Donnerstag, 31. März 2016

Elsa und Oma

Elsa ist fast acht und anders, ihre Oma ist 77 und auch anders. Oma erzählt Elsa die besten Märchen der Welt. Elsas Welt verändert sich, ihre Mutter bekommt ein Kind von ihrem neuen Lebensgefährten. Elsa hat keine Freunde, weil sie anders ist. Aber Elsa ist gut im rennen und wenn sie irgendwie mal einen Kratzer oder einen blauen Fleck hat, kann sie sich tolle Erklärungen ausdenken. Sie will nicht, dass ihre Mutter so genau weiß, wie die anderen Kinder, die nicht anders sind, sie behandeln. Elsa wohnt in einem Haus voller seltsamer Nachbarn. Es könnte ein Schloss sein, in dem man eine Schatzsuche veranstalten kann.

Das erzählt von einer besten Oma, die keine ganz so gute Mutter war. Sie war Ärztin als von Frauen noch etwas ganz anderes erwartet wurde, sie rettete Menschen aus aller Welt in aller Herren Länder. Da hatte sie nicht so viel Zeit für ihre Tochter. Aber für ihre Enkelin hat sie Zeit, ihr erzählt sie die Märchen der sechs Königreiche, mit ihr macht sie Faxen, die man keiner Oma zutrauen würde. Oma ist nur von außen alt. Elsa ist reif für ihr Alter, auf viele Dinge kommt sie von selbst. Eine Schatzsuche ist genau das Richtige für sie. Sie lernt, dass seltsame Nachbarn herzzerreißende Geschichten haben können, spannende Geschichten, gefährliche Geschichten, Liebesgeschichten. 


Ein Märchenbuch für Omas und Enkelinnen und alle dazwischen. Die pfiffige Elsa wird man schnell ins Herz schließen. Und nach und nach wird es einem mit den meisten weiteren Personen ebenso gehen. Omas sind manchmal bessere Omas als sie Mütter waren. Das ist wie eine zweite Chance. Vielleicht sind Enkelinnen manchmal auch bessere Enkelinnen als Töchter. Doch für alle, auch die Mütter, Väter und Söhne besteht die Chance in dieses Buch einzutauchen und mit Elsa auf Schatzsuche zu gehen und das Beste zu finden, was es gibt. Was das ist wird jeder selbst herausfinden, der sich mit offenem Herzen auf die Suche macht.

4,5 Sterne

Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid von Fredrik Backman
ISBN: 978-3-8501-0481-4


Mittwoch, 30. März 2016

Nur die Musik

Die Schwestern Anna und Orlanda leben in Düsseldorf. Ihre Eltern sind schon früh verstorben. Anna, die Ältere, arbeitet als Krankenschwester, Orlanda singt an der Düsseldorfer Oper. Obwohl nur drei Jahre auseinander, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Aber im Jahr 1929 ist die Welt heil, noch. Im gleichen Jahr erhält auch der Opernsänger Clemens Haupt eine Anstellung, sein Freund Leopold Ulrich verhilft ihm dazu. Durch einen ziemlich miesen Trick, wie die Kollegin Fritzi ihnen eindeutig zu verstehen gibt. Aber es ist wie es ist. In dieser Welt der Musik, der Leichtlebigkeit, in der ersten Bekanntschaft mit Swing und Jazz, wirkt die vernünftige Anna, die sich ganz ihrer Arbeit verschrieben hat wie ein Fremdkörper.

Wie schön ist die Welt der Musik, sei es eher die ernstere der Oper oder die fröhlichere des Swing. Unbeschwert leben Orlanda und ihre Freunde in dieser Welt. Die drohende Gefahr der Nazi-Herrschaft scheint nicht ihnen zu gelten. Sie verschließen einfach ihre Augen, so schlimm wird es schließlich nicht werden. Doch auch Anna, mit ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Gewissenhaftigkeit, scheint zunächst wie geblendet. Der schneidige Arzt, der ihre Karriere fördert, gibt ein Vorbild, das sich als sehr zweifelhaft herausstellt. Mit dem Verrinnen der Zeit lassen sich die negativen Auswirkungen des unsäglichen Regimes nicht mehr übersehen. Es werden Jobs gestrichen oder nicht erst vergeben, es wird subtiler Druck ausgeübt, es wird manipuliert. 


In einen Rahmen der Nachkriegszeit gekleidet malt dieser außerordentlich beachtenswerte Roman ein Bild von einer schleichenden Verrohung der Gesellschaft. Welches Leid bereits das herannahende Unheil verursacht. Welche Schuld die Menschen auf sich laden, viele durchaus absichtlich, manche eher unfreiwillig. Wie wenige mit einfachsten Mitteln kämpfen. Wie einzelne durch ihre unbedarfte Vertrauensseligkeit Verrat üben. Die Musik verlässt diese üble Welt, in der nur Tschingderassabum besteht. Man soll den Kindern die ganze Geschichte erzählen, damit sie eine Vorstellung bekommen, wie es gewesen sein könnte. In der Hoffnung, dass sie es nie wieder soweit kommen lassen, dass sie einschreiten, bevor es zum Exzess kommt. Durch diese Geschichte zweier unterschiedlicher Frauen wird einem die Komplexität menschlicher Beziehungen näher gebracht und die bedauerlicherweise Unvermeidlichkeit des Schicksals. Ein Schicksal, gegen das man sich mit aller Macht stemmen möchte, stemmen müsste.

4,5 Sterne

Das Lied meiner Schwester von Gina Mayer
ISBN: 978-3-7466-2867-7


Dienstag, 29. März 2016

Geschlossene Gruppe

Von einigen jungen Leuten werden auf einem Campingplatz bei Salzburg zwei Tote entdeckt. Die weibliche Leiche wurde erdrosselt, der Mann erschossen. Mord und Selbstmord? Darauf scheinen die ersten Zeichen zu deuten. Doch Beatrice Kaspary und Florin Wenninger stoßen schnell auf einige Unstimmigkeiten. Viele Gemeinsamkeiten haben die Toten nicht, lediglich eine fällt auf. Beide waren Mitglied in einer Facebook Gruppe für Lyrik. Unwahrscheinlich, dass Liebhaber von Gedichten Gleichgesinnten den Tod wünschen sollten. Beatrice erwirkt die Erlaubnis undercover ermitteln zu dürfen. 

Es scheint zunächst eher widersinnig, dass der Austausch über Gedichte zum Tode führen kann. Doch wenn es keine andere Verbindung gibt, greift die Polizei auch nach diesem Strohhalm. Beatrice Kaspary als verdeckte Ermittlerin gerät immer tiefer in die Tiefen des Molochs Facebook. Sie wird förmlich hineingezogen in die Fänge von Freundschaftsanfragen, Likes und den Austausch in den Gruppen. Fast gewinnt man den Eindruck, als käme das Off-line Leben dabei zu kurz. Die Nörgeleien ihres Ex-Ehemannes vermisst Beatrice natürlich weniger, doch dass sie ihre Kinder häufiger bei dem Kindermädchen parkt oder auch beim Vater, stört sie schon. Aber ein Mörder muss gefunden werden, das geht einfach vor. Schließlich gilt es weitere Taten zu verhindern. 

Wie man es von der Autorin gewöhnt ist, hat sie hier einen ausgesprochen spannenden Thriller vorgelegt. Schon etwas bedenklich wie sich Beatrice Kaspary in den Weiten des Internet verliert. Kaum kann sie den Blick vom Bildschirm wenden. Das wirkt ein wenig wie eine Mahnung zur Vorsicht im Umgang mit dem www. Ursula Poznanski gibt einen ungewöhnlichen Einblick in die Ermittlungsmethoden, den Umgang der Kollegen untereinander und deren privaten Umgang. Dabei hält sie eine ausgewogene Balance zwischen Fall und Umfeld. Mit einigen überraschenden Entwicklungen führt sie den Fall zu einem Abschluss, mit dem man so überhaupt nicht rechnet. 

Mit diesem fesselnden Thriller wird die Autorin nicht nur ihre eingefleischten Fans zufriedenstellen. 

4 Sterne

Blinde Vögel von Ursula Poznanski
ISBN: 978-3-499-25980-7


Montag, 28. März 2016

Bloßgestellt

Vor Jahren wurde aus Lili die neue Lily, in den 1930ern ist ihre Mutter mit ihr nach England gegangen. Fortan war Lily keine Deutsche mehr. Und nun im Jahr 1960 ist sie mit einem Engländer verheiratet, der eine sichere Position im öffentlichen Dienst  innehat. Jedoch eines Tages hat ein Kollege Simons zu hause einen Unfall und er bittet Simon, eine Akte zurück ins Amt zu bringen. Dadurch wird eine Kette unglücklicher Ereignisse in Gang gesetzt, die Lilys Leben auf den Kopf stellen. Vorbei ist es mit allem, was sie sicher glaubte. Lily fühlt sich in ihre Kindheit zurück versetzt, wo sie in jedem Moment fürchten musste, von den Nazi-Schergen entdeckt zu werden.

In den Jahren des kalten Krieges waren die unterschiedlichen Nationen sehr an den Geheimnissen  der jeweils anderen interessiert. Die während der Kriegsjahre geknüpften Kontakte wurden genutzt, um Informationen weiterzugeben. Informationen, die in Simons Behörde zu erlangen sind. Informationen, die in gerade jener Akte enthalten sind, die Simon an sich genommen hat. Doch warum bringt Simon die Akte nicht zurück? Er erkennt zwar das Potential, das ihr Inhalt hat, aber will er die Geheimnisse schützen oder den, der die Akte offensichtlich entwendet hat. Simon ahnt nicht, was er seiner Familie durch sein Verhalten aufbürdet.

Aus ihrem Lebensidyll gerissen, müssen Lily und Simon mit ihrer veränderten Situation zurechtkommen. Welche Auswirkungen hat es, wenn plötzlich der Ehemann der Spionage verdächtigt wird. Wird sie ihre Arbeitsstelle verlieren, werden ihre drei Kinder gehänselt werden, wird das Geld reichen? Was, wenn sich der Verdacht erhärten sollte? Gleichzeitig entdeckt man die Erinnerungen der handelnden Personen, welcher Weg sie letztlich zu ihrer derzeitigen Position geführt hat. Nach und nach begreift man die feinen Schwingungen in diesem Roman, die sich immer mehr verdüsternde Stimmung. Die Lage scheint hoffnungslos, doch man erfühlt auch Lilys Kraft. Als habe ihr Schicksal in ihrer ehemaligen Heimat sie gelehrt, mit wenig auszukommen, Veränderungen anzunehmen und schließlich im geeigneten Moment aktiv zu werden. Während die meisten anderen eher schwach wirken, verströmt Lily Durchsetzungswillen und das unbedingte Bestreben, ihre Position zu verbessern und ihre eigentlich glückliche Ehe zu erhalten.

Ein eher ruhiger Spionageroman, der aus gerade dieser Ruhe seine Kraft zieht und den Leser an den beängstigenden Entwicklungen teilhaben lässt, zu denen der kalte Krieg geführt haben mag.


4 Sterne

Exposure von Helen Dunmore
ISBN: 978-0-091-95394-2


Sonntag, 27. März 2016

No Limit

Auf Rügen wird eine junge Frau ermordet aufgefunden. Die Mutter von zwei Kindern wurde nicht einmal dreißig Jahre. Romy Beccare nimmt die Ermittlungen auf. Zunächst tun sich jedoch keine heißen Spuren auf. Zwar findet Romy heraus, dass zwei alte Bekannte nicht gut auf die junge Mutter zu sprechen waren, doch die beiden Männer haben ein Alibi. Auch Romys Lebensgefährte Jan Riechter bearbeitet einen schwierigen Fall. Ein junger Mann wird tot in der Nähe einer Klinik aufgefunden, seine Verletzungen deuten auf einen Kampf hin. Allerdings gibt es keine eindeutig verwertbaren Spuren.

In ihrem fünften Fall hat Romy Beccare einen schwierigen Fall zu lösen. Der Tod der jungen Frau gibt Rätsel auf. Wer könnte ein Motiv haben? Warum wurde sie so brutal umgebracht? Zwar wirkt ihr Mann sehr aufbrausend, aber ein richtigen Tötungsgrund hat er nicht. Auffällig ist, dass fast alle Mitglieder ihrer alten Jugend-Clique inzwischen verstorben sind. Zwei junge Männer starben vor einigen Jahren bei einem Autounfall. So schwierig sich auch die Nachforschungen gestalten, in ihrem privaten Umfeld hat Romy zusammen mit Jan ihr Glück gefunden. Beide sind Kriminalbeamte und so ergänzen sich bestens, können sich austauschen und gegenseitig Tips geben. 


Einen schönen landschaftlichen Hintergrund für diese Reihe bildet die Insel Rügen und die nähere Umgebung auf dem Festland. Für diejenigen, die Rügen kennen rufen die Beschreibungen die Erinnerungen an unbeschwerte Urlaubstage hervor, bei anderen kann das Interesse an einem neuen Urlaubsziel geweckt werden. Doch das nur am Rande, denn im Mittelpunkt steht ein komplexes Fallgeflecht, das der Leser gemeinsam mit den sympathischen Beamten zu durchdringen wünscht. Man grübelt, was denn hinter den Geschehnissen stecken könnte und wird doch überrascht werden. Möglicherweise wie im echten Leben beginnen die Ermittlungen etwas schwerfällig, nur um einem später wahrlich den Atem zu rauben. Was für andere ein Urlaubsidyll ist, ist für die Bewohner ein Wohnort, in dem wie überall Verbrechen begangen werden können. Auch diese Normalität wird hier auf fesselnde Weise dargestellt. Mit Romy Beccare und Jan Riechter haben wir ein gutes Team, das auf intelligente Art die losen Fäden verknüpft.

4 Sterne

Leuchtturmmord von Katharina Peters
ISBN: 978-3-7466-3206-2


Samstag, 26. März 2016

Hautkunstwerk

In Hull geht es hoch her, die Drogenszene scheint aufgemischt zu werden. Verschiedene vietnamesisch-stämmige Cannabis-Bauern werden bedroht und zum Teil gefoltert. Auch das Nachtleben in der heruntergekommen alten Fischerstadt hat einiges zu bieten. Dating-web-sites, düstere Parkplätze, an denen Wünsche erfüllt werden, ein Swinger-Club. Detective Sergeant Aector McAvoy ermittelt an allen Fronten. Daheim fehlt ihm ebenfalls die Ruhe, obwohl er mit seiner Frau und den beiden Kindern sehr glücklich ist. Die Kleine allerdings ist manchmal sehr unruhig. Als McAvoy zufällig ein Handy findet, ist seine Neugier geweckt. Er findet heraus, wer der Besitzer war und er glaubt nicht, dass dieser sich selbst umgebracht hat.

Etwas ungelenk wirkt der über 1,90 große Ermittler, unbeholfen manchmal, aber immer bleibt er am Ball. Auch wenn einmal etwas schief geht, sowohl im familiären Zusammenleben als auch an der Arbeitsstelle, hält McAvoy die Spur. Und so forscht er beinahe schon heimlich nach, was an dem Tag als der junge Simon sich vermeintlich umgebracht hat, gesehen sein könnte. Nebenbei fast kommt er dabei auch mit der Drogensache in Berührung, die ihm näher ist als ihm lieb sein kann. 


Die Reihe um DS Aector McAvoy besteht inzwischen aus fünf Bänden. Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um den zweiten Teil. Schon zu Beginn der Lektüre kann es vorkommen, dass einem das Setting seltsam bekannt scheint. Dann könnte es eine Erleichterung bedeuten, wenn man feststellt, dass dieser Roman bereits beim Erscheinen mittels einer Leseprobe intensiver vorgestellt wurde. Der Charakter des DS McAvoy mag einem beim Lesen etwas unrund oder gewollt schüchtern, irgendwie konstruiert erscheinen und auch der Fall bietet nach einem geheimnisvollen Ansatz, der überlegen lässt, was nur hinter diesen gemeinen Verbrechen stecken mag, eine eher unspektakuläre Lösung. Trotzdem bietet der Roman einen spannenden Einblick in eine nordenglische Stadt, die vielleicht schon bessere Tage gesehen hat, die sich möglicherweise wieder berappelt. 

3,5 Sterne

Dein ist die Rache von David Mark
ISBN: 978-3-548-28434-7

Freitag, 25. März 2016

Bukowski

Ein erweiterter Selbstmord, so wird entschieden nachdem der Wagen der Familie Hirmer ungebremst gegen ein Hindernis geknallt ist. Fritz Hirmer, seine Frau und der kleine Sohn sind sofort tot. Die Tochter überlebt zunächst. Gruppeninspektorin Carla Bukowski kann aus persönlichen Gründen den Anblick der Unfallstelle nicht ertragen und rastet aus. Daraufhin schickt ihr Chef sie in Zwangsurlaub, den sie bei einer Freundin verbringt. Carla ist eine wahre Meisterin darin, ihre eigenen Probleme zu verdrängen. Anstatt sich im Urlaub um sich selbst zu kümmern, ermittelt sie weiter in dem Unfall. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass dieser Unfall kein Selbstmord gewesen sein kann. Und dann geschieht an ihrem Urlaubsort ein ähnliches Unglück.

Mit diesem Roman stellt Lena Avanzini ihre neue Kriminalistin Carla Bukowski vor. Nachdem Carla vor Jahren einen großen Verlust erlitten hat, ist sie immer noch traumatisiert. Sie hat damals eine Therapie begonnen, diese allerdings abgebrochen als sie wieder funktionierte. Nun muss sie feststellen, dass sie doch nicht so perfekt funktioniert. Sollte es etwa an der Zeit sein, mit einer echten Aufarbeitung zu beginnen? Aber nein, es ist einfach wichtiger herauszufinden, wie diese Unfälle geschehen sein könnten. Trotz ihrer Probleme fallen Carla einige Ungereimtheiten auf, denen jedoch keiner so rechte Aufmerksamkeit schenken will.

Eine Ermittlerin, die unter einem schweren Trauma leidet, man befürchtet im ersten Moment, dass man derer doch schon genug kennengelernt hat. Doch bereits nach kurzer Zeit überzeugt Carla Bukowski mit ihrer forschen Art, manchmal hart gegen sich selbst, sich Erkenntnissen über ihre Gefühlswelt aber nicht völlig verschließend. Zaghafte Versuche der Verarbeitung eines sensiblen Menschen wechseln sich mit der toughen Polizistin ab, die unbeirrbar ihren Weg geht. Ihre beste Freundin Kim gibt ihr im richtigen Moment die richtige Unterstützung und sogar Major Nowak hegt eine gewisse Sympathie für seine Untergebene. Und so steigt man ein in Carla Bukowskis ersten Fall, der einem Rätsel aufgibt und dessen Komplexität in keiner Weise zu wünschen übrig lässt. 


Carla Bukowski, eine Kriminalbeamtin mit Seele, Herz und Schnauze, von der es sich sicher lohnt, mehr zu lesen.

4 Sterne

Nie wieder sollst du lügen von Lena Avanzini
ISBN: 978-3-7099-7848-1


Donnerstag, 24. März 2016

Knochenseher

Fast jedes Mittel ist Tempe Brennan recht, um der jährlichen Aufgabe der Vorbereitung der Steuererklärung zu entgehen. Und so hört sie sich die Geschichte der Amateurdetektivin Lucky Strike an. Diese meint, sie habe die sterblichen Überreste eines Menschen identifiziert, die im Jahr 2011 in den Bergen gefunden wurden. Genau seit dieser Zeit ist auch Cora Teague verschwunden. Strike glaubt, nur sie könne es sein, deren Knochenfragmente sich in den Lagerbehältnissen der Leichenhalle befinden. Zwar kommt Tempe die Erzählung doch etwas weit hergeholt vor, aber ihre Neugier ist geweckt und als Ablenkung taugt sei allemal. Deshalb beginnt Tempe nachzuforschen, ob an dem, was Strike von sich gegeben hat, nicht doch etwas dran sein könnte.

Wenn man nach einer längeren Pause wieder in die Welt der forensischen Anthropologin Dr. Temperance Brennan zurückkehrt fühlt man sich gleich wieder wie zu hause. Man ist froh, wenn Birdie einem um die Beine schnurrt, wenn Tempe schwierige Aufgaben zu lesen versucht, die ihr die Knochen stellen, wenn sie ihre Probleme mit Ryan zu lösen versucht oder ihre exzentrische Mutter so hinnehmen muss wie sie ist. Und in diesem Fall geben die Knochen besonders schwierige Rätsel auf, denn sie sind alt und weisen kaum Spuren auf, an denen festgestellt werden kann, was möglicherweise mit ihren geschehen sein kann. Doch Tempe ist wie gewohnt hartnäckig und selbst kleinste Hinweise können eine Bedeutung haben.


Die Erfinderin der sympathischen Tempe Brennan hat einen packenden und dennoch leicht zu lesenden Schreibstil. Sie erklärt an Fachbegriffen, was nötig ist, ohne dabei zu trocken zu werden und sie versteht es, ihre Schauergeschichten, die oft von längst Verstorbenen handeln, in einen Rahmen zu kleiden, dem es nicht an Spannung mangelt, der aber auch mit Witz aufwartet. Auch wenn man vielleicht wünschen würde, dass Ryan etwas gegenwärtiger wäre, und einige Entwicklungen ein wenig ausführlicher erklärt würden, bietet dieser 18. Band der Reihe um Tempe Brennan wieder einen packenden Fall, der einige Überraschungen bringt und Einblicke in die Untiefen der menschlichen Seele gewährt, die einen erschauern lassen.

4 Sterne

Speaking in Bones von Kathy Reichs
ISBN: 978-0-09-955812-5


und hier die deutschsprachige Leseprobe





Mittwoch, 23. März 2016

Zugbegleiter

Wie zwei Seiten einer Medaille wirken June und Day. June, die alles hat, was sie sich wünschen kann. Ein herausragender Test, der ihr alle Türen zu einer exzellenten militärischen Karriere öffnet. Einen Bruder, das einzige Familienmitglied, das ihr blieb. Und Day, der durch eben jenen Test gefallen ist. Der das, was danach kam, überlebte, und der für seine Familie als tot gilt. Nur sein Bruder weiß, dass das nicht wahr ist. Day lebt im Untergrund, immer in Sorge, dass die Seuche seine liebsten erwischt.

Es kann vom Schicksal nicht vorgesehen sein, dass diese beiden sich begegnen und doch geschieht es. Tag und Nacht, die sich in der Dämmerung berühren. Abgestoßen und doch angezogen. Unter fehlgeleiteten Annahmen steuern Sie auf eine Katastrophe zu. 


Dieses Jugendbuch gehört zu denen, die auch Erwachsene in ihren Bann  ziehen können. Die Autorin führt ihre Leser in eine düstere Welt. Niemand möchte sein Dasein dort fristen. Doch umso reizvoller ist es, sich in Gedanken mit dieser Dystopie auseinander zu setzen. Wie kann es geschehen, dass Menschen sich so narren lassen, dass sie sich nicht gegen die Diktatoren wehren. Doch immer wieder gelingt es unsäglichen Systemen, sich durchzusetzen. Und erst langsam formiert sich ein Widerstand, mit der ein packender Kampf des Guten gegen das Böse seinen Lauf nehmen kann. Mit zarten Gefühlen auch auf emotionaler Ebene angesprochen, taucht man ab und vergisst eine eigentlich langweilige Zugfahrt fast vollständig. 

4 Sterne

Legend-Fallender Himmel von Marie Lu

ISBN: 978-3-7855-7940-4


Montag, 21. März 2016

Die Ladenhüter

Während der Wirtschaftskrise verliert Clay seinen Arbeitsplatz. Zunächst sucht er eine neue Stelle als Webdesigner, je länger er suchen muss, desto geringer werden seine Ansprüche. Schließlich übernimmt er die Nachtschicht in Mr. Penumbras Buchhandlung, 24 Stunden geöffnet. Ein eigenartiger Buchladen, der im vorderen Teil ein schlecht sortierter Verkaufsplatz zu sein scheint, und im hinteren Bereich eher eine Leihbücherei. Doch wer will diese seltsamen Bücher leihen. Langsam bemerkt Clay allerdings, dass schon Kundschaft da ist. Wie sollen diese paar Leutchen aber für den Umsatz sorgen, den man braucht, um zumindest seinen Lohn zu bezahlen. Clay beginnt sich Gedanken zu manchen.

Wie den Buchladen so betritt man auch dieses Buch, zunächst meint man in einem abgehalferten vielleicht auch Secondhandladen angekommen zu sein. Und so wie Clay bemerkt man langsam, dass wohl doch mehr dahinterstecken muss. Die Kunden scheinen sehr exzentrisch zu sein, in ihrer eigenen Welt versponnen, fahrig und irgendwie doch von ihrer Aufgabe gebannt. Wiederrum wie Clay wird man neugierig. Obwohl man es eigentlich nicht soll, interessiert man sich mehr und mehr für die Bücher in den hinteren Zimmern. Nach was für einem System sind sie sortiert. Was ist ihr Inhalt, wer sind die Autoren. 

Wenn die eigene Phantasie auch manchmal über das Ziel hinausschießt und man dem Autor zutrauen würde, dass er weitergeht, so ist der gewählte Weg doch sehr stimmig. Mr. Penumbra, der das richtige Maß findet zwischen Altertum und Modern, gewinnt die Sympathie der Leser ebenso wie Clay, sein neugieriger Lehrling. Beide verfolgen ihren Weg durch die Welt der Bücher und bieten sehr gut lesbare Unterhaltung. Diesem Buch über das Geheimnis des Schreibens und Lesens gönnt man gerne die entsprechende Aufmerksamkeit. 


3,5 Sterne

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra
ISBN: 978-3-89667-480-7




Samstag, 19. März 2016

Leipzig - ich komme!

So hieß es gestern als ich mich um 6:49 in den Zug gesetzt habe. Mit nur leichter Verzögerung bin ich am Vormittag beim Messegelände angekommen. Es war erst das zweite Mal, dass ich mich auf den Weg gemacht habe, in diese schöne Stadt, von der ich noch nichts gesehen habe. Der Plan ist, das bei einer der nächsten Gelegenheiten (Buchmessen) zu ändern. In diesem Jahr jedoch hatte ich mich spontan entschlossen, die Buchmesse zu besuchen. Geplant hatte ich deshalb im Vorfeld auch nichts. Ich wollte den Messetrubel einfach auf mich wirken lassen. Und schon am Eingang fühlte ich dieses spezielle Messeflair. Ich traf eine liebe Bloggerkollegin Elena (Elenas Zeilenzauber).
Bisher hatten wir uns noch nicht persönlich getroffen und gerade deshalb und weil es so unerwartet war, war es ein ganz tolles wenn auch kurzes Erlebnis. Bestimmt gibt es eine Gelegenheit, sich mal ausführlicher zu unterhalten. Danach ließ ich mich etwas durch die Gänge treiben. Das war zumindest am Freitag in Leipzig wesentlich entspannter als am Samstag in Frankfurt. Neugierig wie ich bin hatte ich mich vor der Messe wenigstens darüber informiert, welchem Autor der Buchpreis der Leipziger Buchmesse verliehen wurde.
Und wie es der Zufall wollte, nahm sich der Autor Guntram Vesper am Stand des Schöffling & Co Verlages eine wohlverdiente Pause.
Ich konnte die Gelegenheit wahrnehmen, mal in das preisgekrönte Werk hineinzublättern, das die Leser mit über tausend Seiten und nur wenigen Absätzen sicherlich fordern wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Lektüre großes Vergnügen bereitet, wenn man sich auf solch einen Brocken einlassen kann und Interesse an autobiografischen Erzählungen hat. Ich denke, der Autor hat seinem Geburtsort ein schönes Denkmal gesetzt. Positiv finde ich auch, dass die Preisjury sich die Nominierten genau angeschaut hat und sich bei der Vergabe nach dem Werk gerichtet hat und nicht nach dem Verlag, der dahinter steht.
Auf meinen Wanderungen flanierte ich als nächstes zu einer Bühne, auf der Tillmann Rammstedt interviewt wurde.
Er stellte sein Romanprojekt "Morgen mehr" vor. "Der Kaiser von China" - ein älterer Roman des Autors hat mir gut gefallen und so blieb ich hängen, um mehr über das neue Projekt zu erfahren. Eigentlich ist das neue ein altes Schema (auch Dickens hat seine Romane nach und nach in Fortsetzungen veröffentlicht). Neu ist schon, dass es täglich ein neues Kapitel gibt. Bis gegen Abend sollte es geschrieben sein, damit der Lektor noch ein wenig Zeit zum Lektorieren hat. Und ein klein wenig vom Inhalt gab es zu erfahren, was sehr vielversprechend klang. In gedruckter Form so der Roman natürlich auch erscheinen, im Frühjahr soll es soweit sein. Sicher lohnend, sich das im Hinterkopf zu behalten.
Nach einem kleinen Mittagspäuschen ging es dann aus den Hallen hinaus in die große Glashalle, über die man froh sein konnte, denn so schön wie am Donnerstag war das Wetter nicht. Hier richten verschiedene TV-Sender ihre Veranstaltungen aus und fürs leibliche Wohl ist auch gesorgt. Auf dem blauen Sofa des ZDF hatte gerade der amerikanische Autor Don Winslow platzgenommen. Von diesem habe ich zuletzt "Das Kartell" gelesen, auf ihre Art auch eine fordernde Lektüre, hart und direkt.
Vorgestellt wurde natürlich der neue Roman von Don Winslow "Germany". Wenn man erlebt mit welcher Freude und Lebhaftigkeit dieser Autor über seine Bücher und sein Leben plaudert, kann man es fast bedauern, dass das Buch von den Feuilletons bisher nicht so gut angekommen wird. Vielleicht tröstet es, das Kundenmeinungen nicht so extrem kritisch sind. Auf jeden Fall war es ein Highlight, den Autor beim Beantworten der Fragen erleben zu können. Wobei auch die simultane Übersetzung seiner Worte sehr gelungen war, die Übersetzerin hat die Intonation Winslows übernommen und so die Quirligkeit des Autors ausgesprochen gut rübergebracht. Gerade diese Lebhaftigkeit hat es mir als Fotographie-Laien schwer gemacht ein wenigstens halbwegs scharfes Foto zu bekommen.
So langsam neigte sich mein Messetag nun schon dem Ende entgegen. Dennoch hatte ich noch eine sehr nette Begegnung am Stand des Haymon-Verlags aus Österreich. Dort erscheinen zum großen Teil ausgesprochen lesbare und spannendes Krimis, was ich schon bei etlichen Büchern feststellen konnte. Ein kleiner Verlag, der durchaus viel größere Beachtung verdient hätte.
Im festen Entschluss nicht allzu viele Goodies mitzunehmen bin ich zu Beginn des Tages gestartet, es wiegt schließlich alles was. Und bis auf ein paar Kleinigkeiten habe ich mich auch an meinen Vorsatz gehalten. Schließlich ging es dann mit der Straßenbahn der Ölsardinen zurück zum Bahnhof und im Zug hatte ich ein wenig Muße, diesen ereignisreichen Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Mit über 11 km (wieso dachte ich, dass in Leipzig alles näher beieinander ist) und rechtschaffen müde war ich am späten Abend wieder daheim und in mir reift die Überlegung, dass der Messebesuch bei nächsten Mal vielleicht doch auf zwei Tage ausgedehnt werden kann.

Mittwoch, 16. März 2016

Der Schwalbenmann

Mit sieben Jahren ist die kleine Tochter von Professor Lania ihrem Alter voraus. Ihr Vater hat die Gabe verschiedenste Sprachen perfekt zu beherrschen an seine Tochter Anna weitergegeben. Andererseits ist Anna wirklich erst sieben und für ein Kind ist das Leben in Krakau zu Beginn des zweiten Weltkriegs nicht leicht. Annas Vater ist einer der ersten, der von den Nazis verschleppt wird. Zunächst weiß Anna nicht, dass sie allein ist. Doch schnell merkt sie, dass etwas nicht stimmen kann. Und dann trifft sie den Fremden ohne Namen, der ähnlich sprachbegabt ist wie ihr Vater. Sogar die Sprache der Vögel scheint er zu beherrschen. Anna fasst sofort Vertrauen zu ihm.

Anna und der Schwalbenmann wandern durch den Krieg, immer auf der Hut, immer in Sorge, immer in Gefahr, immer auf der Suche nach dem Medikament, das der Schwalbenmann braucht. Doch sie meistern die schwere Aufgabe, im Krieg zu überleben. Menschen weichen sie meistens aus. Viel erzählt der Schwalbenmann nicht, dennoch beschützt er Anna. Der Mann und das kleine Mädchen sie ergänzen sich wie Vater und Tochter. Wer aber ist der Schwalbenmann? Manchmal scheint er beinahe erkannt zu werden. Mit Glück können sie die schwierigen Situationen überstehen. Und sie finden sogar einen Freund.

Eine wunderbare, wenn auch durch die Kriegswirren vielleicht unfreiwillige, Freundschaft zwischen einem Getriebenen und einem intelligenten, aber doch hilflosen Kind wird hier sehr anrührend geschildert. Man mag kaum hoffen, dass das ungleiche Paar den Krieg überstehen kann. Gebannt folgt man ihrem Weg, begegnet jeder Gefahr, trotzt jeder Unbill. Die Krankheit und die Unklarheit über die früheren Lebensumstände des Schwalbenmannes stehen irgendwie im Gegensatz zu der klaren Strukturiertheit in Annas Leben, bevor ihr Vater interniert wird. So wie Anna auf den Schwalbenmann angewiesen, scheint auch er sich durch sie unterstützt zu fühlen. Im Eintauchen in dieses Buch lernt man eine Welt kennen, deren Kenntnis besser jedem erspart bleiben sollte. Der Krieg ist einfach nicht zu ertragen, dennoch ist man getragen von der Hoffnung, die diese ungewöhnliche Freundschaft, weckt. 

Beim Lesen fühlt man sich durch den Roman gleiten wie auf einer Wolke, man wünscht Anna und der Schwalbenmann mögen eine bessere Welt finden. Doch konfrontiert mit der harten Wirklichkeit, sieht man sich genötigt, die Wolke zu verlassen. Zwar bleibt die Hoffnung, doch es bleiben auch Fragen. Zum Beispiel: Wer ist der Schwalbenmann? Und was war der Preis?


Ein außergewöhnliches Debüt von einem Schriftsteller, der eigentlich Schauspieler ist, das anrührt und nachwirkt und einen leider kurz vor Schluss auf den Boden der Tatsachen holt, ohne die Tatsachen zu benennen.

4 Sterne 

Anna and the Swallow Man von Gavriel Savit
ISBN: 978-1-782-39953-3





Dienstag, 15. März 2016

Divine, Virginia

Seinen Sprung von der Klippe hat John Carr aka Oliver Stone zum Glück unbeschadet überstanden und auch den ersten Häschern ist er knapp entkommen. Doch er steht in Verdacht, Roger Simpson und Carter Gray umgebracht zu haben und nicht nur nahezu der gesamte amerikanische Polizeiapparat ist hinter ihm her. Auch sein alter Feind und Vorgesetzter aus Vietnamkriegszeiten Macklin Hayes hat einen besonders begabten Spürhund auf ihn angesetzt. Als Joe Knox jedoch Witterung aufnimmt, findet er ganz andere Spuren als erwartet. Oliver Stone hat es derweil in das kleine Örtchen Divine, Virginia, verschlagen, wo es längst nicht so göttlich zugeht wie man vom Nahmen her vermuten könnte.

Fast schon wie gewohnt ist diese vierte Geschichte um Oliver Stone und die anderen Mitglieder des Camel Club ausgesprochen spannend. Man fragt sich, in was für  ein Wespennest Oliver gestochen hat als er dem jungen Danny Riker aus Divine zur Hilfe geeilt ist. Wie so häufig konnte Oliver nicht über seinen Schatten springen drei gegen einen, das geht einfach nicht. Außerdem ist diese Einöde im Westen Virginias vielleicht auch ein gutes Versteck, in dem er in Ruhe überlegen kann, wie er seinen Jägern begegnen will. Obwohl sie keine Ahnung haben, wo Oliver sich aufhält, machen sich Annabel, Caleb und Reuben daran, Oliver zu finden, um ihm halfen zu könne. Nie würde Oliver seine Freunde im Stich lassen und so halten sie es auch mit ihm.

Wie eine Abrundung der Lebensgeschichte des Dreisechsers John Carr wirkt die Erzählung. Neben den unsäglichen Machenschaften gewisser Einwohner des Ortes Divine, die nach und nach aufgedeckt werden und die einem wahrlich einen Schauder über den Rücken jagen, kommt die Jagd, die sein persönlicher Fein Hayes auf ihn angezettelt hat, zu einem Ende. Dieses ur-amerikanische Element der Ehre auf dem Feld, die honoriert werden sollte, der ewig nachtragende  Hayes, der Carr eine gewisse Sache immer noch übel nimmt, die Sache mit den Dreisechsern, deren Existenz so unglaublich ist, dass man doch schon wieder einen leisen Zweifel hat, ob es wirklich reine Fiktion ist. Wie man sich als nicht Amerikaner bei Lesen dieses Buches so manches mal fragt, wie hoch der Realitätsbezug sein könnte. Gerade zum Schluss hin wird es beinahe schon märchenhaft. 

Trotzdem ein Thriller, der in jeder Sekunde mehr den Atem raubt und einfach eine packende Lektüre liefert. Warum eigentlich gibt es noch keinen verfilmten Oliver Stone? Das Potential für einen rasanten Action-Film wäre sicher vorhanden.

4 Sterne

Die Jäger von David Baldacci
ISBN: 978-3-8387-1051-8




Sonntag, 13. März 2016

Die Geheimnisse der Eltern

Katrine und ihr Bruder erhalten ein lukratives Angebot für ein Grundstück, das sie nicht kennen. Es liegt in dem Ort, aus dem ihre Mutter Ingrid stammt. Leider funktioniert Ingrids Gedächtnis nicht mehr, sie ist mit ihrer gesamten Lebensführung überfordert und muss im Krankenhaus behandelt werden. Deshalb reist Katrine in den Heimatort ihrer Mutter, um zu klären worum es überhaupt geht. In Tornedalen, einer Gegend an der schwedisch-finnischen Grenze, erfährt sie, dass in der weiteren Nachbarschaft ein alter Mann erschlagen wurde. Katrine beginnt nachzuforschen, zum einen in der Vergangenheit ihrer Mutter und auch der Mord interessiert sie. Auch der alte Mann hatte wohl ein Kaufangebot für sein Grundstück erhalten.

Katrine wirkt unzufrieden mit ihrem Leben. Sie hat gerade ihre Arbeit verloren und deshalb nimmt sie gerne die Gelegenheit wahr, etwas über die Vergangenheit ihrer Mutter herauszubekommen. Ihre Großmutter hat sie nicht mehr gekannt und ihre Mutter hat nichts von ihr erzählt. Nach und nach entdeckt Katrine ihre unbekannte Oma. Sie folgt ihren Spuren. Dabei entdeckt sie auch Spuren des Mordes. Ihre Neugier lässt ihr, was beide Themen angeht keine Ruhe.

Auf ihrer Spurensuche entdeckt Katrine auch einen spannenden Teil der schwedischen Geschichte. In den 1930er Jahren suchten junge Schweden aus den ärmeren Schichten ein besseres Leben in der Sowjetunion. Der Kommunismus sollte das Heil bringen. Um diesen Teil der Vergangenheit spinnt die Autorin eine packende Story um das Schweigen, das Verschweigen, das totschweigen und eben das tödliche Schweigen. In Schweden wird viel geschwiegen, ebenso in Russland. Und Katrine kämpft gegen das Schweigen, sie such alleine nach den Geheimnissen der Vergangenheit und auch der Gegenwart. Die offenen Türen laden zum Betreten der leeren Häuser ein und Katrine nutzt dies weidlich aus, um jede kleine Information zu sammeln und daraus ein erstaunliches Bild zusammenzufügen. 

Eine sehr gelungene Mixtur aus fesselndem Kriminalroman und interessanten Geschichtsdrama.


4 Sterne

Tödliches Schweigen von Tove Alsterdal
ISBN: 978-3-404-17274-0


Samstag, 12. März 2016

Liebe mit Hindernissen


Für Fisher ist es Liebe auf den ersten Blick, als er Ivy kennenlernt. Doch bevor beide Zeit finden, einander kennenzulernen und zu prüfen, ob es eine gemeinsame Zukunft gibt, entscheidet der Zufall für sie. Ivy ist schwanger und zwar mit Zwillingen. So weicht die unbeschwerte Zeit des Verliebtheit-Seins schon bald der Auseinandersetzung mit diversen Herausforderungen, zusätzlich wird das junge Glück davon überschattet, dass Fishers Freund El sehr krank ist. Und noch bevor Ivy und Fisher richtig zueinander finden können, schlägt das Schicksal zu. Ihre gemeinsame Zukunft wird hart auf die Probe gestellt… 
Dieser Liebesroman ist anders als das farbenfrohe und blumige Cover erwarten lässt. Es ist alles andere als eine heitere Liebesgeschichte, die Andy Jones da zu Papier gebracht hat. Die Protagonisten, die in ihrem Leichtsinn nicht an Verhütung denken, sind auch nicht Jugendliche, sondern Erwachsene. Schon dies ist überraschend. Der Schreibtisch ist angenehm und flüssig zu lesen. Doch die Geschichte plätschert irgendwie vor sich hin, ist etwas schwerfällig. Leider erst gegen Ende hat mich das Geschehen emotional gepackt. Das ist mir für ein 430 Seiten umfassendes Buch dann doch zu wenig, auch wenn ich es mal interessant fand, einen Liebesroman aus männlicher Feder zu lesen. 

3 Sterne

Zwei für immer von Andy Jones
ISBN: 978-3-352-00664-7

© Britta Kalscheuer




Freitag, 11. März 2016

Zu Zweit

Als Kinder wurden sie entführt und den ganzen Sommer über von dem Täter festgehalten. Eine eigenartige Situation, getan hat er ihnen nichts, gehen ließ er sie auch nicht. Zum Glück können sie befreit werden. Doch welche Freiheit bekommen sie zurück. Jahre später hat die eine der Beiden ihre Erlebnisse in einem Roman verarbeitet. Die andere ist Schauspielerin, die allerdings gerade nicht besonders gefragt ist. Umso überraschender kommt das Angebot, in der Verfilmung eben dieses Romans die ermittelnde Polizistin zu spielen. Sollte es nach so langer Zeit die Möglichkeit eines Wiedersehens geben.

Wie können junge Menschen ein solch einschneidendes Erlebnis verarbeiten. Ist dies überhaupt möglich. Die beiden Mädchen handeln sehr unterschiedlich. Carly, die später Schauspielerin wird, lässt sich von ihrer Stiefmutter zu Schönheitswettbewerben bringen. Lois nutzt ihre Fähigkeiten zu buchstabieren zunächst ebenfalls auf Wettbewerben und dann zu einem Studium, so dass sie Dozentin an einem College werden kann. Auf eine Art ist das Leben beider Mädchen weiter gegangen, doch richtig verarbeitet haben sie ihre Erlebnisse nicht.


Ein kluges und interessantes Szenario - und doch schaffen es Lois und Carly nicht, den Leser für sich einzunehmen. Natürlich tut es einem leid, als die beiden Mädchen kurz nacheinander verschwinden und man ist froh, dass sie doch relativ wohlbehalten wieder auftauchen. Doch ist es wirklich so ein Stigma, dass sie sich zu recht eigenartigen Persönlichkeiten entwickeln müssen. Leben sie in einer Art Phantasiewelt, in der die Entführung nie wirklich beendet wurde. Weder die Beweggründe der einen noch die der anderen werden wirklich klar. Zuviel bleibt im Vagen und Ungesagten. Irgendwann fehlt einfach die Lust, ihnen weiter zu folgen. Unsicher, ob der Roman tatsächlich nicht so gelungen ist oder ob es an einem selbst liegt, dass man mit dem Buch nicht warm werden kann, schaut man, was denn der Durchschnittsleser über dieses Buch zu berichten weiß. Und auch wenn es zu bedauern ist, denn gerne wäre man in die Handlung eingetaucht und hätte mit den handelnden Personen empfunden, so ist man doch froh, dass man nicht alleine so gefühlt hat. Schließlich legt man das Buch aus der Hand, mit dem Gedanken „Schade“.

2,5 Sterne

The Other Girl von Maggie Mitchell
ISBN: 978-3-471-35112-3


Donnerstag, 10. März 2016

Feuergott

Seit Shan aus dem Gefängnis entlassen wurde, lebt er mehr oder weniger unter dem Schutz des Genossen Tan. Doch im Moment geschehen unheimliche Dinge in Tibet. Bereits mehrere Tibeter haben sich öffentlich verbrannt. Auf Geheiß der Obrigkeit wurde eine Kommission gebildet, die die Vorfälle untersuchen soll. Als ein Mitglied der Kommission plötzlich stirbt, wird Shan als Ersatz gewonnen. Um ihn von der Wichtigkeit der Teilnahme an dieser Aufgabe zu überzeugen, wird sein Freund und Mentor Lokesh gefangen genommen. Schweren Herzens macht sich Shan daran, die Geheimnisse um die Selbstverbrennungen zu erkunden und findet schnell einige Ungereimtheiten.

Tibet - von Europa aus gesehen ein fernes unbekanntes Land mit eigenen Sitten und Gebräuchen, vereinnahmt vom großen Bruder China, der die kommunistische Lebensart auch diesem kleinen Landstrich überstülpen will. So ganz gelingt es zum Glück nicht. Doch bedauerlicherweise sind wohl etliche der Rahmenbedingungen tatsächlich so wie in diesem Roman dargestellt. Und so schafft es Eliot Pattison zum wiederholten Male, dem Leser das Dach der Welt näherzubringen. Bereits nach wenigen Seiten vermeint man, sich in der zerklüfteten Bergwelt vorzufinden, den Wind rauschen zu hören, man sieht förmlich sie Gebetsfahnen, man spürt die Beobachtung durch die Machthaber, die Bedrohung durch das System. Man ist versucht, sich umzuschauen, ob nicht hinter einem etwas Ungutes vorgeht, dem man entrinnen sollte. 

Eine große Beklemmung, in der Shan lebt und doch auf der Suche nach der Wahrheit ist. Bang ist ihm ums Herz aus Sorge um seinen Freund Lokesh, der ihm Halt gibt und den er auf keinen Fall verlieren möchte. Doch was wäre es nütze, würde Shan einfach nachgeben und machen, was von ihm verlangt wird. Vermutlich brächte das keinen Gewinn an Sicherheit, weder für Lokesh und schon gar nicht für Shan. Und so nähert sich Shan lieber der Wahrheit, manchmal nicht direkt, immer vorsichtig und dennoch zieht er manche dabei auf seine Seite, indem er die Augen öffnet oder hilft. Er lockt die Mönche oder Tibeter in ihnen hervor und führt sie zu tieferen Einsichten. 

Ein wenig schaudert es einen beim Lesen, in solch einer Welt der Einschränkung und Begrenzung möchte man nicht leben. Und doch taucht man ein ins Geschehen, gepackt von der Geschichte um die Selbstverbrennungen. Vorsichtigen Schrittes folgt man Shan - fasziniert bis zum letzten Buchstaben.


5 Sterne

Tibetisches Feuer von Eliot Pattison
ISBN: 978-3-8412-1048-7


Mittwoch, 9. März 2016

Der Holzhammer trifft

Die Funktionäre des Ortes  begeben sich auf eine Bergwanderung. Der DSV erwägt, seine Aktivitäten vom Götschen an den Jenner zu verlegen und im Rahmen der Tour sollen die entstandenen Konflikte zur Zufriedenheit aller gelöst werden. Dumm nur, dass nicht alle Teilnehmer das Endes des Weges lebend erreichen. Hauptwachtmeister Holzhammer soll den Vorgang untersuchen und schnell fallen ihm ein paar Ungereimtheiten auf, die an ein Verbrechen denken lassen.

Beim Vortrag der Regionalkrimis aus bestimmten Gefilden ist man häufig versucht, sich der Herkunft des Vorlesers zu versichern, nur um mitunter überrascht zu werden. Michael Schwarzmaier jedenfalls versieht die Figuren mit einer gehörigen Portion Lokalkolorit, wodurch die Lesung einen zusätzlichen Reiz erhält. Da knarzen und granteln die Akteure, so dass Hörer mit einem eher nördlichen Hintergrund vielleicht etwas Mühe haben könnten, sich aber bei der urigen Intonation bestens unterhalten fühlen.

Und so gräbt sich Holzhammer in diesen Fall. Er überblickt die Sache besser als sein Chef, der so nicht von seinem Abstellgleis herunterkommen wird. Als Einheimischer hat Franz einfach bessere Beziehungen, da fragt er einfach die Marie, ob nicht nicht einmal herumhorchen könnte, was der Dorfklatsch so hergibt. Und entgegen der kugelrunden Gemütsruhe, die er ausstrahlt, vermag Franz Holzhammer sein Gehirn durchaus zu benutzen.

Von diesem Alpen-Krimi lässt man sich gerne nach Bayern entführen und unterhält sich bestens, wenn man dem Holzhammer Franz beim Ermitteln über die Schulter schaut.


3,5 Sterne

Teufelshorn von Fredrika Gers
ISBN: 978-3-868-04328-0


Dienstag, 8. März 2016

Wer hat Agnes Gerner

Kommissar Tommy Bergman wäre eigentlich lieber bei der Streife, er vermisst die Zusammengehörigkeit und Kameradschaft. Bei der Kripo scheinen alle Einzelkämpfer zu sein. Seit seine Freundin sich von ihm getrennt hat, was er sich selbst zuzuschreiben hat, übernimmt er gerne mal eine Schicht am Wochenende oder an einem Feiertag. Gerade während einer solchen Schicht werden in der Nordmarka die Überreste von drei menschlichen Leichen gefunden. Die Knochen sind schon alt, doch offensichtlich sind die Toten umgebracht worden und Bergmann unternimmt, was er kann, um die Toten zu identifizieren. Nur kurze Zeit später wird der ehemalige Widerstandskämpfer Carl Oscar Krogh erstochen. Sollten die Fälle zusammenhängen. Die Spur führt Tommy Bergmann weit in die Vergangenheit.

Was für ein Buch. Wie können diese sehr unterschiedlichen Handlungsstränge nur zueinander passen oder zueinander finden. Die Widerstandsbewegung in Norwegen während des zweiten Weltkrieges. Die Versuche die Nazi-Herrschaft zu brechen. Und aus welchem Grund sollte heute jemand einen gut beleumundeten Mitglied dieses Widerstands den Tod wünschen. Vor allem, wie kann ein Kommissar sich dieses Falles annehmen, der genug eigene Probleme hat, die ihn beschäftigen. Wird er der Aufgabe gewachsen sein oder wird er eher von einem Hinweis zum nächsten stolpern, um schließlich nichts zuwege zu bringen.


Ein Experiment, dem man sich mit Ruhe und Zeit widmen sollte. Ausgesprochen filigran sind die Fäden, die hier verwoben sind. Man verfängt sich in ihnen, ist manchmal abgestoßen, doch immer neugierig, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt. Der geschichtliche Hintergrund wirkt sehr gut recherchiert und das Eintauchen in die Vergangenheit ist ausgesprochen spannend. Mit jeder Seite wird man neugieriger wie sich Vergangenheit und Gegenwart zusammenfügen. Auch wenn Bergmann nicht alle Sympathien wecken kann, weil er doch die Auseinandersetzung mit seinen Abgründen scheut, so braucht sein Geschick als Ermittler doch den Vergleich mit einigen Großen nicht zu scheuen. Und bei dieser herausragenden Kriminalgeschichte kann man nicht anders als begeistert zu sein.

5 Sterne

Der letzte Pilger von Gard Sveen
ISBN: 978-3-471-35116-1


Sonntag, 6. März 2016

Die Fülle des Lebens


Schon bevor die Schulzeit in Stendal vorbei ist, weiß die junge Margarete Hegewald genau, was sie will. Ihre Lehrerin möchte, dass sie ihr Abitur macht. Ihr Vater meint, sie wird sowieso heiraten. Doch Margarete will eine Ausbildung machen. Und sie schneidet sich nicht nur die langen Zöpfe ab, sie setzt sich auch durch. Als Auszubildende im Büro von Foto-Werner fängt sie an. Dort ist sie bald als Streberin verschrien, obwohl sie einfach nur Interesse an der Tätigkeit hat. Doch leider wird in den späten 1930er Jahren ihre schöne Jugendzeit von dem Erstarken der Nazi-Partei und deren unsäglichen Regime überschattet.

Die Jugend ist doch die schönste Zeit im Leben eines Menschen, jedenfalls in der Erinnerung. Alles scheint möglich, die Welt steht einem offen. Auch wenn man in einer Diktatur aufwächst, wird man vermutlich so denken. Man schickt sich in die Situation, versucht, das Meiste nicht zu bemerken und wünscht sich nur, glücklich zu werden. Doch das Leben schreibt häufig eine andere Geschichte. Vielleicht bekommt man den Wunschpartner oder auch nicht, er entpuppt sich anders als gedacht. Beruflich läuft es vielleicht gut, vielleicht muss man aber Rückschläge hinnehmen. Vielleicht verschlägt es einen in den Westen oder man bleibt im Osten. Momententscheidungen, die manchmal den Rest des Lebens verändern. 

Sehr menschlich dargestellt wird das Schicksal von Margarete, die nicht mehr Margarete oder Gretl heißen will, sondern Margo. Manchmal steht sie auf, manchmal duckt sie sich weg. Der geheimnisvollen Helene, die den spanischen Bürgerkrieg als Fotografin dokumentiert hat, gegenüber verhält sie sich opportunistisch und leistet somit Beihilfe zu deren Überstellung ins Konzentrationslager. Es ist einer dieser Momente, denn obwohl sie kaum noch Kontakt haben, werden die Lebenswege beider Frauen bis ins hohe Alter davon beeinflusst. 

Als Leser, dessen Eltern und Großeltern noch zu den Zeitzeugen gehören, kann man sich in viele Szenen dieses Romans gut hineinversetzen. Die Gutgläubigkeit, das nichts gewusst haben, der Neustart, die Verwandten auf der jeweils anderen Seite, das ungläubige Staunen bei Öffnung der Grenzen. Zeitgeschichte, die die Eltern, Großeltern und auch man selbst erlebt hat. Dazu die Berichte in Zeitungen über Machenschaften, von denen man nicht ahnte, die aber auch nicht überraschen. Mit liebenden Augen blickt die Autorin auf ein Leben des letzten Jahrhunderts, mit Höhen und Tiefen, immer authentisch. Vielleicht ist manches Leben eckiger verlaufen, vielleicht auch angepasster. Dennoch kann man anhand der Schicksale von Margo und Helene durch die Zeit wandern und die Jahre nachempfinden, die man selbst nicht erleben musste.


Ein Familienroman, der zum Lesen und zum Verweilen in der Handlung einlädt.

4 Sterne

Ab heute heiße ich Margo von Cora Stephan
ISBN: 978-3-462-04895-7


Samstag, 5. März 2016

Im Auftrag

Wieder einmal wird Victor, der Auftragskiller, ausgesandt, um einen Auftrag zu erfüllen. Ohne dass es herauskommt, möchte die CIA, dass ein Scheich mit terroristischen Verbindungen, ausgeschaltet wird. Als Freischaffender ist Victor der ideale Mann. Bei der Erfüllung des Auftrags allerdings läuft einiges anders als geplant. Zu spät merkt Victor, dass er in eine Falle gelockt wurde. Sein Opfer ist nicht am Ort, stattdessen wartet ein Killer auf Victor und dieser Killer ist eine Frau. Eine Frau, deren Fähigkeiten auf ihrem speziellen Fachgebiet seinen in nichts nachstehen. Nach einer irren Verfolgungsjagd entkommt Victor nur knapp. Und nun will er wissen, wer es auf ihn abgesehen hat.

Wenn man es schon auf den ersten gut fünfzig Seiten mit so rasanter Action zu tun bekommt, kann man sich gut vorstellen, welch furioser Thriller einem hier geboten wird. In einem Spiel, das seines gleichen sucht, wird Victor für die Machenschaften unbekannter Kräfte benutzt. Und  so langsam beginnt er an sich selbst zu zweifeln, sollten andere tatsächlich gewitzter sein als er. Aber Victor wäre nicht Victor, wenn er seinen Verfolgern nicht immer wieder ein Schnippchen schlagen würde. Und nach und nach fügen sich die Teile der Informationen, die er sammelt, zu einem perfiden Plan zusammen. 


Schnelle Szenenwechsel wie in einem Film, Beschreibungen von Verfolgungsjagden, die einem wirklich den Atem anhalten lassen, knappes Entkommen aus scheinbar ausweglosen Situationen. Hierfür steht der Held des Autors. Vielleicht etwas schablonenhaft, doch mit großem Geschickt bastelt Tom Wood um seine Actionszenen eine so brisante Rahmenhandlung, dass man gefesselt eine Seite nach der anderen umblättert und manchmal ungläubig staunt, ob der Gefahren, denen der Held entrinnt. Zum Glück scheint Victor unkaputtbar zu sein, man sollte keines seiner Abenteuer verpassen.

4 Sterne

Dark Day von Tom Wood
ISBN: 978-3-442-48389-1




Freitag, 4. März 2016

Ein Killer für den Killer



Eigentlich ist es ein Killerteam.... 
Der Auftragskiller Victor soll den lettischen Ex-Offizier Andris Ozols beseitigen und ihm ein Päckchen abnehmen. Der Auftrag läuft glatt, fast schon zu glatt. Als Victor zu seinem eigenen Hotel zurückkommt, fallen ihm ein paar eigenartige Gestalten auf, die etwas im Schilde führen zu scheinen. Und wirklich, in der Sekunde, in der Victor erkannt wird, geht das Gemetzel los. Am Ende sind die Angreifer tot und Victor kann so gerade in sein geschütztes Domizil entschwinden. Doch als auch dieses in die Luft fliegt, nimmt Victor, der Einzelgänger, Kontakt zu seinem Auftraggeber auf. Höchst erstaunt stellt er fest: Es ist eine Frau....
Ein Thriller verkehrt, denn hier ist der Killer der Sympathieträger, was mal eine erfrischende Abwechslung zu den meisten anderen Thriller-Romanen darstellt. Glücklicherweise gibt es auch aus dieser Perspektive viel Spannung, rasante Wendungen und eine packende Story. Über Victors Vergangenheit erfährt man in diesem ersten (was sonst?) Band nicht viel. Dafür ist seine Gegenwart umso nervenaufreibender. Wobei ich das Anfang gar nicht so vermutet hätte, denn hier überzog mich der Autor mehrfach mit Beschreibungen und Bezeichnungen von Waffen, von denen ich sowieso keine Ahnung habe. Doch je mehr sich die Handlung entfaltete, desto nebensächlicher wurde dies und die eigentliche Geschichte von Gut und Böse fesselte mich voll und ganz. Der gute böse Victor und oder gegen die anderen. Viel Hilfe bekommt er nicht und die wenige, die er bekommt, hat einen hohen Preis. Da kann man gespannt sein wie es mit ihm weitergeht. Ein ruhiger Lebensabend wird ihm wahrscheinlich nicht vergönnt sein. 
4 Sterne

Codename Tesseract von Tom Wood
ISBN: 978-3-442-47257-4




Donnerstag, 3. März 2016

Was du nicht willst, das man dir tu,

das füg auch keinem anderen zu. Oder wenn du dich in die Lage eines anderen versetzt, würdest er wollen, das es getan wird. Wenn ja, dann tu es. Das ist wohl einer der Schlüsselgedanken von „The long Utopia“ eines Roman von Stephen Baxter und Terry Pratchett. Das Buch ist der vierte Teil einer Reihe um die „Long Earth“ und wegen des leider viel zu frühen Todes des hoch geschätzten Terry Pratchett möglicherweise auch der abschließende Band.

Die künstliche Intelligenz Lobsang möchte ein normales Leben führen wie ein Mensch. Zusammen mit Agnes, die seinen Wunsch akzeptiert, adoptiert er einen kleinen Jungen. Unter dem Namen George und Agnes Abrahams siedeln sie auf einer der fernen Parallelwelten der langen Erde und für eine Weile können sie sich in das Leben in New Springfield einfügen und ihr normales Leben genießen. Joshua Valienté reist durch die Weiten der langen Erde und immer ruhelos und auf der Suche. Die Zeit verrinnt und die empfindsame Agnes beginnt, sich unwohl zu fühlen.

Vielleicht sollte man eine Reihe nicht gerade mit dem neuesten Band beginnen. Dennoch findet man sich nach einer kleinen Eingewöhnungsphase recht schnell im Universum der langen Erde zurecht. Nach der Zerstörung der ursprünglichen Erde haben die Menschen die Parallelwelten besiedelt. Je weiter sie sich von der Datum-Erde entfernen, desto schlichter und einfacher ist ihr Leben. Konflikten können sie durch das Beiseite treten aus dem Weg gehen. Sie können also relativ gefahrlos und zufrieden leben. Die herannahende Gefahr droht ihnen zu entgehen. Doch nach und nach erspüren sie die Veränderung. Und dies spürt man auch als Leser. Was zunächst harmlos beginnt, wächst sich zu einer echten Bedrohung aus. Wie ein Ring, der sich um die Brust zusammenzieht, so ist das Gefühl, das entsteht. Sollte der langen Erde eine ähnliche Zerstörung drohen wie der Datum-Erde. Nicht alle Fragen bezüglich der Gefahr werden geklärt, doch die Geschichte um Lobsang und Joshua, die hier erzählt wird, entwickelt einen besonderen melancholischen Reiz. Dieser Roman wirkt eher in seinen ruhigen und stillen Momenten.


4 Sterne

The long Utopia von Stephen Baxter und Terry Pratchett
ISBN: 978-0-06-229733-4


Dienstag, 1. März 2016

Tripolis

Michele Balistreri wächst in den 1960er Jahren in der italienischen Kolonie in Tripolis auf. Sein Vater Ingegnere Balisteri lenkt die Geschicke seiner Landsleute, aber auch in der politischen Landschaft Libyens mischt er mit. Die Kindheit Micheles ist relativ unbeschwert. Als Sohn eines wichtigen Mannes kann er sich einiges erlauben. Mir seinen Freunden Nico, Karim und Ahmed bildet er ein unzertrennbares Team. Sogar Blutsbrüderschaft wird geschlossen. Die vier erleben die Umwälzungen in dem nordafrikanischen Land. Als Balistreri Jahre später nach Italien zurückkehren muss, fühlt er sich dort nicht daheim. Nur mit Mühe gelingt es der Familie ihn, den missratenen Sohn, bei der Polizei unterzubringen.

Beginnt man mit der Lektüre dieses Romans kennt man Michele Balistreri schon aus „Du bist das Böse“. Bei Ankündigung dieses zweiten Bandes der Trilogie fragte man sich vielleicht, wie es dem Autor gelingen wird, das Interesse des Lesers aufrecht zu erhalten, wenn er von Micheles Jugend in Tripolis berichtet. Nun, die Antwort bekommt man jetzt. Als Sohn eines Italieners mit Verbindungen bekommt Michele mehr von den geschichtsträchtigen Ereignissen in Libyen mit als so manch anderer. Aus seiner jugendlichen und damit auch etwas radikalen Weltsicht urteilt mitunter sehr scharf und nimmt das Recht in seine eigenen Hände. Sein Vater hält dabei eine schützende Hand über ihn und hat Mühe, seinen Sohn zu retten. 

Ein wunderbares aber auch hartes Kaleidoskop der Entwicklung Libyens von der Monarchie zur Diktatur lässt einen beim Lesen den Atem stocken. Mit welcher Dreistigkeit einige Strippenzieher, die schließlich nur eigene egoistische Ziele verfolgen, die Geschicke eines Landes vermutlich nicht zum Besseren wenden. Und auch die Bezüge zu den späteren Jahren in Italien sind so geschickt gewählt, dass der Roman in keinem Moment an Spannung verliert. Ein herausragender politischer Kriminalroman, der Ereignisse in ihrer ganzen Grausamkeit und Härte schildert. Der Geschichte nahebringt und verständlich macht, der einen von der Umtriebigkeit der Mächtigen überzeugt, die eben nicht immer zum Wohle der Menschen handeln. Der einen gescheiterten Jugendlichen, der doch noch etwas wie Ehre zu haben scheint, auch wenn er diese etwas zu vehement verteidigt, zu einem gelangweilten, distanzierten und faulen Polizisten werden lässt, der durch die Verbindung zur Vergangenheit schließlich doch den Willen, zur Klärung eines Falles bekommt und doch vor der Macht zurückstecken muss.


Ein äußerst gelungener zweiter Band, der die Hoffnung weckt, dass auch der dritte Band um Michele Balistreri möglichst bald auf Deutsch erscheinen möge.

4,5 Sterne

Die Saat des Bösen von Roberto Costantini
ISBN: 978-3-570-10181-0