Freitag, 30. September 2016

Pfirsichduft

Eines Abends werden Frank Meyer und seine gesamte Familie in ihrem Haus in Los Angeles überfallen und brutal ermordet. Nur knapp mit dem Leben davon kommt ihr Kindermädchen. Sie ist allerdings nicht in der Lage, irgendwelche Aussagen zu machen. Frank war vor langer Zeit als Söldner tätig, hatte aber mit seiner Frau ein ganz neues Leben begonnen. Doch nun wird er verdächtigt, in illegale Geschäfte verwickelt gewesen zu sein. Sein Freund und ehemaliger Gruppenführer Joe Pike glaubt das nicht und nutzt seine alten Kontakte, um heraus zu finden, was wirklich geschehen ist. Die einzige Spur ist das sich gerade noch so ans Leben klammernde Kindermädchen oder deren einzige Besucherin, ihre Schwester.

Joe Pike ist ein harter Hund, der für seine Freunde und Kameraden einsteht. Er ist überzeugt, dass Frank sauber war. Der Überfall auf sein Haus war der letzte in einer Reihe. Die Täter gingen äußerst brutal vor, es gab bereits elf Tote. Doch bei dieser vorerst letzten Tat war etwas anders, eine vierte Person war beteiligt. Joe Pike ruft die aus seinem alten Team zusammen, mit denen er noch Kontakt hat. Die Schwester des Kindermädchens kann ihn tatsächlich mit ein paar Informationen versorgen, die einen Ansatzpunkt bieten und, die die Polizei nicht hat.

Joe Pike stürmt nicht nur einfach los und bam! Aber fast, mit seinem militärischen Hintergrund ist das kein Wunder. Da wo die Polizei sich an die Gesetze halten muss, nutzt er alle Mittel und Wege, die ihm zur Verfügung stehen und geht dabei manchmal durchaus ruppig vor. Ein einsamer Held auf einem Feldzug gegen das Unrecht - natürlich eine genau richtige Zutat für einen spannenden und straighten Thriller. Wie eine schnurgerade Autobahn, letztlich nicht unbedingt das Ziel des Rechts, aber doch das Ziel der Gerechtigkeit im Auge, so wirken Pikes Handlungen. Er hält sich konsequent an seine Linie. Dem Leser wird mit dieser Figur fesselnde Unterhaltung geboten, die so klar ist, dass weiteres Nachdenken nicht unbedingt nötig ist. Ein schneller Thriller, der sich in einem Zug inhalieren lässt.


3,5 Sterne

Gesetz des Todes von Robert Crais
ISBN: 978-3-453-43768-6



Mittwoch, 28. September 2016

Das Team

In Bern wird die übel zugerichtete Leiche einer Frau gefunden. Der herbei gerufene Kommissar Horowitz zückt schon nach einem kurzen Blick sein Telefon und spricht mit seinem Kollegen beim BKA Marten S. Sneijder. Dieser ist eigentlich als Ausbilder und Profiler tätig. Dennoch bekommt er den Fall zugeordnet und erstmals wird ihm eine Partnerin an die Seite gestellt, Sabine Nemez, die er selbst ausgebildet hat. Leider bleibt die Tote nicht das einzige Opfer des Täters. Vieles deutet auf einen Verbrecher, den Sneijder vor einigen Jahren gefasst hat. Sollte es einen Nachahmungstäter geben? 

So wie sich Sneijder und Nemez an die Nachforschungen machen, kann der Leser auch die Schritte der jungen Psychologin Hanna Norland verfolgen, die ihre erste Stelle in der Haftanstalt für Täter mit geistigen Störungen antritt. Lange zieht dieses Hörbuch die Spannung aus der Frage wie diese beiden Handlungsstränge miteinander verstrickt sind. Die beiden Polizisten hetzten beinahe von Tatort zu Tatort, nur um doch immer wieder zu spät zu kommen und nur wenige verwertbare Spuren vorzufinden. Dagegen legt Norland ein eigenartiges Interesse an einem bestimmten Gefangenen an den Tag. Kleine dahin gehauchte Spuren fügen sich langsam zu einem Bild wie es perfider und grausamer kaum sein kann.

Was wie ein normaler Krimi beginnt, bei dem der Täter und dessen Motiv gefunden werden soll, entwickelt sich zu einem üblen Psychospiel, in dem Persönlichkeit der Ermittler manipuliert wird und diese zu Erkenntnissen gezwungen werden, die sie lieber nicht gehabt hätten. Wie weit kann eine Inszenierung einen Menschen bringen. Da haben Norland und Sneijder jeweils ihre eigenen Beweggründe, doch die Auswirkung ist ähnlich und sie kommen Gemeinheiten auf die Spur, die sie selbst in Gefahr bringen. 


Je weiter der Verlauf der Handlung voranschreitet, desto schwerer ist das Geschehen zu ertragen. Versuche, zu retten, was zu retten ist, scheitern auf bedrückende Weise. Und mancher sieht sich gezwungen Entscheidungen zu treffen, die wirklich niemandem zugemutet werden sollten. Auch als Hörer dieser Lesung wird man durch die von Achim Buch mit dem richtigen Tonfall vorgetragenen Worte berührt. Man fühlt die Anspannung, das Gehetzt sein, die Verzweiflung. Doch ist die Geschichte tatsächlich schwer zu ertragen, man möchte Ermittler einfach nicht in solchen Situationen sehen und doch ist man gefangen bis zum Schluss.

4 Sterne

Todesmärchen von Andreas Gruber
ISBN: 978-3-8445-2137-5



Dienstag, 27. September 2016

Kloppen fahren

Sie sind ein eingeschworenes Team: Heiko, Kai, Jojo und Ulf. Mit einigen anderen zusammen gehören sie zu den Hooligans der Hannoveraner Fussballmannschaft. Am wichtigsten ist echt ihre Gemeinschaft, nicht einmal die Familie kann da mithalten. Als Typen sind sie schon sehr unterschiedlich. Heiko ist zweimal durchs Abi gerasselt, jobbt bei seinem Onkel in der Mucki-Bude. Kai studiert, Jojo hat endlich eine Beschäftigung als Jugendtrainer und Ulf hat eine Freundin. Und mal wieder geht es ab, ein Treffpunkt wird vereinbart und der Trupp fährt los, um sich mit einem ähnlichen Club zu treffen und dann wird gekloppt, es wird nicht nachgetreten und gewonnen hat die Gruppe, von denen am Ende noch die Meisten stehen.

Das ist eine Szene, in der sich möglicherweise nicht viele auskennen. Wenn man jedoch selbst aus einem Landstrich in der Nähe stammt, wirkt die Sprache zwar sehr bodenständig, direkt und auch vertraut. Und mit dem Beginn der Lektüre schleicht sich häufiger der Gedanke ein, kenn ich, und so manches Schmunzeln hebt die Mundwinkel, weil die handelnden Personen ebenso gut Bekannte sein könnten. Je weiter allerdings die Handlung voranschreitet und je besser man Heikos Welt kennenlernt, desto größer wird das Gefühl der Befremdung. Heikos Ursprungsfamilie macht einen ziemlich kaputten Eindruck, die Mutter abgehauen, der Vater ein Säufer, die Schwester versucht die kläglichen Überbleibsel zusammen zu halten und scheitert doch. So wurden Heikos Kumpels zu einer Art Ersatzfamilie und die Fahrten zu den Schlägereien wirken fast wie Familienausflüge. Doch je mehr diese zweite Familie ebenfalls zu zerbrechen droht und die Prügeleien immer brutaler werden, desto weniger ist Heikos festklammern an diesen Dingen zu verstehen. Seine Freunde scheinen sich weiter zu entwickeln, Heiko bleibt zurück. Man möchte ihn schütteln, damit es ihm gelingt, sich endlich den viel beschworenen Ruck zu geben.

Je länger man sich mit diesem Debüt von Philipp Winkler beschäftigt, desto mehr wird man hinein gerissen in Heikos Leben, das einem doch nicht gefallen will. Seine Vergangenheit ist Mitleid erregend, fast schon tragisch. Als nachvollziehbar empfindet man, dass er sich seiner Clique zuwendet und in die Hooligan-Szene eintaucht. Schwierig wird es allerdings, wenn man beginnt sich zu wünschen, er möge nicht in seiner Lethargie verharren und sich endlich entschließen, mit seinem Leben voran zu gehen. Die Angebote sind schließlich da. Mit wehem Herzen beschließt man das Buch, denn irgendwie steht Heiko letztlich alleine da und hat tatsächlich alles verloren. Unsicher, wohin sein Weg in führen wird. 

Ein aufwühlender Roman, der nicht nett ist, der sich möglicherweise durch erhebliche Authentizität  auszeichnet und damit außerordentlich fesselt. 


4,5 Sterne

Hool von Philipp Winkler
ISBN: 978-3-8412-1151-4


Sonntag, 25. September 2016

Nacht in New York

In der Silvesternacht von 1976 auf 1977 ist einiges los in der Stadt, die niemals schläft. Die Jugendlichen Samantha und Charlie wollen zu einem Punkrock-Konzert, Sam kennt einen aus dem Tross der Musiker. Mercer Goodman geht auf einen Empfang, bei dem er eigentlich seinen Partner Billy wieder in Kontakt mit seiner einflussreichen Familie bringen wollte. Doch Billy ist nicht da. Zwischen diesen sehr unterschiedlichen Polen der Metropole entfaltet sich die Handlung, deren Bindeglied hauptsächlich der Künstler Billy ist. Allerdings bringt diese Nacht tiefe Einschnitte in die Schicksale der einzelnen Personen.

Nicht zu viel sollte verraten werden von der sehr komplexen Handlung dieses Romans. In der Mitte des Zeitalters des Punk, von dieser Musik und seiner Lebenseinstellung der Rebellion beeinflusst, bietet City on Fire ein Gemälde der 1970er. Vorstadtkinder rebellieren genauso gegen ihre Eltern wie die der Reichen. Sie wollen ihren eigenen Lebensentwurf leben und nicht das, was vorgegeben scheint. Kunst, Musik, Schreiben scheinen die Methoden des Ausdrucks zu sein. Und auch die Zeit bricht heran, in der es möglich ist, seine sexuellen Neigungen offen zu leben. Auch wenn damit mitunter noch eine Trennung von der althergebrachten Familie einhergeht. 

Der Hauptteil der Handlung beginnt mit der oben erwähnten Silvesternacht und läuft bis zu dem großen Stromausfall im Juli 1977. Daneben wird in Rückblenden die Geschichte der beteiligten Familien beleuchtet und mit besonderer Gestaltung werden Einblicke in private Aufzeichnungen der handelnden Personen gewährt. Durch die abwechslungsreiche Art, die Geschehnisse darzustellen, kommt trotz des erheblichen Umfangs des Buches keine Langeweile auf. Schließlich ist in diesem Sittengemälde der 1970er auch noch ein Kriminalfall zu lösen, so dass in diesem opulenten Werk jedem Leser etwas geboten wird. Mag man zu Beginn noch denken, der Autor könne etwas sehr ausschweifend berichten, kommt doch bald Spannung auf, wenn man beginnt einzelne Zusammenhänge zu erkennen. Die Stimmung in der großen Stadt im Zeitalter des Punk wird so anschaulich beschrieben, dass man sich hinein versetzt fühlt, in das pulsierende Leben New Yorks, das so unterschiedliche Schicksale hervorbringt. Garth Risk Hallberg hat einen so vielschichtigen Roman geschaffen, das jeder Leser ihn für sich entdecken und erforschen kann und jeder zu seinem eigenen Ergebnis kommen wird. Beeindruckend ist das Werk auf jeden Fall.


4 Sterne

City on Fire von Garth Risk Hallberg
ISBN: 978-3-10-002243-1


Samstag, 24. September 2016

oh du fröhliche

Staatsanwältin Chastity Riley ist keine große Freundin der Weihnachtstage. Gerade jetzt jedoch sagt der Chef, dass Urlaub dazu da ist, ihn zu nehmen. Chas tritt ihre 11 Tage Zwangsurlaub an. sie weiß nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen als durch die Stadtteile Hamburgs zu wandeln. Auf ihren Wegen findet sie einen Obdachlosen, der offensichtlich brutal zusammengeschlagen wurde und sie erfährt, dass das wohl nicht der erste Fall dieser Art gewesen ist. Riley beginnt mit Nachforschungen, froh darüber Faller wieder zu treffen, der nun als Berater für die Polizei arbeitet. 

Chastity Riley lebt alleine, ihre Mutter hat die Familie früh verlassen und ihr Vater ist gewissermaßen an gebrochenem Herzen gestorben. Zwar hat sie gute Freunde, aber eine feste Beziehung einzugehen fällt ihr schwer. Dennoch fühlt sie sich wohl in ihrem Kiez, ein Café hier, eine Kneipe da, was will man mehr. Auf Weihnachten könnte sie locker verzichten. Umso mehr will sie aufklären, wer die Jagd auf die eher wehrlosen Obdachlosen eröffnet hat. Hinweise zu finden erweist sich als schwierig, denn selbst die Angegriffenen sind nicht besonders mitteilsam. 

Die Reihe um die Staatsanwältin Chastity Riley umfasst inzwischen sechs Bände und der vorliegende ist der vierte. Zwar ist der Fall auch ohne Kenntnis der vorherigen Fälle gut verständlich und schlüssig, aber es entsteht doch der Eindruck, dass es von Vorteil sein könnte, auch die anderen Romane zu kennen, denn es scheint eine fortlaufende Rahmenhandlung zu geben. Chastity hat es nicht immer leicht gehabt, dennoch hat sie etwas geschafft im Beruf. Mit dem Leben ist es nicht ganz so einfach, aber sie liebt ihren Kiez, wodurch sie sehr sympathisch wirkt. Welche Entwicklung sie durchläuft, kann man nach der Lektüre eines einzelnen Bandes allerdings nicht beurteilen. Gefesselt verfolgt man ihre Hartnäckigkeit bei den Ermittlungen. Es könnte zu befürchten sein, dass Obdachlose nicht unbedingt die oberste Priorität erlangen, aber nicht bei Chas Riley. Sie geht den Dingen auf den Grund und deckt Entwicklungen auf, die betroffen machen, weil sie so sinnlos sind.

Ein sympathischer Hamburg-Krimi, einer Reihe, die vielleicht besser in der richtigen Reihenfolge gelesen werden sollte.


3,5 Sterne

Eisnattern von Simone Buchholz
ISBN: 978-3-426-30408-2


Freitag, 23. September 2016

Vollobst

Für Falk Lutter ist es eine Reise in die Vergangenheit. Nie hätte er damit gerechnet, zu einem Klassentreffen eingeladen zu werden. 27 Jahre ist schon ein eigenartiges Jubiläum, der Jahrgang 1984 aus Berlin. Im Jahr 1980 ist er gemeinsam mit seiner Mutter aus der DDR geflohen. Eigentlich war es der Vater, der fortwollte aus diesem System. Der jedoch kehrte in die Heimat zurück, um nach Falks Schwester Sonja zu suchen, die bei der Grenzkontrolle festgehalten wurde. Die Eltern versuchten allerdings, ihrem Jungen möglichst unbeschwerte Ferien in Ungarn zu bereiten. Dort lernte Falk auch Karen kennen, die keine Berührungsängste mit dem Jungen aus Ostdeutschland hatte. Wie anders war es doch in dem Jahrgang in Berlin, dort blieb er immer der Ostler und Außenseiter.

Warum sollte Falk zu dem Klassentreffen fahren. Zu Menschen, die ihn und auch andere vor langer Zeit einfach nur mies behandelt hatten. Doch wie einer während der Veranstaltung so treffend bemerkt, war er froh, Außenseiter gewesen zu sein, denn so habe er Zeit gehabt sich mit sich selbst zu beschäftigen. Genau genommen ist am ehesten aus den Außenseitern was geworden. Die Cliquenanführer und ihre Gefolgschaft sind eher genauso dumm, dreist und überheblich geblieben und fühlen sich in ihrem kleinen nichtsnutzigen Leben auch noch toll. Auch Falk hat seinen Weg gemacht, schon immer hatte er eine besondere Affinität zur Musik, er hat sich seinen Traum erfüllt und verdient sein Geld als Musiker. 

Eine typisch untypische Biografie eines ost/westdeutschen Jugendlichen stellt Tom Liehr mit seinem Buch „Sommerhit“ vor. Quasi unfreiwillig geflohen, von seinen Mitschülern drangsaliert, macht Falk Lutter seinen Weg. Mit der eigenen eher wellenarmen westdeutschen Vergangenheit nicht zu vergleichen. Falk wird in eine Welt hineingeworfen, die er zunächst nicht versteht. Die halbe Familie verloren, die Mutter im Zweifel, ob der Schritt richtig war. Die eher positiven Urlaubserfahrungen stehen den Erlebnissen mit seiner Schulklasse entgegen, in der sich tatsächlich die fiesesten Charaktere versammelt zu haben scheinen, die und die Mitläufer, gegen die die Außenseiter keine Chance haben. Gibt es in allen Schulen, könnte man denken, doch diese Früchtchen sind schon besonders hinterhältig und gemein. Da ist man nicht mehr zu Scherzen aufgelegt. Froh, dass Falk seinen Weg gemacht hat, gönnt man Falk seinen Auftritt, dem jedoch auch wieder ein Wermutstropfen beigemischt ist.


Ein Buch wie eine Reise in die Vergangenheit, die einem zum Teil sehr bekannt vorkommt, die einen aber auch einen anderen Blickwinkel einnehmen lässt. Und sich wünschen lässt, dass die Menschen mehr für andere einstehen würden und nachdenken würden bevor sie Handlungen begehen, deren Folgen nicht abschätzbar sind. Eine bittersüße Lebensgeschichte, die zu lesen sich lohnt.

4 Sterne

Sommerhit von Tom Liehr
ISBN: 978-3-352-00814-6


Donnerstag, 22. September 2016

Freaky Friday

Eines Tages wird eine männliche Wasserleiche aus der Themse gezogen, die ein Krankenhausarmband mit dem Namen F. Klein trägt. Schnell ist klar, dass das nicht der Name des Toten sein kann. Als Inhaberin des Armbandes wird Dr. Frieda Klein ermittelt, die früher als Beraterin für die Polizei gearbeitet hat und nun hauptsächlich als Therapeutin tätig ist. Und wieder steht Frieda Klein als Mittelpunkt in einer Mordermittlung. Nichte gerade bereitwillig beantwortet sie die Fragen der Polizeibeamten und so dauert es nicht lange bis sie selbst in Verdacht gerät. Sich in einer aussichtslosen Position wähnend, geht Dr. Frieda Klein mal wieder eigene Wege.

Nicht das erste Mal wird Frieda in eigener Sache tätig, aber so kurz vor einer Gefängnisstrafe stand sie wohl noch nie. Doch wie soll sie etwas beweisen, was sie nicht getan hat. Ihr bleibt nur der Versuch, die Hintergründe der Tat selbst aufzuklären. Nach der Identifizierung des Toten folgt sie seinen letzten Wegen, um Hinweise aufzutun. Zunächst nicht sonderlich erfolgreich, der Tote scheint viele lockere Bekanntschaften gehabt zu haben, so dass sich zwar ein vielschichtiges Bild ergibt, welches allerdings erheblich von dem abweicht, das Frieda von ihm hatte.

Puh, welch ein fieser Fall. Kaum je war Dr. Frieda Klein so persönlich betroffen. Und nun muss sie auch noch selbst ihre Unschuld beweisen, da die Polizei allem Anschein nach voreingenommen ist. Frieda Klein hat nicht viele Hemmungen, Leuten auf die Füße zu treten, wenn sie es für notwendig hält. Schließlich hat sie das ihre Stelle gekostet und ihr Feinde im System eingebracht. Doch genauso wie sich ihre Eigenschaften gegen sie wenden, nehmen sie auch Menschen für sie ein. Ihre Freunde gehen für sie durch dick und dünn, trotz Friedas eigentümlicher Art wissen die, die ihr nahe sind, was sie an ihr haben.

Umgeben von Freunden und Feinden und wegen der Umstände quasi im Untergrund spielt sich dieser Fall ab. Als Leser sieht man Frieda über Londons Straßen wandeln, immer in Gefahr entdeckt zu werden und doch nicht locker lassend. Man empfindet ihre Entschlossenheit, die Düsterkeit der Tat. Man fürchtet ihre Entdeckung ebenso wie ihre Entdeckungen. Und so wird man immer mehr in das Geschehen hineingezogen. Man betrauert die lichte Vergangenheit, die sich in die harte und dunkle Realität der Gegenwart verändert hat. Hätte der Verlauf verhindert werden können, Frieda Klein wünschte es. 


4,5 Sterne

Friday on my Mind von Nicci French
ISBN: 978-0-718-17963-2


und hier die deutschsprachige Leseprobe




Mittwoch, 21. September 2016

Wahrscheinlichkeiten


Während der Immobilienkrise sind Art und Marion in Schwierigkeiten geraten. Beide haben ihren Job verloren, das Haus ist viel zu hoch belastet, als Ausweg bleiben nur noch Insolvenz und Scheidung. Bevor es soweit ist fahren die beiden zu einem letzten gemeinsamen Wochenende an die Niagara Fälle, dorthin wo sie ihre Hochzeitsreise vor dreißig Jahren verbracht haben. Ein letztes Mal noch wollen sie die Zeit zurückdrehen und unbeschwert sein. Wenigstens ihre Kinder sind versorgt, sie konnten ihnen das Studium ermöglichen, Art und Marion stehen jedoch vor dem aus. Doch sie haben einen Plan, mit dem letzten Bargeld, das sie zusammenkratzen konnten, wollen sie im Casino das große Geld gewinnen.

Da stehen sie vor den Scherben ihres Lebens, ein viel zu großes Haus, mit Krediten finanziert, die sie kaum bedienen konnten. Reserven eingesetzt, die eigentlich für die Altersversorgung gedacht waren. Die Jobs verloren, Affären gehabt. Und nun kommt auch noch das Haus unter den Hammer, wahrscheinlich lässt es sich wenn überhaupt nur mit Verlust verkaufen. Genau genommen haben sich Marion und Art nicht mehr viel zu sagen. Dieses Wochenende ist der letzte Rettungsversuch. Tagsüber flanieren sie durch die touristischen Sehenswürdigkeiten und schwelgen in Erinnerungen und abends versuchen sie im Casino einen Gewinn herauszuschlagen.

Jedem Kapitel ist eine Wahrscheinlichkeit vorangestellt, etwa wie groß die Wahrscheinlichkeit ist,dass ein Ehepaar seinen 25. Hochzeitstag erreicht (1:6). Das gilt wahrscheinlich für die USA. Irgendwie passt dann der Inhalt auch zu den Überschriften, die von Wahrscheinlichkeiten, auf die man nicht so viel Wert legt (Übelkeit im Urlaub), immer mehr zu solchen wechselt, die einem viel netter vorkommen (Frühstück im Bett). Und so geht es auch mit der Geschichte von Art und Marion, die sich zunächst mehr oder weniger anzicken und dann doch wieder annähern, je mehr Zeit sie in diesen gemeinsamen Tagen verbringen. Ob sie ihr Hab und Gut retten können, scheint immer unwichtiger zu werden je mehr sie es schaffen, die Zeit zu genießen. Mit klugen Worten unterbreitet Steward O’Nan das Angebot einen sehr positiven kleinen Roman lesen zu können. Ein Angebot, dass man unbedingt annehmen sollte. 


Welches die schönste Wahrscheinlichkeit ist, muss natürlich jeder selbst entscheiden. Aber schön ist es doch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass am Morgen die Sonne aufgeht bei 1:1 (also 100%) liegt. Das ist doch mal was, auf das man sich verlassen kann.

4 Sterne

Die Chance von Stewart O'Nan
ISBN: 978-3-499-25873-2

Dienstag, 20. September 2016

Alles wird anders

Für die 17-jährige Emmy ist Jo der Mann ihres Lebens, er sieht gut aus, er ist etwas älter. Das Leben könnte immer so weiter gehen. Für die Sommerferien könnte sie sich einen tollen Urlaub vorstellen. Aber diesmal durchkreuzt Jo ihre Pläne, er will seinem Freund Sam bei der Renovierung eines Ferienhauses helfen. Emmy beschließt, dass sie Sam nicht leiden kann. Allerdings muss sie feststellen, dass sich ihre Meinung nicht so leicht aufrecht erhalten lässt. Sam ist echt ein cooler Typ. Sie kann sich gut mit ihm unterhalten und er mag die selbe Musik. Emmy gerät ins Rätseln, ob Jo tatsächlich der Einzige ist, den es für sie geben kann.

Wird sich für Emmy dieses jugendliche Durcheinander lösen? So klar wie ihre Welt schien, ist sie nicht. Ihre Eltern scheinen sich zu streiten, sie vermutet, dass es mit deren Ehe nicht zum Besten steht. Ihre Freundinnen sind im Urlaub und ihre eigenen Pläne sind über den Haufen geworfen. Sollte eine Beziehung mit Sam die Lösung ihrer Probleme sein? Jo kommt ihr auf einmal so normal vor, dabei war er doch immer ihr ein und alles. 

Ach, wie schön war es doch 17 zu sein. Ach, wie kompliziert war es auch. Es gab nur richtig oder falsch, nur schwarz oder weiß. Die verschiedenen Grautöne dazwischen lernt man erst nach und nach kennen. Und so macht auch Emmy eine nicht ganz einfache Zeit durch. Ihr sicheres Elternhaus scheint in Gefahr. Auch an ihrer großen Liebe kommen ihr Zweifel. Emmy ist auf der Suche nach ihrem Weg, ein Weg, der doch aufregender und steiniger erscheint als sie sich vorstellen konnte. Wenn auch manchmal etwas überbordend, so sind Emmys Gedanken und Gefühle doch sehr gut nachvollziehbar. Sie muss sich auf den schwierigen Pfad machen, ihre Entscheidungen selbst zu treffen und das gelingt ihr nach einigen Umwegen sehr gut. Emmy ist eine sympathische junge Frau, die jeder jungen Leserin Freude bereiten und sicher auch einige Ältere für sich einnehmen wird.


3,5 Sterne

Der eine andere von Catharina Clas
ISBN: 978-3-8458-1125-3


Montag, 19. September 2016

Der geklaute Hund

Die Goldmans aus Baltimore waren immer die Besseren und die Goldmans aus Montclair so etwas wie die armen Verwandten. So jedenfalls sieht es Marcus Goldman, der Sohn der Montclairs. Für ihn ist es das Tollste auf der Welt, seine Ferien und lange Wochenenden in Baltimore verbringen zu dürfen. Dort gehört er zu den Goldman-Cousins, ein Triumvirat bestehend aus Hillel, dem Sohn der Baltimores, dessen Ziehbruder Woody und eben Marcus. Was für eine tolle Kindheit haben die drei Unzertrennlichen. Gemeinsam wollen sie die Welt erobern. Natürlich gibt es Veränderungen, je älter sie werden. Zum Beispiel als die Villa in den Hamptons von den Nevilles erworben wird. Zum einen erweitert sich ihr Club durch den liebenswerten aber schwerkranken Scott und dessen zwei Jahre ältere Schwester Alexandra, die den Jungen die erste Sehnsucht schenkt.

Berichtet wird die Geschichte der Baltimores und der Goldman-Cousins von Marcus. Etliche Jahre nachdem ein einschneidendes Ereignis ihr Triumvirat auseinander gebrochen hat, lebt Marcus zeitweilig in Florida. Hier will er mit seinem neuen Roman beginnen. Ablenkung erhält er von seinem älteren Nachbarn Leo, ebenso wie von einem Hund, der ihm zuläuft. Versucht, das Tier einfach zu behalten, macht er sich aber doch auf die Suche nach dem Besitzer, und - es gibt keine Zufälle im Leben - es ist seine Jugendliebe Alexandra, mit der er sich fortan zunächst heimlich den freundlichen Duke teilt. 

Wie um den Baltimores ein Denkmal zu setzen, entwickelt sich diese Geschichte langsam von der glücklichen Kindheit, in der es auch schwere Stunden gibt, bis hin zu dem Ereignis, das die Katastrophe genannt wird. Doch immer bleibt der Bezug zur Gegenwart erhalten, in der Marcus und Alexandra sich wieder treffen und noch einige Steinchen zusammengefügt werden müssen, um ein vollständiges Bild der Geschichte der Baltimores vor Augen zu haben.

Zum Glück hat sich Joël Dicker mit dem Schreiben seines zweiten Romans etwas Zeit gelassen. Nach dem herausragenden Erstling war es sicher nicht ganz einfach, seinem Stil treu zu bleiben und dennoch ein ganz anderes Buch zu schreiben. Mit der Familiengeschichte der Goldmans ist ihm dies allerdings bestens gelungen. Zwar fühlt man sich schon an sein Erstlingswerk erinnert, aber das Drama um die Goldmans hat etwas eigenes. Eine Familie, in der etliches unausgesprochen bleibt, in der das Beste gewollt wird, in der jeder seine Schwächen hat, in der die Freundschaft schließlich ungebrochen bleibt und in der die Liebe groß genug ist, um Marcus Goldman zum Schriftsteller werden zu lassen, damit er sie erzählen kann: die tragisch-komische und berührende Geschichte der Baltimores.


5 Sterne

Die Geschichte der Baltimores von Joël Dicker
ISBN: 978-3-492-05764-6


Sonntag, 18. September 2016

Schachmatt

Die junge Prinzessin Lurelia von Betrovia weilt zu Besuch im England des Jahres 1889. Durch ihren Besuch sollen die Beziehungen der beiden Länder wieder verbessert werden. Beim letzten Versuch ist dies fürchterlich schief gegangen. Vor 50 Jahren ist der edle Gast mit einem Zimmermädchen durchgebrannt. Natürlich soll so ein Eklat jetzt verhindert werden und Mina Holmes und Evaline Stoker werden als Anstandsdamen und Beschützer der Prinzessin engagiert. Prinzessin Lurelia macht einen eher langweiligen Eindruck. Evaline und Mina, die auf der Jagd nach dem Ankh und diversen Untoten sind, erfüllen ihre Aufgabe mit geringer Begeisterung. Zwar ist es ihnen peinlich, aber insgeheim sind sie froh, von ihrem Auftrag entbunden zu werden.

Diese beiden jungen Frauen haben einfach zu viel im Kopf, die Bewachung der Prinzessin, die Jagd nach Untoten, die Herleitung von Lösungen, die Aufklärung von Geheimnissen, die Suche nach der Figur der ersten Schachkönigin, die ein Geheimfach öffnen soll. Wie sollen sie da den Überblick behalten, kein Wunder, dass hin und wieder mal was schief geht. Aber intelligent und wagemutig wie sie sind, lösen sie die Aufgaben, die ihnen gestellt werden, grundsätzlich mit Erfolg. Doch woher kommen dann die Alpträume von einem Schachmatt, ein Wort, das ihnen gerade das Ankh entgegenwirft. 

Eine interessante Variante des Schachspiels dokumentiert die Autorin mit ihrem phantasievollen Ausführungen. Ein Spieltisch und ein Figurenset als Spielball für die Beziehungen zwischen zwei Ländern, um die es nicht immer zum Besten steht. Und Mina Holmes und Evaline Stoker sind wieder mitten im Geschehen. Wegen ihres jungen Alters eignen sie sich bestens als Begleitpersonen für die Abgesandte Betrovias. Und wegen ihrer Erfahrungen in den Diensten Irene Adlers eignen sie sich natürlich umso mehr. Köstlich wie sie die Sache erstmal in den Sand setzen, um dann rudern zu müssen, um die Gunst ihrer Gönner wieder zu erlangen. Dazu die diversen Untersuchungen und Nachforschungen, an denen Evalina und Mina teilhaben. Steampunk wie man es sich wünscht. Ein leicht abgewandeltes London, seltsame Gerätschaften und vielen bekannte Personen. Anrührend jugendlicher Herzschmerz und ein echtes Schachmatt, das neugierig auf die nächsten Züge macht. Diese Reihe gefällt und macht Lust auf mehr.


4 Sterne

The Chess Queen Enigma von Colleen Gleason
ISBN: 978-1-4521-5649-1



Samstag, 17. September 2016

Rezeptbuch für alle Gelegenheiten

Und wieder gibt Tannie Maria in ihrer Rezeptkolumne Tips für alle Lebenslagen kombiniert mit leckeren Rezepten, die die Wirkung ihrer Ratschläge vervielfachen sollen. Ihre Kollegin Jessie möchte für die Zeitung der kleinen Stadt mal wieder eine investigative Reportage schreiben. Deshalb fahren sie in einen Nachbarort, wo Jessie ein Interview mit einem Bodenrechts-Aktivisten führen will, der gerade einen bedeutenden Sieg errungen hat. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, will Tannie Maria auch einen Heiler aufsuchen, denn die traumatischen Ereignisse im Zusammenhang mit ihrem letzten Fall hat sie noch nicht überwunden. Zu Marias Entsetzen stirbt der Aktivist während eines öffentlichen Auftritts vor ihren Augen.

Schnell stellt sich heraus, dass der Aktivist vergiftet wurde und Tannie Marias Spürsinn ist wieder gefragt. Kommissar Henk Kannemeyer, dem Maria näher gekommen ist, ermittelt in dem Fall. Er möchte sie am liebsten aus dem Fall raushalten, er erträgt es nicht, dass sie in Gefahr geraten könnte. Auch wenn Maria sich ihm nicht ganz öffnen kann, ist sie doch eine selbstständige Frau, der man nicht einfach sagen kann, was sie zu tun oder zu lassen hat. Allerdings sieht Maria ein, dass sie einige Probleme aufarbeiten muss. Deshalb nimmt sie das Angebot des Automechanikers Ricus an, seinen Gruppensitzungen beizuwohnen.


Wenn auch in Tannie Marias zweitem Fall die Kombination zwischen Rezept-Kolumne und Fall nicht ganz so gelungen ist, ist die Kombination zwischen Fall und der Verarbeitung ihres Posttraumatischen Stress-Syndroms umso packender. Ihre Beziehung zu Henk Kannemeyer und ihre inneren Kämpfe sind sehr mitreißend geschildert. Kleine Längen sind schnell vergessen, wenn   sich die Hinweise in dem Mordfall zusammenfügen und auch die Behandlung Tannie Marias ihren Lauf nimmt. Schließlich sind die Handlungsstränge wunderbar geschickt verwoben und die erwähnten Rezepte machen Lust aufs Ausprobieren, bei manchen der liebevoll beschriebenen Genüsse läuft einem allein schon vom Lesen das Wasser im Mund zusammen.

4 Sterne

The Satanic Mechanic von Sally Andrew
ISBN: 978-1-78211-650-9


Freitag, 16. September 2016

Anamagica

Es herrscht relative Ruhe in der A-Gruppe, seit einiger Zeit sind keine spektakulären Fälle aufgetreten. Zur Zeit ermitteln die Beamten in einem internationalen Scheckbetrugsfall. Lena Lindberg wird zufällig in einen Überfall auf eine Videothek hineingezogen. Weil sie nichts besseres zu tun hat, übernimmt sie die Sache. Im Laufe der Untersuchung stößt sie dabei auf ein weiteres Verbrechen, das den Behörden beinahe verborgen geblieben wäre. Eine Zeugin ist verschwunden. Und als dann noch Paul Hjelms Tochter in eine Durchsuchung hereinplatzt ergibt sich ein Muster. Der Täter scheint es auf junge Frauen abgesehen zu haben, die mit aller Gewalt schlank sein wollen.

Das Dasein der A-Gruppe scheint gefährdet. Ohne herausragende Ergebnisse, ohne zu untersuchende Verbrechen überhaupt, gibt es keine Existenzgrundlage. Kein Wunder, dass man sich um die relativ einfache Erforschung eines Überfalls reißt. Nicht zu erahnen war, was damit noch zutage gefördert wird. Wie können intelligente junge Frauen in die Welt des Abnehmwahns abgleiten und wer kann daran interessiert sein, gerade so dünne Frauen zu entführen? Zufälle gibt es nicht, welche Fügung hat die A-Gruppe gerade zu diesem Fall geführt, der aus mehreren Strängen besteht, die sich zu einem Seil des Verbrechens verbinden.

Es dauert eine Weile bis die A-Gruppe ihre Trägheit überwindet und so dauert es auch eine Weile bis echte Spannung in diesem Fall aufkommt. Doch wenn es dann soweit ist und sich die Hinweise langsam zusammenfügen, hat man ein besonders perfides Gebilde, das aus mehreren Gliedern besteht. Was zunächst unnötig kompliziert erscheint, erhält seinen Sinn. Jedes Puzzleteil fällt an seinen Platz. Bewundernswert wie Arne Dahl mit seinen Worten spielt, Brutalität, Direktheit wechseln sich mit hintersinnigem Humor und geschickten Wendungen. Die inneren Strömungen in der A-Gruppe beeinflussen die Ermittlungen und auch wenn einiges erstmal abwegig erschient, führt doch jeder Schritt ein Stückchen näher zum Ziel. Zwar ist ein wenig Geduld gefragt, doch bald schon ist man von diesem verschachteln Thriller in den Bann gezogen.

4 Sterne

Bußestunde von Arne Dahl

ISBN: 978-3-492-30564-8


Donnerstag, 15. September 2016

Adamsberg und die Robespierristen

Mit letzter Kraft versucht die pensionierte Lehrerin Alice Gauthier einen Brief aufzugeben und wenige Tage später wird sie tot in ihrer Badewanne gefunden. Offensichtlich eine Selbsttötung, doch als eine Zeugin, die zufällig gerade in Adamsbergs Kommissariat landet, von dem Brief berichtet, wird Jean-Baptiste Adamsberg misstrauisch. Wenig später bringt sich auch noch der Vater des Briefempfängers um, was nun wirklich kein Zufall mehr sein kann. Adamsberg findet heraus, dass die beiden Toten sich von einer Reise nach Island kannten. Diese unternahmen sie allerdings schon zehn Jahre zuvor. Weshalb sollte ein Mörder erst jetzt mit dem Töten beginnen? Und was wollte Alice Gauthier dem jungen Mann unbedingt noch mitteilen?

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg benötigt eine Weile, um warmzulaufen. Ein Fall, der zunächst kein richtiger Fall zu sein scheint. Doch als an beiden Orten, an denen die Toten gefunden wurden, seltsame Zeichen entdeckt werden, gerät die Theorie von der Selbsttötung sehr ins Wanken. Adamsberg lässt sich durch die Nachforschungen treiben, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, nimmt er verschiedene Fährten auf. Doch immer wieder kommt das Thema auf die Island-Reise und die Gesellschaft der Robespierristen, deren Mitglieder möglicherweise in großer Gefahr schweben. Und nebenbei deckt Adamsberg noch ein tragisches Familiengeheimnis auf.

Ein wenig speziell ist er schon dieser Kommissar Adamsberg. Manchmal stolpert er fast etwas verschlafen durch den Fall, nichts scheint sich richtig zu reimen, nur um im rechten Moment, die Initiative zu ergreifen und alles zu tun, um weitere Todesfälle zu verhindern. Sympathisch, wie positiv sich das Zusammenleben mit seinem Sohn gestaltet. Spannend und interessant sein Ausflug in die Kreise, derer, die einen Teil der französischen Revolution zum Leben erwecken. Gerade hier beflügelt das Buch zum selbst Nachlesen und Forschen. Ob es eine Gesellschaft, die wie von Fred Vargas geschildert die Sitzungen der Revolutionäre zum Leben erweckt, tatsächlich gibt, war nicht festzustellen. Gut vorstellbar ist es aber, nachgespielte oder nacherlebte Geschichte  und die Auswirkungen auf die Darsteller bilden hier einen packenden Schauplatz, der auch den Kommissar in seinen Bann zieht.


Dieser Ausflug Adamsbergs in die französische Geschichte fesselt und bietet Einblicke in einen Teil der französischen Geschichte, dem man durchaus etwas mehr Zeit gönnen könnte.

4 Sterne

Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas
ISBN: 978-3-8090-2659-4




Mittwoch, 14. September 2016

Mr. Edmund, nein, Edward

Ein paar Monate ist es her, dass ihr Bräutigam (die Ratte) sie vor dem Altar hat stehen lassen. Nur mit Mühe hat Ros den schlimmsten Teil ihrer Depression überwunden. Sie ist umgezogen und hat neben dem Haus auch das Meerschweinchen Mr. Edward gemietet. Als Teilhaberin ist sie in einen kleinen Buchladen eingestiegen. Ihre Familie und ihre neuen Kollegen geben ihr Halt. Richtig prächtig geht es ihr nicht, aber immerhin kann ihr Partner sie nicht rausschmeißen. Als dann eines Abends ihr bärtiger Nachbar an der Tür läutet, um ihr zerknirscht mitzuteilen, dass er Mr. Edward mit dem Rasenmäher überfahren hat, ist Ros nicht sehr bereit, eine Entschuldigung zu akzeptieren.

Ein wenig chaotisch wirkt Rosalind, mit den weiten Klamotten und den ausgelatschten Tretern. Da würde der Almöhi von einem Nachbarn eigentlich ganz gut passen. Allerdings ist Rosalind froh, dass sie ihr Leben auch ohne Nachbarn so gerade geregelt bekommt. Lieber begibt sie sich in die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes mit den skurril liebenswerten Kollegen. Nach einigen Monaten kennt sie sich inzwischen mit Büchern und Kunden aus und wenn sie nicht immer hip gekleidet ist, stört es auch niemanden. Wieso also hat sie, nach der ersten Begegnung mit dem Nachbarn, das Bedürfnis, neue Schuhe zu kaufen. Und wieso fallen die Schuhe jedem auf?

Im Selbstverlag erschien die Originalausgabe dieses warmherzigen Erstlingswerkes, das durch eine Empfehlung auf die Wunschliste gerutscht war. Nicht so leicht allerdings war es zu bekommen, jedenfalls nicht bei der Bücherei oder als Gebrauchtexemplar. Erst durch Zufall auf dem Tisch mit den Mängelexemplaren entdeckt, fand es schließlich doch noch den Weg zur Leserin. Nach der Lektüre wundert diese sich nun nicht mehr, dass das Buch kaum zu finden ist. Denn wie bei ihr selbst, wird das Buch bei den weiteren Lesern im Regal gelandet sein. Und zwar in der Ecke mit den liebenswerten und herzerwärmenden Schmusegeschichten, die man durchaus noch einmal lesen kann, weil sie ein wenig Sonne in den grauen Alltag gebracht haben. Eine typisch britisch-humorvolle Komödie mit gewissem Tiefgang, bei der man im Geiste schon nach den geeigneten Schauspielern sucht, die eine wünschenswerte Verfilmung bevölkern könnten. 


Weiter so, liebe Mrs. Platt! 

4 Sterne

Herz über Kopf von Jo Platt
ISBN: 978-3-499-26885-4

Dienstag, 13. September 2016

Geheime Mission

Madame le Commissaire Isabelle Bonnet könnte ihr Leben auf ihrem ruhigen Posten in Fragolin eigentlich genießen. Meist soll sie versuchen ältere Fälle aufzuklären, um Täter doch noch ihrer Strafe zuzuführen. Doch nun hat sich der Polizeichef Bastien offensichtlich selbst getötet. Er hatte gerade eine Krebsdiagnose bekommen und wollte sich von der Krankheit nicht besiegen lassen. Wie immer, wenn ein hochrangiger Beamter umkommt, ist eine Untersuchung der Umstände durchzuführen. Isabelle Bonnet rechnet nicht mit besonderen Ergebnissen, alles scheint schlüssig und ihre Abneigung gegen Bastien beruhte auf Gegenseitigkeit. Ihren Auftrag nimmt sie allerdings ernst und bei ihren Befragungen stößt sie erstaunlicherweise auf Ungereimtheiten.

Eine Stelle, die für die Kommissarin eingerichtet wurde, nachdem sie bei einem Einsatz fast umgekommen wäre. Ein ruhiges Plätzchen in Südfrankreich, bestes Wetter, ein Dienstplan, den sie sich selbst schreibt, was kann sich Bonnet mehr wünschen. Auch wenn die traumatischen Ereignisse zwar an Bedeutung verloren haben, aber immer noch nicht völlig überwunden sind, der Spürsinn Isabelle Bonnets ist ungebrochen. Hat sie einmal eine Fährte aufgenommen, lässt sie nicht mehr locker. Kleinste Hinweise und auch das Bild im Ganzen dreht und wendet sie in Gedanken und so findet sie die kleinen Fehler, die beinahe im allgemeinen Gewimmel der Arbeit unterzugehen drohen. Hat Bastien, der doch sehr lebensbejahend war, sich tatsächlich umgebracht? Und bei dem wieder aufgerollten Überfall auf ein Juweliergeschäft, warum ist die Beute nie aufgetaucht. Gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Apollinaire begibt sich Isabelle Bonnet auf die Suche nach der Wahrheit.

In ruhigen Worten beschreibt Pierre Martin das Leben und Arbeiten von Madame le Commissaire. Gut kann man sich ihre Wanderungen und Fahrten durch ihr Einsatzgebiet vorstellen. Blauer Himmel, Sonnenschein, ein Croissant, ein Kaffee, wer wünschte sich nicht, so arbeiten zu dürfen. Liest man allerdings von den Verletzungen, die Isabelle Bonnet im Dienst erlitten hat, hält sich der Neid doch sehr in Grenzen. Wenn sie vielleicht auch einiges ihrer Fähigkeiten eingebüßt hat, ihre Pfiffigkeit und Gewitztheit hat sie nicht verloren. Trotz der eher ruhigen Art des Erzählens gelingt es dem Autor, seine Leser zu fesseln und sie mit zwei klugen Handlungssträngen auf Trab zu halten. Man hat Zeit genug, sich über den Verlauf der Ermittlungen Gedanken zu machen und rätselt gerne mit, nur um schließlich doch überrascht zu werden. Madame le Commissaire überzeugt mit ihrer sympathischen und authentischen Art.


4 Sterne

Madame le Commissaire und der Tod des Polizeichefs von Pierre Martin
ISBN: 978-3-426-43730-8


Montag, 12. September 2016

Stille Post

Sie sind zu dritt, die Schwestern Margot, Lara-Jean und Kitty und unzertrennlich seit ihre Mutter viel zu früh starb. Doch nun nimmt Margot ihr Studium in Schottland auf und beinahe am Vorabend ihrer Abreise macht sie mit ihrem Freund Josh Schluss. Josh gehörte fast schon zur Familie, soll das jetzt etwas vorbei sein? Lara-Jean war lange heimlich in Josh verliebt, aber als Freund ihrer älteren Schwester war er natürlich tabu. Und so machte es Lara-Jean wie sie es immer machte, wenn eine heimliche Liebe zu Ende gehen musste. Sie schrieb einen Abschiedsliebesbrief. Nun aber ist das Schlimmste passiert, was sich Lara-Jean vorstellen konnte. Jemand hat ihre Briefe abgeschickt.

Welch eine coole Idee, die sofort die Phantasie anregt. Sobald die Briefe bei ihren Adressaten angekommen sind, wird Lara-Jeans Leben doch reichlich turbulent. Wie soll sie den Jungen bloß je wieder unter die Augen treten. Mit witzigen Dialogen und Gedankenspielen versucht Lara-Jean der Situation Herr zu werden. Ihre manchmal weisen und manchmal ungewollt lustigen Sprüche erinnern bei ersten Hinhören ein wenig an die Komödie „Clueless“, denn auf sympathische Weise ahnungslos wirkt Lara-Jean manchmal schon. Köstlich, wie sie sich in pikante Situationen hinein manövriert. Auch als älterer Leser hat man in diesen Momenten viel Freude an dem Buch. Wenn allerdings die Autorin ins Drama wechselt, verlässt einen als der Jugend schon recht lange Entwachsener in Teilen das Verständnis für die Situation. Da wirkt es wie viel Lärm um Nichts und man fragt sich, wieso die durchaus freche Göre auf einmal sehr altjüngerferlich agiert. Jugendliche Leserinnen, für die das Buch schließlich bestimmt ist, sehen das sicher ganz anders und sie könnten bestimmt in jeder Sekunde mit Lara-Jean fühlen.

Erwachsene oder auch einfach alte Leute, die aber doch noch eine kleine romantische Ader haben, geben sich vielleicht eher dem Gedanken an eine prickelnde Verfilmung mit einem Happyend zum Dahinschmelzen hin. 

Vorgetragen wurde dieses Hörbuch im Übrigen ganz hervorragen von Leonie Landa, die es mit ihrer jungen Stimme bestens versteht, Lara-Jeans Stimmungen und Gefühle an den Hörer zu bringen.


Nachsatz: Ein Blick ins Internet ist mitunter erhellend; es gibt auf Englisch bereits einen Folgeband.

3 Sterne

To all the Boys I've loved before von Jenny Han
ISBN: 978-3-837-13635-7




Sonntag, 11. September 2016

Blue Monday

Einen blauen Montag hat Martin Abel nicht, nachdem er nach seinem letzten Fall erstmal Erholung brauchte, wird er nun dringend wieder in Köln gebraucht. Dort haben junge Taucher zufällig zwei Leichen entdeckt, die in einem See versteckt waren. Junge Frauen, ermordet und verstümmelt, unklar ist zunächst, was ihnen vor ihrem Tod angetan wurde und was danach. Mit Feuereifer ist Abel bei der Sache. So ein Mörder hört nicht auf. Es gilt, weitere Taten zu verhindern. Schwierig gestaltet sich auch die Identifikation der Mädchen. Wie soll man die Suche eingrenzen? Dennoch wird der Name eines Opfers schnell gefunden und die Ermittler finden erste Ansatzpunkte.

Ein grausamer Täter scheint hier am Werk zu sein, der kein Mitleid kennt und der einen gewissen Plan zu haben scheint. Einen Plan, der über das Vorstellungsvermögen des üblichen Durchschnittsmenschen hinausgeht. Allzu genau stellt man sich das Beschriebene lieber nicht vor. Lieber hält man sich an den Analytiker Abel und seine Partnerin Hannah, die gleichzeitig seine Lebensgefährtin ist. Abel selbst mit seine schwierigen Jugend belastet, besitzt die Fähigkeit, sich in die Täter hineinzuversetzen. Manchmal ist er damit einfach schneller als seine Kollegen. So ganz den Konventionen entsprechen seine Methoden nicht, doch so lange er Erfolg hat, wird schon mal ein Auge zugedrückt.


Wenn man ein Liebhaber harter Thrillerkost ist, wird man an „Blutdämmerung“ sicher Gefallen finden. Es wird spannende Unterhaltung geboten, die die Lesezeit nur so dahinfliegen lässt. Allerdings wirken manche Hintergründe etwas weit hergeholt und manche Nebenhandlungen irgendwie nicht lebensecht. Dieses Empfinden mag möglicherweise eher in der Natur des Lesers begründet sein als in der Absicht des Autors, aber so könnte es doch sein, dass dieser Roman etwas polarisierend wirkt, die Einen bleiben etwas neben der Spur der Geschichte, die anderen lesen einen packenden Thriller, der sie den Atem anhalten lässt.

3 Sterne

Blutdämmerung von Rainer Löffler
ISBN: 978-3-499-26692-8


Samstag, 10. September 2016

Empfehlenswerter Jugendthriller zu aktueller Thematik

Der 17jährige Jona erhält wegen seiner Hochbegabung ein Stipendium für die Universität. Solange er noch keine 18 ist, wünschen seine Eltern seine Unterbringung bei einer Gastfamilie, den Helmreichs. Jona gefällt es dort überhaupt nicht. Er ist froh, wenn er auf sein Zimmer flüchten und sich seinem Hobby widmen kann. Er hat eine Drohne, Elanus, gebaut, mit der er nun seine Mitmenschen ausspioniert. Eine heikle Entdeckung und ein paar von ihm heimlich verbreitete Zettel mit einer Anspielung sorgen in der Folge für reichlich Aufregung. Als der in die heimliche Entdeckung verstrickte Dozent in der Universität erhängt aufgefunden wird, wird es Jona Angst und Bange. Hat er etwa dessen Tod zu verantworten? Auch sonst passieren merkwürdige Dinge: Direktor Dr. Schnatter bleibt unerreichbar, der Keller der Helmreichs ist verschlossen. Jona will mithilfe von Elanus und einigen Verbündeten Licht ins Dunkle bringen. Dabei gerät er selbst in Gefahr… 

Elanus ist nach Saeculum das zweite Jugendbuch aus der Feder von Ursula Poznanski. Beide Bücher konnten mich begeistern und vollends überzeugen. Auch Elanus besticht mit einer spannenden story, die mich dermaßen in ihren Bann gezogen hat, dass ich das Buch kaum beiseite legen konnte. Auch der Schreibstil ist sehr angenehm und der Zielgruppe angemessen. Der Hauptprotagonist Jona durchläuft eine große Wandlung hin vom arroganten und überheblichen Besserwisser ohne jegliche Sozialkompetenz zu einem durchaus sympathischen und zumindest reflektierten Zeitgenossen. Manche der Protagonisten blieben sehr geheimnisvoll, was sehr zur Spannung beigetragen hat: Wem kann Jona vertrauen, wem nicht? Bis zum Finale, das zwar nicht alle Fragen löst, aber in sich schlüssig ist, blieb diese Spannung erhalten. Absolute Leseempfehlung, nicht nur für Jugendliche! 

© Britta Kalscheuer

5 Sterne

Elanus von Ursula Poznanski
ISBN: 978-3-7855-8239-2



© Loewe Verlag

Mittwoch, 7. September 2016

Die Longlist

Ein kleines Abenteuer ist es, auf das man sich einlässt, wenn man sich die Vorstellung der Autoren und ihrer Bücher vornimmt, die es auf die Longlist des deutschen Buchpreises geschafft haben.
Wodurch stechen die Bücher hervor, wie ist es dazu gekommen, dass sie ihren Platz erhalten haben. Kennt man die Schriftsteller oder sind sie einem bisher nicht über den Weg gelaufen. 

Ein Blick in die Liste zeigt, ja, einige Namen sind bekannt, von einigen wenigen kennt ma sogar ein Buch. Als passionierter Krimi-Leser wagt man sich in Genre vor, mit denen man sich sonst eher selten beschäftigt. Und man beginnt zu überlegen. Wer könnte es auf die Shortlist schaffen, wer ist tatsächlich preisverdächtig, welche Leseprobe spricht einen an. Nach der Erfahrung scheint es eher so, als könnten Preise eher dort ihre Bleibe finden, wo man selbst nicht liest, während Bücher, die schon mit den ersten Worten fesseln, dieser Logik folgend, bei Preisvergaben eher leer ausgehen werden. 

Was wiederum zu der Überlegung führt, ob man überhaupt etwas von den Notizen veröffentlichen soll, die man sich zu jeder Leseprobe gemacht hat. Und wäre man selbst ein strenger Richter, wenn es um die Preisvergabe geht? Ein preisverdächtiges Buch sollte lesbar sein, die Geschichte sollte fesseln und berühren. Doch was, wenn gerade Worte, die ein Autor sich sorgsam, mühevoll in einem Schaffensprozess abgerungen hat, nicht beim Leser ankommen.

Nein, nach der Lektüre der Proben wird nicht verraten, wer die persönlichen Favoriten sind. Gerne aber wird die liebevolle Gestaltung des Probenbüchleins gelobt, mit Bildern der Autoren, Hinweisen zu ihrer Vita und eben den Auszügen aus ihren Werken.

Man darf auf die Bekanntgabe der Shortlist und die spätere Preisverleihung gespannt sein.

4 Sterne


Deutscher Buchpreis die Longlist 2016

Montag, 5. September 2016

Ich wollte schon immer

Eigentlich wäre Elsie lieber mit Buddy Ebsen in Florida verheiratet. Doch irgendwie hatte Buddy nur die Schauspielerei und Hollywood und New York im Sinn. Und irgend wie hat der ruhige gut aussehende Homer Hickam (der Ältere) in ihre Suppe gespuckt. Nun sitzt sie mit Homer in Coalwood, West Virginia. Buddys Hochzeitsgeschenk, Albert, ein Alligator, ist ihr ein Trost. So sehr, dass sie Homer darüber fast vergisst. Bis Homer eines Tages der Kragen platzt, denn Albert, der zunächst in einen Schuhkarton passte, ist nach zwei Jahren mächtig gewachsen, und nun heißt es „Albert muss nach hause.“
Es ist das Jahr 1935 und Amerika leidet unter der Wirtschaftskrise. Für Homer ist es nicht  so einfach, seinen Job als Vorarbeiter-Lehrling in der Mine in Gefahr zu bringen. Doch sein Chef gibt ihm Rückendeckung und ein wenig Geld für die Reise. Und so machen sich Homer und Elsie und natürlich Albert auf den Weg nach Florida.
Während der Reise gilt es die unglaublichsten Abenteuer zu überstehen, vom Banküberfall bis zum Tornado,  von Begegnungen mit bekannten Schriftstellern bis zur Übernahme von Filmrollen.
Und letztlich möchte Elsie immer voran, sie ist bereit jeden Beruf auszuprobieren, den sie schon immer haben wollte und meist macht sie es gut. Doch so schnell sie begeistert ist, so schnell ist auch ihr Interesse am nächsten Abenteuer geweckt. Homer dagegen bietet eine ruhige Konstante, ohne dabei langweilig zu sein (vielleicht meint Elsie das manchmal). Er meinst, ist Albert einmal daheim angelangt, soll es doch wieder zurück gehen nach Coalwood.
Vielleicht muss Elsie erst merken, was sie an Homer hat, und vielleicht braucht sie dazu diese Reise. Vielleicht muss sie von ihrer Jugendschwärmerei Abschied nehmen und findet nur so die Kraft. Vielleicht will sie Homer auch aus seiner Lethargie locken. Doch letztlich scheint Alberts Weg nach hause auch ein Weg für Homer und Elsie aufeinander zu zu sein.
Glücklicherweise lässt der Autor Homer Hickam (der Jüngere) im Unklaren, wie viel von dieser turbulenten Geschichte seiner Eltern wahr ist und so kann sich der Leser, während er Homer und Elsie begleitet, selbst Gedanken machen, von welcher Episode er wünschte, sie wäre wahr.
Heimelig, witzig, traurig und fröhlich, ein Familienroman, der ausgesprochen viel zu bieten hat.

Um Albert zu zitieren, möchte man sagen: „Yeah, Yeah, Yeah!“

4,5 Sterne

Albert muss nach hause von Homer Hickam
ISBN: 978-3-95967-973-2


Sonntag, 4. September 2016

Artikulationsnotstand

Frisch verliebt ist der Willibald Adrian Metzger, so richtig weiß er nur noch nichts damit anzufangen. Aber dennoch hat er sich von seiner Danjela ins Fußballstadion locken lassen. Da sitzt er nun eingezwängt zwischen fanatischen Fans, die dem Ersatztorwart, den neben seinem begnadeten Talent auch eine dunkle Hautfarbe auszeichnet, ihren Unmut wegen seiner Hautfarbe lautstark bekunden, und fühlt sich ausgesprochen unwohl. Als der Willibald zu Beginn der zweiten Halbzeit dann auch noch den Torwart erbleichen und sein Leben aushauchen sieht, ist der Tag für ihn gelaufen. Mit einer satten Erkältung legt sich der  Metzger ins Bett ohne die Danjela. Diese wird Tags darauf zusammengeschlagen gefunden und liegt nun mit schwersten Verletzungen auf der Intensivstation.

Das Leben kann manchmal schon grausam sein, gerade erst hat der Willibald seine Danjela gefunden, da soll sie ihm doch nicht etwa schon wieder entrissen werden. Und wieso hatte sie überhaupt begonnen Nachforschungen zu dem verstorbenen Torwart anzustellen. Willibald Adrian Metzger begibt sich auf Danjelas Spuren und das erste, was sich herausstellt, der bedauernswerte Fußballer hat sein Leben nicht einfach so dahin gehaucht. Gemeinsam mit seinem Freund und Polizisten Pospischel kommt der Metzger einer ganz unheimlichen Sache auf die Spur. Doch seine Sorge um Danjela lässt das eigentlich zu Nebensache werden.


Schon im Jahr 2009 ist dieser Roman erschienen, wenn man allerdings einige Sätze bezüglich der Gewollten oder nicht Gewollten so liest, dann hat sich in der Zwischenzeit leider nichts geändert, eher sind die Ungewollten noch ungewollter und die Depperten noch depperter. Man möchte eine neue Art erfinden, die Menschheit taugt nicht wirklich was. Gäbe es nicht die  Danjelas, Metzgers, Pospischels und noch einige andere, die die Bücher und auch die Welt bevölkern. Gekonnt hält Thomas Raabe seinen Lesern einen Spiegel vor, unterhaltsam verpackt zwar, aber doch sehr treffend und bissig manchmal. Der Metzger inzwischen auch aus dem TV bekannt, ist eine Figur, die man nicht mehr missen möchte. Anrührend skurril und immer wieder gern gelesen.

4 Sterne

Der Metzger sieht rot von Thomas Raab
ISBN: 978-3-492-25463-2


Samstag, 3. September 2016

Ruhe sanft!

Elfie Ruhland muss mal wieder eine Firma auf Vordermann bringen. Bei dem Bestattungsinstitut Pietas ist eine Steuerprüfung angekündigt und da soll nicht das heillose Durcheinander vorgelegt werden, dass die Chefin Juliane Knörringer ihre Buchführung nennt. Allerdings gibt es bei den Bestattern noch mehr aufzuräumen. Elfie merkt schnell, dass die Chefin alles andere als eine nette Person ist. Sie schikaniert nicht nur ihre Angestellten, nein, sie nutzt die Trauer ihrer Kunden eiskalt aus, ihnen unnütze Dinge aufzuschwatzen. Ein älterer Witwer scheint jedoch etwas gemerkt zu haben und dieser ist dann plötzlich verschwunden. Kommissarin Alex beginnt mit den Ermittlungen.

Aha, so ist es also, wenn eine Buchhalterin sich überall einmischt, eine eifersüchtige Kommissarin einen ungeliebten Mops in Pflege nehmen muss und sich in einen Beerdigungsinstitut allerhand seltsame Dinge ereignen. Die Mischung ist skurril und dennoch sehr gelungen. Elfie wirkt wie die sprichwörtliche ältliche Jungfer, die zwar ihrem verblichenen Verlobten seit Ewigkeiten nachtrauert, aber nichtsdestotrotz mit beiden Beinen Fest im Leben steht. Mit untrüglichem Spürsinn wittert sie, wo der Hund begraben liegt. Und doch lässt die großes Geschick walten, um das Gefüge ihrer Welt in die richtigen Bahnen zu lenken. Kommissarin Alex, sehr sympathisch zwar, scheint oft einen Schritt hinterherzuhinken. Ist ihr Phantasie etwa zu sehr mit der vermeintlichen Abtrünnigkeit ihres Freundes beschäftigt oder ist ihr Misstrauen berechtigt.


Sehr vergnüglich ist die Lektüre dieses zweiten Bandes der Reihe um Elfie Ruhland. Dem Autorenduo ist ein heiterer Krimi gelungen, der zu fesseln versteht. Sympathisch schrullige Charaktere weiterfern um die Aufmerksamkeit. Keiner der das Rennen macht und damit möchte man alle gerne wieder lesen. Diese kurzweilige Kriminalgeschichte ist eine Bereicherung für jeden entspannten Leseabend. Zum Glück gibt es noch mehr davon.

4 Sterne

Radieschen von unten von Frida Mey
ISBN: 978-3-7466-2976-6


Freitag, 2. September 2016

Am Rand

Der Unternehmer Viktor Hyldgaard verschwindet spurlos, seine Frau Jeanette ist sehr besorgt und informiert schnell die Polizei. Doch beim Verschwinden eines erwachsenen offenbar gesunden Mannes wird nicht gleich das volle Programm abgespult. Die Journalistin Julia Almliden ist da mehr nach Jeanettes Geschmack, einfühlsam stellt sie die richtigen Fragen und wirkt beruhigend auf sie ein. Dagegen macht die Polizistin Anna Eiler einen eher kühlen Eindruck. Doch nur kurze Zeit später wird Viktors verstümmelte Leiche gefunden. Nun werden die Ermittlungen mit Hochtouren geführt. Aus dem Vermissten ist ein Toter geworden und gleichzeitig taucht die Leiche von Julias Vater auf, der bereits seit einem Jahr gesucht wurde.

Beim Lesen dieses zweiten Bandes um die Polizistin Anna Eiler beginnt man schon, sich zu fragen, ob Menschen den Tod verdienen können und was Menschen dazu bringen kann, andere zu veranlassen ihnen den Tod nicht nur zu wünschen, sondern ihnen den Tod auch noch zu bringen. Viktor Hyldgaard jedenfalls weckt den Anschein, als er er ein ganz normaler Ehemann und erfolgreicher Unternehmer, der seine Frau bestens versorgt. Ist er also selbst gegangen, so wie es manchmal vorkommt. Hat er unterwegs einen Zufallsmörder getroffen? Ist er in eine Falle getappt? Da hier Anna und Julia, die eigentlich gute Freundinnen sind, eher gegeneinander als miteinander arbeiten, fließen die Informationen nicht richtig zusammen. Klar, das Zusammenspiel zwischen Polizisten und Reportern ist schon per Definition holprig. Doch hier scheint es sehr verquer zu laufen.


Kurze Kapitel und schnelle Szenenwechsel machen die Lektüre dieses Krimis spannend und kurzweilig. Die Anspielungen auf die Vergangenheit Julias und Annas und ihre traumatisierte Existenz eher am Rand von Familien- oder Freundeskreisen, lassen jedoch den Gedanken aufkommen, dass es für das sich Zurechtfinden im Leben der beiden Frauen hilfreich wäre, den ersten Fall zu kennen. So empfindet man Anna und Julia als irgendwie gebrochene Gestalten, die es gerade schaffen zu funktionieren. Zwar ist die Geschichte sehr fesselnd und mitreißend in Worte gefasst, jedoch manchmal würde man sich mehr Fall und weniger Drumherum wünschen. Dennoch bietet Carina Bergfeldt ihren Lesern Stunden des gefesselten Aufnehmens ihrer Worte.

3,5 Sterne

Das Seegrab von Carina Bergfeldt
ISBN: 978-3-442-48124-8