Freitag, 29. April 2016

Päckchendienst

Gerade als die Sekretärin Robin Ellacot ihren Arbeitsplatz erreicht wird dort ein Päckchen angeliefert. Sollte es eine Auslieferung für ihre bevorstehende Hochzeit sein? Das Paket ist an sie adressiert und neugierig öffnet sie die Verpackung. Entsetzt blickt sie auf den Inhalt, ein menschlicher Unterschenkel. Was für ein widerwärtiger Scherz. Nein, das kann kein Scherz sein. Privatdetektiv Cormoran Strike, der inzwischen aus seinen Privaträumen die Treppe heruntergestiegen ist, reagiert beim Anblick des Pakets abgebrühter. Doch auch er ist besorgt, wer sollte ein Motiv für dieses Verhalten haben. Schnell fallen ihm aus seiner Zeit als Militärermittler einige üble Burschen ein, mit sich mit ihm angelegt haben.

Geprägt von der Stimmung der bevorstehenden Hochzeit und den Gedanken, die sich Brautleute vor dem Ereignis machen, wirkt der Fall etwas vernachlässigt. Robin überdenkt ihre Beziehung zu ihrem Arbeitgeber gründlich, zumal Matthew nicht der idealste Ehemann und Partner zu werden verspricht. Auch Cormoran ist häufig in Gedanken versunken, soll er sich wirklich auf seine neue Beziehung einlassen, soll er über seine Empfindungen gegenüber seiner Sekretärin nachdenken. Und nun dieses neue Geschehen, es gibt keine gute Presse. Bereits kurz nach dem Erscheinen der ersten Artikel, verliert die Detektei einige Kunden.

Die Neuzeit scheint einzuziehen in der Detektei des Cormoran Strike. Moderne Ermittlungsmethoden werden fleißig genutzt. Auch das Jahr, in dem die Handlung angesiedelt ist, wird genannt, um jeglichen Zweifel auszuräumen. Der wunderbar angestaubte Charme einer möglichen vergangenen Zeit, der viel zum Lesevergnügen der beiden vorherigen Bände beitrug, geht hier etwas verloren. Ebenso zu sehr verliert sich die Autorin in den Innensichten ihrer beiden Protagonisten. Interessant ist es schon, mehr über die Vergangenheit von Strike und Ellacot zu erfahren. Auch folgt man gerne ihren Betrachtungen, Gedanken und Gefühlen hinsichtlich ihrer Beziehung zueinander und den Beziehungen zu ihren Partnern. Doch geht der geheimnisvolle Ansatz des Falles ein wenig unter. Erst im letzten Drittel vermag die Handlung wirklich zu fesseln. Dann aber richtig.

Cormoran, strike again!

4 Sterne

Career of Evil von Robert Galbraith
ISBN: 978-0-7515-6259-7



Montag, 25. April 2016

Super Bowl

Der Sportreporter Cal Murphy hat einen klasse Auftrag. Bereits des öfteren hat durfte er den Quarterback Noah Larson interviewen und hat der die Chance Noah während der Woche vor dem Spiel zu begleiten. Allerdings ist Noah im Vergleich zu den vorherigen Treffen seltsam verschlossen. Durch einen Zufall entdeckt Cal, dass Noahs kleiner Sohn entführt wurde, um das Spiel zu manipulieren. Cal gerät in eine Zwickmühle, natürlich bittet Noah ihn, diese Information streng vertraulich zu behandeln, aber sollte nicht wenigstens die Polizei informiert sein. Cal überzeugt Noah, dass mit dem FBI die besseren Chancen bestehen, den Kleinen heil und gesund wieder zu bekommen.

Kann es tatsächlich so zugehen im amerikanischen Sport oder wurde die Story eher geschrieben, um eine spannende, schnelle Geschichte zu erzählen, die sich in einem Rutsch durchlesen lässt und dann den Eindruck hinterlässt, mit zerzausten Haaren aus einem Wirbelsturm herausgekommen zu sein. Man tendiert eher zu Letzterem. Denn es erscheint doch sehr unwahrscheinlich, dass ein Siebenjähriger mal einfach so eine Entführung durchmacht. Trotz Bedrohung und Misshandlung genau entscheidet, wem er vertrauen kann. Ebenso eigentümlich mutet es an, dass Cal mehreren Menschen von der Sache erzählt, obwohl er etwas anderes versprochen hat. 


Zwar geht es hier sehr heiß und packend zu, die Geschichte wirkt aber doch etwas an den Haaren herbei gezogen. Der Autor, der selbst zunächst als Sportjournalist zu schreiben begann, versteht vielleicht wirklich mehr von dem Spiel, über das er schreibt, als von der Gestaltung einer glaubwürdigen Story. So hat dieser Roman seine packenden und authentisch wirkenden Szenen eher, wenn es um die Schilderungen des Spiels geht. Dennoch eine rasante Story, die schnell gelesen ist und während des Lesens gut unterhält.

3 Sterne

Dead Line von Jack Patterson
ISBN: 978-1-938848-13-1


Sonntag, 24. April 2016

Samtpfötchen

Bruno ist ein begeisterter Detektiv. Das größte Vorbild des elfjährigen ist sein Vater Jim. Zwar musste dieser seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, aber er hat doch die meisten Fälle gelöst. Als die Mutter seines Freundes Dean umgebracht wird, verspricht Bruno ihm, den wahren Mörder zu finden. Unter Verdacht gerät so wie es naheliegend ist zunächst Deans Vater Terry, der mit Poppy in tiefer Hass-Liebe verbunden war. Terry war in der Mordnacht sturzbetrunken und er behauptet, er könne sich an nichts erinnern. Da sorgt ausgerechnet Brunos Katze Mildred, die mit einer neuen Kamera an ihrem Katzenhalsband ausgestattet ist, für einen Hinweis.

Fast wider Willen beginnt Jim doch wieder zu ermitteln, ein wenig unfreiwillig bildet er ein gutes Team mit seinem Sohn. Da scheint zum einen der Apfel nicht weit vom Stamm zu fallen und zum anderen die Katze das Mausen nicht sein lassen zu können. Obwohl gerade Bruno es mit der Zusammenarbeit mit den ermittelnden Polizisten nicht so genau nimmt, trägt er doch zur Aufklärung des Falles bei. Als Mildred nach einem abendlichen Ausflug nicht nach hause kommt, ist Bruno äußerst besorgt. Der Sender an ihrem Halsband bewegt sich nicht. Sein Wissensdurst, seine Kombinations- und Beobachtungsgabe sind für einen elfjährigen besonders ausgeprägt. Vielleicht allerdings haben gerade elfjährige noch die Fähigkeit, sich auf jedes Detail zu stürzen, sich zu merken und im richtigen Moment exakt zu kombinieren. Es kann schon sein, so wie Jim sagt, sein altes Gehirn arbeitet einfach langsamer.

Warmherzig werden Bruno, seine Mutter Helen, sein Vater Jim und Mildred porträtiert. Zwar wirkt Bruno etwas sehr dickköpfig, wenn es darum geht, Regeln einzuhalten und manchmal werden Leichtigkeit und Schwere auf eine Art gefügt, dass sowohl Leser des eher leichten Genres als auch die, die es lieber ernsthafter mögen, einige Mühe mit der Handlung haben könnten. Das Spiel mit den Regeln des Spiel ist jedoch in anderen Punkten durchaus gelungen. Wenn Bruno Anmerkungen darüber macht, was in Kriminalromanen oder -filmen entweder immer oder nie passiert und dieses dann durch die Handlung bestätigt oder widerlegt wird gibt dem Roman einen gewissen Reiz. Ein wohl durchdachter Fall tut das seinige dazu, das Buch in positiver Erinnerung zu behalten.


Als Beginn einer Reihe gedacht, darf man sich wohl darauf freuen, noch mehr von Mildred, Bruno und dem Rest der Familie zu lesen.

4 Sterne

Gone Cat von Sam Gasson
ISBN: 978-3-7363-0157-3


Freitag, 22. April 2016

Alte Freundin

Im Flugzeug lernt Mama Carlotta eine nette Frau kennen, die ebenfalls auf dem Weg nach Sylt ist. Sie will dort eine alte Freundin treffen, die sie vor ewigen Zeiten in einem Ferienlager kennengelernt hat. Doch vorher unternehmen Mama Carlotta und Donata Zöllner noch etwas. Donata ist besorgt, weil sie ihre Freundin Magdalena nicht erreichen kann. Am nächsten Tag wird Magdalena tot aufgefunden. Mama Carlotta ist entsetzt, aber natürlich ist auch ihre Neugier geweckt. Und für ihre Ermittlungen spannt sie fast alle Inselbewohner aus ihrem Bekanntenkreis ein. Da braucht ihr Schwiegersohn Kommissar Eric Wolf kaum noch etwas zu tun.

Dem erneut humorigen Vortrag von Christiane Blumhoff lauscht man gerne und kann miterleben wie Mama Carlotta sich aufmacht, die Sylter Inselwelt mal wieder durcheinander zu bringen. Ihr Schwiegersohn freut sich zwar mehr über ihr tollen italienischen Kochkünste. Doch das Kochen erledigt Mama Carlotta mal eben nebenbei. Ihre wahre Leidenschaft ist das Detektiv spielen. Zwar ist sie rechtschaffen betrübt, über die traurigen Ereignisse, doch das feuert ihre Neugier eher noch an. Die Verbrecher sollen sich vor Mama Carlotta hüten. Gewitzt findet sie einige Details heraus, die der Polizei zunächst verborgen bleiben. Doch ihre überbordende Phantasie lockt sie auch mal auf eine falsche Fährte. 


Spaß macht es Carlotta auf ihren Wegen zu folgen, ihre naseweise Art, die die Sprecherin mit einem hübschen italienische Akzent wunderbar in Szene setzt, unterhält bestens. Natürlich hat man es hier mit der leichteren Muse zu tun, doch auch so was muss mal sein. Leichte Unterhaltung, wie man sie gerne hört, wie man sie gerne immer mal wieder hört.

3,5 Sterne

Gestrandet von Gisa Pauly
ISBN: 978-3-868-04818-6


Dienstag, 19. April 2016

Rochade

Immer schon war es ihr Traum bei der Polizei zu arbeiten. Gegen den Willen ihrer Familie hat sie sich dazu entschlossen, in den Dienst einzutreten. Doch so glatt läuft die Karriere von Pia Cortes nicht. Mal wieder die Glasdecke, gegen die Frauen in Männerwelten manchmal stoßen. Der neue Fall soll den Durchbruch bringen. Eine aus Deutschland stammende Taschendiebin soll einen reichen Mann umgebracht haben und dann mit seinem Wagen und den darin befindlichen Drogen abgehauen sein. Schnell wird die junge Frau gefunden, allerdings von schweren Brandwunden gezeichnet. Zur Behandlung wird sie ins Krankenhaus gebracht. Pia Kollegen sind von der Schuld der Diebin überzeugt, nur sie mag nicht an das Offensichtliche glauben.

Pia Stellung in der Truppe ist nicht gut, zwar wird sie nicht direkt gemobbt, doch sie wird von Informationen abgeschnitten und übergangen. Es passt nicht ins Bild, dass sie von der Unschuld von Barbara, der jungen Taschendiebin überzeugt ist. Auch die Anwältin Dagmar, die den Auftrag bekommt, sich Barbaras Falles anzunehmen, führt eher ein Schattendasein. Ihre Kinder wurden ihr genommen und sie versucht alles, um etwas darüber zu erfahren, wie es ihnen geht. Ganz anders dagegen die toughe britische Journalistin Janet. Diese drei unterschiedlichen Frauen finden in diesem Fall zusammen. Sie ergänzen sich bestens und durch die Unzufriedenheit mit ihrer Situation gewinnt die Idee der Gründung einer Privatdetektei an Form.


Ein Krimi, mit dem man eine Reise nach Barcelona unternimmt. Auch wenn man die Stadt nicht kennt, bekommt man ein Gefühl für die Atmosphäre. Die Neu-Detektivinnen lassen sich von der nahezu aussichtslosen Lage ihrer ersten Kundin nicht davon abhalten, mit Eifer an die Sache zu gehen. Sie erfahren Unterstützung, aber auch viel Gegenwehr. Vielleicht ein eher konventioneller Fall, der von ein paar Ablenkungen aus der Spur gebracht wird. Dennoch eine schöne Leseerfahrung. Das langsame Zusammenfinden der drei Frauen wird unterhaltsam geschildert. Mit humorvollen Worten widmet sich die Autorin ihren sympathischen Heldinnen und schafft es sie ihren brisanten ersten Fall zu einer Lösung zu bringen.

3,5 Sterne

Meines Bruders Mörderin von Irene Rodrian
ISBN: 978-3-95520-050-3

Sonntag, 17. April 2016

Die Umstände

Mit einem Posttraumatischen Belastungssyndrom wird Brad Skinner aus der US-Armee entlassen. Dreimal war er im Irak, die Armee tut sich allerdings schwer damit, anzuerkennen, dass sie etwas mit der Krankheit zu tun haben könnte. Haltlos irrt Skinner durch New York. Zufällig trifft er die junge Uigurin Zou Lei. Illegal über Südamerika eingereist, war sie schon einmal im Gefängnis. Nun muss sie wirklich den Kopf unten behalten, um nicht noch einmal aufzufallen. Gezwungenermaßen arbeitet sie illegal in einem Chinarestaurant, in dem das Essen billig ist und die Bezahlung schlecht. 

Zuerst begegnen sie sich mit Misstrauen, umkreisen sich in gewisser Entfernung. Doch so wie Skinners einzige Zerstreuung die Muckibude ist, so sehr dient das Training Zou Leis Sicherheit. Sie muss fit sein, um weglaufen zu können. Nach und nach öffnen sie sich und geben ihre Erlebnisse preis. Skinners Erfahrungen als Soldat möchte man wahrlich nicht machen und wie die Armee mit den Menschen umgeht, die sie kaputt gemacht hat, ist auch nicht gerade des Ruhmes wert. Zou Lei gehörte in ihrer Heimat als Kind einer Uigurin und eines chinesischen Soldaten nirgendwo hin. Sie hoffte auf ein besseres Leben in Amerika. Kann Skinner diese Hoffnung erfüllen? An seinen guten Tagen scheint es beinahe so. Doch wenn die Krankheit durchschlägt, er nur untätig an die Wände starrt, zweifelt Zou Lei. Für Skinner ist seine Freundin ein Rettungsanker, sein einziger Halt. 

Vom menschlichen Schicksalen zu lesen, die so viel durchgemacht haben, wie Skinner und Zou Lei, belastet. Einige Erzählungen sind schwer zu begreifen und noch schwerer zu verdauen. Man hofft, die handelnden Personen mögen einer gemeinsamen Zukunft entgegen sehen. Gerade zu Beginn jedoch wird dem Leser einiges abverlangt, so dass dieser Roman einer sowohl einer zum Durchhalten als auch einer zum Ertragen wird. Man möchte eigentlich nicht wissen, was passiert, wenn in der Nähe Einschläge niedergehen, oder wenn Soldaten ausrasten und ihre eigenen Urteile vollstrecken. Gerne mag man vielleicht chinesische Mahlzeiten, ungern denkt man darüber nach, durch welche Methoden die günstigen Preise zustande kommen. Kann es für diese Beiden, die eigentlich am Boden angekommen sind, auch wieder aufwärts gehen. Man hofft es und doch befürchtet man, es kann keine Zukunft geben. 


Schwierige Themen werden dem Leser in Romanform nahegebracht, sperrig wirkt das Werk, mühsam die Lektüre und dennoch lohnend, allein um das Räderwerk der Gedanken in Gang zu bringen und zu einem „Nie wieder“ oder „So nicht“ zu kommen.

3,8 Sterne

Preparation for the next Life von Atticus Lish
ISBN: 978-1-78074-833-7

Samstag, 16. April 2016

Der 21-Mörder

Nach achtzehn Monaten erwacht der ehemalige Kommissar Konrad Fürst endlich aus dem Koma. Charlotta Fiore, die vielleicht seine Tochter ist, hat ihn jeden Tag besucht. Sie ist überglücklich. Doch zunächst erkennt Konrad sie überhaupt nicht und alles ist anders als gehofft. Zur gleichen Zeit verschwindet ein junges Mädchen, das kurz darauf ermordet aufgefunden wird. Die Tatumstände erinnern sehr an eine Mordserie, die vor dreißig Jahren stattgefunden hat. Damals war Konrad der leitende Ermittler. Sein damaliger Kollege Krump möchte ihn am Liebsten zu den Ermittlungen hinzuziehen. Doch wie soll das gehen, wo Konrad sich kaum an etwas erinnert. Erstmal nimmt Charlotta Konrad zu sich in die Wohnung, die früher Konrads war.

Morde an Kindern und Jugendlichen erscheinen immer ganz besonders perfide und schlimm. Man wünscht sich, sie würde erst nicht geschehen. Natürlich ermittelt die Wiener Polizei fieberhaft. Krump allerdings zeichnet sich eher durch schnelles und vor allem voreiliges Vorpreschen aus. Und auch Hannes kann nicht so engagiert agieren, wie man vielleicht von ihm erwarten würde, schließlich hat Charlotta gerade seinen Heiratsantrag abgelehnt. Charlotta beginnt deshalb selbst Nachforschungen anzustellen. Wie so oft hilft dabei der berühmte Name ihrer verstorbenen Mutter, durch den sich viele Türen öffnen. Das Weiterkommen gestaltet sich jedoch schwierig und bald gibt es den nächsten Todesfall.

Auch in diesem zweiten Band um Charlotta Fiore steht der jungen Frau ihre Vergangenheit und ihr mangelndes Selbstwertgefühl im Weg. Ihr Privatleben gerät dadurch sehr aus den Fugen. Auch die Übernahme von Konrads Betreuung macht die Sache nicht leichter. Der neue Fall ist da beinahe eine willkommene Ablenkung. Erst als der Eindruck entsteht, es könnte Konrad etwas besser gehen, treten die Ermittlungen mehr in den Vordergrund. Man bekommt eine Ahnung wie eine Zusammenarbeit zwischen Konrad und Charlotta aussehen könnte. Vielleicht erscheint die Konzentration aufs Private bei diesem Kriminalroman zunächst sehr betont, doch wenn im weiteren Verlauf die Hintergründe klarer werden, rückt doch alles an seinen Platz. Die Klärung des komplexen Falles gestaltet sich unkonventionell und spannend. Je weiter die Handlung voran schreitet, desto mehr wird man von den Ereignissen in den Bann gezogen. Von Charlotta Fiore und ihren Lieblingsmenschen möchte man gerne mehr erfahren.


4 Sterne

Mörderische Wahrheiten von Theresa Prammer
ISBN: 978-3-471-35137-6


Donnerstag, 14. April 2016

Suspendiert

In den Haus, in dem er eine Wohnung hat, wird eine junge Frau tot aufgefunden. Eine drogenabhängige Obdachlose, die hier ein Nachtasyl aufgesucht hat. Der Polizist Leo Junker muss nur einen Treppenabsatz hinunter, um an den Tatort zu gelangen und die Untersuchungen aufzunehmen. Wegen eines missglückten Einsatzes ist er allerdings vom Dienst suspendiert. Trotzdem beginnt er mit den Nachforschungen, denn der Gegenstand, den er in der Hand der Toten sieht, erinnert ihn an seine eigene Vergangenheit. Doch was sollte die mit dem heutigen Mord zu tun haben?

Eigentlich ist er schon ein Sündenbock und durch die unerlaubten Ermittlungen verbessert Leo Junker seine Situation nicht gerade. Viel fehlt nicht und er würde von den eigenen Kollegen gejagt. Dennoch lässt Junker nicht locker, die möglichen Folgen nimmt er in Kauf. Immer wieder denkt er an seine schwierige Jugend und an seinen ehemaligen besten Kumpel John Grimberg, den alle nur Grim nannten. Grim, der irgendwann sein Feind wurde. 


Insbesondere zu Beginn zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Der suspendierte körperlich und seelisch angeschlagene Leo Junker wirkt sympathisch und alle Hindernisse scheint er zielstrebig aus dem Weg zu räumen. Dazu kommt der geheimnisumwitterte Mord, der die Ermittler zunächst vor einem Rätsel stehen lässt. Die ausgiebig geschilderten Erlebnisse der Vergangenheit nehmen der Geschichte jedoch einiges der Spannung. Es will nicht so richtig vorangehen und schließlich wird so deutlich auf das Offensichtliche hingearbeitet, dass der letzte Kick fehlt. Ganz nachvollziehbar wirkt die Story nicht. Dennoch weckt die Darstellung des Leo Junker als Cop außerhalb des Systems einige Neugier, hauptsächlich wenn er seine eigenartige Stellung beibehält. Wird er ein ganz normaler Serienermittler, wird er sich gegen die vielen anderen normalen Serienermittler behaupten müssen.

3,5 Sterne

Der Turm der toten Seelen von Christoffer Carlsson
ISBN: 978-3-570-10232-9



Dienstag, 12. April 2016

Nacht

Mal wieder ist die freie Journalistin Alex Dare an einem Tiefpunkt. Sie hat nicht nur ein kleines Alkoholproblem, nein, sie säuft richtig. Sie hat ihren festen Job verloren und ihre Ehe ist gescheitert. Trotzdem muss der Rubel rollen, deshalb beginnt sie mit der Recherche zu einem neuen Artikel. Können Wachkomapatienten kommunizieren? Im Rahmen ihrer Nachforschungen erinnert sich an den Fall eines jungen Mädchen aus ihrer Heimatstadt, dass nach einem Missbrauch so brutal zusammengeschlagen wurde, dass es bis heute nicht mehr aufgewacht ist. Mit diesem wenn auch geringen persönlichen Bezug ist Alex´ Interesse geweckt und sie versucht, die letzten wachen Stunden der jungen Amy zu rekonstruieren.

Wer glaubt schon einer so abgehalfterten und problembehafteten Journalistin, die sich auch noch selbst in ihre üble Situation gebracht hat. Ihr Ex-Mann, der Polizist Matt jedenfalls nicht. Das sagt er ihr ganz deutlich. Eher noch zu Auskünften bereit sind Menschen, die sich von ihrer Berufsbezeichnung blenden lassen oder die auf den schnöden Mammon aus sind, den Alex ihnen allerdings nicht bieten kann. Doch von einem regelmäßigen Besucher Amys erhält Alex Hilfe. Jacob, dessen Teenagerliebe Amy war, ist bereit an Alex´ Ermittlungen teilzuhaben. Jetzt nach fünfzehn Jahren erwartet seine Frau das erste gemeinsame Kind und es ist an der Zeit loszulassen. Herauszufinden, was geschah, soll dazu der erste Schritt sein.

Aus hauptsächlich drei Blickwinkeln und auch von drei Vorlesern wird dieses Hörbuch vorgetragen. Gerade durch diese unterschiedlichen Sichtweisen und auch durch die verschiedenen Leser gewinnt das Hörbuch etwas Besonderes. Man mag zunächst etwas angewidert sein von den Folgen des Alkoholismus unter dem Alex machmal weniger leidet als der Zuhörer. Sie nimmt gewisse Dinge einfach so hin. Erst nach und nach scheint sie zu begreifen, dass es so nicht mehr weitergeht. Je mehr sie sich in die Recherche hineinkniet, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass sie bereit ist um ihre Gesundheit zu kämpfen. Bei Jacob fragt man sich, wieso er mit der Vergangenheit nicht abschließen kann. Man kann sich herrlich über seine Angetraute aufregen. Natürlich löst seine Heimlichtuerei ihr Gezicke aus, dennoch denkt man so manches Mal, so eine dämliche Phantasie kann doch keine normale Schwangere entwickeln. Oder sind es doch die Hormone. Und bei Amy fragt man sich natürlich, wie bei jedem Komapatienten, wie weit weg ist sie? Bekommt sie etwa doch was mit? Alex` langsame Veränderung, ihre wieder erwachte Zielstrebigkeit und auch Jacobs Entwicklung zu Offenheit und Ehrlichkeit lassen sich gut mitempfinden, was durch die lebhaft vorgetragenen Lesungen bestens unterstützt wird.

Eine gewöhnungsbedürftige Heldin, die schließlich doch überzeugt.


4 Sterne

Locked in von Holly Seddon
ISBN: 978-3-837-13346-2




Sonntag, 10. April 2016

Geisterfahrt

In einem leerstehenden Haus werden zwei eng umschlungene Leichen gefunden. Sie sind schon vor Jahren gestorben, allerdings keines natürlichen Todes wie an den eingeschlagenen Schädeln schnell erkennbar ist. Hector Salgado und Leire Castro nehmen die Ermittlungen auf. Bereits vor sieben Jahren wurden die Toten als vermisst gemeldet. Dadurch werden die Nachforschungen sehr schwierig, denn nach dieser langen Zeit sind die meisten Spuren einfach verwischt. Pikant, dass sie in einer Dreierbeziehung lebten, deren drittes Mitglied damals in Verdacht geriet und nach zwei Selbstmordversuchen immer noch in einer psychiatrischen Eirichtung lebt. Un d noch immer und gegen die Anweisungen der Vorgesetzten versucht Hector das Verschwinden seiner Frau aufzuklären.

Dieser dritte Band um Inspector Hector Salgado versteht zu überzeugen. Eine Trilogie, die vielleicht in näherer zeitlicher Abfolge gelesen werden sollte, da die einzelnen Bände in recht engem Zusammenhang stehen. Zwar kommen einige Details beim Lesen einiger Absätze zurück, in denen die vorherigen Ereignisse nochmals aufgegriffen werden, doch klarer wird die ganze Geschichte wahrscheinlich, wenn man die drei Romane hintereinander liest. Auch die Fälle, deren Aufklärung sich auf die einzelnen Bücher beschränkt, sind schon ausgesprochen spannend und komplex. Doch den richtigen Reiz bekommt die Reihe erst durch die verwickelten Spuren und das verwobene Geflecht von Handlungssträngen, die sich durch die gesamte Erzählung ziehen. 

Alles hängt irgendwie zusammen und Antonio Hill schafft es den Überblick zu behalten und auch dem Leser das Gefühl zu geben, selbst den Überblick zu haben. Eine herausragender Kriminalroman, der mit Aufmerksamkeit, Neugier und Interesse gelesen werden will. In Erinnerungen erzählt, bietet er ein besonderes Format, auf das man sich einlassen muss und bei dem es Freude macht, wenn die Teile des Puzzles ihren Platz finden, selbst wenn die Lösungen entsetzen und erschrecken. 


Und wie es so ist, der Leser ist nie zufrieden, bei endlosen Reihen wünscht er, sie mögen in Ehren beendet werden, bei abgeschlossen, bleibt das Gefühl, es könne gerne noch weitergehen.

4,5 Sterne

Tote Liebe von Antonio Hill
ISBN: 978-3-518-46643-8


Samstag, 9. April 2016

Letzte Reise

Box Saxton war ein erfolgreicher Bauunternehmer, er hatte für seine Familie ein großes Haus gebaut, die Kinder gingen auf Privatschulen. Dann kam die Wirtschaftskrise und alles war dahin. Nur noch Arbeiten als Subunternehmer sind drin. Box muss wieder selbst Hand anlegen und kann seine Familie gerade so über Wasser halten. Die Nachricht vom Selbstmord seines 19jährigen Adoptivsohns Mark trifft ihn wie ein Schlag. Was kann den Jungen nur zu solch einer Tat bewegt haben? Auf dem schnellsten Weg reist Box nach hause zu seiner Frau und seiner leiblichen Tochter. Noch ist der Leichnam nicht freigegeben und doch müssen er und Liz beginnen, die Dinge zu regeln.

Der Familie Saxton wurde schon viel genommen, ihr gutes Leben, ihre finanzielle Sicherheit. Box ist bei seinen Großeltern aufgewachsen, seine Mutter und sein Bruder früh verstorben. Seine Ehe und auch seine gute Beziehung zu dem Sohn seiner Frau, der erst zwei Jahre alt war als sich Liz und Box kennenlernten, haben ihm Halt gegeben. Und nun scheint auch noch dieser letzte Halt verloren. Box kann nicht verstehen, was seinen Sohn dazu gebracht haben könnte, sich umzubringen. Das Einzige, was ihm bleibt, ist, den Jungen anständig unter die Erde zu bringen. Dort, wo auch Box und seine Frau eines Tages sein sollen. Mit dem Auftauchen des leiblichen Vaters von Mark, ein Maori, hat niemand gerechnet. 

Welch ein Schicksalsschlag, der Tod des eigenen Kindes, selbst eines angenommenen Kindes, ist kaum zu ertragen. Die Welt scheint still zu stehen, die Zeit nimmt einen anderen Lauf. Man erinnert sich, an das eigene Leben, die eigene Kindheit und Jugend, seine Verluste, vielleicht weiß man, um die daraus resultierenden Ängste. Man fühlt Hilflosigkeit und Wut. Wut, die sich nach außen richtet, wenn man augenscheinlich völlig ungerechtfertigten Forderungen gegenübersteht. Man macht sich auf den Weg, einen letzten Weg für sein Kind.


Nach und nach erfährt man, welch schwere Zeiten Box durchlebt hat. Man empfindet Verständnis, dass er die Dinge in die eigenen Hände nimmt. Man geht mit auf diesem Weg. Doch man vermisst auch die Sicht der anderen. Es fehlen einige Sichten und Erklärungen der anderen Familienmitglieder. Die mitreißende Schilderung dieser letzten Reise, die Box für seinen Sohn unternimmt, lässt den Leser tief in Box` Welt eintauchen und Einblick nehmen in seine herzzerreißende Trauer. Dennoch kann es die fehlenden Gedanken der anderen Betroffenen nicht völlig aufwiegen.

4 Sterne 

Settlers Creek von Carl Nixon
ISBN: 978-3-442-74920-1




Donnerstag, 7. April 2016

Vetternwirtschaft

Mit der Karriere des Journalisten Luca Santangelo geht es bergab. Eines Tages erfährt er, dass seine Ex-Freundin Laura ermordet wurde. Ein Tunesier, der mit gestohlenen Gegenständen erwischt wurde, wird verhaftet. Der Fall scheint klar und damit abgeschlossen. Luca kann das nicht glauben, Laura hat ihm kurz vor ihrem Tod eine SMS geschickt. Luca beginnt Nachforschungen anzustellen, er will Klarheit schaffen und einen Artikel schreiben. Zunächst rennt Luca gegen Wände, Manfredi, Lauras Verlobter, verwahrt sich gegen die Nachfragen. Und Luca verliert seinen Job. Dann wird auch noch sein Sohn Diego verschleppt. Gute Gründe, die Sache ruhen zu lassen.

Luca Santangelo würde sich selbst untreu werden, wollte er nicht genau wissen, wieso Laura umgebracht wurde. Er bohrt nach und tritt damit Leuten auf die Füße, denen man in Sizilien nicht auf die Füße treten sollte. Gegen die herrschenden Strukturen kommt er erstmal nicht an. Zwar wird einiges deutlicher als Mariolena, Lauras Großmutter, beginnt, ihre Geschichte zu erzählen.
Diese beginnt schon Anfang des 20sten Jahrhunderts mit einer unglücklichen Ehe und einer glücklichen Liebschaft, der jedoch kein Happyend beschieden war.

Ein hartnäckiger investigativer Journalist, der nicht immer alle Fäden sicher in der Hand hält. Manchmal werden ihm Steine in den Weg geworfen, manchmal bekommt er Hilfe von unerwarteter Seite. Über das Ende seiner Beziehung zu Laura ist er wohl noch nicht ganz hinweg. Umso intensiver verbeißt er sich in den Fall. Damit fördert er einige überraschende Dinge zutage. Doch interessanter fast ist Mariolenas Leben, das doch mit allem verbunden ist. Parallel entwickeln sich beide Handlungsstränge fort bis sie schließlich an dem erklärenden Treffpunkt zusammenfinden. 


Eine kluge und interessante Idee vermochte hier zwar zu unterhalten, aber leider nicht wirklich zu packen. Dennoch ist vorstellbar, dass Luca Santangelo Potential entwickeln kann.

3 Sterne

Sizilianisches Blut von Ann Baiano
ISBN: 978-3-442-20449-6




Dienstag, 5. April 2016

Dreißig Tage

Einen Roman in dreißig Tagen, darum geht es in einem Buch, das Aristoteles Thibodeau, zwölfeinhalb, gerade liest. Aris lebt mit ihrer Mutter Diane und ihrem jüngeren Bruder Max in Kanuga, Georgia. Joe, der Ehemann und Vater, ist schon vor Max` Geburt bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Tja, und weil das Geld nur für Max` Therapie reicht, hat Diane Aris das Buch gegeben. Und Aris ist ein Mädchen. Auf der Suche nach einem Thema beginnt Aris die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben und die ihrer Großeltern und die von Penn, ihrer positiven männlichen Bezugsperson. 

Schon nach den ersten paar Seiten dieses Romans hat man Aris ins Herz geschlossen. Geht man mal davon aus, dass der Roman nicht nur ein Roman ist, sondern tatsächlich ihre Story, hat es Aris in ihrem jungen Leben nicht leicht gehabt. Genauso wie Diane vermisst sie ihren Vater und auch nach acht Jahren ist die Trauer noch nicht vorbei, doch irgendwie kann sie mit ihren Gefühlen nirgends so recht hin. Dieses Buchprojekt bietet ein echtes Ventil für das junge Mädchen, sich auszudrücken. Eigentlich ist sie die Stütze der Familie, die doch selbst eine Stütze brauchen könnte.


Ein rundes Ding, das Gefühl gibt einem die Lektüre, ein Roman mit ein Wenig von allem, Herz, Schmerz, Therapie, Wachsen, Ungerechtigkeit, Rassismus, Schicksal - eine Aufzählung, die noch weiter geführt werden könnte. Klingt wie eine Überfrachtung, ist es aber nicht. Melanie Sumners ist es wirklich gelungen, einen unterhaltsamen, nicht ganz ernsten, aber irgendwie doch ernsten Roman zu schreiben. Was das Schreiben eines Romans in dreißig Tagen angeht, ist man als Leser vielleicht immer noch nicht schlauer, aber man hat eine Handvoll sympathischer Charaktere kennengelernt, deren Lebensbeschreibung einiges an Süße und Tragik enthält, wobei auch die Realität nicht vergessen wird.

4 Sterne

Eine Therapie für Aristoteles von Melanie Sumner
ISBN: 978-3-8321-9796-4


Sonntag, 3. April 2016

Steine

Die Steine waren eine Rockband in der ehemaligen DDR, natürlich als sie noch nicht ehemalig war. In den 80ern hatten sie einige Hits. Allerdings wurden sie von der Wende überrollt und dann nicht mehr gebraucht. Die Band war auch innerlich zerrissen, Streitereien, Unstimmigkeiten, Machtspiele. Die ganzen Querelen führen schließlich zur Trennung. So wie sie miteinander nicht können, so können sie auch nicht ohne einander. Im Jahr 1994 stirbt ihr Manager Conny bei einem Autounfall und möglicherweise könnte dies als der Anfang verschiedener Wiedervereinigungen der Band und etlicher Revivaltourneen sein. 

Über dreißig Jahre kann man unterschiedliche Episoden aus dem Leben der Bandmitglieder oder einiger nahestehenden Personen verfolgen. Man empfindet die Momente, in denen die Band funktioniert, man fühlt ihren Zauber, man erinnert sich an die Musik, die für einen selbst funktionierte. Gerne denkt man an die eigne Jugend zurück, an die Geschichte der Maueröffnung, mit der nie zu rechnen war, auf die man nicht zu hoffen wagte und die doch schließlich möglich wurde. Vielleicht hat man einige Botschafter des Ostens auf der Bühne gesehen, sie und ihre Musik gefeiert. Als Jugendlicher hat man es genommen wie es war und sich keine großen Gedanken um das Leben der Musiker gemacht.


Und hier nun schließt der Roman eine Lücke. Auf sympathische Weise lässt er einen Blick hinter die Kulissen zu. Er dokumentiert die Versuche der Band sich selbst treu zu bleiben, die Streitereien untereinander, die wechselnden Beziehungen. Man ist gezwungen die rosa Brille abzusetzen, um ein realistisches und stimmiges Bild zu erkennen. Zwar scheitern die Musiker, jeder auf seine Weise. Man könnte den Eindruck gewinnen, sie seien ohneeinander besser dran. Und doch ist dieses Buch eine manchmal heitere, meist melancholische Reise in die Vergangenheit, die man gerne unternimmt.

4 Sterne

Comeback von Alexander Osang
ISBN: 978-3-10-002278-3


Samstag, 2. April 2016

Hamburger Luft


Maik Keilenweger wird tot in einer Nebenstraße aufgefunden. Nach ersten Ermittlungen wurde er von einem Auto angefahren und ist unglücklich gestürzt. Bevor dies jedoch endgültig feststeht leitet Hauptkommissar Sebastian Fink mit seinem Team die Untersuchung. Es stellt sich heraus, dass Keilenweger den Abend bei seiner Geliebten verbracht hat. Seine Frau nimmt die Nachricht über den Tod ihres Mannes eher ungerührt auf. Ganz verwunderlich ist das nicht. Wie sich herausstellt, wusste sie von der Freundin. Ganz nebenbei kümmert sich Fink auch noch um seine Großmutter, die überraschend zu Besuch kommt. Trotz dieser Ablenkung konzentriert er sich voll und ganz auf seinen Fall.

Ein unaufgeregter Krimi mit speziellem Hamburger Flair. Wenn es in Deutschland so etwas gäbe wie die „stiff upper Lip“, so wäre sie wohl in Hamburg zu finden. Die Menschen bemühen sich, ihre Gefühle nicht zu zeigen. Und so geht es in diesem Roman auch recht kühl zu. Es handelt sich um den dritten Band der Reihe um Sebastian Fink. Um das Thema der durch Großschiffe verursachten Umweltverschmutzung rankt sich ein verzwickter Fall, hinter dem nicht nur mehr, sondern auch etwas anderes verbirgt als man zunächst vermutet. Mit feinem Gespür geht Fink selbst kleinsten Hinweisen nach, denn sein Instinkt sagt ihm, das Offensichtliche kann nicht alles sein.


Gleichzeitig bietet dieser Kriminalroman eine Auszeit von den problembehafteten Ermittlern und auch eine gewisse Leerstelle, in die etwas mehr zum Umfeld der ermittelnden Beamten hineingepasst hätte. Da werden Kleinigkeiten in Nebensätzen unkommentiert gelassen. Ähnlich verlassen werden auch Nebenpersonen, deren Notwendigkeit für den Fortgang der Handlung beendet ist. Dennoch packt einen der Autor durch die gut recherchierte Thematik und das Vordringen zum Kern, in dessen Verlauf mehrere geschickt zusammengefügte Schichten durchdrungen werden müssen. Mit diesem sprachlich ausgefeilten Krimi lockt eine der Autor in seine spezielle Hamburger Luft.

4 Sterne

Seeluft von Friedrich Dönhoff
ISBN: 978-3-257-24295-9


Freitag, 1. April 2016

Mordsoper

Für eine Opernkarriere hat es nicht gereicht, deshalb arbeitet die Tochter der verstorbenen Operndiva als Kaufhausdetektivin. Also, auch deshalb, weil es mit der Ausbildung bei der Polizei nicht geklappt hat. Carlotta, die lieber Lotta heißt, fällt daher aus allen Wolken, als Hannes Fischer sie um Mitarbeit an einem Fall bittet. Wegen ihrer Kontakte zur Oper so sie dort eine Statistenrolle übernehmen. Gleichzeitig soll der Ex-Polizist Konrad Fürst eingeschleust werden, um die Ermittlungen voranzutreiben. Zwar ist es so ziemlich das Letzte, wovon Lotta träumt, aber nachdem bereits das zweite Ensemblemitglied umgekommen ist, willigt sie doch in das Angebot ein. 

Oftmals nicht ganz bei der Sache, in ihre eigenen Probleme verstrickt, taucht Lotta schneller wieder in die Welt der Oper ein als ihr lieb ist. Die ehemaligen Kollegen der Mutter erkennen sie natürlich und damit wird die Erinnerung an ihre Kindheit geweckt. Die alten Alpträume drängen sich ins Gedächtnis zurück. Doch auch ihr gemeinsamer Einsatz mit Konrad Fürst kann weitere Opfer nicht verhindern. Es muss ein Insider sein, der gute Kenntnisse der Szene hat. Was kann nur ein Motiv sein, Menschen, die eher als Nebendarsteller fungieren, auf offener Bühne zu töten. 

Vielleicht fragt man sich, ob ein lang gehegter Groll wirklich zu solchen Auswirkungen führen kann und ob es solche Zufälle geben kann. Nichtsdestotrotz fühlt man sich in die sympathischen Protagonisten hinein, verdreht zwar manchmal die Augen, wenn die Handlungen etwas abwegig erscheinen, ist aber in jeder Minute der Lektüre mit jeder Faser dabei. In die  Zerrissenheit Lottas kann man sich bestens hineinfühlen. Man bebt förmlich mit ihr, wenn ihr innerlicher Vulkan auszubrechen droht, man wünscht, sie möge den Knoten in ihrem Herzen lösen können. Genauso möchte man Konrad in seiner Suche unterstützen. Dabei lässt man sich in die Welt der exzentrischen Operndarsteller entführen und erhält amüsante und witzige Einblicke in eine Szene, die sich selbst vermutlich sehr ernst nimmt. 


Ein spritzig spannendes Debüt.

4 Sterne

Wiener Totenlieder von Theresa Prammer
ISBN: 978-3-547-71209-4