsichert. Zwar bleiben ein paar Fragen ungeklärt, was in der heutigen Zeit, in der aus fast allem eine Reihe gemacht wird,worauf es hier allerdings keinen direkten Hinweis gibt, nicht wirklich überrascht. Zwar geraten einige Bilder etwas zu gemalt. Doch insgesamt wurde eine Hommage ans Kochen unterhaltsam verpackt und mit einer Rahmenhandlung verwoben, die zwar das richtige Maß an Gedanken anregt, zu der es doch ein paar weitere Sätze hätte geben können. So manches mal sieht man sich in eine Küche versetzt und vermeint, den Köchen bei ihrer kreativen Tätigkeit über die Schulter schauen zu können. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen, man glaubt zu schmecken und zu riechen, die Hitze des Ofens zu spüren. Gerade das ist es, was die kleinen Ungereimtheiten zeitweise vergessen lässt.

3,5 Sterne

Die Stadt der verschwundenen Köche von Gregor Weber
ISBN: 978-3-8135-0605-1





Samstag, 3. Oktober 2015

Ein Vampir zum Verlieben

Der Bruder der Schwestern Angelica und Maia ist verschwunden. Vorher hat er seine Lieben in die Obhut des Grafen Dimitri von Corvindale gegeben. Doch die jungen Damen wollen in die Gesellschaft eingeführt werden. Maia will sich verloben, doch Angelica ist noch frei. Und Angelica hat eine Gabe. Wenn sie die Handschuhe (oder einen anderen persönlichen Gegenstand) berührt, sieht sie, wann jemand stirbt. Eine Gabe, mit der sie nicht unbedingt hinter dem Berg hält, kein Wunder, dass sich auch andere für die Gabe interessieren. Einer ist Voss Dewhurst, ein knapp 150 Jahre alter Vampir, der manchmal etwas gelangweilt sein Vergnügen sucht.

Vampire auf der Jagd nach der Gabe, verschwundene Brüder und Schwestern, Vampire, die von allen guten Geistern verlassen scheinen und die, die sich einen Rest von Menschlichkeit bewahrt haben. Dieser erste Band einer Trilogie hat eigentlich alles, was einen Vampir-Roman angesiedelt im London Anfang des 19. Jahrhunderts spannend machen kann. Der innere Kampf der eher guten Vampire gegen den Pakt, die sie mit Lucifer schließen mussten. Der Kampf gegen die Vampire, die sich dem Bösen mit ganzer Seele hingegeben haben. Angelica als holde Unschuld, die sich,trotz ihrer jungen Jahre und ihrer Unschuld zu behaupten weiß. Eine Mischung, die zwar gelungen ist, die aber dennoch nicht vom Hocker reißt. Zu wenig gehaltvoll ist letztlich die Story. Zu abrupt sind manche Wendungen, so dass die Frage bleibt, wie es denn nun dazu gekommen ist. Sogar eine Nebengeschichte wirkt irgendwie prickelnder als die aufkeimende Liebe zwischen Angelica und Voss. Zwar ist die Lektüre durchaus fesselnd und kurzweilig, doch da sie nicht wirklich berührt, wird sie möglicherweise relativ schnell vergessen sein. Natürlich muss hier jeder Leser seine eigene Meinung finden, doch könnten die Bücher der Autorin um Evaline Stoker und Mina Holmes als gelungener empfunden werden.

3 Sterne

The Vampire Voss von Colleen Gleason
ISBN: 978-1-9314-1983-8


Freitag, 2. Oktober 2015

Weihnachten mit 0070

In der ruhigen Vorweihnachtszeit soll ein Theaterstück etwas Auflockerung bringen. Sheila Humphrey, 67, versucht ihren Freund James Gerald, 70, zu überreden, auch eine Rolle bei der Aufführung zu übernehmen. Der ehemalige Geheimagent ihrer Majestät ziert sich noch. Als Sheilas beste Freundin Rosalind auf dem Friedhof tot aufgefunden wird, ändert James seine Meinung jedoch. Er setzt alles dafür ein, damit Sheila nicht in ihrer Trauer versinkt. Und wenn er dafür die Bretter, die die Welt bedeuten, betreten muss. Eine Ablenkung ist auch Sheilas alter Jugendfreund Bruce Rigsby. Für Sheila eine Ablenkung, für James ein Dorn im Auge.

Auch wenn man die vorherigen drei Bände dieser Reihe nicht kennt, findet man sich sofort in James´und Sheilas Welt zurecht. Vielleicht sieht der ehemalige Agent, 0070 genannt, hinter jedem Baum eine Gefahr oder hält selbst harmlose Menschen für Verdächtige. Doch so ganz aus der Übung sind seine Sinne nicht und seine Sheila ist sein ein und alles. Ihre Sicherheit ist das Wichtigste überhaupt. Da werden alte Verbindungen genutzt und auch der mit Reizgas ausgestattete Rollator kommt zu so manchem Einsatz. 


Die kleine beschauliche Welt von Sheila und James, ein eigentlich ruhiges und betuliches Rentnerdasein, so könnte das Leben der beiden sein. Doch beide können und wollen ihre Vergangenheit nicht leugnen. Mit Witz und Charme (vielleicht auch mit Schirm und Melone) lösen sie die Rätsel, die sie umgeben. Sehr zum Vergnügen des Lesers, der ihnen folgen kann, wie sie sich gegenseitig lenken und sich eine Richtung geben. Die gesellige Sheila, die gerne ihre Lieben um sich schart, und James, etwas eigenbrötlerisch, aber doch mit großem Herzen, sind ein tolles Paar. Zwar verläuft die Krimihandlung fast etwas nebenbei, doch die liebenswerten Schilderungen der schrulligen, aber sehr sympathischen Protagonisten machen diesen Roman zu einem ausgesprochen schönen Ausflug ins Abenteuerland der beiden wohl pfiffigsten Penisionärs-Agenten Londons.

4 Sterne

Truthahn, Mord und Christmas Pudding von Marlies Ferber
ISBN: 978-3-423-21607-4