Montag, 31. Oktober 2016

DC-Sturzflug

Lange kann der Pilot aus Leidenschaft John Finch die Ruhe nicht ertragen, da nutzt auch das schönste Hotel in Kairo nichts. Natürlich ergreift er die Gelegenheit eine alte DC-3 zu erwerben und sie von dem Flughafen Ghad in Libyen abzuholen. Gemeinsam mit seiner Co-Pilotin, der begnadeten Mechanikerin Amber Rains, will er nach Überprüfung der Flugfähigkeit der Maschine starten als sich zwei ungebetene Gäste bemerkbar machen. Wer rechnet denn in dieser Wüstenei mit blinden Passagieren? Notgedrungen nehmen John Finch und Amber Rains die Gegenwart ihrer Mitreisenden in Kauf. Etwas dumm, dass die Fremden nicht mit Johns Fähigkeiten als Pilot gerechnet haben. So wird aus zwei Mitreisenden schließlich ein Gefangener und ein Verschwundener. Von eben diesem Verschwundenen bleibt nur ein Notizbuch, das John Finch und seine Freunde auf die Spur eines wahrhaft halsbrecherischen neuen Abenteuers führt.

Endlich ist sie vorbei, die Wartezeit auf eine neue und spektakuläre Rätselaufgabe für John Finch und seine Crew. Mit großer Spannung und einiger Geduld erwartet, stürzt man sich nun am Ende der Durststrecke förmlich in die Lektüre. Gemeinsam mit John Finch, alten und neuen Freunden wirbelt man durch Europa. Man folgt den Spuren des Nostradamus und denen derer, die ebenfalls hinter dem Geheimnis her sind. Gespickt mit historischen Details bietet Gerd Schilddorfer gleichermaßen eine Achterbahnfahrt auf dem Action-Roller-Coaster wie ein spannendes Geschichtsseminar gepaart mit Ausflügen in die aktuelle Lage der Welt. 

In Kenntnis der Vorgängerbände um unseren Helden fühlt man sich gleich zu Beginn wie angekommen, nur um sich sofort in die Startlöcher dieser verzwickten Geschichte zu begeben. „Alle Mann an Bord!“ möchte man mit Sparrows Worten krähen, der in keinem Fall fehlen darf. Und so fiebert man auf die Auftritte der alten Bekannten und erwartet mit Spannung, welche neuen Helfer Johns Weg kreuzen werden. Die Spurensuche fesselt in jedem Moment mehr, am Liebsten würde man wie auf einem Langstreckenflug, das Buch am Start aufschlagen und bis zur Landung nicht mehr aus der Hand legen, was allerdings bei knapp 800 Seiten einiger Vorausplanung bedarf. Nach einem atemberaubenden Flug durch die Geschichte gestaltet sich die Landung relativ sanft. Allerdings ist „nach der Lektüre“ auch „vor der Lektüre“ und eine neue Zeit des Wartens auf John Finch beginnt. Im Übrigen sollte der Titel nicht täuschen, die DC-3 fliegt auch am Ende noch. 

Für Liebhaber spannender, schneller und intelligenter Abenteuergeschichten ist dieses Buch fast schon ein Muss. Und für Freunde von John Finch & Co. erst recht.


5 Sterne

Der Nostradamus-Coup von Gerd Schilddorfer
ISBN: 978-3-404-17425-6


Sonntag, 30. Oktober 2016

Arbeitsurlaub

Die Kölner Polizistin Hannah Richter wird über die EU in ein kleines Örtchen in Süd-Frankreich namens Vaison-la-Romaine entsandt. Sie soll im Rahmen eines Austauschprogramms für einige Monate die dortige Polizei unterstützen. Hannah ist begeistert, kann sie hier doch ihre Arbeit mit dem Studium der römischen Vergangenheit des Ortes kombinieren. Eine Art Arbeitsurlaub, was könnte sich Hannah besseres wünschen. Ein kleiner Tropfen nur trübt das Glück, ihr Chef Bernard scheint nicht viel von Frauen im Polizeidienst zu halten und lässt auch keine Gelegenheit aus, dass klar zu machen. Als im nahegelegenen Amphitheater eine Leiche entdeckt gelangt Hannah eher zufällig an den Tatort und findet einige Indizien, die vermuten lassen, dass hier nachgeholfen wurde. Für ihren Chef ist jedoch klar, der Mann hat Selbstmord begangen, und Hannah soll sich wie ihr aufgetragen wurde gefälligst den Taschendieben widmen.

Eingebettet in wunderbar beschriebene Landschaftsbilder und Darstellungen alltäglicher Szenen auf Märkten und Gassen im Süden Frankreichs, entwickelt sich vor des Lesers Augen ein oder gar mehrere Mordfälle. Und Hannas darf zum einen in ihrer Position zum anderen aber auch, weil es der strenge Chef verboten hat, nicht wirklich in die Ermittlungen einsteigen. Es lässt ihr keine Ruhe und so beginnt sie in ihrer Freizeit Nachforschungen anzustellen und Leute zu befragen. Eher zufällig schließt sie dabei Bekanntschaften, die sie als hilfreich erweisen könnten. Und sei es nur, dass sie ab und zu einen Ratschlag des fortschrittlicheren aber leider pensionierten ehemaligen Polizeichefs einholen kann. 

Bei der Lektüre bekommt man wahrlich Lust auf eine Reise in die Provence, die Beschreibungen von Land und Leuten sind so lebhaft und Sympathie erweckend, dass der Gedanke an einen künftigen Sommerurlaub wirklich nicht mehr fern ist. Vielleicht durfte oder darf man selbst einmal erleben, wie es ist in einer Urlaubsgegend zu arbeiten. Tatsächlich fühlt man sich in schöner Umgebung und bei bestem Wetter ein wenig so als seien Urlaub und Arbeit gleichzeitig zu haben. Und so beflügelt geht auch Hannah an ihren Job heran, ein Todesfall, der ihr keine Ruhe lässt, dessen Geheimnis sie unbedingt lüften will. Gleichzeitig beschwingt erkundet sie auch die Umgebung nach Sehenswürdigkeiten und trifft Menschen, die ihr gewogen sind. Ein kniffliger Fall, der nichts wünschen übrig lässt, angesiedelt in einer liebevoll beschriebenen Umgebung, die zum Verweilen einlädt.


Hoffentlich kann Hannah Richter auf ihrer nächsten Station in Frankreich einen ähnlich fesselnden Fall lösen und gleichzeitig den Kontakt zu den lieb gewonnenen Freunden behalten. 

4 Sterne

Mord in der Provence von Sandra Åslund
ISBN: 978-3-958-19092-4


Samstag, 29. Oktober 2016

Die Krümmung der Fiktion

Nach ihren Abenteuern im Buchland leben Beatrice und Ingo relativ zufrieden. Beatrice führt ihren schönen Buchladen, doch ins Buchland steigt sie nicht so oft hinunter. Es scheint etwas Leben in die Nachbarschaft zu kommen als ein Kuriositätenladen eröffnet wird. Der Besitzer Quirinus zeigt Interesse an Beatrice und ihrem Buchgeschäft. Sollte er etwas im Schilde führen? Als er Beatrice bittet, auf seine kleine Cousine Chaya aufzupassen, denkt sie sich nichts weiter dabei. Das Kind wirkt nett, allerdings ein wenig seltsam. Doch Chayas großes Interesse an Büchern macht sie unbedingt sympathisch. Jedenfalls bis das erste verliehene Buch in so bestürzendem Zustand zurückkommt, dass es Beatrice beginnt im Nacken zu kribbeln wie ein Unheil, das seine Vorboten schickt.

Noch einmal beschäftigt sich Beatrice mit ihrem Buchland. Auf welchen Weg wird sie sich begeben? Wird sie sich von Quirinus auf einen Pfad leiten lassen, von dem sie später bedauern wird ihn eingeschlagen zu haben? Steht es zwischen ihr und Ingo wirklich so gut? Welche Bedeutung bekommt die kleine Chaya für Beatrice, was projiziert sie in das Bild des Kindes hinein? Eine abenteuerliche Reise durch die Unendlichkeit des Buchlandes beginnt. So lernen wir zum Beispiel den blinden Buchbinder Markus kennen und Herrn Bünde und den Thesaurus und etliche weitere skurrile Gestalten.


Es fühlt sich an wie das Beschreiten eines Weges. Beatrice hat mit der Tragik ihres Lebens nie abgeschlossen. Sie hat Ingo geholfen und sich vielleicht selbst vergessen. Doch nun muss sie sich auf den Weg machen. Wie es einem jeden ergehen kann, durchschreitet Beatrice ein Tal, doch als Leser wird man von der Hoffnung geleitet, dass doch eigentlich immer das Gute gewinnt. Und so nimmt man Seite für Seite dieser vor Ideen und kleinen Anekdoten strotzenden Geschichte auf. Beinahe als ob man selbst das Buchland durchwanderte. Viele Sätze habe eine doppelte Bedeutung oder beinhalten Hinweise, die zum darüber sprechen oder zum googeln einladen. Mit diesen schönen Buch ist man nach der ersten Lektüre gewiss nicht fertig, viele interessante Kleinigkeiten wollen wieder und wieder entdeckt werden. Wirklichkeit und Fantasy sind zu einer außerordentlich stimmigen Geschichte verwoben, die zum Glück im dritten Band weitergehen wird.

4,5 Sterne

Beatrice - Rückkehr ins Buchland von Markus Walther
ISBN: 978-3-86282-373-4


Donnerstag, 27. Oktober 2016

Ausgestoßen

In seinem 21. Lebensjahr veränderte Tsukuru Tazaki sowohl äußerlich als auch innerlich extrem. Davor war er anerkanntes Mitglied in seiner Jugend-Clique bestehend aus drei Jungen und zwei Mädchen. Auch nach dem Schulabschluss wollten sie zusammenbleiben. Zwar war Tsukuru der einzige, der zum Studium nach Tokio ging, aber er kehrte bei jeder Gelegenheit heim und pflegte den Kontakt zu seinem Jugendfreunden. Doch plötzlich verhielten sich seine Freunde seltsam und schlossen ihn aus ihrem Kreis aus. Tsukuru glaubt nun mit über dreißig, die Sache längst überwunden zu haben. Als er jedoch die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt, erspürt diese sofort, dass er nicht völlig offen ist. Sie empfiehlt ihm, den damaligen Ereignissen noch einmal nachzuspüren.

Eine ungewöhnliche Ausgangssituation. Der Protagonist glaubt etwas wenn schon nicht überwunden, dann doch erfolgreich verdrängt zu haben. Seinen regelmäßig wiederkehrenden und verstörenden Träumen schenkt er keine große Beachtung. Erst der Hinweis von außen bringt ihn dazu, sich noch einmal mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Wieso wurde er und gerade er aus dem Freundeskreis ausgestoßen. Er, der sich eher als langweilig und farblos empfindet, der eigentlich keine Angriffsfläche geboten haben dürfte. Sara übernimmt zu Beginn einige Nachforschungen. Sie ist es, die es zur Bedingung macht, wollen sie eine Zukunft haben, muss er sich der Vergangenheit stellen. 

Wie aus seinen anderen Büchern bekannt, hat der Autor Haruki Murakami ein Szenario heraufbeschworen, das erst einmal viele Fragen aufwirft. Der Hauptcharakter wird auf sich selbst zurück geworfen. Seine neue Bekannte zwingt ihn, sich dem alten Dilemma zu stellen und der Sache auf den Grund zu gehen. Gespannt verfolgt man die aufkommenden Erinnerungen Tsukurus, mit ihm sucht man nach der Wahrheit, nach der alles erklärenden Offenbarung. Kennt man Murakami allerdings, so muss man erwarten, dass einiges in der Schwebe gehalten wird und dass sich durchaus nicht alles zu hundert Prozent erklären lässt. Man erfährt, was damals der Auslöser war, damit sind aber noch längst nicht alle Ungereimtheiten aufgelöst. Und hier beginnt das Rätselraten nach der Lektüre, das die Bücher des Autors prägt. Beinahe bohren sich die Gedanken erst im Nachhinein ins Gehirn und man fragt sich, was wohl am nächsten Tag geschehen wird, wenn es den denn gibt. Vielleicht nicht des Autors bestes Werk, aber doch mit Nachhall.


4 Sterne

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami
ISBN: 978-3-442-74900-3




Mittwoch, 26. Oktober 2016

Buchmesse Frankfurt 21.10. und 22.10.2916

Auch in diesem Jahr war ein Besuch bei der Frankfurter Buchmesse fest eingeplant, Hotel und Zug gebucht, habe ich mich mit Freude und voller Erwartung auf den Weg gemacht. Im Gegensatz zu den Vorjahren habe ich mich dank der hervorragenden Buchmesse App bereits im Vorfeld informiert, welche Angebote für mich von Interesse sein könnten. Bei dem übergroßen Angebot
hilft allerdings noch nicht einmal dieser Filter, viele Termine überschneiden sich und es gilt, die Entscheidung zu treffen, was man wirklich erleben möchte. Neben den herausgefilterten Veranstaltungen stand die diesjährige Messe besonders unter dem Motto „Treffen mit alten und neuen Bekannten“. Noch am Vorabend wurden über Facebook ein paar Treffpunkte vereinbart. Zu einem ersten persönlichen Kontakt kam es gleich zu Beginn mit Marion und Anja, die ich zwar schon seit Buchgesichter-Zeiten also seit Ewigkeiten, aber vorher eben doch nur online kannte. Ein kurzer Schnack, ein Austausch über Bücher natürlich und die Feststellung, dass der Buchgeschmack doch sehr
unterschiedlich ist. Und dann ging es auf getrennten Wegen bei der einen mehr in die Historienabteilung, während sich die andere eher in Sachen Krimi auf den Weg machte.
Allerdings führte der Weg zum Kriminalroman zunächst zu einem Interview bei der FAZ. Dort wurde „Hool“ von Philipp Winkler vorgestellt. Ein Roman, das mich trotz einiger - mit solchen Themen beschäftige ich mich eigentlich nicht - Vorbehalte nach der Lektüre durch Sprache, Inhalt und Komposition fast völlig überzeugt hat. Neugierig folgte ich den Worten des Autors über sein Studium, die Recherche zum Buch und seine nächsten Pläne. Das nächste Werk wird wieder ein Roman, man darf sich also freuen. Allerdings kann sich der Autor auch vorstellen, mal einen Band mit Kurzgeschichten oder einen Comic zu veröffentlichen. 
Nach diesem ersten positiven Eindruck wurde Halle 3, in der sich die Stände der meisten gängigen Verlage befanden, unsicher gemacht. Ein bereits in Leipzig geknüpfter Kontakt beim österreichischen Haymon Verlag (das sind die mit den coolen abgerundeten Ecken)
aufgefrischt. Bei Fischer ein paar Fotos geschossen, der bereits gelesenen tollen Bücher und der Bücher, die noch zur Zukunft bzw. auf die Wunschliste gehören.
Dann aber war endlich die Krimi-Zeit gekommen. Im ARD-Forum stellte Miroslav Nemec mit einem sehr humorigen Interview seinen ersten Fall „Die Toten von der Falkneralm“ vor. Die Chemie zwischen dem Fragesteller und seinem Interviewpartner stimmte. So kennt Miroslav Nemec den Verleger und in vielen Gesprächen entwickelte sich die Idee eines Krimis, der aber einen besonderen Kick haben sollte. Und deshalb geht Nemec nicht als Batic auf Verbrecherjagd sondern als Nemec. Interessant auch, dass es eine kleine Gratwanderung ist, einen Roman über sich selbst zu schreiben, in dem man schon authentisch sein möchte, aber dennoch das Private im Privaten lassen möchte. Eine kurze Lese-Einlage brachte Szenenapplaus und einen Eindruck von dem Hörbuch, dass Miroslav Nemec selbst eingelesen hat. Die bunt markierten Seiten vermittelten etwas von der akribischen Planung bei der Erstellung des Hörbuchs, man fragt sich ja manchmal, wie es ein Leser schafft, bestimmte Tonlagen für bestimmte Personen während der gesamten Lesung beizubehalten - Textmarker! Diese Buchvorstellung habe ich sehr genossen.
Es folgte die nächste Krimi-Vorstellung. Beim Spiegel-Verlag sprach Arne Dahl über sein neuestes Werk „Sieben minus Eins“. Da ging
es einmal um Sinn oder Unsinn von Pseudonymen, denn auch Arne Dahl ist ein Pseudonym. Der Autor hat vor Jahren zunächst in anderen Genres veröffentlicht, so dass die Meinung aufkam, bei einem Genrewechsel könne die Verwendung eines Pseudonyms Sinn machen. Irgendwann war Dahl allerdings froh, dass das Pseudonym gelüftet war. Warum sollte er seine überaus erfolgreichen Krimis auch verstecken? Kriminalromane können viel transportieren, Kenntnisse von einem Land, politische Strukturen, intelligent konstruierte Fälle. Arne Dahl gehört in diesem Bereich zu den Besten, jedenfalls bei denen seiner Kriminalromane, die ich bereits gelesen habe. Der Autor lebt im Übrigen zeitweilig in Berlin und so bedurfte er für das Interview keines Übersetzers.
Etwas später am Nachmittag traf ich mich mit meiner lieben Bücherfreundin Tanja, die ganz bei mir in der Nähe wohnt. Aber so ist es zu Messe-Zeiten, man trifft sich dort knapp 400 km entfernt, anstatt daheim 20 km zu fahren. Wir waren uns einig, das soll anders werden und es war schön mal wieder miteinander zu plaudern. 
Der erste Messetag fand dann seinen Ausklang mit einem Gang zum Italiener, den eine in Frankfurt wohnende Freundin im letzten Jahr entdeckt hatte und den wir beide für gut befunden hatten. Dass das Essen dort lecker ist, hatten allerdings inzwischen auch die Frankfurter entdeckt und so bekamen wir den Katzentisch neben dem Klo. Machte nichts, das Essen war trotzdem lecker und die Unterhaltung lebhaft.
Nach einem kleinen Ausflug in Halle 4 begann Tag zwei mit einem vorablesen-Gewinn: Ein „Meet & Read“ mit der ausgesprochen
sympathischen Melanie Raabe. Die Bücher der Autorin kannte ich bisher noch nicht, aber nun besteht eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich sie kennenlernen werde. Der Ausschnitt aus „Die Wahrheit“, den die Autorin gewählt hat, war mitreißend und gefühlvoll vorgetragen, das verlangt nach mehr. Schön war es auch, dass die Autorin noch etwas Zeit zur Beantwortung von Fragen aus dem Publikum mitgebracht hatte. Sie schilderte anschaulich, dass auch bei ihr nicht alles sofort geklappt hat. Bereits vor dem Erscheinen ihres ersten veröffentlichten Romans „Die Falle“, hatte sie einige Bücher mit viel Einsatz und Herzblut geschrieben, die von den Verlagen abgelehnt wurden. Wieder und wieder hat sie sich aufgerafft bis sie schließlich erfolgreich war. Nun läuft es ausgesprochen gut, aber sie will die Zeit davor nicht vergessen. Es kam auch die Frage auf, ob Autoren vom Schreiben leben können. Das sei meist nicht der Fall, jeder der Schreiben wolle, solle seinen normalen Job auf keinen Fall aufgeben. Melanie Raabe hat vor ihrem Erfolg als freie Journalistin gearbeitet, damit kann sie glücklicherweise jederzeit wieder anfangen, doch im Moment ist sie in der Lage von ihrem Schreiben zu leben. Man wünscht der liebenswerten jungen Frau, dass es noch lange so bleibt und dass sie uns mit weiteren spannenden Schmökern erfreut. Bei dieser
Veranstaltung hatte ich mich mit meiner Gastrezensentin Britta verabredet. Sie kenne ich schon seit längerem hauptsächlich von Lovelybooks und vor zwei Jahren habe ich sie zum ersten Mal persönlich getroffen, natürlich während der Messe, wo wir uns kurz aber lebhaft austauschen konnten. Mel.E, mit der ich bereits im letzten Jahr ein schönes Gespräch beim Lovelybooks-Treffen hatte, war auch dabei. Gemeinsam ging es in die Mittagspause, die wir mit einem anregenden Gespräch verbrachten. Danach flanierten wir noch ein wenig durch Halle 3, bis uns unsere unterschiedlichen Interessen auf unterschiedliche Wege führten.
Ich machte mich auf zu einer Veranstaltung des deutschen Buchpreises, wo Bodo Kirchhoff und sein Verleger Joachim Unseld sich den Fragen stellten. Ein wenig schien es, als habe Kirchhoff sich erst in die Rolle desjenigen hineinfinden müssen, der den Preis gewonnen hat, den er einst selbst mitentwickelte. In seinem Buch „Widerfahrnis“, ein Wort, das (noch) nicht im Duden steht, schildert der Autor eine Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich plötzlich auf dem Weg nach Italien befinden und die sich mit Gedanken darüber konfrontiert sehen, inwieweit man einschreiten darf. Ich hatte das Buch
bereits kurz vor Messe und Preisverleihung gelesen und mir macht die witzige sinnreiche Schreibweise des Autors immer viel Freude, wobei nicht nicht behaupten darf, dass ich alle seine Bücher kenne. Dennoch gewährte mir das Interview ein paar Einblicke in den Schreibprozess und die Intentionen, die der Autor hatte. Zwar habe ich nicht alle Bücher lesen können, die die Buchpreis-Jury auf ihre Liste gesetzt hat, aber von denen, wo ich es geschafft habe, ist ein sehr positiver Eindruck geblieben. Ich glaube, wenn durch einen solchen Preis die Aufmerksamkeit auf Bücher gelenkt wird, die einem sonst entgehen würden, hat der Preis seinen Zweck erfüllt.
Nach dieser Veranstaltung traf ich mich mit meiner Freundin Dagmar, die nach Jahren mal wieder die Zeit und Muße zu einem Messebesuch gefunden hatte. Nach einem kleinen Kaffee und einem Snack machten wir uns gemeinsam auf zur
Open Stage wo die Autoren Michael Kobr und Volker Klüpfel ihren neuen Kluftinger vorstellten. Bei
dem „Himmelhorn“ handelt es sich um einen echten gefährlichen Berg, auf dem dann prompt jemand zu Tode kommt. Natürlich bin auch ich gespannt, wie es mit Klufti weitergeht, ich kenne alle Bände der Reihe. Wenn man solch humorige Krimis mit 
einem grantelnden Sympathen als Kommissar mag, kommt man an Kluftinger fast nicht vorbei. Während des Interview wurden die Autoren auf die Verfilmungen ihrer Romane angesprochen. Mit der Antwort taten sie sich tatsächlich ein klein wenig schwer, durch die Blume gestanden sie aber doch, dass die Interpretation durch die Filmbranche nicht ganz ihren Vorstellungen entsprach. Als ich die erste Verfilmung sah, ging es mir ähnlich. Ich hatte von Klufti einfach eine andere Vorstellung und gerade bei dem ersten Film, den ich gesehen hatte,
fehlte mir der Humor, der die Bücher so lesenswert macht. Auch diese beiden Autoren haben das Glück, von ihrem Schreiben leben zu können und zudem haben sie die Möglichkeit, ihre Tätigkeit daheim auszuüben. Das wiederum führt mitunter zu der Frage von den Kindern, ob sie denn überhaupt Arbeit haben. Doch sonst leben sie ganz normal, schließlich werden sie außerhalb der Lesungen auf der Straße kaum erkannt. Wobei - sie standen am Sonntag auf dem Nebengleis. Nach einem Tag habe ich sie dann schon noch erkannt, einen Moment lang zog ich tatsächlich in Erwägung, ein Gespräch zu suchen. Ich ließ ihnen aber die Illusion, schließlich wollen Autoren nach einer anstrengenden Messe sicher auch mal Feierabend haben.
Der zweite und leider schon letzte Messe-Tag wurde mit einem üppigen Mal beschlossen und am anderen Vormittag ging es nach einem etwas wehmütigen Blick aus dem Hotelfenster mit vielen tollen Eindrücken (und einer dicken Erkältung) im Gepäck wieder auf Richtung Heimat.


Aber nach der Messe ist ja bekanntlich vor der Messe.




Dienstag, 25. Oktober 2016

Der Ruf der Eule

Erschöpft ist Mia Krüger, doch die Auszeit, die ihr verordnet wurde, hilft ihr nicht besonders. Dem Therapeuten will sie sich nicht anvertrauen und die Sehnsucht nach ihrer verstorbenen Zwillingsschwester ist immer gegenwärtig. Dann wird ein junges Mädchen in seltsamer Position aufgebahrt gefunden, offensichtlich ist sie keines natürlichen Todes gestorben. Mias Spürsinn ist gefragt, so sieht es jedenfalls ihr Vorgesetzter Kommissar Holger Munch. Zunächst einmal muss die Identität der Toten ermittelt werden. Schnell stellt sich heraus, dass die junge Frau in einem Heim untergebracht war. Eine Vermisstenanzeige wurde zurückgezogen, die Tote galt als sehr freiheitsliebend und eine SMS schien ausreichend als Erklärung für ihre Abwesenheit.

Womit haben die Ermittler es hier zu tun? Könnte es sich um einen Serientäter handeln, der irgendwelche Rituale vollzieht? Wie kommt man überhaupt auf die Idee, jemanden auf Federn zu betten. Mia Krüger, die selbst eher labil ist, versucht alles, um den Täter ausfindig zu machen. Doch zunächst tappen die Ermittler samt und sonders im Dunklen. Teils scheinen sie mehr mit ihren privaten Problemen befasst als mit der Suche nach dem Mörder. Nach und nach ergeben sich dennoch einige Hinweise, die ein neues Blickfeld eröffnen.

Manchmal gewinnt man hier den Eindruck, dass der Alkohol nicht nur Mia das Gehirn vernebelt. Tabletten und Alkohol, selbst bei allem Verständnis, dass man für ihre Trauer und Verlorenheit hat, sich in Sucht und Selbstmitleid zu versenken, muss nicht unbedingt hilfreich sein. Nicht einmal ihr väterlicher Freund und Kollege Holger Munch kann ihr wirklich helfen. Er verarbeitet die Ankündigung seiner Ex-Frau, dass sie ihren neuen Partner heiraten wird. Das so gelobte Team scheint ein wenig in Auflösung begriffen. Doch kann man davon ausgehen, dass der mutmaßliche Mörder untätig bleibt?


Ein wenig zu lange widmet sich der Autor möglicherweise den Problemen und Problemchen der Ermittler. Zwar ist der immer stärker werdenden Aufbau der Spannung im Verlauf der Ermittlungen sehr gelungen, so dass man beim Erreichen des Finales doch nach Luft schnappt. Allerdings sind Motivationen vieler der handelnden Personen besser nachzuvollziehen als die des Täters. Und schließlich fragt man sich, ob hier den Ermittlern nicht etwas zu viel aufgeladen wird. Eine größere Konzentration auf die Ermittlung und Mia Krügers Einfühlung in die Vorgänge würde aus einem guten Thriller durchaus einen sehr guten machen.

3,5 Sterne

Federgrab von Samuel Bjørk
ISBN: 978-3-442-20525-7




Montag, 24. Oktober 2016

Roter Himmel

Die Karriere des Polizisten Ruben Rubeck - sein Vater war etwas speziell - hat nie wirklich stattgefunden. Und nun fristet er sein Dienst in den weniger angesagten Vierteln Frankfurts. Nach einer Kneipentour auf dem Weg nach hause, erwischt Rubeck genau den einen Moment, in dem er  die Möglichkeit hat, einen Menschen zu retten, der von zwielichtigen Gestalten beschossen wird. Natürlich schließt sich eine interne Untersuchung an die Ereignisse an. Mehr als erstaunt ist Rubeck jedoch als ein höherer LKA-Beamter an ihn herantritt und ihn bittet, eine Art Überwachung des angeschossenen Opfers zu übernehmen, der inzwischen im Krankenhaus angekommen ist.

Was ist mit Ruben Rubeck passiert? Bevor er Polizist wurde, war er als Zeitsoldat im auch im ehemaligen Jugoslawien stationiert. Nicht immer leicht zu ertragen, sind die Erlebnisse in der Einheit. Aber das macht Rubeck nicht groß zum Thema. Auch wenn er als Polizist keine besonders auffälligen Leistungen bringt, ist er doch nicht unbeliebt auf der Wache und hat auch einigen Rückhalt bei den Kollegen. So langsam allerdings scheint sein Guthaben in die Nähe des Aufgebrauchtseins zu kommen. Und nun diese Sache mit der Schießerei. Doch da Rubeck offensichtlich in Notwehr und zum Schutz des Opfers gehandelt hat, wird die Sache nicht an die große Glocke gehängt. Und dann der Auftrag, was mag dahinter stecken, welches könnte das große Komplott sein? Wer zieht die Fäden?


Der Lesung des Autors merkt man an, dass er Freude daran hatte, seinen Charakteren mit Betonungen und lokalen Ausprägungen der Sprachmelodie,  jeweils eine eigene Stimme zu verleihen. Dadurch wirkt der Vortrag sehr lebendig und plastisch. Durch die verschiedenen Intonationen, die kurzen Sätze und die schnellen Szenenwechsel wird man fast des Atems beraubt. Doch in Andeutungen, Gedanken und Wünschen kommt auch die Emotion nicht zu kurz. Nur eine Kleinigkeit könnte man vermissen, der innere Zusammenhang. Da wecken Andeutungen und die verschiedenen Zeitebenen in denen die Handlung angesiedelt ist Erwartungen, die sich mitunter als trügerisch erweisen könnten. 

4 Sterne

Asphaltseele von Gregor Weber
ISBN: 978-3-837-13619-7




Sonntag, 23. Oktober 2016

Schnapsen

Mit der Schwermut ist nicht zu spaßen, erfährt Major Johannes Schäfer. Nach einer Auszeit kämpft er sich in den Job zurück. Mal wieder hat es Tote gegeben und Schäfer und sein Kollege Bergmann begeben sich daran, die Geheimnisse, die die Todesfälle umgeben, zu lüften. Wo ist ein Ansatzpunkt, wo ein Zusammenhang. Noch ringt Schäfer mit den Auswirkungen seiner Krankheit und nichts geht so schnell voran, wie er es gerne hätte. Zwei Frauen, die in kurzem Zeitabstand ertrunken sind, kann das noch ein Zufall sein?

Mit seiner unnachahmlichen Art, einer Mischung aus hintersinnigem Humor und zeitweiliger Schwermütigkeit, macht sich Major Schäfer an die Arbeit. Immer hadernd mit den Vorgaben der Obrigkeit, die einem unsinnigen Sparzwang gehorchend jedwede intensive Ermittlung unmöglich machen. Da kann wegen der Statistik aus einem Mord schonmal ein Unfall werden. Macht sich halt besser. Schließlich ist jede Statistik nur so gut wie man sie selbst hingebogen hat. Aber nicht mit Major Schäfer. Seinem Gespür folgend macht er sich auf die Suche nach dem Zusammenhang und kommt einer ganz unglaublichen Sache auf die Spur.


Sein eigener Weg ist der richtige, meistens jedenfalls. Und in diesem Wissen entführt er den Leser auf den Pfad, auf dem nur mit Schäfer gemeinsam des Rätsels Lösung gefunden werden kann. Da geht es nicht ohne humorige Szenen, die man nicht beschreiben kann, man muss es schon selber lesen, um an dem speziellen Witz teilhaben zu können. Und natürlich muss Schäfer auch so manche gefährliche Situation überstehen. Da ist man genauso froh wie er über seinen treuen Weggefährten Bergmann, der Schäfer nicht von der Seite weicht und dem der Major doch entwischt, wenn es ihm in den Kopf kommt. In diesem zweiten Band um Major Schäfer scheint seine Gemütslage etwas lichter zu werden und so lange ihm sein verschrobener Humor und seine Dickköpfigkeit nicht abhaben kommen, kann man sich seinen weiteren Fällen getrost zuwenden, man wird bestens unterhalten werden.

4 Sterne

Ohnmachtspiele von Georg Haderer
ISBN:978-3-7099-7441-4


Mittwoch, 19. Oktober 2016

Was bringt die Rache

Ihren Beginn nimmt die Geschichte eigentlich schon vor Ewigkeiten. Weiß man überhaupt noch worum es eigentlich geht? Katholiken gegen Protestanten, Republikaner gegen Loyalisten. Der Terrorismus in Nordirland hinterlässt eigentlich nur Opfer und Verlierer. In den frühen 90ern schlägt ein Anschlag gegen einen britischen Polizisten fehl. Fatalerweise wird die junge Frau des Beamten bei dem Überfall getötet. Der Polizist Will will Rache. Er glaubt den Mörder wiedererkennen zu können. Den vermeintliche Attentäter Dallas Ferguson plagt sein Gewissen, schon länger sinnt er darüber nach, wie er sich der Organisation entziehen könnte, der er angehört, seit dem er einige Jahre unschuldig für einen der ihren gesessen hat. 
Seit langem mal wieder hat mich ein Buch richtig in seinen Bann gezogen. Ein Thriller mit zeitgeschichtlichem Bezug, sehr informativ und spannend. Detailliert beschreibt die Autorin die Sichtweisen ihrer Protagonisten, da gibt es nicht Gut und Böse, nein, lebendige und vielschichtige Persönlichkeiten erstehen vor dem Auge des Lesers. Formbare Charaktere, die in eine Situation hinein rutschen, die ihrer Position geschuldet ist, die vielleicht ganz anders wären, wenn die Position eine andere wäre. Der Terrorist, der sich der Aussichtslosigkeit seiner Situation bewusst wird, der jedoch nicht entkommen kann. Der Polizist, der die Gegner als Menschen sieht, und der so scheint es für sein verständnisvolles Verhalten noch bestraft wird. Wird er Rache nehmen? Kann das Leben für ihn jemals wieder normal werden? Kann er sich dem Leben öffnen?
Dazu Polizei-Operationen, um den Terroristen das Handwerk zu legen, Verräter, Terroristen-Führer, die versuchen, ihre Organisation im Griff zu behalten. 
Der Nordirland-Konflikt scheint irgendwie schon aus dem Gedächtnis verschwunden zu sein, dabei sind diese furchtbaren Ereignisse doch noch gar nicht so lange her und stattgefunden haben sie beinahe vor unserer Haustür. 
Für mich bot das Buch eine hervorragende Beschreibung der damaligen Lage, sowohl aus Sicht der einen als auch der anderen Partei, beide bekamen ein Gesicht, beide erweckten Sympathie, Verständnis und manchmal Ärger, Unverständnis. Gut fand ich, dass sich die Autorin auf zwei Hauptprotagonisten konzentriert hat, um die Vielschichtigkeit der Problematik darzustellen, auch wenn dabei fast zwangsläufig die Blickwinkel anderer Akteure eher einseitig bleiben müssen. 
Einige Szenen waren für mich so eindringlich, dass ich darin eintauchen konnte und am Ende des Geschehens erstaunt feststellte, dass ich etliche Seiten hinter mich gebracht hatte. Ich konnte mir das Beschriebene so während der Lektüre so gut vorstellen, dass es fast so war als sei ich dabei.
5 Sterne
Wie du mir von Ellen Dunne
ISBN: 978-3-9433-8000-2

Weniger

Montag, 17. Oktober 2016

Castor überleben

Eines Tages im Spätherbst zieht eine Frau mit ihrem Hund in ein Ferienhaus in Exmoor ein. Sie will ihren Hund Castor überleben, der glücklicherweise noch nicht so alt ist. Doch was hat Maria dazu bewogen, diesen abgelegenen Ort aufzusuchen? Trotz der eigentlich selbstgewählten Einsamkeit lebt sich Maria recht schnell ein und schließt Bekanntschaften. Mit ihrem Hund wandert sie durch die karge Landschaft. In dem Internet-Café lässt sie sich von der Geschichte des Ortes erzählen. Obwohl schon Mitte Fünfzig, hat sie sich ganz gut gehalten, meint sie und als einer der Dorfbewohner sich für sie zu interessieren beginnt, ist sie nicht völlig abgeneigt.

Ruhig entfaltet sich die Handlung dieses Romans. Håkan Nesser, der vor etlichen Jahren Kriminalromane geschrieben hat, hat sich inzwischen eher darauf verlegt, Geschichten vorzulegen, die wie eine Charakterstudie herkommen. Wer ist diese Maria Anderson, die ihren Namen geändert hat und die die Einsamkeit sucht. Was hat sie zu verbergen, wieso sucht sie die Einsamkeit. Zunächst macht sie einen verstörten Eindruck, nur der Gedanke, dass sie ihren Hund nicht zurücklassen darf, hält sie aufrecht. Doch nach und nach lebt sie sich ein und  beginnt sich wohl zu fühlen. Wenn sie dann selbst beschreibt, was sie zu dem Entschluss gebracht hat, sich in diese Einöde zu begeben, empfindet man eine gewisses Irritiert sein. 

Wenn man grundsätzlich lieber eher konventionelle Krimis liest, könnte dieser Roman einige Probleme bereiten. So wie der Autor sich in seinen letzten Büchern immer mehr Zeit nimmt, seine Handlung zu entfalten, so kann es geschehen, dass es manchen Leser vielleicht zu langsam voran geht. Gerade auch die Schilderung aus der Sicht Marias birgt die Gefahr, dass es nicht eben leichter fällt, sich in dem Buch zu finden. Da nutzt es auch nicht, dass auch gelungene Passagen zu finden sind. Allerdings kann das vermutlich nicht dem Autor angelastet werden, es wird eher am Leser liegen, der lieber echte Spannungsromane liest. 

Die sehr gute Lesung von Eva Mattes vermag zwar nicht, dem Geschehen Spannung zu geben, doch immerhin hilft sie, so viel Interesse zu behalten, dass man die Lesung beendet. 


2,5 Sterne

Die Lebenden und Toten von Winsford von Håkan Nesser
ISBN: 978-3-8445-1529-9




Sonntag, 16. Oktober 2016

Ruppertshain

Einer der Wohnwagen, die auf dem kleinen Campingplatz stehen, fliegt plötzlich in die Luft. Beinahe im ganzen Ort ist das Feuer zu sehen. Die Feuerwehr ist schnell vor Ort und erste Zeugen geben Auskunft. Auch Oliver von Bodenstein ist am Standplatz des Wohnwagens. Seine jüngste Tochter Sophia musste er mitbringen, da sich so schnell nichts anderes für die vorlaute siebenjährige organisieren ließ. Schnell stellt sich heraus, dass in dem verbrannten Fahrzeug jemand umgekommen ist. Es geht nicht nur um Brandstiftung, sondern auch um Mord. Pia Sander und Oliver von Bodenstein werden mit dem Fall betraut. Wenig später stirbt im Hospiz eine todkranke alte Frau. 

Für Bodenstein soll es eine besondere Ermittlung werden, schließlich ist er in Ruppertshain aufgewachsen. Er kennt die Menschen, die dort leben. Und das Verschwinden seines besten Freundes in den 1970ern hat er nie vergessen. Nach einer gewissen Überlegung, entscheidet er, dass er Leiter des Dezernates bleiben kann, dass die Todesfälle bearbeitet. Pia Sander ist eine hervorragende Stellvertreterin, die keine Angst hat, ihm zu sagen, wenn er sich verrennt. Und so beginnen die Nachforschungen wie in jedem anderen Fall. Mit Befragungen, mit der Spurensuche, mit der Auswertung der ersten Ergebnisse. Langsam schleicht sich aber die Erkenntnis ein, dass das gesamte Dorf in irgendeiner Form in die Sache verwickelt zu sein scheint.

Wenn man selbst aus so einem Dorfidyll kommt, kann man viele Hinweise gut nachvollziehen. Kinder sind nicht immer nett und Erwachsene auch nicht. Manche schwimmen mit dem Strom und nur wenige stemmen sich dagegen. Nachrichten verbreiten sich beinahe schneller als sie geschehen können. Und was nicht ins Bild passt, darüber wird das Mäntelchen des Schweigens gedeckt. Sehr gut vermittelt Nele Neuhaus wie schwierig es ist, in solch einem Milieu etwas in Erfahrung zu bringen. Es wird geschwiegen, die Wahrheit verdreht und häufig auch mit routinierter Gewohnheit gelogen. Die vermeintlich intakte Dorfgemeinschaft bekommt Risse noch und noch. Und doch ist es eine Heimat, allerdings eine Heimat, über die es noch Schlimmeres zu erfahren gibt als man eh schon zu wissen glaubt.

Diese Ernüchterung und Enttäuschung über die Menschen, von denen Oliver von Bodenstein glaubte, sie seien einmal Freunde gewesen, wird so plastisch dargestellt, dass man wirklich meint, man erlebt das Geschehen mit. Auch die leise Wehmut, die diesen Fall durchweht, bestimmt die Stimmung dieses Romans. Wird es Oliver gelingen, sich von dieser Vergangenheit zu lösen. Wie wird er mit dem umgehen können, was er herausfindet. Und Pia, seine treue Arbeitsgefährtin, seine ideale berufliche Ergänzung, wie wird sie sich behaupten. Je mehr Hinweise Oliver, Pia und das gesamte Team zusammentragen, desto spannender wird es. Auch wenn diesmal kein weltumspannendes Thema behandelt wird, fesselt die langsame Offenbarung der Schuld, die das Dorf auf sich geladen hat, immer mehr. Die Kriminalromane um Oliver von Bodenstein und Pia Sander überzeugen einfach durch ihre Detailtreue und die fein gezeichneten Persönlichkeiten. 


4,5 Sterne

Im Wald von Nele Neuhaus
ISBN: 978-3-550-08055-5


Samstag, 15. Oktober 2016

Estrella

Es herrscht Dürre in Kalifornien, schon so lange, dass große Teile der Bevölkerung in Staaten der USA gezogen, umgesiedelt oder geflohen sind, in denen es noch Wasser gibt. Und die Wüste breitet sich aus. Es ist ungewiss, wie lange Los Angeles noch eine Zuflucht bietet. Hier leben sie: Luz, das Wüstenkind und ehemalige Modell, und Ray, der Surfer. Eines Abends nach dem Regentanz passen sie für eine Gruppe Jugendlicher auf ein Kleinkind auf. Luz kann nicht mehr von dem kleinen Mädchen lassen, so plötzlich ist sie von Muttergefühlen übermannt. Sie nehmen das Kind mit und nennen sie Ig. Doch was, wenn die Kleine gesucht wird. Ray und Luz beschließen, sich auf den Weg nach Osten zu machen.

Keine sehr schöne Zukunft wird in diesem Roman aufgezeigt. Die Menschheit hat es geschafft, große Teile des Südwestens der USA veröden zu lassen. Zwar wurde jahrelang alles versucht, die Ausbreitung der Wüste aufzuhalten, doch die immer mächtiger werdenden Wanderdünen haben alles unter sich begraben. Soweit kommt es also, wenn man der Natur zu viel abverlangt. Auf eine Art wehrt sie sich doch. Allerdings, wurde tatsächlich alles getan? Und ist die Wüste wirklich diese Ödnis, als die sie dargestellt wird. Schon kurz nach dem Aufbruch stranden Ray und Luz in der gleißenden Hitze  und Ray macht sich auf die Suche nach Rettung. 

In drei Büchern wird von verschiedenen Blickpunkten aus von Luz, Ray und Ig berichtet. Gespickt mit erklärenden Hintergrundinformationen, von denen man sich mitunter fragt, ob sie noch Fiktion oder schon Fakten sind. Aus diesen teils fortlaufend erzählten Handlungsteilen und teils wie aus Spickzetteln zusammengeflickten Momenten entsteht ein Bild von einer Gesellschaft, in der man nicht leben möchte. Desinformation scheint egal ob im Kleinen oder im Großen an der Tagesordnung zu sein. Häufig treten Strukturen zutage, in denen Menschen benutzt werden. Da ist ein Guru nicht besser als die Herrschenden. Die einfachen Menschen sind es, die auf der Strecke bleiben, die ausgestoßen werden, wenn sie ihren Zweck nicht erfüllen. 

Durch viele Auslassungen oder Passagen, die einen Blick von außerhalb auf das Geschehen werfen, wirkt das Werk der Autorin Clare Vaye Watkins manchmal eher sperrig. Obwohl diese Dystopie mitunter wie ein Weckruf klingt, doch mehr auf die Natur achtzugeben, fällt das Fortfahren mit der Lektüre gerade in den sehr berichtend verfassen Passagen nicht immer leicht. Doch dann wieder ist man von der Handlung derart gefesselt, dass man nicht mehr aufhören möchte zu lesen. Ein vielschichtiger Roman, der es seinen Lesern nicht ganz leicht macht, der aber zum Nachdenken anregt und damit sehr viel bietet. 


3,5 Sterne

Gold Ruhm Zitrus von Clare Vaye Watkins
ISBN: 978-3-8437-1430-3


Freitag, 14. Oktober 2016

Eines dieser Bücher

Eva Kluge ist die unglückliche Postbotin, die dem Ehepaar Quangel diesen Brief übergeben muss. Otto, der einzige Sohn der Quangels, ist gefallen, ihre Zukunft ist vorbei. Otto Quangel, der Vater, kommt ins überlegen. Ist es nicht eher Hitler, der die Zukunft des Landes vernichtet. Die Quangels ziehen sich von den wenigen Ämtern zurück, die sie doch bisher mit einiger Überzeugung ausgeübt haben. Otto Quangel beschließt, er muss einfach etwas tun. Etwas tun heißt für ihn, Postkarten mit Botschaften zu schreiben und an öffentlichen Orten abzulegen, um den Mitmenschen die Augen über das Nazi-Regime zu öffnen. Immer sind sich die Quangels dabei der Gefahr bewusst, die ihnen von allen Seiten droht.
Quasi über das Ausland ist dieses Boot Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nach Deutschland zurück gekommen. Ein Roman über das Leben der einfachen Menschen im Berlin der beginnenden 40er. Der Krieg ist in vollem Gange, noch hat das Regime Siege zu verzeichnen. Und da streut so ein kleines Ehepaar Sand ins Getriebe. Zwar vermögen die beiden leider nicht viel zu bewirken. Die Angst in der Bevölkerung ist doch zu groß, doch wenigstens versuchen sie es. Sehr beklemmend ist die Stimmung. Da misstraut jeder jedem. Immer steht zu befürchten, dass einer den anderen denunziert. Schon das Nennen eines Namens reicht, um jemanden ins Gefängnis zu bringen oder gar umzubringen. Sogar unter den Beamten der Gestapo gibt es keine Sicherheit wie einer der vermeintlich großmächtigen Kommissare erfahren muss. Doch so schnell man mit eingeschlagenen Zähnen im Keller landet, so schnell kann man wieder oben sein. Und der Umgangston untereinander oder auch den Gefangenen gegenüber ist wahrlich menschenverachtend. Da war ich während des Lesens ungläubig, bestürzt, manchmal angewidert. Die Angst, das Gefühl des Beobachtetwerdens, die eingebildeten und tatsächlichen Denunzianten, hervorragend hat der Autor die Stimmung und das Geschehen beschrieben, wobei Letzteres auf Ereignissen beruht, die wirklich stattgefunden haben. Nein, ich mag und kann mir nicht vorstellen, wie furchtbar das Leben damals gewesen ist. Doch einen kleinen Eindruck gewann ich beim Lesen dieses Buches. Wie viele einfach den Kopf einzogen, vielleicht weil ihnen keine andere Wahl blieb, wie wenige Aufrechte gab es, die ihre Aufrichtigkeit auch noch mit dem Leben bezahlen mussten. Wieder einmal bin ich mit außerordentlich großer Dankbarkeit erfüllt, das ich heute in einem Land leben darf, dass mir im Rahmen gewisser Grenzen die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft einfach vorgibt, größtmögliche Selbstbestimmtheit und Freiheit erlaubt, ohne dass ich mich bei jedem Wort oder sogar bei jedem Gedanken sorgen muss, welche Auswirkungen das auf mein Überleben haben könnte.Unbedingt lesen!

5 Sterne

Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada
ISBN: 978-3-351-03349-1




Dienstag, 11. Oktober 2016

Sehr berührend!

Maisie blickt auf eine harte Vergangenheit zurück. Ihre Ehe war von Beginn an von Gewalt geprägt. Einziger Lichtblick sind die daraus hervor gegangenen Kinder: Jeremy und Valerie. Sie packen beide beherzt mit an, so dass Maisies demente Mutter zu Hause versorgt werden kann. Es ist nicht immer leicht, aber alle zusammen schaffen es. Ein Tag verändert alles: Es ist der Tag, an dem Maisie nach 17 Jahren zum ersten Mal ein Date hat und dieses genießt. Gleichzeitig ist es aber auch der Tag, an dem Jeremy verschwindet. Nun setzt Maisie alles darauf, ihn wiederzufinden. Dabei entdeckt sie Seiten an Jeremy, die ihr trotz ihres guten Verhältnisses zueinander verborgen blieben. Es ist ein Kampf, der sie an ihre Grenzen führen wird… 

„Irgendwo im Glück“ ist nach „Die letzten Tage von Rabbit Hayes“ das zweite Buch, das ich von Anna Mc Partlin las. Wieder hat mich die Geschichte sehr berührt und ich habe sie mehr oder weniger in einem Rutsch verschlungen. Die Protagonisten waren mir größtenteils sehr sympathisch – mit Ausnahme von Maisies gewalttätigen Exmann, versteht sich. Besonders toll fand ich das enge Verhältnis zwischen Jeremy und dessen dementer Großmutter. Das Leiden der Großmutter nach Jeremys Verschwinden fand ich herzzerreißend. Eine zeitlang habe ich mich gefragt, warum Jeremys geheim gehaltene Homosexualität einen so hohen Stellenwert einnimmt. Diese Frage wurde am Ende zufriedenstellend geklärt, so dass die Geschichte am Ende insgesamt rund ist. Die Geschichte bekommt dadurch einen unvermuteten Tiefgang und regt zum Nachdenken und Diskutieren an. Mich konnte die Autorin wieder einmal begeistern, so dass ich mich auf einige weitere, von mir bislang noch nicht gelesene Werke sehr freue. Absolute Leseempfehlung! 

5 Sterne

© Britta Kalscheuer

Irgendwo im Glück von Anna McPartlin
ISBN: 978-3-499-27223-3


Montag, 10. Oktober 2016

Vater und Sohn

Es scheint als wolle der Unterweltler Joe Stark seinen Sohn Dennis in die feine Gesellschaft einführen und dabei sein Gebiet von Glasgow nach Edinburgh ausdehnen. Ein Polizeiteam aus Glasgow will ihre Schritte überwachen. Malcolm Fox soll die Kollegen unterstützen. John Rebus ist dabei, zu vergessen, dass er eigentlich in Rente ist. Seine ehemaligen Kollegen sind darüber nicht unglücklich und er bekommt eine Art Beraterposition. Siobhan Clarke ermittelt in dem Mord an einen gesetzten älteren Anwalt. Es scheint als sei ein Einbruch schief gegangen, aber irgendetwas scheint seltsam an den Todesumständen. Als dann auch noch auf einen alternden Gangster ein Anschlag verübt wird, muss erst recht auf Hochtouren ermittelt werden, um weitere Attentate zu verhindern.

Wenn man sich zunächst fragt, wieso diese sehr unterschiedlichen Handlungsstränge eingeführt werden, wird einem Ian Rankin eine verwickelte aber schlüssige Antwort bieten. Natürlich bedarf es einiger Zeit, den verschiedenen Wegen zu folgen, die sich beim Lesen öffnen. Wer bleibt letztlich übrig und wieso kommen plötzlich Menschen zu Tode, die ein offensichtlich völlig unbescholtenes Leben geführt haben. Auf ihre ganz eigene Art stellen Rebus, Fox und Clarke ihre Nachforschungen an. Rebus, der bekannt ist wie ein bunter Hund, hat dadurch auch die besten Kontakte. Fox kann in der Menge verschwinden und so manche Information erhaschen, von denen der Informant nicht einmal merkt, dass er sie weitergibt. Clarke hat einfach ein schlaues Köpfchen, in dem sie alles Mögliche speichert, das mitunter gerade zur rechten Zeit wieder aus dem Speicher auftaucht.


Hat man schon einige Bücher von Ian Rankin gelesen, fragt man sich manchmal, wo das normale und fröhliche Edinburgh ist. Besonders wenn man gerade am Tage zuvor eine Reportage gesehen hat, in der es unter anderem auch um diese schöne und weltoffene Stadt ging, die eine Reise wert zu sein scheint. Rankins Stadt ist um einiges düsterer, jeder scheint mit dem Mob zu tun zu haben oder sich sonstiger Verbindungen zum Verbrechen rühmen zu dürfen. Etliche der Beamten wirken so als haderten sie mit ihren Jobs und John Rebus erweckt den Eindruck als sei er obwohl er die Maloche vermisst doch befreit. Und alle sind sie Eltern und Kinder, die ihre Vergangenheit mit sich herum schleppen. Trotzdem gelingt es Rankin, zu fesseln. Allzu geschickt konstruiert ist dieser Kriminalroman, so dass man immer weiterlesen möchte, um bald zu erfahren, wie denn nun alles zusammenhängt oder auch nicht.

Even Dogs in the Wild von Ian Rankin
ISBN: 978-1-4091-5938-4



und auf Deutsch:




Samstag, 8. Oktober 2016

Leichenritt

Es schwirrt und summt im Kopf, es fühlt sich wie Migräne an. Und irgendwann beginnen Menschen, die als unbescholten gelten, andere niederzumetzeln. Und Rainey Teague benimmt sich immer noch sehr seltsam. Obwohl die Ärzte nichts gefunden haben und sich darauf einigen wollen, dass es wohl eher um ein psychisches Problem handeln muss. Kate und Nick, seine Zieheltern, wünschen sich nicht, dass er mit Tabletten vollgestopft wird. In manchen Momenten wirkt Rainey so abwesend und aggressiv, dass sie nicht mehr wissen, wie sie ihm begegnen sollen. Und Charlie Danziger wacht in einem Hotelzimmer auf und beobachtet die Szenerie, die sich vor seinem Fenster bietet.

Bei diesem abschließenden Band der Niceville Trilogie geht es gleich am Anfang richtig zur Sache. Einige Menschen werden grausam getötet und die mutmaßlichen Mörder bleiben mitunter auch nicht mehr lange am Leben. Nick und seine Kollegen wissen kaum noch, in welchem Fall sie zuerst ermitteln sollen. Und Charlie Danziger, mit dem nun wirklich nicht zu rechnen war, schleicht durch die Stadt. Niceville, der Ort, über dem ein böser Schatten zu liegen scheint. Was ist der Plan hinter allem? Wie kann dem Bösen entgegen getreten werden? 

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wirkt dieser Band fast ein wenig betulich. Zwar spart der Autor nicht mit Blut, aber es fehlt ein wenig der aberwitzige Humor, der „Die Rückkehr“ so speziell machte. Hier wird ansatzweise ermittelt, war allerdings nicht umbedingt zu Ergebnissen, sondern häufiger zu Verletzen und Toten führt. Und so dümpelt die Lösung des Rätsels vor sich hin. Auch Charlie Danziger, der noch einmal einen großen Auftritt hat, stolpert meist etwas ziellos durch die Schauplätze. Seinen Heldenmoment hatte auch er im vorigen Band. Was witzig, mysteriös und fesselnd aufgebaut war, wirkt in der Auflösung ein wenig konstruiert und irgendwie nicht überraschend. Als Finale wünscht man sich mehr Action und Pfiff. Doch Ende gut alles gut - die Trilogie bringt Thriller und Fantasy auf lesenswerte Weise zusammen.


3,5 Sterne

Der Aufbruch von Carsten Stroud
ISBN: 978-3-8321-9805-3


Freitag, 7. Oktober 2016

Wunschhund

Verschiedenste Menschen leben in der Siedlung. Tom zum Beispiel hat einen Hund aus Amerika adoptiert. Dieser Hund ist etwas besonderes und sehr beliebt. Insbesondere bei Herrn Agostini, der immer ein Leckerli für ihn bereithält. Doch irgendwann ist der liebenswerte Hund nicht mehr da und Herr Agostini erfährt, dass der Hund krank war und verstorben ist. Auch der junge Ben wünscht sich einen Hund. Seine Mutter, mit der er allein in einer Wohnung lebt, erlaubt das nicht. Das Angebot seines Freundes Joachim, sich zwei Hunde zu wünschen und einer könne dann Ben gehören, mag er allerdings nicht annehmen. Karin, deren Tochter in Amerika lebt, hat einen Hund. Sie macht sich Sorgen, was mit dem Tier geschehen könne, wenn ihr einmal etwas passiert.

Es beginnt wie zusammenhanglos aneinander gereihte Geschichten. Wenn man selbst vielleicht nicht begeistert ist von Kurzgeschichten, könnte man in Versuchung geraten, das Buch zu schnell beseite zu legen. Je länger man sich jedoch auf die Geschichten und Episoden, die Eva Schmidt in ihrem Buch erzählt, einlässt, desto mehr nimmt einen die Suche nach dem Zusammenhang gefangen. Mit teils winzigen Hinweisen und eingestreuten Worten macht die Autorin klar, welche Verbindungen zwischen den Menschen, von denen sie berichtet, bestehen. Aufmerksames Lesen ist gefordert und das bei der leichten und angenehmen Sprache, die die Autorin verwendet. Mit so großer Eindringlichkeit, mit so bildhaften Worten schildert sie, was die Menschen in ihrem Buch erleben, was sie bewegt, was sie wünschen oder befürchten. Man wähnt sich mitten im Geschehen und trotz der eher ruhigen Erzählweise kann man sich dem Buch nicht entziehen. Man fühlt Entsetzen, Trauer, Freude - wie ein Wasserfall stürzen die Geschehnisse auf einen ein und schließlich fragt man sich, ob man wirklich alles entschlüsselt hat oder ob man das Buch einfach noch einmal lesen sollte, um jede noch so kleine Kleinigkeit zu entdecken. 


Ein Roman, mit dem man sich etwas anfreunden muss, der sich dann allerdings ganz wunderbar entwickelt.

4 Sterne

Ein langes Jahr von Eva Schmidt
ISBN: 978-3-99027-080-6

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Great Rock`n Roll

Ein Flugzeugabsturz kann nicht verhindert werden. Die Chinesischen Unternehmer darin überleben nicht, was einige diplomatische Verwicklungen hervorruft. Ein Polizist wird mit dem Teil der Beute eines Überfalls geschnappt. Wegen der möglichen Verbindung zu etwas, das sich in dem Flugzeug befunden haben könnte, erheben mehrere Dienst Anspruch auf den Gefangenen. Polizist Nick und seine Frau Kate, die die Vormundschaft für Rainey Teague übernommen haben, müssen feststellen, dass es nicht so einfach ist, den Jungen, der aus einem Koma erwachte zu bändigen. Hinzu kommt noch, dass Beth endlich vor ihrem Mann geflohen ist und mit ihren beiden Kindern ebenfalls bei Nick und Kate untergekommen ist.

Die Gegend um Niceville im Süden der USA ist schon speziell. Wenn die Lektüre des ersten Bandes der Niceville Trilogie schon eine Weile her ist, benötigt man vielleicht etwas Zeit sich wieder in dieser irren Welt zurecht zu finden. Ist diese kleine Hürde einmal überwunden, ist man mittendrin in den skurrilen Zeichnungen der Ereignisse. Es splattert so schön vor sich hin, wenn ein Ford Interceptor mal so den Wagen eines Gangster Duos wegfetzt oder ein Gefangenentransporter mit einem Hirsch kollidiert. Jeder in den kleinen Ort hat etwas mit den Ereignissen zu tun, die alle irgendwie zusammenhängen. In dem ganzen Konglomerat dürfen ein paar Gespenster auch nicht fehlen. Zum Glück gibt es, wenn man bei diesem Feuerwerk der Kuriositäten mal ein wenig entspannen will, auch ein paar relativ normale Mitwirkende wie Nick und seine Frau Kate.

Dieser Roman ist echt eine besondere Genremischung, auf der einen Seite spannend wie ein Thriller, gruselig in seinen Horrorelementen, aberwitzig und skurril. Unterhaltung, die fesselt, einem Schauer über den Rücken jagt und bei der man sich vor lauter Gesplatter schütteln möchte. Das Letztere ist allerdings so übertrieben, dass man es eher mit Humor nimmt und beginnt zu überlegen, ob überhaupt jemand das Ende des Romans erleben wird. Nun ja, einige bleiben übrig, die wohlmöglich dann im dritten Teil verwurstet werden. Wer mal einfach mal seine ausgetretenen Lesepfade verlassen möchte und sich einen spannenden Genremix zu Gemüte führen möchte, wird hier bestens unterhalten.


4 Sterne

Niceville - Die Rückkehr von Carsten Stroud
ISBN: 978-3-8321-8750-7


Dienstag, 4. Oktober 2016

Moment der Unsterblichkeit

Reither hat sich in seinem Leben eingerichtet. Seinen Verlag und seine Buchhandlung konnte er so verkaufen, dass er sich die Wohnung in einer Anlage mit Empfang leisten kann. Aus der Büchertauschecke hat er ein selbstverlegtes Bändchen mitgenommen. Gerade will er es sich mit Käse, Wein und dem Buch bequem machen, da bemerkt er, dass jemand vor seiner Tür steht. Erst nach einer Weile klingelt es und so lernt Reither seine Nachbarin Leonie Palm kennen, die nur Palm genannt werden will, weil der Vornahme etwas anbiedern sympathieheischendes hat. Plaudernd verbringen die beiden den Abend im April. Und kurzentschlossen machen sie sich gemeinsam auf den Weg mit Palms Wagen, um den Sonnenaufgang zu erleben.

Die Fahrt dauert etwas länger als man zunächst vermutet, denn bis zum Sonnenaufgang sind es noch ein paar Stunden. Das ungleiche Paar, das sich doch irgendwie gefunden hat, landet über Österreich in Italien. Man stelle sich dort das Frühjahr vor, das Aufquellen des Lebens, das Gleißen der Sonne. So eine Fahrt in die Sonne scheint das Buch zu sein, wären da nicht ein paar Wermutstropfen, die in die glückliche Zufriedenheit fallen. Kleine Andeutungen, die man beim Lesen kaum bemerkt. Allerdings nimmt es nicht wunder, denn von Menschen, die das Rentenalter beinahe erreicht habe, darf man vermuten, dass es Erlebnisse gab, die sie mitgenommen haben. So hat Reither seine Familie verloren, bevor es sie überhaupt gab, und Palm verlor die ihre, welche sie tatsächlich gehabt hat. 

Die Fahrt in den Sonnenaufgang bekommt nach und nach etwas Schwermütiges. Das langsame Einsickern der Erkenntnis, dass sich hier zwei nur für eine gewisse Zeit gefunden haben. Die beginnende Hoffnung auf ein vollständigeres Leben ist bald dahin. Tragisch, dass Reithers Bemühen nicht in eine gemeinsame Zeit führt. Mit Wehmut erlebt man den glühenden Sonnenaufgang, der nicht in sonnige Tage mündet, sondern eher in eine Melancholie weckende Erinnerung. Eine Widerfahrnis, der man sich aussetzen sollte, eine, die das Herz berührt.


4,5 Sterne

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff
ISBN: 978-3-627-00228-2

Montag, 3. Oktober 2016

Profiler

Nie hätte sie gedacht, dass sie so persönlich betroffen sein könnte. Ein Vergewaltiger geht auf dem Uni-Gelände von Norwich um, schon mehrere Studentinnen wurden zu seinen Opfern. Er quält sie und lässt die als gebrochene Seelen zurück. Andrea Jahnke stammt aus Deutschland, sie kam nach England nachdem sie ihre Familie bei einem Unfall verloren hatte. Nun studiert sie Psychologie an der Uni von Norwich. Am liebsten möchte sie als Fallanalytiker bei der Polizei arbeiten. Sie bietet der örtlichen Polizei an, ein Profil des Täters zu erstellen, so gut und professionell wie es bei ihrem Ausbildungsstand möglich ist. Noch scheint der Täter immer einen Schritt voraus zu sein.

Für die Psychologiestudentin Andrea Jahnke verlief in ihrem bisherigen Leben nicht alles so einfach wie es bei einem jungen Menschen eigentlich sein sollte. Ihr Schicksal ist ihr so scheint es jedenfalls ein Ansporn Unheil von anderen abzuhalten oder wenn schon etwas geschehen ist, weitere schlimme Taten zu verhindern. Andrea ist jemand, der einschreitet, um zu helfen. Dass sie sich damit selbst gefährden könnte, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie fühlt sich durch ihren Freund geschützt. Sie sieht keinen Fehler darin, sich zu exponieren, wenn sie damit jemanden retten kann. Wenn ein so grausamer und skrupelloser Täter sein Unwesen treibt, kann man nur dankbar sein über Menschen, die nicht wegschauen.


Mit ihrem ersten Profiler-Roman hat Dania Dicken, die ihre Bücher bisher im Selbstverlag veröffentlicht hat, einen bekannten ebook Verlag für sich gewinnen können. Auch wenn Self-Publisher häufig herausragende Arbeit leisten, ist es darüberhinaus sehr erfreulich, wenn sich Verlage für ihr Werk interessieren. Das erhöht möglicherweise den Verbreitungsgrad von Büchern und Autoren, die diese Aufmerksamkeit durchaus verdient haben. Zwar mutet die Autorin mit ihrer angehenden Profilerin Andrea Jahnke einiges zu, was sie allerdings so spannend verpackt, dass man in jedem Moment wissen möchte, wie es weitergeht. Zwar wirken einige Ausführungen fast wie eine Vorlesung und einige Beschreibungen können einen an den Rand dessen bringen, was man als Leser ertragen kann oder möchte, aber dennoch ist die Geschichte um den Uni-Vergewaltiger äußerst spannend und schlüssig. Gefesselt hängt man an den Seiten, abgestoßen und doch zitternd und bangend, dass der Täter endlich gefunden werde. Es ist eines dieser Bücher, die man lieber im Hellen liest, im Dunkeln könnte es echt zu unheimlich werden. 

4 Sterne

Am Abgrund seiner Seele von Dania Dicken
ISBN: 978-3-7325-2039-8



Sonntag, 2. Oktober 2016

Trennung

Die Polizei ist ratlos. Eine junge Mutter wurde tot aufgefunden, die Nachbarn haben ihre zwei Söhne vorübergehend in Obhut genommen, von der Tochter fehlt noch jede Spur. Kommissar sucht den Tatort auf, um Hinweise zu finden, die auf den Täter hindeuten könnten. Zu seinem Entsetzen findet er die siebenjährige Tochter des Opfers. Sie hatte sich versteckt und musste miterleben wie ihre Mutter zu Tode kam. Das Mädchen ist die einzige Zeugin, jedoch völlig traumatisiert. Die Polizei wendet sich deshalb an das Jugendhaus, um sie von einer Psychologin befragen zu lassen. Im Jugendhaus trifft Kommissar Huldar ausgerechnet auf Freyja, der er während einer Nacht erzählt hat, er sei Tischler.

Mordfälle wie aus dem Nichts heraus, was kann einen Täter veranlassen plötzlich zum Mörder zu werden. Gibt es eine Verbrecherkarriere oder wird manchmal auch ein vorher völlig unauffälliger Mensch zum personifizierten Bösen. Kommissar Huldar leitet die Ermittlungen, allerdings nicht, weil er sich besonders hervorgetan hat, sondern weil etliche der erfahrenen Kollegen in einen Skandal verwickelt sind und sie nicht mit so einem möglicherweise öffentlichkeitswirksamen Fall betraut werden können. Huldar ist sich dessen bewusst und er tut sich etwas schwer unter den Kollegen plötzlich der Chef zu sein. Die Wiederbegegnung mit Freyja macht es auch nicht einfacher. Sie ist nach dem One-Night-Stand nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. Verwertbare Spuren sind kaum zu finden und ihre junge Zeugin mag sich nur ungern an die Nacht erinnern, in der ihre Mutter starb.

Yrsa Sigurdardóttir schickt mit diesem Roman ihr neues Ermittlerteam zum ersten Mal in den Ring. Nach einer gemeinsamen Nacht haben beide nicht mit einem Wiedersehen gerechnet und aus dieser pikanten Vorgeschichte und der Peinlichkeit des erneuten Aufeinandertreffens hätte vielleicht etwas mehr gemacht werden können. Ansonsten entwickelt sich dieser Kriminalfall äußerst spannend. Zwar tappt die Polizei beinahe zwangsweise zunächst im Dunkeln, denn der Täter erweist sich als ausgesprochen geschickt und perfide. Doch der Leser ist durch die Nachforschungen des jungen Karl, an denen er teilhaben darf, manchmal ein paar Schritte voraus. Allerdings nie soweit, dass sich die Lösung erraten ließe. Aus allem, was sich nach und nach offenbart, entwickelt sich eine Story, von der man meint, dass es sie eigentlich nicht geben dürfte. Entscheidungen, die im besten Sinne getroffen werden, führen mitunter zu fatalen Ergebnissen. Am Ende ahnt man, was es mit dem Titel dieses Buches auf sich haben könnte, und man fragt sich, ob Blut nicht doch dicker ist als Wasser. 


Eine gelungene Einführung des Duos aus Kommissar Huldar und der Psychologin Freyja. 

4 Sterne

DNA von Yrsa Sigurdardóttir
ISBN: 978-3-442-75656-8



Samstag, 1. Oktober 2016

Hüttenzauber

Jurist Stuart Stark hat als er noch als Staatsanwalt tätig war einen wichtigen Fall verloren und nicht nur diesen Fall, auch seine Freude an der Arbeit ist verloren gegangen und seine Karriereaussichten. Deshalb hat er seine Tätigkeit aufgegeben und sich gemeinsam mit einem ehemaligen Studienkollegen selbständig gemacht. Clay holt die Klienten heran und Stuart macht die Arbeit. Schließlich war er unter den Besten seines Jahrgangs. Die Kanzlei läuft eher schlecht als recht, doch dann kommt der Fall, der alles ändern könnte. Clay und Stuart können für ein Unfallopfer eine hohe Entschädigung herausschlagen. Doch wo Stuart auf dem Teppich bleibt, glänzen die Dollarzeichen in Clays Augen. 

Damit fängt das Unheil an, könnte man sagen. Doch erstmal muss oder darf Stuart eine Reise nach Alaska antreten. In der Wildnis ausgesetzt muss Stuart um sein Überleben kämpfen. Stuart, der erst wie ein rechtes Weichei wirkt, sie sich vor eine Aufgabe gestellt, mit der er keinesfalls gerechnet hat. Allein in der Wildnis, das war eigentlich nicht der Plan, wo ist denn die bequeme Hütte wohl ausgestattet mit allem, was man sich wünscht. Ohne Dach über dem Kopf, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne alles, ohne Hilfe. Stuarts Versuche, den Tag zu überstehen, beeindrucken. Auch wenn er häufiger scheitert, er verliert nicht so schnell den Mut, schließlich ist es ja nur eine Woche. In manchen Momenten genießt er Ruhe und Natur sogar. Wie soll es aber weitergehen als er nicht wie verabredet abgeholt wird.

Stuart Stark, das Arbeitstier, welches lieber nicht in der Öffentlichkeit auftritt, und Clay Buchanan, das Faultier, aber charismatisch und gut aussehend. Sie sind ein etwas eigenartiges Team, sie ergänzen sich doch irgendwie. Während man zu rätseln beginnt, was an dieser auf einem eher niedrigen Level doch normal laufenden Kanzlei, spannend sein soll, löst sich dieses Rätsel bald nach Beginn des Trips in die Wildnis. In dem Moment als Stuarts Leben beginnt ganz anders zu verlaufen als er es in seiner Trägheit erwartet, steigt die Spannung Schritt für Schritt. Nach und nach begreift man mit Hilfe des Autors, dass Stuart ein echtes Problem mit dem Überleben bekommen könnte. Gepackt verfolgt man seine Versuche in der wilden Natur zu bestehen. Gleichzeitig versucht man den Hintergrund zu durchleuchten, um zu verstehen, wieso Stuart Stark dorthin verschlagen wurde. Fesselnd und rasant beschrieben sind die Details eines Winters in der Wildnis, egal dabei ob es sich dabei um den Großstadtdschungel oder die wilde Natur handelt. Ein Thriller über das Überleben, manchmal etwas brutal, aber auch brutal spannend. Royce Scott Buckingham, der eher als Fantasy-Schriftsteller bekannt ist, unternimmt hier einen atemberaubenden Ausflug in die Welt der Thriller, ein Ausflug, auf dem man ihn gerne begleitet und der den Wunsch nach mehr wecken könnte, auch wenn es (noch) keine Hinweise darauf gibt, dass die Geschichte weiter gesponnen werden könnte.


4 Sterne

Kalt gestellt von Royce Scott Buckingham
ISBN: 978-3-7341-0231-8