Sonntag, 29. November 2015

Mit dem Kopf durch die Wand

Kommissar Walter Pulaski hat sich vom LKA an die normale Polizeidienststelle in Leipzig  versetzen lassen. Sein Asthma verhindert eine Karriere. Als Ermittler wird er dadurch nicht dümmer. Ein Todesfalls in einer psychiatrischen Einrichtung gibt ihm Rätsel auf. Ein traumatisiertes junges Mädchen soll sich umgebracht haben. Bereits seit zehn Jahren ist sie in Behandlung und eine Heilung war nicht in Sicht. Der jungen Anwältin Evelyn Meyers in Wien geht es ähnlich. Mehrere ältere Männer sind bei eigenartigen Unfällen gestorben und Evelyn ist die einzige, die nicht an simple Unfälle glauben kann. 

Verschiedene Ermittler - verschiedene Fälle, so scheint es zunächst. Wo könnte schon eine Verbindung zwischen so unterschiedlichen Toten bestehen. Unabhängig voneinander ermitteln Pulaski und Meyers. Jeder eckt auf seine eigene Art an, da sind sie sich wohl durchaus ähnlich, obwohl sie sich nicht kennen. Doch beide bestehen hartnäckig auf ihrem Misstrauen und versuchen ihren Sachen auf den Grund zu gehen. Nach und nach ergeben sich dabei für den Zuhörer dieser Lesung Hinweise, dass die Begebenheiten tatsächlich in einem Zusammenhang stehen. Doch bis auch die Ermittler von diesem Zusammenhang erfahren und sich auch begegnen, vergeht eine ganze Weile.


Eine Weile, die sich für den Zuhörer dieser intensiv vorgetragenen Lesung sehr kurzweilig gestaltet. Man folgt Pulaski und Meyers auf ihrem Weg, der sie auf unterschiedlichen Pfaden zu ihrem Treffpunkt führt. Kleine Informationsteilchen, die immer mehr Neugier wecken, aber irgendwann auch eine gewisse Sorge vor dem, was geschah und auch um die inzwischen sympathisch gewordenen Ermittler, die sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Sowohl Evelyn Meyers als auch Walter Pulaski setzen sich gegen alle Wiederstände durch. Da nimmt man schon mal Urlaub, um inoffiziellen Spuren nachgehen zu können. Und man gräbt auch mal dort, wo man eigentlich nichts zu suchen hat, um des Rätsels Lösung zu finden. Mit ihrem unkonventionellen Verhalten, ihrer Gewieftheit und Intelligenz machen Meyers und Pulaski Freude in einem Fall, der wirklich etwas bitter ist.

4 Sterne

Rachesommer von Andreas Gruber
ISBN: 978-3-8996-4462-3


Ich habe das Hörbuch gehört, hier geht es zusätzlich zur Leseprobe für das Buch:




Samstag, 28. November 2015

Level Five

Aus einer Laune heraus verlässt Jack Reacher den Zug in einem Nest mit Namen Mother´s Rest. Wieso heißt dieser Ort so, niemand kann darauf eine Antwort geben. War es die Raststätte einer jungen Mutter auf dem Weg gen Westen oder eher die letzte Ruhestätte einer Mutter, die eben diesen Weg nicht mehr beenden konnte. Ein weiteres Rätsel ist das Verschwinden des Privatdetektivs Keever, dessen Kollegin Michelle Chang Reacher am Bahnhof kennenlernt. Chang und Reacher beschließen, das Schicksal Keevers zu klären. Keever hatte Chang um Rückendeckung gebeten, ohne etwas Genaues über seine Untersuchung zu erklären.

Eine seltsame Stimmung herrscht in diesem eigenartigen kleinen Ort, der auf kaum einer Karte zu sehen ist. Warum ist es überhaupt ein Halt für die Bahn. Fremde wie Reacher sind jedenfalls nicht gerne gesehen. Seine Neugier macht ihn verdächtig und die meisten Einwohner reagieren sehr einsilbig und abweisend auf seine Fragen. Auch die Suche nach dem verschwundenen Schnüffler ergibt zunächst nur eine ganz vage Spur, die Reacher und Chang, die zumindest auf einer ähnlichen Wellenlänge zu liegen scheinen, nach Oklahoma an den Wohnort Keevers führt. Doch ebenso wie in Keevers Motelzimmer sind wohl auch dort andere schneller gewesen als die beiden.


Es ist kein schöner Fall, über den Reacher da stolpert. Zunächst passiert einmal wenig in diesem Örtchen in der Mitte von Nirgendwo. Doch natürlich macht es neugierig, was diese eigenartige Dorfgemeinschaft wohl zu verbergen hat. Wobei, um einen Terminus des Buches zu benutzen, man bis zum Level vier schon erraten kann, welche Richtung die Handlung einnimmt. Das hält den Autor aber nicht davon ab, in Level fünf noch einen drauf zu setzen. Da stockt einem der Atem ob so viel Perfidität. Wie kann man dem nur begegnen. Während da nicht die gewohnt trockenen und witzigen Dialoge, man könnte an der Handlung verzweifeln. Doch wer Reacher kennt, der weiß, dass der Held eine große Widerstandskraft hat und noch einen Schlag bei den Frauen. Langsam ansteigende Spannung, die schließlich nervenzehrend wird. Ein Reacher, der sich wegliest wie nichts und doch fordernd ist.

4 Sterne

Make me von Lee Child
ISBN: 978-0-593-07389-6


Freitag, 27. November 2015

Traumzwillinge

Die Zweigeborenen Madlin und Rynn versuchen sich gegenseitig zu unterstützen, obwohl ihre jeweils andere Welt nur im Traum zu bestehen scheint. Rynn ist in ihrer Welt nur eine Putzfrau, während Madlin die wohlerzogene Tochter von Cadmus Erroll ist, in deren Leben es kaum Sorgen zu geben scheint. Allerdings sind Rynns und Madlins Väter ebenfalls Zweigeborene, die sich aus ihren Träumen kennen. Da in Rynns Welt die Menschen nicht viel gelten und häufig als Sklaven gehalten werden, setzt Rynn in ihrer geheimen Identität als Chipmunk alles daran, die Menschen zu befreien. Und da kommt es sehr gelegen, dass ihr Vater eine Gelegenheit gefunden hat, zwischen den Welten zu reisen.

Sich in den Welten oder Traumwelten Rynns und Madlins zurecht zu finden, ist nicht so einfach. Ein Besuch auf der web-site des Autors kann da hilfreich sein. Ein wenig fühlt man sich an Parallelwelten erinnert, auch wenn es hier so scheint, als könnte die eine nur aktiv sein, wenn die andere schläft. Doch wie verhält es sich dann mit der geheimnisvollen dritten Welt? Und kann es noch weitere Welten geben. Abgesehen von diesem ungewöhnlichen Rahmen, in den die Geschichte gekleidet ist, findet man hier einen spannenden der Unterdrückten gegen die Unterdrückung. Rynns Welt hält große Unterdrückung bereit, der Madlin von ihrer Seite aus zu begegnen versucht. 


In eine die Vorstellung fordernde Umgebung gebettet ist dieses spannende Schicksal Rynns. Die Rebellin, die den Kampf gegen die Unterdrücker aufnimmt und wegen ihrer besonderen Fähigkeiten kaum aufzuhalten ist. Geschickt nutzt sie es aus, dass sie als Mensch oft unterschätzt wird. Madlin, ihre Traumschwester, unternimmt alles, um Rynn zu unterstützen. Und als Leser folgt man den Wegen der beiden jungen Frauen mit großer Neugier. Manchmal erweckt das Buch dabei den Eindruck, ein Jugendbuch zu sein, doch manche beiläufigen, aber heftigen Grausamkeiten lassen daran zweifeln. Nachdem man sich in die Welt der Zweigeborenen hineingearbeitet hat, bietet dieser erste Band einer vierteiligen Reihe packende Unterhaltung, die auf die Folgebände neugierig macht.

3 Sterne

Mad Tinker´s Daughter von J. S. Morin
ISBN: 978-1-939-23315-8


Mittwoch, 25. November 2015

Der Dieb

In den belebten Straßen Tokios wandert er umher. Mit flinken Fingern erleichtert er die Reichen um Geld meist, die Geldbörsen, die er in seinen Besitz gebracht hat, wirft er in Postkästen. Mit Glück erhalten ihre Eigentümer sie zurück. Er lebt in den Tag, er lebt nicht schlecht, er verschwindet in der Masse, er wird nicht gefasst. Doch er wird angreifbar als er beginnt einem kleinen Jungen zu helfen. In der Vergangenheit war sein Leben nicht immer so leicht und selbstbestimmt. Da gibt es einen dunklen Punkt und eine Geschichte, die er erzählt bekommen hat.

Ein seltsames kleines Büchlein haben wir hier. Ein Dieb, der zufrieden ist mit seinem Leben, ein Leben allerdings, das er anderen nicht zumuten möchte. Ein Dieb, der feststellen muss, dass Freiheit für ihn eine leere Worthülse ist. Er gaukelt sich vor, dass er die Wahl hat. Doch eigentlich kann er sich nur zwischen Pest und Cholera entscheiden. Sein Leben scheint wie ferngesteuert, so wie festgestellt wurde, dass Entscheidungen, die wir meinen mit unserem freien Willen zu treffen, sich in bestimmten Gehirnregionen schon abzeichnen bevor wir uns ihrer bewusst werden. Kann ein kleiner Dieb einen freien Willen haben oder wird über sein Leben entschieden bevor ihm klar wird, was mit ihm geschehen wird. 


Zunächst eher ruhig beginnt dieser von der Kritik gelobte Roman. Man weiß nicht recht, ob einem dieser Protagonist sympathisch werden kann. Schließlich ist er ein Dieb, der sich auf Kosten anderer durchschlägt. Nun, er klaut von den Reichen, aber Diebstahl bleibt es dennoch. Sein Umgang mit dem kleinen Jungen lässt ihn schließlich sehr menschlich wirken. Für das Kind nimmt er eine Art Vaterstellung ein und er versucht, dem Jungen eine Zukunft zu geben. Und so bewirkt hier die Wärme, die den Dieb beim Klauen durchströmt, wie ein warmer Sonnenstrahl im Dasein des Jungen. In dem Moment, in dem die Handlung ihre ruhigen Bahnen verlässt, wird es plötzlich so spannend, dass die Augen nur so über die Buchstaben fliegen. So heftig sie Spannung wird, so schnell ist das Buch dann abgeschlossen, mit einer Entscheidung, die nicht der Dieb getroffen hat und mit einer Hoffnung.

4 Sterne

Der Dieb von Fuminori Nakamura
ISBN: 978-3-257-86269-0

Dienstag, 24. November 2015

Mabel

Schon in ihrer Kindheit hat sich Helen sehr für das Beobachten von Vögeln begeistert. Und nun schon lange erwachsen empfindet sie immer noch eine Affinität für die Tiere. Unerwartet verstirbt Helens Vater, die junge Frau ist untröstlich. Eben noch war ihr Leben ganz normal und voller Pläne und plötzlich ist da eine große Leere. Helen fasst den Entschluss Falkner eines Hühnerhabichts zu werden. Und auf den ersten Blick weiß sie, Mabel ist es, auch wenn diese in dem Moment noch keinen Namen hat. Nach und nach gewöhnen sich Helen und das Tier aneinander, doch die Trauer ist damit nicht überwunden.

Die Autorin Helen Macdonald beschreibt ihre Erlebnisse mit ihrem Habicht Mabel, ihre Liebe zur Falknerei und alle Erlebnisse und Äußerungen sind geprägt von der großen Trauer über den Verlust ihres geliebten Vaters. Dieser war immer ihr großes Vorbild, ihr Freund, der Garant, dass alles im Leben in Ordnung ist. Die Falknerei hat sie schon als Kind geliebt. Schon damals hat sie das Buch „The Goshawk“ von T. H. White gelesen, in dem der Autor seine Erfahrungen mit seinem ersten Vogel beschreibt. Auf dieses Buch greift sie immer wieder zurück, stellt aber fest, dass White bei der letztlich misslungenen Zähmung seines Tieres, einiges falsch gemacht hat. Aus ihrer Erfahrung weiß sie zwar wie es besser gehen sollte, aber ihre Unsicherheit ist doch sehr groß.


Für den passionierten Romanleser kann dieses Buch schon eine Herausforderung darstellen. Doch überraschend schafft es die Autorin, ihre Leser zu fesseln. Sie rührt mit ihrer Trauer. Sie weckt das Interesse an der Falknerei und an den Vögeln, die dafür trainiert werden können. Man kann ihr auf ihren Weg folgen, wie sie das Vertrauen des Vogels gewinnt, wie sie seine Wildheit nicht übermäßig einschränkt, wie sich immer enger mit ihm befasst und auch wie sie die Trennung für die Zeit der Mauser akzeptiert. Wie sie sich in der Trauer von den Menschen abwendet und doch langsam wieder zuwendet. Ein Buch, das seinem guten Ruf gerecht wird.

4 Sterne

H is for Hawk von Helen Macdonald
ISBN: 978-0-099-57545-0


Sonntag, 22. November 2015

Waldeinsamkeit

Nils Trojan leidet weiterhin unter heftigen Panikattacken, sehr unangenehm ist es ihm, dass seine Tochter mit ihm zur Notaufnahme muss. Trotzdem eilt er zum Tatort als er den Telefonanruf erhält. In einer Wohnung wird die Leiche eines Lehrers gefunden. Seine kleine Tochter musste vom Nebenzimmer aus alles mithören, ein wenig Glück hatte sie, denn der Mörder hat sie nicht entdeckt. Das Leben des Lehrers scheint sehr unauffällig, bemerkenswert ist allerdings, dass er die Festplatte seines Computers unwiederbringlich gelöscht hat. Nahezu gleichzeitig meldet eine besorgte Mutter das Verschwinden ihrer Tochter. Zunächst bleiben die Hinweise spärlich, doch als eine zweite Leiche gefunden wird, gelingt es langsam, Zusammenhänge zu finden.

Der angeschlagene Ermittler Nils Troja, gegen seine Panikattacken ankämpfend und um eine bessere Beziehung sowohl zu seiner Tochter als auch zu seiner neuen Liebe ringend, wird hier wirklich gefordert. Konfrontiert mit den Leichen, deren Anblick einen normalen Magen zum revoltieren bringen muss, will er sich selbst bezwingen, gerade auch, da Hoffnung besteht, das verschwundene Kind zu retten. Obwohl das eigentlich nicht sein Fall ist, sagt das Bauchgefühl, dass es etwas mit den Morden zu tun haben könnte. Noch wegen der Erlebnisse während des letzten Falles beginnt Trojans Freundin Jana, sich zurückzuziehen. Eine weitere Baustelle, die Nils Trojan mehr Kraft abverlangt als er eigentlich hat.


Zunächst könnte man versucht sein, zu denken, schon wieder ein Serienkiller. Doch schnell wird klar, dass der Mörder ein Ziel hat, dass die Geschehnisse nicht so zufällig sind, wie man erstmal annimmt. Verschiedene Handlungsstränge, die wegen ihrer Vielfältigkeit einige Fragen auslösen, fügen sich im Verlauf der Story zu einem stimmigen Ganzen. Mit sich immer weiter steigernder Spannung und sich erhöhendem Tempo fesselt dieser Thriller ganz außerordentlich. Immer wieder überrascht der Autor mit neuen Wendungen um schließlich darzustellen, wohin sich misshandelte Seelen entwickeln können. Auch wenn dem Ermittler schließlich ein Aufatmen gegönnt wird, der nächste Killer lauert mit Sicherheit schon.

4 Sterne

Das Hexenmädchen (Nils Trojan 4) von Max Bentow
ISBN: 978-3-442-20431-1





Samstag, 21. November 2015

Träume für immer

Ruhig ist es, beinahe schon unheimlich ruhig, es wird nicht viel geträumt. Natürlich hält diese Phase der Ruhe nicht lange an. Liv Silber, Henry und Grayson müssen zusammen halten und ihre Kräfte bündeln, um die fiese Annabel und den gefährlichen Arthur zu besiegen. Manchmal ist Liv allerdings mit ihren Gedanken ganz woanders, weil es ihr so peinlich ist, dass sie noch nie Sex hatte, hat sie Henry erzählt, es gäbe einen Ex-Freund. Und außerdem wollen Livs Mutter und Graysons Vater endlich heiraten. Ein Vorhaben, dass das Bocker auf den Plan ruft. Solch eine Hochzeit will schließlich groß gefeiert und ordentlich geplant werden.

Nun ist es da, das dritte und letzte Buch der Träume und es wird wieder viel geträumt. Unheimliche Träume, witzige Träume, gefährliche Träume oder Träume, in denen Pläne geschmiedet werden. Annabel und Arthur geben beeindruckende Bösewichte ab, Arthur hat eine Möglichkeit gefunden, seine Mitmenschen auf gemeine Art zu Taten zu bringen, die sie freiwillig nie ausüben würden. Eine Lehrerin stellt sich in der Schulmensa vor allen Anwesenden bloß. Und dies ist obwohl schon schlimm genug noch relativ harmlos. So richtig kann man Arthurs Traum nicht verstehen, aber man ist sich mit den Freunden sicher, dass er gestoppt werden muss. Und Annabel, die zwar eine schwere Kindheit hatte, damit aber auch nicht alles entschuldigen sollte, glaubt, dass der Dämon wieder da ist. Da kann man nur hoffen, dass sie sich nicht noch Übles ausdenkt.

Welch ein Finale für Liv Silber und ihre Lieben, spannend und emotional führt die Autorin ihre Leser durch die Träume ihrer Protagonisten. Eine Reise, die man jederzeit empfehlen kann und auf die man viele mitnehmen möchte. Ein Jugendbuch, das auch Erwachsenen Spaß macht. Ein Buch, mit dem man der rauen Wirklichkeit für ein paar Stunden entfliehen kann. Das Finale dieser Trilogie ist sehr gelungen und stimmig, diese Reihe steigert sich von Band zu Band und wenn vielleicht auch nicht das letzte Rätsel gelöst wird, so wird die Geschichte um den Traumkorridor doch wunderbar abgerundet.


4,5 Sterne

Silber Das dritte Buch der Träume von Kerstin Gier
ISBN: 978-3-8414-2168-5


Freitag, 20. November 2015

In Vino Veritas

Seit fast zwei Jahren ist Bennie Griessel ein trockener Alkoholiker, doch kurz vor Weihnachten wird er zu einer Ermittlung gerufen, die ihn aufs Äußerste erschüttert. Ein Kollege hat sich erschossen und seine Familie mit in den Tod gerissen. Griessel befürchtet nun, er wandele auf genau dem gleichen Pfad und nur der Alkohol könne ihm helfen. Dann wird auch noch sein Kollege und Freund Vaughn Cupido zum Leiter der Mordermittlung ernannt. Durch Zufall wird der Firmeninhaber Ernst Richter tot aufgefunden. Seine Leiche wurde während eines Sturms an einem Strand freigelegt. Weshalb sollte der erfolgreiche Unternehmer, den anscheinend alle mochten, umgebracht werden. 

Bennie Griessel kämpft zunächst einmal nicht gegen die Sucht, dennoch bleibt er einer der besten Ermittler der Valke. Sein Freund und Partner Cupido deckt seine Entgleisung, macht ihm jedoch klar, was er von seinem Rückfall hält. Griessel scheint dabei zu sein, endgültig abzustürzen. Doch wie erwähnt, er ist einer der besten Ermittler. Cupido, der sich scheinbar immer hinter Bennie her entwickelt, wird nun erwachsen. Das Vertrauen, das die neue Chefin in ihn setzt, beflügelt ihn und er stürzt sich mit Eifer in die Ermittlung. Die Fassade um Richters Leben bricht schnell auseinander.


Auch wenn man als Leser vielleicht nicht so begeistert ist von Bennie Griessels Beschäftigung mit dem Alkohol, vor dem man ihn sicher wünschte, hat man es hier mit einer Geschichte zu tun, mit der der Autor zu begeistern vermag. Geschickt eingestreut in die Ermittlungen der Valke sind die Gespräche des Winzers du Troit mit seiner Anwältin. Die Frage, was das wohl mit der Handlung zu tun haben könnte, macht das Lesen zu einem packenden hin und her. Die akribischen Ermittlungen, die immer neue Entdeckungen über den ach so feinen Richter zu Tage fördern, regen dazu an, mitzuraten. Eine Rätselaufgabe, an der der Leser mit großem Vergnügen scheitert, da der Autor mehrere Geschichten verknüpft und mit der speziellen Situation Südafrikas verbindet. Am Ende wurde der Leser bestens unterhalten und hat auch noch etwas gelernt. 

4,5 Sterne

Icarus von Deon Meyer
ISBN: 978-3-352-00671-5


Mittwoch, 18. November 2015

Das Unschuldslämmlein

Dexter und Rita verbringen ihre Hochzeitsreise in Paris. Viel Mühe gibt sich Dexter, den interessierten Touristen zu spielen. Doch sein wahres Interesse wird erst durch eine Kunstperformance geweckt, die einem normalen Bürger die Haare zu Berge stehen lässt, Dexters Geschmack aber genau trifft. Zurück in Miami muss Dexter die Arbeit wieder aufnehmen, gemeinsam mit seiner Schwester wird er zu verschiedenen Leichenfundorten gerufen. Wobei Fundort ein sehr harmloser Ausdruck ist für die Art und Weise wie die Leichen drapiert sind. Als Deborah bei einem Folgeeinsatz schwer verletzt wird, läuft Dexter nicht zu Höchstform auf, eher im Gegenteil.

Gerade der Beginn dieses Teils der Reihe um Dexter ist in seinem Aberwitz geradezu köstlich. Dexter als Tourist, Dexter als Ehemann, Dexter bei einer wiedersinnigen Videoinstallation, die mit den Zuschauern spielt. Danach wirkt Dexter allerdings etwas gehemmt. Die Abwesenheit einer Seele mag man ihm nicht ganz abnehmen, denn irgendwie sorgt er sich doch um Deborah, um Rita und deren beide Kinder, die ihn mit ihrer unverstellten Art zu faszinieren scheinen. Auch die Kinder sind gezeichnet, möglicherweise steht ihnen ein ähnlicher Weg bevor wie Dexter. Jedenfalls wird Dexter sein Bestes geben. Doch die gefundenen Toten umgibt ein Rätsel.

Bei diesem Hörbuch trägt die Stimme des Vortragenden Gero Wachholz noch besonders dazu bei, dass man einen Eindruck von Dexters Innenleben bekommt. Manchmal etwas arrogant näselnd wird Dexters schräges Gemüt noch besonders betont. Die irrwitzigen Situationen, in denen er manchmal landet, lassen den Zuhörer manchmal laut auflachen. Es ist so irre, dass es nicht sein kann, und doch kommt er mit Vielem durch. Zum einen dankbar eine ungekürzte Lesung vorgefunden zu haben, hätte bei kleinen Längen vielleicht eine behutsame Kürzung doch gut getan. Doch gerade zum Schluss läuft der Autor und mit ihm der Vorleser zu Höchstform auf, unglaublich, was da passiert und welches Unschuldslämmlein der gute Dexter doch manchmal ist.


3,5 Sterne

Die schöne Kunst des Mordens von Jeff Lindsay
ISBN: 978-3-8368-0572-8

Dienstag, 17. November 2015

Robina und Lianne

Im Jahr 1688 verdingt sich Lianne als Dienstmädchen im Hause Bellier. Ihr Herr ist nicht der Beste, denn manchmal tritt er ihr näher als es ihr lieb ist. Doch er gibt ihr ein Dach über dem Kopf und Brot und Wein. Seine Belästigungen jedoch werden immer eindringlicher und Lianne fürchtet sich sehr, deshalb nutzt sie die erste Gelegenheit zur Flucht. Etliche Jahre zuvor gerät die junge Robina in eine üble Situation. Der geliebte Vater bringt sämtlichen Reichtum der Familie durch. Nur ihre Mitgift bleibt und die Mutter nutzt die Chance, damit die Schulden bei einem Kaufmann abzulösen. Robina wird dem Sohn des Kaufmanns versprochen.

Zwei Frauenschicksale sehr unterschiedlich zwar aber doch ein wenig ähnlich. Beide gelangen unter eine Herrschaft, die niemand mögen wird. Beide treten eine Art Flucht an. Die Folgen aber dieser Fluchten sind doch sehr unterschiedlich. Während Robina letztlich sehr lange unter den Folgen ihrer Rebellion leidet, ist Lianne eher diejenige, die es schafft eine Art von Freiheit zu finden. Dennoch sind die beiden Frauen verbunden. 


In einen historischen Rahmen gekleidet entwickelt sich eine Frauengeschichte. Frauen, die von Zwängen und Umständen beherrscht werden, die sich auflehnen, die die Liebe suchen. Mit leichter Hand geschrieben lässt sich der Roman leicht lesen. Die Lebenswege von Lianne und Robina berühren und lösen Gefühle aus. Das etwas verfehlte Leben von Robina macht einen manchmal etwas traurig, manchmal meint man auch, dass die allzu hart geworden ist. Lianne dagegen wirkt meist sympathisch, nur manchmal ein scheint sie verstockt und nicht in der Lage, zu erkennen wer Freund und wer Feind ist. Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, der ein warmes Gefühl bereitet.

3 Sterne

Töchter der Tide von Jessie Weber
ISBN: 978-3-9581-8050-5


Montag, 16. November 2015

Gib den Mussmonstern keine Chance!

Jeder kennt sie: die lästigen Pflichten, die überall lauern: solche des Alltags wie bügeln, putzen, einkaufen etc., aber auch solche sozialer Erwünschtheit, wie beispielsweise sich vegan zu ernähren, Sport zu treiben und sich politisch korrekt zu verhalten. So unterschiedlich, wie diese lästigen Pflichten sind, so verschieden sind auch die Mussmonster, die uns täglich attackieren und ins Gewissen reden. Sie machen uns nur das Leben schwer und entfernen uns von den schönen Dingen des Lebens. 

Sean Brummel hat dies erkannt und ist damit vom Durchschnittsbürger Kaliforniens zum gefragtesten und best gelauntesten Persönlichkeitstrainer avanciert. Seine Lösungsformel ist so einfach, wie bestechend: ESMI, was so viel heißt wie: einen Scheiß muss ich!!! Unerschrocken präsentiert er uns Forschungsergebnisse, die seine diversen Thesen stützen, man muss die Statistik nur zu drehen wissen. Das Ergebnis seiner Forschungen ist ein Manifest gegen das schlechte Gewissen.

Hand auf's Herz: ESMI- das klingt doch reizvoll, oder etwa nicht? Wer von uns wird nicht ständig von diesen und jenen lästigen Alltags Pflichten bombardiert und wünscht sich nicht insgeheim, mitunter mal zu sagen: "Nach mir die Sinflut!" oder eben: ESMI!!!

Die Grundidee des Buches, die Tommy Jaud mittels seines Protagonisten Sean Brummel präsentiert, ist durchaus verlockend. Interessant auch die Vorgehensweise, Studienergebnisse derart zu drehen, dass sie das Kernargument stets unterstützen. Über lange Strecken hat mich dies amüsiert. Andererseits wiederholt sich die Argumentationsweise in jedem Kapitel. Das ist auf die Dauer doch recht langatmig und ermüdend. 

Gar nicht erschlossen haben sich mir satirische Hitler-Passagen, außer dass es vielleicht ein Plädoyer wider politische Korrektheit sein soll? Ich fand diese wiederholten Anspielungen weder wirklich für den Inhalt des Buches relevant, noch komisch. 

Insgesamt fand ich das Buch bei den bereits erwähnten Längen dennoch unterhaltsam. Wem gerade die Mussmonster zu sehr zusetzen, wer sich erdrückt fühlt von Alltagspflichten, dem sind hier unterhaltsame Schmökerstunden gewiss. 

3 Sterne

Einen Scheiß muss ich von Tommy Jaud
ISBN: 978-3-596-03227-3

© Britta Kalscheuer




Sonntag, 15. November 2015

Löwin

Kurz nachdem Sheridan Grant ihr Elternhaus verlassen hat, bringt ihr Halbbruder Esra vier Menschen auf dem Hof um. Dann wird er von einem anderen Mitarbeiter der Farn in Notwehr erschossen. Sheridan, die auf dem Weg nach New York ist, bekommt davon nichts mit. Eigentlich soll sie nur zu der Tragödie befragt werden, doch statt dessen wird sie im Motel verhaftet und in Handschellen wird sie zurück in ihre Heimatstadt gebracht. Es ist Weihnachten und nichts ist weihnachtlich. Die öffentliche Meinung in dem Kaff, die hauptsächlich von ihrer gemeinen Stiefmutter gebildet wird, ist gegen sie. Sie wird übelst beschimpft. Dass der ermittelnde Polizist sich eine objektive Meinung bilden will, hilft auch nicht viel.

Nach „Sommer der Wahrheit“ ist dies der zweite Band um die Erlebnisse von Sheridan Grant. Wie schon im ersten Band wird Sheridans Leben von dramatischen Ereignissen bestimmt. Wieder und wieder scheint sie in miese Geschichten hineinzurutschen. Die eklige Mutter, die widerwärtige Presse. So intelligent Sheridan zu sein scheint, so dämlich verhält sie sich manchmal. In jedem dahergelaufenen Kerl sieht sie den Retter und wundert sich, wenn der Retter dann doch nur seine eigenen Ziele verfolgt. Fast ebenso ergeht es Jordan Blystone, der ermittelnde Polizist erfährt mehr über seine Familie als er jemals wissen wollte. 

Auch dieser Band um Sheridan Grant ist flüssig geschrieben und spannend. Wahrscheinlich sogar berührenden, wenn man sich in die Gefühlswelt der handelnden Personen hineinversetzen kann. Mir ist dies leider nicht gelungen. Es erscheint mir einfach nicht nachvollziehbar, dass Sheridan und etliche andere, mit denen sie in Berührung kommt, nichts anderes als Perfiditäten zu empfangen haben, dass es in ihrer Umgebung einfach keine normalen Menschen zu geben scheint. Das mag für einen Aufhänger gut sein, doch wenn es ausnahmslos so weitergeht, wird es einfach zu viel und damit unglaubwürdig. Ich wendete mich innerlich von der Geschichte ab, denn bei diesem Ansatz kann nicht einmal der versöhnliche Schluss glaubhaft sein. Wenn es einen nächsten Band gibt, muss sich alles, was hier versöhnlich scheint, als hinterlistige Lüge entpuppen, damit es weiterhin was zu leiden gibt. Zwar hat die Autorin ein schlüssiges und spannendes Werk geschaffen, ich aber bleibe lieber bei ihren Krimis.


3 Sterne

Straße nach Nirgendwo von Nele Löwenberg
ISBN: 978-3-548-28738-6


Samstag, 14. November 2015

"Tear down this Wall"

Die jungen Leute haben Musik im Kopf. Im Jahr 1961 ist das in Ost-Berlin genauso wie in West-Berlin. Viele junge Menschen leben in Ost-Berlin und haben dennoch enge Beziehungen in den Westen. Die Geschwister Rebekka und Walli gehören zu diesen jungen Leuten. Rebekka ist Lehrerin aus Passion, ihr jüngerer Bruder Walli träumt von einer Karriere als Musiker. Bei Beiden wächst nach und nach die Überzeugung, dass sie im Osten nicht glücklich werden können. Doch so wie ihr Entschluss reift rüber zu machen, reift auch der Entschluss der DDR-Regierung diesem langsamen Ausbluten entgegenzuwirken. Der Bau der Berliner Mauer scheint alle Flutpläne zu vereiteln, jedenfalls vorläufig.

In seinem dritten Band über die Ereignisse des 20. Jahrhunderts widmet sich der Autor Ken Follett dem kalten Krieg. Der Leser kann die Lebenswege der Mitglieder der aus den Vorbänden bekannten Familien weiterverfolgen und deren jüngere Generation kennenlernen. Teile der Handlung reichen in die Zeiten hinein, an die sich der Leser vielleicht selbst erinnert, oder nach denen er seine Eltern und Großeltern fragen kann. Teilweise unglaublich dicht schildert Follett die Geschehnisse. Bei einigen Szenen meint man wirklich dabei zu sein, als Beispiel sei da Dr. Martin Luther Kings Rede von seinem Traum einer anderen amerikanischen Nation zu nennen, die einem selbst aus dem heutigen Blickwinkel noch eine Gänsehaut verursacht. Ja, auch heute noch, könnte man einen Traum haben. Leider konnte Dr. King die immerhin teilweise Erfüllung seines Traums nicht mehr erleben. Dagegen wirken andere Begebenheiten, denen man selbst einige Wichtigkeit beimisst, manchmal erstaunlich kurz abgehandelt. Je näher die Handlung der Zeit rückt, zu der die eigene Erinnerung einsetzt, desto mehr stellt man fest, dass man selbst vielleicht andere Schwerpunkte gesetzt hätte. Doch auch hier gibt es interessante Beispiele, dafür, dass die tatsächlichen Ereignisse nicht immer mit ihrer Darstellung nach außen von Regierungen oder der Presse übereinstimmen. Geschichte wird gelebt, gemacht und geschrieben. Die eigene Information wird immer gefiltert sein. Man kann nie sicher sein, ob man die Wahrheit oder eine Wahrheit kennt. Dennoch erinnert man sich mit Wehmut an die Aufbruchstimmung nach dem Ende des kalten Krieges und fragt sich, ob da eine Chance auf einen größeren Frieden vertan wurde. 


Ein packendes Werk der Zeitgeschichte, in etlichen Teilen brillant, manchmal anderes als man sich selbst erinnert, manchmal dermaßen mitreißend, dass man meint, die Geschichte zu erleben.

4,5 Sterne

Edge of Eternity von Ken Follett
ISBN: 978-1-4472-8795-7


Freitag, 13. November 2015

Live your Life

Mary Iris Malone genannt Mim haut ab. Sie möchte ihr altes Leben zurück. Hätte ihr Vater nach der Scheidung unbedingt so schnell wieder heiraten müssen? Und wieso musste sie mit nach Mississippi? Die 16jährige will zu ihrer Mutter nach Cleveland, zu ihrer Mutter, die sich schon seit Wochen nicht gemeldet hat. Ihre Mutter braucht sie, sie muss sich einfach auf dem Weg machen. Mit dem Geld, das sie ihrer Stiefmutter geklaut hat, macht sie sich auf den Weg mit dem Greyhound nach Cleveland. Schon während der ersten Etappe lernt Mim die nette alte Arlene kennen, die so hübsch nach Keksen duftet. 

Es ist auch eine Reise zu sich selbst, die Mim unternimmt. Eine Reise, die sie erzählt und auch in Briefen niederschreibt. Nicht nur schöne Begegnungen stehen ihr bevor, auch weniger gute Erfahrungen muss sie erdulden. Doch noch nie hat sie in so kurzer Zeit so gute Freunde gefunden. Auch wenn mal ein kleiner Umweg von Nöten ist, ihr Ziel verliert sie nicht aus den Augen. Bei aller inneren Zerrissenheit versucht sie eine gewisse Geradlinigkeit zu finden. 


Etliche Bücher für jugendliche Leser können auch Erwachsenen viel Freude bereiten. Ob dies bei dem vorliegenden Roman so uneingeschränkt der Fall ist, kann nicht so genau gesagt werden. Man fragt sich bei der Lektüre, ob es in Amerika überhaupt Jugendliche gibt, die keine psychischen Probleme haben. Aus der gefestigten Sicht eines älteren Menschen sind die manchmal etwas konfusen Äußerungen und Gefühle Mims nicht immer ganz nachvollziehbar. Da mag sich ein jugendlicher Leser möglicherweise besser einfühlen können. Dennoch lässt einem Mims Geschichte nicht kalt. Man begibt sich mit ihr auf die Reise und hofft, dass sie ihr Ziel erreicht und dass sich ihre Hoffnungen und Wünsche erfüllen. Meist wollen viele nur das Beste, doch die Schwierigkeit besteht eher darin, sich in dem Wunsch verständlich zu machen. So lets talk about it.

3 Sterne

Auf und davon von David Arnold
ISBN: 978-3-453-26983-5





Mittwoch, 11. November 2015

Algea

Nach wie vor ist es Joe Tesla nicht möglich, die New Yorker U-Bahn zu verlassen. Doch er will nicht aufgeben, deshalb eine neue Firma gegründet. Er will die Gehirnfunktionen verschiedenster Menschen in bestimmten Situationen einscannen und aus den Vergleichen der Scans Lehren ziehen, um vielleicht einen Lösungsansatz für seine Krankheit zu finden. Auf einer seiner Erkundungen der Tunnel, die er mit Edison, seinem Hund, unternimmt, findet Edison ein seltsames Versteck. Unter anderem enthält es eine teure Markentasche. Joe versucht die Besitzerin der Tasche ausfindig zu machen und findet heraus, dass sie vor fast einem Jahr in einem der Tunnel von einer U-Bahn überrollt wurde.

Sehr spannend wie Joe versucht, eine Lösung für seine Probleme zu finden. Seine Ängste werden nicht geringer, aber dennoch geht er dagegen an. Sehr mysteriös ist es wie er die Agoraphobie erworben hat. Sollte da jemand ein böses Spiel mit ihm treiben? Und noch ein zweites Rätsel beschäftigt ihn: Die Frau mit der Tasche galt als nicht selbstmordgefährdet, Freunde von ihr können glaubhaft machen, dass sie gerade diese Todesart nicht gewählt hätte. Und immer wieder die Gedanken eines seltsamen Menschen, der ein wirklich übles Spiel entwickelt. 


Auch wenn manche Zufälle hier etwas konstruiert wirken, kann man wieder in die Welt des Joe Tesla eintauchen und sich auf die Suche nach den Spuren begeben, die zu seiner Krankheit führten oder auf die Suche nach dem Hintergrundgeschehen, das letztlich mit dem Tod der jungen Frau endete. In manchen Szenen stockt einem wahrhaft der Atem, ob der Gefahr, in der die Protagonisten schweben. Jeder Charakter der „Guten“ ist dabei liebevoll gezeichnet, doch zum Glück nicht zu weichgezeichnet. Geschickt wird der Leser lange in Unsicherheit gehalten, wer denn nun der Übeltäter ist. Zwar kristallisieren sich einige Verdächtige bald heraus, doch kann man keine Entscheidung fällen und so bleibt man gefesselt bis zum fulminanten Finale, das allerdings etwas Sorge weckt, dass es sich bei der Tesla-Reihe um eine Tesla-Trilogie handeln könnte. Ob das tatsächlich so ist, kann sicher nach einem gewissen Zeitablauf, durch einen Blick auf die Web-site der Autorin beantwortet werden.

4,5 Sterne

The Chemistry of Death von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-5171-1493-0


Sonntag, 8. November 2015

Weihnachten, nein Danke

In den letzten Jahren hat die Studentin Anna regelmäßig die Weihnachtsflucht angetreten. Von dem ganzen lieblichen Getümmel fühlt sie sich genervt und „Last Christmas“ ist auch eher zum Weglaufen. Am liebsten würde sie nur für Frau Hallmann, eine alte Dame, für die sie die Einkäufe erledigt und die fast so etwas wie eine Großmutter für sie geworden ist, eine Kleinigkeit besorgen und dann einen Flieger nach nirgendwo besteigen. Doch da ist diese Mail von ihrem kleinen Bruder, in der er sie bittet, Weihnachten mit der Familie zu verbringen. Anna hat zugesagt, weil sie den Jungen nicht enttäuschen möchte und damit fängt eine wahre Odyssee an.

Was schief gehen kann, geht schief. Unglaublich fast wie Anna am Endbahnhof Binz/Rügen aufwacht und an ihrem Ziel Berlin vorbei geschossen ist. Um das Chaos perfekt zu machen, kommt ein Schneesturm gerade recht. Doch bei allen Pannen trifft Anna immer wieder auf hilfreiche Geister angefangen beim Fahrer eines Schneepflugs, die sie ihrem Ziel zwar nicht auf geradem Weg, aber doch irgendwie näher bringen. Und sie hört Weihnachtsgeschichten derer, die ihren Weg kreuzen, sie erlebt Weihnachten im besten Sinne. Denn trotz aller Hektik und des vielen Unmuts scheint Weihnachten auch eine gewisse Mitteilsamkeit und Hilfsbereitschaft hervorzubringen. 


Mit diesem kleinen Weihnachtsmärchen hat die Autorin ihrer Heldin Anna eine Portion Selbsterkenntnis geschenkt und ihre Leser ins Nachdenken gebracht. Ist Weihnachten bei allen Zwängen nicht trotzdem ganz schön. Eine Zeit der Ruhe und der Einkehr, der Zusammenkunft mit der Familie. Vielleicht eine Möglichkeit sich von den Vorgaben der Gesellschaft zu befreien und das Beisammensein mit den Lieben zu genießen, in sich zu gehen und die Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Für Anna wird auch einem „Weihnachten, nein danke“ ein „eigentlich war es doch sehr schön“ und man bekommt den Eindruck, dass bei ihr innerlich etwas an die richtige Stelle gerückt ist. 

4 Sterne

Eine wundersame Weihnachtsreise von Corina Bomann
ISBN: 978-3-548-28774-4

Samstag, 7. November 2015

Im Krieg

Ihre Mutter ist schon lange tot, als ihr Vater aus dem Krieg zurückkam war er nicht mehr der Selbe. Trotzdem zog es ihn wieder zu den Soldaten als er sich gesund fühlte. Mit ihren fünfzehn Jahren bleibt sie allein zurück, zur Tante soll sie. Lieber aber will sie beim Vater sein, deshalb zieht sie Jungenkleider an und meldet sich zum Kriegsdienst. Den Vater will sie suchen, doch sie findet den Krieg. An der Front zwischen Italien und Österreich in den Dolomiten kämpft sie im ersten Weltkrieg.

Im Krieg wird überall gestorben, auch an den abgelegensten Fronten wird gekämpft, sind Verwundete zu beklagen und Tote. Fleischfetzen und abgerissene Glieder, man mag es sich kaum vorstellen. Man spricht noch mit dem Kameraden neben einem und plötzlich ist von diesem nicht mehr viel übrig. In tiefe Trauer mischt sich doch ein Hauch Erleichterung, dass es einen nicht selbst erwischt hat. In der harten Bergwelt der Dolomiten kommt noch die Unerfahrenheit vieler im Berg hinzu, da ist nicht unbedingt der Feind schuld an so manchem Todesfall. Und mittendrin das Mädchen auf der Suche nach dem Vater, der unauffindbar scheint. Unerkannt erlebt sie die Kameradschaft unter den Soldaten, aber auch Missgunst, Tod und Verlust. Tapfer übersteht sie viele Gefahren und vergisst fast, das sie ein Mädchen ist. 


Auf einer wahren Geschichte beruhend wird hier ein Teil des ersten Weltkriegs beschrieben, der vielleicht eher unbekannt ist. Unabhängig von diesem Hintergrund, wird, wie schon gesagt, im Krieg überall gestorben. Als hart empfindet man es, vom Tode der jungen Menschen zu lesen, die auch hier als Kanonenfutter benutzt werden. Niemand sollte als Soldat kämpfen müssen, doch hier sind es gerade die jungen Unerfahrenen, die an die Front geschickt werden. Mit ihrem jugendlichen Enthusiasmus laufen sie in manche Fallen, einzig ihre Bergerfahrung kann ein Vorteil sein. Irritierend wie sich ein junges Mädchen da hineinfügt, doch die Sehnsucht nach dem Vater, der ihre einzige Familie ist, lässt sie alles ertragen. In welch glücklicher Zeit leben wir doch heute in Europa, wo schon lange kein großes Gefecht mehr mit Waffen auszufechten war. Möge es noch lange so bleiben, denn so ungewöhnlich und berührend die geschilderten Ereignisse sind, erleben möchte man sie nicht.

4,5 Sterne

Die rote Wand von David Pfeifer
ISBN: 978-3-453-26961-3



Donnerstag, 5. November 2015

Eine Wahl

Die 16jährige Violet lebt in Southgate, sie besitzt besondere Eigenschaften festgestellt, denn nur Mädchen aus den ärmsten Gegenden haben diese Besonderheiten. Sorgsam werden sie auf ihre Rolle vorbereitet. Und nun ist es soweit, einen letzten Tag darf Violet mit ihrer Familie verbringen, dann geht die Reise ins Innere der Insel. Dort leben die königlichen Familien, für die sie als Leihmütter dienen sollen, weil bei den Frauen die Fähigkeit gesunden Kindern das Leben zu schenken verloren gegangen ist. Im Rahmen einer Auktion werden die jungen Frauen versteigert. Auch die Regentin bietet mit, sie erhält den Zuschlag für das Mädchen mit besonders herausragenden Eigenschaften. Auch Violet hat äußerst gute Werte, sie landet für einen enormen Preis bei der Duchess of the Lake, eine widersprüchliche Frau, die sie umgarnt und schlägt.

Überraschend die Idee der Leihmutterschaft in einem Jugendbuch zu verarbeiten. Für ihr Leben bei den Reichen, müssen die Mädchen einen hohen Preis bezahlen. Sie werden zu Besitz, zu einer lebenden Ware, die zu gehorchen hat. Sind sie willig, kann es auch Belohnungen geben. Immer jedoch werden sie dazu angehalten, sich der Reproduktion zu unterstellen. Die unheimlichen Experimente der Ärzte, die ihre Fähigkeiten anregen und verstärken sollen, müssen sie klaglos über sich ergehen lassen. Gefühle darf es nicht geben, nur Gehorsam. Doch Violet nimmt sich kleine Freiheiten.


Zunächst löst der Gedanke an Violets Welt einen gewissen Widerwillen aus. Wer will schließlich schon nur um der wenigen Annehmlichkeiten willen, sein ganzes Selbst aufgeben und sich den Wünschen anderer unterstellen. Doch schnell nimmt Violet die Leser für sich ein, schließlich erfährt sie erst während und nach der Auktion, welches Leben auf sie zukommen kann. Nach und nach erkennt sie, dass sie kaum mehr als eine Gebärmaschine ist, die für die Intrigen der Mächtigen genutzt werden soll. Geschickt wird dabei nur häppchenweise enthüllt, wozu einige Aktionen dienen. Doch längst nicht alles wird geklärt, schließlich haben wir es wieder mal mit dem Beginn einer Reihe zu tun. Dennoch lernt man mit Violet zu fühlen, die hinterlistigen Grausamkeiten zu ertragen und doch ihre eigenen Wünsche nicht zu vergessen. Fesselnd, emotional und mit einem fiesen Cliffhanger endend bietet das Buch beste Unterhaltung.

4 Sterne

The Jewel von Amy Ewing
ISBN: 978-0-0622-3580-0


Mittwoch, 4. November 2015

Flavia zum Dritten

Was mag die Zukunft bringen, welche Geheimnisse verbirgt die Vergangenheit? Neugierig wie Flavia ist, nutzt sie die Gelegenheit, eine Wahrsagerin zu befragen. Versehentlich zündet sie dabei deren Zelt an. Flavia ist bestürzt über ihre Ungeschicklichkeit und lässt die alte Wahrsagerin mit ihrem Pferdewagen auf dem Gelände des Besitzes ihres Vaters kampieren. Als sie in der Nacht noch einmal nachschauen will, ob es der alten Fenella gut geht, findet sie diese mit eingeschlagenem Schädel und nahezu leblos in ihrem Wagen. So eben lebend gelangt Fenella ins Krankenhaus.
Flavia brennt vor Neugier, wer hat die alte Frau angegriffen? Ein spannender Fall um ein Missverständnis. Wieder einmal ist Flavia schlauer als die Polizei. Auf ihre freche, neugierige und doch verletzliche Art kommt sie hinter die Geheimnisse und nichtmal Inspector Hewitt kann es ihr übelnehmen, dass sie ihn übertrumpft. Auch über ihre verstorbene Mutter findet Flavia etwas mehr heraus. Bald scheint es so, als gäbe es da noch mehrere Geheimnisse. Das macht neugierig auf die weiteren Bände und der nächste ist schon angekündigt. Vielleicht gibt es dann auch Neuigkeiten über das Schicksal von Buckshaw, denn die de Luces sind in einer schlimmen finanziellen Situation, auch da bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass es irgendwann einen Silberstreif am Horizont geben wird und nicht das ganze Familiensilber versteigert werden muss. Ja, Flavia enttäuscht auch im dritten Band nicht. Das zeichnet den Autor wirklich in hervorragendem Maß aus. Flavia de Luce - für mich ein absolutes must-read.

5 Sterne

A red Herring without Mustard von Alan Bradley
ISBN: 978-0-3853-4232-2


und hier die deutschsprachige Leseprobe






Montag, 2. November 2015

Eine unheimliche Reihe

Micas beste Freundin Isa hat sich umgebracht. Lukas und Mica versuchen über den Verlust ihrer Freundin hinweg zu kommen. Glücklicherweise haben sich Mica und Isa nach einem Streit wieder versöhnt, wären sie im Unfrieden auseinander gegangen, wäre Mica untröstlich. Als dann auch noch Micas Ex-Freund Daniel umgebracht wird, muss Kommissar Dühnfort ermitteln. Er wohnt inzwischen mit seiner Kollegin Gina zusammen und deshalb dürfen sie nicht mehr in der selben Abteilung arbeiten. In der Mordkommission ist nun die neue Kollegin Kirsten Tessmann tätig, noch muss sie sich ins Team einfügen.

Mit klarer Stimme wird dieses Hörbuch vorgetragen von Pascal Breuer. Ausdrucksvoll liest er von den Ermittlungen Kommissar Dühnforts und seinen Kollegen, von den Sorgen und Nöten der jungen Menschen, die in kurzer Zeit zwei schreckliche Verluste zu beklagen haben. Können die Todesfälle zusammenhängen? Ein Selbstmord und ein Todesfall, bei dem vieles auf einen Mord im Drogenmillieu hindeutet. Akribisch geht der Kommissar jedem kleinen Hinweis nach. Dabei stellt es sich durchaus als schwierig heraus an die benötigten Informationen zu kommen. Der Fall entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Puzzle, bei dem zunächst nicht alles zusammenpasst. Doch nach und nach ergibt sich das Bild eines Beziehungsgeflechts, dass schließlich tödliche Auswirkungen hatte.


Um die Spannung zu erhalten, ist es leider nicht möglich zu sagen, was einen beim Hören mit den Zähnen knirschen lässt. Welch perfide Gedankengänge führen hier zu so tragischen Ergebnissen. Man gewinnt den Eindruck, dass es Herrn Breuer sehr gut gelingt, die sich langsam steigernde Spannung auf den Leser zu übertragen. Doch in manchen Momenten möchte man fliehen, denn die Vorstellung einer solchen Tat, erfüllt mit einigem Widerwillen, allerdings nicht mit Unglauben.

3,5 Sterne

Verflucht seist du von Inge Löhnig
ISBN: 978-3-86804-745-5

Sonntag, 1. November 2015

Empire

George Tesla ist gestorben und sein Sohn Joe kann wegen seiner Agoraphobie und seiner Panikattacken nicht einmal an der Bestattung teilnehmen. Mit seinem Vater hat er sich nie gut verstanden, doch die Versuche des Vaters zur Bildung eines neuen Kontakts hat er stets zurückgewiesen. Nun ist Joe sehr verunsichert, vielleicht hätte er sich anders verhalten sollen. Wenigstens den letzten Wunsch seines Vaters will er erfüllen. Er soll die letzte Erfindung Nicola Teslas finden und vernichten. Gleichzeitig muss Joe sich mit dem Problem herumschlagen, was mit seiner eigenen Erfindung, einem genialen Gesichtserkennungsprogramm, geschehen soll. 

Zum zweiten Mal kann der Leser Joe Tesla in seine Welt des New Yorker Untergrunds folgen. Die Tunnel der U-Bahn und sein geheimes unterirdisches Haus sind nach wie vor die einzigen Orte, an denen er sich sicher fühlt. Je näher er dem Tageslicht kommt, desto unheimlicher werden seine Panikattacken. Sein Hund Edison, der für diese Aufgabe ausgebildet ist, hilft ihm so gut es geht. Doch echte Fortschritte scheint es nicht zu geben. Joes Geist allerdings ruht nicht und als ihm so langsam aufgeht, welche Aufgabe ihm sein Vater hinterlassen hat, erkennt er die große Gefahr. Zunächst die Gefahr, in der er sich selbst befindet, und dann die Gefahr, die die Welt bedrohen kann. 


Wieder ist es der Autorin gelungen, ihrem Helden Joe Tesla ein atemberaubendes Abenteuer zu bescheren. Ausgehend von Geschichten und Informationen um den genialen Erfinder Nicola Tesla entspinnt sich um dessen Erben Joe eine neue Episode. Sein Kampf um die Wiederkehr ins normale Leben, sein Forscherdrang in Bezug auf das Gerät, sein Wille, die Welt vor Schaden zu bewahren, seine tragische Beziehung zu Celeste - all das vermischt sich zu einer ausgesprochen spannenden Story, die man förmlich inhaliert.

4,5 Sterne

The Tesla Legacy von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-5076-7667-7 (Taschenbuchausgabe bei Amazon)