Samstag, 31. Oktober 2015

Nicht ostfähig

Kommissaranwärter Fritz Lehmann hat es nach München verschlagen. Eigentlich stammt er aus Pommern, aber im Jahr 1948 gibt es das in der Form nicht mehr. Bereits vor dem Krieg hat er mit der Polizeiausbildung begonnen. Während des Kriegs war er bei verschiedenen Polizeieinheiten eingesetzt und nun möchte er endlich seine Prüfung ablegen. Auch wenn es ihn an der Münchner Mundart mangelt, ist der Ort doch so gut wie jeder andere. Während Lehmann in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war hat er sich die englische Sprache angeeignet und war in der ersten Nachkriegszeit Verbindungsmann zum CID. Doch nach und nach werden Zuständigkeiten an die deutsche Polizei zurückgegeben und so ermittelt Lehmann in seinem ersten Mordfall. Der Torso einer jungen Frau wurde gefunden.

Bei seinen Nachforschungen wird Lehmann mit seiner Vergangenheit konfrontiert, eine Vergangenheit, die ihm fast in jeder Nach Albträume beschert, die verhindert, dass er eine Beziehung zu einer Frau eingehen kann. Zunächst schon schwierig gestaltet sich die Identifizierung der Toten. Keiner will etwas bemerkt haben, keiner vermisst die junge Frau. Aus den wenigen Hinweisen ergibt sich die Möglichkeit einer Beteiligung jüdischer Personen. Eine unmögliche Möglichkeit, in diesen Kreisen können einfach keine Verbrechen begangen werden. Da verlangt der Staatsanwalt einen mehr als wasserdichten Fall. Und immer wieder legt Lehmann seine Befugnisse recht großzügig aus, um an Informationen zu kommen, und immer wieder stößt er dabei auf sich selbst.

Wie viele solcher Polizisten hat es nach dem Kriegsende wohl gegeben. Oder muss man sagen wie viele solcher Menschen? Durch die Bearbeitung des Falles wird Lehmann gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Ist auch er ein Täter? Hat er Taten begangen, die nicht wieder gut zu machen sind? Kann sein Einsatz bei der Polizei etwas daran ändern? Auf sich selbst zurückgeworfen, muss Lehmann sich stellen. Um bei den Ermittlungen voranzukommen, bleibt ihm keine andere Wahl. Lehman wird dadurch kein Held, denn er behält so einiges für sich, doch wenigstens etwas scheint er über sich selbst gelernt zu haben. 

Die Lektüre ist schon eine kleine Tour de Force, die teilweise lähmenden und ausufernden Beschreibungen von Lehmanns Innensichten fordern große Konzentration und auch Pausen. Mit einem Überfliegen der Seiten ist es nicht getan. Eingebettet in einen spannenden Kriminalfall wird hier ein Portrait von einem Nachkriegsdeutschen vorgestellt, dem klar ist, dass er im Krieg nicht unschuldig geblieben ist. Der seine Vergangenheit zu bewältigen hat, der nicht alles verdrängen kann. Wenn man sich mit Lehmann durch dessen inneren Krieg kämpft, wird man schließlich bestärkt sein, für ein „Nie wieder!“ zu stehen, so ist es jedenfalls zu hoffen. Eine Lektüre, die alles andere als leicht ist, die man aber nicht verpassen sollte.


4,5 Sterne

Wolfsstadt von Bernd Ohm
ISBN: 978-3-86913-501-4


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