Sonntag, 22. Mai 2016

Verborgen

In den Jahren nach dem Franco-Regime ist der junge Juan de Vere froh, eine Anstellung bekommen zu haben. Sein Arbeitgeber Eduardo Muriel ist Filmregisseur und bietet dem jungen Mann damit Zugang zu einer spannenden Branche. Gleichzeitig fungiert de Vere als Privatsekretär und Vertrauter, der mehr von der Familie Muriel mitbekommt als ein einfacher Angestellter. So erfährt Juan schon bald, dass es mit der Ehe der Muriels nicht zum Besten steht. Doch weshalb das so ist, verrät Muriel nicht, ebensowenig wie er zu seiner Augenklappe kam. Dennoch bittet er seinen jungen Adepten, einen älteren Arzt zu bespitzeln, von dem Muriel ein Gerücht zu Ohren gekommen ist, das ihn den Freund in einem anderen Licht sehen lässt.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs in Spanien. Die Diktatur ist vorbei und eine neue Freiheit beginnt. Natürlich ist die Vergangenheit nicht verarbeitet, die Opportunisten, die sich durch die Franco-Herrschaft gewunden haben, wollen nichts mehr von den Verbindungen wissen. Am liebsten soll alles vergeben und vergessen sein. Mal wieder haben die Opfer keine Stimme. Auf die Jungen ist man in gewisser Weise neidisch, da ihnen ganz andere Möglichkeiten der Entfaltung offen zu stehen scheinen. In dieser Ära, in den ersten Jahren nach Ende der Diktatur, tritt de Vere seine erste Anstellung an. So viel freier als es die Älteren gewesen sein mögen, so unsicher ist er doch. Wie ist seine Stellung, was muss er alles für seinen Chef tun, was sind Muriels Beweggründe, was hat zum Scheitern der Ehe seines Arbeitgebers geführt. Zwischen gehorsamen Recherchen und neugierigen Nachforschungen driftet der junge Mann, der schließlich alles wissen will.


Mit seinen Schilderungen der Gesellschaft Spaniens nach dem Regime, mit seiner Darlegung der Gedanken und Empfindungen seiner handelnden Personen fesselt Javier Marías in seiner typischen und bekannten Weise. Auch wenn seine Ausführungen manchmal etwas ausschweifen, kommt er doch immer zu dem Punkt, wo ihm der Leser zustimmt oder doch meint, besser hätte man es kaum sagen können. Selbst zur einer ähnlichen Zeit jung gewesen, aber doch für eingehende politische Kenntnisse zu jung, ist man erstaunt, wie lange in Spanien eine Diktatur herrschte. Gut nachvollziehbar jedoch, das Gefühl der Befreiung und der leider weit verbreitete Wunsch des unter den Teppich Kehrens. Zwar fehlt der besondere Kniff, der einige der Romane des Autors auszeichnet, aber gerade dieses Werk macht etwas anderes leicht, was bei manchen anderen der Bücher gelegentlich nicht ganz einfach ist - das Durchhalten. Von Beginn an sehr interessant und gut lesbar bleibt man während der gesamten Lektüre neugierig auf die nächste treffende Schilderung, den nächsten Baustein, einen weitern herausragenden Satz. Für den Leser ist es ein besonderer Genuss, am großen Können des Autors teilhaben zu können.

4 Sterne

So fängt das Schlimme an von Javier Marías
ISBN: 978-3-10-02429-9


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