Freitag, 29. Januar 2016

Windigo

Joes Mutter ist noch einmal weggefahren, sie will eine Akte holen. Zunächst machen Joe und sein Vater sich keine Gedanken, weil die Mutter noch unterwegs ist, obwohl doch schon die Essenszeit da ist. Später jedoch beginnen sie nach ihr zu suchen. Sie sind heilfroh als ihnen Geraldine im Auto entgegen kommt. Die Freude schlägt jäh in Entsetzen um, denn Geraldine ist überfallen und brutal vergewaltigt worden. Völlig aus der Bahn geworfen zieht sie sich in sich selbst zurück. Joes Vater, der als Stammesrichter arbeitet, stellt selbst Nachforschungen an. Doch leider ist nicht genau feststellbar, wo Geraldine überfallen wurde und aus diesem Grund lässt sich auch die zuständige Behörde nicht ermitteln.

Amerika Ende der 1980er, eine Vergangenheit, die doch noch nicht so fern ist. Und doch ist die Welt, in die dieser Roman einen entführt, fremd und scheint auch älter als die Jahre andeuten. Die Indianer leben vornehmlich in Reservaten, mit eigenen gesellschaftlichen Regeln und einer eigenen Rechtsprechung. Mit den Nachfahren der Einwanderer gibt es offensichtlich kaum Berührungspunkte. Es ersteht eine Welt der Trennung, die man schon überwunden wähnte. Ein Glaube, der sich vor den Nachrichten der heutigen Zeit durchaus als Irrtum erweisen könnte. Fremd zwar, aber doch nicht so fremd. Geraldine ist durch die Tat schwer gezeichnet und Joe und sein Vater versuchen alles, um sie wieder zur Teilhabe am Leben zu bringen. Zunächst gelingt das nicht und die Sorge wächst stetig. Für einen 13jährigen wie Joe ist das keine einfache Situation. Er und sein bester Freund Cappy versuchen sich abzulenken. Doch in Gedanken will Joe seiner Mutter helfen und den Täter seiner gerechten Strafe zuführen.

Witzig und tragisch zugleich versteht es der Roman zu unterhalten. Der betagte Großvater trägt dabei sehr zur Unterhaltung bei. Gleichzeitig helfen seine Geschichten zum besseren Verständnis der indianischen Kultur, deren Sagen und Mythen. Der Überfall auf Geraldine und seine Auswirkungen auf die ganze Familie stimmen eher nachdenklich und machen betroffen. Wieso können Frauen so erniedrigt werden, wieso werden nicht alle Taten mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt. Ein stimmiger und lehrreicher Roman, der wärmstens weiterempfohlen werden kann.


4 Sterne

Das Haus des Windes von Louise Erdrich
ISBN: 978-3-7466-3150-9


Sonntag, 24. Januar 2016

Von der Welt in Ruhe gelassen

Eine ganze Familie wird brutal ermordet, nur der kleine Bruder verschwindet spurlos. Wer kann nur solch ein Verbrechen begehen. DC Max Wolfe und seine Kollegen beginnen mit den Ermittlungen. Sie sind wie vor den Kopf gestoßen, eine ideale Familie mit drei Kindern, in einer geschlossenen Wohnanlage lebend. Sie hätten sicher sein sollen. Schon ein Rätsel wie es der Killer auf das Gelände geschafft hat. Noch rätselhafter, was der Grund für eine solch grausame Tat gewesen sein könnte. Das kann nur ein Irrer sein, die Opfer zufällig gewählt. Die Tatwaffe, ein Bolzenschussgerät wie es eigentlich zur Betäubung der Schlachttiere verwendet wird, bringt einen ersten Hinweis auf einen alten Fall.

Dieser Fall hat es echt in sich. Max Wolfe als Teil des Teams ist auch in diesem zweiten Band zerrissen zwischen seiner Sorge um die kleine Tochter und der Dienstbeflissenheit, die ihn auf Mörderjagd gehen lässt. Seine Arbeit erfordert größten Einsatz, wobei es durchaus sein kann, dass auch sein eigenes Leben oder das der anderen Teammitglieder gefährdet wird. Die Seele des Menschen ist unergründlich, nahezu alles scheint möglich zu sein. Die Brutalität des Killers lässt Übles vermuten. 

Einmal begonnen fällt es schwer diesen Thriller wieder aus der Hand zu legen. Manchmal möchte man die Augen verschließen vor den Bildern, die der Autor vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen lässt. Wobei es den Ermittlern recht häufig beinahe tatsächlich an den Kragen geht, Momente, in denen man sich fragt, ob es hier nicht ein wenig zu viel wird. Zumindest werden die Beamten nicht mehrfach verletzt und machen einfach immer weiter. Die berührenden Szenen zwischen Wolfe und seiner fünfjährigen Tochter Scout tragen dagegen sehr dazu bei, den Ermittler zu mögen. Und Aufbau und Auflösung des Falles lassen nichts zu wünschen übrig.


Packend, schlüssig und spannend und manchmal etwas brutal.

4 Sterne

The Slaughter Man von Tony Parsons
ISBN: 978-1-784-75510-2


Samstag, 23. Januar 2016

Sydney Police

Nach einer schweren Verletzung ist die Polizistin Ned Kelly, halb Australierin, halb Vietnamesin, noch in der Genesungsphase. Immer noch traumatisiert von der Schussverletzung, durch die sie fast umgekommen wäre, hält sie es doch nicht mehr aus. Sie ist heilfroh, dass wenigstens im leichten Dienst, also hauptsächlich im Innendienst, wieder arbeiten darf. Doch schon bald nachdem sie in einem Dezernat eingesetzt wird, wo man meint, sie wegen ihrer Herkunft besonders gut gebrauchen zu können, wird ein asiatischer Jugendlicher getötet. Ned, die kein Vietnamesisch spricht, versucht, den Hintergrund der Tat zu klären. Schwierig ist das schon für sie, denn gerade ihre psychische Genesung ist noch längst nicht abgeschlossen, sollte sie jemals mit dem Kapitel Frieden schließen können, vergessen wird sie es nie.

Die Handlung dieses Romans beginnt gleich mittendrin, kein Wunder, denn es handelt sich um den zweiten Band um Ned Kelly, der bisher erschienen ist. Die Autorin hat selbst als Polizistin in Sydney gearbeitet. Und auch ohne diese Kenntnis merkt man, dass sie weiß, wovon sie berichtet. Aus ihrem Wissen ist ein düsterer, aber sehr spannender Roman geraten, um die Verhältnisse und Strukturen innerhalb des Polizeiapparats. Aber auch um die Polizistin Ned Kelly, die vermeintlich gerade wegen ihrer Herkunft gebraucht wird. Während der Lektüre gelangt man allerdings zu der Auffassung, sie wird auch benutzt. Selbst noch kaum in der Lage, ihre Arbeit zu erledigen, hinter jeder Ecke Gefahr vermutend, ist es für Ned fast unmöglich herauszufinden, wem von ihren Kollegen sie trauen kann. Dennoch ringt sie um ihre Gesundung, sowohl seelisch als auch körperlich verlangt sie sich einiges ab, um wieder fit zu werden. 


Umrahmt von der packenden Krimihandlung im dunklen Teil des Milieus der asiatischen Einwanderer kann der Leser teilhaben, am Kampf der jungen Polizistin Ned Kelly um sich selbst. Wie schwer es ist nach einer Verwundung im Dienst, wieder auf die Beine zu kommen. Da macht die schwierige körperliche Wiederherstellung eher den kleineren Teil aus. Doch von den Kollegen auch noch misstrauisch beäugt zu werden und dennoch Teil der Familie zu sein, eine schwierige Situation, in der es gilt sich durchzuboxen. Gespannt folgt man Neds Weg durch das Dickicht aus Verbrechen, dessen Ranken bis in die Reihen der Polizei zu reichen scheinen.

4 Sterne

Beams Falling von P. M. Newton
ISBN: 978-0-8579-7277-4


Freitag, 22. Januar 2016

Kirby


Ein durch und durch unsympathischer Mensch scheint Harper zu sein. Er streift durch das Chicago des Jahres 1930. Bei einem seiner Streifzüge findet er einen Schlüssel der ihn zu einem merkwürdigen Haus führt. Die Wände des Hauses sind bepflastert mit Fotos, auf denen eigentümlich leuchtende Mädchen abgebildet sind. Harper fühlt sich berufen, diese Mädchen zu finden und zu töten. Durch die Zeit führen die Türen des Hauses, durch die Zeit sucht er die Mädchen, meist vollbringt er sein Werk. Doch die junge Kirby überlebt und sie ist es, die beginnt nach Zusammenhängen zu suchen.

Eine Art paranormaler Thriller, keine schlechte Kombination, eine Kombination, die Spannung verspricht. Allerdings müht man sich als Leser oder hier als Leser etwas. Grausame Schilderungen der Taten wirken eher abstoßend. Die Begegnungen Harpers mit seinen Opfern erscheinen manchmal etwas zu ausführlich behandelt. Der Widerwillen, den er hervorruft, beeinflusst die Stimmung beim Hören zu eben einer widerwilligen Stimmung. 

Die dagegen durchaus spannenden Aktionen Kirbys, die alles daran setzt, hinter das Geheimnis des Killers zu kommen, ihre Schwierigkeiten andere davon zu überzeugen, dass es hier einen Killer zu fangen gilt, können den Widerwillen, den Harper auslöst, nicht völlig ausgleichen. 

Dennoch fesselt das Hörbuch, das von David Nathan der Situation der handelnden Personen angemessen vorgetragen wird, gerade durch diesen Gegensatz. Für einige Leser mag es jedoch sein, das dem Täter zu viel Zeit gewidmet wird. 

Möglicherweise sollte man sich den Namen der Autorin dennoch merken, denn die Geschichte weist einen bemerkenswerten Ideenreichtum auf.


3 Sterne

Shining Girls von Lauren Beukes
ISBN: 978-3-86231-251-1


Donnerstag, 21. Januar 2016

Vampir Ziggy

Vinnies rollendes Büro (ein Bus) steht vor einem Grundstück, auf dem eine Hand aus dem Boden ragt. Hm, das ist nicht gut. Bei dem Toten handelt es sich um Lou Dugan, aber wer kann ein Interesse an seinem Tod haben. Das ist nicht das Einzige, was Stephanie Plum beschäftigt. Die Kopfgeldjägerin ist auf der Jagd nach dem über 70jährigen Ziggy, der glaubt, er sei ein Vampir und deshalb seinen Gerichtstermin am Tag nicht wahrnehmen konnte. Und auch Merlin Brown, der einen Raubüberfall begangen haben soll, muss vorgeführt werden. Und natürlich wollen Mama und Oma sie mal wieder verkuppeln und zwischen Morelli und Ranger kann sie sich immer noch nicht entscheiden. 

Kennt man einige Bücher dieser im Original inzwischen 22bändigen Reihe, kennt man auch das Grundmuster dieses Buches. Oft hat man das Gefühl, etwas könnte einem bekannt vorkommen. Und auch eine Ahnung, wer der Täter sein könnte drängt sich recht bald auf. Natürlich könnte man so zu dem Schluss kommen, man muss die Reihe nicht unbedingt verfolgen. 

Allerdings würde man da so einiges verpassen. Zum Beispiel den feuchten Schmatzer, den Lula von Ziggy erhält. Dieser hat leider sein Gebiss nicht dabei und saugt sich ohne seine Eckzähne an Lula fest. Diese ist nun sehr besorgt, ob man nicht auch so zum Vampir werden könnte. Oder auch der Vordo-Fluch, mit dem Stephanie belegt wird. Sie kann nur noch an das eine denken und schreitet auch mit Morelli und Ranger flugs zur Tat. Um Schlimmeres zu verhindern bekommt sie den guten Rat, sie solle es mit einer Schamgardine versuchen. Darunter muss man sich Omas großen rosa Schlüpfer vorstellen, der wirklich alles abtötet, äh, abtöten sollte. 


Und so gäbe es noch so manches Beispiel zu nennen, welche Wortfindungen und welcher Wortwitz die Lektüre zu einem großen Vergnügen werden lassen. Zwar leichte aber ausgesprochen gute Unterhaltung, die ein köstliches Training für die Lachmuskeln bietet.

4 Sterne

Küsse sich, wer kann von Janet Evanovich
ISBN: 978-3-442-48149-0




Dienstag, 19. Januar 2016

Die wirkliche Welt

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin betreibt Kitty Miller einen Buchladen. Mit viel Liebe haben sie den Laden aufgebaut, Kunden gewonnen, Kredite abgezahlt. Allerdings werden auch im Amerika der 1960er immer mehr Einkaufszentren am Standrand oder in den neuen Siedlungen gebaut. Deshalb ist das Geschäft der beiden Frauen Ende vierzig sehr zurück gegangen. Dennoch sie haben sich, Kitty hat ihr kleines Zwei-Zimmer-Apartment, ihre Katze und dass das damals mit dem netten Mann aus der Kontaktanzeige nicht geklappt hat, ist auch nicht so schlimm. Doch Kitty beginnt so seltsame Träume zu haben. Von einer Welt, in der sie einen Mann hat und Kinder, von einer Welt so schön, wie sie es sich gewünscht haben würde.

Wenn ein Buch schon „The Bookseller“ also die Buchhändlerin heißt, muss man als passionierter Leser ja fast schon an diesem Buch interessiert sein. Wie gemütlich das Dasein beschrieben wird. Frau mit Katze und Buchladen. Doch nach und nach sickert die nicht ganz so beschauliche Realität in die Wirklichkeit der Ladeninhaberin Kitty ein. Der Laden läuft nicht so wie es für ein gutes Auskommen für sie und ihre Freundin Frieda notwendig wäre. Jeden Monat müssen sie sich sorgen, ob sie die Miete zahlen können, ob sie den Laden überhaupt weiter betreiben sollen. Kitty beginnt seltsam reale Träume zu haben, von idealen Kindern und einen idealen Mann. Ach, wär das schön. Doch auch in diesem Träumen holt die Realität sie ein. Die Menschen, denen sie begegnet, nehmen sich so als würden sie ihr etwas verheimlichen. Das Unausgesprochene ist sehr belastend. Auch ihre ideale Traumwelt bekommt Risse.


Eine sehr schöne und berührende Idee wurde hier in gefühlvolle Worte gekleidet. Zu Beginn fragt man sich, wie es zum Erträumen dieser Welt kommt. Wieso Kitty so viel vergessen hat. Während der Lektüre fragt man sich, wohin die Träume Kitty führen werden. Man ist wahrlich mit dem Herzen bei der Sache und gleichzeitig sucht man mit dem Verstand nach einer Lösung und nach einer Antwort, auf der Suche nach dem Anlass. Ein sehr gelungener emotionaler Roman um ein Frauenschicksal in den 1960ern, die schon fern erscheinen, aber doch so fern nicht.

4 Sterne

The Bookseller von Cynthia Swanson
ISBN: 978-0-06-233300-1


und hier die Leseprobe der deutschsprachigen Ausgabe:




Montag, 18. Januar 2016

Versalzen

Die Fernsehköchin Gina Foston ist mit dem Prozenten ihrer Show liiert. Als sie von dessen Seitensprung mit der Frau eines Sponsoren erfährt, bricht für sie eine Welt zusammen – beruflich und privat. Die Aussicht auf eine Kochsendung beim großen TV-Sender TCC ist ein Lichtblick und Hoffnungsschimmer. Doch auch Tate Moody begehrt diesen Posten. In einem Kochduell auf einer Insel soll ermittelt werden, wer besser kocht und den Zuschlag für die geplante Sendung erhält. Gina ist gehandicapt, da Tate diese Insel bereits kennt und so über entsprechendes Insiderwissen verfügt. Zusätzlich gerät ihr Gefühlsleben mächtig in Wallung, denn plötzlich verdreht ihr Tate gehörig den Kopf… 
Mary Kay Andrews Roman „Mit Liebe gewürzt“ ist eine kurzweilige Lektüre für zwischendurch. Es ist eine Liebesgeschichte, die zeigt, dass Liebe durch den Magen geht. Mir erschien sie jedoch etwas zu „versalzen“, will heißen zu schnulzig. Vieles ist vorhersehbar und anderes erscheint mir maßlos übertrieben. Natürlich ist Geschmackssache, was eine gute Liebesgeschichte braucht. Ein Happy End gehört oft dazu, aber für mich ist vor allem der Weg dahin entscheidend. Gina und Tates Geschichte hat mich leider nicht überzeugen können. Sie war vom Schreibstil her angenehm zu lesen, aber ich empfand sie als recht langatmig und auch als zu kitschig. 

2 Sterne

© Britta Kalscheuer

Mit Liebe gewürzt von Mary Kay Andrews
ISBN: 978-3-596-06196-2


Sonntag, 17. Januar 2016

Wahrheit

Der Privatdetektiv Georg Dengler bekommt zunächst ein Mobiltelefon, das nur einmal benutzt werden soll. Als nächstes erhält er einen Umschlag mit Geld, gerade so viel, dass er einen Teil seiner Schulden tilgen kann. Und dann kommt der Anruf, er solle doch die Todesumstände der Terroristen Mundlos und Bönhardt überprüfen. Was ist das denn für eine dämliche Frage, jeder weiß doch, was passiert ist. Trotzdem beginnt Dengler, sich die Informationen zu beschaffen, an die er so herankommen kann. Und er findet Ungereimtheiten, und er schreibt einen ersten Bericht. Als er jedoch seiner Freundin Olga von seinem Auftrag erzählt, ist diese entsetzt, er will doch nicht diese Täter zu Opfern machen? Olga haut ab und Dengler ist völlig von der Rolle. Dennoch bohrt er weiter.

Auch wenn man nicht alle Teile dieser hiermit acht Bände umfassenden Reihe kennt, kann man diesen Thriller mit großer Spannung lesen. Dengler ermittelt quasi nach, was die Polizei doch festgestellt haben sollte. Wieso kommt er zu ganz anderen Ergebnissen? Soll diesen Ausgesteuerten der Gesellschaft tatsächlich etwas untergeschoben werden? Verspricht sich die Überlebende etwas von ihrem Schweigen oder wurde ihr etwas versprochen? Gibt es auch in Deutschland eine Lizenz zum Töten? Wird die Öffentlichkeit, die negativen politischen Randerscheinungen, gar die Polizei und die Politik fremdgesteuert? Wacht der große Bruder, der hier über dem großen Teich zu suchen ist, immer noch über alles? 

Einen großen Teil der Grundlage zu diesem Roman bilden Berichte und Recherchen zu den tatsächlichen Ereignissen. Auch wenn, wie der Autor betont, Lücken mit Fiktion gefüllt werden, entsteht doch ein Bild, dass einen nicht gerade mit Freude auf diesen unseren Staat blicken lässt. Werden Unruhen geschürt, um bestimmte politische Ziele verfolgen zu können. Und wenn die vermeintlichen Täter exekutiert wurden, waren sie dann überhaupt die Täter. Wer steckt noch mit drin und wieso nur so laxe Ermittlungen von Ermittlern, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Sollte man den Behörden nicht vertrauen können? Ein Spiel scheint diese Gesellschaft zu spielen, bei dem grundsätzlich alle mitmachen und auch mitmachen müssen, sonst kann die Gesellschaft nur zerbrechen. Doch was, wenn die Behörden sich nicht mehr an die Regeln halten. Wenn Ziele verfolgt werden, die von Innen oder von Außen vorgegeben werden. 


Ein Buch, das eindeutig klarmacht, dass man die vorhandenen Tatsachen auch anders interpretieren kann, dass überhaupt nicht immer alles so sein muss, wie man es vorgegaukelt bekommt. Fehler, die man als Laie nicht bemerkt, Halbwahrheiten, die man glaubt, weil man dem Berichterstatter aufgrund dessen Position vertraut. Eigentlich haarsträubend, aber mega-spannend und sehr nachdenklich machend.

5 Sterne

Die schützende Hand von Wolfgang Schorlau
ISBN: 978-3-462-04666-3


Samstag, 16. Januar 2016

Vorhersehbare Lovestory mit Hang zum Kitsch

Emma und Richard stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Doch dann passiert etwas, was ihr Leben aus den Fugen bringt. Auf der gemeinsamen Rückfahrt mit ihren besten Freundinnen Amy und Caroline von ihrem Junggesellinnenabschied hat Emma einen Autounfall. Ein Schutzengel namens Jack eilt ihr zu Hilfe und rettet ihr Leben, doch für Amy kommt jede Hilfe zu spät. Und möglicherweise auch für ihre Ehe, denn fortan geht ihr Jack nicht mehr aus dem Kopf…. 

Nach den Lobeshymnen auf den Vorgängerroman „Die Achse meiner Welt“ war ich sehr gespannt auf diesen Roman. Erwartet habe ich eine Liebesgeschichte mit Tiefgang. Leider wurde ich enttäuscht. Der Auftakt des Buches hat mich durch die Dramatik des Autounfalls und der last minute Rettung noch packen können. Danach flachte das Buch jedoch immer mehr ab. Dies liegt jedoch nicht am Schreibstil der Autorin, der recht angenehm ist. Es liegt vielmehr an der Vorhersehbarkeit und einer stark ausgeprägten schwarz-weiß Malerei von Daniel Atkins. Sehr schnell steht fest, für wen das Herz des Lesers schlagen soll. Diese versuchte „Manipulation“ hat mich massiv gestört. Emma erschien mir zudem recht unreif in ihrem Verhalten und Urteilen. Statt einer ergreifenden Liebesgeschichte mit Tiefgang liefert die Autorin eine meiner Meinung nach durch und durch vorhersehbare und zudem kitschige Lovestory ab. Mein Fall war es nicht, auch wenn ich gerne mal eine leichtere Zwischendurch-Lektüre genieße. Nichtsdestotrotz würde ich der Autorin noch einmal eine Chance geben, um zu prüfen ob zum Beispiel „Die Achse meiner Welt“ eher meinen Geschmack trifft. 

© Britta Kalscheuer

2 Sterne

Die Nacht schreibt uns neu von Dani Atkins
ISBN: 978-3-426-51769-7


Vulkan

Maria zieht in eine Altenwohnung, dahin kann sie Lakis Unterlagen nicht mitnehmen. Und so nimmt sich Lakis Ziehsohn David der Sachen an. Eine Gelegenheit sich zu erinnern. David wurde in Südamerika geboren und dort von Elisabet adoptiert. Bald ist sie zusammen mit ihm nach Reykjavik zurückgekehrt. Allerdings zieht David schon mit 18 von zu hause aus, mit seiner Mutter ist einfach nicht auszukommen. Und nun nach Jahren ergreift David die Chance herauszufinden, was damals mit Indi, einer guten Freund in Elisabets, und ihrem Mann geschah. 

In der Gegenwart zeichnet David die Ergebnisse seiner Nachforschungen auf, er schreibt eine Art Bericht. Lebhaft berichtet er von dem, was im Jahr 2003 geschah. Er vernachlässigt deine Familie dabei. Im Jahr 2003 traf Elisabet Indi wieder, im Jahr 2003 geriet alles aus den Fugen. 

Ein Roman, der einmal anders ist. Ein Sohn macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Von seinen Erfahrungen berichtet er mittels einer Erzählung. Die Leser sollen sich selbst ein Bild machen. Und selbst ein Bild macht man sich, etwas wirr scheint es, was Elisabeth und Laki erleben. Sind sie tatsächlich erleuchtet oder ist die Erleuchtung eher andern Dingen geschuldet. Wieso eigentlich glauben sie, dass sie dieses mit einem Kuss weitergeben können. Hoch her jedenfalls geht es im Leben der Mutter. 


Interessant und fesselnd ist dieser Roman, leider werden die handelnden Personen nicht wirklich sympathisch. Davids Mutter hängt ihren eigenen Gedanken nach, die Behauptung, sie brauche keinen Schlaf, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Wie kann man ohne Schlaf auskommen. Eine Behauptung, die Folgen hat. Folgen, die fast unglaublich scheinen. Als wenn das Unterste zu Oberst gekehrt wird. Der Roman gibt Rätsel auf und bleibt doch im Ungewissen. Eine außergewöhnliche Erfahrung eines enervierend anderen Buches. Nachdenklich beendet man die Lektüre, nachdenklich und mit einer gewissen Leere.

3,5 Sterne

Alles beginnt mit einem Kuss von Gudrún Eva Mínervudóttir
ISBN: 978-3-442-74609-5




Freitag, 15. Januar 2016

Kähne und Kanäle

Die Polizistin Klaudia Wagner lässt sich nach einer unschönen Trennung aus dem Ruhrgebiet in den Spreewald versetzen. Sie hatte einen Hörsturz und leidet immer noch unter den Folgen, die neuen Kollegen sollen allerdings nichts merken. Besonders gut angekommen ist sie noch nicht. Die Kollegen haben sie nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen. Schon kurz nach ihrer Ankunft wird in einem Wochenendhaus ein Toter aufgefunden. Ein Unternehmer, der sich von seiner Frau trennen wollte. Schnell finden die Beamten heraus, dass er eine Geliebte hatte, die auf Geschäftsreise in London sein soll. Zu erreichen ist sie aber nicht. 

Sollte man es nach einem Hörsturz nicht etwas ruhig angehen lassen, um weitere Folgen zu vermeiden? An einen solchen Rat, den ein Arzt möglicherweise gegeben hat, hält sich Klaudia Wagner nicht. Sie mischt mit und treibt die Untersuchungen voran. Ihre Kollegen scheinen dagegen manchmal etwas träge zu sein oder noch mehr mit ihren privaten Belangen beschäftigt als Klaudia. Diese sucht Anschluss in ihrer neuen Umgebung und in ihrem Bemühen scheitert sie zunächst. Was die sogenannten Kollegen da zu treiben scheinen grenzt schon an Mobbing. Der Chef tut nicht wirklich etwas, um die Situation zu bereinigen. 

Mehrere Fälle wirken hier zusammen. Die nicht verarbeitete Vergangenheit, die unsichere Zukunft, eine beschauliche Umgebung, von der man meint, kein Wässerchen könne sie trüben, sofern das bei einer Gegend möglich ist, das ergibt die Grundlage zu einem spannenden und verschachtelten Fall. Im Laufe der Ermittlungen gibt es so manche Überraschungen. Die Stimmungen und Strömungen unter den Kollegen und mehr oder weniger gegen Klaudia, deren Lage sich fast täglich zu verschlimmern scheint, wirken allerdings etwas dick aufgetragen. Vielleicht ist das zwar für die Geschichte notwendig, lenkt beim Lesen aber manchmal von der eigentlichen Krimihandlung ab. Zwar ist es immer interessant auch etwas vom privaten Umfeld der handelnden Personen zu erfahren, doch falls es sich hier um einen Serienstart handelt, wäre eine langsame Entwicklung dieser Begleitmusik angenehmer.


3,5 Sterne

Spreewaldgrab von Christiane Dieckerhoff
ISBN: 978-3-548-28760-7


Donnerstag, 14. Januar 2016

Die Scheune

In Berlin werden seltsame Prophezeiungen verschickt, noch seltsamer ist es, dass sich diese erfüllen. So wird ein Mann von seiner Frau vergiftet und sie selbst erhängt sich danach. Kommissar Julius Kern  beginnt in dem Fall zu ermitteln. Obwohl es klar zu sein scheint, dass es sich um einen Mord-Selbstmord handelt. Wie aber soll diese Frau, die nicht besonders gebildet war, es geschafft haben, so einen perfekten Knoten zu knüpfen. Schnell kommen noch mehr Ungereimtheiten hinzu. Dennoch werden die Ermittlungen bald eingestellt. Bevor jedoch alles wieder seinen normalen Gang nehmen kann, erhält Kern selbst eine ähnliche Prophezeiung.

Ein letzter Kampf zwischen Kommissar Kern und seinem alten Widersacher Tassilo? Tassilo, der jetzt mit einer neuen Identität in einem anderen Land lebt. Als Beteiligter darf Kern nicht selbst ermitteln, eigentlich. Natürlich setzt er alles daran, seine Familie zu schützen, und natürlich macht er sich auf die Suche nach seinem erklärten Erzfeind. 

Sowohl über die Ereignisse in Berlin wird berichtet als auch über die Ereignisse, die sich an Tassilos Wohnort abspielen, wo dieser ein ruhigeres Dasein fristen wollte. Allerdings lässt er sich zu einer Dummheit hinreißen und es passiert, was unmöglich schien. Er wird erwischt. 


Aus den geringfügig unterschiedlichen Zeitebenen ergibt sich eine besondere Anspannung, da die Geschehnisse sich langsam annähern. Gefesselt verfolgt man den Lauf der Dinge. Man möchte eingreifen, warnen und kann doch nichts tun. Ein packender Zweikampf zwischen den bekannten Kontrahenten, die durch irgendetwas doch verbunden scheinen. Ein Thriller, der sich wegliest wie nichts und somit eine hervorragende Unterhaltung für einen verregneten Wintertag bieten kann.

4 Sterne

Der Prophet des Todes von Vincent Kliesch
ISBN: 978-3-442-37797-8



Dienstag, 12. Januar 2016

Die Deutschen

Kommissar Kostas Charitos veräppelt sie gerne mal diese Deutschen. Zum Beispiel diesen Lebensgefährten von Mania, einer Freundin und Geschäftspartnerin Katerinas, der mit deutscher Gründlichkeit bemüht ist, Grieche zu sein. Auf dem Weg zu einem Gerichtstermin wird Katerina von zwei Neonazis zusammengeschlagen. Der Vater Kostas ist natürlich sehr besorgt, der Polizist Charitos geht mit Vorsicht vor, denn schließlich will er die Täter überführen, ohne ihren Parteifreunden Zulauf zu verschaffen. Da scheint der Selbstmord eines Deutschgriechen zunächst nur eine Nebensache. Als allerdings eine Gruppe, die sich „Die Griechen der fünfziger Jahre“ nennt, ein Schreiben veröffentlicht, mit dem beklagt wird, eben jener Deutschgrieche sei ermordet worden, nimmt Kommissar Charitos die Ermittlungen auf.

Den Griechen geht es schlecht, sie fühlen sich als das Armenhaus Europas, seitdem nicht nur so viele Vergünstigungen gestrichen wurden, sondern die Streichungen inzwischen an die Substanz gehen. Da gibt es Bohnen und Linsen statt Fleisch und öffentliche Verkehrsmittel statt Auto. Man mag sich das nicht vorstellen. Dennoch muss Recht und Ordnung aufrecht erhalten werden. Manchmal sogar gegen Wiederstände in den eigenen Reihen. Leicht hat der es Kommissar wahrlich nicht. Zum Glück hat er seine Adriani, die selbst aus den einfachsten Zutaten ein schmackhaftes Mal bereitet. 

Gerne soll die Schuld auf die Ausländer geschoben werden. Und Menschen, die eben für diese eintreten, so wie die Anwältin Katerina, werden nieder geprügelt. Fast wie ein Gegenpart oder wie ein vorgehaltener Spiegel wirkt da die Schilderung des Systems. Von politischen Klassen geschafften nährt es sich selbst aus widersinnigen Anweisungen und Vorschriften, die sich kaum befolgen lassen. Und trotz der Krise fehlt es an Mut und Durchsetzungskraft wirklich etwas zu ändern, schließlich sitzen immer noch die selben Personen an den entsprechenden Stellen. Recht schonungslos schildert der Autor die Verhältnisse, die nur im ersten Moment schwer verständlich erscheinen. Man sollte nicht meinen, dass es hier kein System gibt, mit dem es schwierig ist umzugehen, wenn man von draußen kommt. Auch hier kann man von Pontius zu Pilatus rennen. Auch wenn man nicht in jedem Augenblick einen Geldschein in der Hand halten muss, gegen ein System anzugehen, ist nahezu immer ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann nur scheitern und zwischen seinen Mühlsteinen zermahlen werden. 


Spannend.

4 Sterne 

Zurück auf Start von Petros Markaris
ISBN: 978-3-257-06925-9


Sonntag, 10. Januar 2016

Besser machen

Pip Tyler wohnt in einer Wohngemeinschaft, Miete muss sie nicht viel zahlen. Kann sie auch nicht, denn das Studiendarlehen lastet schwer auf ihren Finanzen. Ihr Arbeitsplatz ist auch kaum mehr als eine Praktikumsstelle. Wer ihr Vater ist, weiß Pip nicht, obwohl sie ihre Mutter regelmäßig um Aufklärung bittet. Doch ihre Mutter ist sehr verschlossen, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Dass Pip in einen verheirateten Mann verliebt ist, trägt nicht zum Wohlbefinden der jungen Frau bei, der Angebetete weist sie brüsk zurück. Als einzige Hoffnung alles zum Besseren zu wenden scheint es Pip, ihren Vater endlich kennenzulernen. Wenn sie die Information von ihrer Mutter nicht erhält, will sie versuchen auf eigene Faust hinter das Geheimnis zu kommen.

Wenn schon einige Bücher von Jonathan Franzen den Weg ins heimische Regal gefunden haben, kann man an eine Lektüre mit Enthusiasmus oder auch mit Vorbehalten herangehen. Die Bücher des Autors sind immer rund, seine Essays treffend und witzig, seine Romane manchmal ausschweifend, aber dennoch schlüssig. Bei der Entscheidung Buch oder Hörbuch mag man sich hier bewusst fürs Hörbuch entscheiden, denn der ungekürzten Lesung kann man hervorragend folgen, auch wenn man nebenbei noch etwas anderes zu tun hat. Auf ein Buch muss man sich wegen der  eloquenten, aber mitunter auch anstrengenden Schreibweise des Autors voll und ganz konzentrieren, was die Gefahr in sich birgt, den Roman irgendwann beiseite zu legen, weil die Entwicklung der Geschichte doch sehr langsam vorangeht. 


Getragen von den ausgebildeten Stimmen der Vorleser Sascha Rotermund und Walter Kreye gönnt man sich diese Lesung. Auch wenn schließlich alles an seinem Platz ist, vermag die Protagonistin Pip erst gegen Ende Sympathie zu wecken. Die weiteren Personen bleiben in ihrer Verschrobenheit unnatürlich und es fällt schwer, ihnen ihre Geschichten abzunehmen. Vielleicht ist es schließlich doch ein Glück, dass Pips Reinheit von ihrer Mutter geschützt und bewahrt wurde. Allen anderen scheint es nicht zu gelingen, sich der Vergangenheit zu stellen und an ihr zu wachsen. 

3,5 Sterne

Unschuld von Jonathan Franzen 
ISBN: 978-3-8445-1962-4


Samstag, 9. Januar 2016

Hochzeitsmarsch

Kluftis Sohn Markus heiratet seine Yumiko. Da sind natürlich viele Vorbereitungen vonnöten und Planungen durchzuführen. Schließlich sollen auch Yumikos Eltern aus Japan anreisen, da muss alles perfekt sein. Der Anruf Dr. Langhammers stört da doch schon gewaltig. Dennoch macht sich Klufti auf den Weg zum Hohen Schloss, dessen Besitzer einen eigenartigen Notruf abgesetzt hat, irgendwas mit seiner Frau und einen seltsamen Bild. Leider war Langhammers Meldung richtig, denn im Schloss findet Klufti den verstörten Baron Grimmbart vor und schließlich muss er auch den Tod von dessen Frau feststellen, die seltsam drapiert im Märchenzimmer ausgestellt ist.

Kluftinger murrt mal wieder und nebenbei ermittelt er auch. Da gibt es eine neue Chefin und wie es heißt „Neue Besen kehren gut“ so bringt sie zwar frischen Wind aber auch Unruhe in Kluftis Team. Die Umstände wollen es, dass die Mannschaft dabei nicht immer gut aussieht. Und so wird auch ein Schießtraining angesetzt, vor dem sich unser Klufti schon seit Jahren drückt. Nun, mit der Drückebergerrei ist es vorbei. Im Fall kommt man zunächst nur langsam voran. Intensiver sind da schon die Hochzeitsvorbereitungen und als die künftigen Verwandten aus Japan anreisen wird es wirklich lustig.


Klufti wie man ihn kennt brummelnd, grummelnd und doch herzensgut. Wie es ihn diesmal in Adelskreise verschlägt, die es eigentlich nicht mehr gibt und die in diesem speziellen Fall auch etwas abgehalftert sind, ist schon mal was anderes. Allerdings läuft der gute Kommissar erst zur Höchstform auf als Yumikos Eltern aus Japan angekommen sind. Seine Fähigkeiten, die Gedanken ins Englische zu übersetzen, sind schon genial und sorgen für so manchen Lacher. Auch die Vermittlung der bajuwarischen Kultur führt zu kultigen Klufti-Szenen. Der Fall allerdings dümpelt lange so vor sich hin und nimmt erst spät richtig Fahrt auf. Dennoch Klufti goes Japan, wäre witzig, wenn er die Reise tatsächlich mal antreten müsste, wo ihm doch eine Woche Schulung in der Fremde schon zu viel ist.

4 Sterne

Grimmbart von Klüpfel/Kobr
ISBN: 978-3-426-29938-1


Freitag, 8. Januar 2016

Mein Königreich

Die 19jährige Kelsea wurde von Zieheltern aufgezogen, fern von der Heimat war sie vor ihren Feinden verborgen. Ihre Pflegeeltern haben ihr gegeben, was sie nur konnten. Sie durfte lernen und lesen, durch die Wälder streifen, mit dem Messer umgehen. Doch nun fast erwachsen, muss sie sich ihrer Aufgabe stellen, ihrer Aufgabe als Königin von Tearling. Dazu wird sie von ihrer Leibgarde, die ihr auch in der Ferne die Treue gehalten hat, abgeholt. Schweren Herzens muss sie sich von ihren Pflegeeltern verabschieden und unter dem Schutz der Garde auf den Weg machen nach New London den Königssitz. Schon kurz nach dem Aufbruch kommen gefahrvolle Zeiten auf Kelsea zu. 
Bei Kelsea Raleigh handelt es sich um keine gewöhnliche Thronanwärterin, intelligent und gewitzt ist sie. Zwar fehlt es ihr an Erfahrung und auch ihre körperlichen Fähigkeiten bedürfen noch der Weiterbildung. Doch viele kleine Mängel macht sie durch schnelles Denken und auch schnelles Handeln wieder wett. In vielen gefährlichen Situationen steht ihre Leibgarde ihr mit Rat und Tat zur Seite. Doch nicht alles können die Getreuen von ihr fern halten. Sie selbst muss ihren Weg finden und auch die Anerkennung ihres Volkes kann sie nur selbst verdienen. Wäre da nur nicht ihr einfaches Erscheinungsbild, würde ihr nicht alles leichter zufallen, denkt sie. Doch muss es immer leicht sein. Schließlich wird man manches nicht wegen etwas, sondern trotz.
Ein mitreißender Beginn einer Trilogie, deren Ende zwangsläufig einige Fragen offen lassen muss. Dennoch werden sympathische handelnde Personen vorgestellt, von denen es sich sicher lohnt mehr zu erfahren. Kelseas Einzug in ihr Amt, ihre anfänglichen Schwierigkeiten, die Gefahren, die zu überstehen sind, die Geheimnisse um die Vergangenheit bilden eine packende Mischung, die einem jede Seite mit Spannung weiterlesen lässt. Vielleicht bleiben etwas zu viele Fragen offen, vielleicht werden die Äußerlichkeiten zu wichtig genommen, vielleicht gibt es etwas viel Gewalt und etwas wenig Gefühl. Dennoch ist es eine Freude diese neue Autorin kennenzulernen und der Fortsetzung kann man mit Spannung entgegen blicken. Wenn auch dieser Beginn ein paar Ecken und Kanten aufweist, ist er doch sehr gelungen und die Nachfolgebände werden sich daran messen müssen.
4 Sterne
The Queen of the Tearling von Erika Johansen
ISBN: 978-0-857-50247-6

Hier das Cover der deutschsprachigen Ausgabe:

Donnerstag, 7. Januar 2016

Der Ruf

Kelsea, die Königin von Tearling, hat sich in ihre Rolle eingelebt. Die Saphire gehören ihr, sie will ihr Reich mit Güte und Gerechtigkeit regieren. Doch sie strebt auch nach Veränderung, ihres Wesens, ihres Körpers. Sie spürt die Kräfte der Saphire in sich. Diese Machen sie grundsätzlich stärker, doch bewirken sie nicht nur Gutes. Außerdem droht ihrem Reich große Gefahr, die rote Königin hat ihre Armee an die Grenzen von Tearling gesandt. Und die fremde Armee ist ungleich stärker als die Kelseas. Was kann eine Rettung für die Kelseas Königreich bringen, gibt es eine Rettung. Kann es in der Vergangenheit einen Hinweis geben?

Möglicherweise erinnert man sich, dass man bei der Lektüre des ersten Bandes dieser Trilogie gerätselt hat, ob die Handlung in der Zukunft angesiedelt ist oder in der Vergangenheit. Man fragt sich, wo technische Errungenschaften geblieben sind, deren Namen durchaus bekannt scheinen. Auf diese Frage findet man hier eine äußerst zufrieden stellende Antwort. Und doch bleiben genug Fragen offen, um auch den dritten Band mit Spannung zu erwarten. 

In diesem Band erlebt man Kelseas Streben nach einer gerechten Herrschaft, eine Herrschaft, die jedoch auch nicht ohne Gewalt auskommt. Schwer ist es manchmal, zu unterscheiden, wer Gutes oder Böses will. Es werden Ränke geschmiedet, deren Auswirkungen ungewiss sind. Doch ebenso wie beim ersten Band vermisst man das Gefühl bei der jungen Königin. Zu viel scheint sie zu planen, zu Kopfgesteuert scheint sie zu sein. Man wünschte ihr bei ihrer schweren Aufgabe, ihre Herrschaft zu sichern, eine emotionale Unterstützung. 

Das spezielle Spannungsmoment dieses Romans, das zu begeistern vermag, kann jedoch nicht in aller Ausführlichkeit beschrieben werden, um anderen Lesern die Entdeckung des Buches zu erhalten. Dadurch wird allerdings das Schreiben einer Besprechung schwierig, zumindest wenn man versuchen möchte, sich in Zurückhaltung zu üben. Doch so wie einige Fragen aus Band eins geklärt werden, bleiben genug Fragen, um auf Band drei neugierig zu sein.


4 Sterne

The Invasion of the Tearling von Erika Johansen
ISBN: 978-0-0624-1081-8


Mittwoch, 6. Januar 2016

Was wäre wenn

In Sarajewo hat das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand nicht stattgefunden, denn der zukünftige Monarch war schlau genug nach einem ersten gescheiterten Versuch, sich nicht noch einmal der Gefahr auszusetzen. Damit wurde nicht nur der erste sondern auch der zweite Weltkrieg verhindert und die Weltordnung wurde wie vor dem ersten Weltkrieg erhalten, dass heißt Europa wird hauptsächlich von Königen regiert. Im Wien der k. u. k. Monarchie lebt es sich gemütlich. Es ist eine Hochburg der Psychoanalyse. In den Salons finden elitäre Veranstaltungen statt und eben bei einer solchen Veranstaltung trifft der schüchterne Alexej von Repin auf die Gastgeberin Barbara Gottlieb.

Was wäre wenn das Attentat von Sarajewo nicht stattgefunden hätte, welche eine Idee. Mit Wiener Kaffeehaus Atmosphäre erzählt der Autor von einer Welt, die der heutigen schon ähnlich ist, die sich aber doch ganz anders entwickelt hat. Auf Fernseher wollte der Autor in seiner Utopie nicht verzichten, die Entwicklung der mobilen Telefone und einiger anderer Modernitäten steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Die Menschen sind satt, in Europa gab es bis auf kleine Scharmützel seit hundert Jahren keinen Krieg mehr, die Kolonien wurden verteilt und die Menschen dort verhalten sich brav. Einzig Amerika steht für sich, allerdings mehr wie im wilden Westen als als Weltbeherrscher. So brav und bieder das Leben der Menschen verläuft, haben sie doch ihre Wünsche und Sehnsüchte. Da hinein platzt die Nachricht von einem Kometen, der die Erde zu zerstören droht.

Eine witzige Idee, zu der es ein Drehbuch geben müsste. Gut kann man sich die Filmbilder vorstellen, die bei einer filmischen Umsetzung über den Bildschirm flimmern würden. In Worten dargestellt gerät die Handlung, obwohl sie weniger als 300 Seiten umfasst, manchmal etwas sehr in die Beschreibung der Umstände und der Geschichte, die so oder so ähnlich stattgefunden hat oder eben nicht. Trotzdem bangt und hofft man mit den Menschen der Katastrophe entgegen.


3 Sterne

Der Komet von Hannes Stein
ISBN: 978-3-86971-067-9

Dienstag, 5. Januar 2016

Scout heißt jetzt Jean Louise

Wie in jedem Sommer seit sie in New York lebt fährt Jean Louise zurück nach Maycomb, um ihren Vater und den Rest der Familie zu besuchen. Ihr geliebter Bruder Jem ist leider viel zu früh verstorben und ihr Jugendfreund Dill ist in Europa. Und so ist einiges anders in der Heimat, doch die 26-jährige freut sich auf den Besuch. Besonders auf ihren Vater, der in ihren Augen nichts falsch machen kann. Zwar nervt Tante Alexandra ein wenig, weil sie Jean Louise in das enge Kleinstadtleben einbinden will. Aber es ist Sommer, bis zu dem Tag als Jean Louise mitbekommt, dass ihr Vater im Bürgerrat ist.

Die Südstaaten Amerikas mit ihrer speziellen Apartheitsproblematik werden hier von der durch „Wer die Nachtigall stört“ weltbekannten Schriftstellerin Harper Lee thematisiert. Nach Presseverlautbarungen wurde das vorliegende Buch bereits vor ihrem Mega-Seller geschrieben, von den Verlagen allerdings zurückgewiesen. Nun sind wir alle an die irgendwie heile Kinderwelt Scouts gewöhnt und gerade von dieser Kinderwelt muss man sich im Laufe der Lektüre dieses neuen älteren Romans verabschieden. Jean Louise steht mit beiden Beinen im Leben, sie hat eine Arbeitsstelle in New York, sie ist die freiheitliche Gleichheit der Stadt gewöhnt und auch deren Gleichgültigkeit vermeintlichen Unterschieden gegenüber. Und so wirkt die jährliche Rückkehr nach Maycomb wie ein Rückschritt. Dennoch genießt ihr Vater in den Augen der Tochter höchstes Ansehen, einen Vorbildstatus, dem ein Mensch nur schwer gerecht werden kann. Das Entsetzen über das Verhalten des geliebten Vaters spürt man beim Lesen fast am eigenen Leib. Der Sockel wankt, es ist wie ein jähes Erwachen. Scout muss erwachsen werden und sich eingestehen, dass das Denken des Vaters nicht immer der Weisheit letzter Schluss ist. Eine Ablösung, die auch ein Aufbruch sein kann. 


Auch wenn dem Buch der süße Schmelz aus Scouts Kindertagen meist fehlt und nur hin und wieder in Erinnerungen aufblitzt, ist dieser Roman doch außerordentlich gelungen im Hinblick einer Ablösung der Tochter von ihrem Übervater und im Erklärungsversuch der Verlustangst der Südstaatler, welche sie so gegen logische Neuerungen eingestellt erscheinen lässt. Jean Louises Plädoyer für die Gleichheit ohne Gleichmacherei überzeugt. Sie emanzipiert sich von der althergebrachten Denkweise, letztlich ohne ihren Vater zu verlieren. Vielleicht hat sie ihn sogar gewonnen. Man könnte sich wünschen, es wäre möglich zu erfahren, was sie aus ihrem Aufbruch gemacht hat.

4,5 Sterne

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
ISBN: 978-3-421-04719-9





Montag, 4. Januar 2016

Magie des Todes

Mit Mühe hat sich Kommissar Kern von den Strapazen seines letzten Falles erholt und sein Familienleben in den Griff bekommen. Auf eine Mordermittlung ist er bestimmt nicht scharf und schon gar nicht darauf, dass ein Serienmörder seine Tätigkeit nach Berlin verlegt. Doch genauso kommt es, ein Killer, der schon seit Jahren sein Unwesen treibt, hat nun in der Hauptstadt zugeschlagen. Eine grausam zugerichtete Leiche wird am Havelufer aufgefunden. Das Muster passt zu den anderen Opfern des Schläfenmörders. Die Kollegin Eva Fuchs aus München wird zu dem Fall hinzu gezogen, sie ist schon seit Beginn mit der Mordserie befasst.

Der Mörder hat sein Thema, dies macht der Autor ziemlich schnell klar, ebenso wie er nicht damit hinter dem Berg hält, wer der Mörder ist. Wie bei einem Thriller üblich lebt der Roman aus dem Spannungsbogen zwischen den Ermittlungen der Polizei und den Handlungen des Täters, der versucht immer einen Schritt voraus zu sein. Zusätzlich greift hier noch eine dritte Partei in die Handlung ein, man könnte sagen, als Vermittler, der die beiden losen Enden verbinden kann. Dabei handelt es sich um Tassilo Michaelis, den Kern zwar überführen konnte, der dann aber vor Gericht frei gesprochen werden musste. Diese Konstellation verleiht dem Roman eine besondere Spannung.


Gefesselt hängt der Leser an den Buchstaben, erfährt vom Leben des Killers, das von Schwermut geprägt ist. Als Kind gehänselt, mit einer dementen Großmutter geplagt, hat er es spät geschafft, sich zu befreien, allerdings einen so großen psychischen Schaden davon getragen, dass er sich nicht anders auszudrücken vermag als über besonders grausame Morde. Doch hätte er nicht auch eine Wahl gehabt? So wie er behauptet, seinen Opfern immer die Wahl gelassen zu haben. Im Milieu von Zauberern und Magiern, Varietékünstlern und Akrobaten angesiedelt bietet dieser Thriller packende Unterhaltung, bei der man sich einige Szenen allerdings nicht bildhaft vorstellen möchte.

4 Sterne

Der Todeszauberer von Vincent Kliesch
ISBN: 978-3-442-37493-9





Sonntag, 3. Januar 2016

Dömne


Der Autor Can Evinman bleibt lieber im Hintergrund, deshalb betätigt er sich als Ghostwriter für bekannte Persönlichkeiten. So hat er schon einige Bestseller produziert und steht dennoch nicht in der Öffentlichkeit. Dennoch ist es für ihn ein besonderes Angebot - die Biografie der bekannten Schauspielerin Anna Roth. Schon beim ersten Treffen sind sich die beiden sympathisch. Das zweite Treffen allerdings wird abgesagt und Can wird von einer Mitarbeiterin Roths zu einem Termin mit deren Großvater gelockt, der seine Lebensgeschichte aufzeichnen möchte, nicht für das große Publikum, nur für die Familie. Der Berichterstatter ist ein betagter Greis, der gerade seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hat. Seine Erzählung ist haarsträubend.

Schnell stellt sich heraus, dass Evinman unter falschen Voraussetzungen nach Hamburg gelockt wurde und gemeinsam mit Anna Roth beginnt er, ihre und seine Familiengeschichte zu rekonstruieren. 

In diese Rahmenhandlung gekleidet widmet sich Orkun Ertener, der auch als Drehbuchautor für verschiedene TV-Krimiserien tätig ist, der Geschichte der Dönme. Dabei handelt es sich um Angehörige einer jüdischen Sekte, die vor langer Zeit zum Islam konvertiert sind. Ein großer Teil ihrer Nachkommen lebte lange selbstbestimmt und anerkannt in Saloniki. Erst ein Austausch der Bevölkerung Griechenlands mit der der Türkei führte zu Enteignungen. Diese Volksgruppe der Konvertiten wurde hin und her geschoben wie es gerade passte. Und je nach politischer Lage waren sie entweder eher Juden oder eher Moslems, je nach dem was den Herrschenden besser in den Kram passte und wie sie die Dönme ausbeuten konnten. Das führte schließlich dazu, dass die Angehörigen dieser religiösen Splittergruppe ihren Nachkommen nichts mehr von ihrer Herkunft erzählten und ihre Geschichte und sich selbst zu ihrem eigenen Schutz selbst ausrotteten, um zu überleben.


Sehr interessant und spannend ist es von einer in der heutigen Zeit unbekannten Bevölkerungsgruppe, deren Herkunft und Kultur zu lesen. Wenn man auch aus heutiger Sicht nicht alle Beweggründe versteht, die zur Bildung der Gruppe führten, und man sich auch nicht wirklich in sie hineinfühlen kann, so ist ihr Weg ins Nichts doch mitreißend geschildert. Die Rahmenhandlung ist dabei wie ein rasanter und packender Thriller, in dem bestimmte Personen vor keiner Untat zurückschrecken. Eine Entdeckung des Ichs, ein Ich, das selbst zu ungeahnten Aktionen fähig ist.

4,5 Sterne

Lebt von Orkun Ertener
ISBN: 978-3-651-01367-4


Freitag, 1. Januar 2016

Ich bin dein Vater

Frauen werden von der Straße entführt und tauchen wieder auf mit seltsamen Worten in die Haut geritzt. Kurze Zeit später sind sie tot. Man könnte an Unfälle glauben, gäbe es die Worte nicht. Und so wird Kommissar Nils Trojan auf den Plan gerufen. Ihn überläuft es kalt, denn einzelne Buchstaben scheinen stärker nachgezogen zu sein und aus diesen lässt sich ein Wort bilden, ein Name. Soll Trojan einen Alleingang unternehmen in diesem persönlichen Fall oder ist es doch besser im Team zu arbeiten, ist er in Gefahr oder seine Tochter oder seine Freundin? Gleichzeitig reist eine junge Frau von Kanada heim nach Berlin, wo ihre Großmutter einen schweren Schlaganfall erlitten hat.

Wenn ein Polizist so persönlich betroffen ist, kann er dann überhaupt weiter arbeiten. Müssten er und seine Familie nicht sicher untergebracht werden. Wahrscheinlich fällt es schwer, in solch einer Situation die Kontrolle abzugeben. Man denkt, seine Familie kann man selbst am besten schützen. Man vertraut niemandem. Doch ist das wirklich so? Sollte man nicht wenigstens dem Chef rückhaltlos vertrauen? Er muss sich auf einen verlassen können, genauso wie er einen nur dann richtig schützen kann, wenn er alle Einzelheiten kennt. Doch gegen so eine Nemesis wie hier beschrieben kann es vermutlich keinen Schutz geben.


Es ist auch eine Geschichte vom Apfel und dem Stamm, wie weit fällt er? Kann man sich wirklich von dem lösen, was einem die Eltern vorgelebt oder vererbt haben? Eine Antwort gibt das Buch nicht und gerade deshalb zieht es einen in seinen Bann. Man ist hin und her gerissen im Glauben an das Gute und der Furcht vor dem Bösen. Was wird siegen? Welche Verluste wird es geben? Eine Geschichte, die schwer zu ertragen ist und die möglicherweise noch noch nicht beendet ist. Eine Drohung scheint im Raum zu stehen, von der fraglich ist, ob sie jemals beseitigt werden kann.

4 Sterne

Das Dornenkind von Max Bentow
ISBN: 978-3-641-15802-6