Freitag, 23. Juni 2017

Gottes Werkzeug

Max Kramer will keine von seinem Vater vorgefertigte Karriere, deshalb ist er zur Polizei nach Mühldorf zurück gekehrt. Einmal zurück trifft er auch seine ehemalige Freundin Maria Evita wieder, die ist allerdings als Novizin in das Kloster eingetreten. Nicht lange dauert es, da hat Max Kramer seinen ersten Fall. Der alte Bichler Wirt sinkt während des Gottesdienstes tot zusammen. Natürlicher Tod? Der Mann war sehr betagt, doch er erfreute sich guter Gesundheit. Nur kurze Zeit später stürzt die Frau des Toten vor Schwester Maria Evitas Augen in den Hof des Klosters. Kann das noch ein Zufall sein?

Hier treffen Schwester Maria Evita und Max Kramer zum ersten Mal wieder aufeinander. Und schon entsteht eine Verbindung, die durch die Todesfälle noch intensiviert wird. Schwester Maria Evita kennt sich natürlich aus mit dem Kloster und der Kirche. Max vermutet allerdings, dass wenn es sich nicht um einen natürlichen Tod oder einen Unfall handelt, die Ursache eher in der Familie des alten Ehepaares zu suchen ist. Doch es geht nicht nur um Recht haben, es geht vielmehr darum, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Egal wie tief verborgen die Wahrheit liegt.

In diesem Hörbuch, das durch den Autor selbst mit viel Phantasie und Lokalkolorit vorgetragen wird, trifft das Weltliche mit dem Kirchlichen zusammen. Der wunderbar bodenständige Pfarrer Hirlinger mit seinem Fräulein Schosi, der heimgekehrte Max Kramer und die bekehrte Maria Evita. Sie geraten in ein Familiendrama um die Familie Bichler, die angesehene Wirtsfamilie, die doch einiges zu verbergen hat. Viel mehr Leute sind in die Sache verwickelt als man sich vorstellen kann, auch solche, bei denen man nun überhaupt nicht damit rechnet. 

Mit teilweise beißendem Witz und doch auch sehr humorvoll schildert der Autor die Geschehnisse. Obwohl er ein eher leichteres Format gewählt hat, gibt es in diesem Roman um die Tode in der Familie Bichler auch sehr ernste Momente und mit Spannung verfolgt man, wie schließlich die Lösung gefunden wird. Warum gerade in diesem Moment alles so kommt, ist nicht ganz schlüssig, das tut dem Hörvergnügen allerdings keinen Abbruch. Zwar gesteht die Rezensentin, dass ihr das zweite Buch dieser Reihe etwas besser gefallen hat, gute Unterhaltung bietet dieses Hörbuch aber allemal.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Gnadenort von Anton Leiss-Huber
ISBN: 978-3-86804-436-2


Dienstag, 20. Juni 2017

Das Teleskop

Der junge Adib kommt als Flüchtling aus Afghanistan nach Berlin. Dort lernt er den über 80jährigen Karl, der als Jugendlicher nach dem zweiten Weltkrieg ebenfalls nach Berlin kam. Karl, der gerade einen kleinen Schlaganfall überstanden hat, ist Adib gegenüber zunächst etwas skeptisch. Doch bald merkt er, dass der junge Mann sehr intelligent ist und in Deutschland ankommen will. Karl ist noch nicht wieder ganz gesund und deshalb ist er sehr froh, dass Marie, die Enkelin seiner Schwester, nach Berlin kommt und sich ein wenig um ihn kümmert. 

Zwei Flüchtlinge, deren Erlebnisse völlig unterschiedlich sind und sich doch ähneln. Der Verlust der Heimat, ein beschwerlicher Weg, der von leidvollen Erfahrungen geprägt ist. Die Väter der Familien fehlen, die Mütter haben viel Mühe, ihre Familien zusammen zu halten. Wie schnell kann ein Kind verloren gehen oder umkommen. Wie leicht kann man sich auf der Flucht Krankheiten zuziehen, die lebensbedrohlich sind, weil einfach keine Hilfe da ist. Wie verächtlich behandeln einen die Alteingesessenen, die ja nicht auf die Flüchtlinge gewartet haben. 

Ein berührende Story eines alten Mannes und eines Jugendlichen, die sich kennen und mögen lernen, obwohl die Vorzeichen dafür schlecht sind bzw. es eigentlich kaum Berührungspunkte gibt. Leider fehlt eine klare Aussage zu Karl späterer Einstellung zum Nazi-Regime. Immerhin hat er als junger Mensch die Energie besessen Abitur zu machen und Jura zu studieren. Dass er als Jugendlicher durch das System indoktriniert wurde ist wohl verständlich, doch es wäre schön gewesen, zu wissen, dass er sich mit der Sache beschäftigt hat und sich bewusst davon gelöst hat. So stehen einige Aussagen unwidersprochen im Raum, die in der Zeit vielleicht tatsächlich so gang und gäbe waren, von denen man sich aber wünschen würde, dass sie von Zeitzeugen wie Karl ins richtige Licht gerückt werden und deutlich wird, dass es falsch war, einem Tyrannen hinterher zu rennen und unsägliche Verbrechen an der Menschheit zu begehen. 

Diese beiden gegensätzlichen und doch ähnlichen Flüchtlinge können einen sehr gut daran erinnern, dass vielleicht in der eigenen Verwandtschaft vor nicht allzu langer Zeit Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern geflohen sind, vertrieben wurden, ihre Heimat verlassen mussten. In diesem Gedanken könnte mehr Verständnis für die Lage der heutigen Flüchtlinge aufbringen. Keiner wird seine Geburtsstadt, seine gewohnte Umgebung, seine Freunde und Familie leichten Herzens verlassen. Viele werden mit Hoffnungen auf ein besseres Leben losziehen. Hoffnungen, die sich vielleicht nicht schnell und nicht komplett erfüllen lassen. Doch eine Chance auf die Erfüllung seiner Hoffnungen, Wünsche und Träume sollte doch jeder haben.

Ein Roman mit einer ausgesprochen lesenswerten Grundidee, durch die man erinnert wird, dass wie schnell man selbst ein Flüchtling sein könnte, von dem man sich in Teilbereichen allerdings eine deutlichere Aussage wünsche würde.


3,5 Sterne

Das Schicksal der Sterne von Daniel Höra
ISBN: 978-3-8458-1093-5


Sonntag, 18. Juni 2017

Für das Leben

Bei der Polizeihundeprüfung wäre Ronja durchgefallen, obwohl sie eine echte Leiche gefunden hat. Die Leiche einer jungen Frau, die offensichtlich schon vor längerer Zeit in ihrem Versteck verscharrt wurde. Kommissar Dühnfort ist nach einem Urlaub wieder im Einsatz und übernimmt den Fall. Zunächst einmal gestaltet es sich schwierig, die Tote zu identifizieren. Niemand scheint sie vermisst zu haben. Wenigstens im Privaten läuft alles bestens, seine Frau Gina, ebenfalls Polizistin, ist schwanger und beide freuen sich riesig auf ihr erstes Kind. Gina ermittelt jetzt in Cold Cases und sie ist an einem der wenigen Fälle dran, die Dühnfort nicht lösen konnte.

Wie schwierig ist es, herauszufinden, was geschehen ist, wenn zunächst keine Hinweise vorliegen. Eine Leiche, die zwei Jahre lang nicht entdeckt wurde, ohne Papiere, ohne große Hinweise auf die Identität. Eine Leiche, auf die keine Vermisstenmeldung zu passen scheint. Ist es nicht ein trauriges Schicksal, wenn man verschwindet und keinen kümmert es. Nach der langen Zeit ist der Anblick der Verstorbenen auch nicht mehr so repräsentabel. Es muss also eine Phantomzeichnung angefertigt werden. Doch ein Ring, der bei der Toten gefunden wurde, bringt eine erste Spur. Augenscheinlich hat sich die junge Frau zwei Jahre zuvor in Luft aufgelöst.

Bei seinen Ermittlungen kommen Dühnfort und seine Kollegen es mit vielen Menschen zu tun, deren Handeln recht unverständlich erscheint. Prügelnde Väter, lieblose Mütter, Kinder, die ihrer Opferrolle entfliehen wollen. Was sich da an Abgründen auftut, lässt einen erschaudern. Auch das private Idyll wird eingetrübt. Tino und Gina müssen eine schwere Entscheidung fällen, etwas, worum man sie nicht beneidet, was sie aber mit einiger Größe meistern. 

Ein Dühnfort-Krimi zum Eintauchen, sehr spannend wird ein Familiendrama geschildert, das den Anfang vor etlichen Jahren nahm. Gefesselt grübelt man mit dem Kommissar, was man übersehen haben könnte. Gebannt erwartet man die Entscheidung, ob Gina und Tino die Aufgabe annehmen, die ihnen das Leben stellt. Die Balance zwischen abgeschlossener Krimihandlung und den Entwicklungen im Privatleben von Gina Angelucci und Konstantin Dühnfort, die man hoffentlich weiter verfolgen darf, ist sehr gelungen. Auch wenn der Fall im berechtigt im Vordergrund steht, kommt das Private nicht zu kurz.

Dieser Kriminalroman gefällt in seiner Ausgewogenheit und mit einem dramatischen Fall, dessen Lösung man vielleicht erahnt, was allerdings nichts daran ändert, dass man die Handlung inhaliert.


4,5 Sterne

Sieh nichts Böses von Inge Löhnig
ISBN: 978-3-8437-1536-2


Samstag, 17. Juni 2017

Bad Romance

Im ehrwürdigen Cambridge ist ein Student, der als sicherer Fassadenkletterer bekannt war, vom Dach gestürzt. Sein Tutor, Dr. Augustus Huff, ist temporärer Erbe des Graupapageien Gray. Allerdings kommt er eher zufällig an das Tier, denn die Putzfrau glaubt, in des Studenten Zimmers spukt es als sie plötzlich dessen Stimme vernimmt. Augustus soll also eigentlich einen Geist austreiben und kommt dann mit einem Papagei nach hause. Dr. Augustus Huff Zähler und Pedant vor dem Herrn hat auf einmal einen Vogel, der ihm von Bad Romance erzählt und Nüssen und psychologischen Problemen. Und an dem Ableben seines Studenten kommt Huff auch einiges eigenartig vor.

Natürlich ist der Papagei durch den Tod seines Besitzers, der viel Zeit damit verbracht hat, dem Vogel das Sprechen beizubringen, ziemlich verstört. Alleine bleiben will er erstmal nicht. Dr. Huff will aber keine Unordnung in seiner Wohnung, was ihm zu einigen Übernachtungen in seiner Badewanne verhilft. Schließlich kann der Papagei im Bad nicht viel durcheinander bringen, aber wie erwähnt, er schläft nur in Gesellschaft. Und so sitzt er regelmäßig auf Huffs Schulter während dieser sich aufmacht, die Umstände des Todes seines Studenten näher zu beleuchten. Schnell findet Huff heraus, dass im Leben des nicht sonderlich beliebten Elliot einiges anders war als geglaubt.

Dieses Buch lebt wahrlich von dem zwanghaften Ordnungsfanatiker Dr. Augustus Huff, der jeden Schritt am liebsten mit dem linken Fuß beginnt, und seinem überraschenden Erbe. Gray, von dem man beinahe glauben könnte, er versteht, was er sagt. Eigentlich als Forschungsobjekt gedacht, nimmt der Papagei nicht nur Augustus für sich ein. Doch wie Huff schnell merkt, ist er plötzlich nur noch der mit dem Vogel, was bei seinen Ermittlungen durchaus hilfreich sein kann. Und so stolpert er durch diesen witzigen Krimi, der mit einigen Überraschungen aufwartet, auch wenn diese hinter der ausgeklügelten Situationskomik manchmal zurücktreten. 

Mit Bjarne Mädel wurde für Gray und Huff eine geradezu ideale Stimme gefunden, die das Hören des Romans zu einem außerordentlichen Vergnügen macht. Man kann ihn sich bestens als Dr. Huff mit seinem temporären Besitz auf der Schulter durch die Gassen von Cambridge wandernd vorstellen. Auch wenn man seine „Bad Romance“ erst nach einer Suche im großen Netz zuordnen kann, ein Lied, das es tatsächlich gibt und das man auch noch kennt, behält sein „rara ulala“ einen gewissen Witz. Huffs leichte Naivität, die doch auch gepaart ist mit großer Intelligenz, kommt sehr eindrucksvoll rüber. Man nimmt ihm ab, dass er manchmal vom Leben überfordert ist und das er sich doch nicht scheut eben jenem Leben die Stirn zu bieten. Und Gray bringt genau die richtige Portion Unordnung in des Doktors Leben. 


Dr. Augustus Huff und sein nun nicht mehr temporärer Mitbewohner bilden ein echt tolles Team. Man würde wünschen, mehr von ihnen zu hören.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)



Freitag, 16. Juni 2017

Wo bin ich

Seit er vor fast zwanzig Jahren den Mord an einer jungen Frau gestanden hat, ist Anders Rask in Sicherungsverwahrung. Doch plötzlich zieht er sein Geständnis zurück und beantrag die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Kommissar Tommy Bergmann hat nicht viel Zeit, um zu beweisen, dass Rask doch schuldig ist. Wie passt aber die Leiche ins Bild, die auf eine Art und Weise zugerichtet wurde, wie in dem alten Fall. Ist hier ein Nachahmer am Werk oder könnte an Rasks Aussage, er habe die Jugendliche damals nicht umgebracht etwas dran sein? Es war sein erster Mordfall im Jahr 1988 und im Jahr 2004 will Tommy Bergmann unbedingt alles richtig machen.

Auch in seinem zweiten Fall hadert Tommy Bergmann mit seiner eigenen Vergangenheit, seinen Vater kennt er nicht und zu seiner Mutter hatte er nicht das beste Verhältnis. Nicht nur, um seine Stelle zu behalten, unterzieht er sich einer Therapie. Dass sein aktueller Fall in laufend an seine eigene Vergangenheit erinnert, macht die Ermittlung nicht leichter. Doch dem Mörder muss einfach das Handwerk gelegt werden. Zusammen oder vielleicht doch eher auf unterschiedlichen Pfaden machen Tommy und seine Kollegin Susanne Bech daran, den Fall aufzuklären. Zunächst scheint dabei nichts zusammen zu passen. Erst nach und nach beginnen sich Zusammenhänge zu entwickeln, in denen große Brisanz steckt.

Ein Buch, dass mit einem Paukenschlag endet. Wie Gard Sveen im Nachwort berichtet, habe eine Leserin ihm entgegengeworfen, so könne er das Buch nicht enden lassen. Doch, er könne, aber es werde eine Fortsetzung geben. Und so hat man mit diesem ersten Teil einer Geschichte, einen zum Teil aufgeklärten Fall, der fesselt, aber zwangsläufig auch etwas unbefriedigt zurücklässt. Mit dem mitreißenden ersten Fall in „Der letzte Pilger“ kann das nicht verglichen werden. Auch der vorliegende Band um Kommissar Tommy Bergmann ist gerade zum Ende hin ausgesprochen spannend und natürlich wird man ebenso neugierig wie es mit Bergmanns persönlicher Geschichte wie auch die Beantwortung der Frage „Wo bin ich?“ hergeleitet wird. Mit Überzeugung, dass der Autor eine packende Lösung finden wird, bleibt man doch etwas hängen gelassen zurück. 

Ein sehr spannender Kriminalroman, der wegen der Unvollendung des erzählten Falles nicht wirklich abschließend gewürdigt werden kann.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Teufelskälte von Gard Sveen
ISBN: 978-3-471-35149-9


Donnerstag, 15. Juni 2017

Drei Leben

Die Mittfünfzigerin Avis ist entsetzt. Ohne Vorwarnung erzählt ihr Mann, er habe eine neue Freundin und werde sich trennen. Es zieht Avis den Boden unter den Füßen weg. Was soll sie nun bloß mit ihrem Leben anfangen. Alles scheint zu Ende. Am Anfang steht der achtjährige Einwandererjunge Bashkim, dessen Eltern aus Albanien nach Las Vegas gekommen sind. Seine Eltern sind zwar eher arm und verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Eisverkäufer, aber der Junge hat Glück und darf eine angesehene Schule besuchen, wo er bei den Mitschülern und Lehrern beliebt ist. Doch auch sein Leben nimmt eine Wende als er einen Brief an einen US-Soldaten in Übersee schreibt. Er erhält eine Antwort, die er als sehr schockierend empfindet.

Drei Menschen, die sich nicht kennen, die jedoch alle in Las Vegas leben oder gelebt haben. Nebeneinander ohne Bezug zueinander, so wäre es, würden nicht gewisse Ereignisse wie zum Beispiel der Brief dazu führen, dass es zu Berührungspunkten kommt. Was hat das Schicksal für die drei Fremden in petto. Avis, mit Eheproblemen, von denen sie bis zur Offenbarung ihres Mannes nichts wusste. Avis, die es nicht leicht hatte, die glaubte, es geschafft zu haben, die nun merkt wie brüchig alles Glück sein kann. Bashkim, voller Hoffnung auf den amerikanischen Traum, der mit der harten Wirklichkeit konfrontiert viel von seiner kindlichen Freude verliert. Und ein traumatisierter Soldat, der ums Überleben kämpft.


Drei Leben, deren Wege sich kreuzen. Menschen, die einiges erleiden müssen und dabei nicht absehen können, ob es eine Wendung zum Besseren geben kann. Flucht, Schrecknisse des Soldatendaseins, Schicksalsschläge, die das Leben einem auferlegt. Ein Roman, der auffordert, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen und der damit keine leichte Kost bietet. Allerdings entwickelt die Autorin ihre Geschichte langsam und sorgfältig, so dass sich die Zusammenhänge erst relativ spät abzeichnen. Schwierig wird es sich in die Charaktere hineinzuversetzen. Viele Empfindungen werden nur angedeutet und Tatsachen werden nicht ausgesprochen. Etliches wird dem Leser überlassen, der Zeit hat, Antipathien zu entwickeln. Wäre Bashkim nicht, für den man wirklich hofft, dass ihm eine gute Zukunft beschieden ist, käme das Buch tatsächlich an die Grenze einen als Leser zu überfordern. Diese Ungewissheit des was hätte man besser machen können gegenüber dem man kann sowieso nichts ändern können, hält die Handlung sehr in der Schwebe. Und so hat man hier ein Buch, das sehr nachdenklich macht, das aber nicht für sich einnimmt.

3 Sterne (🐳🐳🐳)

We are called to rise von Laura McBride
ISBN: 978-1-4767-3898-7


Mittwoch, 14. Juni 2017

Käffchen geht immer

Und wer war nun diese Sekretärin, die den Koffer ihres Mannes zurückgebracht hat? Die mit den Stiefeln bis über die Knie? So sollte Carinas Mädels-Abend eigentlich nicht anfangen, aber es ist heraus, ihr Mann Jonas hat sie betrogen. Carina, die immer beinahe bis zur Selbstaufgabe alles getan hat, um ihre Ehe am Laufen zu halten, ist am Boden zerstört. Da kann es nur eine Lösung geben. Jonas muss gehen. So hat sich Jonas das allerdings nicht vorgestellt, er möchte weiterhin seine warmen Mahlzeiten zu hause und den Champagner in der Stadt. Während Carina endlich beginnt, auch mal an sich zu denken, erfährt Jonas bald, dass einen der Alltag manchmal schneller ereilt als einem lieb sein kann.

Puh, was für ein unsympathischer Meckerfred ist dieser Jonas. Nichts kann seine Frau ihm recht machen, alles reglementiert er und mit dem Geld hält er sie auch noch knapp. Dafür darf sie dann knechten, die Kinder betreuen, kochen, putzen, eine tolle Hausfrau und Mutter sein. Im ersten Moment denkt man, wenn man etwas nicht gebrauchen kann, ist es so eine Ehe oder sogar überhaupt eine Ehe. Da gibt es keine traute Zweisamkeit mehr, die es zu vermissen gälte. Doch kann einer alleine an allem Schuld sein? Selbst wenn es so wäre, führt diesesTrennungsereignis doch auch dazu, das Carina beginnt, darüber nachzudenken, was sie in ihrem Leben ändern könnte. Ihre Mädels besonders ihre beste Freundin Leni stehen ihr dabei treu zur Seite und haben auch so manchen Tip. Und wenn gar nichts mehr geht, dann gibt es einen Kaffee. Der baut auf. 

Wie herrlich kann man sich aufregen über Jonas, der sich wie ein schlechter Sohn verhält, und auch über Carina, die sich schlechter macht als nötig und die man etwas schütteln möchte, um ihr Selbstbewusstsein wieder aufzurütteln. Auch wenn sich sie bei diesem Buch um  eine eher leichtere Lektüre handelt, so sind doch ein paar ernstere Untertöne vorhanden, die durchaus anregen können, sich auch über sich selbst ein paar Gedanken zu machen. Kommt man zu sehr in eine Routine, nimmt man alles zu selbstverständlich? Wird man immer anspruchsvoller, wenn ein anderer versucht, Wünsche zu erfüllen? Reicht es nicht, wenn Sachen erledigt werden, müssen sie immer auch richtig erledigt werden? Und was, wenn alles in Scherben liegt? Was kann man selber tun, um wieder eine gute Basis in sein Leben zu bekommen. 


Eine schöne heiterere Sommerlektüre mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, die aber nie ihre Leichtigkeit verliert und die wahrhaft lehrt zu fliegen. Und wenn das nicht hilft: Käffchen geht immer!

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ich schenk dir die Hölle auf Erden von Ellen Berg
ISBN: 978-3-8412-1306-8


Sonntag, 11. Juni 2017

Cainesville

Ihr Leben verläuft in geregelten Bahnen, sie kommt aus einem wohlhabenden Elternhaus, sie leistet ehrenamtliche Tätigkeiten und in einem Monat soll die Hochzeit sein. Jäh ist es allerdings vorbei mit der Idylle. Olivia Taylor-Jones erfährt, dass nichts von dem stimmt, was sie für selbstverständlich erachtet hat. Reporter haben sie aufgespürt und auf einmal ist sie die Tochter von verurteilten Mördern. Olivia sieht nur eine Chance, sie muss herausfinden, ob das, was ihren leiblichen Eltern zur Last gelegt wurde, wirklich so geschehen ist. Ihr Weg führt sie nach Cainesville, ein eigenartiges kleines Städtchen, in dem sie wohlwollend aufgenommen wird.

Natürlich passiert so was nicht im richtigen Leben. Dennoch ist die Vorstellung, dass das ganze Leben zusammenstürzt, wenn man etwas erfährt, mit dem man nie gerechnet hätte, eher beängstigend. Schon allein die Mitteilung, man sei adoptiert, stellt alles auf den Kopf. Doch wenn man dann auch noch damit klarkommen soll, dass die leiblichen Eltern Schwerverbrecher sein sollen. Das scheint fast unmöglich zu ertragen zu sein. Schnell kommt Misstrauen gegenüber den Adoptiveltern auf, warum haben sie nie etwas gesagt. Haben sie die Wahrheit gekannt. Welches Erbe trägt sie von ihren leiblichen Eltern in sich. Ein Mördergen?

Auch wenn man nicht unbedingt in Sachen Horror oder Paranormal unterwegs ist, lohnt es sich diesem Buch eine Chance zu geben. In diesem ersten Band einer Reihe, von der auf Englisch in diesem Jahr noch der Abschlussband erscheint, geht es hauptsächlich irdisch zu. Die junge Olivia ist verständlicherweise am Boden zerstört als sie erfährt, dass ihr wohlbehütetes Leben auf einer Lüge basiert. Von ihrer Adoptivmutter fühlt sie sich im Stich gelassen und zum ersten Mal muss und will sie für sich selbst sorgen. Und so gerät sie nach Cainesville und gemeinsam mit dem ehemaligen Anwalt ihrer leiblichen Mutter beginnt sie mit den Nachforschungen, was sich zur Zeit der Mordserie tatsächlich zugetragen hat. Dieses Szenario bildet die Grundlage für einen packenden Thriller mit leichten paranormalen Anklängen, die gerade einen besonderen Reiz bilden wie ein außergewöhnliches Gewürz in einer so schon wohlschmeckenden Suppe. Das leichte Prickeln zwischen Olivia und Gabriel regt zusätzlich die Phantasie an. 


Nach einem fesselnden Beginn und einem eher ruhigen Mittelteil nimmt die Geschichte zum Schluss hin so viel Fahrt auf, dass man nichts anderes tun kann als Seite für Seite seine Neugier zu befriedigen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Dunkles Omen von Kelley Armstrong
ISBN: 978-3-453-31857-1




Samstag, 10. Juni 2017

Nüchtern

Danny Katz wird von einer jungen Frau kontaktiert. Ihr Ehemann ist seit ein paar Tagen verschwunden und sie hat den Eindruck, dass die Polizei kein großes Interesse hat, die Ermittlungen einzuleiten. Man geht dort von einem freiwilligen Verschwinden aus. Joel Klingberg hat das Verschwinden seines älteren Bruders nie verwunden, auch nicht nach über vierzig Jahren. Katz kennt den Verschwundenen aus seiner Militärzeit, gemeinsam wurden sie zu Übersetzern ausgebildet. Doch kann das auf der Suche nach dem Vermissten hilfreich sein? Möglicherweise ist Danny Katz mehr durch den Fall angerührt als ihm lieb sein kann. 

In seinem ersten Fall wird Danny Katz mit einem Teil seiner Vergangenheit konfrontiert. Seine Zeit beim Militär hat ihn schon geprägt, obwohl er einiges nicht durchblicken konnte und ihm Hintergrundwissen vorenthalten wurde. Die Wege seines Kameraden Joel hat er nicht mehr weiter verfolgt. Umso rätselhafter ist nun sein Verschwinden. Hegt Klingberg auch nach den langen Jahren noch den Wunsch, das Schicksal seines Bruders zu klären? Oder hat ihn noch etwas anderes veranlasst, sein Haus zu verlassen? War es überhaupt ein freiwilliges Geschehen? Schnell bekommt Katz den Eindruck, dass nicht alle Fragen, die er stellt, ehrlich beantwortet werden. Ähnlich geht es der Staatsanwältin Eva Westin.

Zwar ist es nicht zwingend notwendig, die Bände der Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen, aber Sinn macht es natürlich schon. Aber auch wenn man den Folgeband bereits kennt, vermag auch dieser erste Teil zu fesseln. Allerdings muss man der Thematik, die der Autor wählt, eine gewisse Offenheit entgegen bringen. Man mag nicht glauben, dass es im vermeintlich beschaulichen Schweden so hart hergehen kann. Was vom Menschen übrig bleibt, scheint nicht allzu viel, wenn er die Mühlen durchlaufen hat. Doch müsste nicht jemand etwas merken? Allerdings fällt einem dann doch schnell wieder ein, dass man den Leuten bekanntlich nur vor den Kopf kucken kann. Auch wenn vielleicht noch nicht alles ganz rund läuft, hat der Autor doch einen interessanten Ermittler in einem besonderen Umfeld vorgestellt, der in seinem ersten Fall schon gut beginnt und im zweiten zu noch besserer Form aufläuft.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schattenjunge von Carl-Johan Vallgren
ISBN: 978-3-453-26946-0




Donnerstag, 8. Juni 2017

Windmühlen der Wüste

Sebastian hält es mit seinem Vater nicht mehr aus. Dieser möchte am liebsten, dass der 17jährige überhaupt nicht aus dem Haus gehen soll. Nur joggen ist erlaubt. Doch Abends, wenn der Vater seine Schlaftablette genommen hat, schleicht sich Sebastian hinaus und fährt U-Bahn. Dort sieht er sie. Auch Maria schleicht sich Nachts hinaus, ihr Freund Carl glaubt, sie gehe zur Arbeit, doch der Job ist futsch. Maria genießt ihre kleine Freiheit, denn Carl ist kein Traummann. Langsam kommen sich Sebastian und Maria näher und teilen ihre Träume. Sebastian und Maria genießen ihre kleine Flucht, doch können sie eine gemeinsame Zukunft haben?

New York, die Stadt, die niemals schläft. In ihr leben die unterschiedlichsten Menschen und es finden die ungewöhnlichsten Begegnungen statt. Sowohl Sebastian als auch Maria befinden sich in einer Extremsituation. Beide werden von ihrem Umfeld eingeschränkt und an ihrer Entfaltung gehindert. Und so scheinen sie wie füreinander geschaffen. Sie stützen sich und hoffen auf eine bessere Zukunft. Doch sagen sie sich auch die ganze Wahrheit? Je häufiger sie sich treffen, desto mehr wächst auch die Gefahr der Entdeckung. Wird ihre Geschichte sein wie in der West Side Story?

Wer hätte Tony und Maria kein Happy End gegönnt, im Film muss es doch nicht zugehen wie im richtigen Leben. Und so hält man Sebastian und Maria wirklich die Daumen, dass ihre zarte junge Liebe eine Zukunft hat. Man hofft auf das märchenhafte „und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ und beginnt doch zu überlegen und zu befürchten, dass ein solcher Ausgang der Geschichte doch zu unwirklich wird. Und so schwankt man etwas zwischen der Hoffnung auf eine süße Liebesgeschichte, der Furcht vor einem schwer erträglichen Ende und der Frage, ob ein realistisches Ende, die Geschichte nicht umso glaubwürdiger macht. Gerade das macht zwar auch einen großen Teil des Reizes aus, den der Roman entwickelt. Doch das lange Offenhalten aller Möglichkeiten, macht es auch etwas schwer, seinen eigenen Zugang zu der Story und ihren Personen zu finden. Am Überzeugendsten wirkt dabei Sebastian, sein Vater bleibt dagegen recht zurückgenommen. Maria entwickelt große Stärke, doch manchmal wirkt ihre Persönlichkeit noch nicht so gereift.


Ein unterhaltsamer Roman mit einigem Tiefgang, der vielleicht jüngere Erwachsene mehr mitreißt als ältere.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Wohin der Wind uns führt von Catherine Ryan Hyde
ISBN: 978-1-503-99850-6



Dienstag, 6. Juni 2017

Heimkehr

Einige Jahre hat die Rechtsmedizinerin Sofie Rosenhuth in Berlin gearbeitet. Nun kehrt sie in ihre Heimatstadt München zurück. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag findet Sofie eine tote Maus, die tatsächlich so aussieht als sei sie keines natürlichen Todes gestorben. Nun könnte eine Maus ihr eigentlich egal sein, aber Sofies Neugier ist geweckt und sie nimmt den kleinen Leichnam mit. Etwas derangiert kommt sie an ihrem Arbeitsplatz an und erhält eine Ansprache von ihrer neuen Chefin. Na, das fängt ja gut an. Sofie kann zum Glück bald einigen Boden gut machen, denn ein kleines Mädchen bricht zusammen und Sophie hat das richtige Näschen, um eine mögliche Ursache zu erkennen.

Die Heimkehr an ihre alte Wirkungsstätte bringt Sofie, die vor ihrem Studium als Polizistin tätig war, viel Gutes. Aber nicht alles ist eine reine Freude, denn auch ihr Ex-Mann Joe tritt wieder in ihr Leben ein. Er ist der ermittelnde Kommissar und Sofie muss mit ihm zusammenarbeiten, ob es ihr nun gefällt oder nicht. Dann gibt es da aber auch den Lichtblick von Polizeireporter und seinem Auto, denen Sofie gerne einen zweiten Blick widmet. Eine Stütze für Sofie ist auch ihre Tante Vroni. Ja, daheim ist es doch am schönsten. Und nun gilt es herauszufinden, wieso das kleine Mädchen erkrankt ist und welches Geheimnis die tote Maus in sich birgt.


Ein Lokalkrimi mit viel Münchner Hofart. Sofie ist eine freundliche gewitzte Rechtsmedizinerin, der man so leicht nichts vormachen kann. Ihre ursprüngliche Polizeiausbildung hilft ihr beim Aufspüren kleinster Spuren. Doch manchmal ermittelt sie auch in Joes Zuständigkeit hinein, was diesem nicht immer passt. Aber wenn es noch eine Zukunft für Sofie und Joe geben soll - das hätte Vroni gerne - muss er natürlich über einiges hinweg sehen. Insbesondere über die Anwesenheit dieses Reporters, der seine neugierige Nase überall hineinsteckt. Ja, man kann sich Sofies Heimkehr mit Wohlfühlfaktor gut vorstellen. Zwar hat sie es nicht ganz leicht, aber grundsätzlich ist es in ihrer Umgebung doch eher kuschelig. Und so unterhält die Lesung mit viel Mundart auf kurzweilige Art und Weise. Als Hörer, der in Mundarten keine besonderen Fähigkeiten besitzt, hat man glücklicherweise keine Verständnisprobleme, aber man sehnt sich schließlich doch ein wenig nach dem Hannoveraner Zungenschlag.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die kalte Sofie von Felicitas Gruber
ISBN: 978-3-868-04443-0

Die Rezi bezieht sich auf das Hörbuch. Da konnte ich beim Verlag kein Cover zum Download finden, deshalb hier die Leseprobe:




Montag, 5. Juni 2017

Freiheit!

Kurz nach dem Krieg wird Nellys Vater von den Sowjets aus Ostberlin nach Russland verschleppt. Wie viele andere Wissenschaftler soll er für die Sieger forschen. Nellys Mutter weigert sich, ihren Mann zu begleiten. Noch im Jahr 1953 weiß Nelly nicht, wo ihr Vater ist. Bald will sie Abitur machen, doch ihr Engagement bei der christlichen jungen Gemeinde wird ihr zum Verhängnis. Ihr wird verboten, an den Abiturprüfungen teilzunehmen. Wolf Uhlitz, ein junger Uhrmacher, der sich in Nelly verliebt hat, wird von der Stasi in den Dienst gezwungen, um die christliche Gruppe zu infiltrieren. Und der Russe Ilja, der einmal gut zu Nelly war, bringt immer seltener Briefe von ihrem Vater.

Keine Liebesgeschichte im eigentlichen Sinne, keine romantischen Treffen junger Menschen in einer wachsenden DDR, in der doch alles nicht so schlimm ist. Man muss nur seine Nische finden. Und wenn man nicht in eine abgeschottete Nische will? Wenn man offen seine Meinung sagen will? Wenn man einfach nur über Vor- und Nachteile des Systems diskutieren will. Im Frühjahr 1953 ist die Lage in Ostdeutschland schlecht, die Normen werden heraufgesetzt, die landwirtschaftliche Produktion sinkt, die Läden sind leer. Manche Mütter wissen nicht, wie sie ihren Kindern etwas Vernünftiges auf den Tisch bringen sollen. 

Bespitzelung und Denunziation an allen Ecken und Enden. Keiner kann dem anderen wirklich trauen. Geheimdienste spionieren und nutzen jede Gelegenheit, um die jeweils anderen auszuspähen. Und auch die große Politik spinnt ihre Fäden. Gerade diese jedoch haben nicht unbedingt das Wohl der Menschen im Sinn. Wenn es um das sogenannte große Ganze geht, kann ein Einzelner schon zum bedauerlichen Opfer werden. Und so wird der verzweifelte Aufstand der Arbeiter von allen Seiten für die eigenen Ziele genutzt. 

Nach der mitreißenden Lektüre dieses Romans fühlt man sich eindringlich daran erinnert, dass die Freiheit, sich nach seiner Überzeugung zu äußern und zu leben, zumindest solange man andere damit nicht ungerechtfertigt einschränkt, nicht selbstverständlich ist. Fast klaustrophobisch könnte man das Gefühl beschreiben, das die Lektüre auslöst. Die immer größer werdende Enge des Überwachungsstaates, das gegenseitige Belauern, das Misstrauen, das immer größer wird. Dazu ein spannendes Spionagegeschehen vor dem Hintergrund der Weltpolitik. Man stellt sich, die Frage, ob die Menschen in der DDR von allen verlassen wurden, zum einen, um den idealen Arbeiter- und Bauernstaat zu schaffen, zum anderen aber auch, um ein vereintes, aber neutrales Deutschland zu verhindern. Soll man von Glück reden, wenn die eigenen Großeltern einfach ein paar Kilometer weiter gelaufen sind und einem so ermöglicht haben in einer westlichen Demokratie aufzuwachsen. Zumindest sind die Zeiten vorbei, in denen man dieses Privileg für selbstverständlich halten sollte. 

Ein hervorragender zeitgeschichtlicher Roman, der sehr eindringlich daran erinnert, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.


5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Der Tag X von Titus Müller
ISBN: 978-3-89667-504-0




Donnerstag, 1. Juni 2017

Strangsanierung

In einem alten Mietshaus wohnen ein paar ältere Damen in einer schönen Mietergemeinschaft. Die Wohnungen liegen zentral und sind günstig. Doch nun können sie ihr Idyll nicht mehr genießen. Das Haus wurde verkauft und soll zu Luxuswohnungen saniert werden. Und diese Sanierung wird auf Kosten der Nerven der Mieterinnen ausgetragen. Da wird schon mal der Herd ausgebaut oder es fehlt ein Fenster. Beinahe jedes Mittel ist zur Entmietung recht. Die neue Hausmeisterin kann da auch nicht viel helfen, schließlich wird sie vom Vermieter bezahlt. Als eine der alten Damen im Haus stürzt und in der Folge stirbt nehmen die Dinge eine noch unangenehmere Wendung.

Wie fühlt man sich in einem Haus, in dem der Vermieter alles unternimmt, um einen die Wohnqualität zu vermiesen? Wie weit gehen Vermieter, um die Mieter loszuwerden? Und welche Chancen haben die Mieter auf ein menschenwürdiges Wohnumfeld? Was ist, wenn die Mieter, die Dinge selbst in die Hand nehmen? Könnte die neue Hausmeisterin eine Verbündete sein? Allerdings scheint die junge Frau ein Geheimnis zu haben. Manchmal versinkt sie geradezu in sich selbst. Und schlussendlich ist sie beim Vermieter angestellt und damit nicht unbedingt eine Verbündete.


Sehr gut herausgearbeitet hat die Autorin die Situation der Mieterinnen in ihrem Haus, dass nicht mehr ihres sein soll. Ihre Verzweiflung, aber auch die Energie, mit der sie sich in die Aufgabe stürzen, ihre Wohnungen zu behalten und das in einem vernünftigen und lebenswerten Zustand. Etwas blass bleibt allerdings das eigentlich ergreifende Schicksal der Hausmeisterin Carin. Es will sich nicht so recht erschließen wieso sie zwar ein Studium geschafft hat und nun als Hausmeisterin versucht, wieder auf die Füße zu kommen. Auch die Ermittlungen finden neben der wie gesagt sehr berührenden Schilderung der Situation der Mieterinnen etwas wenig Platz. Wie kommen sie darauf, dass sie einen Fall haben, welche Maßnahmen ergreifen sie, was sind ihre Gedanken? Ein Krimi mit einem sehr interessanten Thema und etwas wenig Krimi.

3 Sterne (🐳🐳🐳)

Mach, Gier und Haie von Monika Detering
ISBN: 978-3-96087-7508-3


Dienstag, 30. Mai 2017

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Yasmin fliegt mit ihrer zehnjährigen Tochter Ruby nach Alaska. Matt, ihr Mann, soll sie vom Flughafen abholen. Doch statt ihres Ehemannes wartet die Polizei. Eine Polizeibeamtin teilt Yasmin mit, dass es einen schweren Brand in dem Inuit-Dorf gegeben habe, in dem Matt sich aufgehalten hat, um einen Naturfilm zu drehen. In Yasmins Kopf dreht sich alles, das kann nicht sein. Matt hat doch versucht, sie anzurufen als die Katastrophe schon ihren Lauf genommen hatte. Yasmin muss das mit eigenen Augen sehen, sie glaubt einfach nicht, dass ihr Mann unter den Toten sein soll. Gegen alle Vernunft und Widerstände machen Yasmin und Ruby sich auf den Weg nach Norden.

Wenn man schon einmal eine Dokumentation über die Lkw-Fahrer gesehen hat, die ihre fahrenden Festungen durch die Eiswüste steuern und allen Gefahren trotzen, kann man sich recht bildhaft vorstellen, was Yasmin und ihrer gehörlosen Tochter bevorsteht. Eine Fahrt durch eine gleißende weiße Stille, in der Mutter und Tochter dasselbe hören. Yasmin, die damit hadert, dass ihre Tochter lieber mit den Händen spricht, die sich nach ihrem Mann sehnt und fürchtet, ihre Ehe könne am Absterben sein. Mit viel Glück schaffen die Beiden auch ohne große Hilfe der Behörden ein Stück auf ihrem Weg voranzukommen. Bald schon aber wissen sie nicht mehr, wer ihnen hilft oder wer ihnen eher Steine in den Weg legen möchte.

Ein Lkw fährt sich nicht von selbst, auch wenn eine Mutter in der Gefahr über sich selbst hinauswächst, um ihr Kind und ihren Mann zu beschützen oder zu retten, wirkt es doch etwas weit hergeholt, dass sie mit einem unbekannten Fahrzeug in unbekanntes und unwirtliches Gelände fährt. Das ist allerdings auch der einzige Kritikpunkt, der sich ein wenig aufdrängt. Davon abgesehen ist die Höllenfahrt von Yasmin und Ruby einfach nur packend und dramatisch ohne Ende. Man verschlingt eine Seite nach der anderen unfähig aufzuhören. Man begegnet hilfsbereiten Menschen und solchen, die nur so tun. Nicht immer ist es leicht zu unterscheiden, wer auf welcher Seite steht und welches die Seiten überhaupt sind. Man fragt sich anhand der bekannten Tatsachen, ob es überhaupt eine Hoffnung für Matt geben kann oder ob Yasmin und Ruby schließlich doch die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass er keine Chance hatte. Während der ganzen Zeit hört man förmlich das Brummen der Motoren oder man fühlt es wie Ruby. Man hält den Atem an, man zittert und bangt. Man versinkt in dem Buch, klasse.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Lautlose Nacht von Rosamund Lupton
ISBN: 978-3-423-26121-0


Montag, 29. Mai 2017

Die Bestie

Für den Dreh einer Serie sind Jeremiah Salinger und seine Familie zurückgekehrt nach Südtirol. Alles läuft bestens bis zu einem Unglück, das Jeremiah nicht mehr loslässt. Schon vor dreißig Jahren ist ein großes Unheil über die Gemeinde hereingebrochen als drei junge Menschen grausam ermordet wurden. Salinger setzt nun alles daran, die noch immer nicht völlig geklärten Umstände der Morde aufzudecken. Um herauszufinden, was vor dreißig Jahren geschah, spielt Jeremiah mit seinem familiären Glück und seiner beruflichen Reputation. Viele Ortsansässige scheinen mehr über die Zusammenhänge zu wissen als vorhersehbar war. Sollte der Täter etwas mit den Opfern zu tun gehabt haben?

Steigert sich Jeremiah Salinger da in etwas hinein? Warum lässt er die Toten nicht einfach ruhen? Natürlich ist seine Seelenpein nach dem Unfall, den er selbst erlitten hat, groß. Will er Buße für seine Toten tun? Will er zu sich selbst zurückfinden? Bedeuten seine Frau und seine Tochter ihm nicht genug, um abzulassen? Zu Beginn seiner Nachforschungen wird er von den Dorfbewohnern nicht gerade wohlwollend empfangen, wenn er mit seinen Fragen auftaucht. Die Vergangenheit ist doch vergangen. Die Toten können nicht wieder erweckt werden. Doch die wiederwillig gegebenen Antworten weisen Wiedersprüche auf. Allem Anschein weist die offizielle Version der Geschichte doch einige Lücken auf. Und Salinger sieht es als seine Aufgabe an, diese Lücken zu füllen.

So wie manche Bücher ein Herzschlagfinale haben, hat „Der Tod so kalt“ einen Herzschlagbeginn. Man muss erst einmal tief durchatmen, bevor der Autor einen in ein zunächst ruhigeres Fahrwasser entlässt. Doch wieder wird man gepackt, die Wahrheit über die dreißig Jahre alten Morde, scheint wie mit vielen Schleiern verhüllt. Jede eigentlich logische Erklärung erfährt weitere Erklärungen, jeder logische Tathergang wird als nicht so hundertprozentig richtig entlarvt und jeder scheint Details zu wissen, die er eigentlich nicht wissen kann. Mehrfach überrascht man sich bei dem Gedanken, wie vertrackt, das kann doch eigentlich nicht sein. Doch mit seinen Gedankengängen und Schilderungen vermag der Autor zu glänzen. Man nimmt Jeremiah seine Besessenheit ab, seine innere Unruhe, seine Unfähigkeit von der Sache zu lassen, seine Qual um das Wissen, was er aufs Spiel setzt. 

Ein ausgesprochen spannender Debütroman, der hervorragend gelesen wird von Matthias Koeberlin, der die Fähigkeit besitzt, die Lesung interessant und lebendig zu gestalten und doch nicht zu sehr ins Schauspielern zu geraten. Ein vielschichtiger Roman, in dem es immer wieder Neuigkeiten zu entdecken gibt, vorgetragen von einem Leser, dessen Stimme und Interpretation perfekt zu Geschehen passen.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Der Tod so kalt von Luca D'Andrea
ISBN: 978-3-8445-2470-3



Sonntag, 28. Mai 2017

Textsicher

Bei einem Morgenspaziergang mit den Hunden findet die ehemalige Kriminalreporterin Jimm Juree einen menschlichen Kopf. Nach einer oberflächlichen Untersuchung will die Polizei die Sache ad acta legen. Doch die haben nicht mit Jimm gerechnet. Auch wenn ihre Karriere ziemlich den Bach runtergegangen ist seit ihre Mutter mit Jimm und ihrem Bruder Arny in dieses verschlafene Provinznest zog, ihre Fähigkeiten und ihre Neugier hat sie nicht verloren. Neugierig machen sie auch die einzigen beiden Gäste im Ferienresort der Mutter, welche weder ihren Pass vorlegen wollten, noch Nummernschilder am Auto haben.

Energisch macht sich Jimm Juree auf die Suche nach den Hintergründen, die sowohl zum Auffinden des leichelosen Kopfes als zur Ankunft auch der beiden Frauen geführt haben. Dabei bedient sie sich der Hilfe ihrer besonderen Polizeiverbindung, der Unterstützung ihrer Schwester, die einmal ein Bruder war und auch ihr kleiner Bruder Arny, der Bodybuilder mit dem zarten Gemüt, steht ihr zur Seite. Jimm jedoch ist es, die ihre Gedanken flitzen lässt und gewitzt nach Zusammenhängen sucht. Meir, die Mutter der drei, behält immer noch das Geheimnis für sich, weshalb sie soweit ab von pulsierenden Leben sitzen.

Dieser zweite Band um die Erlebnisse der frechen Reporterin Jimm Juree entwickelt sich zu Beginn etwas langsam. Man meint, die Spuren werden von den Wellen am Strand davon gespült. Erst wenn klar wird, um welche Themen es dem Autor eigentlich geht, gewinnt der Roman an Spannung und Tempo. Dabei erzählt er von Begebenheiten, die in der heutigen Zeit beinahe unglaublich scheinen, deren Wahrheitsgehalt allerdings schon bei einem kurzen Blick ins große weite Netz verifiziert wirkt. So überzeugen Jimm und ihre Familien- und Haustiermenagerie zwar erst relativ spät, aber schließlich überzeugen sie doch.

Die wunderbare Idee mit den Liedtexten geht leider ein wenig an der Rezensentin vorbei, da sie selbst nicht besonders textsicher ist.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Ein Kopf macht noch keine Leiche von Colin Cotterill
ISBN: 978-3-442-48127-9




Samstag, 27. Mai 2017

Hinter den Spiegeln

Jacob hat seinem kleinen Bruder Will immer versprochen, dass er zurück kommen wird. Zwar hat es manchmal gedauert, aber er hat sein Versprechen gehalten. Doch schon lange ist ihr Vater verschwunden und nun die Mutter gestorben. Will ist alleine, Halt gibt ihm seine Freundin Clara. Und diesmal wartet Will nicht auf Jacobs Rückkehr, diesmal folgt er ihm in die Welt hinter den Spiegeln. Dort erwarten die Brüder erstaunliche Abenteuer und eine märchenhafte Welt, die zwar so ähnlich ist wie die Bekannte, aber doch wundersam anders. Doch auch hinter den Spiegeln lauern Gefahren.

Eine neue Facette der Welt der Cornelia Funke gibt es hier zu entdecken. Jacobs Erzählungen von seinen Abenteuern wirken wie Spaziergänge durch den Märchenwald, da gibt es die Farben Weiß (wie Schnee), Rot (wie Blut), Schwarz (wie Ebenholz), da gibt es Rapunzelhaar oder Schneckenschleim, der unsichtbar macht. Wundersame Dinge, die Jacob für die Königin gesucht hat, wundersame Dinge, die er selbst behalten hat. Eine Welt, in der Will sich staunend umsieht. Eine Welt in der es Zwerge und Gestaltwandler gibt. In dieser Welt läuft Will Gefahr zum Goyl zu werden und er scheint seinem Schicksal nicht entgehen zu können.

Cornelia Funke auf Englisch, mal was anderes, und doch fühlt man sich wohl in dieser Märchenwelt. Gleichzeit fragt man sich, wieso Jacob das Land hinter den Spiegeln der normalen Welt vorzieht. Will er das Schicksal des Vaters aufklären oder kann er einfach nicht erwachsen werden. Sein kleiner Bruder wirkt jedenfalls reifer, er musste sich der Wirklichkeit stellen bis ihn schließlich doch die Neugier packt. Und so bilden sich zwei eigene Paarungen, Jacob und Fuchs, Will und Clara. Kann Wills Weg nur zurück in die Welt vor den Spiegeln führen? Wird Jacob im Märchenwald bleiben? Bis sich die Frage entscheidet, haben Will und Jacob geradezu unglaubliche Abenteuer zu überstehen. Dieses Jugendbuch besticht durch Phantasie und liebevolle Anspielungen auf bekannte Märchen. Ob sich auch Erwachsene noch in diese Phantasiewelt einfühlen können, müssen diese für sich selbst entscheiden.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The petrified Flesh von Cornelia Funke
ISBN: 978-0-9891-6564-8


Freitag, 26. Mai 2017

Seelenverkäufer

Sein Schiff ist früher ausgelaufen als geplant und mit ihm seine Papiere. Der aus New Orleans stammende Matrose Gale muss nun zusehen wie er weiterkommt. Auf einem anderen Schiff anzuheuern, ist ohne Seemannsbuch nicht so leicht. Ebensowenig wie ohne Seemannsbuch an einen Pass zu kommen. Deshalb wird Gale erstmal von einem europäischen Land ins andere abgeschoben. Als quasi Staatenloser kann in niemand gebrauchen. Erst auf der heruntergekommenen Yorikke findet der Seemann eine Stelle als Kohlenzieher. Hier wird nach keinem Buch nach keinem Ausweis gefragt. Doch Gale ist froh, einen Platz gefunden zu haben.

Nach dem ersten Weltkrieg ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Grenzen wurden neu geschrieben, Nationalitäten und Ausweispapiere bekamen eine besondere Bedeutung. Man muss beweisen können, wer man ist. Gale, der seine Papiere verloren hat, kann das nicht und so spürt er eine kafkaeske Welt. Kein Land will ihn aufnehmen, kein Konsul ihm Ersatzpapiere ausstellen. Von Land zu Land wird er abgeschoben, heimlich, er soll sich nur nicht erwischen lassen. Natürlich wird er doch erwischt und das Spiel geht von neuem los. Bis er dann doch angeheuert wird, auf einem Schiff, dass anscheinend hauptsächlich von der Farbe zusammengehalten wird. Die unterste Position des Kohlenziehers wird ihm gegeben. Mit einem Kollegen zusammen leistet er Schwerstarbeit, fühlt sich ausgebeutet und wartet auf den Moment, in dem die Yorikke untergeht.

Der Autor soll geäußert haben, wenn er seine Geschichte erzählen kann, muss er noch leben. Beim Lesen jedoch erscheint es unwahrscheinlich, wie man diese Ereignisse überleben soll. Im ersten Teil des Buches, wo es mehr darum geht, was mit Menschen geschieht, die es eigentlich nicht gibt, weil sie keine Papiere haben, reibt man sich des Öfteren die Augen, ob der unglaublichen Herablassung, mit der die Staatenlosen als Bittsteller behandelt werden. Man fühlt sich an die Lage der Flüchtlinge heute erinnert, die von einem Ort zum nächsten geschickt werden. Der Matrose Gale bemerkt weise, dass seine Situation eine ganz vertrackte ist, aus der er sich kaum befreien kann. Im zweiten Teil wird hauptsächlich geschildert, welch schwere Arbeit zu leisten ist. Fast wie Sklaven werden die Matrosen ausgebeutet, schlecht ernährt und kaum bezahlt. Ein Entkommen gibt es nicht, denn es bleibt das Problem mit dem Seemannsbuch. Die ausweglose Situation, die Arbeit unter schlimmsten Bedingungen, Schilderungen, die sich aus heutiger Zeit, in der, so ist jedenfalls zu hoffen, doch einiges einfacher ist, kaum ertragen lassen. Wie kann man eine solche Höllenfahrt überleben. B. Traven versteht es hervorragend, die Stimmung des Staatenlosen einzufangen, der gezwungen ist, seine Seele zu verkaufen, um auf dem Totenschiff überleben zu können. Sicher steckt in dem Buch auch eine nicht zu übersehende Portion Kritik an Staatenwesen und Bürokratie. Auch Schiffe, die mitsamt ihrer Mannschaft auf hoher See verschwinden, um eine Versicherungssumme einzustreichen, verdienen nicht nur die Verachtung des Autors.

Eine Lektüre, bei der man sich manchmal schütteln möchte, die gleichzeitig packt, ekelt und wütend auf die Strippenzieher macht.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Das Totenschiff von B. Traven
ISBN: 978-3-257-21098-9


Donnerstag, 25. Mai 2017

Toskana criminale

Das Sabbatjahr des Münchner Anwalts Robert Lichtenwald lässt sich ganz anders an als erwartet. Während seiner Auszeit in einem Rustico in der Toskana will er eigentlich innehalten und für sich wiederfinden, was wichtig ist. Seine Frau hat ihn verlassen und seine Tochter macht ein freiwilliges soziales Jahr in Südamerika. Im Laufe eines Spaziergangs, den Lichtenwald mit dem ehemaligen Eigentümer seines Rustico unternimmt, entdecken die beiden die Leiche einer Prostituierten. Entsetzt rufen sie sofort die Polizei und geraten zunächst einmal selbst in Verdacht. Natürlich ist das schnell aufgeklärt, aber das Geheimnis um die Tote ist nicht so leicht zu lösen. Bald darauf wird eine weitere Tote gefunden. Kann es einen Zusammenhang geben?

Die Toskana wegen ihrer geschichtsträchtigen Orte, der Pinienhaine, des angenehm milden Klimas ein beliebtes Reiseziel vieler Urlauber. Ein Traum Vieler ist es auch, ein Häuschen in der Toskana zu besitzen. Und so könnte man meinen Robert Lichtenwald hätte sein Ziel erreicht. Der Traum, gemeinsam mit Frau und Tochter auszuspannen und zu genießen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Nun sitzt er alleine hier und denkt darüber nach, was wohl schief gelaufen ist, wo er hätte innehalten müssen, die Weichen hätte anders stellen können. Durch den Mord wird er jäh aus seinen Gedanken gerissen und gemeinsam mit der Journalistin Gaida beginnt er mit den Nachforschungen nach Zusammenhängen und Hintergründen.


Ein wenig in der Schwebe hängt Lichtenwald, unentschlossen zwischen den Schritt nach vorn oder der Rückbesinnung. Frischer dagegen die forsche Giada, die schon mal laut und deutlich werden kann. Beschreibungen von Land und Leuten wechseln sich mit Informationen zum Lebenshintergrund einzelner Personen ab. Die Kriminalgeschichte wirkt manchmal wie eingestreut, das Thema rumort schnell im Hinterkopf, die Spuren, die zur Lösung führen sollen, wirken wie gelegt. Als Leser mag man auch ein paar kleine Schwierigkeiten haben, sich in die religiöse Komponente zu finden. Natürlich ist das Geschmacksache und mit den grundsätzlich sympathischen Protagonisten und dem toskanischen Flair, das sehr plastisch rüberkommt, vermag es der Autor Interesse zu wecken und sehr gut zu unterhalten.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Morde von Morcone von Stefan Ulrich
ISBN: 978-3-8437-1522-5


Sonntag, 21. Mai 2017

Vertigo

Siebzehn Jahre ist es her seit Tess Williamson die Treppe zu ihrem Garten hinabgestürzt und dabei gestorben ist. Ihr Mann Tom hat nie an einen Unfall geglaubt, doch erst jetzt bittet er Superintendent Jury, sich der Sache noch einmal anzunehmen. Es ist die Unsicherheit, die Williamson nicht mehr ertragen will. Richard Jury begreift sofort, was den Witwer umtreibt und er will den Versuch starten nach den langen Jahren noch etwas herauszufinden. Der Weg an den Ort des Geschehens führt natürlich bei seinem Freund Melrose Plant vorbei. Und nach einem gemeinsamen Pubbesuch der Bande erhalten sie die Nachricht von einem Todesfall. Eine junge Frau ist von einem Turm gestürzt.

Unfall, Mord oder Selbstmord - alle drei kommen als Ursache für die Todesfälle in Betracht. Für Jury gilt es, das Unwahrscheinliche auszuschließen und das Wahrscheinliche zu ermitteln. Bei einem fast zwanzig Jahre alten Geschehen, dürfte das nicht so einfach sein. Können Zeugen sich noch erinnern, sind Beweisstücke oder Akten noch vorhanden? Bei dem aktuellen Fall gestaltet sich dies natürlich einfacher. Jury, für beide Untersuchungen eigentlich nicht zuständig, aber England scheint ein Dorf zu sein, in dem ein Polizist den nächsten kennt, beginnt mit den Nachforschungen. Melrose Plant steht im dabei mit Ideen zur Seite, die wegweisend sein können.

Bereits zum 23. Mal ermittelt Inspektor Jury, der im Laufe der Zeit zum Superintendent aufgestiegen ist. Bei den spärlichen Hinweisen auf den zeitlichen Rahmen fragt man sich, wie alt Jury wohl sein mag. Derartig langlebige Serien bieten da häufiger Anlass zu Spekulationen, da die Helden ja nicht zu schnell altern dürfen, schließlich müssten sie irgendwann in Pension gehen und dann würde dem Leser doch etwas fehlen. 


Auch nach einer längeren Pause findet man sich schnell wieder im Juryversum zurecht, gerade auch im Hinblick auf die kürzlich gesendeten Verfilmungen, die der Leser als zwar leichte, aber in gewisser Überzogenheit durchaus gelungene Inszenierung der skurrilen Ermittlungen des Inspektor Jury ansehen kann, der Kritiker aber gerne verreißen mag. Aus Zufällen, an die man glauben muss, obwohl es sie eigentlich nicht geben kann, webt Martha Grimes, eine Amerikanerin mit einem Faible fürs Britische, einen Fall, der mit Überraschungen gespickt in seinen Bann zieht. Meist geschickt konstruiert und mit lässiger Eleganz hin und wieder etwas im Ungewissen lassend.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Inspektor Jury und die Frau in Rot von Martha Grimes
ISBN: 978-3-442-31401-0




Samstag, 20. Mai 2017

Revolution

Junktown ist ein Musterbeispiel für eine Stadt der Zukunft. Nach der Revolution sind Drogen freigegeben worden und die Menschen frönen dem Konsum. Schöner Müll liegt in den Straßen und die Drei-Tage-Woche lässt genug Zeit für jedes Laster. Konsumnachschub wird in Brutmaschinen gezüchtet. Eines Tages jedoch wird eine dieser Brutmaschinen zerstört genauer gesagt getötet. Der heruntergekommene Polizist Solomon Caine, der nie verwunden hat, dass seine Frau den Weg des goldenen Schusses wählte, soll herausfinden, was geschehen ist. Schnell entdeckt er, dass die Brutmutter keines natürlichen Todes gestorben ist und dass der Vorstand der Anlage, in der sie installiert war, etwas zu verbergen hat.

Eine unheimlich schöne neue Welt, nicht mehr viel arbeiten zu müssen, freien Zugang zu Drogen und jedem anderen Konsumgut zu haben. Doch was, wenn man regelmäßig nachweisen muss, dass das Drogenniveau im Blut hoch ist. Wenn das High ausbleibt, weil die Gewöhnung einsetzt, wenn der Konsum schal wird und einem der Müll im Garten auf die Nerven geht. Solomon Cain, einst ein Führer der Revolution, ein erster des neuen Staates, hat Zweifel. Sein Status schützt und so kann er sich manches erlauben, wofür andere eine Herabstufung erfahren würden. Wird es ihm jedoch mit seinen unkonventionellen Methoden möglich sein, hinter das Geheimnis des Todes der intelligenten Brutmaschine kommen.

Solomons Welt ist nicht immer leicht zu ertragen, dass zu viel des Konsums, der Drogenzwang, die Kontrolle, die Manipulierbarkeit der Menschen, der Gesellschaft. Doch gerade darin kann man eine Warnung sehen, dass nicht jeder Konsum gut ist und die Manipulationen an den Konsumenten auch nicht erstrebenswert sind. Schon heutzutage ist man etlichen Dingen ausgesetzt, die auch im Buch beschrieben werden. Kaum jemanden wird es gelingen wahrhaft integer und über alles unparteiisch informiert zu sein. Und so hat man in der Beschreibung dieser Konsumstadt ein abschreckendes Abbild einer Zukunft, der wir möglicherweise entgegen sehen. Da sich beim Lesen der Beschreibungen des Lebens in Junktown ein gewisser Widerwillen einstellen kann, gerät das Buch hier mitunter ein wenig sperrig. 

Leichter hat man es da durchaus mit Inspector Solomon Cain und seiner Herangehensweise an den Fall. Mit seinen unkonventionellen Methoden versucht er, einen spannenden und vielschichtigen Fall zu lösen. Frech, intelligent und manchmal tragisch wirkt seine Figur. Vor seiner Hartnäckigkeit und Stärke als alter Revoluzzer kann man nur den Hut ziehen. 

Mit seinem Buch stellt der Autor eine düstere neue Welt vor, in der man nicht leben möchte, über die es jedoch nachzudenken und zu reflektieren gilt.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Junktown von Mathias Oden
ISBN: 978-3-453-31821-2




Donnerstag, 18. Mai 2017

Daunendrom

Vor langen Jahren hat der Schriftsteller Anthony Peardew einen kostbaren Gegenstand verloren, er gehörte seiner Verlobten Theresa, die kurz vor der Hochzeit plötzlich verstarb. Anthonys Leben war danach wie abgetötet. Nur langsam kam er aus diesem Tief empor, aber er war für immer verändert. Anthony begann verlorene Dinge zu sammeln, genau schrieb er auf, wo und wann er sie gefunden hatte. Und schließlich dachte er sich Geschichten der verlorenen Dinge aus. Langsam ist Anthony älter geworden und er nimmt die Hilfe seiner Assistentin Laura gerne in Anspruch. Die ist sehr froh, dass sie die Stelle bekommen hat. Nach einer schweren Scheidung ist ihr Selbstbewusstsein auf einem Tiefpunkt angelangt. Laura muss erst einmal wieder zu sich finden und genießt die ganz besondere Atmosphäre in Anthonys Haus mit dem wunderschönen Rosengarten.

Diesen Debütroman von Ruht Hogan durchwandert man als sei man auf einer Entdeckungsreise. Immer neue kleine Geschichten und Handlungsstränge kann man entdecken. Der liebenswert melancholische Anthony, der seiner zerrauften, aber ausgesprochen sympathischen Assistentin einen Start in eine bessere Zukunft sichern möchte. Laura, die sich zunächst überfordert fühlt und ihre Aufgabe schließlich annimmt. Sunshine, mit dem Daunendrom, die mehr Durchblick hat als alle anderen, auch wenn die Worte manchmal den Gefühlen hinterher rennen müssen. Freddy, der gut aussehende Gärtner, der mehr auf dem Kasten hat als den wunderbaren Rosengarten zu pflegen. Um sie ranken sich Geschichten und Geschichtchen, die mal belustigen, mal wehmütig, mal melancholisch stimmen. Über allem liegt aber die positiv anheimelnde Stimmung, die das Haus, in dem Anthony lebt, auszuströmen scheint.

Ein wenig scheinen die Personen aus dieser Welt gefallen zu sein, beinahe zu lieb, zu gut scheinen sie. Und dennoch fasziniert und fesselt ihre Geschichte und das Geheimnis, welches sie umgibt. Wohlig angerührt verschlingt man Seite um Seite, mal voller Wehmut, mal voller Hoffnung, mal voller Mitempfinden. Auch wenn es vereinzelt ein paar Zufälle gibt, die eigentlich nicht passieren können und man vielleicht auch ein paar Schwierigkeiten hat mit von innen verschlossenen Türen, im Großen und Ganzen überzeugt die Autorin mit ihren liebenswerten Charakteren und einer runden heimeligen und anrührenden Geschichte. Und Sunshine hätte durchaus eine eigene Geschichte verdient.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge von Ruth Hogan
ISBN: 978-3-8437-1470-9


Dienstag, 16. Mai 2017

Wer war es?

Kurz vor ihrer Hochzeit treffen sich Bräutigam, Braut und einige Freunde. Makoto ist ein bekannter Drehbuchautor und seine Verlobte Miwako hat einige Lyrikbände veröffentlicht, wobei ihr Glanz den Makotos überstrahlt. Allerdings hält Miwakos Bruder nicht viel von der Beziehung. Außer Miwako scheint niemand so richtig traurig zu sein als Makoto auf dem Weg zum Altar zusammenbricht und stirbt. Kurz nach dem tragischen Ereignis wird auch eine ehemalige Freundin des Autors tot aufgefunden. Was kann zu den beiden Todesfällen geführt haben? Kommissar Kaga beginnt mit seiner Untersuchung.

Aus der Sicht von Miwakos Bruder, der Lektorin und des Managers des Toten werden die Ereignisse geschildert. Allein schon dies macht den Roman von Keigo Higashino zu etwas besonderem. In einem Moment behaupten alle drei, sie hätten Makoto getötet, eine Lösung also, die keine ist. Und so ist es an Kommissar Kaga, die Geschehnisse und die verschiedenen Aussagen der Beteiligten aufzudröseln und den Täter zu ermitteln oder auch die auszuschließen, die für die Tat nicht in Frage kommen. Dabei stellt sich heraus, dass Makoto ein rechter Unsympath war, der seine jeweiligen Freundinnen ziemlich mies behandelte und entsorgte, wenn er ihm in den Kram passte. Man fragt sich, wieso er nun die zarte Miwako heiraten will. Geht es ihm mehr um das Ausnutzen ihres Potentials als Autorin? Die Schaffenskraft des Makoto scheint ihren Zenit überschritten zu haben.


Gespannt verfolgt man die Geschehnisse und versucht hinter das Rätsel zu kommen, wer hier was zu verbergen hat. Gerade wenn man glaubt, die Motive des vermeintlichen Täters entschlüsselt zu haben, ergibt sich wieder eine andere Wendung, die einen alles in Zweifel ziehen lässt. Und einen besonderen Kniff lässt sich der Autor schließlich einfallen, der das Ermittlerherz im Leser höher schlagen lässt, man wünscht sich, die Zeit würde ausreichen, das Buch ein zweites Mal zu lesen, um wirklich jede Einzelheit zu würdigen. Hat man die Gelegenheit, den Roman als ebook zur Verfügung zu haben, kann man auch den Nutzen einiger Links zu genießen. Eine kleine Narretei des Autors macht diesen klassischen Krimi mit liebevollen Reminiszenzen an Agatha Christie zu einer Spezialität des Genres.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ich habe ihn getötet von Keigo Higashino
ISBN: 978-3-608-10928-3


Sonntag, 14. Mai 2017

Die Rheinbrücke

Der Polizeiseelsorger Martin Bauer wird zu einer Rheinbrücke in Duisburg gerufen. Ein Mann will sich von der Brücke stürzen. Bauer ist ungewöhnlichen Methoden gegenüber aufgeschlossen und manchmal ist eine Aktion besser als eine Reaktion. Und so springt Bauer als erster von der Brücke und wird von dem Mann gerettet, der eben noch seinem Leben ein Ende setzen wollte. Schon am nächsten morgen ist der andere tot, er war Polizist und gegen ihn wurde wegen Korruption ermittelt. Und nun hat er offensichtlich sein Vorhaben doch noch in die Tat umgesetzt. 

Nachdem Martin Bauer als Gemeindepfarrer nicht so gut angekommen ist, hat er als Polizeiseelsorger seine Bestimmung gefunden. Allerdings macht er es sich auch mit dieser Tätigkeit nicht leicht, er neigt dazu manchmal weiter zu gehen als es seine Jobbeschreibung eigentlich verlangt. Obwohl der Tod des Polizisten als Selbstmord zu den Akten gelegt werden soll, rumort es in Bauer. Der Sohn des Toten ist traumatisiert, sicher bedarf er der Hilfe eines kompetenten Partner und die Witwe wirkt sehr geschockt. Zwar schien die Familie nicht übermäßig glücklich, aber soll eine bloße Untersuchung der Internen jemanden in den Selbstmord treiben?

Mit diesem ersten Band um den Polizeiseelsorger Martin Bauer und die Kommissarin Verena Dorm  stellen die Autoren eine sehr ungewöhnlichen Ermittler vor. In seiner Hartnäckigkeit und des „Er kann´s nicht lassen“ könnte man sich zwar im ersten Moment an Pater Brown erinnert fühlen, der den Kollegen von Recht und Ordnung mal ins Handwerk pfuscht, doch Martin Bauer geht doch um einiges ernsthafter ans Werk. Sein Glauben gibt ihm Kraft und Zuversicht, doch dieser Fall verlangt ihm so viel ab, dass er beinahe ins Zweifeln kommt. Familienmensch, Pfarrer, Ermittler - eine interessante Kombination komplexer Eigenschaften, bei einem, der nachbohrt, der nicht locker lässt. Gebannt hängt man an den Seiten, mit jedem Blättern treten neue Einzelheiten zutage, die einen noch mehr fesseln. Geschickt jonglieren die Autoren mit den verschiedenen Hinweisen und schicken die Leser auf eine Reise, deren Ziel lange verborgen bleibt, um schließlich beim Herannahen des Ziels zu einem wahren Thriller zu werden. 

Die Kombination zwischen Glaube, Liebe und Tod ist hier ausgesprochen gelungen. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Glaube Liebe Tod von Peter Gallert und Jörg Reiter
ISBN: 978-3-8437-1474-7


Samstag, 13. Mai 2017

Raue Küste

Die Polizeistation von Kinloch an der schottischen Westküste scheint nicht ausreichend mit Personal und Material ausgestattet zu sein, um die Ermittlungen in einem Mordfall bewältigen zu können. Eine weibliche Leiche in desolatem Zustand wurde angespült und schon die Bergung gestaltet sich schwierig. DCI Jim Daley wird von Glasgow an den kleinen Küstenort beordert, um die Untersuchung zu unterstützen. Zunächst gilt es die Tote zu identifizieren und erste Informationen zu sammeln. Schnell stellt sich heraus, dass die Bewohner des kleinen Städtchens Fremden gegenüber nicht unbedingt offen sind. Daley scheint ungeachtet dessen doch Kontakt zu den Einheimischen zu finden.

Nach dem kleinen Teaser „Die Mädchen von Strathclyde“ ist dies nun Jim Daleys erster großer Fall, von dem Denzil Meyrick berichtet. Jahre sind vergangen und Daley hat sich in der Hierarchie hochgearbeitet, so dass er nun als leitender Ermittler in diesem schrecklichen Mordfall fungiert. Seine Ehe hat sich im Laufe der Jahre nicht ganz so positiv entwickelt wie erhofft, aber er kämpft um ihren Fortbestand. Treu an seiner Seite steht weiterhin DC Scott, der es vorgezogen hat an der Front zu ermitteln und so auf eine echte Karriere verzichten musste. Zu Beginn gestalten sich die Nachforschungen schwierig. Widersprüchliche Informationen geben kein schlüssiges Bild, doch Daley und Scott lassen nicht locker.

Intrigen und Ränke in den Rängen der Polizei, mäßig funktionierende Partnerschaften, humorvolle Szenen, eine gehörige Portion schottische Kultur und von Lokalkolorit geprägter Zungenschlag - aus diesen und anderen Zutaten strickt der Autor einen spannenden Krimi, bei dem man das Filmpotential sofort aufblitzen sieht. Allerdings wirken die verschiedenen Inhaltsstoffe mitunter etwas zusammengewürfelt und ergeben so nicht immer ein stimmiges Gesamtbild, entweder als habe Denzil Meyrick sich nicht entscheiden können, ob dieser Roman mehr von des Autors eigener Erfahrung als Polizist habe profitieren sollen oder von seiner Kenntnis von Land und Leuten, sollte es ein Lokalkrimi werden oder sollten die privaten Lebensumstände der Beamten ein wichtiger Bestandteil der Ermittlungen sein. Was in der oben erwähnten Vorgeschichte noch stimmig wirkte und nur wegen der Kürze zwangsweise etwas oberflächlich anmuten musste, erweckt hier den Eindruck als sei es das Bestreben gewesen jeden ansprechen zu wollen. Und so wechseln sich humoristische Szenen mit ausführlichen Beschreibungen des britischen Polizeiapparates. Schottisch geprägte Gespräche, die wahrscheinlich schwierig zu übersetzen sind, bilden einen Gegensatz zu den Beschreibungen. Und so bleibt man etwas unschlüssig, was für eine Art Krimi man hier hat. Zwar muss ein Roman nicht unbedingt einem bestimmten Genre zuordenbar sein, jedoch könnte hier der Eindruck entstehen, dass die die Teile nicht geschmeidig ineinander fließen, sondern einzelne Brocken zusammengestellt wurden. Dennoch gelingt es dem Autor sehr gut die raue Schottische Küste vor dem Auge des Lesers erstehen zu lassen und große Sympathie für den Menschenschlag zu wecken. Das Interesse an Jim Daley und seinen Mannen weckt dieser erste Band der Reihe mit Sicherheit und man darf gespannt sein, was die weiteren Bände bringen. Im englischen Original durfte DCI Daley immerhin bereits fünf Ermittlungen leiten.


3,5 Sterne

Tödliches Treibgut von Denzil Meyrick
ISBN: 978-3-959-67664-9


Donnerstag, 11. Mai 2017

Ein neues Leben

Durch einen unglücklichen Zufall hört die junge Novizin Ellin wie ein Mordkomplott geplant wird. Auf den Erzbischof von Köln geplant wird. Sie und ihre Mitschwester Jonatha werden entdeckt und müssen fliehen. Die bedauernswerte Jonatha wird von den Häschern gepackt und umgebracht. Ellin gelingt die Flucht. Ellin macht sich auf den beschwerlichen Weg nach Norden immer in großer Angst, sie Männer Friedrichs von Isenburg könnten sie einholen. Auf ihrer Flucht muss sie große Gefahren überstehen, doch sie ist auch mit Glück gesegnet, denn häufig begegnet sie Menschen, die ihr helfen und sie unterstützen.

Im Jahr 1225 wurde der Erzbischof von Köln tatsächlich überfallen und umgebracht. Um dieses geschichtlich belegte Ereignis spinnt die Autorin die Geschichte der Novizin Ellin. Diese ist durch ihre Entdeckung zwar sehr geschockt, aber dennoch erlebt sie außerhalb der Klostermauern eine völlig neue Welt. Eine Welt, in der sie sich als Frau relativ frei bewegen kann, in der sie etwas lernen kann, sogar einer Arbeit nachgehen kann. Zwar gibt es auch Einschränkungen, doch mit ihrem wachen Verstand saugt sie alles auf, was sie lernen kann. Schlimme Erlebnisse muss sie überstehen, keine Sicherheit scheint ihr beschieden.


Mit leichter Hand spinnt Caren Benedikt ihre Geschichte um die junge Ellin, die gezwungenermaßen das Kloster verlässt. Schlechten Gesellen begegnet sie, die ihr Böses wollen, weil sie verhindern wollen, dass die junge Frau den Mörder entlarvt. Doch sehr erhebend ist es, dass ihr auch viel Gutes beschieden ist. Immer wieder trifft sie auf freundliche Seelen, die ihr helfen. Die Erlebnisse der jungen Ellin sind sehr lebendig geschildert, so dass man sich bei manchen Szenen gut vorstellen kann, es in der damaligen Zeit zugegangen sein kann. Ellin ist eine liebenswürdige junge Frau, die es nicht leicht hat, die sich aber dennoch nicht unterkriegen lässt. Dabei verfolgt man mit Spannung, wie Ellin immer mehr lernt und selbstbewusster wird, und man kann sich gut in sie hineinversetzen. Zwar gewinnt man den Eindruck, dass hin und wieder eine kleine Straffung nicht schlecht gewesen wäre, aber insgesamt gewinnen Ellin und ihre Freunde viel Sympathie.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Kerzenzieherin von Caren Benedikt
ISBN: 978-3-426-51294-4