Dienstag, 29. November 2016

Der Club

Detective Max Wolfe muss immer wieder mit ansehen und miterleben wie die Opfer von Verbrechen zu kurz kommen. Die Verbrecher scheinen der gerechten Strafe zu entgehen. Doch die Taten des sogenannten Clubs der Henker übersteigen jegliche Vorstellungskraft. Da haben Unbekannte es sich zur Aufgabe gemacht, die vermeintlich zu leicht davon gekommenen zu richten. Das Team um Max Wolfe beginnt mit den Ermittlungen. Zunächst allerdings sind kaum Spuren zu finden. Einzig die abgelegten Leichen bieten einen Ermittlungsansatz. Warum wurden gerade sie ausgewählt? Doch auch eines Gedanken kann sich Max nur schwer erwehren, was wäre, wenn er selbst betroffen wäre, wenn in seinem persönlichen Umfeld ein Verbrechen verübt würde, dessen Sühne unwahrscheinlich wäre.

Wie schon in seinen beiden vorherigen Fällen begeistert Tony Parsons mit seinem sympathischen Ermittler Max Wolfe, allein erziehender Vater, alleinstehender Ex-Ehemann, hartnäckiger Mordermittler. Gleich zu Beginn liest er seinen ältesten Freund, den er schon seit Jahren nicht gesehen hat, von der Straße auf und erlaubt diesem vorübergehend bei ihm zu wohnen. Und auch seiner Chefin steht er zur Seite als ein tragisches Ereignis sie aus der Bahn wirft. Und auch dieser Fall von Selbstjustiz hat es in sich. Natürlich vertritt Wolfe die Auffassung, dass die Polizei nach den Mitgliedern dieses unheimlichen Clubs suchen muss, um sie ihrer Strafe zuzuführen. Dennoch kann er sich des Gedankens nicht erwehren, dass das Rechtssystem manchmal als ein wenig zahnloser Tiger erscheint. 

Gebannt erlebt man einen neuen Aspekt der Londoner Vergangenheit, der alten Hinrichtungsstätten, der vergangenen Gebäude, der gewesenen Rechtspraktiken. Ein spannender Einblick in die Geschichte der Verbrechensbekämpfung, bei der auch der obligatorische Besuch im Crime-Museum nicht fehlen darf. Die Entwicklung des Falles nimmt einem manchmal fast den Atem. Gleichzeitig freut man sich, Max Tochter Scout aufwachsen zu sehen, die nach den Sommerferien nicht mehr die Kleinste ist. Fein ausgewogen ist die Balance zwischen einem mitreißenden Fall und dem Zusammenleben Wolfes mit seiner sympathischen kleinen Familie. Auch die zurückhaltenden Versuche, den Wunsch nach einer neuen Partnerin zu erlauben geben diesem Krimi eine weitere Facette. In dem Moment, in dem die Ermittlungen für Detective Wolfe eine ganz persönliche Note bekommen, klebt man wirklich wie gebannt an den Seiten und spürt sein Herz entsetzt klopfen. 


Mit Detective Max Wolfe hat der Autor eine Figur geschaffen, mit der man noch etliche weitere Fälle erleben möchte.

4,5 Sterne

Wer Furcht sät von Tony Parsons
ISBN: 978-3-7325-2959-9


Samstag, 26. November 2016

Wir bauen ein Theater

Deprimiert kehrt Romy zurück in ihren sächsischen Heimatort. Sie war ausgezogen, um eine große Schauspielerin zu werden. Geschafft hat sie es zur Souffleuse und auch diesen Job hat sie verloren, nachdem man ihr während der Vorstellung mitgeteilt hat, dass ihre liebe Großmutter verstorben ist. Romy möchte sie nur noch verkriechen. Dennoch ist sie ziemlich geschockt als sie mitbekommt, dass die lieben Menschen, unter denen sie aufgewachsen ist, kaum noch einen anderen Gedanken hegen, als den, wer eines der letzten drei Grabplätze auf dem örtlichen Friedhof einnehmen wird. Oma Lene hat den Anfang gewagt und sich einfach den drittletzten Platz gesichert. Das Dorf stirbt aus, es wohnen nur noch alte Menschen dort.

Romy kann es kaum glauben, wie sich die einst heimelige Stimmung in ihrer alten Heimat verändert hat. Die Einwohner trachten nach ihrem eigenen Tod. Es ist wie ein Wettlauf auf die beiden noch verbliebenen Gräber. Der Tod kommt sowieso, ändern kann man nur das Leben davor. Wie kann Romy die Stimmung im Dorf verändern? Und wie ihr eigenes Scheitern überwinden? Romy hat die geniale Idee die alte Scheune in ein elisabethanisches Theater umzubauen. Und das ganze Dorf soll mitmachen. Es wäre doch gelacht, wenn das nicht gelingen sollte. 

Man spürt den Ruck, der durch das Dorf geht. Manchmal zwar eher zögernd oder gar widerwillig beschäftigen sich die alten Leute mit der Idee, an diesem gemeinsamen Projekt mitzuwirken. Vielleicht merken sie selbst zunächst kaum wie sie sich verändern. Doch ein Ziel vor Augen zu haben, gibt ihnen einen Teil ihrer jugendlichen Energie zurück. Es wird begonnen aufzuräumen, zu messen, zu sägen und zu hämmern. Mit Freude betrachtet man wie es mit dem Umbau vorangeht. Und Romy nutzt die Zeit, sich wieder zu hause in ihrer Dorffamilie zu fühlen. Ihr ehemaliger Kollege Ben, der früher etwas mehr als ein Kollege war, wird schließlich auch Teil des Plans. Werden sie es wirklich schaffen, in der tiefsten Provinz die Aufführung von „Romeo und Julia“ zu stemmen?

Es ist nicht nur der Bau des Theaters und das Einüben des Stücks, jede der handelnden Personen bekommt ihre Geschichte, sei sie tragisch oder melancholisch, dramatisch oder komisch oder eine Mischung aus alledem. Und so werden sie sympathisch, diese Leutchen mit ihren Fehlern und Schrullen und Wünschen und Träumen. Wenn auch vielleicht etwas zu viel hineingepackt ist an Tragik und Dramatik, so bleibt doch genug Freude am erhofften Gelingen des gemeinsamen Vorhabens. Und schließlich auch an der Liebesgeschichte, die sich fast hintenrum einschleicht und eigentlich mit dem Ende erst beginnt.


4 Sterne

Romeo & Romy von Andreas Izquierdo
ISBN: 978-3-458-36141-1



Mittwoch, 23. November 2016

Heimkehr

In ihrer 15jährigen Ehe hat sich Stella rundgefuttert, mit viel Einsatz hat sie ihren Mann Holger umsorgt und verwöhnt. Stella fällt aus allen Wolken als Holger sie verlässt, genauer gesagt, sie aus dem Haus wirft. In ihrer Not lädt Stella ihre Sachen ins Wohnmobil und macht sich auf den Weg in ihren Heimatort an der Nordseeküste. Sie liest den Anhalter Hauke auf, der auch nach Norden möchte, um sich um seine Großmutter zu kümmern. Hauke erweist sich als ausgesprochen guter Reisegefährte, der Stella in einer schwierigen Situation beisteht. Zuhause angekommen, fühlt sich Stella zwar noch sehr durch den Wind aber doch viel Wohler. Ihr Bruder bereitet ihr ein herzliches Willkommen und auch der Tierarzt Michael, den sie aus der Schulzeit kennt, scheint sehr erfreut über ihre Ankunft.

Nachdem sie ihre eigenen Wünsche während ihrer Ehe immer hintenangestellt hat, soll nun Stella selbst zum Zuge kommen. Sie möchte die Zeit in der Heimat nutzen, um ihre eigenen Wünsche kennenzulernen, für sich selbst zu sorgen und sich eine finanzielle Lebensgrundlage zu schaffen. Mit Enthusiasmus und Energie geht Stella ans Werk. Ihr liebenswertes Auftreten öffnet ihr viele Türen. Und immer wieder zieht es sie zu Spaziergängen an ihr geliebtes Meer. Schnell fühlt sich Stella wieder ganz heimisch im hohen Norden, sie möchte gerne für immer mit ihrem Bruder zusammen auf dem Elternhof bleiben. 

Schon nach wenigen Seiten merkt man, wie gerne die Autorin ihre Heimat mag. Die Beschreibungen vom Meer lesen sich echt nach mehr. Mit sehr gefühlvollen Worten schildert sie die Erlebnisse ihrer Stella. Eine heimelige Geschichte hüllt einen beim Lesen ein und gerne sieht man Stella aus sich heraustreten und entwickeln. Nicht selten jedoch geraten die Gefühle in Überschwang und allzu aufjauchenzd oder schluchzend verläuft der Gang der Handlung. Für einen  Leser von Kriminalromanen, der sich gerne mal eine Abwechslung gönnt, ist dieser Roman mit der an sich sehr schönen Grundidee nur bedingt geeignet.


3 Sterne

Leuchtturmtage von Anni Deckner
ISBN: 978-3-95818-122-9


Dienstag, 22. November 2016

Street fighting years


Sebastian Rudd, Anwalt, arbeitet alleine. Vater ist er aus Versehen, dennoch versucht er eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen, der bei Rudds Ex-Frau lebt. Ein richtiges Büro hat er nicht, nur einen umgebauten Van. Nur einen Mitarbeiter hat er, der fast so etwas wie ein Freund ist und Bodyguard und Chauffeur. So ziemlich jeden Fall nimmt Rudd an, den des unter Mordverdacht stehenden Gard, den des braven Hausbesitzers, dessen Haus von einem Swat Team unter Beschuss genommen wurde. Und immer der Streit mit seiner Ex um das Umgangsrecht mit seinem Sohn. 

Was treibt ihn an, möchte man sich fragen. Etwas haltlos wirkt er, einzig auf die Tätigkeit als Anwalt konzentriert. Ohne Illusionen, was das amerikanische Rechtssystem angeht. Da wird eher gelogen als ermittelt, was wirklich gesehen ist. Selbst die Polizei oder die Staatsanwaltschaft schreckt nicht davor zurück, das Recht zu biegen oder gar zu brechen, wenn es darum geht einen Fall vor Gericht zu bringen. Ein Urteil, irgendein Urteil, das scheint das einzige Ziel zu sein. Kein Wunder, dass Rudd sich befleißigt fühlt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und meist macht er seine Sache gut, selbst wenn er persönlich in Gefahr gerät oder bedroht wird. Doch besteht nicht die Gefahr, das ein Fall im das Genick bricht.


An einen Charakter wie Sebastian Rudd muss man sich erstmal gewöhnen. Er wirkt recht kühl und von seinen Fällen erzählt er recht distanziert. Nach und nach aber gewinnt man mehr Verständnis für die Art des Anwalts. Wenn kein anderer bereit steht, versucht er das beste für seine Klienten heraus zu holen. Verschiedene Verhandlungen werden nacheinander abgehandelt und erst nach einer Weile kristallisiert sich die eigentliche Handlung heraus, um dann gegen Ende wieder ein wenig zu zerfasern. Und so bleibt ein ungewöhnlicher Anwalt und nicht ganz einfacher Charakter mit teils ausgesprochen spannenden und interessanten Fällen, und ein Verlust jeglicher Illusion, die man über das amerikanische Rechtssystem in seiner praktischen Ausführung gehabt haben könnte.

4 Sterne

Rogue Lawyer von John Grisham
ISBN: 978-1-473-62290-6


und auf Deutsch



Montag, 21. November 2016

Mörderisches Wochenende

Der bekannte Tatort-Kommissar Ivo Batic oder besser gesagt sein Darsteller Miroslav Nemec wird für eine Krimi-Matinee gebucht. Stattfinden soll das Ereignis in einem neu renovierten Hotel in den Bergen gelegen und am besten mit einer Seilbahn erreichbar. Ein Journalist und ein echter aber inzwischen pensionierter Kommissar sollen die Gesprächspartner sein. Das Wochenende verspricht eine unterhaltsame Abwechslung zu bringen. Allerdings verlaufen die Tage völlig anders als geplant. Es zieht ein Sturm herauf, der bei einem Teil der Gäste verhindert, dass sie überhaupt anreisen können und die anderen unter ihnen auch Miroslav Nemec sitzen fest. Die Hotelbetreiber versuchen das Beste daraus zu machen und die Gäste zu verwöhnen. Doch als einer der Gäste tot im Pool gefunden wird, ist auch der letzte Rest von guter Stimmung dahin.

Der pensionierte Kommissar Mees und Miroslav Nemec beginnen sich über die Szenerie Gedanken zu machen. Doch alles sieht wie ein bedauerlicher Unfall aus. Fast könnte man zur Tagesordnung übergehen, gäbe es nicht kurze Zeit später einen weiteren Todesfall zu beklagen.


Herr Nemec schreibt einen Roman, in dem er als er selbst in einen Kriminalfall gerät, der vielleicht nur aus einer Reihe von Unfällen besteht. Kann diese Idee funktionieren? Und wenn er das Hörbuch dann auch noch selbst liest? Hätte der Autor im Rahmen der Buchmesse nicht ein so mitreißendes Interview gegeben, während dessen er einen kleinen Teil des Buches zum Besten gab, wäre das Hörbuch möglicherweise nicht im CD-Player gelandet. Do so hat es seinen Weg in  die Ohren der Hörerin gefunden und sie zu mehr als einem Auflachen animiert. Ja, zumindest in diesem ersten Fall funktioniert die Begegnung des Miroslav Nemec mit sich selbst ausgesprochen gut. Gelungen ist die Gratwanderung sich selbst als authentische Person darzustellen und dennoch das Private privat sein zu lassen. Humorvoll und amüsant die Beschreibungen um die Verwechslungen des Menschen Nemec mit der Rolle Batic, Fehler die wohl jedem TV—Seher unterlaufen können, der ja tatsächlich nur die Figur aus der Flimmerkiste kennt, die bei einer so lange laufenden Serie durchaus mal wie ein alter Bekannter wirken kann. Kurzweilig schildert Miroslav Nemec wie sein Alter Ego so etwas wie kriminalistischen Spürsinn entwickelt, wie im Tatort erlernte Vorgehensweisen im wirklichen Leben zur Anwendung kommen. Ein Glück, dass der Autor den Verleger kannte und dass er diese witzige Idee sich selbst einen Krimi erleben zu lassen in Buch und Hörbuch umgesetzt hat. Man wünscht sich eine weitere herausragende Idee, damit Herr Nemec zu einem weiteren Fall kommt und seinen Lesern ein weiteres Lese- und Hörvergnügen bereiten kann.

4 Sterne

Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec
ISBN: 978-3-844-52330-0




Sonntag, 20. November 2016

Wer ist überhaupt Blom?

Kommissar Sam Berger ermittelt in einem Fall der Entführung einer 15jährigen. Seit Wochen schon ist die junge Frau unauffindbar und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Sein Chef hat ihm verboten, das S-Wort (S =  Serie) auszusprechen. Trotzdem ist Sam überzeugt, dass Ellen nicht das erste Opfer des Täters ist. Was offiziell nicht erlaubt ist, erledigt Sam Berger heimlich und er hält an seiner Theorie von einem Serientäter fest. Durch einen eigenartigen Hinweis finden die Ermittler eine Hütte, die zum einen mit einer Selbstschussanlage versehen ist und die zum anderen ein Labyrinth verbirgt, in dem offensichtlich zumindest eines der Opfer gequält wurde.

Sam Berger und seine Kollegin Desiré Rosenquist stellen ihre Nachforschungen an, wenn möglich mit dem Einvernehmen von Chef Allan Gudmundsson, wenn nicht eben auch ohne. Berger hat den begründeten Verdacht, dass es wenigstens zwei weitere Opfer gibt. Allerdings teilt er nicht alle seiner Erkenntnisse, denn die Wurzel des Falles scheint in seine eigene Vergangenheit zu führen. 

Liest man den hinteren Klappentext dieses ausgesprochen spannenden Kriminalromans, erfährt man, dass mit diesem ersten Band einer Reihe das Ermittler-Duo Berger und Blom eingeführt wird. Und mit fortschreitender Lektüre fragt man sich, wer ist denn nun Blom? Etwa ein Täter? Was wäre denn das für ein Duo? Die Frage wird mit einem solchen Paukenschlag geklärt, dass man wirklich das Gefühl hat, im Denken und Rätseln wird in dem Moment etwas in eine völlig andere Position gerückt. Einfach genial, dieser Überraschungsmoment. Allein das schon macht einen großen Teil der außerordentlichen Güte dieses Romans aus. Doch auch die weiteren Ergebnisse, die Berger und sein Team erzielen, und Entdeckungen, die sie machen, decken einen Fall auf, der wesentlich vielschichtiger ist als es die ursprünglichen Entführungen vermuten lassen. Die Spuren deuten auf eine Beteiligung einer Partei, von der man es in keinem Fall erwarten würde. 


Dieser Kriminalroman hat tatsächlich das Zeug, den Leser völlig in seinen Bann zu ziehen. Überraschende Wendungen ergeben eine wahre Achterbahnfahrt der Ermittlungen und einen Beginn einer Reihe, der den Leser sehnsüchtig und mit großer Spannung auf den nächsten Teil warten lässt.

5 Sterne

Sieben minus eins von Arne Dahl
ISBN: 978-3-492-05770-7


Samstag, 19. November 2016

Titan calls

Tina Fontana ist die Assistentin von Robert Barlow, welchem einer der größten Medienkonzerne Amerikas gehört. In ihrem kleinen Büro liest sie dem Chef beinahe jeden Wunsch von den Augen ab. Ihr Verdienst ist auch sechs Jahre nach ihrem Studienabschluss nicht hoch genug, um ihr Studiendarlehen abzahlen zu können. Als dann ein kleiner Fehler bei einer Spesenabrechnung passiert, kann Tina der Versuchung nicht widerstehen. Sie zweigt Geld von dem Spesenkonto ihres Chefs ab, um endlich den Kredit abzulösen. Welche Freude als dieser Kontostand auf Null ist. Doch die Freude währt nur kurz, Tina wird erst langsam klar, was sie da losgetreten hat.

Wie ist das so? Nach Abschluss des Studiums hat man Schulden und wenn überhaupt bekommt man nur eine schlecht bezahlte Arbeit. In dem USA, wo die Studiengebühren sehr hoch sind, ist es wohl tatsächlich so, dass junge Menschen mit hohen Schulden ins Berufsleben starten. Ob es in Europa viel besser ist, darf bezweifelt werden. Vielleicht verlangen die Universitäten nicht so viel Geld, doch dafür gibt es die prekären Arbeitsverhältnisse, bei denen eine Vollzeitstelle gerne mit einem Lohn für einen Praktikanten bewertet ist. Und so kann man gut verstehen, welche Verlockung dieses Geld bildet, dass eher versehentlich in Tinas Händen landet. Dann wird sie allerdings von den Entwicklungen überrollt und die Geschichte bekommt ein Eigenleben wie es nie Tinas Ziel war.


Nur auf einem kleinen Teil ihres Weges dürfen wir Tina Fontana begleiten. Von der schüchternen kleinen Assistentin entwickelt sie sich zu einer tatkräftigen Frau, die es wagt die Missstände anzuprangern, von denen keiner wissen will. Mit humorvollen und ehrlichen Worten beschreibt Camille Perri die Situation der Assistentinnen, überarbeitet und unterbezahlt, immer bereit für den Chef das Unmögliche wie die Selbstverständlichkeit rüber kommen zu lassen, gerade so wie es erwartet wird. Werden Menschen mit einem Studienabschluss nur als Sekretärin eingesetzt, muss sich niemand wundern, wenn sie irgendwann ihr Gehirn einsetzen und beginnen über ihre Lage nachzudenken. Amüsant und doch nicht ohne Ernst schildert die Autorin die Ereignisse um Tina und ihre Freundinnen. Und so inhaliert man dieses leicht und fluffig verfasste Werk, dass zum Daumenhalten für Tina und ihre Freundinnen animiert und gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

4 Sterne

Die Assistentinnen von Camille Perri
ISBN: 978-3-86396-588-4


Freitag, 18. November 2016

Immobilienblase

Trudy und ihr Mann John leben getrennt. Trudy hat es geschafft, John war derjenige, der auszog, obwohl es sich bei dem Haus um sein Elternhaus handelt. Mit ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft sieht sich Trudy im Recht. Ihre Affäre mit Johns Bruder hat damit nichts zu tun. Claude ist der erfolgreichere Unternehmer, John hat nur einen kleinen Verlag für Poesie, der mehr schlecht als recht läuft. Doch ist Claude auch der bessere Partner, zumindest ist ihm der Wert des Hauses sehr bewusst, dass zwar in schlechtem Zustand ist, sich aber in einer bevorzugten Lage Londons befindet. 

Dieses Buch wird aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive heraus erzählt, die allerdings schon im Klappentext verraten wird. Quasi von innen heraus wird über den Gang der Ereignisse berichtet. Vor dem Leser entblättert sich dabei ein Blümchen, eine Geschichte, die schier unglaublich scheint. Mit jedem einzelnen Blütenblatt, dass man von der Blüte zupft, entdeckt man eine neue Facette des sehr zweifelhaften Charakters der werdenden Mutter. Eigentlich sollte sie sich doch zurücklehnen und in froher Erwartung auf die Ankunft ihres Kindes harren. Anstatt dessen schmieden sie und ihr dummdreister Geliebter jede Menge kruder Pläne, treiben Spielchen im Bett und malen sich eine finanziell gesicherte Zukunft aus. Doch reden lässt es sich leicht, was geschieht, wenn Pläne Realität werden.


Mit witzigen und wie immer prägnanten Worten schildert Ian McEwan ein paar Tage aus dem Leben von Trudy. Eine Schilderung, bei der man wahrlich mitgeht. Nein, wie blöd, denkt man manchmal, wie unsympathisch diese Personen, doch wieder und wieder hält der Autor einen Cliffhanger parat und zwingt die Gedanken in eine andere Richtung. Bis schließlich der Berichterstatter die Initiative ergreift und die Geschichte zu einem Finale führt, mit dem man als Leser sehr einverstanden sein kann. Spannend, ironisch und mit unerwarteten Wendungen erfreut und unterhält der Autor seine Leser. Ein Werk, das zu lesen sich lohnt.

4 Sterne

Nussschale von Ian McEwan
ISBN: 978-3-257-06982-2


Donnerstag, 17. November 2016

Verstrickt

Will Trent und seine Partnerin Faith Mitchell werden zu einem Tatort gerufen an dem es wirklich schlimm aussieht. Ein Toter wurde in einem verlassenen Lagerhaus gefunden und sehr viel Blut, das nicht allein vom dem Toten stammen kann. Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen ehemaligen Polizisten. Das Blut hat die selbe seltene Blutgruppe wie das von Wills Frau Angie Polaski. Zwar lebt Will von seiner Frau getrennt, das heißt aber nicht, dass Angie Will je losgelassen hätte. Noch brisanter werden die Ermittlungen, durch den Umstand, dass das Gebäude einem prominenten Sportler gehört, gegen eine eine Ermittlung wegen Vergewaltigung due die Machenschaften der Anwälte des Beschuldigten im Sande verlaufen musste.

In diesem achten Fall um den Ermittler Will Trent hat Karin Slaughter einen Nerv getroffen. Seit Will Trent und die Ärztin Sara Linton ein Paar sind, leidet ihre Beziehung an ihren jeweiligen Vorlebens. Für Sara Linton scheint nach Jeffrey Tollivers Tod jeder andere nur eine zweite Wahl sein zu können. Will dagegen kann seine gestörte Beziehung zu seiner Noch-Ehefrau nicht ganz aufgeben. Schließlich begleitet sie ihn schon seit seiner Jugend. Und nun erweckt alles den Eindruck als sei Angies Rolle in diesem Fall durchaus undurchsichtig. Kann sie bei dem Blutverlust überhaupt noch am Leben sein? Wäre ihr Tod eine Erlösung oder würde das alles noch schlimmer machen? Natürlich lässt Will es sich nicht nehmen, jede Spur zu verfolgen, obwohl er wegen persönlichen Involviertheit besser Zurückhaltung übte.


Spannend, mitunter brutal und blutig geht es zu in diesem Thriller- Gebannt verfolgt man die Ermittlungen, die immer neue Verwicklungen zutage fördern. Dabei spürt man Wills Zerrissenheit, wenn es um Angie Polaski geht. Mal wieder war sie verschwunden und nun drängt sie sich auf eine Art zurück in Wills Leben, die Will mit Widerwillen aber auch Sorge erfüllt. Was ist in diesem Lagerhaus nur geschehen. Gerade, wenn man meint, man habe einen Lösungsansatz gefunden, überfällt einen die Autorin mit einer doch ganz anderen Idee, so abwegig, dass sie doch schon wieder logisch erscheint. Man mag sich an Angie Polaskis Charakter und ihren übergriffigen Verhaltensweisen stoßen und möglicherweise tut man sich etwas schwer damit mit welcher Selbstverständlichkeit in der vermeintlich normalen Welt Amerikas mit schweren Waffen hantiert wird. Doch dieser Thriller bietet eine komplexen und auergewöhnlichen Fall, der einem genauso an die Nieren geht wie dem Ermittler. Trotz der wiederstreitenden Gefühle, die gerade Angie Polaski auslöst, ist es kaum möglich den Roman aus der Hand zu legen, wenn man einmal mit der Lektüre begonnen hat.

4 Sterne

Blutige Fesseln von Karin Slaughter
ISBN: 978-3-95967-607-6


Dienstag, 15. November 2016

Bodensteins vorläufig letzter Fall

„Im Wald“ ist der 8. Fall, in dem Oliver von Bodenstein und Pia Sander gemeinsam ermitteln. Es soll der vorerst letzte Fall für Oliver von Bodenstein sein, der dann ein Jahr Pause einlegen will. Ein kniffliger Fall. Es geht um Brandstiftung mit einem Toten und die spätere Ermordung der bereits im Hospiz befindlichen, todkranken Eigentümerin des Wohnwagens, der in Flammen aufging. Unter Verdacht gerät schnell ein junger Mann, der eine Bewährungsstrafe erhalten hat und nun untergetaucht ist. Spuren führen aber auch zu einem lange zurückliegendem Fall aus dem Jahr 1972, bei dem es ausgerechnet um das rätselhafte Verschwinden von Oliver von Bodensteins bestem Freund Arthur ging. Dieser Fall ist also eine ganz besondere Herausforderung für den Ermittler, der die Leitung deswegen auch an seine kompetente Kollegin Pia Sander deligiert. Werden die Beiden den Fall gemeinsam lösen können? 


„Im Wald“ ist der erste Krimi, den ich von Nele Neuhaus las. Das Buch lies sich auch ohne Kenntnis der Vorgängerbände gut lesen. Es hat mich von der ersten bis letzten Seite in seinen Bann gezogen. Für ein solch umfangreiches Werk mit ca 550 Seiten gab es erfreulich wenig Längen. Anfangs tat ich mich ein bißchen schwer mit der Vielzahl der involvierten Personen. Das vorangestellte Personenregister war in diesem Zusammenhang recht hilfreich. Ich kam dann aber sehr gut in die Geschichte hinein. Mein Anfangsverdacht hat sich natürlich schnell zerschlagen und alles hat sich als recht verzwickt und komplex erwiesen. Dennoch überzeugt die Auflösung. Die Charaktere wurden alle gut ausgearbeitet und glaubhaft dargestellt. Dies gilt nicht nur, aber auch für die beiden im Vordergrund stehenden Ermittler. Der Krimi hat mir sehr gut gefallen, weswegen ich nun zum Anfang der Reihe zurückgehen und die Vorgängerbände lesen werde. Ich bin nicht nur auf die Fälle selbst gespannt, sondern auch die ergänzenden Privatgeschichten von Oliver von Bodenstein und Pia Sander. Eine klare Leseempfehlung für alle Krimifans! 

4 Sterne

© Britta Kalscheuer

Im Wald von Nele Neuhaus
ISBN: 978-3-550-08055-5


Montag, 14. November 2016

Die große Frage

In tiefer Nacht wird Kommissar Nils Bentzon gerufen, eine junge Frau steht auf einer Brücke und es sieht ganz so aus, als wolle sie sich jeden Moment hinunterstürzen. Bentzon versucht alles in seiner Macht stehende, um sie zur Umkehr zu bewegen. Leider versagt gerade an dem Tag seine viel beschworene Fähigkeit, noch jeden zur Umkehr bewegt zu haben. Die junge Frau springt in den Tod. Obwohl es sich offensichtlich um einen Selbstmord handelt, soll ermittelt werden, was die junge Frau bewogen haben könnte, zu springen. Gleichzeitig steht es mit der Ehe des Kommissars nicht zum Besten. 

Das Autorenduo, das sich A. J. Kazinski nennt, schickt den Kommissar Nils Bentzon wirklich auf eine Tour de Force. Und als Leser oder in diesem Fall als Hörer muss man mit. Zunächst beginnen die Ermittlungen im Milieu der Ballett-Tänzer, denn die Verstorbene war Primaballerina am Kopenhagener Ballett. Sie schien mit ihrer Rolle verwachsen zu sein, hatte eine Affinität zum Tod und war quasi wieder auferstanden wie Giselle. Während sich Nils auf die Suche nach dem Grund macht, hält seine Frau Hannah eine Art Gerichtsverhandlung ab, deren Ausgang völlig ungewiss ist. Hannah ist Astrophysikerin und möchte alle Probleme mit ihrem logischen Verstand lösen. Könnte Platons Phaidon ihr da eine Hilfe sein? Sie findet das Buch auf Nils Tisch, eine Seite allerdings fehlt. 


Bei dem Buch handelt es sich um eines der Bücher, die dem Leser gehörig etwas abverlangen. Wie der Titel sehr treffend sagt, beschäftigt es sich mit dem Schlaf und dem Tod und das auf eine Art und Weise, die den Leser nicht unberührt lassen kann. Allerdings wird man möglicherweise einen gewissen Widerwillen empfinden und doch nicht losgelassen werden. Die beteiligten Personen haben eine Herangehensweise an das Thema des allgegenwärtigen Endes, die mitunter schwer verdaulich ist, wobei die Auswüchse bei jedem auf eine andere besondere Weise schwierig ist. Man fragt sich, ob man sich damit überhaupt beschäftigen will. Doch nach und nach wird man dahin geführt, die Zusammenhänge zu verstehen und so gerät man immer mehr in den Bann der Handlung. Dabei unterstützt die hervorragende Lesung von David Nathan, der für seine tollen Krimi-Interpretationen bereits bekannt ist. 

4 Sterne

Der Schlaf und der Tod von A. J. Kazinski
ISBN: 978-3-8371-2197-1



und hier die Leseprobe zur Taschenbuchausgabe




Sonntag, 13. November 2016

Anwältin der Toten

In ihrer Tätigkeit als Nachlassverwalterin sieht Kristina Mahlo eine Berufung. Sie will bei der Bearbeitung ihrer Fälle den Toten gerecht werden. Manchmal stößt sie auf Lebensgeschichten der Verstorbenen, die berührend oder auch verstörend sein können. Mit der Betreuung des Nachlasses von Albert Schettler macht Kristina Mahlo Bekanntschaft mit einem Verstorbenen, der sich schon vor seinem Ableben sehr aus der Welt zurück gezogen hatte. Von allen Seiten fühlte er sich bedroht und verbarrikadierte sich in seinen vier Wänden. Nur kurz vor seinem Tod hatte er Maßnahmen ergriffen, um eine Begebenheit aus seiner Jugend an die Öffentlichkeit zu bringen. Dies sollte allerdings erst nach seinem Ableben geschehen und durch die Nachlassverwaltung in die Wege geleitet werden. 

Durch eine Unachtsamkeit verliert Kristina jedoch die Unterlagen und gerade dies ist ein Ansporn für sie, aufzudecken, wodurch sich der Tote so bedroht gefühlt hat. Bei ihrer persönlichen Auffassung von der Ausübung ihres Berufes macht sie immer eine Gratwanderung durch zwischen einer distanzierten Abarbeitung der ihr zugeteilten Fälle und der akribischen Erforschung aller Umstände, die den Nachlass betreffen könnten. Mit ihrer vor Leben sprühenden Assistentin Funda kniet sich die 33jährige Kristina in die Durchsicht der Unterlagen, die Schettler hinterlassen hat. Nach und nach kommt sie einem Geheimnis seiner Vergangenheit auf die Spur, einer Schuld, die nie wirklich beglichen wurde. 

Als passionierter Krimileser mag man annehmen, man kenne Vieles bereits und es könne nichts wirklich Neues mehr geben. Mit Hilfe der Nachlassverwalterin Kristina Mahlo betritt man dann allerdings doch ein weniger bekanntes dafür aber umso spannenderes Betätigungsfeld. Hat man vielleicht schon einmal einen Bericht im TV gesehen, in dem geschildert wird, dass eine Nachlassverwaltung oder auch Erbenermittlung sehr ungewöhnliche Geschichten zutage fördern kann, so wird in diesem Kriminalroman von Sabine Kornbichler dieser Eindruck noch verstärkt. Das Leben des Toten wirkt nach, er hätte eine Geschichte zu erzählen gehabt. Vielleicht sind die Erlebnisse der Verstorben nicht immer schön, doch sind sie durchaus einen Moment der Zeit und des Innehaltens wert. Mit einer Art des Respekts macht sich Kristina Mahlo auf die Suche nach der Geschichte des Albert Schettler. Ruhig und zielgerichtet lässt sie sich nicht davon abbringen, dass vor der Abwicklung des Nachlasses zu klären ist, wieso der Verstorbene sich bedroht fühlte. Mit ihren fein gezeichneten und authentischen Charakteren und einem ausgeklügelten Fall fesselt Sabine Kornbichler ihre Leser. Sowohl die Autorin als auch die Figur der Nachlassverwalterin Kristina Mahlo erweisen sich als echte Entdeckung, von der es zum Glück noch mehr zu lesen gibt.

Bei diesem Band handelt es sich um den zweiten Band einer bisher dreiteiligen Reihe.

4,5 Sterne

Die Stimme des Vergessens von Sabine Kornbichler
ISBN: 978-3-492-30204-3



Samstag, 12. November 2016

The Spit

Im Jahr 1980 wird die 17jährige Lucy Asher am Strand vor Christchurch tot aufgefunden. Sie wurde missbraucht und gewürgt. Sie war gerade mit der Highschool fertig und half oft bei ihren Eltern im Milchladen aus. Lucy war etwas wie ein Idol für die jüngeren Schüler. Und einer von ihnen hatte das Pech, sie zu finden. Die Polizei ermittelt intensiv. Doch auch die Jungen machen sich auf die Suche nach dem Täter. Diese Suche soll über 25 Jahre dauern. Gleich zu Beginn fangen die Mitglieder der Clique an, Lucys Wege nachzuzeichnen. 

Auch in seinem ersten Roman wählt Carl Nixon eine ungewöhnliche Perspektive. Der Erzähler, ein Mitglied der Clique, zeichnet die Nachforschungen der Jugendlichen nach, die versuchen jede noch so kleine Information über Lucy zu finden. Also ist es nicht ein Fall für die Polizei, die eigentlich nur am Rande erwähnt wird, sondern ein Abenteuer für eine 15- oder 16jährige, die versuchen hinter Lucys Geheimnis zu kommen. Und sie stellen sich nicht einmal so dumm an, sie fragen in der Nachbarschaft rum, sie folgen ihren Verdächtigen auf dem Fahrrad, sie bleiben am Ball, bis sich tatsächlich einige Spuren und Informationen auftuen, die den offiziellen Ermittlungen durchaus zu Gute kommen. 


Wie bereits im Klappentext angedeutet, dauert die Suche seit über 25 Jahren, man muss also davon ausgehen, dass der Täter auch nach der langen Zeit nicht gefasst wurde. Und dennoch sind es die Nachforschungen und Ermittlungen der Jungen, die zu Männern werden, welche die Freunde zusammenschweißen, gegen Jobs, Frauen, Kinder und Hobbys. Natürlich führt des Erwachsenenleben dazu, dass die Bande weniger eng sind, dass es auch mal zeitliche Lücken gibt. Doch grundsätzlich hält das Band. Zwar versuchen hier Jugendliche, herauszufinden, was in der Mordnacht mit Lucy geschah, aber neben dem mysteriösen Todesfalls geht es auch um die Jungs-Clique, aus der sich eine Männerfreundschaft entwickelt. Vieles bleibt im Verborgenen in diesem Fall, der eigentlich keiner ist. Doch genau das macht einen großen Teil der Spannung aus.  Man ist versucht selbst zu rätseln und die Lücken zu füllen, die der Autor lässt, man grübelt darüber nach, ob Nixon nicht doch einen Hinweis auf den Täter hinterlassen hat. Irgendwie wünscht man aber auch, dass der Fall nie gelöst wird, damit die schöne Freundschaft zwischen den inzwischen mittelalten Männern nie ihren Zusammenhalt verliert.

4 Sterne

Rocking Horse Road von Carl Nixon
ISBN: 978-3-442-74736-2




Mittwoch, 9. November 2016

Scheidungsepedemie

Schon einmal hatte Inspecteur Gilles Sebag den Verdacht, seine Frau könnte ihn betrügen. Und nun hat sich der Verdacht bestätigt. Gilles Welt bricht zusammen, er wäre nie auf den Gedanken gekommen, seine Frau zu betrügen und der Gedanke, seine Frau könne fremdgehen, erschien noch abwegiger. Doch nun ist es wahr. Sebag kann diesen Vertrauensbruch nicht verwinden. Was soll er tun? Trennung? Zunächst einmal sucht er die Entspannung im zweifelhaften Freund Alkohol. Wie einen Hohn empfindet er es beinahe, dass er sich mit einer Reihe von Fällen beschäftigen muss, in denen Frauen ihre Männer betrogen haben. In einem Fall führte die Information über den Betrug dazu, dass der Gehörnte seine Frau erschoss. 

Sein dritter Fall bringt Gilles Sebag an die Grenze dessen, was er ertragen kann. Zu nah kommen die Ermittlungen seiner momentanen persönlichen Situation. Er kann sich häufig nicht richtig auf die Arbeit konzentrieren, weil er in Gedanken immer woanders ist. Seine sprichwörtliche Intuition scheint sich irgendwie verabschiedet zu haben. Im Gegensatz zu seiner üblichen Arbeitsweise hält er die Fäden nicht immer in der Hand. Etliche Ermittlungsansätze werden von seinen teilweise ungeliebten und verspotteten Kollegen herausgearbeitet. Sebag kann nicht anders, das Thema des Betrugs steht zwischen ihm und allem. Er weiß nicht, was er tun soll, unentschieden zwischen Bleiben und Gehen.

Ein wenig schwer verdaulich ist Gilles Sebag in diesem Roman. Zwar handelt es sich um eine sehr interessante Konstellation, ihn als auch persönlich Betroffenen in einem Fall ermitteln zu lassen, in dem es hauptsächlich um fremdgehende Frauen geht. Als Leser wünscht man sich bei einer Krimi-Reihe, auch etwas über den Ermittler und sein Privatleben zu erfahren. Doch sollte das Schwergewicht doch in der Aufklärung eines Verbrechens liegen. Hier wird dem Privaten eine zu enge Verknüpfung mit dem Beruf zugewiesen und die Flucht des Inspecteurs in den Alkohol ist zwar nachvollziehbar, aber nicht unbedingt dass, was man über eine Kunstfigur lesen möchte. Glücklicherweise besinnt sich Gilles Sebag im Verlauf der Ermittlungen auf seine Fähigkeiten und mit seiner findigen Art hält er den Leser bei der Stange. Und so wird schließlich ein verblüffend komplexer Fall doch mithilfe der Spürnase Gilles Sebag entschlüsselt. 


Ein geschickt aufgebauter Kriminalroman, der fesselt, aber leider einen etwas zu großen Akzent auf das Privatleben des Ermittlers legt.

3,5 Sterne

Rabenschwarzer Winter von Philippe Georget
ISBN: 978-3-8437-1402-0


Montag, 7. November 2016

Veilchen, Ahoi!

Valerie Mauser ist wie elektrisiert. Vor 24 Jahren hat sie ihre Tochter gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben, ihr ist nur die Sehnsucht nach ihrem unbekannten Kind geblieben, Rebekka hat sie sie genannt - in Gedanken. Und nun befindet sich eine junge Frau in der Polizeiwache, die behauptet ihre Tochter zu sein und in Schwierigkeiten zu stecken. Flugs verlässt Valerie mit der Hilfe ihres Assistenten Schmatz das Krankenhaus, in das sie der letzte Fall gebracht hat, und eilt in halsbrecherischer Fahrt auf einem Mofa zu ihrer Tochter. Die allerdings inzwischen verschwunden ist. Valerie genannt Veilchen ist völlig aufgelöst. Sie will alles unternehmen, um ihrer Tochter zu helfen. 

Der dritte Fall hat es wirklich in sich. Wie aus dem Nichts präsentiert sich Veilchens Tochter mit einer ganze Menge Problemen und einem Hund im Gepäck. Valerie Mauser mutiert in Null Komma nichts zum Muttertier, womit sie bei ihrer Tochter nicht unbedingt auf offene Arme trifft. Zwar gibt es keinen direkten Beweis für die Verwandtschaft, aber manche Ähnlichkeiten im Charakter fallen schon auf. Auf jeden Fall unternimmt Valerie gemeinsam mit ihrem besten Freund Stolwerk und dem unvergleichlichen Schmatz alles mögliche, um ihre Tochter zu schützen. Das allerdings stellt sich als nicht so einfach heraus, dazu wird nochmals auf die charakterlichen Ähnlichkeiten zwischen Mutter und Tochter verwiesen. 


Turbulent und chaotisch, manchmal etwas slapstickhaft geht es zu in diesem Buch. Alle sind sie wieder da Veilchen, Stolwerk und Schmatz und Rebekka, die im wahren Leben Luna heißt ist eine echte Bereicherung. Wenn vor lauter witzig durchgewirbelten Szenen auch manchmal der Krimi zu kurz kommt, fühlt man sich doch bestens unterhalten. Und je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr und gründlicher ergeben sich Ermittlungsergebnisse, die schließlich überraschen und doch logisch sind. Man meint, Stolwerk habe eine Familie gefunden, man weiß Valerie hat ihre Tochter gefunden, man wünscht Schmatz habe sein Glück gefunden. Man fragt sich, ob und  wie es mit Valerie Mauser und ihrem Team weitergehen wird. Wird sie in der Polizeihierarchie aufsteigen oder wird sie gar gemeinsam mit Stolwerk ein Büro für private Ermittlungen eröffnen. Der Autor Joe Fischler möchte als nächstes einen Abenteuerroman schreiben. Darauf darf man sicher gespannt sein, auch wenn man vielleicht insgeheim doch hofft, auch mehr über Valerie Mausers Leben zu erfahren. 

4 Sterne

Veilchens Blut von Joe Fischler
ISBN: 978-3-7099-3744-0


Sonntag, 6. November 2016

Von zwei Welten

Seit seine Schwester Hettie in der Alten Welt verschwunden ist, sucht ihr Bruder Bartholomew nach ihr. Im London der Dampfmaschinen wandert gleichzeitig Pikey Thomas umher, der Junge mit dem sehenden Auge. Mit diesem Auge kann er in die Alte Welt schauen und manchmal sieht er Hettie. Sie streckt die Hand nach ihm aus und kann ihn nicht erreichen. Doch Pikeys Leben ist hart, meist hat er nicht einmal genug zu essen und dann klaut er sich seine Tagesration zusammen. Natürlich fällt er auch wegen seiner Augenklappe auf, neugierige Gassenjungen wollen sehen, was darunter ist. Auf der Flucht kann Pikeys mitleidiges Herz es nicht ertragen, dass eine verletzte Fee Schmerzen leidet. Gutmütig renkt er ihren Flügel wieder ein. Als er die Belohnung, die sie ihm übergibt, im Pfandhaus versetzen will, landet er als Dieb im Gefängnis.

Bereits in seiner ersten Geschichte um Hettie und Bartholomew hat der Autor Stefan Bachmann seine Leser in seine Welten entführt. Eine Art England, in dem es Portale in die alte Feenwelt gibt. In diesem zweiten Band setzt Bartholomew die Suche nach seiner Schwester fort, die in die Alte Welt entführt wurde. Schon seit Jahren ist er erfolglos unterwegs. Erst seine Bekanntschaft mit Pikey lässt neue Hoffnung aufkommen, denn durch sein verletztes Auge sieht dieser Hettie in ihrer Gefangenschaft. Gemeinsam machen sich die beiden Jungen auf die Suche nicht nur, um Hettie zu finden, sondern auch um ihre Welt zu retten.


Obwohl dieser Roman für Kinder und Jugendliche geschrieben wurde, können sich auch Erwachsene in die Geschichte versenken. Mit Hettie ergeben sich Wanderungen durch die seltsame Feenwelt, die genauso dem Untergang geweiht scheint wie ein fast ebenso seltsames London. Bartholomew und Pikey suchen den Übergang in die Feenwelt, um Hettie zu befreien. Ihren mühsamen Weg begleitet man gefesselt. Mit manchmal recht brutalen Worten werden die mitunter grausamen Spielchen geschildert, die hier Feenwesen untereinander oder auch mit den Menschen treiben. Sehr düster wirken die gezeichneten Bilder, alles scheint auf eine Katastrophe hinauszulaufen, vor der es kein Entrinnen gibt. Dennoch hofft man auf eine letzte Wendung zum Guten und klebt förmlich an den Seiten, auf denen es dem Finale entgegen geht. Die Mischung aus Steampunk und Fantasy ist hier sehr gelungen und macht diesen Besuch in die Anderswelt zu einem echten Erlebnis.

4 Sterne

Die Wedernoch von Stefan Bachmann
ISBN: 978-3-257-06906-8


Samstag, 5. November 2016

Spielerei

Während der Verabschiedung eines Kollegin wird die junge Streifenpolizistin Laure von ihrem Partner Jaques sie zu einem Informanten zu begleiten. Kurze Zeit später macht sich ihre Freundin Aimée Leduc auf die Suche nach Laure. Aimée findet ihre Freundin verletzt auf einem Baugerüst, ihr Kollege wurde angeschossen und es gelingt Aimée nicht, ihn zu retten. Laure steht unter Verdacht, ihren Partner ermordet zu haben. Wegen ihrer schweren Kopfverletzungen kann sich Laure nicht zu dem Geschehen äußern. Ihr gelingt es lediglich, Aimée um Hilfe zu bitten. Die Privatdetektivin für Computersicherheit Aimée Leduc ist auch in Mordfällen in ihrem Element, besonders wenn es darum geht, ihrer Freundin zu helfen.

Die Autorin Cara Black lebt in San Francisco, ihre Lieblingsstadt ist allerdings die französische Hauptstadt. Und dorthin reist sie so oft wie möglich und immer in ihren Büchern um die Privatdetektivin Aimée Leduc. Auf Englisch hat Aimée bereits ungefähr fünfzehn Fälle gelöst, während auf Deutsch erst dieser dritte Band erschienen ist, bei dem es sich nicht um den dritten Teil der Reihe handelt. Sollte man die Reihe also ab Beginn kennenlernen wollen, müsste man auf die englischen Originale ausweichen, die wie es scheint nicht so leicht zu bekommen sind. Glücklicherweise stört die Unkenntnis der Vorgängerbände nicht bei der Lektüre des aktuellen Bandes. Aimée gerät hier eher durch Zufall und ihre Freundschaft zu Laure in diesen Fall eines Polizistenmordes. Mit Bravour überschreitet sie ihre Kompetenzen, einfach weil sie weiß, dass Laure nie einen Partner umbringen würde, der ihr jetzt am Beginn ihrer Laufbahn geholfen hat.

Im Jahr 2003 erstmalig veröffentlicht und im Jahr 1995 angesiedelt entführt einen der Roman in ein Paris, das gleichzeitig nah und fern scheint. Wieder liest man von Terror, jedoch in ganz anderem Zusammenhang als heutzutage. Und diese zeitliche Nähe und Ferne macht den Reiz dieses Buches aus. Es ist noch nicht so lange her und doch scheint es schon eine längst vergangene Zeit zu sein, die aufersteht. Probleme, die damals das Tagesgeschehen beschäftigten, erscheinen in der heutigen Lage der Welt eher niedlich. Hinzu kommen einige Termini, an die man sich selbst erinnert und die ein Gefühl des Wiedererkennens und ein sich heimisch fühlen auslösen. Der eigentliche Mordfall entwickelt  dabei eine besondere und packende Dimension, die einen ins Paris der 1990er eintauchen lässt.


Eine Reihe, die es durchaus verdiente, auch auf Deutsch vollständig veröffentlicht zu werden.

4 Sterne

Mord am Montmartre von Cara Black
ISBN: 978-3-85179-264-5


Donnerstag, 3. November 2016

Living on a Boat

Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn lebt Toni Sanftleben auf einem Hausboot. Seine Frau Sofie hat sich erstaunlich gut erholt, ist allerdings immer noch unsicher und kann sich an viele Ereignisse nicht mehr erinnern. Seit Toni nicht mehr im aktiven Polizeidienst ist, mussten sie den Gürtel recht eng schnallen. Deshalb ist Toni beinahe erleichtert als die Staatsanwältin Caren Winter ihn bittet, in dem Mordfall eines jungen Mannes zu ermitteln, der der beste Freund ihres Sohnes war. Seit der Mordnacht ist ihr Sohn Alexander verschwunden und Caren Winter hält Toni Sanftleben einfach für den besten Ermittler.

Kommissar Toni Sanftleben ermittelt wieder. Lange Zeit hat er sich hauptsächlich mit der Rekonvaleszenz seiner Frau beschäftigt, hat sie begleitet, sie von Therapie zu Therapie gefahren und Fortschritte bejubelt und Rückschläge tapfer hingenommen. Nun hat Sofie Sanftleben wieder eine gewisse Selbstständigkeit erlangt und Toni erkennt, dass er sie loslassen muss. Wenn er ganz ehrlich wäre, würde er wahrscheinlich gestehen, dass er seinen Job vermisst und ein Gehalt im aktiven Dienst ist auch nicht zu verachten. Der Fall ist knifflig, der Tote hat es in seinen jungen Jahren geschafft, sich viele Feinde zu machen. Staatsanwältin Winter ist verständlicherweise außerordentlich besorgt um ihren Sohn. Und nicht alle Kollegen scheinen über Tonis Rückkehr froh zu sein.

Mit seinem zweiten Fall bekommt Toni Sanftleben eine harte Nuss zu knacken. Fesselnd beschreibt Tim Pieper wie sein Held wieder in den Job einsteigt und sich auf die Spur von Opfer und Täter begibt. Hinweise wollen bedacht und zusammengesetzt werden. Spuren im näheren Umland Berlins wollen verfolgt werden, die Erzählungen, die die Umgebung bereit hält, wollen erzählt werden. Tonis Wege mit seinem klapprigen Auto oder in Kreislaufertüchtigung auf dem Rad geben einen guten Einblick in die Gegebenheiten der Landschaft. Eine Gegend der heruntergekommenen Gebäude, die zu unheimlichen nächtlichen Wanderungen einladen. Die Szene, in der sich das Opfer bewegte, ist lebendig beschrieben. Und die Stimmung in der teilweise einsamen Landschaft lässt sich bestens miterleben. In dem Moment, in dem Toni erkennt, in welche Richtung die Hinweise führen, wird es rasant spannend und das Buch ist plötzlich viel zu schnell beendet. Schwierig zu verstehen ist allein die Beziehung zwischen Toni und seiner Frau, die nach der Trennung von sechzehn Jahren, erst einmal zu sich selbst finden muss. 

Ein ausgesprochen lesenswerter Kriminalroman um Kommissar Toni Sanftleben und sein Team.

4,5 Sterne


Kalte Havel von Tim Pieper
ISBN: 978-3-7408-0001-7


Dienstag, 1. November 2016

Die Weltgeistlichen

Paul und Robert sind fast wie Brüder aufgewachsen. Ihr großer Traum ist es an der noch neuen Universität von Paris zu studieren. Sie wollen sich immer unterstützen und helfen. Einige Zeit später im Jahr 1229 haben sich einige andere Entwicklungen ergeben. Robert steht tatsächlich kurz davor sein Studium zu beenden. Paul dagegen betätigt sich als Kopist, dass heißt er lässt von etlichen Schreibern die Werke der großen Philosophen oder auch der Magister der Universität abschreiben und bietet seine Produkte zum Verkauf an. Davon lebt er mit seiner Frau Marie sehr gut, er hat es geschafft, ein Haus mit Glasfenstern zu kaufen. Doch wie an jeder Uni schlagen die Studenten beim Feiern manchmal über die Stränge und daraus entwickelt sich ein Streit, durch den schließlich sogar das Bestehen der Universität bedroht sein könnte.

Die Geschichte der Freunde Paul und Robert bildet den Hintergrund zur Beschreibung der Anfangsjahre der Universität von Paris. Es geht mitunter hoch her im Studentenviertel und mit ihren ausufernden Feiern rufen die Studenten den Unwillen des Klerus und der Obrigkeit auf sich. Es soll ein Exempel statuiert werden, um klar zu machen, dass nicht alles erlaubt ist. Doch einige der Magister schlagen sich auf die Seite der Magister. 


Historisch belegte Ereignisse verknüpft Peter Prange wie man es von ihm kennt mit fesselnden Geschichten, die wie aus dem Leben gegriffen scheinen. Die Freundschaft Pauls und Roberts bildet ein zentrales Thema. Doch auch die Erlebnisse Roberts während des Studiums und Pauls mit seiner Kopierwerkstatt werden beleuchtet. Ihre Wünsche und Ziele, Gefühle und Hoffnungen, ihr Streben nach Höherem lassen den Leser mitfiebern und an dem Schicksal der beiden jungen Männer teilhaben. Spannend und informativ sind auch die Begebenheiten um die Pariser Universität. Auch damals schon ging es in der Uni hoch her, doch anders als heute hatten die Entgleisungen der fröhlichen Studenten ernstere Auswirkungen als heute. Dieser fesselnde Roman Peter Pranges lädt ein, ein wenig selbst zu recherchieren und sich ein Bild der frühen Jahre der Sorbonne zu verschaffen, ein Bild des Aufbruch, der Freiheit der Lehre, der Unabhängigkeit von Staat und Kirche.

4 Sterne

Die Rose der Welt von Peter Prange
ISBN: 978-3-651-02264-5