Sonntag, 28. Februar 2016

Eine Italienerin auf Sylt

Wieder einmal besucht Mama Carlotta ihre Sylter Familie. Sie freut sich auf Schwiegersohn und Enkel und ihre verstorbene Tochter Lucia bleibt unvergessen. Mama Carlottas Schwiegersohn Erik ist Polizist, aber auch er hat mal frei. Allerdings nehmen die Verbrechen darauf keine Rücksicht und so stolpert er im Laufe eines Strandspaziergangs förmlich über einen neuen Fall. Ein Inselwirt liegt schwer verletzt in den Dünen. Erik Wolf und seine Kollegen nehmen die Ermittlungen auf und Mama Carlottas Neugier ist geweckt. Sollten die Gerüchte, die italienische Mafia versuche auf Sylt Fuß zu fassen, etwa stimmen.

Nach einer kleinen Gewöhnungsphase gewinnt dieses Hörbuch immer mehr an Reiz. Italienische Quirligkeit und nordischer Inselcharme bilden eine ausgewogene Kombination, die die Mundwinkel hebt. Mama Carlotta ermittelt dort wo die Polizei nicht hinkommt. Als könne sie kein Wässerchen trüben mischt sie mit italienischem Akzent überall mit und keiner merkt so richtig, dass er ausgefragt wird. Der Inselchor, in dem auch ihre Enkelin Carolin singt, ist ihr allerdings ein echtes Anliegen. Erik kann nicht glauben, dass das Verbrechen aus Italien seinen Weg auf seine beschauliche Insel gefunden haben soll. Aus welchem anderen Grund sollte die Inselgastronomie so aufgemischt werden.

Mit ruhiger und klarer Stimme trägt Christiane Blumhoff dieses Hörbuch vor. Angenehm ist es, ihrer Stimme zu lauschen, mit der sie den handelnden Personen Worte und auch Persönlichkeit leiht. Gerade Mama Carlotta ist besonders gut getroffen, man glaubt sich gerade kurz davor, sie tatsächlich sehen zu können. Gut gelungen ist auch das langsame und zielstrebige Vorgehen der Polizei, die zunächst Mühe hat, den richtigen Ansatz zu finden, um schließlich doch natürlich auch durch Mama Carlottas sanfte Lenkung dem wahren Täter auf die Spur zu kommen. Ein wenig störend wirkt die Sache mit dem Florian Silbereisen, die sich durch das ganze Buch zieht, was natürlich Geschmackssache ist. 


Ein kurzweiliger Sylt-Krimi, der vielleicht nicht unbedingt tiefe Spuren hinterlässt, aber dennoch gute Unterhaltung bietet.

3 Sterne 

Tod im Dünengras von Gisa Pauly
ISBN: 978-3-8680-4767-7


Samstag, 27. Februar 2016

Der Fall, der bleibt

Sieben Jahre ist es her, dass drei Jungen entführt wurden. Alles hat die Polizei versucht, um die Kinder zu finden. Nie wurde eine echte heiße Spur gefunden. Nun aber tauchen zwei Leichen auf. Können die Entführten wirklich eine so lange Gefangenschaft erduldet haben. Und was ist mit dem Dritten. Colonel Vaughn de Vries, der damals schon ermittelte, geht mit großer Sorge aber auch extremen Eifer an die Sache heran. Besteht noch die winzigste Chance, den dritten Jungen zu finden, will er sie nutzen. Immer wieder sinnt er über die alte Untersuchung nach, könnte etwas schief gelaufen sein, haben sie einen Hinweis nicht beachtet oder etwas falsch gedeutet. 

Was kann in sieben Jahren nur mit den Kindern geschehen sein. Dieser Fall hat auch die Ermittler gezeichnet, Vaughn de Vries haben die Gedanken an die Jungen nie losgelassen. Das Verschwinden der Kinder ist für ihn wie ein persönliches Versagen. Und nun will er alles tun, um vielleicht etwas wieder gut zu machen. Doch die Ermittlungen kommen nur langsam voran, nur ein winziges Detail scheint weiterzuführen. Allerdings gewinnt de Vries langsam den Eindruck, als sollten seine Nachforschungen behindert werden. Wer kann ein Interesse daran haben, den Fall unaufgeklärt zu lassen. Ein Gedanke, der de Vries noch mehr anspornt.


Ein eigener Ermittler, dieser Vaughn de Vries, hartnäckig, eigenbrötlerisch und mit besten Kontakten. Versoffen, geschieden, beherrscht von seiner Arbeit. Bei seiner Besessenheit hat in seinem Leben kaum Privates platz. Der Fall hat es wirklich in sich, gerade wenn man meint, es gehe nichts voran, nimmt die Ermittlung eine spektakuläre Wendung, die der Sache eine völlig andere Bedeutung gibt. Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen in Südafrika, die fast abgeschlossen scheinen und nun die ehemals herrschende Klasse unter ein Glaskuppel stellen, gibt der Autor einen wohl realistischen Blick auf den Polizeialltag frei. Einige Szenen wirken aus hiesiger Sicht vielleicht ein wenig befremdlich, doch voller Neugier liest man immer weiter. 

4 Sterne

The first Rule of Survival von Paul Mendelson
ISBN: 978-1-4721-1136-4

Freitag, 26. Februar 2016

Tomorrow is another day

Die 34jährige Brett Bohlinger ist untröstlich, ihre geliebte Mutter ist an Krebs gestorben. Bis zum Schluss hat Brett gehofft, es könnte eine Heilung geben. Doch alles Hoffen war vergebens. Brett muss stark sein, sie muss nun die Geschäfte ihrer Mutter weiterführen. Die Testamentseröffnung bringt allerdings eine Überraschung. Brett erbt nicht. Ihre Mutter hat lange Jahre die Liste mit ihren Lebenszielen sorgsam gehütet und nun nach ihrem Tod stellt sie ihrer Tochter die Aufgabe, die Ziele auf dieser Liste zu erreichen. Zunächst wehrt sich Brett gegen den letzten Willen ihrer Mutter. Aber nach und nach öffnet sie sich der Aufgabe und verändert ihr Leben.

Etwas unreif und fremdbestimmt scheint Brett zu sein, abhängig von den Meinungen anderer, bestrebt, es allen recht zu machen. Dabei hat sie sich selbst aus den Augen verloren. Ihre Mutter hat dies mit Sorge betrachtet und sich gewünscht, sie könne ihrer Tochter auf die Sprünge helfen. So wie sie sich in ihre Tochter hineinversetzen kann, kann sie anhand der Liste und mit Briefen, die fast wie Zwiegespräche wirken, eine große Hilfe für Brett sein. Nach und nach überwindet Brett die Trauer und nimmt ihr Leben wieder selbst in die Hand.

Welches Gefühl hinterlässt dieser Roman? Anheimelnd möchte man sagen, eine sympathische Hauptfigur für ihr Alter etwas unreif vielleicht, aber freundlich und intelligent, eine ausgeklügelte Geschichte, in der eine Mutter viel Liebe hinterlässt, in der eine Tochter auf dem Weg der Überwindung des Schmerzes, zwar weiteren Schmerz erfährt, aber gleichzeitig reift und auch viel Liebe gibt und empfängt. Schön und berührend beschreibt die Autorin die Ereignisse. Zwar vermag sie keine Begeisterung auszulösen, weil manche Wendungen doch ein wenig konstruiert wirken und man nicht an diese Form der Vorhersehung glauben mag. Trotzdem berührt Bretts Geschichte und man möchte diese Leseerfahrung nicht mehr missen.


3,5 Sterne

Morgen kommt ein neuer Himmel von Lori Nelson-Spielman
ISBN: 978-3-8105-1330-4


Donnerstag, 25. Februar 2016

Weissagung

Was tut man nicht alles, um seine Gäste zu unterhalten. Lady Windermere hat geladen und ein Handleser soll die Attraktion sein. Sehr unscheinbar wirkt der gute Mr. Podgers und seine freundlichen kleinen Charakterstudien amüsieren die Gäste zu Lady Windermeres Zufriedenheit. Nur Lord Arthur Saviles Hände scheinen von einem schrecklichen Schicksal zu erzählen. In seinen Linien steht ein Mord geschrieben.

Als Auszug einer Sammlung von Kurzgeschichten Oscar Wildes veröffentlicht bietet diese kleine Erzählung ein Stündchen bester Unterhaltung. Auf witzige Art wird dargestellt wie sich eine Vorhersage in der Überzeugung dessen, für den sie bestimmt war, verselbstständigen kann. Ein paar Sätze, die die Gedanken übernehmen, Planungen in Gang setzen, praktisch das Leben desjenigen und seine Handlungen bestimmen. Mit großer Phantasie macht sich Lord Arthur ans Werk, die Prophezeiung zu erfüllen.

Witzig und auf den Punkt gebracht. So zeigt sich das große Können Oscar Wildes. Schon nach wenigen Sätzen findet man sich in der Originalsprache dieses klassischen Autors zurecht. Zeitlos und schnörkellos klar formuliert Wilde seine Gedanken und so schafft er es mit seiner aberwitzigen Geschichte den Leser zu amüsieren. 


Beware of the Cheiromancist.

4,5 Sterne

Lord Arthur Savile's Crime von Oscar Wilde
ISBN: 978-0-14-139778-8


Dienstag, 23. Februar 2016

Noch eine kleine Eisfee


Es weihnachtet auf Buckshaw, doch leider ist die weihnachtliche Besinnlichkeit nicht ungetrübt. Wegen der ewigen finanziellen Probleme sieht sich Colonel de Luce gezwungen, der Bitte einer Filmcrew nachzugeben - gegen Geld versteht sich - auf Buckshaw filmen zu dürfen. Außer dem Colonel und Dogger sind alle ziemlich angetan von diesem Trubel, schließlich kommen zwei sehr bekannte Schauspieler in das Herrenhaus. Flavia hat jedoch eigentlich etwas ganz anderes im Sinn. Sie will den Weihnachtsmann stellen, um ihren blöden Schwestern zu beweisen, dass es ihn wirklich gibt.


Auch dieses Buch um Flavia ist sehr gelungen. Fast so als könnte man beim Lesen dieser Reihe nichts falsch machen. Zwar geht es etwas langsam los und man fragt sich, ob 11jährige tatsächlich noch an den Weihnachtsmann glauben (in den 50ern vielleicht), aber schnell entwickelt die Story ihren speziellen Flavia-Charme und alles ist gut. Etwas weniger gut ist es natürlich für die, die im Verlauf der Handlung zu Schaden kommen. Da hat der Autor mit viel Phantasie ein kleines Schauspieler-Drama erdacht, das mit großer Glaubwürdigkeit daher kommt. Doch auch Flavia kommt nicht zu kurz. Fast scheint es so, als stünde sie an der Schwelle einer Reife, die dem langsamen älter werden entspricht, was mir sehr gut gefallen hat. Und auch Buckshaw erhält eine neue Chance. Und den Weihnachtsmann gibt es vielleicht doch.....

5 Sterne

I Am Halfsick of Shadows von Alan Bradley
ISBN: 978-0-385-34401-2



und hier geht zur Leseprobe der deutschsprachigen Ausgabe






Montag, 22. Februar 2016

Schreibübungen

Bereits als Teenager unterhielt Jane Austen ihre Familie mit kleinen pointierten Geschichten. Hier ist eine kleine Sammlung dieser frühen Werke der Autorin zusammengestellt. In kurzen oder längeren Kapiteln, in Briefen oder kurzen Erzählungen bringt die junge Jane ihre Stories auf den Punkt. Manchmal ungewöhnlich direkt, dann wieder verschlungen und durch die Blume, lenkt sie die Gedanken der Leser oder auch Zuhörer. Gut könnte man sich vorstellen, dass die diese Kleinode in vertrautem Kreise mit klarer Stimme zum Besten gegeben hat. Sicher hat sie so manches Schmunzeln hervor gelockt, einen Seufzer oder auch einen leichten Grimm. Sogar in diesen frühen Schreibübungen vermag man den später so ausgefeilten Witz zu erkennen, den Schmelz einer zarten Liebe, das Ränkeschmieden, die überraschenden Wendungen, die zu Glück oder Unglück führen können. 

Schön, dass auch diese Anfänge einer später als Große erkannten Autorin erhalten sind und man sich an ihnen erfreuen kann. 

4 Sterne

The Beautiful Cassandra von Jane Austen
ISBN: 978-0-14-139707-8


Samstag, 20. Februar 2016

Schuld

Kurz vor Weihnachten ist der Urlaub von Pia Kirchhof und Christoph Sander geplant. Drei Wochen Sonne, was will man mehr. Doch viele Kollegen sind krank oder ebenfalls in Urlaub. Deshalb kann und will Pia nicht nein sagen als sie zu einem Tatort gerufen wird. Eine Spaziergängerin ist scheinbar willkürlich einem Mord zum Opfer gefallen. Niemand kann sich vorstellen, dass sie absichtlich ausgewählt wurde. Eine unbescholtene Frau, die bei allen beliebt war. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, dass nur kurz danach ein ähnlich sinnloses Verbrechen geschieht. Sollten Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhof es mit einem Serientäter zu tun bekommen? Schweren Herzens entschließt sich Pia, den Urlaub nicht anzutreten.

So wie die Ermittlungen zunächst auf der Stelle treten, kann man beim Lesen nachempfinden, wie frustrierend das sein muss. Kleinste Hinweise zusammen zu tragen, die erstmal zu nichts führen. Das nahende Weihnachtsfest, eine Zeit, während der man wahrlich lieber mit etwas anderem beschäftigt wäre als eine Mördersuche. Ein eilig herbeigerufener Fallanalytiker, der angesichts der dünnen Personaldecke dankbar empfangen wird, bringt Unruhe und mit seiner selbstgefälligen Art zieht er sich den Unmut seiner Kollegen zu. Nichts geht voran, kein Durchbruch wird erzielt. Wie ein Ruck geht es allerdings durch die Mannschaft nachdem Schriftstücke, die als Todesanzeige aufgemacht sind, auftauchen. Diese öffnen dem Fall eine ganz neue Dimension.

Welches Bild sich hier nach und nach ergibt, scheint kaum vorstellbar. Menschen, die mit ihrer Schuld hadern, nahezu an ihr zerbrechen, lösen eine Entwicklung aus, wodurch ungeahnte Dinge ans Licht der Öffentlichkeit dringen könnten. Sehr subtil werden Fährten ausgelegt. Steinchen für Steinchen werden die Einzelheiten zusammengefügt. Auch wenn Presseberichte nahelegen, dass der Hintergrund des Falles nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, mag man es doch kaum glauben. Eine Institution, der man vertrauen können sollte, beschäftigt Menschen, denen man nicht vertrauen kann. Doch was, wenn es um Leben und Tod geht. Immer brisanter wird die Handlung, immer näher kommt die Polizei dem Täter. Immer mehr hält man den Atem an. Förmlich abgetaucht in die Welt der Ermittler, fühlt man die Fallbearbeitung bis zur letzten Sekunde mit. 


Ein Bestseller, zurecht!

4,5 Sterne

Die Lebenden und die Toten von Nele Neuhaus
ISBN: 978-3-548-28776-8


Freitag, 19. Februar 2016

Buchseiten

An der Universität von Reykjavik wird ein Student tot aufgefunden. Es handelt sich um den Deutschen Harald Guntlieb. Ein Täter wird schnell verhaftet. Doch Haralds Eltern wollen sich mit dieser Lösung nicht zufrieden geben. Sie wollen wissen, was wirklich zum Tod ihres Sohnes geführt hat. Sie engagieren die Anwältin Thóra Gudmundsdottir. Diese allein erziehend mit zwei Kindern, etwas chaotisch, aber dennoch voller Wissensdurst. Ihr zur Seite steht Matthias Reich, der von der Familie Guntlieb nach Island geschickt wird. Die beiden versuchen unvoreingenommen an den Fall heranzugehen. Haralds besondere Vorlieben, was seine Aufmachung und auch seinen Studienschwerpunkt anbetrifft, macht die Ermittlungen zu einen Ausflug in eine andere Welt.

Es geht in die Vergangenheit, die Zeit der Hexenjagden in Europa. Dafür hat sich der Student Harald am meisten interessiert. Er hat sich auf Spurensuche begeben, einen Vergleich zwischen Island und Deutschland wollte er ziehen. Thóra und Matthias folgen seinen Spuren, was hat er gesucht, hat er etwas gefunden. Doch wieso sollten seine Studien etwas mit seinem Tod zu tun haben. Kann nicht eher seine Clique von eigenartigen Freunden ihm den Tod gebracht haben. 


In diesem ersten Fall um die Anwältin Thóra Gudmundsdottir führt die Autorin ihre Leser durch die Landschaften und Städte Islands. Sie beschreibt die Lebensumstände Thóras, ihr witziges Büroumfeld, ihre Kinder und auch ihre Fähigkeit, sich in einen Fall hineinzuknien. Zwar sehr gut recherchiert sind die geschichtlichen Fakten, aber doch ein wenig ausschweifend. Das mag vielleicht eher für die Leser gelten, die dem Thema der Hexenverfolgungen nicht ganz so viel abgewinnen können, dennoch hätte hier eine kleine Straffung nicht geschadet. Die Neugier auf die Entdeckung der Zusammenhänge geht jedoch nie verloren und so liest man diesen Krimi mit immer größer werdender Spannung. Witz gepaart mit einen packenden Fall und sympathischen Protagonisten bieten beste Unterhaltung.

4 Sterne

Last Rituals von Yrsa Sigurdardottir
ISBN: 978-0-340-93063-3





Donnerstag, 18. Februar 2016

Dan Carter

Private ist eine weltweit operierende Organisation von Privatdetektiven, ihr stehen teilweise bessere Möglichkeiten zur Ermittlung zur Verfügung als der Polizei. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt hilft man sich gegenseitig. Dan Carter ist Chef der England-Abteilung, unter anderem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die junge Studentin Hannah zu beschützen. Sie hat während ihrer Kindheit ein traumatisierendes Erlebnis gehabt, das sie bis heute nicht überwunden hat. Und ausgerechnet diese junge Frau, die schon vom Schicksal gebeutelt ist, wird in einer brutalen Aktion entführt. Dabei wird Carters Patentochter Chloe schwer verletzt. Carter setzt alle Hebel in Bewegung, um die Vorgänge aufzuklären. Gleichzeitig wird eine verstümmelte Leiche aufgefunden.

Eine weitere Reihe, die der vielschreibende Autor gemeinsam mit seinem Co-Autor Mark Pearson vorstellt. Spannend jagt der Autor mit seinen Lesern durch die Handlung. Wie gewohnt, in kurzen Kapiteln mit schnellen Szenen- und Ortswechseln, gelingt es dem Autor zu fesseln. Immer neue Haken schlägt die Handlung, nie weiß man, welche Richtung sie im weiteren Verlauf nehmen wird. Doch auch einem Wechselbad der Gefühle wird man ausgesetzt, ein wenig kommt es einem so vor als solle die Reihe mit einem besonders spektakulären Fall vorgestellt werden. Allerdings bei den vielen Überraschungen, die dem Leser bereitet werden, vermag man irgendwann nicht mehr richtig zu folgen. Manche Gedankengänge und Schlussfolgerungen der Ermittler führen etwas plötzlich zu Erfolgen, die sich nicht richtig erschließen. Auf der Jagd von einem Ort zum nächsten von jeder Wendung zu einer neuen, bleibt man als Leser etwas auf der Strecke. 


Als großer Freund des „Women’s Murder Club“ könnte man hier eine kleine Enttäuschung empfinden. Doch möglicherweise gewinnt diese Serie im weiteren Verlauf. Einige Sympathie weckende Ansätze sind jedenfalls vorhanden.

3 Sterne

Falsche Schuld von James Patterson und Mark Pearson
ISBN: 978-3-442-48116-3




Dienstag, 16. Februar 2016

Posthumus

Wird in Amsterdam ein Toter gefunden, der nicht identifiziert ist oder von dem keine Angehörigen gefunden werden, tritt eine Behörde auf den Plan, die dafür sorgt, dass diese Toten ein würdiges Begräbnis bekommen. Am intensivsten engagiert sich Pieter Posthumus für diese Toten, er versucht doch noch Angehörige ausfindig zu machen oder Spuren nachzugehen, die vielleicht Licht in das Schicksal der Toten zu bringen. Eines Tages wird ein junger Mann ertrunken aus einer Gracht geborgen. Alles sieht nach einem Unfall aus, weshalb die Polizei alles Weitere an die Behörde übergibt, für die Pieter arbeitet. Mit Geschick gelingt es ihm, die Identität des Toten herauszufinden und bald merkt er, dass es bei diesem Todesfall nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Wie schön die Vorstellung, dass auch Toten, die keiner kennt, noch eine Art letzte Ehre entgegen gebracht wird, dass sich noch ein letztes Mal jemand um sie kümmert. Vielleicht mehr als sie es zu Lebzeiten erfahren haben. Pieter Posthumus gibt sich hierbei besonders viel Mühe. Vielleicht sogar, weil er sich selbst schuldig fühlt am Tod eines lieben Menschen. Mit viel Spürsinn macht er sich an die Lösung der Rätsel, die ihm die Toten aufgeben. Dabei steigt er oftmals tiefer ein als es seiner Vorgesetzten recht ist. Häufig nämlich deckt der schmale Nachlass der Verstorbenen die Kosten nicht. Doch Pieter lässt sich nicht beirren, solange er meint, dass er noch etwas ausrichten kann, gräbt er weiter.


Ein Hörbuch, das sehr gut vorgetragen wird von Johannes Steck. Zwar nimmt die Geschichte etwas langsam Fahrt auf, weil man erst nach und nach erfährt, wie verschiedene Handlungsstränge zusammenhängen. Doch wenn man erstmal begreift, was läuft, wird es richtig spannend. Genau diesen langsamen Beginn und die stetige Steigerung vollzieht der Vorleser mit seiner Stimme nach. Hat man also zunächst ein paar Schwierigkeiten, sich in die Geschichte hinein zu finden, kann man später kaum noch davon lassen. Eine bemerkenswerte Idee, die wegen ihrer Andersartigkeit nach mehr ruft und deren Potential in diesem ersten Band vielleicht noch nicht ganz ausgeschöpft wird.

3,5 Sterne

Das Büro der einsamen Toten von Britta Bolt
ISBN: 978-3-455-31026-9


Montag, 15. Februar 2016

Eine Liebe, die nicht sein darf

Im Mittelpunkt des Romans „Der goldene Sohn“ von Shilpi Somaya Gowda steht das Schicksal zweier Menschen, die einst durch das zarte Band einer Kindheits- und Jugendliebe verbunden waren: Anil und Leena. Doch ihre Liebe hat in der indischen Gesellschaft keine Zukunft. Ein jähes Ende findet ihr gemeinsamer Lebensweg, als Anil beschließt, seine Karriere in den USA voranzutreiben. Doch das Leben dort ist alles andere als leicht. Erschwerend kommt der Kulturkonflikt hinzu, dem Anil permanent ausgesetzt ist. Als Pendler zwischen den Kulturen bekommt er die Schattenseiten seines privilegierten Daseins deutlich zu spüren. Ferner erweisen sich die Fußstapfen, in die er nach dem Tod seines Vaters stapfen soll, als recht groß. Die von ihm erwartete Tätigkeit als Streitschlichter verlangt ihm viel ab. Doch auch Leena hat es nicht leicht; die harte Schule des Lebens in Indien bleibt ihr nicht erspart. Wie es die Tradition und Kultur Indiens verlangen, wird sie nach Kriterien der Mitgift verheiratet und muss sich dem ihr zugewiesenen Ehemann bedingungslos unterordnen. Sie spürt am eigenen Leib, was Frau-sein in der indischen Kultur bedeutet. Das ist nicht viel, denn dem westlich geschulten Auge erscheint dies als reine Sklaventreiberei. 
Mit ihrem Roman ist es der Autorin meiner Meinung nach hervorragend gelungen, ein authentisches Bild Indiens zwischen Tradition und Moderne zu zeichnen. Ferner spielen Kulturunterschiede ebenso wie kulturelles Grenzgängertum eine große Rolle. Anils und Leenas Geschichte erhält dadurch einen hohen Aktualitätsgrad. Ich konnte mich in die beiden Akteure gut hineinversetzen, habe mit ihnen gefühlt und gelitten. Dank des angenehmen Schreibtisch der Autorin war das Buch flüssig zu lesen. Ich bin nun sehr neugierig auf den Vorgängerroman, den ich recht bald lesen möchte. „Der goldene Sohn“ ist insbesondere allen Kulturinteressierten sehr zu empfehlen. 

4 Sterne

Der goldene Sohn von Shilip Somalia Gowda
ISBN: 978-3-462-04774-5


Sonntag, 14. Februar 2016

Hypnose

Lange weiß Martin wenig von seinem Vater und seinen Halbbrüdern. Doch eines Tages treten Arthur Friedland und die Zwillinge Eric und Iwan in sein Leben. Eines Tages machen die vier einen Ausflug zu einer Hypnose-Show. Während der Vorstellung flüstert der Hypnotiseur Arthur etwas zu, was diesen veranlasst, die Kinder bei Martins Mutter abzuliefern und dann für lange Zeit zu verschwinden. Das Ereignis prägt das Leben der Jungen. Martin, der sich selbst als Versager besonders bei den Frauen empfindet, wird Pfarrer. Eric, der während einer Therapie lernt, den Menschen zu sagen, was sie hören wollen, wird Devisenhändler. Iwan, der immer Maler werden wollte, wird Fälscher. 

Was bestimmt den Lauf der Dinge? Kann es eine kleine Begegnung mit einem Gaukler sein? Kann ein Fremder etwas verändern? Oder bringt er schließlich nur das zutage, was schon da ist? Ist eine Überzeugung, ein Glaube, möglicherweise stärker als tatsächliche Fähigkeiten? Redet man sich selbst ein, man sei unfähig? Kann man so eine Begabung verlieren? Bringen Zufälle den tragischen Helden in einem hervor oder einer den schutzbedürftigen Feigling? Wann kann Gaukelei als solche erkannt werden? Oder bleibt immer ein Zweifel zurück?

Die drei Brüder gehen ebenso wie ihr Vater ihren Weg, egoistisch und rücksichtslos suchen sie ihren Vorteil. Wenig scheinen sie sich daran zu stören, welche Verletzungen sie hinterlassen. Sie wirken wie Schausteller ähnlich dem Hypnotiseur, der ihnen den Vater nahm. Gefühle anderer, fremdes Geld, Schöpfungskraft, das gilt ihnen wenig. 


Dieser Roman von Daniel Kehlmann, der es aufgrund kontroverser Besprechungen erstmal nicht auf die Leseliste geschafft hat, besticht überraschend durch die sich überlappenden Perspektiven, aus denen sich angedeutete Erklärungen ergeben. Erläuterungen, die den Leser schließlich mehr wissen lassen als die Akteure, ihm aber doch genug Rätsel aufgeben, um das Buch nachwirken zu lassen. Eine Komposition, die vielleicht manche abschreckt, die verzweifeln können, ob der Nichtigkeit des Lebens der Brüder, die aber auch aus nahezu den selben Gründen, zu einem großen Vergnügen werden kann. Gelungen.

4 Sterne

F von Daniel Kehlmann
ISBN: 978-3-499-24927-3


Samstag, 13. Februar 2016

Herzwärme

Das Leben kann losgehen, die Schule ist geschafft, das Studium in Sicht. Ein letztes Mal noch treffen sich Rachel und ihre Freunde in ihrem Heimatort, bevor sie in die Welt hinaus gehen wollen. Doch was als fröhlicher Abend beginnt, mit großen Hoffnungen und Plänen und etwas Wehmut, endet in einer Tragödie. Ein Autofahrer verliert die Kontrolle über seinen Wagen und rast in die Fensterscheibe des Lokals. Bei dem Versuch, Rachel zu retten, stirbt ihr bester Freund Jimmy. Erst fünf Jahre nach diesem Unfall überwindet sich Rachel, in ihre Heimat zurückzukehren. Ihr Leben ist ganz anders verlaufen als erhofft. Und auch ihre Heimkehr bringt nicht die Freude, die sie sich wünschen würde.

Kleine Momente des Schicksal können dem Leben eine Wende geben, zum Besseren oder zum weniger Guten. Rachels Leben scheint auf einem guten Weg zu sein. Zwar ist sie allein mit ihrem Vater, doch mit ihrer schönen Clique hat sie eine tolle Schulzeit verbracht. Der Unfall entpuppt sich als grausamer Wendepunkt. Denn bedauerlicherweise fällt der Freundeskreis schnell auseinander. Jimmys Tod und Rachels schwere Verletzung, dem können die Freundschaften der jungen Leute nicht standhalten. Um all dem zu entkommen, hält sich Rachel jahrelang von ihrem Zuhause fern.

Dramatisch beginnt dieses Buch, Rachels Schicksal ist schon tragisch. Ihr Herz ist gebrochen, ihr Leben wie auch ihr Äußeres durch den Unfall so stark verändert, dass sie sich zurückzieht, um es überhaupt ertragen zu können. Doch kann man der Autorin auf ihrem Weg, den sie Rachel vorgezeichnet hat folgen. Zwar rührt die Geschichte, allerdings lässt sie auch Fragen offen. Zum Beispiel fragt man sich, ob die Ereignisse noch eine Folge des Unfalls sind. Über einige Belange der modernen Medizin und Wissenschaft weiß der Leser vielleicht nicht genug, um Aussagen der Mediziner beurteilen zu können. Man wünscht sich den Gang der Geschichte als hoffnungsvoll deuten zu können, doch bestimmte Andeutungen lassen einen an die Möglichkeit einer anderen Lösung denken, so dass man eher um verpasste Chancen trauert. Nun ja, vielleicht hat Rachel ein Happyend am Ende des Regenbogens. Doch vielleicht hat ihr die Autorin auch einfach mehr zu ertragen gegeben als in ein einzelnes Leben passt. 


Ein Buch, das durch positive Besprechungen Aufmerksamkeit erregt hat, über das sich schließlich wohl doch jeder Leser eine eigene Meinung bilden muss.

2,5 Sterne

Die Achse meiner Welt von Dani Atkins
ISBN: 978-3-426-51539-6


Freitag, 12. Februar 2016

Fassaden

Die Leiche des 11jährigen Danny Latimer wird am Strand gefunden. Der erste Fall für die Polizistin Ellie Miller nachdem sie aus dem Urlaub zurück ist. Die versprochene Beförderung hat sie nicht bekommen, dafür wurde ihr der abgehalfterte Ermittler Alec Hardy vor die Nase gesetzt. Miller, die schon ihr ganzes Leben in Broadchurch verbracht hat, kennt das Opfer. Es handelt sich um einen Schulfreund ihres eigenen Sohnes. Niemand ist in der fraglichen Zeit in die Stadt gekommen, niemand hat sie verlassen. Der Mörder muss jemand aus dem Ort sein. Jemand, den man kennt. Die Einwohner beginnen sich gegenseitig mit Misstrauen zu betrachten.

Das Buch wurde nach einer ITV-Serie geschrieben. Zum Glück jedoch handelt es sich nicht um einen bloßen Abklatsch der Serie. Broadchurch wurde im Frühjahr 2015 im ZDF ausgestrahlt. Leider erst in der Spätvorstellung, so dass möglicherweise etliche potentielle Zuschauer nie die Auflösung erfahren haben. Und so ruft der Roman vielleicht das in Erinnerung, was man gesehen hat, und schließt die Lücken. Dabei entwickelt der Roman eine eigene Stimmung. Zwar ähnlich wie in der TV-Serie, aber eben doch anders, da man beim Lesen die eigene Vorstellungskraft bemühen muss. Und das tut man gerne. Man lässt sich in das Idyll des kleinen Städtchen hineinziehen. Hier, wo die Zeitung kaum über Schlimmeres zu berichten weiß als mal ein Verkehrsverstoß, soll ein Mord begangen worden sein. Langsam nehmen die Ermittlungen ihren Lauf. Nach und nach werden Informationen zutage gefördert, die ein ganz anderes Licht auf die Einwohner werfen. So Mancher hat mehr zu verbergen als zunächst vermutet wird. Und nicht nur die örtliche Presse mischt kräftig mit. 


Mit der vagen Erinnerung an die Hintergrundmusik der Serie liest man mit wachsender Spannung von den Geschehnissen in Broadchurch. Ellie, die teile gegen ihre eigenen Freunde ermitteln muss, und Hardy, der nicht mit offenen Karten zu spielen scheint, der einen ganz schlechten Ruf hat. Ist er der Untersuchung überhaupt gewachsen? Nur langsam fügt sich ein Teilchen zum anderen bis zu einem packenden und überraschenden Finale. Von der Serie wurde eine weitere Staffel gedreht, die soweit bekannt ist, noch nicht im deutschen Fernsehen zu sehen war.

4 Sterne

Der Mörder unter uns von Chris Chibnall und Erin Kelly
ISBN: 978-3-596-03076-7


Donnerstag, 11. Februar 2016

Hippe Theaterwelt

Quasi entführt der kaum zehnjährige Luke seine Mutter aus der Anstalt. Sie wollte einmal ins Museum nach London, doch sie kommt mit der Welt nicht klar. Dennoch ist es ein schöner Tag. Lukes Vater ist auf andere Art daneben, fast schlimmer als die Mutter hält er sich an den Alkohol. Später, Luke meint immer noch für seine Eltern sorgen zu müssen, geht er von der Schule ab und arbeitet in der Fabrik. Eines Abends jedoch kommt die Veränderung. Luke, der seine Gedanken immer niedergeschrieben hat, trifft auf Paul und Leigh. Die beiden wollen die Welt des Theaters erobern und die Sehnsucht in Luke ist geweckt. Einige Zeit danach folgt er Paul nach London und beginnt mit seinen beiden Freunden ein Theaterstück zu produzieren.

Einige der anderen Bücher der Autorin in bester Erinnerung wagt man sich mit einigen Erwartungen an das neue Werk heran. Und der Roman hat auch seine wunderschönen Momente. Als da wäre gleich am Anfang die anrührende Entführung der Mutter aus der Anstalt, um ihr einen normalen Tag zu schenken. Welche Mutter möchte nicht solche Kinder haben. Doch leider sind diese Momente, die das Herz erwärmen gar zu selten. Man gewinnt den Eindruck, die Handlung besteht aus einer großen und gewollten Verirrung, die dazu hergenommen wird, um die Seiten eines Buches zu füllen. Nina vermag in ihrer Kühle und Verzagtheit nicht zu überzeugen. Luke wirkt manchmal verschusselt und unachtsam. Leigh, so könnte man meinen, belügt sich selbst. Schließlich ist Paul, der nicht nur den Respekt seines Vaters gewinnt, sondern auch den des Lesers.

Auch wenn Sadie Jones es mit einigen wahrhaft gefühlvollen Szenen schafft, die Leser einzufangen, so hat man doch den Eindruck, das die wilden Siebziger, die swinging Theaterszene Londons zu einem bloßen Hintergrund für die Geschichte einiger Personen geraten. Einer Geschichte, die schließlich keine besonderen Empfindungen weckt. Natürlich mag nicht jeder Leser ähnliche Gedanken hegen, doch verglichen mit anderen Büchern der Autorin scheint dieser Roman nicht ihr stärkster zu sein.


3 Sterne

Jahre wie diese von Sadie Jones
ISBN: 978-3-421-04629-1




Montag, 8. Februar 2016

Road Trip

Vor langen Jahren sind die Eltern der studierten Kellnerin Katharina Kafka im Südwesten der USA ermordet worden. Jetzt erst findet sich eine Spur eines der Täter. Gemeinsam mit ihrem Freund Orlando, der gerne Frauenkleider trägt und im Moment seine Romy-Phase hat, reist sie an den Ort des damaligen Geschehens. Das erste Ziel ist dabei Las Vegas wo sie den sympathischen FBI-Agenten Simon trifft, der ihr einige Informationen gibt. Simon hat indianische Wurzeln und kann viele interessante Geschichten erzählen. Doch auch über Katharinas Eltern hat er einiges herausgefunden. Der Mord war wohl Teil einer unheimlichen Serie. Orlando und Katharina machten sich auf den Weg, die Stationen des Mörders nachzuvollziehen. 

Reisebeschreibung oder Krimi - beides könnte sein. Orlandos und Katharinas Stationen und Erlebnisse auf ihrem USA-Trip werden detailliert beschrieben. Viel zu lernen gibt es über die Kultur und die verschiedenen Völker der amerikanischen Ureinwohner. Ihr heutiges Leben in Reservaten, das manchmal recht armselig sein kann. Wie sie versuchen, sich über Wasser zu halten, wie sie versuchen, ihre Tradition und Sprache aufrecht zu halten. Lebhaft und neugierig machen sich die beiden Österreicher auf den Weg. Katharina, deren Wurzeln bei den Roma liegen, kann gut nachvollziehen wie die Indianer leben, da es zwischen ihnen und den Roma durchaus Ähnlichkeiten gibt. Während ihrer Reise, die durchaus auch touristisch geprägt ist, versuchen sie immer an neue Informationen über den möglichen Täter zu bekommen.


Die Beschreibung der Fahrt durch den Südwesten Amerikas, der man gut folgen kann, wenn man vielleicht auch schon mal eine Reise unternommen hat, ist ausgesprochen interessant und lehrreich. Allerdings gerät die Suche nach dem Täter darüber auf eine Art zur Nebensache, dass es schwierig wird, das Buch noch als Krimi zu bezeichnen, ohne falsche Erwartungen zu wecken. Ein ausgefeilt recherchiertes Werk über die Ureinwohner Amerikas, mit ein wenig Krimi gewürzt, dessen Auflösung schließlich so überstürzt über den Leser hereinbricht, dass der Eindruck entsteht, es könne etwas fehlen. 

3,5 Sterne

Blutiger Sand von Edith Kneifl
ISBN: 978-3-7099-7004-1


Sonntag, 7. Februar 2016

Nicht aufgeben

An einen normalen Tag verschwindet die kleine Bella spurlos. Ihre Mutter hatte sie nur ein paar Minuten unbeaufsichtigt im Vorgarten gelassen. Es war auf einmal zu ruhig. Dawn Elliot ruft die Polizei. Befragungen und Befragungen bringen nichts eindeutiges hervor. Erst als man der Spur eines dunklen Vans nachgeht, der in der Gegen gesehen wurde, scheint etwas Licht ins Dunkel zu kommen. Natürlich bestreitet der Verdächtige, etwas mit der Tat zu tun zu haben. Sein Alibi scheint wasserdicht. Seine Frau stärkt ihm mit stoischer Ruhe den Rücken.

Eine ruhige aber dennoch packende Schilderung der Geschehnisse um das Verschwinden eines kleinen Mädchens. Die Handlung setzt ein als eigentlich schon alles vorbei ist. Der Verdächtige ist bei einem Unfall um Leben gekommen. Seine Witwe ist wie erstarrt, nachdem sie ihm unverrückbar zur Seite gestanden hat, ist sie nun allein. In Rückblenden und aus der Sicht verschiedener Personen nähert man sich den Ereignissen. War die junge Mutter überfordert oder leichtsinnig? Musste sie ihr Kind in jeder Sekunde in ihrem Blickfeld behalten? Hat die Ehefrau ihn gedeckt? Ist der Verdächtige etwa unschuldig? Oder hat er doch seine Hände im Spiel beim Verschwinden eines kleinen Mädchens, nicht einmal drei Jahre alt? Hätte der Kommissar, den dieser Fall nicht loslässt, einfach mehr tun müssen? In andere Richtungen ermitteln müssen? 


Lange bleibt der Leser im Ungewissen. Hin und her gerissen ist er zwischen Verdacht und Vermutung. Er spekuliert, ahnt, irrt. Was zu so einem Verschwinden führen kann, muss fast zwangsläufig unklar bleiben. Froh nur ein normaler Leser zu sein, kann man sich in einige Motivationen einfach nicht hinein fühlen. Und so ist vielleicht auch das letzte Rätsel nicht lösbar. Gefesselt verfolgt man die geschickte Komposition der Autorin und folgt den Wegen, auf die sie einen lockt. Ein schwieriges Thema von einem interessanten Blickwinkel aus angegangen.

4 Sterne

The Widow von Fiona Barton
ISBN: 978-0-593-07622-4


Samstag, 6. Februar 2016

Sternbilder

Am 27.Januar 18966 betritt der junge Walter Moody den Aufenthaltsraum seines Hotels. Er hat die lange Reise nach Hokitika in Neuseeland auf sich genommen, weil er sein Glück machen will. Etliche weitere Männer sind bereits in dem Raum versammelt, Walter bemerkt allerdings nicht, dass er stört. Die Männer haben sich Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass sie ungestört bleiben. Doch den Gast im Hotel haben sie vergessen. Um das Gespräch in Gang zu bringen erzählt Walter von seiner Überfahrt auf der rauen See und auch einen Teil der Geschichte, die ihn bewogen hat, den beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen. Mit dieser Eröffnung gelingt es Walter, das Eis zu brechen und den Männern ihre Erzählungen der Ereignisse zu entlocken, die zu diesem Treffen geführt haben.

Ein Buch, das in Koordinaten der Tierkreiszeichen am Himmel gegliedert ist, das über 800 Seiten hat, das zwar in zwölf Teile untergliedert ist, wobei die ersten beiden schon über 500 Seiten umfassen. Eine schwere Aufgabe, bei der man überlegt, ob man sich heranwagen soll. Doch die Begebenheiten, um die es geht, sind so verschachtelt, aber auch so geschickt geschildert, dass die Neugier auf die nächste Seite mit jedem Blättern wächst. Kleinste Hinweise fügen ein kompliziertes und fesselndes Puzzle zu einem Bild, von dem am Anfang nichts zu ahnen war. Jedes Wort, jeder Schritt, jede Tat - alles ist zu einem Netz verwoben, von dem sich der Leser mit Begeisterung gefangen nehmen lässt. Wenn auch durch die der Vergangenheit angepasste Sprache nicht ganz leicht zu lesen, ist man doch von der Lektüre gebannt und kann kaum erwarten, zu erfahren, welche Pläne das Rad des Schicksals noch ins Rollen bringen wird. Zwar wird der größtenteils positive Eindruck auf den letzten Seiten durch einen gewissen Wechsel etwas eingeschränkt. Dennoch kann das Buch wegen seiner außerordentlich beeindruckenden Komposition sehr empfohlen werden. 

Soll man es Western nennen oder Eastern oder Southern? Auf jeden Fall ein tolles Werk über den Goldrausch in Neuseeland, dem hier eine mitreißende Geschichte gewidmet ist.


4 Sterne

The Luminaries von Eleanor Catton
IDBN: 978-1-847-08432-3


und hier geht es zur Leseprobe der deutschsprachigen Ausgabe




Freitag, 5. Februar 2016

Ich bremse für niemanden

Susans Leben verläuft in geregelten Bahnen, sie ist sozial engagiert und sie hat eine Kreditkarte, für deren Deckung ihr etwas langweiliger Mann Barry zuverlässig sorgt. Ihre Freundin Julie, die als Aushilfe in einem Altenwohnheim arbeitet, hat sie manchmal etwas Mitleid. In der 87jährigen Ethel hat Julie eine Freundin gefunden, die mit ihren markigen Sprüchen für Stimmung sorgt. Jill dagegen, eher zurückhaltend, sorgt sich um ihren kleinen Enkel. Fast unmöglich scheint es, das Geld für die notwendige Operation zusammen zu kratzen. Und so plätschert die Zeit dahin, tja, bis eines Tages Barry tot aufgefunden wird und Susan nichts als Schulden hinterlässt. Susan verliert alles und wenig überraschend ist die Bank keine große Hilfe, wenn man sie wirklich einmal braucht. Doch das Leben hat die Rechnung ohne Susan und ihre Freundinnen gemacht. Die vier älteren Damen schmieden einen Plan.

Die Beschreibung der Handlung geht nicht über den eher beschaulichen Beginn dieses Romans hinaus und mehr soll auch nicht verraten werden. Wundert man sich anfänglich, wieso der Roman so viele gute Stimmen erhält, ist man am Ende sehr geneigt, reichlich Sterne funkeln zu lassen. Man stelle sich den Hörer vor, im Auto verlegen um sich blickend, nach einem lauthalsen Lachen, Juchen oder „Heilige Scheiße“ ausgerufen zu haben. Bräuchte er oder sie nicht beide Hände am Lenker, ein kräftiges auf die Schenkel klopfen wäre angesagt. Beim Hören stellt er sich vor, wie der Vorleser sich seine Figuren beim Vorlesen vorgestellt hat und ihnen schon mehr als nur eine Stimme verliehen hat. In einigen geradezu aberwitzigen Szenen gratuliert man den Damen zu ihrem Quentchen Glück, den beteiligten Polizisten zu ihren YouTube Auftritten und sich selbst dazu gerade dieses Hörbuch ausgewählt zu haben. 

Unbekannt bleibt, ob das hervorragende Amüsement dem Ideenfeuerwerk des Autors zu verdanken ist oder ob nicht gar die grandiose Interpretation des Lesers Gerd Köster einen größeren Anteil daran hat. Auf alle Fälle jedoch fühlt man sich mitten im Geschehen und meint nach so manchen Knalleffekt, da kann doch keine Steigerung mehr kommen, kann sie aber doch.


Und Ethel schießt den Vogel ab. „Bollocks“

4,5 Sterne

Old Scholl von John Niven
ISBN: 978-3-8371-3034-8


Dienstag, 2. Februar 2016

Manipulation

Ein junger Mann steigt am Titisee in ein Ruderboot, fährt auf den See und verschwindet spurlos. Etwas später wird seine Leiche am Ufer angespült. Es wird festgestellt, dass er eine hohe Konzentration von Antidepressiva im Blut hat. Sein Verhalten beim Leihen des Bootes und weitere Hinweise deuten auf einen Selbstmord hin. Es stellt sich heraus, dass der Tote ein bekannter Blogger war, der neue brisante Enthüllungen angekündigt hatte. Ein Insider schien ihn mit Informationen verfolgt zu haben. Kommissar Nagel, immer gegen sein Übergewicht kämpfend, nimmt die Ermittlungen auf. Er hat ein komisches Gefühl, dass er nicht recht in Worte fassen kann und das ihn am Ball bleiben lässt.

Von zwei Seiten nähert kann man sich hier dem Kern der Sache nähern. Zum einen ist man am Puls der Ereignisse durch die Augen einer jungen Internet-Journalistin erfährt man von den Vorgängen, die schließlich am See geendet haben. Zum anderen kann man den Ermittlungen des Kommissars folgen, die einsetzen als der Blogger verschwindet. Gerade durch diese sich mit jedem Kapitel abwechselnden Blickwinkel baut sich eine besondere Spannung auf, die wahre Sogwirkung entfaltet. Die verschlungene Handlung fesselt. Wer manipuliert hier wen oder manipuliert etwa jeder jeden? Steckt hinter allem ein perfider Plan oder geschehen Dinge auch zufällig?

Wie hinterhältig die Strippenzieher sein können, man mag es kaum glauben. Und doch kann man die Möglichkeit nicht für völlig unglaubwürdig halten. Ein Roman der einen fordert und mit dem man klarkommen muss. Einige der unschönen Ereignisse, die sich vor den kritischen Augen der Leser entblättern, können eine echte Gänsehaut verursachen, gerade wenn die Phantasie beginnt vom Ausgangspunkt aus noch etwas weiter zu spinnen. Schöne neue Welt kann man da nur sagen.


Ein ausgesprochen packender Thriller, der wenig Hoffnung auf Besserung oder auch ein Ende der Manipulation macht.

4 Sterne

Der Blogger von Patrick Brosi
ISBN: 978-3-86358-862-5