Dienstag, 31. Mai 2016

Die Hinterlassenschaft

Seine geliebte Mutter stirbt plötzlich und natürlich ist der unbeholfene Berthold Sidebottom untröstlich. Die letzten Worte seiner Mutter lauteten: „Lass sie nicht die Wohnung kriegen!“. Berthold ist zwar schon über fünfzig, doch nach dem Tod seiner kleinen Tochter, an dem auch seine Ehe scheiterte, ist er nicht wieder richtig auf die Füße gekommen. Ein alternder Schauspieler, der stottert, und der mit George Clooney wahrlich nur das Geburtsdatum gemeinsam hat. Und dann gibt es da diese Abgabe für zu große Sozialwohnungen. Um dieser zu entgehen und dennoch nicht ausziehen zu müssen, bittet Berthie eine Bettnachbarin seiner Mutter, die Rolle seiner Mutter gegenüber den Behörden zu übernehmen.

Welche Verwicklungen sind da vorprogrammiert. Bertholds Begegnungen mit den Nachbarn, seine Ersatzmutter, die beim Lügen manchmal zu viel und manchmal überhaupt keine Phantasie entwickelt, die junge Nachbarin Violet, die es Berthie angetan hat und natürlich seine Sozialarbeiterin Eustacia Penny, die er eigentlich nur von Weitem sehen möchte, schließlich könnte gerade sie ihn obdachlos machen. Ein echtes, wenn auch makabres Highlight ist die Bestattung von Bertholds Mutter. Und Innas Akzent ist unnachahmlich, auch wenn sie nicht gerade die ideale Ersatzmutter ist, ihre Kochkünste sind doch bemerkenswert.

Vor dem Hintergrund der alten Sozialwohnungen in London entfaltet Marina Lewycka wieder eine ihrer speziellen Welten, in denen  ukrainische Einwanderer häufig eine tragende Rolle einnehmen. Der gescheiterte und vom Leben gezeichnet Berthold unternimmt etliche fast schon waghalsige Klimmzüge, um in seiner Wohnung bleiben zu können. Es gibt genügend Anlässe zum Schmunzeln, doch manchmal bleibt einem das Lachen beinahe im Halse stecken, wenn man mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert wird. Man möchte Berthold schütteln, weil er nicht mehr Initiative aufbringt. Man möchte ihn beschützen, wenn die Behörden ihm auf die Pelle rücken. Man möchte ihn als Mittelpunkt in seiner Nachbarschaft sehen, als Retter der Kirschbäume. Doch Berthie ist nur Berthie, der auch etwas Glück verdient hat, das ihm vielleicht eher durch Zufall ereilt oder durch das weise Fäden-ziehen einer Frau. 


Marina Lewycka hat einen warmherzigen Roman geschaffen, in dem sie mit einigen köstlichen Szenen aufwartet. Auch wenn man in einigen Momenten nicht ganz nachvollziehen kann wieso Berthold so durch sein Leben schlurft, fühlt man schließlich doch von der Welt, in der Berthold lebt, umarmt.

4 Sterne

The Lubetkin Legacy von Marina Lewycka
ISBN: 978-0-241-24921-5


Sonntag, 29. Mai 2016

Rivera

Olivia Rönning will ihren Namen in Rivera - den Namen ihrer leiblichen Mutter, die aus Mexico stammte - ändern. Sie hat erfahren, dass sie adoptiert wurde und dass ihre leiblichen Eltern tot sind. Das ändert alles in ihrem Leben. Obwohl sie die Polizeiausbildung erfolgreich beendet hat, will sie die Entscheidung, bei der Polizei zu arbeiten, noch einmal überdenken. Am Abend ihrer Heimkehr nach Schweden findet die Nachbarstochter ihren Vater erhängt im Wohnzimmer. Es sieht so aus als habe er sich selbst getötet. Das junge Mädchen bittet Olivia, ihren Computer aus dem Nachbarhaus zu holen. Auf ihrer Suche nach dem Gerät stößt Olivia auf einige Ungereimtheiten, die sie an der Selbstmordtheorie zweifeln lassen.

Wie ein sicherer Hafen kommt einem das ferne Schweden vor. Allerdings ist man wohl auch dort vor Verbrechen oder persönlichen Tragödien nicht hundertprozentig sicher. Ein schweres Schicksal trifft die junge Sandra, die beim Tsunami bereits ihre Mutter verlor und die nun auch noch um ihren Vater trauern muss. Kann es da ein Trost sein, wenn er sich nicht selbst umgebracht hat. Olivia Rivera möchte dem Mädchen helfen und sie beginnt aus eigenem Antrieb, die Sache zu ergründen. Natürlich nimmt sie auch Kontakt mit ihrer ehemaligen Mentorin und Chefin Mette auf, die mit Olivias Entscheidung alles andere als einverstanden ist. Auch der ehemalige Polizist Tom Stilton, der sich nach einer ganz schlechten Phase wieder gefangen hat, beginnt mit Nachforschungen. Doch zunächst reist er mit einem Freund nach Frankreich, um diesem bei der Suche nach einem Mörder zu helfen.


Ein spannender Kriminalroman, der möglicherweise etwas polarisieren könnte. Manche Leser werden sicher in die Handlung sinken und atemlos wieder auftauchen, wenn der Täter entlarvt ist. Andere wieder haben vielleicht gerade mit dem Eintauchen Schwierigkeiten. Die handelnden Personen bleiben auf Distanz, trotz aller Spannung und der interessanten und perfiden Story, könnte manchmal die Lust fehlen, weiterzulesen. Man mag sich fragen wieso, man findet vielleicht keine richtige Antwort, nur ein Gefühl des „Meins ist das nicht“.

3 Sterne

Die dritte Stimme von Cilla & Rolf Börjlind
ISBN: 978-3-442-75394-9




Samstag, 28. Mai 2016

Schuld

Inspektor Avi Avraham aus der Nähe von Tel Aviv weist die Mutter, die ihren Sohn als vermisst melden will, zunächst ab. Der 16-jährige wird wohl nur kurz abgehauen sein und von selbst wieder auftauchen. Es stellt sich jedoch heraus, dass der Junge sich tatsächlich in Luft aufgelöst zu haben scheint. Mit schlechtem Gewissen wegen seiner Unachtsamkeit macht sich Avraham auf die Suche nach dem Jugendlichen. Ofer hat aber nirgends eine wirkliche Spur hinterlassen, niemand hat ihn gesehen und ein anonymer Hinweis führt auch ins Leere. Alles Suchen und Grübeln über die Hintergründe hilft nicht, der junge Mann bleibt verschwunden.

Mit der Erklärung, dass es kaum Kriminalromane auf Hebräisch gibt, weil es nicht die Verbrechen gibt, über die man schreiben könnte, beschwichtigt Inspektor Avraham die besorgte Mutter. Womit er sich selbst ad absurdum führt, denn das Verbrechen ist vor seinen Augen. Es fehlt möglicherweise nur der Autor, der davon berichtet. Vielleicht ist es gerade so ein Autor, der schließlich von den Ereignissen berichtet. Die Leichtfertigkeit, mit der der Ermittler über die Meldung der Mutter hinweg geht und wie das die Nachforschungen beeinflusst, zieht sich durch den Roman. Der Inspektor kann es sich nicht verzeihen, dass er nicht sofort reagiert hat. Ist ein junger Mensch verschwunden, verringert sich mit jeder Stunde die Wahrscheinlichkeit, ihn lebend wiederzufinden. Und man merkt die aufkeimenden Hoffnungslosigkeit je länger sich die Untersuchung hinzieht.


Ein Vermisstenfall, mal eine Abweichung von den vielen Krimis, die mit einem spektakulären Todesfall beginnen. Als Leser neigt man dazu, sich mit dem Ermittler zu identifizieren und seine Gedanken hinsichtlich seines Versagens, das er mit besonders akribischen Nachforschungen überdecken will, zu übernehmen. Dennoch scheint einiges an der Geschichte nicht zu passen. Eine Dienstreise nach Brüssel trägt etwas zur Verwirrung bei, warum lässt sich eine solche Reise während einer wichtigen Ermittlung nicht verschieben. Und so ist man, während man die sehr gut erarbeitete Lesung von Jörg Hartmann verfolgt, immer mehr irritiert. Avi Avraham scheint zu schnelle Schlüsse zu ziehen und sich von seinen Schuldgefühlen lenken zu lassen. Es wirkt so als ob er zu lange auf Nebensächlichkeiten rumhackt und als er das merkt, scheint er allzu schnell bereit irgendeine schlüssige Erklärung zu akzeptieren. Sein Hobby, Schriftstellern nachzuweisen, dass sie in ihren Kriminalromanen nicht die wahren Täter entlarven, kommt etwas großkotzig rüber. Wehret den Anfängen - möchte man rufen.

3 Sterne

Vermisst von Dror Mishani
ISBN: 978-3-837-12311-1




Freitag, 27. Mai 2016

Literarische Gesellschaft

Die junge Lehrerin Ella kehrt für einen Aushilfsjob in ihre Heimatstadt zurück. Es ist nicht ganz leicht für sie, sich wieder in ihrem alten Zimmer und in ihr altes Leben einzufügen. Besonders weil ihr Vater durch die fortschreitende Demenz immer mehr von seinem Charakter verliert. Jedoch als ein Schüler in einem Aufsatz einen Klassiker falsch zitiert und dann noch behauptet, das sei so geschrieben, ist Ellas Neugier geweckt. Sie geht mit dem falschen Buch in die Bibliothek, um aufzuklären, wie es zu dieser falschen Ausgabe kommen konnte. Die Bibliothekarin entwindet Ella das Buch und gibt keine Erklärungen ab. Und dies ist Ellas erste Begegnung mit einem Mitglied der Literarischen Gesellschaft von Hasenhausen, einer kleinen Stadt in Finnland.

Ella wird das zehnte Mitglied der Literarischen Gesellschaft und im Rahmen der ersten Einladung, die sie als Clubmitglied erhält, verschwindet die Kinderbuchautorin Laura Hermelin im Schnee. Nun will Ella wirklich das Geheimnis um die Literarische Gesellschaft und ihr Das Spiel aufklären. Schritt für Schritt tastet sie sich in die Geschichte. Mit jeder Ungereimtheit, die sie klärt, tauchen neue rätselhafte Hinweise auf. Die Gesellschaft existiert schon seit der Kindheit ihrer Mitglieder und die Regeln sind von diesen Kindern geprägt, die heute älter sind als Ella. Wie konnte es bei allem, was rational erklärbar ist, zu dem seltsamen Verschwinden der literarischen Mutter der Kinder kommen, die heute zu den bekanntesten finnischen Schriftstellern zählen. Ellas Tisch im Café 10 ist noch leer, vielleicht wird die Geschichte ihrer Nachforschungen das erste Buch sein, das ihren Tisch ziert.

Beim Lesen hin und her gerissen zwischen „wie skurril und urig“ und „geht ja gar nicht“ versucht man zu rationalisieren. Kann das sein? Was ist Wahrheit, was ist Traum? Ebenso hartnäckig wie Ella versucht man zu ergründen, was geschehen ist, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Gibt es einen rechten Zeitpunkt zu verschwinden, wenn man genommen oder gegeben hat, was zu nehmen oder zu geben war. Ist man zerrauft am Ende glimpflich davon gekommen? Eine Handlung mit Ecken und Kanten, an denen man sich stößt. Stöße, die einem aus der angestammten Bahn werfen und so einen anderen Blickwinkel ermöglichen. 

4 Sterne

Lauras Verschwinden im Schnee von Pasi Ilmari Jääskeläinen
ISBN: 978-3-351-03411-5


Donnerstag, 26. Mai 2016

Die große Sünde

Shan und Lokesh helfen bei Wiederaufbau alter tibetischer Schreine. Dabei haben sie die Bekanntschaft mit einem Lama geschlossen, dessen kluge und vorsichtige Handlungen in ihren Augen von großer Erleuchtung zeugen. An einem besonders schönen Tag muss Shan entsetzt mit ansehen wie sich eben jener Lama vor seinen Augen erschießt, eine der größten Sünden, die ein tibetischer Mönch begehen kann. Was kann nur die Ursache für diese Tat sein. Sofort macht Shan sich ins nahe gelegene Kloster auf, um mehr über die letzten Wege des Erleuchteten herauszufinden. Dort allerdings erwarten ihn keine Informationen, sondern er muss mit Grauen feststellen, dass im Innenhof drei weitere Menschen den Tod gefunden haben.

Shan, der ehemalige Ermittler in Peking in Ungnade gefallen und dem Gulag entkommen, beginnt seine Nachforschungen. In großer Dankbarkeit gegenüber seinem Freund Lokesh, der ihn im Lager über die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hinweg geholfen hat, beschäftigt sich Shan eingehend mit der erhaltenswerten tibetischen Kultur und unternimmt was in seiner Macht steht, um Unheil von der tibetischen Bevölkerung abzuwenden. Die chinesische Staatsmacht sähe es am Liebsten, wenn von der Kultur Tibets nur noch eine Touristenattraktion bliebe. Ein tibetischer Staat, das tibetische Volk - beides soll mit Freude im chinesischen Staat untergehen. Um diese Entwicklung voranzutreiben sind sich Polizei und Geheimdienst fast für nichts zu schade. Doch wer sollte ein Interesse daran haben gleichzeitig eine Nonne, einen ausländischen Fotografen und einen chinesisches Bandenmitglied umzubringen. 


Wie schon gewohnt, entführt Eliot Pattison seine Leser in das Hochland Tibets. Er beschreibt Orte, die kaum je ein Tourist zu sehen bekommt und Begebenheiten, die sicher wahr sein könnten und die ebenso sicher nicht nach außen dringen sollen. Es überschauert einen bei dem Gedanken wie systematisch die Kultur des tibetischen Volkes kaputt gemacht werden soll. Schon Kleinigkeiten werden hergenommen, um Menschen für Jahre in Straflager zu bringen. Verschwindet jemand, gibt es keine Sicherheit, ob er je wieder auftauchen wird. Doch der stille Widerstand der Tibeter und auch Shans intelligent ausgefeilte Ideen, die Wege der Macht zu Gunsten der Schwachen auszunutzen, lassen einen hoffen, dass noch nicht alles verloren ist. Die Reihe um den Ermittler Shan ist ausgesprochen lesenswert und geeignet das Interesse an den Vorgängen in Tibet zu schüren.

4 Sterne

Der tibetische Agent von Eliot Pattison
ISBN: 978-3-352-00677-7


Dienstag, 24. Mai 2016

Wilder Stier

Der Sommer ist heiß in der Camargue. Viele sind im Urlaub, Capitaine Roger Blanc schiebt Dienst auf der Wache. Da er eh nichts Besseres zu tun hat, macht er das nicht ganz ungern. Als er dann zu einem Unfall gerufen wird, bei dem ein wilder Stier beteiligt gewesen sein soll, vermutet er keinen besonderen Einsatz. In der Einöde der Camargue angekommen stellt sich der Unfall doch etwas seltsam dar. Offenbar war das Tier ausgebrochen und hat einem zufällig vorbeifahrenden Radfahrer den Bauch aufgeschlitzt. Allerdings wirkt der Verschluss des Gatters unbeschädigt und ein Zeuge sagt aus, ein weißes Auto sei davon gebraust. Bei genauerer Betrachtung der Leiche, erkennt Blanc den Toten. Es handelt sich um einen bekannten Reporter.

Verglichen mit dem furiosen Beginn gestalten sich die Ermittlungen in diesem zweiten Fall des Capitaine Roger Blanc relativ ruhig. Doch beharrlich und kontinuierlich verfolgen Blanc und seine Kollegen Tonon und Souillard jede noch so kleine Spur. Etwas deutet darauf hin, dass das Tor absichtlich geöffnet wurde. Und es gibt Hinweise, dass der Journalist für einen brisanten Artikel über Vincent van Gogh recherchierte. 


Geschickt verknüpft Cay Rademacher die kleinen Hinweise und Spuren zu einem vielschichtigen Fall. Gleichzeitig bringt er dem Leser die karge Landschaft und den Sport des französischen Stierkampfs nahe. Auch wenn man noch nicht persönlich dort gewesen ist, fühlt man sich doch als wäre man selbst über die Straßen gefahren, hätte den Stier wild schnauben und auf sein Opfer zu stieben sehen. Roger Blanc, wieder etwas gebeutelt durch seine ererbte Ruine, deren Renovierung zwangsweise voranschreitet und das Bankkonto des wackeren Polizisten arg strapaziert, ermittelt akribisch und mit sicherem Händchen für die richtige Spur. Zwar müssen er und seine Mannen auch so manchen Rückschlag hinnehmen, sei es dienstlich oder privat, doch nie verlieren sie ihre Intuition, nach der es noch etwas zu erforschen gibt. Mit ihnen begibt man sich auf den Weg zur Lösung eines verwickelten Falles, schließlich zufrieden und um einige Erkenntnisse reicher.

4 Sterne

Tödliche Camargue von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-832-19785-8


Sonntag, 22. Mai 2016

Verborgen

In den Jahren nach dem Franco-Regime ist der junge Juan de Vere froh, eine Anstellung bekommen zu haben. Sein Arbeitgeber Eduardo Muriel ist Filmregisseur und bietet dem jungen Mann damit Zugang zu einer spannenden Branche. Gleichzeitig fungiert de Vere als Privatsekretär und Vertrauter, der mehr von der Familie Muriel mitbekommt als ein einfacher Angestellter. So erfährt Juan schon bald, dass es mit der Ehe der Muriels nicht zum Besten steht. Doch weshalb das so ist, verrät Muriel nicht, ebensowenig wie er zu seiner Augenklappe kam. Dennoch bittet er seinen jungen Adepten, einen älteren Arzt zu bespitzeln, von dem Muriel ein Gerücht zu Ohren gekommen ist, das ihn den Freund in einem anderen Licht sehen lässt.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs in Spanien. Die Diktatur ist vorbei und eine neue Freiheit beginnt. Natürlich ist die Vergangenheit nicht verarbeitet, die Opportunisten, die sich durch die Franco-Herrschaft gewunden haben, wollen nichts mehr von den Verbindungen wissen. Am liebsten soll alles vergeben und vergessen sein. Mal wieder haben die Opfer keine Stimme. Auf die Jungen ist man in gewisser Weise neidisch, da ihnen ganz andere Möglichkeiten der Entfaltung offen zu stehen scheinen. In dieser Ära, in den ersten Jahren nach Ende der Diktatur, tritt de Vere seine erste Anstellung an. So viel freier als es die Älteren gewesen sein mögen, so unsicher ist er doch. Wie ist seine Stellung, was muss er alles für seinen Chef tun, was sind Muriels Beweggründe, was hat zum Scheitern der Ehe seines Arbeitgebers geführt. Zwischen gehorsamen Recherchen und neugierigen Nachforschungen driftet der junge Mann, der schließlich alles wissen will.


Mit seinen Schilderungen der Gesellschaft Spaniens nach dem Regime, mit seiner Darlegung der Gedanken und Empfindungen seiner handelnden Personen fesselt Javier Marías in seiner typischen und bekannten Weise. Auch wenn seine Ausführungen manchmal etwas ausschweifen, kommt er doch immer zu dem Punkt, wo ihm der Leser zustimmt oder doch meint, besser hätte man es kaum sagen können. Selbst zur einer ähnlichen Zeit jung gewesen, aber doch für eingehende politische Kenntnisse zu jung, ist man erstaunt, wie lange in Spanien eine Diktatur herrschte. Gut nachvollziehbar jedoch, das Gefühl der Befreiung und der leider weit verbreitete Wunsch des unter den Teppich Kehrens. Zwar fehlt der besondere Kniff, der einige der Romane des Autors auszeichnet, aber gerade dieses Werk macht etwas anderes leicht, was bei manchen anderen der Bücher gelegentlich nicht ganz einfach ist - das Durchhalten. Von Beginn an sehr interessant und gut lesbar bleibt man während der gesamten Lektüre neugierig auf die nächste treffende Schilderung, den nächsten Baustein, einen weitern herausragenden Satz. Für den Leser ist es ein besonderer Genuss, am großen Können des Autors teilhaben zu können.

4 Sterne

So fängt das Schlimme an von Javier Marías
ISBN: 978-3-10-02429-9


Samstag, 21. Mai 2016

Menschliches und Zwischenmenschliches

Ein kleines fast vergessenes Örtchen in der Nähe von Berlin ist Unterleuten. Mit seiner relativen Nähe zur Stadt und der gleichzeitigen landschaftlichen Idylle und preisgünstigem Wohnraum bietet das Dörfchen etwas für am Zuzug Interessierte. Genau dieses Angebot haben einige Neu-Unterleutener genutzt. Und sie tun einiges dafür, sich in die Dorfgemeinschaft einzufügen. Dass einigen Plänen Steine in den Weg gelegt werden, erscheint ihnen nicht ganz verständlich. Warum brennt der Nachbar alte Reifen ab? Er müsste doch wissen, dass das der kleinen Tochter von Gerhard Fließ nicht guttun kann. Und wieso hat das Haus von Linda Franzen einen so schlechten Ruf. Allerdings sind auch die Alt-Unterleutener sich gegenseitig nicht grün. Zwischen Gombrowski und Kron herrscht eine ewige Fehde. 

Was vorher lediglich unterschwellig spürbar war, bricht ans Tageslicht als eine Investmentgesellschaft plant in Unterleuten einen Windpark zu errichten. Nun beginnt der Kampf Befürworter gegen Gegner der Anlage und gleichzeitig versuchen findige Dorfbewohner das Meiste aus ihrem Grundbesitz herauszuschlagen. 

Ruhig erzählt Juli Zeh die Lebensgeschichte jedes Einzelnen der Dorfbewohner. Da wird das Tier beinahe sympathisch, während der Umweltschützer zum Monster mutiert. Dazwischen reiben sich die weiteren Dorfbewohner. Jeder hat einen guten Grund, mit dem er sein Handeln rechtfertigt. Die vielbeschworene Gemeinschaft, von der nach der Wende über das Dasein im Osten geschwärmt wurde, scheint schon lange zerbrochen. Kleinkriege werden mit großer Gründlichkeit geführt. Jeder ist sich selbst der Nächste, sogar wenn er meint, er setze sich für andere ein. Wenn man gerade meint, eine Person verstanden zu haben, begeht diese eine Tat, durch die man vor den Kopf gestoßen wird. Die Sympathiepunkte sind verspielt. Am Ende fragt man sich, für wen das Ganze zu einem guten Schluss geführt haben könnte. So richtig will sich keine Antwort bilden, obwohl die meisten der Beteiligten der Situation mit größeren oder kleineren Blessuren entronnen sind. 


Ausgesprochen gut vorgetragen wird die Misere von Helene Grass, die unaufgeregt so manche Seite zum klingen bringt. Wenn Lektüre sei sie gelesen oder vorgelesen Emotionen, Gedanken und Nachdenken auslöst, kann sie nur gut sein. Die fein geschliffenen Worte der Autorin entfalten ihre Wirkung langsam und nachhaltig. Die Strömungen des Dörflichen sind vielleicht etwas überspitzt, wer allerdings selbst vom Lande kommt, wird einiges wieder erkennen. Ob man die ländliche Idylle der Anonymität der Stadt vorzieht, bleibt jedem selbst überlassen. Einem kleinen Teil der Gesellschaft hält Juli Zeh jedenfalls einen äußerst lesenswerten Spiegel vor.

4 Sterne

Unterleuten von Juli Zeh
ISBN: 978-3-844-52133-7




Donnerstag, 19. Mai 2016

Bilder der Provence

Die Sommerferien neigen sich dem Ende entgegen und die Franzosen machen sich auf den Heimweg. Tage und Nächte voll gepackt mit Unfallberichten, Streitereien und was sonst noch damit einhergeht, dass man nach dem Urlaubs- wieder in den Alltagsmodus umschalten muss. Zunächst scheint der gemeldete Unfall am Olivenhain genau ins Muster zu passen, bis sich herausstellt, dass ein kleines Schulungsflugzeug abgestürzt ist. Der Militärpilotenschüler stand kurz vor dem erfolgreichen Abschluss seiner Prüfungen und machte einen völlig gesunden Eindruck und auch das Flugzeug war in bestem Zustand. Capitaine Roger Blanc, nun schon seit etlichen Wochen in der Provence eingesetzt, hat sofort ein mulmiges Gefühl.

Auch bei der Bearbeitung seines dritten großen Falles eckt Capitaine Roger Blanc wieder mächtig an. Dabei ist es nicht mal seine Absicht, sich mit Kollegen und Vorgesetzten anzulegen. Er will einfach das Gewirr der Hinweise und Spuren durchdringen, die Machenschaften der Beteiligten durchschauen und nach Möglichkeit Schlimmeres verhindern und ein paar Leben retten. Den Opfern sollte Gerechtigkeit widerfahren und die Täter sollten ihrer Strafe zugeführt werden. Doch ist Roger Blanc eben Flic und kein Diplomat, deshalb ist seine Karriere nach den Anti-Korruptionsermittlungen in Paris auch an einem Endpunkt angelangt. Seine Frau hat auch etwas Besseres zu tun als mit ihm in der Provinz zu versauern, deshalb ist die Scheidung eingereicht. Blanc hat also nicht viel zu verlieren und braucht kaum Rücksichten zu nehmen. 


Mit großer Fertigkeit beschreibt Cay Rademacher das Geschehen in der französischen Provinz. Bestens ist herausgearbeitet, dass es nicht alles rückständig ist, dass die milde Verachtung der Hauptstädter mitnichten gerechtfertigt ist. Die malerische Landschaft kann den durchaus falschen Eindruck erwecken, dass sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Gerade diese Beschaulichkeit kann als Tarnung für jedes Verbrechen missbraucht werden. Und so kann man zu Beginn nicht ahnen, was einen erwartet. Ausgeklügelt und komplex ist dieser Fall, der das Beste aus Roger Blanc herausholt und gleichzeitig seine Verletzlichkeit zeigt. Mit feinsinnigem Humor und einigen deftigen Flüchen werden ernste Themen angegangen und nach der Lektüre bleibt eine leichte Gänsehaut. Sollte etwa auch das eigene Provinznest dem Verbrechen eine Heimat bieten?

4 Sterne

Brennender Midi von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-8321-9819-0


Mittwoch, 18. Mai 2016

Weitsicht

Bereits den Mord an ihrer Mutter konnte die 24jährige Rose Gardner mithilfe ihrer Visionen aufklären. Damals war sie selbst in Verdacht geraten. Mit Mordfällen will sie nichts mehr zu tun haben. Besonders begeistert ist Rose nicht als man sie zur Geschworenen wählt, aber sie kommt ihrer bürgerlichen Pflicht nach. Auf dem Weg in den Gerichtssaal muss sie mal zur Toilette und dort überkommt sie eine Vision. Der Angeklagte ist nicht der Täter. Wie soll Rose das nur beweisen? Für die Justiz jedenfalls steht der Täter schon fest und die Beweise scheinen erdrückend. 

In ihrem zweiten Fall hat Rose einige Hindernisse zu überwinden. Sie leidet darunter, dass sie mit ihrem Freund nur eine Wochenendbeziehung führt. Ihre große Schwester bevormundet sie und eine Nachbarin meint, Roses Lebenswandel sei zu unzüchtig. Und natürlich überlegt sie fieberhaft, wie sie den Richter von der Unschuld des Angeklagten überzeugen kann. Rose fängt an in dem Fall zu ermitteln, obwohl sie das als Geschworene nicht darf. Sie muss sich unparteiisch verhalten und soll ein unvoreingenommenes Urteil fällen. 

Mit Witz geht Rose ihre Sache an, intelligent und manchmal etwas konfus stolpert sie von einem Hinweis zum nächsten und begibt sich in gefährliche Situationen. Als Leser folgt man ihr gerne auf den Pfaden der Detektivin. Mit Neugier wartet man auf die nächste Wendung. Was allerdings hin und wieder nicht so leicht zu ertragen ist, sind die Ergüsse der Schwester, ihre bevormundende Art. Und auch das mitunter unerwachsene Verhalten von Rose, die übertriebene Gefühlsduseligkeit und Überschwänglichkeit wirken etwas unpassend. Und so ist man etwas hin und her gerissen. Die sehr gute Idee der Hinweise per Vision und die gewiefte Ermittlertätigkeit Roses, stehen eher nervigen Passagen gegenüber.

Insgesamt eine fesselnde und unterhaltsame Lektüre des zweiten Bandes einer inzwischen sechsteiligen Reihe und einiger Novellen um Rose Gardner und ihre Visionen.


3,5 Sterne

Twenty-Nine and a Half Reasons von Denise Grover Swank
ISBN: 978-1-475-08957-8


Montag, 16. Mai 2016

White Trash

Anwalt, Schriftsteller, Bürgermeister von Natchez - Penn Cage hat alles, was man sich im Leben wünschen kann. Lange nach dem Tod seiner ersten Frau möchte er wieder heiraten. Caitlin Masters ist eine herausragende Journalistin und genau die Richtige. In die Hochzeitsvorbereitungen fährt die Nachricht, dass Penn Cages Vater der angesehene Arzt Dr. Tom Cage eine todkranke Patientin umgebracht haben soll. Die Anklage lautet auf Mord. Nie im Leben kann sich Penn das von seinem Vater vorstellen. Sein Vater, der Penns krebskranke Frau bis zu ihrem letzten Moment behutsam begleitet hat. Aber warum will Dr. Cage nichts über die Todesnacht von Viola Turner sagen. Eine Frau, die er seit Ewigkeiten kannte, die in den 60ern als Krankenschwester für ihn gearbeitet hatte. Eine Frau mit schwarzer Haut, die er als weißer und verheirateter Arzt nicht lieben durfte.

In dem Moment, in dem Penn Cage die vorläufige Verteidigung seines Vaters übernimmt, beginnt für ihn eine Reise in die Vergangenheit seines Vaters, in die Vergangenheit seiner Stadt oder auch der USA. Der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß scheint wie der Bürgerkrieg, der nie beendet wurde. In den 60ern wurden in Natchez unsägliche Taten begangen. Der verbrecherische Ku-Klux-Klan war daran beteiligt, doch einigen gingen dessen Ideen nicht weit genug. Sie gründeten eine noch extremere Gruppe, die sich Doppeladler nannte. Erschreckend für Cage, dass sein Vater mehr in diese alten Geschichten verwickelt war als sein Sohn jemals ahnte. Dr. Cage - ein Arzt, der den Menschen egal welcher Hautfarbe hilfreich zur Seite steht, soll mehr als nur flüchtig mit diesen Verbrechern zu tun gehabt haben?

Es beginnt wie ein Thriller, Begebenheiten, die ihren Ursprung in den Auseinandersetzungen während der 1960er haben. Eine Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung endlich dafür kämpfte, die Ungleichbehandlung zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe zu beseitigen. Kämpfe, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Kämpfe, die noch nicht ausgestanden sind. Vernagelte Köpfe, die sich nicht von ihrem Herrschaftsdenken befreien wollen. Weißer Müll, hochgespült in diesen Zeiten, zu Macht gekommen und keinesfalls gewillt, die Position zu verlassen. Eine Beziehung zwischen Vater und Sohn, der einige Illusionen genommen werden. Eine erstaunliche Geschichte über eine Vergangenheit, die keinesfalls ein Ruhmesblatt der so demokratischen Vereinigten Staaten darstellt. Eine Vergangenheit, die nicht beendet und überwunden ist. Außerordentlich informationsreich, manchmal haarsträubend und ausgesprochen fesselnd und schonungslos. Und nicht beendet - die Historie wird im Folgeband „Die Toten von Natchez“ weitererzählt. Ein Buch, das fordert, zum Nachdenken anregt und genau in diese Zeit passt, in der es gilt, sich selbst zu prüfen.


4,5 Sterne

Natchez Burning von Greg Iles 
ISBN: 978-3-352-00681-4


Dienstag, 10. Mai 2016

Heimatbesuch

In Kitzbühel wird der Unternehmer Steiner bei einer Wanderung überwältigt und ans Gipfelkreuz gehängt. Die Wiener Polizei entsendet Major Johannes Schäfer an den Ort des Geschehens zur Unterstützung der dortigen Dienststelle. Man erwartet von Schäfer, dass er sich in Kitzbühel besonders gut zurechtfindet, schließlich ist es die Stadt seiner Jugendjahre. Als ganz so einfach erweist es sich allerdings nicht, denn einiges aus seiner Vergangenheit möchte Schäfer allzu gerne vergessen. Seine Eltern besucht er nur selten, seine gescheiterte Beziehung macht ihm zu schaffen. Immer wieder in Gedanken an die Vergangenheit verliert er manchmal die Gegenwart aus dem Blick. Schon bald allerdings geschieht ein zweiter Mord, der es an Grausamkeit durchaus mit dem ersten aufnehmen kann.

Nicht umsonst beginnen die Ermittler zu rätseln, welche Verbindung es zwischen den Toten geben könnte. Gemeinsamkeiten drängen sich erstmal nicht auf. Da muss wohl in der Vergangenheit gegraben werden. Mit untrüglicher Spürnase und unzweifelhaft vorhandener Kenntnis der Örtlichkeiten und des Menschenschlages nimmt Schäfer eine Witterung auf. Sie treibt ihn auf Wege, in die seine Kollegen manchmal kaum folgen möchten. Manchmal am Rande des so eben noch Erlaubten, immer hartnäckig und dickköpfig, grummelt und hadert sich Schäfer durch den Fall. Er gräbt und gräbt, tatsächlich gräbt er etwas aus.


Der erste Fall mit Major Johannes Schäfer bietet einen Ermittler mit urigen Charakter, der vielleicht eher durch Zufall auf die richtige Seite gefallen ist, wie er selber klug und einsichtig bemerkt. Mit seinen akribischen und intensiven Nachforschungen, die immer mal sehr aus dem Bauch heraus erfolgen, dechiffriert Schäfer eine vertrackte Geschichte. Nie und nimmer wäre damit zu rechnen gewesen. Hat man doch den Ort mehr unter touristischen Gesichtspunkten gespeichert, würde man dort kaum ein Verbrechen vermuten. Gefesselt wird man eines Besseren belehrt und freut sich darüber, besonders gut unterhalten worden zu sein.

4 Sterne

Schäfers Qualen von Georg Haderer
ISBN: 978-3-7099-7440-7


Sonntag, 8. Mai 2016

Geisterflöte

In Marseile wird ein alter Kunstsammler tot aufgefunden. Ihm wurde eines seiner Sammelstücke aufs Gesicht gesetzt. Zunächst wird vermutet, er sei erschossen worden. Polizeikommandant Michel de Palma wird durch einen anonymen Anrufer zum Tatort gerufen. Er folgt den Tönen einer Flöte durchs Haus, doch weder eine Flöte noch ein Flötenspieler ist zu finden. Tief in die Vergangenheit des Opfers muss er eintauchen, um eine Spur zu finden. Der alte Mann war vor langen Jahren Teilnehmer einer Forschungsreise nach Papua Neuguinea. Mit dieser Reise wurde bei den Ureinwohnern nicht nur Gutes bewirkt und auch die Reisenden wurden für ihr weiteres Leben geprägt.

Kommandant de Palma, auch Baron genannt, macht sich auf den Weg, den Spuren zu folgen. Dabei trifft er seine Jugendliebe Eva wieder und er muss hinabsteigen in die Unterwelt Marseiles. Doch auch auf dem Parkett des internationalen Kunsthandels muss er sich zurechtfinden, denn die Artefakte des Toten waren begehrte Sammlerstücke. Intensiv beschäftigt sich der Ermittler mit einer unbekannten Welt der Kopfjäger, der Ureinwohner entrückter Regionen, die den Weg in die Moderne gegangen sind und dabei ihre Identität verloren haben. Ihre alten Riten und Gebräuche sind als barbarisch verunglimpft, die neuen können kein adäquater Ersatz sein. 


Es wird Gutes gewollt, doch gute Absichten sind manchmal etwas, das zu gar keinem guten Ergebnis führt. Das muss hier auch der Kommandant erfahren und mit ihm der Leser, der sich in eine doch sehr ferne Welt begibt. Schon die Hafenstadt Marseile scheint sehr weit weg und Papua Neuguinea vor Australien gelegen, ferner geht es kaum. Und so befremdlich sind auch die beschriebenen Sitten, die zwar nicht nachvollziehbar sind, deren Ausrottung doch einem Verlust von Kultur gleichkommt. Die ehemaligen Naturvölker sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, zu einem Dasein als Touristenattraktion verdammt. Mischlingen geht es allerdings wie überall auf der Welt, sie gehören nirgends richtig hin, eine Tatsache, die durchaus zu Verzweiflung führen kann. Ein Krimi, der verstört und sehr nachdenklich macht. Ausgesprochen gut dargestellt und recherchiert sind die Hintergründe, die schließlich zur Tat geführt haben, gespickt mit vielen Informationen über nahezu unbekannte Völker und Kulturen, gerät der Fall ein wenig in den Hintergrund. Dennoch ein Krimi, der aus seine Art aus dem Rahmen fällt und gerade durch seine Andersartigkeit fesselt.

4 Sterne

Die Melodie der Geister von Xavier-Marie Bonnot
ISBN: 978-3-293-00484-9


Samstag, 7. Mai 2016

Campingfreuden

Ein Angler findet in einer Hütte, die zu einem Campingplatz eine Leiche. Es handelt sie um den Platzwart und gleichzeitig die gute Seele der Campergemeinde. Kommissarin Inka Luhmann und ihre Kollegen übernehmen den Fall. Völlig unklar ist es, wer etwas gegen den beliebten Mitarbeiter des Platzes gehabt haben könnte. Doch schon bald stellt sich heraus, dass der Gute ein Geheimnis hatte. Dass ihr Chef, der früher ihr Mitarbeiter war, nun ihr Chef ist, vereinfacht die Ermittlungen nur bedingt. Die Positionen der Beiden sind noch unklar. Ein Grund mehr wäre das, mit Freude zu ihrem Ehemann und den beiden Kindern heimzukehren. Gibt es in der Ehe etwa erste Abnutzungserscheinungen?

Inka Luhmann ermittelt in ihrem dritten Fall, ihre Karriere scheint in der Luft zu hängen. Ohne zu zögern kniet sie sich in ihren neuen Fall. Obwohl sie dem Campen nichts abgewinnen kann, erklärt sie sich bereit auf dem Platz zu übernachten, um näher am Geschehen zu sein. Sie nimmt sogar in  Kauf, dass sie bei der Einschulung ihres jüngeren Kindes nicht dabei sein kann. Erstaunt ist Inka allerdings, dass sich der Kollege Birkholz aus alten Dortmunder Tagen bei ihr meldet. Ein verurteilter Täter soll nach Verbüßung seiner Haftstrafe entlassen werden.


Im Sauerland zieht Inka ihre Kreise, ruhig und teilweise trocken, sehr bodenständig scheinen die Menschen dort zu sein. Und so ähnlich unaufgeregt wirkt auch dieser Lokalkrimi. Ermittlungen werden meist geradeaus durchgezogen. Dennoch kann man die Stimmung auf sich wirken lassen, das unausgegorene Verhältnis zu dem Chef, die gute vielleicht ein wenig angeschlagene Ehe, ein zuverlässiges Team, ein Mord, bei dem die Spuren in eine bestimmte Richtung weisen, der Täter sich aber lange versteckt hält. Gute und spannende Unterhaltung in einem urigen Setting, das vielleicht nicht unbedingt nach einem Besuch ruft, aber doch keine Abneigung weckt, weitere Erfahrungen mit ihm zu machen.

3 Sterne

Tief steht die Sonne von Welter & Gantenberg
ISBN: 978-3-596-03163-4


Freitag, 6. Mai 2016

Lekker

Tannie Marias Arbeitsplatz ist bedroht, ihre Rezeptkolumne nicht mehr gefragt. Der Herausgeber der Zeitung will unbedingt einen Liebeskummerkasten. Marias Chefin und beste Freundin Hattie ist untröstlich und weiß zunächst nicht, wie sie Marias Stelle retten soll. Gemeinsam finden die beiden jedoch die ideale Lösung. Tannie Maria empfängt die Briefe der Ratsuchenden und antwortet mit lebensklugen Tips und schmackhaften Rezepten. Besonders berühren sie die Briefe einer Frau, die von ihrem Mann misshandelt wird. Sie versucht, zu helfen. Leider wird bald darauf die Frau eines cholerischen Arbeiters tot aufgefunden. Der Ehemann gerät unter Verdacht, doch die Indizien sprechen auch für die Freundin der Frau.

Cosy Mysteries klingt noch viel netter als Häkelkrimi, nicht? Und so etwas in der Art haben wir hier auch. So manches Mal fühlt man sich auf Tannie Marias Veranda versetzt, beim Blick in die Weite der südafrikanischen Landschaft. Mit ihrem eigenen Mann hat Tannie Maria es nicht leicht gehabt, immerhin hat sie überlebt. Trost findet sie in ihren Kolleginnen und Freundinnen Hattie und Jessie und natürlich beim Erfinden und Ausprobieren der leckersten Rezepte. In das Opfer kann sie sich gut hineinversetzen. Und so befürchtet sie, dass sie mit ihren Briefen etwas in Gang gesetzt hat, das in die Katastrophe geführt hat. Das Einzige, das sie noch für die Tote tun kann, ist es, den Täter zu finden. Dass sie damit dem smarten Detective Kannemeyer in die Quere kommt, ist ein positiver und auch beängstigender Nebeneffekt.

Richtig gekuschelt fühlt man sich bei der Lektüre dieses Buches, man fragt sich, ob diese warme Stimmung in eine Übersetzung eins zu eins übertragen werden kann. So gefühlvoll und warmherzig wirkt dieser Krimi, langsam wird man in die Welt der Tannie Maria eingeführt. Teilweise sehr humorvoll werden ihre Eigenarten beschrieben und ihre Empfindungen beim Kochen und Essen. Mithilfe ihrer wunderbaren Gerichte vermag sie die aufgelösten Herzen zu beruhigen und ihnen einen Weg zu weisen. Schwierig ist es für sie, sich die eigenen Ratschläge zu Herzen zu nehmen. Ihre Verzagtheit, aber auch ihr Mut machen sie zu einer authentischen Persönlichkeit. Und je näher sie mit ihren Ermittlungen dem Täter auf die Spur kommt, desto spannender wird es. Und so kann man hier eine sympathische neue Hobby-Detektivin kennenlernen und vielleicht noch das eine oder andere Rezept nachkochen.


4,5 Sterne

Recipes for Love and Murder von Sally Andrew
ISBN: 978-1-78211-647-9


Donnerstag, 5. Mai 2016

Da ist was los

Der pensionierte SIS Agent James Gerald will sich nach einem längeren Krankenhausaufenthalt aufpäppeln lassen. Warum dann nicht das Gute mit dem Nützlichen verbinden. Sein bester Freund William Morat ist plötzlich gestorben. Er wohnte in der Seniorenresidenz Eaglehurst an der Südküste Englands. Und genau dorthin macht sich James auf den Weg. Zwar körperlich geschwächt, aber wachen Geistes will er die näheren Todesumstände klären. Ein einfaches Herzversagen, das kann einfach nicht sein. Bereits kurz nach James` Ankunft stirbt ein weiterer Bewohner. Zufall? Natürlich sterben alte Menschen, aber innerhalb weniger Wochen mit vermeintlich ähnlichen Ursachen? James Gerald wird den Dingen auf den Grund gehen.

Liebenswert schrullig wirken James Gerald und seine ehemalige Sekretärin und jetzige Nachbarin Sheila Humphrey. Hier verdient sich James seinen Spitznamen 0070 zunächst alleine. Sheila weilt noch in London, doch sie wird nicht lange auf sich warten lassen. Gemeinsam sind die beiden unschlagbar. Sie ergänzen sich in Intelligenz, Erfahrung und Können, eine echte Büro-Ehe, die auch nach der Pensionierung bestens funktioniert. Wie undurchsichtige Vorgänge in dem Altenheim bestätigen, hat James´ Riecher ihn nicht getrogen. Hier gibt es Vorgänge, die eigentlich im Dunkeln bleiben sollen. Da haben die Geheimnistuer aber nicht mit James gerechnet. Schon für seinen verstorbenen Freund will er ans Licht bringen, was es zu entdecken gibt.

Alt werden möchte man, alt sein aber nicht. Wer kann die Zipperlein und Wehwehchen schon gebrauchen, die die Jahre mit sich bringen. Auch James Gerald ist im Wesen jung geblieben und überhaupt nicht damit einverstanden, dass sein Körper das nicht recht zu verstehen scheint. Mit wachem Geist geht er den Hinweisen auf den Grund und entdeckt Zustände in der Residenz, mit denen er nicht gerechnet hätte. Damit versteht er seine Leser zu fesseln und ihnen gleichzeitig eine Gemütlichkeit wie vor einem heimelig brennenden Kaminfeuer zu vermitteln. Seine Gewitztheit kombiniert mit Sheilas quirligem Wesen bietet dem Leser spannende Unterhaltung, mit der es sich gedanklich in britische Gefilde begeben lässt, um dieses plüschige althergebrachte England zu genießen. Gemeinsam mit James und Sheila kann man rätseln, was geschah, und wird einige Überraschungen zutage fördern.


4 Sterne

0070  Operation Eaglehurst von Marlies Ferber
ISBN: 978-3-423-21345-5


Mittwoch, 4. Mai 2016

Blutdurst

Die Archäologin Dr. Erin Granger leitet eine Ausgrabung bei Caesarea, Israel. Sie und ihr Team haben gerade eine besondere Entdeckung gemacht, die sie genauer untersuchen wollen. Plötzlich werden die Wissenschaftler von einem herannahenden Helikopter aufgeschreckt. Von den israelischen Soldaten wird Dr. Granger gemeinsam mit einem seltsamen Priester und ein paar US-Militärs nach Masada gebracht. Dort hat ein Erdbeben zwar verheerende  Verwüstungen angerichtet und etliche Todesopfer gefordert, doch es ist auch eine Gruft freigelegt worden, die die eilig herbeigeschafften Forscher untersuchen sollen. Viel ist zunächst nicht zu finden, vermutlich haben Grabräuber das Versteck schon vor Jahren aufgestöbert. Umso unheimlicher sind die Gestalten, die Dr. Granger gefolgt sind und sich zum Angriff sammeln.

Werden Dr. Granger, der Priester und ein Soldat die Suche nach dem Inhalt der Krypta erfolgreich beenden können? Was hat es überhaupt mit dem sogenannten Evangelium des Blutes auf sich? Nach langem Zögern können dem Geistlichen einige Informationen entlockt werden, die jedoch wie ein Mythos klingen, dem Erin nur wenig Glauben schenken mag. Schon nach dem allzu frühen Tod ihrer kleinen Schwester hat sie sich von Religion und Glauben abgewandt. Fakten sind das, was zählt, und Dinge, die man berühren kann. 


Wer hier einen rasant spannenden Religions-Thriller á la „Illuminati“ erwartet, wird hier nur zum Teil zufrieden gestellt. Was wie ein Thriller mit schnellen Ortswechseln und verschiedenen Erzählperspektiven beginnt, bekommt schon nach kurzer Zeit eine nicht geringe Fantasy-Komponente. Dies tut zwar der Rasanz und der Spannung keinen Abbruch, könnte allerdings, wenn man letzteres Genre nicht mag, zu einer Enttäuschung führen. Fühlt man sich in vielen Romanwelten daheim, wird man hier ein atemberaubendes Abenteuer finden, das mit Religion, Geschichte und Fantasy gespickt ist. Zwar geht es manchmal sehr blutrünstig zu und manchmal fragt man sich, wieso einige handelnde Personen nach einem ausgesprochen langen Leben dann doch recht leicht zu töten sind, aber die sich nur über wenige Tage ausdehnende Story fesselt einen über diese Kleinigkeiten hinweg. Das es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, darf man gespannt sein, wie Dr. Granger weiter in den Lauf der Welt eingreifen wird.

3,5 Sterne

Das Evangelium des Blutes von James Rollins und Rebecca Cantrell
ISBN: 978-3-442-37670-4




Sonntag, 1. Mai 2016

Weltenkampf

Nach der sogenannten Sklavenrevolte können Rynn und ihre Mitstreiter entkommen. Doch ihr Leben wird dadurch nicht einfacher. Auf der Flucht verletzt verliert Rynn durch Sepsis einen Fuß. Ihre agile Persönlichkeit hindert sie daran, ihr Handicap zu akzeptieren. Bald nimmt sie da Zepter wieder in die Hand. Inzwischen ist es ihrem Vater gelungen, die World Ripper Maschinen zu perfektionieren. Mit diesen Maschinen gelingt es, Löcher zwischen den verschiedenen Welten zu reisen und so in andere Welten des Universums zu gelangen. Im Kampf gegen Korr soll das eine große Unterstützung sein. Allerdings schläft auch der Feind nicht.

Schwankend zwischen dem manchmal ein wenig langatmigen Voranschreiten der Handlung und den Mitreißenden Beschreibungen von Rynns Leiden und Madlins (ihrer Zwillingsgeborenen) Abenteuern lässt sich dieser zweite Teil der „Mad Tinker Chronicles“ nur schwer einordnen. Mal kommt man mit dem Lesen nicht voran, mal kann man kaum von dem Buch lassen. Durch mitunter langen Pausen, geht der Gesamtzusammenhang etwas verloren. Auch die Einführung immer neuer Personen und Welten löst eine gewisse Zwiespältigkeit aus, denn dadurch wird es noch schwieriger, den Überblick zu behalten. Andererseits beeindruckt die überbordende Phantasie des Autors sehr und man bewundert seine Fähigkeit selbst die Fäden in der Hand zu behalten.


Dieser zweite Band einer vierteiligen Reihe ist in großen Teilen durchaus fesselnd und man spürt den Durst, zu wissen, wie Rynns Geschichte weitergeht.

3,5 Sterne

Rebel Skyforce von J.S. Morin
ISBN: 978-1-939-23351-6