Sonntag, 31. Juli 2016

Der Dschungel Amerika

Nach einer beschwerlichen Reise kommt Jack Reacher an den Ort zurück, an dem er am längsten war, zu seiner alten Militärpolizei-Einheit. Ehe er sich versieht ist er reaktiviert und festgesetzt. Angeblich soll er vor Jahren einen Menschen erschlagen haben. Damit nicht genug, ein Kind soll es auch geben, von einer Frau, an die sich Reacher nicht erinnert. Hätte ihm die Stimme von Susan Turner, seine Nachfolgerin, am Telefon nicht so gut gefallen, hätte er sich vielleicht nicht auf den Weg gemacht. Und auch Susan wurde aufgrund fadenscheiniger Anschuldigungen verhaftet. Man kennt Jack, er versucht sein Bestes, um Susan freizubekommen und herauszufinden, was hinter dem Ganzen steckt.

Ein routiniert spannender Jack Reacher, der mir gut gefallen hat. Der einsame Wolf und Wanderer Reacher wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert und muss sich mit dem Gedanken beschäftigen, was wäre wenn. Und natürlich gilt es das Rätsel zu lösen, weshalb er und Turner an den Ermittlungen gehindert werden. Ruhe geben können beide zum Glück nicht und so enthüllen sie eine krude Geschichte, die sie an einigem zweifeln lässt. Garniert mit ein paar humorvollen Einschüben, menschlich anheimelnden Szenen und bedrückenden Szenarien ist dieser Thriller sehr lesenswert und ausgesprochen kurzweilig. Gegen die Spannung und Unterhaltung zu Beginn und im Mittelteil fällt die Auflösung leider etwas ab.

4 Sterne

Never go back von Lee Child
ISBN: 978-0-5930-6575-4


und auf Deutsch




Eden

Alex Recht und Fredrika Bergman ermitteln wieder zusammen. Weil der Hintergrund noch nicht ganz geklärt ist, beginnen sie mit den Untersuchungen in der Sache einer Erzieherin, die vor ihrer Kindertagesstätte erschossen wurde. Der Hort gehört zur jüdischen Gemeinde, was dem Fall gleich auch eine politische Note gibt. Oder handelt es sich doch um einen einfachen Mord? Eigentlich nur Stunden später werden zwei Jungen der selben Gemeinde entführt und kurz darauf ebenfalls erschossen aufgefunden. Drei Fälle in so kurzer Zeit, nun werden alle Kräfte zusammengezogen. Zwar drängt sich ein Zusammenhang nicht auf, aber gibt es vielleicht doch eine Verbindung. 

Sowohl Alex als auch Fredrika sind heilfroh, dass sie wieder gemeinsam arbeiten können. Fehlt nur noch Peder Rydh. Wie es der Zufall wird hat dieser gerade eine Stelle als Sicherheitschef bei der jüdischen Gemeinde bekommen. Wenn sie also nicht alle in einem Büro sitzen bilden sie doch irgendwie ein Team. Da fehlt nur noch Eden Lundell, die bei der Flugzeugentführung vor einem halben Jahr geschickt die Fäden in der Hand behalten hat. Doch ihre Kraft scheint seltsam gebremst. Sollte sie nicht eine Verbindung zwischen normaler Polizei und Säpo herstellen? Doch wie viele der Beteiligten scheint sie einiges zu verschweigen. Unklar ist auch, was ein Agent des israelischen Geheimdiensts in Schweden zu suchen hat.

Nachdem Kristina Ohlsson ihre Leser im vorherigen Band gerade durch den Gegensatz zwischen der schnell verrinnenden Zeit mit quälend langsamen Fortschritt der Ermittlungen beschäftigt hat, zieht sie sie nun mit kleinen Informationsschnipseln in den Bann ihrer Phantasie. Man will unbedingt herausfinden, was da vor sich geht. Man befürchtet das Schlimmste, man möchte es verhindern, man wünscht, dass die Polizei schneller ist. Gleichzeitig ist man gepackt von der Untersuchung der Todesfälle, in der immer neue Fakten zutage treten, die doch ein Gesamtbild ergeben, in dem die jüngere Geschichte Israels eine bedeutende Rolle spielt. Die Grausamkeit verfeindeter Parteien wird deutlich dargestellt und auch die Nutzlosigkeit dieser Grausamkeiten, denn schließlich werden Persönlichkeiten auf beiden Seiten zerstört und es gewinnt niemand.


Intelligent, fesselnd und atemberaubend.

4,5 Sterne

Papierjunge von Kristina Ohlsson
ISBN: 978-3-8090-2640-2




Samstag, 30. Juli 2016

Es naht der Unruhestand

Sie sind beste Freunde, die beiden Paare Kathrin und Sven und Tom und Silvia. Doch irgendwann ist zwischen Silvia und Sven mehr als nur Freundschaft und es kommt der Zeitpunkt, an dem sie mehr wollen. Endlich soll es soweit sein, Sven hat ein Zimmer ein einem noblen Hamburger Hotel besorgt und Silvia eilt zu ihm. Sie treffen sich kurz, Sven will im Zimmer nur kurz etwas vorbereiten. Doch Silvia kommt nie im Zimmer an. Als Sven sie im Hotel nicht finden kann, geht er sofort zur Polizei. Doch die Beamten versuchen erstmal nur, ihn zu beruhigen. Wie aber soll man ruhig bleiben, wenn in Hamburg der 5 Sterne Mörder umgeht, der seine Opfer aus hochklassigen Hotels entführt.

Knapp zwei Jahre vor seiner Pensionierung beginnt Kommissar Eberhard Rieckers mit den Ermittlungen um Silvias Verschwinden. Mit den Mordermittlungen sind jüngere Kollegen betraut, von deren Kompetenz der Kommissar nicht viel hält. Und so mischt er sich ein. Zum Glück hat seine Frau ihm immer den Rücken gestärkt, wenn er mal wieder einen nervenaufreibenden Fall hatte, hatte Verständnis, wenn es wieder einmal später wurde. Und so ist es auch jetzt. Doch die Untersuchung zieht sich hin. Die junge Frau bleibt verschwunden und im Gegensatz zu den anderen Fällen taucht nicht mal ihre Leiche auf. Ein Fall, an dem ein gestandener Kommissar verzweifeln könnte.


Fast wie ein Ermittlungstagebuch könnte man diesen Roman lesen. Kommissar Rieckers, ein sympathischer Polizist, der keine großen unerledigten Fälle hinterlassen möchte. Ein Mensch, dem das Schicksal Svens nahegeht, der glaubte, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, nur um sie gleich darauf zu verlieren. Auch wirkt es durchaus sehr realitätsnah, dass eben nicht sofort oder innerhalb einiger Tage alles aufgeklärt werden kann. Meist dauert die Ermittlung und damit dauert auch das Leiden der Beteiligten. Wie verschieden Menschen damit umgehen, wie zerstört das normale Leben ist. Gerade das ist sehr authentisch geschildert. Schließlich kommen manche Erleuchtungen etwas plötzlich und möglicherweise versetzt einen manche Entwicklung in Erstaunen, nichtsdestotrotz versteht Sonja Rüther mit ihren Figuren und ihren Ideen zu fesseln, so dass man hat man erstmal begonnen das Buch kaum mehr aus der Hand zu legen vermag.

4 Sterne

Blinde Sekunden von Sonja Rüther
ISBN: 978-3-7466-3226-1


Freitag, 29. Juli 2016

Der Flug

Fredrika Bergman ist nicht mehr im Team von Alex Recht, das Team existiert nicht mehr. Alex führt eine andere Abteilung und Peder musste aus dem Polizeidienst entlassen werden. Fredrika ist im Ministerium. Eigentlich geht es ihr und ihrer Familie gut, doch manchmal vermisst sie die alte Zeit. Nun soll erstmals jemand, der in Schweden eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat, abgeschoben werden. Und weitere Entscheidungen über das Asylrecht stehen an. Da wird die Stadt mit gleich mehreren Bombendrohungen überzogen, die sich allerdings als falsch herausstellen. Die Ermittler wissen nicht, was ihnen bevorsteht, als sie mit der Untersuchung beginnen. Schon am nächsten Tag wird ein Flugzeug entführt. Das Ziel lautet New York.

Fredrikas Leben hat sich weiterentwickelt und sie ist froh, von den Morden weg zu sein. Dennoch genießt sie es mal wieder mit Alex Recht zusammen zu arbeiten. Die Zeit rennt allerdings. Sie haben nur so lange Zeit, die Forderungen zu erfüllen, wie der Flug dauert. Quälend langsam kommen nach und nach kleine Informationsteilchen ans Tageslicht. Ein Gesamtbild ergibt sich aber nicht. Die Ziele des Entführers werden nicht klar. Die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Behörden gestaltet sich schwierig. Und über vierhundert Menschen schweben in größter Gefahr.


Beim Lesen dieses Romans beginnt man nachvollziehen zu können, wie frustrierend es sein muss, wenn man unter extremen Zeitdruck steht, die Nachforschungen einfach dauern und zunächst auch nichts Greifbares zutage fördern. Die Öde, die Langsamkeit und auch die Hilflosigkeit. Man möchte alles beschleunigen, man möchte die bei einem so internationalen Fall beteiligten Staatsvertreter auf die Füße treten, wenn der Apparat so fürchterlich träge ist. Wenn die Zeit unendlich scheint und doch so schnell verrinnt. Ebenso nervenaufreibend ist der Fall an sich. Große Furcht herrscht vor solch einer terroristischen Tat, man mag es sich gerade vor den heutigen Ereignissen gar nicht ausmalen. Was wäre, wenn ein Bekannter im Flugzeug sitzt, ein Verwandter. Was kann eine solche Tat auslösen. Zum Ende hin immer spannender, ein brisanter Thriller in einer tollen Reihe, die man nicht verpassen sollte.

4 Sterne

Himmelschlüssel von Kristina Ohlsson
ISBN: 978-3-7341-0225-7




Donnerstag, 28. Juli 2016

Der Weg des Kriegers

Schon am Anfang war Jenny Aaron eine Ausnahmepolizistin und erst recht bei der Abteilung stand sie ihre Frau. Bis ein Auftrag schief ging, ein Kollege überlebte nur knapp und Aaron ist seitdem blind. Mit mühsamen und akribischen Übungen hat sie einen großen Teil ihrer Selbstständigkeit wieder erlangt. Fünf Jahr nach dem Trauma ist sie inzwischen beim BKA eingesetzt. Als jedoch ein Gefängnisinsasse eine Psychologin tötet, wird Aaron nach Berlin zu ihrem alten Team gerufen. Wenn auch ihre Augen nicht mehr sehen, so sind ihre Sinne geschärft und sie bemerkt, dass alles anders ist als es scheint.

Kann man, wenn man spät und auch noch durch ein traumatisches Ereignis erblindet, überhaupt weitermachen? Eine Frage, die sich Jenny Aaron stellt und um deren Beantwortung sie kämpft. Ihre alten Kollegen hat sie seit Jahren nicht gesehen und nun spürt die Unsicherheit. Als Spezialistin im Verhörraum ist sie in ihrem Element. Mit ihrer Fähigkeit sich auch ohne Sehkraft zu orientieren, vermag sie zu verblüffen. Freuen sich wirklich alle, sie wieder zu sehen. Irgendwie scheint es der Täter auch auf sie abgesehen zu haben. Schwebt sie etwa in Gefahr? Nicht alles kann sie erspüren und erahnen.


Nicht ganz einfach findet man Zugang zu diesem Thriller mit seiner eigenwilligen Heldin. Ihr Kampf gegen die Auswirkungen der Blindheit beeindruckt. Ihre Angst vor weiteren Verlusten der Erinnerung nimmt für sie ein. Hin und wieder muss man jedoch innehalten, um zu überlegen, ob man sich gerade in einer Erinnerung befindet oder ob es im aktuellen Geschehen eine neue Entwicklung gibt. Nicht ganz leicht fällt es, in die Seele der Jenny Aaron zu blicken. Auch der Gemeinschaftssinn der Truppe mit ihren besonderen Regeln fühlt sich im normalen Leben fremd an. Dennoch fühlt man sich von der Lektüre beim Schlawittchen gepackt und in den düsteren Thriller hineingezogen. Auftauchen kann man erst wieder, wenn man hinter das Geheimnis der Erinnerung und des Bushido gekommen ist.

4 Sterne

Endgültig von Andreas Pflüger
ISBN: 978-3-518-42521-3


Montag, 25. Juli 2016

Zwölf Jahre

Nur zwölf Jahre hat er bekommen, der Mörder seines Sohnes. Henning Saalbach hat den Tod des Jungen nicht verwunden. Seine Ehe ist zerbrochen und beruflich bekommt er auch nichts mehr geregelt. Und nun hat der Täter seine Strafe fast abgesessen. Zwölf Jahre hat Saalbach auf diesen Tag gewartet. Und nun ist es so weit. Saalbach will den Mörder ermorden, das ist der Plan. Aber nicht alles läuft so wie Henning Saalbach sich das gedacht hat. So schließt er zum Beispiel die Bekanntschaft mit einem etwa neunjährigen Mädchen, das von seinen Eltern nicht unbedingt gut behandelt wird, so scheint es jedenfalls.

Ist Henning Saalbach auf dem Weg ein Mörder zu werden? Begibt er sich damit nicht auf die selbe Ebene wie der Täter? Nach dem gewaltsamen Tod seines Kindes ist nichts mehr wie es war, es wird auch nicht wieder. Vielleicht gibt es mal einen guten Tag, aber sein totes Kind ist immer in seinen Gedanken. Ihn und seine Frau hat die schwere Zeit nicht zusammen geschweißt, im Gegenteil, es hat sie auseinander getrieben. Das mag ihm wohl das Recht geben, den Täter nicht zu mögen und auch diesem den Tod zu wünschen. Aber ist das ein Plan, der an den Rand der Ausführung gelangen darf?


Gerade in der heutigen Zeit, wo man den Eindruck gewinnt, dass immer mehr Leute das Recht in die eigenen Hände nehmen, ist dies ein sehr brisantes Thema. Welchen Weg soll man nehmen. Überlässt man es nicht besser der Justiz, über einen Täter zu urteilen. Und sollte man, wenn man in seiner verständlichen Fixierung auf den Mörder tatsächlich auf Hinweise stößt, nicht besser die Polizei einschalten? Es ist eine Gratwanderung, die der Autor seinen Protagonisten durchleben lässt. Mit geschickt gewählten Worten wird die Spannung immer weiter aufgebaut, um mit einem fulminanten Finale doch etwas abrupt zu enden. Man kann vielleicht nicht jeden Gedanken oder jede Handlung des Protagonisten nachvollziehen können oder gutheißen, spannende Unterhaltung bekommt man auf jeden Fall geboten.

3,5 Sterne

Eis bricht von Raimon Weber
ISBN: 978-3-8437-0405-2


Sonntag, 24. Juli 2016

Caveman

In dem kleinen norwegischen Heimatort des Kommissars William Wisting wird eine Leiche gefunden. Der Tote saß in seinem Fernsehsessel und es hat wohl über vier Monate gedauert bis er gefunden wurde. Ein tragischer Vorfall, der wohl die Tochter des Kommissars in ihrer Eigenschaft als Journalistin auf den Plan ruft, der aber sonst nicht sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Ganz anders ist es mit der zweiten Leiche, die in einem Fichtenhain aufgefunden wird. Hier wird schnell klar, es handelt sich um ein Tötungsdelikt. Zur Überraschung der ermittelnden Beamten stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen Amerikaner handelte.

Auf ihre ganz eigene Art stellen sowohl Line Wisting als auch ihr Vater Nachforschungen an. Line konzentriert sich auf den einsamen Toten und William versucht das Geheimnis des Amerikaners zu klären. Viele Informationen können sie nicht austauschen, denn sie stehen doch auf unterschiedlichen Seiten. Das akzeptieren und respektieren sie gegenseitig und bis auf Andeutungen fragen sie nicht groß nach. Offensichtlich handelt es sich schließlich auch um unterschiedliche Sachverhalte. Line gräbt in der Vergangenheit und fragt sich, wie es in dieser Gesellschaft geschehen kann, dass ein Toter so lange unentdeckt bleibt. William versucht die Schritte und Motivationen des Mordopfers nachzuvollziehen und setzt damit eine Untersuchung in Gang, die immer größere Dimensionen annimmt.

Dieser Kriminalroman zieht den Leser wirklich in seinen Bann. Relativ ruhig und unspektakulär ist die Ausgangssituation. Ein Toter, der bedauerlicherweise sehr spät gefunden wird. Man ist betrübt und legt die Sache schnell zu den Akten. Die zweite Leiche, offensichtlich ermordet, ein Ausländer, den somit zunächst niemand vermissen konnte. Kommissar William Wisting, der beweist, dass der menschliche Verstand sich zwar der Hilfe von Computern bedienen kann, ihnen aber doch überlegen ist. Und sei es nur, dass er auf die Idee kommen kann, das Wissen eines alten Bekannten anzuzapfen. Seine Tochter Line als Journalistin zwar einen anderen Ansatz verwendend als ihr Vater, aber dennoch ebenso ruhig, methodisch und zielstrebig vorgehend. Zwei tolle Persönlichkeiten, die sich in der Erkenntnis des Lesers bestens ergänzen. Und gerade daraus, dass der Leser weiß wie beide vorankommen, ergibt sich ein besonderes Spannungsverhältnis. Man schlüpft förmlich in die Handlung hinein und folgt jedem Schritt, den Line und William unternehmen. 

Der Autor, dessen Bücher um Kommissar Wisting leider nicht vollständig übersetzt zu sein scheinen, war selbst Polizist. Er weiß also wovon er berichtet. Das macht diesen Roman noch bestechender und führt dazu, dass der Name Jørn Lier Horst sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Was im Übrigen als Caveman oder Höhlenmensch so der Originaltitel Hulemannen bezeichnet wird, sollte jeder beim Lesen selbst herausfinden, denn gerade hier verbirgt sich eine der äußerst originellen Ideen des Autors.


4,5 Sterne

Eisige Schatten von Jørn Lier Horst
ISBN: 978-3-426_30426-6


Freitag, 22. Juli 2016

Dein Kind

Joachim Vernau erwacht in einem Krankenbett. Offensichtlich ist er in eine Schlägerei geraten. Aber wirklich an die Ereignisse erinnern kann er sich nicht. Nur das Gesicht einer jungen Frau erscheint vor seinen Augen, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Vernau wollte seinem alten Kumpel Rudi Scholl helfen, der von Jugendlichen angegriffen wurde. Scholl, mit der er damals die Zeit im Kibbuz verbracht hat. Die jungen Männer allerdings drehen den Spieß um und behaupten, Vernau habe Scholl angegriffen. Natürlich will Joachim Vernau die Sache aufklären, doch als Scholl vom Balkon stürzt  gerät Vernau sogar unter Mordverdacht. Eine Katastrophe für einen Anwalt. Vernau macht sich auf den Weg nach Israel, wo er die Antwort auf seine Fragen zu finden hofft.

Wie war Vernau als junger Mann? Mit wenig Geld und dem Willen anzupacken, konnte man in den 1980ern etwas erleben. Man ging in den Kibbuz und bestenfalls öffnete man sich der Kultur und dem Leben dort. Und natürlich auch den Menschen. Vielleicht mochten es die Einheimischen nicht, wenn die Kontakte zu intensiv wurden. Doch wie will man die Völkerverständigung zwischen jungen Menschen verhindern. Als Eltern kann man da nur scheitern. Doch Vernaus Zeit in Israel endet abrupt und für einen aus ihrer Runde mit ungewissem Ausgang. Das Geheimnis aus den vergangenen Tagen muss gelüftet werden. Nur so kann Vernau seinen Ruf wieder herstellen und vielleicht etwas für die Kinder der Kinder von damals erreichen.

Auf ein spannendes Terrain begibt sich Elisabeth Herrmann mit ihrem neuen Roman um Joachim Vernau und seine Weggefährten, die allerdings dem Aufenthalt in Israel geschuldet, etwas kürzer kommen als gewohnt. Das leichte Bedauern hierüber wird allerdings mehr als wett gemacht durch die verwickelte Geschichte, die sich in Vernaus Vergangenheit verbirgt. Gebannt verfolgt man seinem Weg auch zu sich selbst. Nicht immer ist die Jugend leicht und die Folgen mancher Dummheit sind alles andere als absehbar. Manchmal ist die nachfolgende Generation leidtragend und versucht, die eigene Seele zu heilen, ohne absehen zu können, welche Wirkung sie erzielt. 


Mit ruhigen und doch akzentuierten Worten bringt der Vorleser dem Hörer die eindringlichen und nachdenklichen Worte der Autorin nahe. So wie die Spannung langsam ansteigt, so steigert auch Thomas M. Meinhardt seine Intonation. Eine sehr gelungene Interpretation eines sehr gelungenen Buches.

4 Sterne

Totengebet von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-844-51924-2




Mittwoch, 20. Juli 2016

Von langer Hand

Vor über dreißig Jahren wurde die Familie eines Möbelbauers überfallen. Als Mitglied der Amisch Gemeinde vertraute der Vater keiner Bank und hatte einiges Bargeld im Haus. Doch die Situation eskaliert und Vater Hochstetler wird umgebracht und seine Frau entführt. Die Kinder der Familie kommen bei einem Feuer ums Leben. Nur ein Kind überlebt, der 14jährige Will. Und heute nach dieser langen Zeit kommen auf einmal die zu Tode, die vermutlich damals beteiligt waren. Wer hat plötzlich das Verlangen, die vermeintlichen Täter für ihre Vergangenheit zur Rechenschaft zu ziehen. Der Sohn der Hochstetlers wurde von einer Amisch-Familie adoptiert und er führt ein unauffälliges Leben innerhalb der Gemeinde.

Warum beginnt gerade jetzt das Morden? Chief Kate Burkholder, die selbst bei den Amisch aufgewachsen ist, beginnt mit den Ermittlungen. Doch zunächst tappt sie im Dunklen. Man findet nur wenige Spuren und die Zeugen sind ausgesprochen schweigsam. Der erste Tote war zwar geschieden, doch für seine Enkel der liebe Opa. Kate muss alle Kräfte mobilisieren, um auf die Spur des Täters zu kommen. Auch ihre Beziehung zu Tomasetti steht auf dem Prüfstein, sie befürchtet, er könne sich wegen seiner unbewältigten Vergangenheit zurückziehen.


In nun bereits ihrem sechsten Fall steht Chief Kate Burkholder wieder vor einem Verbrechen, dessen Spuren sie in die Gemeinde der Amisch führen. Zwar hat Kate die Gemeinde verlassen und ist Polizistin geworden. Ihre Erinnerungen werden allerdings jedes mal geweckt, wenn Spuren gefunden werden, die auf die Gemeinde hinweisen. Gefesselt liest man von den Ereignissen der späten 1970er, während derer eine Familie beinahe ausgelöscht wurde. Ein ungeklärtes Verbrechen, das möglicherweise zu einer Reihe von weiteren Todesfällen führt. Während der Lektüre fragt man sich, wer hat ein Interesse. Von der Familie der Opfer hat nur ein Jugendlicher überlebt, der nun ein so unauffälliges Leben hat, dass man sich nicht vorstellen kann, er könnte der Täter sein. Geschickt verteilt Linda Castillo kleine Hinweise so wohl dosiert, dass man nicht auf die Lösung kommt. Seite für Seite blättert man auf der Suche nach dem Täter und wird schließlich sehr überrascht. Ja, wirklich, die Autorin versteht zu fesseln. Eine Reihe, die in eine fremde Welt entführt, intelligent unterhält und die jede Minute wert ist, die man ihr widmet. 

4 Sterne

The dead will tell von Linda Castillo
ISBN: 978-1-250-02956-0


Dienstag, 19. Juli 2016

Rittersleute

Toll sind die Ferien beim Großvater für Jade und Luis. Der Opa ist weit gereist und kann tolle Geschichten erzählen. Am liebsten stöbern die Cousins aber auf dem Dachboden, wo sich so manches Artefakt angesammelt hat. Ein magischer Spiegel ermöglicht ihnen Abenteuer wie sie noch nicht gekannt haben. Und diesmal geht es in die Zeit der Ritter. Dort lernen sie den Knappen Horace kennen, der seinen Herrn verzweifelt vermisst. Ein raffgieriger Verwandter ist dabei, sich die Burg unter den Nagel zu reißen. Und durch eine unbedachte Bemerkung ist Horace gezwungen, einen Kampf um das Erbe seines Herrn zu führen.

Wenn man nur selten Kinderbücher liest(das Vorliegende hat eine Altersempfehlung von 8 Jahren), ist man doch überrascht wie spannend, interessant und auch lehrreich die Geschichten sein können. Hier machen sich die beiden Kinder aus der Gegenwart auf ins Abenteuer Vergangenheit. Da mag die Handlung vielleicht etwas an Robin Hood oder den Schwarzen Ritter erinnern, doch für den jungen Leser ergibt sich bestimmt ein fesselndes Leseerlebnis. Die Zeit der alten Ritter wird auf leichte Art und Weise näher gebracht. Und auch Mädchen können ihren Mann stehen. Jede Fähigkeit wird gebraucht und jeder kann etwas zur Rettung der Burg beitragen.

Sehr schön, wie offen und interessiert Jade und Luis ihre Reise in die Vergangenheit antreten. Für sie und die Leser ein unvergessliches Abenteuer, das durch die liebevoll eingestreuten Bilder noch plastischer wirkt. Natürlich gibt es nicht nur im Mittelalter etwas zu erleben und zu entdecken. Der magische Spiegel führt die Cousins noch in weitere Epochen.


4 Sterne

Der magische Spiegel - Der verschwundene Ritter von Nicolas Campbell
ISBN: 978-3-8458-1100-0


Sonntag, 17. Juli 2016

Regensommer

Auf dem Weg von Göteborg nach Stockholm verschwindet ein sechsjähriges Mädchen aus dem Zug. Nur kurz war seine Mutter bei einem außerplanmäßigen Halt auf den Bahnsteig gegangen und doch hat sie die Abfahrt des Zuges verpasst. Und der Schaffner, den sie dann telefonisch bat, auf ihr Kind aufzupassen, hat das Abteil auch nur kurz verlassen. Trotzdem ist die Kleine nicht auffindbar. Schnellstens versuchen Kommissar Alex Recht und seine Kollegen, das Kind zu finden. Doch es ist wie verhext, viele Zeugen haben das Bahnhofsgelände schon verlassen und die von den Verbleibenden hat niemand etwas gesehen oder gehört. 

In diesem ersten Fall von Alex Recht und seinem Team geht es gleich sehr zur Sache. Bei vermutlichen Kindesentführung oder auch bei jedem Verschwinden eines Kindes kommt es auf jede Sekunde an. Je länger die Suche dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines unglücklichen Ausgangs. Da müssen die Ermittler zusammen arbeiten. Es darf der Bearbeitung des Falles nicht entgegenstehen, dass ihnen die Fahndungsspezialistin Fredrika Bergman zugeteilt wurde. Sie hat als Quereinsteigerin nicht die übliche Ausbildung durchlaufen und wirkt wie ein Fremdkörper im Team. Und doch muss Axel Recht mit der Zeit anerkennen, dass die neuen Impulse, die ihre Art der Herangehensweise bringt, hilfreich für die Ermittlungen sind.

Ein Fall, der einen im doppelten Sinne des Wortes mitnimmt. Zum einen, weil man, wenn es um Kinder geht, einfach nicht unberührt bleiben kann. Und zum anderen, weil man sich auf die Weg begibt, den die Nachforschungen nun einmal einschlagen. Man ist ergrimmt über die Engstirnigkeit des Peder Rydh, man wünscht sich die Ruhe und Übersicht von Alex Recht und hofft letztlich auf eine wohlwollendere Aufnahme Fredrikas im Team. Gefesselt jedoch ist man von dem Fall. Geschickt lässt die Autorin die Abläufe immer mehr an Geschwindigkeit aufnehmen, so dass es einem schließlich fast den Atem raubt. Ein sehr gelungenes Erstlingswerk, dem die Autorin inzwischen einige Weitere folgen ließ.

4 Sterne

Aschenputtel von Kristina Ohlsson

ISBN: 978-3-442-37580-6




Samstag, 16. Juli 2016

Zwischenhoch

Die junge Natalie Reinegger bekommt gleich nach ihrer Ausbildung eine Stelle als Bezugsbetreuerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Ihre sogenannten Bezugis sind recht unterschiedlich. Einigen soll soweit geholfen werden, dass sie das Heim verlassen können, andere haben diese Aussicht nicht, weil ihre Einschränkungen zu schwerwiegend sind. Ein besonderer Fall ist Herr Dorm, der obwohl auf den Rollstuhl angewiesen, eine Frau so lange belästigt haben soll, bis sie sich umgebracht hat. Nur ging es ihm nicht um die Frau, sondern um deren Mann. Und dieser Dr. Hollberg besucht Dorm nun regelmäßig. In diese Welt wächst Natalie langsam hinein. 

Mit über tausend Seiten etwas ausufernd schildert der Autor Natalies Leben und Erleben mit ihrer neuen Arbeitsstelle. Im Privaten eher haltlos driftet Natalie durch Tag oder Nacht, ihr mobiles Telefon immer bei der Hand, um Geräusche oder Gespräche aufzuzeichnen. Ein gewisser Drogencocktail muss ihr ebenso durch Tag oder Nacht helfen. Von ihrem Freund hat sie sich getrennt, kann ihn aber nicht richtig loslassen. Und so bleiben neue Begegnungen flatterhaft und ungewiss. Vielleicht stürzt sich sie umso mehr in die Arbeit, um Halt zu finden. Doch ganz leicht machen es ihr die Bezugis nicht. Zu groß sind manchmal die Seltsamkeiten, mit denen die Behinderungen einhergehen oder sich ausdrücken. 


Anrührend und abstoßend zugleich wirkt diese Geschichte. Epische Ergüsse wechseln sich mit Passagen ab, die fast wie eine Kriminalgeschichte wirken. Surreal wirken die Wanderungen Natalies durch die nächtliche Stadt, ihre drogenverzerrte Sicht mal kreischende Bilder, die verstören können. Und dann wieder ihre großenteils sanfte Umgangsweise mit einigen ihrer Bezugis. Ihre Schwierigkeiten, sich abzugrenzen, gut nachvollziehbar. Die Schicksale der Heimbewohner und ihre Versuche, mit den Einschränkungen zu leben, lassen den Leser nicht kalt. Menschlich, dass nicht jeder sympathisch wirken kann. Und so inhaliert man Teile dieses umfangreichen Werkes, fühlt in Teilen mit, empfindet jedoch auch des Öfteren Unverständnis und bleibt schließlich mitunter verwirrt in dem Gedanken, dass man das Ganze nicht durchdrungen hat. Es wird am Leser liegen und nicht am Autor.

3 Sterne

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre von Clemens J. Setz
ISBN: 978-3-518-42495-7


Freitag, 15. Juli 2016

Seelefreunde

Das Institut in Los Angeles ist in diesem Sommer ein eher ruhiger Ort. Fünf Jahre nach dem Tod ihrer Eltern sucht Emma Carstairs immer noch nach den Mördern ihrer Eltern. Ihr Seelenfreund Julian weilt in England und so verbringt sie viel Zeit mit Cristina, die aus Mexico ans Institut kam. Eines Abend bekommen die Beiden einen Hinweis, nach dem sie eigentlich nicht suchen sollten. Ein Leichenfund wird angekündigt. Fast schon natürlich, dass kein Verbot Emma stoppen kann, wenn auch nur der Hauch einer Möglichkeit besteht, etwas über den Tod an ihren Eltern zu erfahren. Und tatsächlich scheint gerade dieser Tote etwas an sich zu haben, was Emma weiterhelfen könnte.

Wieder einmal erfreut Cassandra Clare ihre Leser mit einem Abenteuer der Schattenjäger. Diesmal  bildet das Institut in Los Angeles den Schauplatz. Als Ausgangspunkt für die Geheimnisse, die den Tod von Emmas Eltern umgeben, aber auch eine Hommage an die Familie, die für Julian das Wichtigste ist. Julian, Emmas Seelenfreund, der viel zu früh erwachsen werden musste. Nachdem sie auch den Vater verloren hatten, musste und wollte er dafür sorgen, dass die verbleibenden Geschwister im Schutze des Instituts zusammen groß werden konnten. Doch nun scheint das Leben und auch die tiefe Freundschaft von Emma und Julian an einem Wendepunkt angekommen zu sein.

Packend werden verschiedene Handlungsstränge verknüpft. Warum werden gerade jetzt so viele Menschen oder Schattenweltler umgebracht? Wer ist ein Verbündeter bei der Aufklärung der Verbrechen? Und wer legt den Jugendlichen Steine in den Weg? Und über allem weht ein Hauch von bittersüßer tragischer Liebe. Doch nicht nur dramatische Ereignisse fordern die Leser emotional, auch freudige Themen versüßen die Lektüre. Bei einem ersten Band einer vermutlich dreiteiligen Reihe müssen natürlich ein paar Fragen offen bleiben und es gibt ein paar Ansätze, die neugierig machen, wie es mit den „Dunklen Mächten“ weitergeht. Aber wie bei Cassandra Clare schon fast gewohnt und fast erwartet, hat man hier einen ausgesprochen lesenswerten und berührenden Start, der noch einiges erwarten lässt.


4 Sterne

Lady Midnight (Die dunklen Mächte) von Cassandra Clare
ISBN: 978-3-442-31422-5




Dienstag, 12. Juli 2016

Ein Hoch auf die kleinen Glücksmomente

Isabelle ist ein Gewohnheitstier. Sie isst seit 11 Jahren in der Mittagspause stets die gleiche Nudelsuppe beim Vietnamesen um die Ecke und verpasst keine Folge ihrer Lieblingssoap. Doch dann schließt das Restaurant und auch die Soap wird abgesetzt. Isabelles ganzes Leben gerät durcheinander. Zudem kämpft Brigittes Blumenladen, in dem sie als Floristin arbeitet, ums Überleben und ausgerechnet der beauftragte Insolvenzverwalter verdreht Isabelle gehörig den Kopf. Alex scheint ihr Traummann zu sein. Doch das große BÄMM bleibt aus. Stattdessen gibt es immer mehr Glücksmomente, die mit dem neuen Restaurantinhaber Jens in Verbindung stehen. Doch das müssen die beiden Betroffenen erst einmal erkennen... 

"Glück ist, wenn man trotzdem liebt" ist das erste Buch, das ich von Petra Hülsmann gelesen habe. Es ist ein unterhaltsamer Liebesroman, der eine kurzweilige Lektüre verspricht. Mir hat das Buch gut gefallen. Über manche Szenen habe ich mich amüsieren können. Wieder Anderes war mir doch eine Schippe "too much". Gerade Isabelle als Hauptprotagonistin fand ich streckenweise sehr anstrengend aufgrund ihres für meinen Geschmack sehr unreifen Verhaltens. Jens mit seiner sehr eigenwilligen und mitunter doch auch ruppigen Art konnte ich schon mehr abgewinnen. Am liebsten war mir Merle, Jens Tochter, auch wenn ich nicht all ihr tun gutheißen kann. Das Ende ist m.E. etwas dick aufgetragen, was aber letztlich Geschmackssache ist. Ich bin sicher, dass das Buch viele begeisterte Leserinnen finden wird. 

3 Sterne

© Britta Kalscheuer

Glück ist, wenn man trotzdem liebt von Petra Hülsmann
ISBN: 978-3-404-17364-8




Sonntag, 10. Juli 2016

Nur der Chronist

Seit sein Detektiv verschwunden ist, hat der Schreiber Charles Unwin nicht mehr viel zu tun. Jeden Tag, auch bei Regen, fährt er mit dem Rad zur Arbeit in der alles überblickenden Agentur. In letzter Zeit hält er am Bahnhof an, um die Frau im karierten Kleid zu beobachten. Sollte ihn jedoch jemand fragen, wird er behaupten, er sei wegen des Kaffees da. An diesem speziellen Tag erscheint er etwas zu spät in der Agentur und muss entsetzt feststellen, dass sein Schreibtisch besetzt ist. Sein Entsetzen wandelt sich in ungläubiges Staunen, denn man teilt ihm mit, er sei zum Detektiv befördert worden und solle gleich seine neue Stelle antreten.

Was noch einigermaßen erklärbar mit einer unerwarteten Beförderung und mit einem überraschenden Todesfalls beginnt, wird im Verlauf immer kurioser. Seine geschriebenen Worte, die Charles Unwin immer für wahr gehalten hat, beinhalten doch so manche Ungenauigkeit. Doch wieso wird er, der einfache Schreiber, plötzlich zum Detektiv auserkoren. Einen Fall bekommt er auch nicht zugeteilt. Und so macht er sich auf, seinen verschwundenen Vorgänger zu suchen. Obwohl dessen Büro ziemlich leergeräumt war, findet Charles noch einen Hinweis, dem er nachgehen kann. Und damit taumelt er in eine Geschichte, die wirklich traumhaft scheint. Seine Stützen bilden zum einem seine Assistentin Emily Doppel und das Handbuch der Detektive.


Eine Mischung aus Kriminalstory und Phantasie fügt Jedediah Berry zusammen. Manchmal sehr verschlungen, so dass man sich als Leser hin und wieder fragt, durch wessen Gedanken man gerade taumelt. Und doch ansprechend wegen der witzig verdrehten Idee des Detektivs, der doch nur Schreiber sein will. Und doch so wie Charles Unwin seine Aufgabe annimmt, so nimmt man auch als Leser die Aufgabe und gemeinsam findet oder erfindet man eine Lösung, die der Welt zumindest eine Pause von dem ewigen Regen beschert.

3,5 Sterne

Handbuch für Detektive von Jedediah Berry
ISBN: 978-3-442-74375-9


Samstag, 9. Juli 2016

Die Lüge

Mit ihrem Mann und ihrer Tochter führt Sandra ein glückliches Leben. Sie arbeitet als Therapeutin und auch Ben ist erfolgreich in seinem Job. So erfolgreich, dass er für die Familie ein großes Architektenhaus am Hügel außerhalb der Stadt errichten konnte. Sandra wäre lieber in der Stadt geblieben, durchsetzen konnte sie ihren Wunsch allerdings nicht. Auch Ivy, die mit 15 mitten in der Pubertät steckt, fühlt sich in der Einsamkeit nicht recht wohl. Irgendetwas stimmt allerdings mit der Idylle nicht. Sehr erschrocken, reagiert Sandra als Ivy sie der Lüge bezichtigt. Die Situation droht zu eskalieren, weil zwei Fremde am Haus auftauchen. Offensichtlich entflohene Sträflinge, die nichts Gutes im Schilde führen.

Auf der kleinen Bühne des durchgestylten Familienheim entspinnt sich ein Drama. Was geschieht, wenn Fremde einfach einbrechen, Geiseln nehmen und die Sicherheit, die man im eigenen Haus eigentlich fühlt, rüde zerstören. Wie interagiert man mit den Gangstern? Hat man eine Chance zu entkommen oder auch nur die Situation zu überstehen. Was kommt über einen selbst ans Tageslicht. Wächst man über sich hinaus. Oder verrät man alles, was einem lieb ist, um selbst zu überleben. Sandra wird hart geprüft.

Ein Geflecht aus Beziehungen, von denen die meisten belastet erscheinen. Personen, die wirken als hätten sie vor Jahren oder Jahrzehnten eine Therapie gebraucht, die vielleicht zu mehr Klarsicht geführt hätte. Der Ausspruch „Kinder brauchen Grenzen“ scheint hier mit viel Gehalt ausgefüllt zu werden. Man fragt sich, wie weit die Reihe der Mütter, die schuld sind, zurückreicht. Denn jede Mutter, die Schuld ist, hat eine Mutter, die vermutlich Schuld ist. Kann man eine solch fatale Reihe durchbrechen und wahrhaft etwas besser machen. Man selbst ist nicht frei von seiner Herkunft. 


Ein Roman, der aufwühlen kann und manchmal anwidert. Packend in seinem Verlauf, aber in seiner Ausführung doch sehr extrem. Mal wieder bekommt man das Gefühl, dass gerade in den vermeintlich normalen Haushalten der USA zu viele Waffen im Umlauf sind, auf die Menschen Zugriff erhalten können, in deren Händen sie absolut nichts zu suchen haben. Und so entwickeln sich die tragischen Ereignisse immer schlimmer und als Leser fühlt man sich mitunter gezwungen eine Achterbahnfahrt mitzumachen. Durch die teilweise unterschiedlichen Perspektiven bekommt man zudem hin und wieder den Eindruck, dass der Zeitablauf nicht stimmig ist und das manche Informationen irgendwie im Ungeklärten verschwinden. Und so könnte ein wenig Unentschlossenheit zurückbleiben. 

3,5 Sterne

As Night Falls von Jenny Milchman
ISBN: 978-0-553-39482-5


und auf Deutsch:


Freitag, 8. Juli 2016

Der Knochenbaum

Mit knapper Not entkommen Penn Cage und seine Verlobte Caitlin Masters dem brennenden Inferno. Der Reporter Henry Sexton hat sein Leben für sie geopfert. Henry, der immer nach der Wahrheit suchte und nie eine Waffe in die Hand nahm, ist nicht mehr da. Und auch das Schicksal von Penns Vater ist noch ungewiss. Auf der Flucht scheint er einen Polizisten umgebracht zu haben. Er, ein alter, kranker Mann, der als Arzt allen geholfen hat, ohne Rücksicht auf deren Ansehen, Hautfarbe oder Stand. Die Doppeladler nicht nur die größten Feinde der Familie Cage, sondern auch der schlimmste Verbrecher-Clan im Staate Mississippi, haben ihre blutbefleckten Hände im Spiel.

Dieser zweite Teil der Natchez-Trilogie von Greg Iles schließt nahtlos an den ersten Band an. Genauso umfangreich und detailliert und genauso spannend. Man fragt sich zunächst, wie es gelingen kann, eine Geschichte über drei Bücher, wovon zumindest die ersten beiden über tausend Seiten aufweisen, so zu planen, dass weder der Autor noch der Leser den Faden verliert. Bis jetzt jedenfalls ist dieses Iles auf packende Art und Weise gelungen. Möglicherweise kommt man der Aufklärung des bedeutendsten Verbrechens der USA einen Schritt näher. Vielleicht findet Penn Cage heraus, was sein Vater mit der Sache zu tun hat. Eventuell kann die Gruppierung der unsäglichen Doppeladler endlich zerschlagen werden. 


Wenn man sich generell für die Thematik der Rassenproblematik interessiert und neugierig auf die Art der Rechtsanwendung in Amerika und speziell im amerikanischen Süden ist, wird sich mit diesem Buch nicht langweilen. Trotz des Umfangs wirkt nichts überflüssig. Einige Handlungen der Personen können auf manche Leser sehr amerikanisch wirken. Da ist man schon schnell mal mit der Waffe bei der Hand und die eine oder andere Auslegung des Rechts könnte etwas seltsam anmuten. Und einmal möchte man den Autor am liebsten schütteln. Aber die grundlegende Geschichte ist so fesselnd und beeindruckend in ihrer Schonungslosigkeit, dass man den schwergewichtigen Band kaum aus der Hand legen möchte. Mit einigen besonderen Szenen sind Greg Iles sehr berührende Schilderungen gelungen, die nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwinden werden. 

4 Sterne

Die Toten von Natchez von Greg Iles
ISBN: 978-3-352-00665-4


Sonntag, 3. Juli 2016

Licht und Dunkel

Ein schwer misshandelter und schließlich gestorbener Junge wird gefunden. Kommissarin Jeanette Kihlberg übernimmt den Fall. Zunächst ist es nicht einfach, den Toten überhaupt zu identifizieren. Es ergeben sich allerdings Hinweise auf Missbrauch, was der Kommissarin verschiedene Ansätze gibt. So werden die Akten bekannter Täter gewälzt und auch Befragungen durchgeführt. Jeanette wendet sich ebenfalls an die in Behandlung und Begutachtung von Tätern und vor allem auch Opfern Psychologin Sofia Zetterlund. 

Kommissarin Jeanette Kihlberg als Ermittlerin mit Gefühl und Durchblick. Ihre Nachforschungen werden von ihrem Vorgesetzten nicht immer voll und ganz unterstützt. Auch im Privatleben fehlt ihr die Unterstützung ihres Ehemannes. Dieser, ein Kunstmaler, ergeht sich häufig in Antriebslosigkeit und im Ausüben seiner besonderen Fähigkeit des Geldausgebens, des Ausgebens des Geldes seiner Frau. Und so wirkt Kihlberg abgehetzt und manchmal nicht ganz bei der Sache. Wie zielstrebig ist dagegen Sofia Zetterlund. Sie setzt sich ein für ihre Patienten und obwohl sie selbst Schweres erlebt hat, scheut sie keine Mühe, um die angeschlagenen Seelen zu heilen. 

Das Autoren-Duo Jerker Eriksson und Hakan Axlander Sundquist hat ein wahrhaft brisantes Thema angepackt. Welche Traumata kann eine Kinderseele aushalten, ohne größeren Schaden zu nehmen. Ist es überhaupt möglich. Was wird aus denen, die unheilbar geschädigt sind. Welche Verarbeitungsmöglichkeiten hat ein junger Mensch, der keinen Zugriff auf Hilfe hat. 

Ein Thema, auf das man sich einlassen können muss. Ein Thriller mit Akteuren, in die man sich mitunter nur schwer hineinfühlen kann. Dieses ungekürzte Hörbuch wird sehr gut vorgetragen durch Thomas M. Meinhardt, denn jedwede Interpretation wird dem Zuhörer überlassen. Ein wenig zu ausufernd scheint allerdings der Lauf der Handlung. So ist es manchmal schwer, sich in Orten, Zeiten und Gedanken zurecht zu finden. Die Geschichte einer Trennung könnte etwas abgegriffen und damit auch relativ offensichtlich wirken. Sicher wird nicht jeder Leser/Hörer es schaffen, sich dem Thema und der Herangehensweise zu öffnen. Dann könnte es möglich sein, dass das Buch nur in Phasen fesselt und in weiten Phasen eher Distanziertheit hervorruft. 


2,5 Sterne

Krähenmädchen von Erik Axl Sund
ISBN: 978-3-844-51531-2