Donnerstag, 30. Juni 2016

Hinfort

Chefinspektor Anton Hagen kehrt heim nach Vorarlberg. Sein Vater ist an Demenz erkrankt und sein Bruder ist der Mutter keine echte Hilfe. Gleich bei Hagens Ankunft gibt es Arbeit. Ein Schriftsteller wird ermordet aufgefunden und neben ihm ein Manuskript, in dem Teile der Tat beschrieben werden. Dieser Entwurf scheint allerdings nicht vollständig zu sein. Wohin ist der Rest des Werkes verschwunden. Erste Ermittlungen ergeben, dass die Töchter des Opfers zumindest keine große Trauer empfinden. Ihr Alibi scheint aber sicher. Für Chefinspektor Hagen beginnt zunächst die mühsame Kleinarbeit, die sich auch Ermittlungen nennt.

So hat sich Anton genannt Tone Hagen seine Heimkehr nicht vorgestellt. Sein Vater hat sich stark verändert, sein Bruder dagegen gar nicht. Und ein grausam ermordeter alter Griesgram, der bei seiner Verwandtschaft alles andere als beliebt war. Und die Erinnerungen, die den Chefinspektor an seiner alten Heimat überkommen. Jeder Stein, jeder Weg, jedes Haus - vieles ruft längst vergessen Geglaubtes zurück. Hätte er seine Jugendliebe wirklich verlassen sollen. War es richtig, zu gehen. Und ein Fall, in dem es nicht so recht vorangeht. Doch auch kleine Lichtblicke gibt es. So zum Beispiel wird Hagen nach und nach von seinen Kollegen als neuer Chef anerkannt.


Auch wenn sich der Autor manchmal etwas sehr in den Erinnerungen Hagens verliert und in dessen neuen Eindrücken von der alten Heimat, so ist dieser Krimi in seiner ruhigen Art sehr lesenswert. Die Stimmungen zwischen ihm, den Mitgliedern seiner Familie und seinen neuen Kollegen sind lebendig geschildert. Möglicherweise setzt ihm das Schicksal doch recht arg zu. Und die Lösung des Falles wirkt zwar sehr überraschend, aber gerade deshalb auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Dennoch scheint Anton Hagen ein gewitzter Ermittler mit viel Einfühlungsvermögen.

3 Sterne

Heimkehr von Franz Kabelka
ISBN: 978-3-7099-7533-6


Dienstag, 28. Juni 2016

McGuffin TV

Im Jahr 1954 in Italien verliebt sich der junge Tänzer Pierre in die schöne, aber verheiratete Angela. Von seinem Vater, der in Jugoslawien kämpfte, hat er seit einem Jahr keine Nachricht mehr. In Amerika bekommt der Schauspieler Cary Grant das „Angebot“ vom britischen Geheimdienst, eine Reise nach Jugoslawien zu unternehmen und dort den Regierungsführer Tito zu treffen. Ein echtes Filmangebot erhält er auch noch, er soll in Frankreich bei der Krimikomödie „Über den Dächern von Nizza“ mitwirken. Lucky Luciano ist aus Amerika ausgewiesen worden und führt nun Geschäfte in Italien. Und das TV-Gerät der Marke „McGuffin Premium Deluxe“ wird gestohlen.

Wie soll das alles zusammen gehen, fragt man sich. Doch das Autoren-Team, dass sich hinter dem Pseudonym Wu Ming (chinesisch für ohne Namen) verbirgt, hat einen sehr amüsanten Roman geschaffen. Auch wenn man als Leser in der heutigen Zeit vermutlich einen großen Teil des kalten Krieges altersbedingt verpassen durfte, kann man sich gut in die lebendigen Schilderungen hineinfühlen. Pierres durch den frühen Tod der Mutter und das Dasein des Vaters als Partisanenkämpfer zerrissene Familie bildet einen Mittelpunkt des Geschehens. Der junge Mann ist auf der Suche nach der großen Liebe, nach seinem Vater und wohl auch nach einem besseren Leben. Er macht sich auf nach Jugoslawien, das er nur über geheime Wege erreichen kann, um dort einige wahrhaft unglaubliche Erlebnisse zu haben. Gleichzeitig entwickelt Lucky Luciano seine dunklen Geschäfte auch in Italien, doch nicht jeder arbeitet für ihn. Und die Geschichte um Cary Grant setzt dem Ganze noch die Krone auf.


Ein Buch wie ein Film, den Alfred Hitchcock kaum besser hätte erfinden können. Mit den deutlichen Anspielungen auf das Werk des Meisters werden gekonnt neue Ideen verknüpft und auch die Gedanken des bedauernswerten geklauten TV-Gerätes auf seinen verschiedenen Stationen kommen nicht zu kurz. Die wunderbar verschlungenen Fäden dieses Romans, die sich zwar zunächst etwas zu verlieren scheinen, entwirren sich zu einem sinnvoll gesponnenen Werk, dass man gerade wegen seines Bezugs zum Film auch gerne verfilmt sehen würde.

4 Sterne

'54 von Wu Ming
ISBN: 978-0-09-947233-3


Sonntag, 26. Juni 2016

Absalom, Absalom

Absalom Kearneys Mutter schaute in die Bibel als sie einen Namen suchte. Absalom war ein Halbbruder des Salomo, Absalom Kearney dagegen ist Polizistin in Buffalo, New York, Erie County.  Sie ist zurückgekehrt in die Stadt ihrer Herkunft, eine Gegend in der Nähe der Niagara Fälle. Richtig aufgenommen ist sie nicht, aber mit ihrer Harvard Ausbildung und ihrem Gespür für Verbrechen, hat sie eine Stelle bei der Polizei bekommen. Auch ihr Adoptivvater war Polizist. Nun allerdings beginnt er Betreuung zu benötigen. Absalom hat es nicht gerade leicht. Und schließlich verlangt ihre Beruf ihre ganze Konzentration. Ein Einheimischer ist ermordet worden und seine Leiche wurde auf unheimliche Art und Weise drapiert.

Absalom, genannt Abbie, gehört zu den Menschen irischer Abstammung, die mit einem schwarzen Haarschopf und hellen Augen gesegnet sind, Black Irish werden sie genannt. Man erfährt also recht schnell, dass dieser Roman nicht in Irland spielt, auch wenn die irische Geschichte den Verlauf der Handlung durchaus beeinflusst. Zunächst ist völlig unklar, wer ein Motiv gehabt haben könnte, Jimmy Ryan zu ermorden. Abbie hat es schwer, an Informationen zu kommen. Die irische Gemeinde hält zusammen und Polizisten gehören nicht zu denen, mit denen man redet. Es ist die berühmte Mauer des Schweigens, die Abbie durchbrechen muss.

Zu Beginn fragt man sich, wieso Absalom nach hause zurückkehrt. Ein Zuhause, dass keine wirkliche Heimat ist. Warum ist sie kein Mitglied der Gemeinschaft, wenn ihr Adoptivvater doch wohl ein anerkanntes Mitglied war. Und so dümpelt die Ermittlung etwas dahin. Jedoch gerade wenn man meint, nun könnte der Fall mal eine Wendung gebrauchen, die echtes Interesse weckt, scheint es so, als wollte der Autor einen genau dahin führen. Mit der Öffnung der Ermittlung Richtung Geschichte, Hintergrund und Vergangenheit nimmt der Fall so viel an Spannung auf, dass man gefesselt weiterliest. Dabei verzeiht man auch, dass man vielleicht nicht jeden Todesfall versteht und dass Abbies Ahnungen nicht immer erklärbar erscheinen.


Ein guter Start natürlich wieder einer Reihe um die Polizistin Absalom Kearney.

3,5 Sterne

Black Irish von Stephan Talty
ISBN: 978-0-345-53887-1


Mittwoch, 22. Juni 2016

Wie der Vater

Kommissar John (Joooon) Benthiens Vater hat es manchmal faustdick hinter den Ohren. Er umgibt sich einfach gerne mit interessanten Frauen, binden will er sich allerdings nicht, das sollte dann lieber mal sein Sohn tun, meint er. Er, der Alte, schäkert gerne und hat manchmal Mühe, die Avancen der Damen, die er selbst angefüttert hat, wieder zu bremsen. Zur Ablenkung kann er seinem Sohn auch mal in die Arbeit hineinreden. John hat gerade auf Amrum zu tun. In einem Örtchen der beschaulichen Insel sind doch tatsächlich zwei Menschen umgebracht worden. Beim den Toten handelt es sich um ein älteres Ehepaar, das bei den Inselbewohnern nicht besonders beliebt war.

Arbeiten, wo andere Urlaub machen, da müsste John und seinem Team der Job doch leicht fallen. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wie so viele Dinge beginnt die Lösung dieses ersten Falles mit mühevoller Kleinarbeit. So muss das mit Krempel vollgestopfte Haus der Verstorbenen gründlich durchsucht werden. Jeder, der auch nur vielleicht etwas mit den Opfern zu tun gehabt haben könnte, wird eingehend befragt. Und es gibt mehr zu Befragende als man zunächst meinen könnte, denn einige der Urlauber haben mehr mit den Opfern zu tun als sie zugeben möchten. Nach und nach führen die Spuren zurück in die Vergangenheit.


Langsam und gründlich wie die Ermittlungen so wirkt dieser erste Fall um Kommissar John Benthien. Doch dieses langsame Tempo zu Beginn verzeiht man schnell, wenn man so langsam erahnen kann, dass die Geschichte doch verwickelter ist und somit jede Wendung ihre Berechtigung haben könnte. Einige abrupte Szenenwechseln animieren doch schnell noch mal zurück zu blättern, ob man nicht etwas überlesen hat. Dennoch liest sich dieser ruhige stimmig-norddeutsche Krimi sehr angenehm. Und Kommissar John Benthien und sein Team gewinnen die Sympathien des Lesers.

3,5  Sterne

Küstenmorde von Nina Ohland
ISBN: 978-3-404-16950-4


Montag, 20. Juni 2016

Der Witwer

Caroline Turner war Journalistin, ihr Anliegen war es, die Wahrheit zu erzählen. Ihren Wunsch nach Wahrheit bezahlt sie mit ihrem Leben. Zurück bleibt ihr Mann Michael, der ihren Tod lange nicht verwinden kann. Michael zieht nach London in eine beschauliche Nachbarschaft. Schnell findet er Kontakt zu den Nachbarn, der Familie Nelson. Josh, seine Frau und die beiden kleinen Töchter werden fast so etwas wie eine Ersatzfamilie. Bei ihnen findet Michael ein wenig Halt und Trost. Leider besteht dieses Idyll nicht sehr lange. Das Schicksal hält einen weiteren Schlag bereit.

Welche extremen Veränderungen muss ein Mensch durchmachen, der einen geliebten Menschen plötzlich verliert. Die Lebensplanung wird durch den Verlust jäh angehalten, die Neuorientierung ist nicht möglich und auch nicht gewollt. Lediglich oberflächlich entsteht mit der Zeit wieder eine Art Normalität. Doch unter der Oberfläche brennt der Gedanke an den unerträglichen Verlust. Das Wissen um das Geschehen hilft nicht, macht es doch nur die Unsinnigkeit des Todes deutlich. Und die Auswirkungen reichen weit. Etwas, worüber man sich nie genug Gedanken machen kann, welche Auswirkungen hat das eigene Tun. Auf der anderen Seite darf man sich manchmal genau darüber keine Gedanken machen. 


Genau darum scheint es in diesem von Devid Striesow sehr eindringlich vorgetragenen Roman zu gehen. Der Autor gibt seinen Lesern einiges zu knacken, eine extreme Situation mündet schließlich in einer Katastrophe, an der niemand wirklich schuld ist. Oder ist wirklich niemand schuld. Was ist Ursache, was ist Wirkung. Zwei Welten, zwischen denen kaum ein Zusammenhang besteht. Nur leider ist es dem Autor nicht ganz gelungen, den Leser bzw. Hörer emotional zu packen. Keiner der Hauptakteure weckt tiefe Sympathie, am ehesten noch der Fernste handelt integer. Doch Gefühle und Handlungen, die einem eigentlich nahe gehen sollten, bleiben fern und kühl. Ist man möglicherweise durch gute Besprechungen neugierig auf dieses ungewöhnliche Buch geworden, könnte man eine kleine Enttäuschung erleben.

3 Sterne

I saw a Man von Owen Sheers
ISBN: 978-3-844-52120-7




Sonntag, 19. Juni 2016

Sanktuarium

Und wieder gibt es lediglich eine kurze Phase des Innehaltens für die Archäologin Dr. Erin Granger und ihre Mitstreiter. Die Strigoi scheinen stärker zu werden und es ist unklar wieso. Erin schleicht sich in die geheime Bibliothek des Sanguinarierordens, um nach Hinweisen zu suchen. Die Prophezeiung, die sie den Priester Rhun Korza und den Soldaten Jordan Stone betrifft, hat sich noch nicht gänzlich erfüllt. Noch einen gemeinsamen Kampf haben sie auszufechten. Und so wie sie manchmal Hilfe von unerwarteter Seite bekommen, drohen auch Gefahren, wo sie nicht zu vermuten sind. 

In diesen dritten und letzten Teil der Reihe um den Sanguinarier geht es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt. Das Böse und die Dunkelheit durchdringt die Welt und scheint die Übermacht zu gewinnen. Man könnte sich an die heutige Gegenwart erinnert fühlen und würde sich ein solches Dreigestirn wünschen, dass die angestammte Ordnung wieder herstellt. Ein Wunsch, der wohl kaum erfüllt wird, die Menschheit ist für sich selbst verantwortlich und kann sich demzufolge auch nur selbst Einhalt gebieten. In der Geschichte dieser Trilogie machen sich jedoch Erin, Rhun und Jordan auf, das Bestand der Erde zu erhalten. Dabei entschlüsselt Erin kleinste Hinweise, während Rhun mit seiner übermenschlichen Kraft so manche Gefahr ausräumt. Jordan vom Engel berührt trotzt selbst den größten Feinden. 


Nur gemeinsam können sie die Rätsel lösen und ihrem Ruf folgen. Zwar durchaus blutrünstig sind die Schilderungen, mit denen das Autorengespann die Leser vielleicht bannt vielleicht auch erschöpft. Doch die Konstruktion der Handlung, die die Grundlage für alle Kämpfe bildet, ist sehr fesselnd. Alles hängt zusammen, Wissenschaft, Religion, Glaube. Das Gefüge der Welt. Die Neugier der Menschen, ihr Wille in die natürliche Ordnung einzugreifen. Sich mit dem Gedanken, Gutes zu wollen, zu rechtfertigen, um jede unsägliche Tat auszuführen. Kann es unter diesen Voraussetzungen überhaupt gelingen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, die aufgerührten Wogen zu glätten. Gepackt verfolgt man den Weg der Protagonisten zur Antwort.

4 Sterne

Die Apokalypse des Blutes von James Rollins und Rebecca Cantrell
ISBN: 978-3-7341-0279-0




Freitag, 17. Juni 2016

Die erste Sünde

Die Erlebnisse beim Auffinden des Evangelium des Blutes haben Erin Granger mitgenommen. Besonders, die Studenten, die das Abenteuer nicht überleben durften, gehen ihr nicht aus dem Kopf. Und deshalb will sie sich erholen. Doch eine lange Pause ist ihr nicht vergönnt. Bei einem Überfall durch eines der Schattenwesen, die sie bereits kennen gelernt hat, entkommen sie und ihre Freude nur knapp. Erin und Jordan haben den Ruf nach Italien bekommen. Endlich müssen sie herausfinden, wer der erste Engel ist und wie er das Armageddon verhindern kann. Bisher war ihnen allerdings nicht bewusst, dass es eine weitere Kraft gibt, die alles versucht, um ihre Mission zu behindern.


Nachdem der erste Band dieser Trilogie sehr spannend war und einige Überraschungen bereit hielt, wirkt dieser zweite Band etwas behäbiger. Zwar geht es manchmal ausgesprochen blutig zu, doch eine ganze Weile will keine rechte Spannung aufkommen. Das Autorenteam scheint sich etwas in den Schilderungen der Gewaltorgien zu verlieren. Beinahe könnte man sich wünschen, der Gang der Ereignisse wäre ein wenig gestrafft worden. Wäre da nicht das tatsächlich fulminante Finale,  während dessen doch noch mit einigen Überraschungen aufgewartet wird, und dass ausgesprochen spannend geschildert ist, würde man eine leichte Furcht vor der Lektüre des dritten Bandes empfinden. So aber kann man doch gespannt nach vorne blicken und darauf hoffen, dass geschichtliche und wissenschaftliche Ansätze wieder geschickt mit einer packenden Handlung verwoben werden.

3,5 Sterne

Innocent Blood von James Rollins und Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-4091-1639-4


und hier die Leseprobe der deutschsprachigen Ausgabe:




Dienstag, 14. Juni 2016

Machtlos

Die Tür ist offen, das kann nur eine Falle sein, oder? Nach über acht Jahren Gefangenschaft nutzt Lily die Gelegenheit, dass ihr Entführer vergessen hat, die Tür zu schließen. Obwohl es winterlich kalt ist, schnappt sie sich ihre kleine Tochter und rennt. Schon bald erkennt sie, dass sie ganz in der Nähe ihres Elternhauses ist. Sie holt noch einmal alles aus sich heraus, erschöpft klingelt sie an der Tür und ihre Mutter vermag kaum zu glauben, was sie sieht. Nach so langer Zeit steht ihre vermisste und tot geglaubte Tochter vor ihr. Es könnte ein wunderbares Wiedersehen werden. Doch so einfach ist es nicht.

Was in anderen Büchern vielleicht der Schlusspunkt wäre, bildet hier den Beginn der Geschichte. Nach Jahren der Entführung und der Gefangenschaft kehrt eine junge Frau zurück nach hause. Sie hat sich verändert, sie hat eine Tochter bekommen, sie hat ihre Tochter beschützt. Sie ist ein anderer Mensch geworden. Auch ihre Lieben haben sich verändert. Zu all dem, was sie während ihrer Gefangenschaft ertragen musste, erfährt sie nun auch noch, dass ihr geliebter Vater bereits relativ kurz nach der Entführung zusammen gebrochen ist und verstarb. Auch ihre Schwester ist nicht mehr die Alte. Zwar gab es zwischen den eineiigen Zwillingen auch mal Zickenterror, aber im Grunde waren sie ein Herz und eine Seele.

Was geschieht, wenn eigentlich mal etwas gut ausgeht? Das danach wird häufig nicht so genau beleuchtet und genau hier setzt dieser Roman an. Mit dem Ende der Entführung hat das Leid kein Ende. Eine so lange Zeit der Abwesenheit hinterlässt Spuren in den Seelen der Betroffenen. Nicht nur die entführte Lily kann sich nur schwer an ihre Freiheit gewöhnen, trotz der großen Freude, dass sie wieder da ist, auch ihre Familie muss sich umstellen. Hinzu kommt der Presserummel. Die Untaten des perfiden und gestörten Täters, die Lily über sich ergehen lassen musste, sind im Nachhinein auch für ihre Familie schwer zu ertragen. 

Ein packendes nicht so happy ever after, das betroffen macht und mitfühlen lässt. Wenn auch manches etwas unerklärt wirkt und Kleinigkeiten im Ungewissen bleiben, ist der Spannungsbogen doch bestens gespannt. Das Debüt von Hollie Overton ist eine sehr gelungene Darbietung.


4 Sterne

Baby Doll von Hollie Overton
ISBN: 978-1-780-89507-9


Sonntag, 12. Juni 2016

Briefe

Überrascht so schnell ein Stellenangebot zu bekommen, sagt Joanna sofort zu. Nach dem Literaturstudium scheint es ideal, in einer Literaturagentur anzufangen. Auch wenn die Jobbeschreibung für ihre Eltern sehr nach Sekretärin klingt. Mitte der 1990er beginnt eine Zeit des Umbruchs, immer mehr Computer werden angeschafft, die analoge Welt wird mehr und mehr zurück gedrängt. Da wirkt die kleine Agentur wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Dennoch fühlt es sich für Joanna an als sei sie angekommen. Erst nach einiger Zeit findet sie heraus, um wen es sich bei dem wichtigsten Klienten der Agentur handelt: J. D. Salinger. Unter anderem soll sich Joanna um die zahlreichen Briefe kümmern, die der Autor erhält.

Wie es der Zufall will bekommt die junge Joanna gleich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn mit einer der amerikanischen Literaturikonen zu tun. J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ ist weltberühmt. Der Autor selbst lebte allerdings sehr zurückgezogen und seine Agentur, in der Joanna arbeitet, soll unter anderem diese Zurückgezogenheit schützen. Dabei wirken die wenigen Augenblicke, in denen der Autor meist nur telefonisch auftaucht, zwar ein wenig schrullig, aber keinesfalls so weltabgewandt, wie man aus seiner Biografie herleiten könnte. 


Interessant wie Joanna ihre ersten Schritte beschreibt, ihre Unsicherheiten der frühen Tage, wie sie langsam an Sicherheit gewinnt und über ihre Sekretärinnentätigkeit hinauswächst. Eine Zeit nach der Ausbildung während aus einer Jugendlichen langsam eine Erwachsene wird. Im Beruf die Frau zu stehen ist nicht alles, finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden gehört dazu und auch die Erkenntnis, dass der Freund nicht immer ehrlich ist. Ein Jahr des Lernens, der Erkenntnisse, des Aufbruchs. Mit Herz und Mut geht Joanna an ihre Aufgabe, die sie für ihr weiteres Leben prägt und formt. Ein Sprungbrett in ein Leben in der Welt der Literatur, allerdings auch ein Sprungbrett aus einem melancholisch angestaubten Relikt der Vergangenheit in die schnelllebige Gegenwart.

4 Sterne

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff
ISBN: 978-3-8135-0515-3




Samstag, 11. Juni 2016

Familienschande

Caroline Goldcares jüngerer Sohn Will, der eigentlich die Versöhnung mit seiner Freundin Lily geplant hat, begeht völlig unerwartet Selbstmord. Ein schwerer Schlag, von dem sich seine Familie kaum erholen kann. Noch drei Jahre später ist nichts verarbeitet, die Wunde immer noch offen. Auch Charlie, der Ältere der beiden Brüder, kommt nich über Wills Tod hinweg. Erst die Trennung von seiner Frau India rüttelt ihn ein wenig auf. Caroline, die ihre manipulativen Finger immer mit im Spiel hat, tut das Ihrige, um ihre Welt wieder in ein gutes Licht zu rücken. Plötzlich jedoch stirbt Carolines Arbeitgeberin, die feministische Schriftstellerin Clare Abbott, an einem Herzinfarkt. Barbara Havers hatte während einer Lesung eine kurze Begegnung mit der Autorin und als deren Lektorin sie bittet, den Todesfall genauer unter die Lupe zu nehmen, nimmt Havers die Gelegenheit wahr, einen eigenen Fall zu lösen.

Havers, die sich während des letzten Falles heftig mit ihrer Chefin überworfen hat, ist praktisch nur noch zur Bewährung in London. Sie darf sich keinen Fehler mehr erlauben, sie ist so damit beschäftigt, keine Fehler zu machen, dass ihre eigentliche Tätigkeit kaum noch stattfindet. Lynley und die Polizeisekretärin Dorothea hecken einen Plan aus, wie sie Barbara auf die Sprünge helfen wollen.

Mit einer fast 200 Seiten langen Einleitung nimmt sich Elizabeth George viel Zeit, das Feld für ihre Geschichte zu bereiten. Dabei gelingt es ihr, das sich zusammenbrauende Gewitter herbei zu schreiben, ohne etwas über die geheimen Strukturen zwischen den handelnden Personen zu verraten. Wenn man sich auf diese langsame Erweckung der Neugier einlassen kann, wird man schließlich ein spannenden Psychogramm einer gestörten Familie entdecken, das einen schaudern lässt. Ob man diesen Roman noch als Kriminal bezeichnen kann, mag fraglich sein, denn die Untersuchung der Polizei bildet eigentlich eher einen Nebenschauplatz. Dennoch fesselt dieses Geflecht an offenen und unterschwelligen Beziehungen außerordentlich. Beinahe wie ein Korken, der so langsam immer mehr unter Spannung gerät und endlich aus dem Flaschenhals gesprengt wird. Doch jede Andeutung über die Ermittlung könnte schon zu viel verraten. Deshalb sei nur und das gerne gesagt, die Autorin hat vielleicht keinen typischen Kriminalroman aber ein herausragendes Stück Spannungsliteratur geliefert. Der geneigte Leser muss für die über 700 Seiten etwas Zeit mitbringen, Zeit, die ausgesprochen gut verwendet ist.

4,5 Sterne

A Banquet of Consequences von Elizabeth George
ISBN: 978-0-14-311156-6




Donnerstag, 9. Juni 2016

Schnacken nicht hacken

Das ist echt der coolste Spruch des Buches und etwas, was man aus vollem Herzen und mit Überzeugung unterschreiben kann. Besonders wenn man an die Beschreibung eines zerstückelten Körpers denkt, mit der der Prolog erfreut.

Jimm Juree wohnt mit ihrer Familie seit Neuestem in einem kleinen Ort im Süden Thailand. Dort betreiben sie ein kleines Hotel, das von Touristen geflissentlich übersehen wird. Eigentlich Journalistin übernimmt Jimm jede Arbeit, die sich anbietet. Da ist zum Beispiel ein Interview mit einem bekannten englischen Kriminalschriftsteller und natürlich alles, was im Hotel so anfällt. Die Klärung, wohin die Ärztin des lokalen Krankenhauses verschwunden ist, bereitet da schon ein angenehmes Freizeitvergnügen, denn Jimms Spürnase wird gern angeregt.

Colin Cotterill erfreut seine Leser schon seit einigen Jahren mit seinen intelligenten Laos-Krimis um den Pathologen Dr. Siri. Gut vorstellbar, dass er ähnlich wie sein mögliches Alter Ego im Buch, einfach mal etwas anderes schreiben wollte. Als Asienliebhaber hat es ihn dabei von Laos nach Thailand verschlagen und mit Jimm Juree ist ihm eine amüsante witzig überdrehte Protagonistin gelungen, der es an Selbstbewusstsein nicht mangelt. In den manchmal aberwitzigen Situationen, in die sie immer wieder gerät, fällt ihr immer wieder ein Spruch ein, der ihr Gegenüber trefflich staunen lässt. Nicht auf den Mund gefallen redet sie sich selbst aus den unangenehmsten und gefährlichsten Situationen heraus. Mit Witz und Neugier tänzelt sie durch das Leben und löst die Rätsel, sie so auf ihrem Weg liegen.


In diesem ausgesprochen gelungenen Hörbuch des dritten Bandes der Reihe bringt die Vorleserin Vera Teltz die Stimmung, die dieser Roman ausstrahlt, hervorragend an den Hörer. Man glaubt, sie sieht, denkt und fühlt die Figuren und lässt den Hörer genau daran teilhaben. Ohne ein Buch der Reihe gelesen zu haben, könnte man auf die Idee kommen, dass hier ein gutes Buch durch eine wunderbare Lesung noch ein wenig besser wird.

4,5 Sterne

Mit Axt, Charme und Melone von Colin Cotterill
ISBN: 978-3-844-51909-9




Sonntag, 5. Juni 2016

What about Bob

Durch eine Wette hat seine Mutter ihren jugendlichen Sohn diesen Job verschafft. Bob ist Gott, er hat die Welt geschaffen und seit dem ist er ziemlich faul. Mit seit Jahrtausenden gefühlten Zwanzig hat man auch etwas anderes im Kopf als sich um die Erde zu kümmern. Wäre da nicht Mr. B., der versucht Gottes (oder Bobs) gröbste Fehler wieder auszubügeln und wenigstens hin und wieder mal auf die Wünsche der Menschen zu reagieren, das Chaos wäre unbeschreiblich. Aber so ist die Welt eben wie sie ist. Bob allerdings ist wieder mal in eine Sterbliche verliebt. So wie seine Gefühle stürmen und toben, so stürmt und tobt auch das Wetter. Und Mr. B. hat nun endlich genug, er kündigt.

Was sagt uns das? Zunächst mal, Gott ist verliebt und deshalb schlägt das Wetter solche Kapriolen. Gut zu wissen, gut zu wissen auch, es wird vorbei gehen. Denn Sterbliche und Götter passen einfach nicht zusammen. Es kann allerdings ein Weilchen dauern bis sie das begreifen und noch ein Weilchen bis sie das einsehen. Bleibt zu hoffen, dass Mr. B. seine ordnende Hand nicht so schnell abzieht. Ebenfalls hofft man, dass Lucy, die Angebetete ohne größere seelische Schäden davonkommt. Schließlich hat sie besseres verdient als einen spätpubertierenden Nichtsnutz. Wie im wahren Leben, erkennen das so ziemlich alles außer ihr. 

Eine kuriose und doch witzige Geschichte um das herrschende Chaos in dieser Welt. Warum kümmert Gott sich nicht? Er ist anderweitig beschäftigt und es interessiert ihn einfach nicht. Wo aber ist Mr. B.? Spürt man ihn an jedem ruhigen Sommertag? Oder wenn doch einmal ein Konflikt gelöst wird? Oder eine Art gerettet? Vielleicht. 

Klar ist nun, wieso die Menschheit ist wie man sie täglich sieht und von ihr in der Zeitung liest. Denn sie ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, eines Jugendlichen, der die Pubertät noch nicht hinter sich gelassen hat. Mögen sowohl Gott als auch seine Schöpfungen wachsen und erwachsen werden. 

Ein hübsches Buch, mit der Hoffnung auf ein „They lived happily ever after“ und eine bessere Welt.

3,5 Sterne

Oh. Mein. Gott. von Meg Rosoff
ISBN: 978-3-100-66070-1




Samstag, 4. Juni 2016

Nebelbrandung

Die Wege von Anna und Lewis hätten sich nie kreuzen sollen. Anna hat sich ihr Leben in London eingerichtet und ihre Mutter Rita führt eine kleine Pension an der Küste von Norfolk. Aus der Ferne verstehen sich die beiden am besten. Rita, schon über 70, stürzt jedoch eines Tages auf der Treppe und Anna will für eine Weile zu ihr ziehen, um sich um sie zu kümmern. Lewis dagegen hat den Tod seines Zwillingsbruders nie verwunden, eigentlich, so meint er, hätte er an Waynes Stelle sein sollen. Auf der Suche nach seinem Jugendfreund Cal führt auch Lewis` Weg in die raue Landschaft Norfolks.

Anna, deren Vater fehlt und die Angst vor Wasser hat, Lewis, dem sein Bruder fehlt und der irgendwie Angst vor Allem hat. Dagegen stehen Rita und ihr einziger Gast oder Nachbar oder wie man das nennen will Vernon mit beiden Beinen fest im Leben. Natürlich sind sie nicht mehr ganz jung und Rita ist auch sehr froh, dass ihre Tochter sich Zeit für sie nimmt, aber so geerdet wie sie und Vernon sind die jungen Leute noch lange nicht. 

Wechselnd zwischen Rückblenden und der Gegenwart erzählt Trezza Azzopardi die Geschichte ihrer beiden scheiternden Helden. Ob es der Wirklichkeit entspricht, ist unklar, dennoch vermitteln ihre Worte die Vorstellung von einer rauen grauen Landschaft, vom Sturm gepeitschte Wellen wühlen auch die Gefühle von Anna und Lewis auf. Aber sind sie auch bereit, sich aus ihrer fein eingerichteten Problemwelt zu befreien. Manchmal sprunghaft, machmal eher undurchsichtig, aber manchmal auch mit feinem Gespür für ihre Protagonisten bringt die Autorin dem Leser ihre Charaktere nahe. Worte, die sich mitunter aneinander reihen wie wertvolle Perlen, lassen Bilder von den Augen entstehen. Manchmal allerdings entsteht der Eindruck, dass in den schwelgenden Beschreibungen die eigentliche Geschichte etwas aus den Augen verloren wird. Dies allerdings meint eine passionierte Leserin von Kriminalromanen, die gradlinigeren Handlungssträngen vielleicht mehr abgewinnen kann.


3,5 Sterne

Turmalin von Trezza Azzopardi
ISBN: 978-3-8270-0733-9


Donnerstag, 2. Juni 2016

Das Klassenfoto

Alles soll besser werden, deshalb kehrt Kommissar Fabian Risk zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern zurück an seinen Heimatort. Damit die Familie wieder zusammen findet, ist ein ausgiebiger Urlaub geplant. Doch schon kurz nach der Ankunft wird ein ehemaliger Klassenkamerad Fabians grausam ermordet. Seine künftige Chefin bittet ihn, bereits jetzt mit der Arbeit zu beginnen. Risks Familie tut das nicht gut, allerdings wird ein weiteres Mitglied aus Risks alter Klasse vermisst und sein Einsatz damit gerechtfertigt. Unheimlich, dass es gerade die Ehemaligen dieser Jahrgangsstufe erwischt. Das kann doch kein Zufall sein.

Kommissar Fabian Risk ermittelt zum ersten Mal in Südschweden. Er ist einer, der sich richtig in die Arbeit kniet und dabei die Familie vergisst und über das Maß der Dinge hinausgeht. Der Erfolg bei seinen Fällen gibt ihm zwar recht, aber seine Ehe setzt er schon aufs Spiel. Als nun kurz hintereinander zwei seiner ehemaligen Mitschüler umkommen, wird alles versucht, hinter das Geheimnis der Todesfälle zu kommen. Nicht auszudenken, wie es wäre, wenn weitere Menschen auf einer Art Todesliste stünden. Mit seiner unkonventionellen Art findet Risk einige Hinweise, die seinen neuen Kollegen entgangen sind. Als dadurch jedoch eine unbeteiligte Person in Gefahr gerät, droht Risk von dem Fall abgezogen zu werden.


Ein Kommissar, der in seiner Arbeit aufgeht und dafür familiäre Probleme in Kauf nimmt, löst ambivalente Gefühle aus. Man fragt sich, ob er sich nicht hin und wieder etwas zurück nehmen könnte. Der Fall, mit dem er es bei seiner ersten Ermittlung zu tun bekommt, ist ausgesprochen spannend mit einigen grausamen Schilderungen, die einen schon schlucken lassen. Man fürchtet, der perfide Plan des Täters könnte tatsächlich aufgehen. Immer wieder entgeht er mit Leichtigkeit oder knapp dem Zugriff. Jedoch fragt man sich, ob ein so fehlgeleiteter Geist das Fassungsvermögen eines normalen Leserverstandes nicht etwas sehr strapaziert. Dennoch kann man kaum von dem Buch lassen, da die Anspannung immer größer wird und nur dadurch gelöst werden kann, dass man selbst während der Lektüre der Auflösung des Falles näher kommt.

4 Sterne

Victim without a Face von Stefan Ahnhem
Deutscher Titel: Und morgen du
ISBN: 978-1-784-97547-0