Mittwoch, 7. Oktober 2015

Blumenmädchen

London im Jahr 1876. Die beiden Schwestern Florrie und Rosie haben nur noch sich. Ihre Eltern sind tot und ihr bescheidenes Dasein verdienen sie, obwohl sie noch Kinder sind, mit dem Verkauf von Blumen, die sie zu kleinen Sträußchen binden. Eines schlimmen Tages verliert Florrie ihre kleine Schwester aus den Augen. Verzweifelt sucht sie nach ihr, doch Rosie bleibt verschwunden. Über 30 Jahre später nimmt die junge Tilly Harper eine Stelle im Ausbildungsheim für Brunnenkresse- und Blumenmädchen an. Sie soll Assistentin einer der Hausmütter werden, die den Wohneinheiten, in denen die jungen Mädchen und Frauen untergebracht sind. Schon kurz nach ihrer Ankunft findet sie die rührenden Tagebuchaufzeichnungen von Flora Flynn.

Romane, die ein interessantes Thema behandeln, auf die man allerdings nicht so leicht stößt. Leider nicht auf Deutsch erschienen, wie es scheint, kann man sich glücklich wähnen, wenn man dieses Kleinod im englischen Original zu lesen bekommt. Ein wenig mag man an Eliza Doolittle denken, die junge Dame aus dem wohlbekannten Musical „My Fair Lady“, deren Rolle die Autorin während ihrer Schulzeit übernehmen durfte. Doch nicht damit zu vergleichen sind die detailreichen Schilderungen, des Elends der Kinder, ihrer Not, die schwere Arbeit, mit der sie ihr Leben fristeten. Draußen bei Wind und Wetter, ob Hitze oder Kälte, immer müssen sie versuchen ihre Blümchen an den Mann oder die Frau zu bringen, um sich und manchmal auch ihren Familien das nackte Überleben zu ermöglichen. Welch eine wunderbare Fügung ist da die Idee des Albert Shaw, den Mädchen, die häufig unter einer Behinderung leiden, die sie sich durch Krankheit oder Unfälle erworben haben, die Möglichkeit zu bieten, künstliche Blumen herzustellen. Für ihre Arbeit bekommen sie Lohn und die freie Unterbringung in den Häusern, die zu dem Heim gehören. Und so kann man zum einen Florrie begleiten, die die Gründung dieser Häuser miterlebt und so einem harten Schicksal entgehen kann. Über den Verlust ihrer Schwester kommt sie nie hinweg, doch ihre Tätigkeit für Shaw verschafft ihr ein erfülltes Leben. 

Sehr berührt von Florries Worten ist die junge Tilly. Sie hat ihr Elternhaus verlassen, um in London ihren Weg zu gehen. Unsicher, ob sie es schaffen wird, verschüchert zwar, gelingt es ihr jedoch schnell, die Sympathie der Mädchen zu gewinnen. Tillys Jugend war nicht so solcher Not geprägt, wie die Florries, doch auch sie musste als Kind schon Schicksalsschläge hinnehmen, die sie nicht verwunden hat. Sie spürt ein Band zwischen sich und Florrie und in ihr wächst der Gedanke, es müsse möglich sein, die verlorene Rosie zu finden.


Eindringlich und beeindruckend sind die Schilderungen des Lebens, dass die Blumenmädchen von London zu ertragen hatten. Man glaubt, die Kinder rufen zu hören. „Blumen, kauft schöne Blumen, ein kleines Sträußchen nur, zwei Pennys das Stück!“ Man glaubt, in die großen Augen der Kinder zu blicken, die kaum genug zu Essen haben, kaum ein Dach über dem Kopf. Man fühlt die Hoffnung auf ein besseres Leben, die aufkeimt, als die Möglichkeit besteht, die künstlichen Blumen herzustellen, gegen einen Lohn und Unterbringung. Und Jahre später folgt man der jungen Tilly bei ihrem Aufbruch in ein neues Leben. Ist es ein Ende oder ein neuer Anfang, der sie nach London trägt. Flieht sie vor irgendetwas oder fährt sie zuversichtlich in ihr neues Leben. Obwohl sie in ihrer Persönlichkeit eher zurückhalten ist, besitzt sie doch ein Gespür für ihre neuen Schützlinge und nimmt den Leser sofort für sich ein. Und so handelt es sich bei diesem Roman um eine wundervoll gefühlvolle Enträtselung des geheimen Bandes, das die beiden Zeitebenen, in denen die Handlung angesiedelt ist, auf so formvollendet zarte Weise verbindet.

4 Sterne

A Memory of Violets von Hazel Gaynor
ISBN: 978-0-06-231689-9


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