Dienstag, 30. August 2016

Im Aza-Land

Wenn Ferguson sie nicht gerettet hätte, hätte Luisa nie die Gelegenheit bekommen nach ihrer Mutter zu suchen. Aza hat München kurz nach der Geburt ihrer Tochter fluchtartig verlassen. Obwohl ihr Start ins Leben etwas holprig war, hat Luisa eine schöne Kindheit. Ihr Vater Paul nimmt sie mit an die Uni und bei ihren Großeltern auf dem Land ist sie herzlich willkommen. Pauls WG sind ihre Familie. Erst nach einigen Jahren beginnt sie nach ihrer Mutter zu fragen und erntet zunächst nur betretenes Schweigen. Bis Irene kleine Geschenke an die WG-Bewohner verteilt, die schließlich auch einen Hinweis auf den Aufenthaltsort ihrer Mutter Aza enthält.

In drei Teilen erzählt Luisa die Geschichte ihres jungen Lebens. Sie beginnt mit der Geborgenheit in ihrer Wohngemeinschaft, mit ihrem neugierigen und liebenswert altklugen Wesen. Doch auch die Familie Stangassinger lässt sie zu Wort kommen, von denen gelockt von Versprechungen im neunzehnten Jahrhundert einige nach Brasilien ausgewandert sind. Weder in Bayern noch in Brasilien scheint der Sippe das große Glück beschieden gewesen zu sein. Dennoch machen sich Paul und Luisa auf in dieses ferne Land, um herauszufinden, was abgeht im Aza-Land.


Nach einem Beginn mit einem Knall entwickelt sich eine ganz andere Story als erwartet. Liebenswerte Personen, die etwas chaotisch erscheinen, durchleben eine besondere Zeit. Die mutterlose Luisa ist schon besonders mit ihren orangen Haaren und der dunklen Haut. Sehr einfühlsam beschreibt die Autorin die ersten Jahre der Kleinen und auch das Schicksal der unterschiedlichen Zweige der Stangassingers. Allerdings werden durch den Beginn des Romans Erwartungen geweckt, die im weiteren Verlauf der Handlung nicht erfüllt werden. Da gibt es kein kapriziöses Leben eines ungewöhnlichen Kindes, keine großen Gefühle für den Vater, keine spannende Suche nach der Mutter. Die erheblichen Teile der Erzählung über ein kleines bayrisches Dorf mit seinen urstämmigen Bewohnern verändert die Farbe des Romans und er wird ernster und langsamer. Damit verliert das Buch an Stimmigkeit. Dennoch bekommt die Handlung durch den schönen Vortrag von Anna Thalbach große Lebendigkeit.

3,5 Sterne

Der Tag, an dem ich fliegen lernte von Stefanie Kremser
ISBN: 978-3-839-81336-2


Montag, 29. August 2016

Sommerquartett

Wenn es möglich ist verbringen die vier Freundinnen Mathilde, Lucie, Alice und Éva ein paar Urlaubstage zusammen. Und wie im wirklichen Leben ist die Urlaubsfreude allzu schnell vorbei, wenn der Alltag wieder beginnt. Éva wünscht sich sehnlich ein Kind. Lucie hat gerade ihre dritte Tochter bekommen und unternimmt viel, um möglichst schnell wieder ihre Figur zu bekommen. Alice muss über die Trennung von Adrien hinwegkommen und Mathildes Beziehung ist auch nicht mehr so schön wie am Anfang. Zum Glück haben sich die Freundinnen und so findet sich immer eine Anlaufstelle, wenn einer von ihnen mal ein Problem über den Kopf zu wachsen droht.

Mitten hinein taucht man in die Welt der vier sympathischen Frauen und ihren Familien. Hat man sich darin erstmal zurecht gefunden, möchte man sie kaum noch verlassen. Für Mathilde, Lucie, Alice und Éva ist es eine Zeit des Umbruchs. Zu Beginn wissen sie das noch nicht, doch schon bald nach dem Urlaub zeigt sich, dass ihre Zufriedenheit nur oberflächlich ist. Jede der vier hat ihre besonderen Wünsche oder muss mit Problemen kämpfen. Natürlich geht es um die Männer und die Kinder. Beide sind nicht immer so wie sie in der Vorstellung sein sollten. Und damit bieten sie jede Menge Gesprächsstoff.

Vier quirlige Frauen wie aus dem Leben gegriffen und sehr französisch. Man spürt ihre Lebensfreude, ihre Emotionalität und auch ihre Trauer und Wut, wenn es mal nicht so läuft. Grinsend verfolgt man ihren Wechsel in eine Fremdsprache, wenn die Kinder etwas nicht mitbekommen sollen. Man bedauert mit leichter Schadenfreude, wenn mal eine von ihnen in ein Fettnäpfchen tritt. Man denkt an die schönen Filme aus Frankreich, in denen schicke und wortgewandte Frauen von ihrem Leben berichten und wünscht sich, auch diese Freundinnen im bewegten Bild kennenzulernen. Ein amüsanter Frauenroman mit ernsten Momenten und lebensechten Protagonistinnen. 

Und wer wissen will, wie es weitergeht im Leben der Vier, der wird im Folgeband informiert, in dem die Sicht der Männer in den Mittelpunkt steht.

4 Sterne

Fast perfekte Heldinnen von Adèle Bréau

ISBN: 978-3-843-71422-8

Sonntag, 28. August 2016

Tequila Sunrise

Nur langsam erholt sich der 88jährige Buck Schatz von der Schussverletzung, die er während seiner letzten Verbrecherjagd erlitten hat. Sogar ihr geliebtes Haus mussten er und seine Frau Rose aufgeben, weil er doch mehr Hilfe im täglichen Leben braucht. So schlecht wäre es in der Wohneinrichtung für Senioren auch nicht, käme er alleine aus dem Bett, bräuchte er die Physiotherapie nicht, gäbe es Essen, dass nicht verbrannt und gefroren gleichzeitig wäre, würde sein Gedächtnis noch funktionieren wie früher. Was will dann dieser Geist aus seiner Polizistenvergangenheit? Elijah, mit dem er vor fünfzig Jahren schon einmal aneinander geraten war, bittet ihn um Hilfe, weil er sich bedroht fühlt.

Puh, alt werden möchten wir alle gerne, alt sein ist doch ganz schön schwer. Dabei geht es vielen Leuten in seinem Alter schlechter als Buck, vermutlich sind die meisten schon unter der Erde oder sie vegetieren in einem Pflegeheim. Buck Schatz kann seine Umgebung immerhin noch in den Wahnsinn treiben und nebenbei eine Drogengeschichte aufklären. Was er nicht vergessen will, schreibt er sich auf. Einfach ist es natürlich nicht, wenn man ohne Gehhilfe keine zwei Schritte gehen kann. Aber immerhin soweit hat er sich von der Schussverletzung doch erholt. Und grantig war er auch vor der Op schon. Dennoch fragt man sich, wie er es nur schaffen will, seinen alten Widersacher auszuschalten. 


Wer will es schon so genau wissen, wie es ist alt zu sein. Zumindest hat Daniel Friedman wie er im Nachwort bekannt gibt, bei der Entwicklung des Charakters von Buck Schatz an seinen Großvater gedacht, der im Alter von 97 Jahren verstarb. Knorrig und grantig, sich dem Alter wiedersetzend so gut es eben geht und doch zu akzeptieren, was nötig ist. So ist es schon ein schönes Denkmal, dass in einen bissigen Krimi gekleidet ist. Die Erinnerungen an die alten Zeiten sind manchmal näher als das, was eigentlich ins Kurzzeitgedächtnis gelangen sollte. Dennoch bleibt Buck Schatz ein energischer alter Knochen, der es mit dem Verbrechen noch immer aufnehmen kann. Möglicherweise hätte dem Buch etwas mehr Witz und Leichtigkeit gutgetan, schließlich spielt es in einer Welt, die sich die vermutlich meist jüngeren Leser wohl kaum vorstellen können.

3,5 Sterne

Der Alte, der die Rache liebte von Daniel Friedman
ISBN: 978-3-352-00670-8


Samstag, 27. August 2016

Hippie Musik

Mit vierzehn interessiert sich Evie Boyd schon für Sex, ihre Freundin Connie hat einen interessanten Bruder. Der jedoch haut mit seiner Freundin ab. Auch mit der Freundschaft der beiden Mädchen geht es bergab. Ein wenig haltlos geworden findet Evie es ganz toll, Suzanne kennenzulernen. Die junge Frau ist nur wenig älter als Evie, aber sie hat etwas besonderes und keine Hemmungen zu klauen. Evie ist fasziniert. Mit Suzanne erfährt sie Dinge, die sie sich nie vorstellen konnte, an die sie nie zu denken wagte. Immer häufiger hält sie sich auf dem Hof auf, wo die Kommune des charismatischen Russell lebt. 

Was kann schon geschehen im Jahr 1969, wenn ein Mädchen jung ist, auf der Suche, unsicher. Noch ist die Zeit der Blumenkinder nicht vorbei. Love and Peace bilden das Gerüst und Regeln braucht man nicht. Evie sucht das Abenteuer, ihr kleines behütetes Leben ist ihr langsam zu eng geworden, ihre Eltern sind getrennt und niemand scheint sich wirklich für ihre Belange zu interessieren. Die Gruppe um Russell erweckt den Eindruck als sei sie die Antwort auf alle Fragen. Relaxed ums Lagerfeuer sitzen, diskutieren, was will man mehr. Aber leider kann man von Love and Peace und die Möglichkeiten, an Geld zu kommen, sind begrenzt.

Da war der Hinweis auf Charles Manson im Klappentext, der sicherlich einige neugierig macht und andere möglicherweise abschreckt. Egal zu welcher Gruppe man gehört, das Buch ist im Gespräch und genau das reizt auf jeden Fall mit der Lektüre zu beginnen. Nach Beendigung fragt man vielleicht erstmal im großen Netz, was es denn nun mit Charles Manson auf sich hatte, denn an die Zeit gibt es keine eigene Erinnerung und dieses sektenartige ist einem vielleicht doch eher fremd. Doch zurück zu Evie. So wie sie war man auch selbst einmal vierzehn, unzufrieden mit sich und der Welt. Hätte eine Suzanne einen locken können, hätte man rechtzeitig gemerkt, was es Zeit gewesen wäre zu gehen. Es drängt sich der Eindruck auf, Evie sei ein wenig unreflektiert und blass. Doch mag man nicht rechten, schließlich weiß man nicht, wie man selbst reagiert hätte, hätte das vermeintliche große Abenteuer an die Tür geklopft. Das sich Treibenlassen ist gut nachvollziehbar in einem langen heißen kalifornischen Sommer. Allerdings ergriffen muss man nicht unbedingt sein. Es liest sich so vor sich hin, eine Beschreibung eben. Nicht immer verständlich, was so viele daran mögen. Mitreden kann man, überwältigt ist man nicht.


3 Sterne

The Girls von Emma Cline
ISBN: 978-3-446-25268-4

Freitag, 26. August 2016

Klein Vietnam

Im Berliner Vietnamesen Viertel wird die Leiche eines Japaners gefunden. Ein unerwarteter Fund, der nicht ins ruhig gewordene Bild passt. Der Tote trägt Tattoos wie sie von der Yakuza bekannt sind. Sollte sich da ein neuer Krieg unter verschiedenen Sparten des organisierten Verbrechens anbahnen? Kommissarin Annegret Bartsch, die seit über zehn Jahren in der Vietnam-Kommission beschäftigt ist und sich dort allmählich wie auf dem Abstellgleis vorkam, muss nun alle Kräfte zusammentrommeln. Was sie zunächst nicht weiß, ein weiterer Japaner ist in Berlin angekommen, um die Umstände des Todes seines Protegé Yuki zu klären.

Zunächst einmal muss die Zuständigkeit für den Fall geklärt werden, denn weil es unter den Vietnamesen so lange ruhig war, fühlt sich das normale Morddezernat zuständig. Die jahrelang gesammelten Spezialkenntnisse von Annegret Bartsch werden vermeintlich erstmal nicht gebraucht. Inzwischen begibt sich Fumio Onishi auf die Spuren seines ehemaligen Schützlings. Was hatte dieser vor? Hat er sich von der Organisation abgewandt? Wollte er etwa eigene Geschäfte aufziehen? Onishi beginnt Fragen zu stellen, zunächst bei den möglichen Freunden und Bekannten Yukis und natürlich auch bei dessen Freundin. Nikola, eine Deutsche, scheint größeren Einfluss auf Yuki gehabt zu haben als üblich. 

Die Wege von Kommissarin Bartsch und Fumio Onishi führen aufeinander zu und sind doch von einander getrennt. Um das klar zu machen, wähl Christoph Peters ein Stilmittel, dass die beiden Handlungsstränge eindeutig voneinander abgrenzt. Allerdings wird die Lektüre durch die ohne Punkt formulierten Gedanken der Kommissarin nicht unbedingt einfacher. Ob absichtlich herbei geführt oder nicht, so wendet sich die Sympathie beinahe automatisch mehr dem Killer Onishi zu, der planvoller und mit mehr Übersicht vorzugehen scheint. Fraglich, ob überhaupt die Möglichkeit besteht, den Fall wirklich zu klären. Vermutlich spielen verschiedenste Parteien sich gegeneinander aus. Die Polizei möchte in diesem Spiel gerne die lachende Dritte sein. Doch wer ist mit seinen Gedankenspielen einen Schritt voraus?


Asiaten in der Bundeshauptstadt, Geschäfte, die ohne Kunden auskommen und doch ordentlich Umsatz bringen. Zonen, die unter verschiedenen Gruppen aufgeteilt sind. Ist da eine Parallelgesellschaft entstanden, deren Abläufe nicht einmal die Polizei richtig durchblickt? Lösen sie ihre Probleme lieber selbst, ohne die Staatsgewalt hinzuzuziehen? Ein spannender und ungewöhnlicher literarischer Ausflug, allerdings kein Kriminalroman im üblichen Sinne. Denn so wie die Polizei nicht alles durchdringt, so bleibt auch dem Leser einiges verborgen. Tatsächlich ist der Weg eher das Ziel, ein Weg, der fesselt.

4 Sterne

Der Arm des Kraken von Christoph Peters
ISBN: 978-3-630-87320-6




Donnerstag, 25. August 2016

Frühlingsvogel

Ein Mann scheint im ewigen Winter zu leben. Fast ist es do als gäbe es keine frohen Tage und alles wäre grau in grau. Eines Tages jedoch sieht er einen Vogel, der allem, was er berührt einen Hauch von Frühling schenkt. Doch so flüchtig wie die Berührung, so flüchtig ist auch der Frühling. Bald flattert der Vogel davon und mit ihm verschwinden auch die Frühlingsboten wieder aus dem Leben des Mannes. Dieser wünscht sich nichts sehnlicher als in einer Welt des Frühlings zu leben und er möchte wieder träumen können. Und so macht er sich auf die Suche nach dem kleinen Vogel Frühling.

Der Weg, den der Mann nimmt, ist nicht immer leicht. Manchmal verliert er die Orientierung, manchmal verweilt er mit gutem Grund, manchmal verschwendet er seine Zeit. Doch immer wieder findet er seinen Weg. Und häufig trifft er auf Menschen, die ihm kluge Ratschläge geben, die ihn aber nie zwingen, sie zu beachten. Vor Fehlern ist er nicht gefeit, wodurch er schon mal in Gefahr geraten kann oder er geht geliebter Erinnerungen verlustig. Doch immer wieder trifft er Entscheidungen, die ihn auf seinem Weg weiterführen. Versucht aus seinen Fehlern zu lernen oder kann auf die Hilfe guter Menschen vertrauen.


Wie ein Leitfaden, um den inneren Frühling zu finden, so könnte man das Buch lesen. Wobei der Frühling auch ein Herbst sein kann. Hat man sich das Leben mit allzu vielen Pflichten zugemüllt, kann ein Innehalten hilfreich sein. So kann man sich selbst auf den Weg machen auf der Suche nach dem Frühling oder dem, was einem wirklich wichtig ist. Immer im Gedanken, dass jede Sekunde kostbar ist. Wie eine kleine Anleitung in Form eines Märchens oder eines Gleichnisses kommt dieses Büchlein daher. Wenn man auf der Suche ist, kann man jedes Wort aufsaugen wie ein Schwamm die Flüssigkeit. Die Autorin findet ansprechende Worte, die zum Nachdenken und Nachfühlen anregen. Eine gelungene kleine Lebenshilfe, um den Blick aufs Wesentliche wieder zu finden. 

3,5 Sterne

Vom Mann, der auszog, den Frühling zu suchen von Clara Maria Bagus
ISBN: 978-3-843-71446-4


Montag, 22. August 2016

Nur ein Walzer

In einem Trödelladen in Rom entdeckt die Musikerin Julia Ansdell ein altes Notenblatt. Wegen ihrer musikalischen Ausbildung kann sie sich die Melodie des Walzers gleich vorstellen und sie muss das Stück unbedingt haben. Voller Stolz präsentiert sie das Stück nach ihrer Heimkehr ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter. Das Vorspielen des anrührenden Walzers scheint allerdings beinahe schon unheimliche Auswirkungen zu haben. Beim ersten Mal findet Julia den betagten Familienkater tot, offensichtlich wurde er mit mehreren Stichen getötet. Das zweite Mal endet damit, dass Julia eine Wunde von einer Scherbe in ihrem Bein hat. Das kann doch nicht ihre erst dreijährige Tochter gewesen sein. Aber sonst war niemand da…

Des Öfteren überziehen sich die Arme mit einer Gänsehaut, wenn man zuhörend verfolgt, was mit Julia Ansdell und ihrer Familie geschieht. Es ist doch nicht möglich, dass so ein kleines Kind auf die eigene Mutter losgeht, oder? Doch das ist nur ein Teil. Julia möchte ergründen, weshalb ein unschuldiges Musikstück solch negative Auswirkungen auf sie hat. Und so offenbart sich nach und nach die tragische und berührende Geschichte des Musikstücks, des grauenvollen Schreckens, dem sein Komponist ausgesetzt war, aber auch einer großen Liebe.

Unheimlich, unheimlich berührend und ausgesprochen spannend, was Tess Gerritsen hier hervorgebracht hat. Ganz anders als die Rizzoli & Isles Krimis und gerade weil sich dadurch eine andere Facette der Autorin offenbart besonders faszinierend. Verstärkend kommt hinzu, dass Mechthild Großmann ihre Stimme hervorragend einzusetzen versteht. Von dem dahin gehauchten „Mami!“ mag man zunächst kaum glauben, dass es in ihr steckt. Und wie sie es vermag, den sehr unterschiedlichen Szenarien stimmlich gerecht zu werden, ist schon eine  besondere Kunst. Gefesselt gibt man sich den Schauern hin, die die Geschichte und ihr Vortrag entfesseln. Ein ungewöhnlicher Thriller, in dem die europäische Geschichte geschickt mit den bedrohlich wirkenden Ereignissen der Gegenwart verknüpft wird. 


Bravo, Tess Gerritsen. Bravo, Frau Staatsanwältin.

4,5 Sterne

Totenlied von Tess Gerritsen
ISBN: 978-3-837-13562-6




Sonntag, 21. August 2016

Und so was nennt sich Urlaub

Fast genau vor einem Jahr starb Simona Wiesner an einen angeborenen Herzfehler. Ihre Mutter kann Simonas Tod nicht verwinden, doch in letzter Zeit benimmt sie sich noch seltsamer. Eine Freundin will sie aus ihrer Trauer reißen, muss jedoch entsetzt einen übel zugerichteten Leichnam finden. Deshalb wird es nichts mit dem Urlaub von Nils Trojan. Zusammen mit seinen Kollegen tappt er zunächst im Dunkeln. Frau Wiesner hatte sich sehr zurückgezogen. Es gibt nur wenige Ansatzpunkte. Nur wenig später verschwindet Simonas ehemalige Geschäftspartnerin. Kurz darauf wird in einer verlassenen Turnhalle eine weitere Leiche gefunden.

Welch unheimliche Ereignisse brauen sich da im Zuständigkeitsbereich von Nils Trojan zusammen. Der Leser ist dem Kommissar ein wenig voraus, da er daran teilhaben kann und muss, was mit den Opfern geschieht. Allerdings bleibt er durch die geschickten Auslassungen des Autors genauso ratlos wie Trojan selbst. Dieser konzentriert sich notgedrungen voll auf die Ermittlungen. Seine Sehnsucht nach seiner Freundin Jana, die sich eine Auszeit ausbedungen hat, bleibt ungestillt. Auch Trojans Tochter Emily hat sich zurückgezogen. Doch was für ein grausamer Täter hat die Opfer mit solcher Aggressivität zugerichtet, dass es die Vorstellungskraft übertrifft. Was treibt einen solchen Menschen an.

Die Antwort ist relativ einfach und damit auch ziemlich genial. Die Phantasie malt sich die schlimmsten Dinge aus, doch ist es ohne das Wissen um die Wahrheit unmöglich Ursache und Wirkung auseinander zu halten. Und so spekuliert man wild und lässt beinahe jeden in Verdacht geraten. Wer steckt mit drin, wer hat was gewusst. Kaum ausgepackt, will man den Geruch der Druckfrische dieses Thrillers einatmen. Und ebenso inhaliert man das Geschehen, das einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Man tritt Berliner Pflaster, man fühlt mit denen, die den Verlust geliebter Menschen verschmerzen mussten. Man vergisst das Ausatmen vor lauter Anspannung. 


Ein sehr gelungener Thriller, der geschickt mit der Vorstellungskraft des Lesers spielt.

4,5 Sterne

Der Traummacher von Max Bentow
ISBN: 978-3-442-20510-3



Samstag, 20. August 2016

Kein Alibi

Er ist Besitzer des besten Krimibuchladens in Belfast, welchen er sinnigerweise „Kein Alibi“ getauft hat. Im Nebenladen residiert eine Privatdetektei, deren Besitzer allerdings seit einiger Zeit verschwunden ist. Und so kommt es, dass immer mehr Kunden des Nachbarn im Buchladen auftauchen und darum bitten, ihre Probleme gelöst zu bekommen. Das gelingt besser als man meinen könnte, obwohl der Inhaber wegen diverser echter und eingebildeter Krankheiten weder die Stadt noch Land kaum je verlässt. Doch als ein Buchverleger in seinem Laden erscheint, der darum bittet, das Verschwinden seiner Frau aufzuklären, scheinen die Grenzen der Kunst erreicht. Und dann ist da noch Allison aus dem Juweliergeschäft gegenüber, die der Inhaber des Buchladens doch allzu gerne näher kennenlernen möchte.

Amüsiert folgt man dem Buchhändler auf seinen ersten Schritten zum Privatdetektiv. Als begeisterter Krimileser und natürlich auch Verkäufer, müsste er für seinen Nebenjob eigentlich bestens geeignet sein. Doch sein etwas undurchsichtiges Vorleben könnte sich als nicht zu unterschätzendes Hindernis erweisen. Und die hübsche Allison, die am liebsten das Abenteuer, Assistentin eines Privatdetektivs erleben möchte, bietet auch eine willkommene Gelegenheit zur Ablenkung. Dennoch wird so mancher Gedanke gewälzt und viele Seiten im Internet, denn trotz seiner Verschrobenheit, dumm ist der namenlose Buchhändler nicht. 


Dieser Buchhändler ohne Namen ist schon etwas verschroben, seine Angst vor einem Virus oder sonst einer Krankheit ist beinahe größer als bei einer echten Gefahr. An seinen Schwarm traut er sich nicht richtig heran. Und seine Gedankenergüsse sind nicht von schlechten Eltern. Dennoch macht er Spaß. Skurril und ironisch, mit witzigen Anspielungen auf die großen Detektive, unterhält er sehr gut.  Schließlich hat er einen Fall am Wickel, der sich packender entwickelt als man zunächst ahnen kann. Und wie es sich für den Beginn einer Reihe gehört, bleiben am Schluss auch genug Fragen zur Person des guten Buchhändlers offen, um ihm noch die Lösung weiterer Fälle zu wünschen.

4 Sterne

Ein Mordsgeschäft von Colin Bateman
ISBN: 978-3-453-43535-3



Freitag, 19. August 2016

Familie ungewiss

Ein ehemaliger Terrorist, der seine Zeit abgesessen hat, wird brutal ermordet. Und den Kommissaren Sabine Kaufmann und Ralph Angersbach ermitteln in dem Fall. Bald schon wird ihnen dieser Fall entzogen. Zudem erfährt Sabine auch noch, dass die Mordkommission in ihrem beschaulichen Örtchen aufgelöst werden soll. Dabei hat sie die Stelle extra angenommen, damit sie sich besser um ihre labile Mutter kümmern kan. Auch Angersbach ist alles anders als begeistert und seine Ermittlungen führt er unter der Hand weiter. Eine besondere Brisanz bekommt der Fall als sich herausstellt, dass Angersbach ganz persönlich von den Ereignissen betroffen ist.

Man meint nicht, wie es in der hessischen Provinz zugehen kann. Eigentlich etwas ruhiger angehen lassen wollte es Sabine Kaufmann, doch das Verbrechen macht auch vor einer Dorfgrenze nicht halt. Sowohl sie als auch Ralph Angersbach sind mit ihrem jeweiligen Privatleben beschäftigt. Doch hartnäckig machen sie sich an die Lösung des Falles. Wieso war es dem ehemaligen Verbrecher, der sich offensichtlich aufmachen wollte, seine Vergangenheit zu überwinden und ein angepassteres Leben zu führen, nicht vergönnt seinen Plan auszuführen. Die Spuren weisen in die Vergangenheit, gerade auch in die Kommissar Angersbachs.


Als zweiter Band einer Reihe um die Kommissare Angersbach und Kaufmann lässt sich dieser Kriminalroman auch ohne Kenntnis des ersten Bandes gut lesen. Daniel Holbe, bekannt als Autor der Fortsetzung der Julia Durant Reihe des verstorbenen Andreas Franz, legt hier den zweiten Band um sein eigenes Ermittler-Duo vor. Vielleicht etwas gemächlich zu Beginn nimmt die Handlung bald einiges an Fahrt auf. Mit den Polizeibeamten geht man auf Verbrecherjagd und folgt ihren Spürnasen. Lange kann man sich nicht vorstellen, was hinter dem Mord steckt. Doch schließlich fügt sich alles sehr schlüssig. Ein spannender und gut konstruierter Krimi, der sicher eine Empfehlung für die weiteren Bücher des Autors ist.

4 Sterne

Schwarzer Mann von Daniel Holbe
ISBN: 978-3-426-42676-0


Donnerstag, 18. August 2016

Cookie Krieg

Sally Muccio hat endlich den Mann ihres Lebens und alles andere läuft auch rund. Sie führt mit ihrer Freundin Josie eine Keksbäckerei, die sehr gut ankommt. Die beiden sind sogar für einen Backwettbewerb in einer Fernsehsendung angenommen worden. Plötzlich taucht jedoch Sallys Ex-Mann Colin auf, der an ihr Geld will. Colin ist drogenabhängig und er hat Schulden gemacht. Wie er an Geld kommt, ist ihm fast egal. Und einen Tag später ist er tot. Der Verdacht fällt auf Sallys neuen Freund Mike. Wie perfekt war das Leben vor einem Moment und nun muss Sally alles dafür tun, um Mikes Unschuld zu beweisen.

Ein Kuschelkrimi wie er im Buche steht. Manchmal ein wenig sehr gefühlvoll reagiert Sally. Zum Glück hat sie ihre Großmutter, die sie mit viel Großmutterwitz und etlichen Versprechern wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Vertrauen soll Sally haben, in die Welt und ihren Freund und überhaupt. Das ist manchmal nicht so einfach, gerade wenn sie alles gegen sie zu wenden scheint. Da ist die Backshow fast eine willkommene Ablenkung, bei der es auch nicht ohne Aufregung abgeht. 


Herzig sind sie schon, die geschilderten Personen, Sally und ihre herzerwärmende Großmutter bilden den Mittelpunkt der Familie und einen Gegenpart zu den doch etwas überkandidelten Eltern.  Josie macht ihren Part als beste Freundin wirklich gut. Die vielen Verehrer Sallys sind zu viel des Guten. Auch wenn sie ausgesprochen sympathisch wirkt, so muss doch nicht jeder vor ihr in die Knie sinken. Dafür kann man ihrem miesen Ex-Mann wirklich nur die Krätze an den Hals wünschen, bei dem was alles so über in zu Tage gefördert wird. Auch wenn in diesem Krimi ein klein wenig übertrieben wird, so unterhält die Lektüre gut und ist gerade richtig, wenn die Krimi-Mimi im Bett noch etwas schmökern will.

3 Sterne

Baked to Death von Catherine Bruns
ISBN: 978-1-523-41822-0


Mittwoch, 17. August 2016

Kein Entkommen

Auf den ersten Blick führt Sandra ein glückliches Leben. Gemeinsam mit ihrem Mann Ben und der gemeinsamen Tochter Ivy lebt sie in einem Traumhaus inmitten einer abgelegenen Idylle. Diese zerplatzt, als zwei Männer, entflohene Häftlinge, in ihr Haus eindringen und sie gefangen nehmen. Eine Flucht ist zwar geplant, scheitert aber an den winterlichen Wetterverhältnissen. So gibt es weder für Sandras Familie, noch für die flüchtenden Häftlinge einen Ausweg. Das Ganze artet in eine Tortur aus, und Sandra wird mit den Grenzen ihres eigenen Verdrängens konfrontiert… 
„Night Falls. Du kannst Dich nicht verstecken“ ist der erste Thriller aus der Feder von Jenny Milchman, den ich las. Die Geschichte hat mich thematisch sehr angesprochen. Sie startet mit zwei parallelen Erzählsträngen: einer der die Familie vorstellt und einen, in dessen Mittelpunkt die fliehenden Häftlinge Nick und Harlan, stehen. Diese Erzählstränge werden zusammengeführt. Daneben gibt es von Zeit zu Zeit immer mal wieder eine Rückblende. Wir erfahren von Barbara und ihrer Familie. Der spätere Häftling Nick ist ihr Sohn und stellt ihre erzieherischen Kompetenzen auf die Probe. Nichtsdestotrotz ist und bleibt Nick der geliebte Sohn, der immer entschuldigt wird, während seine Schwester Cassandra eher vernachlässigt wird. Diesen Erzählstrang fand ich sehr spannend. Ansonsten leidet die Spannung mitunter sehr unter der Detailverliebtheit der Autorin. Das erzählerische Grundkonzept hat mir zugesagt, auch wenn ich Manches etwas überzogen fand. Auf den Vorgänger bin ich in jedem Fall neugierig geworden und werde ihn bei Gelegenheit sicher auch lesen. 

4 Sterne


© Britta Kalscheuer

zu

Night Falls von Jenny Milchman
ISBN: 978-3-548-28755-3





Dienstag, 16. August 2016

de Bodtissimo

Der russische Präsident ist zu Besuch in Berlin. Während einer Fahrt mit der deutschen Kanzlerin entgeht das Fahrzeug der Beiden nur um Sekunden einem Anschlag. Sofort werden die besten Ermittler zusammengezogen. Sogar für den künftigen Sündenbock soll gesorgt werden, falls die Untersuchungen nicht so laufen wie geplant. Der ausgesprochen intelligente aber nicht sehr beliebte Eugen de Bodt nimmt diese Rolle nicht an. Lieber steht er mit seinen Mitarbeitern Salinger und Yussuf am Rande und geht seine eigenen Wege. Dass er sich dabei geschickter anstellt als seine Kollegen, erheitert diese nicht so besonders.

Worum geht es? Wer sollte durch den Anschlag getroffen werden; der Präsident oder die Kanzlerin? Sollten in dem Fahrzeug Geheimgespräche stattfinden und wollte man das Treffen von Vereinbarungen zwischen den beiden Ländern verhindern? Kleinste Spuren müssen die Beamten zusammen puzzeln und doch erhalten sie kein schlüssiges Bild. Einzig eines scheint relativ schnell klar zu sein, die Attentäter müssen einen Maulwurf in der Behörde haben. Wie sonst hätten sie die Route der Fahrzeuge kennen können.

Rasend spannend ist dieser Politthriller von Christian von Ditfurth, sprühend vor Ideen und auch kenntnisreich geschrieben. Wenn man eher mit seiner Stachelmann Reihe bekannt ist, erbebt man eine echte Überraschung. Zwar ist sein Eugen de Bodt ein ähnlich intelligenter Ermittler, doch wählt der Autor einen ganz anderen Ansatz als bei dem Historiker Stachelmann. De Bodt ist Ermittler mit ganzer Seele, obwohl er nicht in den Polizeiapparat passt, schafft er es, neben den Verbrechern auch seine Kollegen auszutricksen. Regeln, welche Regeln? Lieber wird ein Philosoph zitiert und dann doch gemacht, was er für richtig hält. Es wird gut gehen, solange er dabei recht behält. Und auch daraus entsteht noch eine zusätzliche Spannung, denn man erwischt sich doch beim Daumen drücken und auch beim Atem anhalten, ob der quergedachten Ansätze. Nur langsam entblättert sich der wahre Hintergrund der Tat, da könnte man beinahe ungeduldig werden. Wenn einen dann die Ereignisse überrollen, ist das schnell vergessen.

4,5 Sterne

Zwei Sekunden von Christian von Ditfurth
ISBN: 978-3-641-17066-0


Sonntag, 14. August 2016

Zum Wohlgefallen

Obwohl James Lee in Amerika geboren ist, wird er immer der Chinese bleiben. Außergewöhnlich in den 1970ern: Er ist mit Marilyn verheiratet, die so blond und weiß ist wie sie eine Amerikanerin nur sein kann. Die ältere Tochter der Beiden ist gerade 16 geworden, sie hat die blauen Augen der Mutter geerbt und das schwarze Haar des Vaters. Und sie ist nicht zum Frühstück erschienen, wie vom Erdboden verschluckt. Schnell wird die Polizei alarmiert und die ganze Familie macht sich auf die Suche. Dabei stellt sich heraus, dass Lydias Leben anders war als alle vermuteten. Freunde hatte sie nicht. Nur wenige Tage nach ihrem Verschwinden wird sie tot im See gefunden.

Was kann nur zu diesem Ereignis geführt haben. Wurde Lydia zum See gelockt und dann umgebracht? An diesen Gedanken klammert sich Marilyn, obwohl keine eindeutigen Hinweise zu finden sind. Hannah, die jüngere Schwester macht sich ihre eigenen Gedanken. Sie, die sich vernachlässigt vorkommt, in der Familie vergessen. Nathan, der Älteste der Geschwister, hat einen Verdacht. Er hat einige der Wege Lydias beobachtet und die ist sie nicht jedes Mal alleine gegangen. Die Eltern sind wie erstarrt, James versucht anzunehmen, was die Polizei ihm sagt. Marilyn dagegen rebelliert. Sie kann und will nicht glauben, dass ihre innig geliebte Tochter anders war als sie sie gesehen hat.

Schon mit dem ersten Satz dieses Romans wird klargestellt, dass Lydia tot ist, dass sie nie wieder zurückkehren wird. Es gibt keine Hoffnung. In ausgeklügelten Rückblenden erfährt der Leser von der Geschichte der Eltern, ihr Kennenlernen, die unerwartete Schwangerschaft, die Ehe, die gegen alle Widerstände doch so lange gehalten hat. Das Leben der Kinder, die als Kinder eines von Chinesen abstammenden Amerikaners und einer aus einer europäischen Einwandererfamilie kommenden Mutter, von Ausgrenzungen bestimmt ist. So richtig gehören sie alle nicht dazu. James Lee, der immer mit dem Moment der Überraschung im ersten Anblick klarkommen muss, den sein Name gerade nicht weckt. Marilyn, die eigentlich studieren wollte, die aber am Herd des Familienheimes gelandet ist. Lydia, auf der alle Hoffnungen ruhen. Nathan, der die Hoffnungen erfüllen könnte, aber einfach nicht die Aufmerksamkeit bekommt. Hannah, die vergessen wird. Beklemmend ist das Bild, das von einer Familie erzählt, deren Mitglieder sich gegenseitig mit ihren Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen beladen. Ein Druck unter dem sie eigentlich zerbrechen müssten. Doch kann in der Tragödie auch die Chance liegen zu wachsen? Ein fehlendes Familienmitglied kann nie ersetzt werden, aber möglicherweise kann der Verlust die Augen öffnen und die Überlebenden zusammenwachsen lassen.


Diese feinziselierte Familientragödie fesselt, wühlt auf und berührt. Celeste Ng stößt ihre Leser förmlich in den Teich und gleichzeitig wirft sie ihnen das Rettungsseil zu. 

4,5 Sterne

Everything I never told you von Celeste Ng
ISBN: 978-0-143-12755-0


und auf Deutsch:



Samstag, 13. August 2016

Stellungskampf

Von der Therapiegruppe versprach er sich Hilfe und am Ende war er tot. Staatsanwalt Teodor Szacki ist der leitende Ermittler. Er muss die Untersuchung zusammenhalten. Unzufrieden mit seinem Leben und seiner Arbeit nimmt er sich doch der Sache an. Kann einer aus der Gruppe der Täter sein? Vier Menschen - zufällig zusammengewürfelt und der Therapeut. Sie wollten ihre Familienkonflikte lösen und haben doch das Gefühl, dass alles noch schlimmer ist. Zwangsweise bricht Szacki in diese Welt ein, die ihm fremd ist und die ihn doch manchmal an sich selbst erinnert. Die Tochter des Toten hat sich vor einigen Jahren umgebracht, Szacki muss an seine eigene Tochter denken, die zum Glück noch klein und unbeschwert ist. 

Nach Warschau lädt dieser Staatsanwalt ein, er zeigt sein Leben, seine Berufsausübung, seine Familie. Akribisch untersucht er auch die kleinsten Hinweise, es arbeitet in ihm, da muss etwas sein, dass ihn weiterbringt. Er zermartert sich das Hirn bis er endlich darauf kommt. Und da ist seine Unzufriedenheit, seine Ehe ödet ihn an, aber ist das ein Grund sie aufzugeben? Die Strukturen in der Verwaltung sind auch nicht immer leicht zu ertragen. Da scheint es manchmal an Unterstützung zu mangeln. Wer sind nur diese geheimnisvollen Personen, die möglicherweise im Hintergrund die Fäden ziehen.

Wie umtriebig ist dieser Staatsanwalt, hochintelligent, nicht immer ganz sympathisch, aber doch sehr menschlich. Er bohrt so lange nach, bis die Antwort einen Hauch von Wahrheit verströmt. Dabei ist sein erster Fall durchaus sehr verzwickt. Unglaublich, dass eine Therapie zum Tode führen soll. Mitreißend ist die Schilderung des Weges des Ermittlers zu einer Lösung, die einige Überraschungen bietet. Auch dem System wird so mancher Satz gewidmet, ein System, das um seiner selbst willen zu bestehen scheint, das nur im Geheimen wirken kann. Bleibt zu hoffen, dass dieses System eher dem Bereich der Fiktion zuzuordnen ist. Ein fesselnder Krimi, der wie ein kleiner Besuch in unserem Nachbarland wirkt.

4 Sterne

Warschauer Verstrickungen von Zygmunt Miłoszewski

ISBN: 978-3-8333-1010-2


Freitag, 12. August 2016

Wiedergutmachung

Im Sommer 1952 wird Rosa Silbermann, die mit ihrer Schwester dem Naziregime entfliehen konnte und sich im Kibbuz ein neues Leben aufbauen wollte, zurück nach Deutschland geschickt. Als Gast getarnt soll sie im Hotel Bühlerhöhe dabei helfen, einen Anschlag auf den Bundeskanzler zu verhindern. Adenauer, der dort Urlaub machen will und sich einer Frischzellenkur unterziehen. Es heißt, der Israelisch Irgun wolle das geplante Wiedergutmachungsgesetz durch diesen Anschlag verhindern. Und so soll Rosa als jüdische Agentin den deutschen Kanzler vor einem jüdischen Attentäter schützen helfen. Wie eine Gegenspielerin Rosas wirkt die Hausdame Sophie Reisacher, die aber ganz eigene Ziele verfolgt und dabei vor keiner Bespitzelung halt macht.

Zwei Frauen wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten. Sophie Reisacher, beruflich mitten im Leben stehend hat sie sich nach dem Krieg eine Position geschaffen. Als Hausdame führt sie das Regiment über die Bühlerhöhe. Ihr Ziel ist es, ihre Existenz zu sichern. Eine gute Heirat darf es gerne sein. Rosa Silbermann, die durch die Nazis außer ihrer geliebten Schwester alles verloren hat, möchte von Deutschland nichts mehr wissen. Als Kind allerdings hat sie die Ferien hier verbracht und ihre Ortskenntnis soll dem weiteren Agenten dienlich sein, auf den sie wartet. Viel lieber wäre Rosa allerdings in Israel geblieben, um beim Aufbau dieses jungen Staates ihre Frau zu stehen.

Vor der Kulisse des Schwarzwaldes ist es Brigitte Glaser gelungen, ein beeindruckendes Bild der frühen 1950er Jahre in Deutschland zu zeichnen. Der Krieg ist vorbei und die schwersten Nachkriegsjahre sind überstanden. Die Kriegsgeschehnisse und die unsäglichen Greueltaten, die man den jüdischen Mitbürgern angetan hat, werden am liebsten verdrängt. Das Wiedergutmachungsgesetz findet keine ungeteilte Zustimmung. Und nun soll der Kanzler ausgerechnet von jüdischen Agenten beschützt werden. Wunderbar vielschichtig wird den handelnden Personen Leben eingehaucht. Da sind die einzelnen Schicksale, da ist die Stimmung im Lande, die Kleinbürgerlichkeit und auch die erste kleine Rebellion, die kleinen Genüsse der noch neuen Meinungsfreiheit. Die Vergangenheit ist noch längst nicht überwunden und dennoch will und muss man in die Zukunft schauen. 


Das alles verpackt in einen geschichtlichen Spannungsroman, genau die richtige Mischung aus Agententhriller und Darstellung des Zeitgeschehens. Ausgesprochen lesenswert.

4,5 Sterne

Bühlerhöhe von Brigitte Glaser
ISBN: 978-3-8437-1375-7

Donnerstag, 11. August 2016

Es beginnt mit der Hochzeit

Endlich heiratet Florine ihren Freund Bud, das erste Kind ist schon unterwegs. Anfang der 1970er ist es das, was getan werden muss, aber es ist auch genau das, was Florine und Bud wollen. Doch erst nach der Heirat merken die beiden, dass das Happyend auch in schwierige Zeiten münden kann. Schließlich hat Florine wegen des Kindes ihre Schulausbildung abgebrochen und Bud arbeitet als Automechaniker, um seine kleine Familie zu ernähren. Am liebsten möchte er Florine immer bei sich haben, die allerdings möchte nicht gerne aus ihrem Heimatort fortziehen. Dort, wo ihre geliebte inzwischen verstorbene Großmutter sich so lieb um sie gekümmert hat. Dort, wo ihre Mutter Carlie vor zehn Jahren verschwand.

Die meisten Geschichten werden mit dem Happyend abgeschlossen, Florines und Buds Story wird mit dem glücklichen Ende fortgesetzt. Nicht immer ist dann alles einfach und eitel Sonnenschein. Bud und Florine sind schon sehr jung als sie ihre kleine Familie gründen. Sie schlagen sich mit Alltagsproblemen herum. Mit Dingen, von denen sie nie gedacht haben, dass sie zu Problemen werden könnten. Und über allem schwebt für Florine der Verlust ihrer Mutter, die sie immer noch schmerzlich vermisst. Und Buds unstetes Wesen macht das Zusammenleben auch nicht einfacher.

Mit gefühlvollen Worten schildert Morgan Callan Rogers, die ihre Leser schon mit ihrem Erstlingswerk „Rubinrotes Herz, eisblaue See“ in Florines Welt entführt hat, wie Florines Geschichte weitergeht. Wie Florine die Freuden des Familienlebens neu entdeckt und auch die Schwierigkeiten annimmt so gut sie kann. Dramatisch manchmal, manchmal einfach schön. Glück und Leid liegen manchmal nah beieinander. Zwar nicht ganz so begeisternd wie der Vorgänger, aber dennoch berührend und lebensnah bereitet dieser Roman über das, was nach dem Happyend geschieht, viel Freude und man kann sich Hoffnung machen, dass auch das Geheimnis um Carlies Verschwinden nach den langen Jahren endlich gelüftet wird. 

Vorgetragen wird dieses Hörbuch sehr einfühlsam von Luise Helm.


3,5 Sterne

Eisblaue See, endloser Himmel von Morgan Callan Rogers
ISBN: 978-3-839-81343-0


Dienstag, 9. August 2016

Kleine Scheine

Was wäre wenn der zweite Weltkrieg anders ausgegangen wäre? Wenn die deutsche Führung eingesehen hätte, dass, wo Napoleon schon im Russischen Winter stecken blieb, es den Deutschen nicht besser ergehen kann. Doch auch die anderen kriegsteilnehmenden Nationen schlafen nicht. Es werden diplomatische Ränke geschmiedet. Vermeintlich haben die Japaner das Heft in der Hand. Oder täuschen sie sich und es behalten doch die Amerikaner die Oberhand? Ein unerwartetes Ereignis im September 1941 wirbelt das Weltgefüge durcheinander und schafft somit die Voraussetzungen, um die Weltkarte neu zu zeichnen. 

Ein wenig muss man sich schon darauf einlassen, an die Möglichkeit eines anderen Ausgangs des Krieges zu denken. Sehr beeinflusst ist und bleibt man von dem, was man in der Schule gelernt hat. Doch nach und nach kann man sich dem, was wäre wenn, etwas annähern. Geschickt wird die bekannte Historie durch kleine Wendungen verändert. Fast liest sich der Roman wie ein fiktiver Report, politische Diskussionen, diplomatische Treffen. Fein geschmiedete Pläne der politisch Verantwortlichen. Die Welt wird aufgeteilt, auf eine andere Art wie wir sie kennen und mit interessanten und schlüssigen Begründungen. Wären da nicht diese unsäglich nervigen Sexszenen, die den Roman nur selten voranbringen. Etwas, wo man sich tatsächlich fragt, was soll das, wo man denkt, wenn man bestimmte Wortkombinationen noch einmal vorgesetzt bekommt, hört man auf. Tja, wäre dies nicht, könnte dieser Roman tatsächlich großes Interesse wecken. So aber vergällt es einem Einiges und man beginnt quer zu lesen. Zusätzlich entsteht manchmal der Eindruck, dass hin und wieder seltsame Regeln der Silbentrennung angewendet werden, mal ein Buchstabe fehlt, mal ein eigenartiges Wort angewendet wird.


Eine zeitgeschichtliche Utopie, die interessante Ansätze bietet, die aber auch einige überflüssige Passagen aufweist.

2,5 Sterne

Die Göttin des Schicksals von Andrew Blencowe
ISBN: 978-1-972550-55-1


Sonntag, 7. August 2016

Zweite Chance

Vor zehn Jahren ist Iris bei einem Anschlag schwer verletzt worden. Sie hatte das Trauma überwunden geglaubt. Man könnte beinahe sagen zum Jahrestag kommen die Schmerzen zurück. Iris verliert sich in Erinnerungen. Was wäre gewesen wenn, wenn ihr Mann nicht früher aus dem Haus gemusst hätte, wenn ihre erste große Liebe sie nicht verlassen hätte, wenn ihr Vater nicht gestorben wäre. In der Schmerztherapiepraxis trifft sie auf einen Arzt, in dem sie ihre erste große Liebe wieder erkennt. Er war die ganzen Jahre nicht weit weg. Und in Iris werden alle unerfüllten Wünsche wach. Sie beginnt, ihr Ehe zu überdenken, ihr Leben.

Wie wird man von einschneidenden Erlebnissen geprägt, bleibt man geprägt für den Rest des Lebens. Insgeheim hat Iris ihrem Jugendfreund Eitan immer nachgetrauert. Möglicherweise hat sie sich nicht hundertprozentig auf ihre neue Liebe eingelassen, sich ihre Kinde anders gewünscht. Doch soll sie nun diese zweite Chance ergreifen? Alles aufgeben für einen Traum, von dem sie nicht weiß, in was für einer Realität er münden wird? Wird sie damit ihren Schmerz stillen können? Wird sie schwach oder stark? Was ist der Ausdruck von Schwäche oder Stärke? Sie muss wissen, um Entscheidungen treffen zu können. Doch welche Entscheidung wird sich ergeben?


Ein schmerzvolles Leben beschreibt Zeruya Shalev in diesem Roman. Schon früh muss Iris mit Verlusten fertig werden, mit seelischen Schmerzen und nach dem Anschlag auch mit physischen. Hat sie nicht ein wenig Glück verdient? Doch als was könnte sich das Glück entpuppen? Kann sie mit dem leben, was sie ihrer Familie antun müsste, sollte sie wirklich gehen. Ein Tal der Schmerzen und auch der schmerzlichen Erkenntnisse durchwandert Iris. Man fühlt sich in ihre Welt, in ihre Gedanken und Gefühle hineingezogen und empfindet großes Verständnis für ihr Handeln oder auch nicht Handeln. Man fühlt das langsame Reifen der Entscheidung. Wenn die Autorin ihrer Heldin manchmal etwas zu viel aufbürdet, um sie auf ihren Weg zu lenken, so hat sie doch einen packenden Entwicklungsroman geschaffen, in dem man sich als Leser wiederfindet.

4 Sterne

Schmerz von Zeruya Shalev
ISBN: 978-3-8270-1185-5


Samstag, 6. August 2016

Bloody Mary

Manchmal schießt die junge Zollbeamtin Natascha Heller übers Ziel hinaus. Trotzdem hat sie es in eine Sondereinheit der Zollfahndung geschafft und diesen Job will sie auch behalten. Nach einer etwas missglückten Aktion nimmt sie deshalb einen langweiligen Einsatz am Flughafen in Kauf. Doch wie es der Zufall so will, kommt alles ganz anders. Der Schriftsteller David Schrot hat mit dem Schreiben von Romanen schon fast abgeschlossen, sein müdes Hirn gibt einfach nichts her. Mühsam ernährt er sich durch die Überarbeitung von trashigen Drehbüchern. Der Drogenboss Salinas aus Südamerika gibt eine Suchaktion in Auftrag, denn ein Abtrünniger seines Kartells soll in Europa gesichtet worden sein.

Es dauert ein Weilchen bis alle Protagonisten am Zielort versammelt sind. Durch unglaubliche Zufälle trifft zum Beispiel Nataschas roter BMW auf den Schriftsteller Schrot und das im wahrsten Sinne des Wortes. Natascha kann sich keinen Unfall leisten und schon gar keine Fahrerflucht, deshalb verarztet sie Schrot einfach selbst, was dessen Romanrecherchen doch sehr zugute kommt. Und durch eben diese Zufälle hängt alles etwas zusammen. Mit knapper Not und viel Glück entgehen die handelnden Personen so mancher beinahe Katastrophe. 


Auch wenn man zu Beginn den Eindruck gewinnen könnte, dass hier einiges auf Biegen und Brechen passend gemacht wird, entwickelt sich dieser Krimi nach einer kleinen Weile zu einem sehr unterhaltsamen Kabinettstückchen. Man schmunzelt ob der Situationskomik, wenn mal wieder ein Schmetterling den Wind in eine andere Richtung dreht und damit das eigentlich unvermeidliche Unheil abgewendet wird. Man fühlt sich des Atems beraubt, wenn ein plötzlicher Wechsel der Perspektive auf einmal einen ganz anderen Einblick erlaubt. Und wenn schließlich doch alles an seinem Platz ist, legt man das Buch mit dem Gedanken beiseite, dass man dringend mal schauen muss, was Jürgen Benvenuti sonst noch zu bieten hat.

4 Sterne

Big Deal von Jürgen Benvenuti
ISBN: 978-3-7099-7414-8

Dienstag, 2. August 2016

Wirbelwind

Vor Temerity kann Ellen Holmes sich nicht verstecken, obwohl sie sich sehr  bemüht für ihre Umwelt unsichtbar zu sein. Bei Temerity sind alle Mühen vergebens, denn Temerity ist blind. Temerity sieht Ellen und das tut Ellen gut. Von ihrer Mutter wurde Ellen sehr schlecht behandelt und im Laufe der Jahre hat sie sich mit vielen Pfunden umgeben und aus der Welt zurückgezogen. Vielleicht bemerkt Temerity, dass Ellen eher leise spricht, aber mit ihrer sprühenden Lebensfreude reißt sie Ellen einfach mit und auch dazu hin, Dinge zu tun, an die sie nie zu denken gewagt hätte.

Endlich muss Ellen aus sich herausgehen und sie entdeckt, was alles in ihr steckt. Das ist viel mehr als erwartet. Wie ein kleines wenn auch etwas unförmiges Heinzelmännchen versucht Ellen ihren Mitmenschen zu helfen. Das beginnt in der Nachbarschaft und macht auch vor Kollegen nicht halt. Mit ihrer tollen Beobachtungsgabe erahnt Ellen, was die Leute brauchen. Und wo ihr die Tatkraft fehlt springt Temerity energiegeladen ein. So wie man Ellen nicht sieht versteht es Temerity bestens ihre Blindheit zu überspielen, hat keine Sorge darüber Scherze zu treiben und auch keine Hemmungen um Hilfe zu bitten, wenn es nötig scheint.


Eine ungewöhnliche und ungewöhnlich schöne Freundschaft zwischen zwei ungleichen Frauen. Es ist eine Freude der Leserin dieses Hörbuches Muriel Baumeister zu folgen. Sie gibt besonders Ellen und Temerity und auch einigen weiteren Charakteren eine Stimme, die man wieder erkennt. Man folgt den beiden in ihre sehr unterschiedlichen Welten und empfindet sie Erweiterung der Horizonte. Toll, wie sie mit einfachen Mitteln versuchen ihre Welt zu verbessern und etliche Versuche erfolgreich verlaufen. Vielleicht ist alles manchmal zu …, aber dennoch ein Buch bzw. Hörbuch, dass einfach gute Laune macht.

4 Sterne

Tage wie Salz und Zucker von Shari Shattuck
ISBN: 978-3-8398-1329-4