Freitag, 18. August 2017

Zack, Zack

Erst 27 Jahre ist Zack Herry, der in einer Sondereinheit der Polizei tätig ist. Er hat  beide Eltern zu unterschiedlichen Zeiten aber dennoch viel zu früh unter tragischen Umständen verloren. Es scheint als wolle er den Verlust einer stabilen Familie mit seinem ausschweifenden Privatleben kompensieren. Meist klappt das auch ganz gut, doch nun bekommt es die Einheit mit mehreren sehr brutalen Mordfällen an asiatischen Arbeitnehmerinnen von Massagesalons zu tun. Vier junge Frauen wurden tot aufgefunden. Fieberhaft beginnt Zack gemeinsam mit seiner Kollegin Deniz nach den Hintergründen der Tat zu forschen, wobei sie zunächst auf eine Mauer des Schweigens stoßen.

Gut aussehend und doch angeschlagen, so könnte man Zack Herry vielleicht umschreiben. Seine Kollegin Deniz, die durch einen Lehrer dazu gebracht wurde, sich trotz der eher ungünstigen Vorbedingungen des Migrationshintergrundes an einer Ausbildung bei der Polizei zu versuchen und diese erfolgreich abzuschließen. Beide bilden ein ungewöhnliches Ermittler-Team, das sich gut ergänzt. Sie beginnen mit den Zeugenbefragungen und finden eine Spur zu einer weiteren Asiatin, welche panisch versucht, sich der Befragung zu entziehen. Zwar gelingt es Zack, die Flucht der Frau zu verhindern, doch durch ein Missverständnis erlangt Zack einen sehr unrühmlichen Auftritt in der Presse. 

Brutal spannend und spannend brutal, so könnte man das Thema umschreiben, dass sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Junge asiatische Frauen, von denen man nicht genau weiß, wie sie ins Land gelangt sind. Waren sie tatsächlich als Masseurin tätig oder mussten sie zu anderen Diensten zur Verfügung stehen. Fesselnd, teilweise abstoßend sind die Untiefen, die sie nach und nach in diesem Fall auftun. Nicht das erste Mal staunt man, zu was einzelne Menschen fähig zu sein scheinen. Dagegen empfindet man Mitleid mit den gebeutelten jungen Frauen, die fast noch Mädchen sind. Zack Herry ist ein sympathischer aber auch schwieriger Held. Seine schwere Vergangenheit weckt Verständnis und birgt vermutlich noch Geheimnisse. Doch wirkt er manchmal wie ein Polizist am Rande eines Abgrundes und mitunter auch am Rande der Legalität. 

Dieser Kriminalroman lässt einen nicht so schnell los, verlangt einem aber auch einiges ab, wenn es darum geht sehr explizite Beschreibungen von Gewalt zu ertragen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Fährte des Wolfes von Kallentoft & Lutterman
ISBN: 978-3-608-10891-0


Dienstag, 15. August 2017

Gottes Licht

Hauptkommissar Fredrik Beier will nur herausfinden, wieso Annette Wetre verschwunden ist. Diese hatte sich einer eigentümlichen Sekte zugewandt und schien abgetaucht zu sein. Bald darauf jedoch werden einige Mitglieder eben jener Sekte grausam ermordet und die übrigen bleiben wie vom Erdboden verschluckt. Die Durchsuchung des Tatorts erbringt einige Spuren, die auf doch sehr unheimliche Praktiken hindeuten. Fredrik Beier, der den Tod seines kleinen Sohnes längst nicht verwunden hat, wird in eine Ermittlung gestoßen, die sich als wesentlich komplexer erweist als zunächst angenommen. Dennoch ist Fredrik nicht glücklich als er eine weitere Beamtin an die Seite gestellt bekommt.

Ein grausames Tötungsdelikt, das kaum Rückschlüsse auf irgendwelche Motive zulässt, eine Spurenlage, die Anlass zu äußersten Bedenken über die Vorhaben und Ziele einer Sekte gibt, ein Kommissar, der in seiner Trauer gefangen zu Beginn eher überfordert scheint und eine ehrgeizige junge Ermittlerin, die etwas schwierig einzuschätzen ist, Bezüge zur Vergangenheit, die schwer zu deuten sind. Dieser vertrackte Fall macht es den Polizisten nicht leicht, einen Überblick zu erlangen. Auch als Leser tappt man eine ganze Weile im Dunkeln und sucht nach dem Aha-Moment, in dem alle Mosaiksteinchen an ihren Platz fallen.

Mitreißend und lebendig trägt Dietmar Wunder die Geschichte des Hirten vor. Dabei verleiht er den Hauptakteuren ganz eigene und prägnante Stimmen. Was im normalen Verlauf der Lesung äußerst angenehm wirkt, macht die teilweise etwas brutal plastischen Schilderungen einiger Aktion-Szenen mitunter schwer erträglich. Wenn man einen unheimlichen Angreifer geradezu auch sich zukommen hört, mitbekommt wie er sein Messer zückt und das Blut zu spritzen beginnt, überläuft es einen schon eiskalt. Davor treten dann manchmal die eigentlichen Nachforschungen und Erklärungen zum Geschehen in den Hintergrund. Und so entsteht manchmal der Eindruck, dass einige Fakten, die zur Erhellung der Lage beitragen könnten nur angerissen werden und man wünscht sich, dass eine größere Konzentration auf bestimmte Themen vorgenommen worden wäre, die dann eingehendere Behandlung erfahren hätten. Vielleicht liegt der Fehler bei der Hörerin, doch diese hatte den Eindruck, sie hätte sich der Handlung besser zuwenden können, wäre diese etwas weniger aufgefächert gewesen.


Dennoch ein spannendes Debüt, das Aufmerksamkeit erfordert und das durch den Vorleser häufig ausgesprochen gut interpretiert wurde.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Der Hirte von Ingar Johnsrud
ISBN: 978-3-837-13871-9






Sonntag, 13. August 2017

Fußballfieber

Auf der Pirsch befindet sich der frühpensionierte ehemalige Kommissar Vitus Pangratz, er schleicht sich im Dunkeln durch den Wildpark, um das beste Foto einer Wildsau zu schießen. Unversehens stößt er mit dem Fuß gegen etwas, das sich bei näherem Betrachten als menschliche Hand erweist. Da hat ja gerade der Richtige diesen unheimlichen Fund gemacht. Hier kann nur ein Verbrechen begangen worden sein, in dem Vitus selbst ermitteln muss, denn von seinem Nachfolger hält er nicht viel. Außerdem kann er so seiner Tochter Johanna Coleman, die bei einer örtlichen Online-Zeitung arbeitet, zu einer tollen Exklusiv-Story verhelfen. 

Die beiden erweisen sich als bayrisch herziges Dreamteam. Bald steht fest, dass es sich bei dem Leichenteil um die Hand des seit Wochen verschwundenen Kinder- und Jugendtrainers Marius Wild handelt. Uns so tauchen Jo und ihr Vater ab in eine Welt des Kinderfußballs, in dem übermotivierte Eltern schon aus den Kleinen halbe Fußballprofis machen wollen. Da sieht man sich in Rosenheim als Kaderschmiede für die Münchner Bayern. Aber wer kann dem allseits beliebten Trainer ans Leder gewollt haben? Oder war er etwa zu beliebt? Wie ist es, wenn die Kinder das erfüllen sollen, was die Eltern gerne geschafft hätten. Träume von Eltern und Kindern sind nicht immer die gleichen. 

Kenntnisreich schildert die Autorin wie es zugeht unter den bajuwarischen Fußballbegeisterten. Mütter und Väter, Trainer und die kleinen Fußballer, die manchmal mehr Vernunft und Teamgeist haben als alle anderen. Auch wenn es hier und da mal eine kleine Intrige geben mag, wenn einer seinen kleinen Fußballgott puschen will, auch wenn der inzwischen verstorbene Trainer es mit der Treue nicht ganz so genau genommen haben könnte, Eifersüchteleien hier und da. Aber ist das nicht noch alles relativ normal? Wer soll ein wirkliches Motiv gehabt haben. Hinzu kommen Vitus und Jo, liebenswert, impulsiv, manchmal etwas grantelig, manchmal mehr mit dem Privaten beschäftigt als mit der Arbeit. Etliche aber nicht zu viele Zutaten sind hier zusammengemixt zu einem Rosenheim-Krimi, der sich hier und da eine witzige kleine Anspielung auf die Rosenheim-Cops erlaubt und der seine Leser in eine Teilwelt des Fußballs entführt, die wohl nur denjenigen genauer bekannt ist, die selbst fußballbegeistert sind. Unterhaltsam ist dieser Kriminalroman sicher für alle Leser, für die, die sich auskennen, wegen des Wiedererkennens und für die anderen, weil sie ihren Horizont auf amüsante Weise erweitern können.


Gut vorstellbar, dass Vitus und Jo auch in Zukunft das Ermitteln nicht sein lassen können.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wildfutter von Alma Bayer
ISBN: 978-3-442-71531-2




Samstag, 12. August 2017

Wisting

Der Polizeichef ist langsam ungehalten, schon vor einem halben Jahr ist ein Taxifahrer spurlos verschwunden und noch immer fehlt eine wirkliche Spur. Doch nun meldet sich Suzanne, Kommissar William Wistings ehemalige Freundin, und berichtet, in ihrem Lokal sei ein Gast aufgetaucht, der beim Lesen eines Zeitungsartikels vor sich hingemurmelt habe, er wisse wo das Auto ist. Wisting befragt den Mann und so wird endlich das lange vermisste Taxi gefunden. Letztlich ein Fortschritt, aber immer noch keine heiße Spur. Derweil trifft Wistings schwangere Tochter Line eine Schulfreundin wieder, die mit ihrer kleinen Tochter in das Haus des verstorbenen Großvaters eingezogen ist.

Ein schwieriger Fall für William Wisting, der sich manchmal fragt, ob er sich nicht viel lieber auf seine Rolle als künftiger Großvater vorbereiten würde. Natürlich kann er das Ermitteln nicht lassen. Und mit untrüglichem Spürsinn entdeckt er erstmal einige Sackgassen und macht die Erfahrung, dass nicht jeder Kollege so intensiv an seinen Fällen arbeitet wie man es sich allgemein wünschen würde. Eher ungewollt bringt ihn Line auf eine weitere Fährte, sie überreicht ihm einen alten Revolver zur Vernichtung und bei der Untersuchung dieser Waffe, stellt sich heraus, dass sie für einen Mord benutzt wurde.

Verwickelt und doch klug verknüpft sind hier mehrere Handlungsstränge. Was zunächst Fragen nach dem wieso und weshalb aufwirft, wird packend erläutert und überraschend gelöst. Vielleicht kommt die sympathische Line etwas zu kurz. Aber in der Kürze liegt auch manchmal die Würze und sie kann ihrem Vater in entscheidenden Momenten beistehen. Wisting ist nicht mehr von seinem Weg abzubringen, wenn er erstmal Lunte gerochen hat. Akribisch geht er jedem noch so kleinen Hinweis nach. Gefesselt verfolgt man, wie langsam das Bild eines Falles entsteht, den man so in keiner Weise erwartet hätte. In vielen Momenten kann man eintauchen in einen norwegischen Sommer voller Rätsel. In diesem zweiten hier veröffentlichten Fall entpuppt sich Kommissar Wisting wieder als Garant sehr guter Unterhaltung.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blindgang von Jørn Lier Horst
ISBN: 978-3-426-30567-6


Freitag, 11. August 2017

Nowhere Man

Nachdem Evan Smoak das Projekt Orphan verlassen hat, macht er es sich zur Aufgabe, Menschen zu helfen, wenn sie ihn darum bitten und auch Hilfe nötig haben. Oft sind es junge Menschen, die zum Opfer geworden sind und zu deren Rettung er sich aufmacht. Während einer solchen Rettungsaktion wird Evan selbst überwältigt und muss erstaunt feststellen, dass er in einem goldenen Käfig gefangen gehalten wird. Ja, ein goldener Käfig, aber doch gefangen. Noch bevor Evan überhaupt die Hintergründe in Erfahrung bringen kann oder will, macht er schon Pläne für eine Flucht. Das jedoch stellt sich als wesentlich schwieriger heraus als angenommen. 

Doch auch Evans Entführer muss feststellen, dass es nicht so leicht ist, seine Beute in den Klauen zu behalten. Und je schwieriger die Überwachung wird, desto mehr fragt sich der Entführer, was er sich da für ein Schätzchen eingefangen hat. Allerdings ist der Entführer nicht der einzige, der es auch Evan abgesehen hatte, auch seine ehemalige Organisation ist hinter ihm her. Und wie soll er seinen nächsten Herzensauftrag erfüllen? Nur sechzehn Tage bleiben ihm, um ein junges Mädchen zu retten, das offensichtlich einem Menschenhändlerring zum Opfer gefallen ist.

Bei „Projekt Orphan“ handelt es sich um den zweiten Band der Reihe um Evan Smoak, den Killer, den es eigentlich nicht gibt. Zu Beginn denkt man häufiger, die Kenntnis des ersten Bandes könnte hilfreich sein, einige Denkweisen Evans zu deuten. Doch nach und nach lernt man einiges nachzuvollziehen und mit dieser Komponente gewinnt der Anti-Held an Tiefe und der Roman eh schon spannende Roman beginnt einen nicht mehr loszulassen. Auch wenn man teilweise kaum zu glauben vermag, welche scheinbar ausweglosen Situationen Evan immer wieder mit kleineren oder größeren Schäden übersteht, ist man doch ausgesprochen gefesselt und möchte in jeder Minute wissen, wie es weitergeht und wie um Himmels willen Evan Smoak den auf der web.site des Autors bereits angekündigten dritten Band lebend erreichen will. 


Sehr spannend!

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Projekt Orphan von Gregg Hurwitz
ISBN: 978-3-9596-7668-7


Donnerstag, 10. August 2017

Geshanghaiert

Vor 25 Jahren haben sie sich eher zufällig kennengelernt. Hanne suchte eine Mitfahrgelegenheit und fand Miri und Claude fanden sie einfach an einem Rastplatz. Gemeinsam landeten sie in Portugal und verbrachten dort den Sommer ihres Lebens. Und sie schworen ein heiliges Gelübde, nach 25 Jahren wollten sie wieder in Portugal sein. Wie schnell verrann die Zeit, ihre Schicksale führten sie in unterschiedliche Richtungen. Dennoch, als Hanne sich meldet, gibt es ein Wiedersehen im Land der Träume. Natürlich haben die drei Freundinnen sich verändert, 25 Lebensjahre gelebt, schöne und weniger schöne Zeiten erlebt. Kann es also einen zweiten Sommer ihres Lebens geben?

Claude, Miri und Hanne, alle drei haben so ihre Geheimnisse mit nach Portugal gebracht. All die Jahre aber haben sie den Sommer damals nicht vergessen. So etwas kann eigentlich nicht wiederholt werden. Nicht genauso, aber vielleicht anders und doch toll? Zunächst geht erstmal einiges schief. Miriam, die erfolgreiche Geschäftsfrau, würde am liebsten gleich wieder abreisen und wird von ihren Freundinnen beinahe entführt und schließlich überredet, doch zu bleiben. Claude zieht es immer weiter nach Süden mit ihrem vollgepackten Autor. Hanne ist da mehr für Umwege zu haben. Doch wieder und wieder bleibt die Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen.


Wie ein innerer Merker leuchtet dieser Termin in den Herzen der Frauen auf. Was kaum für möglich zu halten war gelingt - ein Wiedersehen nach so einer langen Zeit. Diese Rückreise in die Vergangenheit wirkt gleichzeitig wie ein Aufbruch in eine neue Phase. Mit diesem heiter besinnlichen Sommerroman werden nicht nur bei den Protagonistinnen Erinnerungen geweckt. Sicher wird so manche Leserin in Erinnerungen an einem Sommer ihres Lebens schwelgen, an Sommer, Sonnenschein, die große Liebe oder eine Liebelei, an Freundschaft oder an die Schwierigkeiten, die es in Freundschaften manchmal zu überwinden gilt. Nicht immer ist alles eitel Sonnenschein und gerade in den Momenten, in denen sich die Freundinnen einigen unbequemen Wahrheiten stellen müssen, wirkt dieser liebens- und lesenswerte Roman ausgesprochen authentisch. Wenn genau beim Umblättern der letzten Seite ein Regenschauer beginnt, ist das ein beinahe perfekter Schlussakkord zu diesem herzerwärmenden Sommerroman.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sommer unseres Lebens von Kirsten Wult
ISBN: 978-3-462-04889-6


Dienstag, 8. August 2017

Westjordanland

Im Norden des Westjordanlandes leistet die einzige weibliche Polizistin Rania ihren Dienst. Auf ihrem Arbeitsweg bekommt sie mit, wie unter einer Brücke eine weibliche Leiche gefunden wird. Bei der jungen Frau kann es sich nicht um eine Einheimische handeln. Doch wie gelangte die Fremde dort hin. Rania will unbedingt die Hintergründe des Verbrechens ermitteln. Leitende Ermittler sind jedoch die jüdischen Kollegen, die Rania nur widerwillig teilhaben lassen. Mit dem Kommissar Benny ergibt sich schließlich doch eine recht gute Zusammenarbeit, was Rania jedoch nicht davon abhält ein ums andere Mal auf eigene Faust loszuziehen.

Welch eine interessante Location, das besetzte Westjordanland, eine palästinensische Ermittlerin, ihr jüdischer Counterpart, ein amerikanische Jüdin, eine australische Palästinenserin. Miteinander und gegeneinander versuchen die Protagonisten hinter das Rätsel um die junge Frau zu kommen. Vor dem Hintergrund der politischen Lage entwickelt sich ein spannender Fall, bei dem nach und nach Informationen über das Mordopfer zutage kommen, die die Lektüre wirklich fesselnd machen. Rania wirkt wie eine moderne Frau, letztlich ist sie es, die Mann und Kind versorgt. Meist hält sie sich kaum an Regeln, mitunter aber hält sie sich gerade an solche, die man aus europäischer Sicht als eher überflüssig betrachten würde. Als Ausgleich würde man gerne mehr über den Israeli Benny erfahren, der zwar ein gewissenhafter Polizist zu sein scheint, als Person aber eher blass bleibt.


Die US-Autorin hat selbst eine Weile in Palästina gelebt und nach eigener Auskunft einige ihrer Erfahrungen in dem Buch verarbeitet. Es ist daher zu vermuten, dass einige der hier geäußerten Ansichten, aus dem Herzen der Autorin kommen und somit nicht unbedingt den Anspruch der Neutralität erheben wollen. Möchte man sich eine differenzierte Meinung über das Leben im Westjordanland bilden, kommt man wohl nicht umhin, sich journalistischen Quellen zuzuwenden, die nicht einer bestimmten Seite zugeneigt sind. Gleichwohl gewährt das Buch schon einige Einblicke in eine unbekannte Welt, über die es sicher mehr zu wissen gäbe. Ob man über die Beziehung der Amerikanerin Chloe zu der Australierin Tina so viele Details wissen möchte, muss man für sich entscheiden. Die Krimihandlung ist jedoch sehr interessant und ausgesprochen fesselnd. Gerade ihre widerspenstige Arbeitsbeziehung zwischen ihr und ihrem israelischen Kollegen gibt dem Buch etliche Pluspunkte. 

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Murder under the Bridge von Kate Raphael
ISBN_ 978-1-631-52960-3


Sonntag, 6. August 2017

Tango Sur

Viel zu schnell stirbt Christinas Mutter an Krebs. Christina ist untröstlich, ihr Vater ist früh verstorben, ihre Mutter wuchs in einem Waisenhaus auf. Für Christina, deren Ehe irgendwie auf der Kippe steht, beginnt eine Zeit des Umbruchs. Unter den wenigen Erinnerungsstücken an ihre Mutter findet sie eine Postkarte, die einen Hinweis auf ihre Großeltern geben könnte. Christina macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Schon im ehemaligen Waisenhaus trifft sie auf eine alte Schwester, die sich sogar noch an Christinas Mutter erinnern kann. Schon gibt es ein Rätsel zu lösen, denn anscheinend stimmt nicht viel von dem, was die Mutter immer erzählt hat. 

Die Suche nach den Wurzeln, wer die eigenen kennt, wird es vielleicht nie ganz verstehen können. Für Christina hören ihre Wurzeln mit der Mutter auf, immer hat sie das Gefühl vermisst, einen Vater zu haben. Auch die Seite der Großeltern mütterlicherseits fehlt einfach. Und nun nachdem ihre Mutter verstorben ist, gibt es nur noch Christina und ihren Mann. Was also, wenn diese Postkarte einen Hinweis auf die verlorene Hälfte der Familie enthielte. Erstaunlicherweise gelingt es Christina auch nach der langen Zeit noch, verschiedene Puzzleteile zusammenzusetzen. Über ihr heimatliches Berlin führt die Spur nach Argentinien.

Was mag der Weg in die Vergangenheit bringen? Kann der winzige Hinweis einer Postkarte überhaupt ausreichen, das Geheimnis zu lüften? Man mag es für möglich halten oder auch nicht. Jedenfalls ist es dem Autor gelungen, eine spannende Familienchronik zu entwickeln. Zeiten des Glücks wechseln sich mit Schwermut und Leid. Beginnend in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg stehen Teiles des Schicksals auch unter dem Einfluss des unsäglichen Nazi-Regimes. Gierige Krallen hat es nach der weiten Welt ausgestreckt und willfährige Kleingeister in seinen Bann gezogen. Die wenigen Aufrechten, die die Perfidität der Pläne durchschauen, können sich lange nicht durchsetzen. Vor diesem Hintergrund bekommt die schwere Süße einer großen Liebe eine besondere Tragik. Es ist zwar nicht die Bestimmung eines jeden, ein Happyend zu erfahren, doch schließt sich mit der Lösung des Rätsels um die Postkarte ein Kreis auf sehr hoffnungsfroh stimmende Weise. 


Mit diesem Roman wird die Suche nach den Wurzeln zu einem spannenden Abenteuer voller Dramatik und Hoffnung.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Bandoneon von Hans D. Meyer zu Düttingdorf und Juan Carlos Risso
ISBN: 978-3-352-00879-5


Samstag, 5. August 2017

Onestep in Chile

Ihr Vater ist etwas besorgt, mit fast dreißig Jahren hat seine Tochter Golondrina del Rosario noch jeden Verehrer abgewiesen. Im Chile des Jahres 1929 ist das schon ungewöhnlich. In der Salpeterstadt Pampa Unión noch mehr. Es bleibt zu hoffen, dass die jüngferliche Kinopianistin ihr Glück findet. Golondrina hegt indes eine heimliche Leidenschaft, nachdem sie vor einem halben Jahr einem Hallodri zur Flucht verhalf. Und nun im August soll in der Stadt ein Orchester gegründet werden, um zu Ehren des Besuchs des Präsidenten aufspielen zu können. Golondrinas Überraschung ist schier unermesslich als sie den Trompeter Bello Sandalio als ihr kleines Abenteuer wieder erkennt.

Anarchie, Musik und Liebe könnte man als die Grundthemen dieses Romans bezeichnen. Im Chile Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Blütezeit der Salpeterminen schon vorbei. Doch noch gibt es sie die Städte in der Wüste, schnell aufstrebend. Kultur soll für die Reichen bereitgestellt werden. Ausbeutung, Armut, Kindersterblichkeit ist das, was für die Arbeiter übrig bleibt. Diese Ungerechtigkeit treibt auch Golondrinas Vater um, der heimlich nie davon abgelassen hat, nach einer Gelegenheit zu suchen. Er liebt seine sittsame Tochter, in der ungeahnte Leidenschaft brodelt. Insgeheim ist er sogar froh, dass sie sich dem leichtfüßigen Trompeter zuwendet und ihre anderen eher langweiligen Verehrer verschmäht.

Leichtigkeit und Schwere geben sich in "Die Liebestäuschung“ die Hand. Mit teilweise ausschweifenden Worten malt der Autor das Bild einer dem Niedergang geweihten Nische der Kultur eines Landes. Chile einst reich, nun eher auf dem absteigenden Ast. Die politische Klasse lässt die Arbeiter in ihrem Elend, keiner scheint etwas unternehmen zu wollen. Die fahrenden Musiker scheinen die Aufgabe zu haben, die Not mit ihrer Kunst zu übertönen. Welche Kraft dagegen hat Golondrinas Liebe, die sich damit gegen das vorgegebene Leben auflehnt und sich in das für sie wahre Leben stürzt. Bei aller Urgewalt der Gefühle, die über Golondrina hereinbrechen, fragt man sich bald, ob ihr bei diesem Liebestosen eine glückliche Zukunft beschieden sein kann. 


Auch wenn die Musiker ihr Publikum mit Onestep-Musikstücken unterhalten, gestaltet sich Golondrinas Liebe eher dramatisch wie ein Tango.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Liebestäuschung von Hernán Rivera Letelier
ISBN: 978-3-458-17565-0


Freitag, 4. August 2017

Balla Balla

Almuth ist Fußballfan, für den FC Barcelona schlägt ihr Herz und auch sonst kennt sie sich aus. Nur bei ihrem Mann Günther kann die Sechzigjährige nicht punkten. Trotzdem sind sie glücklich verheiratet. Und nun fährt Almuth mit ihren Freundinnen Paula und Lilo zum ersten Mal ohne Günther in Urlaub. Paula hat geerbt und lädt ihre Mädels ein in die Schweiz. Frauenurlaub in den Bergen, eigentlich ein guter Gedanke, doch so wohl fühlt Almuth sich zunächst nicht. Sie beschäftigt sich mit Schweizer Essenspezialitäten wie „Fotzelschnitten“ und denkt an Günther. Na, das kann ja ein Urlaub werden.

Nachdem man sich erstmal ein paar Gedanken über die Fotzelschnitten gemacht hat und beruhigt herausgefunden hat, um was es sich ungefähr handelt, begibt man sich mit den drei Frauen auf eine unbeschwerte Urlaubsreise. Diese ist mit Pannen, Alkohol und einigen unerwarteten Erkenntnissen gespickt. Auch der obligatorische Streit, wenn Personen unterschiedlichster Couleur unterwegs sind, fehlt nicht. Und doch merken Paula, Almuth und Lilo wie dieser gemeinsame Urlaub etwas in ihnen auslöst, ihren Blickwinkel auf die Alltagswelt verändert. Sie werden nicht mehr ganz die selben sein, wenn sie wieder zu hause ankommen. Ob sie überhaupt so schnell wieder in ihren Alltag zurückkehren?

Dass Allmuth mal mit ihren Fussballkenntnissen zum Zuge kommt, hätte sie nicht gedacht. Dass sich Paulas Leben so grundlegend ändern würde, hätte sie auch nicht gedacht. Und Lilo scheint langsam über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Drei Freundinnen wie Pech und Schwefel. 

Wie schön zu lesen, dass es auch mit Sechzig noch viel Neues zu entdecken geben kann, wenn man sich denn auf den Weg macht, es zu finden. In jungen Jahren kommen einem die Menschen eigentlich schon mit dreißig oder vierzig vor wie scheintot. Je älter man allerdings wird, desto mehr verschiebt sich diese Grenze nacht hinten und so erfreut der Gedanke, dass hinter jeder neuen Null ein Abenteuer stecken kann. Man gewinnt den Eindruck, dass Almuth das Abenteuer ihres Lebens neu entdeckt. Vielleicht etwas ängstlich, denn Veränderungen brauchen ein gewisses Maß an Mut, den man erstmal aufbringen muss. Doch schließlich gibt es eine neue Almuth, die sehr sympathisch und nicht überzogen wirkt.


Eine heiter besinnliche Urlaubslektüre, die mehr zum Nachdenken anregt als man zunächst meint.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Almuth spielt auswärts von Tanja Kokoska
ISBN: 978-3-86612-352-6

Donnerstag, 3. August 2017

Geschiedene Leute

Bei ihrer Scheidung sind Nikki und Sebastian sich mehr oder weniger einig gewesen, von ihren Zwillingen bekommt er Camille und sie Jeremy. Als der inzwischen jugendliche Jeremy jedoch plötzlich verschwindet, verfolgen Nikki und Sebastian zum ersten Mal seit Jahren gemeinsam ein Ziel. Ihr Sohn muss gefunden werden. Zu Beginn wissen sie nicht worauf sie sich einlassen. Sie suchen auch Hilfe bei Nikkis neuem Freund Santos, einem New Yorker Cop. Schnell finden die Eltern jedoch heraus, dass ihr Sohn seine Finger wohl in Dingen hatte, von denen die Polizei besser nicht informiert wird. Und so wächst ihre zunächst harmlose Suche schnell zu einer Art Flucht aus.

Wenn man das eine oder andere Buch Guillaume Mussos kennt, wird man einen gewissen Genre-Mix erwarten. Familiengeschichte, Krimi, Thriller, Abenteuer. Auch mit diesem Werk bekommt man einiges geboten. Die abenteuerliche Flucht, die die geschiedenen zunächst eher voneinander zu entfernen scheinen. Da schieben sie sich die Schuld an Jeremys Eskapaden gegenseitig zu und bezeugen sich gegenseitig, was sie von den jeweiligen Erziehungsmethoden halten. Doch je mehr Hinweisen sie folgen, desto mehr schweißt sie die erzwungene Gemeinsamkeit zusammen. Irgendwie ergänzen sich Nikki und Sebastian doch sehr gut. 


Mit Vergnügen hört man die von Heikko Deutschmann lebhaft vorgetragene Story. Manchmal sind die aberwitzigen Winkelzüge, die das Schicksal für Nikki und Sebastian bereithält, schier unglaublich. Doch man stürzt sich dem Abenteuer entgegen, das dieser Roman bietet. Man befreit sich von dem Gedanken, ob irgendetwas wahrscheinlich ist. Man macht sich einfach auf eine turbulente Reise um den halben Globus und zurück. Und fragt sich, ob das überhaupt gutgehen kann. Auch wenn die rasante Handlung kaum einen Bezug zur Realität hat, entzückt sie doch mit beinahe grotesken Ereignissen und scheibchenweisen Enthüllungen, die die Irrfahrt zwar unwahrscheinlich aber schlüssig erscheinen lassen. Nikki und Sebastian sind schon ein tolles Paar, auch wenn sie keines sind. Und wer sollte das besser wissen als ihre Kinder.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sieben Jahre später von Guillaume Musso
ISBN: 978-3-869-52233-3



Dienstag, 1. August 2017

Rosebud



Reinigungspersonal reinigt die Wohnungen Verstorbener oder Tatorte oder ähnliche Örtlichkeiten. Sie kommen, wenn die Polizei schon weg ist und übernehmen den unangenehmen Teil der Arbeit. Zu einer Reinigungsfirma, die solche Aufträge übernimmt, gehört auch Judith Kepler. Sie hat eine Vergangenheit, die sie abgehärtet hat. Sie kann diesen Job. Sie selbst ist in einem Kinderheim groß geworden, damals noch in der ehemaligen DDR. Ohne wirklich eigene Vergangenheit eignet sie sich Teile des Lebens der Toten an. Mal ein Buch, mal ein Foto, mal ein Möbelstück. Dazu durchstöbert sie die Überbleibsel eines Lebens manchmal gründlicher als sie von Berufs wegen eigentlich sollte. Und so stößt sie in der Wohnung des Mordopfers Christina Borg auf einige Ungereimtheiten.

Judith Kepler hat im Leben einiges durchgemacht, Drogen, Obdachlosigkeit. Doch sie hat sich gefangen, ihre innere Stärke ist ungebrochen. Und ihre Neugier treibt sie an. Dass sie dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit in Berührung kommt, kann sie nicht ahnen. Als sie ihre eigene Akte aus dem Kinderheim sieht versucht sie natürlich umso hartnäckiger, die Hintergründe zu erforschen. Die Unverfrorenheit, mit der sie dabei vorgeht und mit der sie mehr erreicht als das Fachpersonal bestimmter Organisationen je von einem Laien befürchtet hat, macht sie ausgesprochen sympathisch und führt zu so manchem kleinen Ausbruch der Schadenfreude. Doch die Sache ist ernster als zunächst gedacht, denn die alten Seilschaften existieren noch und noch sind einige in Positionen, in denen sie einiges zu befürchten haben, wenn etwas ans Licht kommt. Judith, die nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt, will mit dem Kopf durch die Wand. Und Hilfe zu erkennen und anzunehmen, fällt ihr sehr schwer. 

Das ist mal eine Heldin! Sowohl ironisch verstanden als auch ernst gemeint. Denn wie kann eine Tatortreinigerin eine Heldin sein. Doch Judith beweist, es geht irgendwie. Mit ihrer eckigen Art hat sie doch bei mehr Menschen Wohlwollen erzeugt als sie selbst glauben mag. Ihre Kindheit hat sie misstrauisch gemacht. Dass andere ihr helfen wollen oder sie beschützen, kann sie nicht glauben. Dennoch ist sie nicht jemand, der andere im Stich lässt, noch nicht einmal die Toten. Ja, sie ist wirklich deren Zeugin. Dieser Krimi packt den Leser von Beginn an. Wer ist Judith eigentlich, was sind ihre Wurzeln. Ebenso wie die Protagonistin selbst, findet der Leser heraus, dass nichts so ist wie es schien, dass es schwierig ist Gut und Böse auseinander zu halten. Auch wenn Judith schließlich ihre Vergangenheit kennt, hofft man, dass ihr Urlaub nur ein Urlaub ist.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Zeugin der Toten von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-548-28412-5


Montag, 31. Juli 2017

Achtzehn gestohlene Jahre

Der Lehrer Frederick Hagel bemerkt, dass seine Frau Linda in dunkle Geschäfte verwickelt ist. Er versucht, sie auf den rechten Pfad zu führen, stößt mit seinem Vorhaben jedoch auf taube Ohren. Schlimmer noch, plötzlich ist seine Frau tot und Frederick wird als unzurechnungsfähiger psychisch kranker Mörder in die forensische Psychiatrie gesteckt. Achtzehn Jahre lang wird er dort mit Medikamenten vollgestopft und zweifelhaften Behandlungsmethoden unterzogen. Auch wenn er alles tut, um seinen Vollzug zu erleichtern, fügt er sich doch. Eines Tages jedoch sieht er etwas ganz unglaubliches im Fernsehen. 

Eine spannende Idee ist die Grundlage dieses Erstlingswerkes von David Sedlaczek. Ein Mann, der sich durch sein Verhalten selbst verdächtig macht, der schließlich weggesperrt wird. Ein Mann, der sich schließlich auf einen Rachefeldzug begibt. Als er den Hauch einer Chance sieht, startet er seine Aktionen. Aber kann es aus der Anstalt überhaupt ein Entrinnen geben. Ein erster Versuch geht zunächst schief. Doch irgendwann beginnt sich auszuzahlen, was Frederick sich in seiner langen Gefangenschaft ausgemalt hat.

Der Beginn des Romanes wirkt allerdings wie ein zu lang geratener Prolog, was zu der Ausgangssituation geführt hat, wird zumindest für einige Leser ein wenig zu ausführlich beschrieben. Auch beginnt man sich zu fragen, was geschieht, wenn hoch dosierte Psychopharmaka plötzlich abgesetzt werden, was, wenn man in Anstaltskleidung oder zumindest eher heruntergekommener Kleidung auf einmal in einem Diner auftaucht, wie viele Stunden man mit einer Tankfüllung fahren kann, wie man ohne social security number klarkommen will, wie man ohne Kreditkarte ein Auto mieten will, warum Zufälle häufig eher hilfreich sind, warum die Polizei so wenig erfolgreich ist, warum Frederick seine neue Situation nicht einfach nutzt, um Beweise beizubringen, die seine Rehabilitation ermöglichen. So gewieft wie er sich in anderen Dingen anstellt, sollte ihm das doch auch zuzutrauen sein. Nun vermag man als Leser, der nicht eine Weile in Amerika gelebt hat, nur bedingt zu beurteilen, ob die dargestellten Ereignisse nicht do so möglich sind, und vermutlich sind die Grundlagen und Umstände auch gründlich recherchiert, nur irgendwie erscheint nicht alles völlig schlüssig. Über den Schluss mag man denken, was man möchte, das ist einfach künstlerische Freiheit.

Natürlich hat dieser Thriller auch sehr spannende Momente, da vieles jedoch mit beschreibenden Worten geschildert wird, fehlt manchmal die Action, die ein mitreißender Dialog im Gepäck hat. Schließlich bietet der Autor eine beeindruckende Idee, deren Ausarbeitung noch ein wenig ausgefeilter hätte sein können. 


2,5 Sterne (🐳🐳+)

Runaway von David Sedlaczek
ISBN: 978-3-00-057076-6


Sonntag, 30. Juli 2017

Abrakadabra

Was geschah mit Danny Torrance als er die Ereignisse im Overlook-Hotel in Colorado um Haaresbreite überlebt hatte? Er wollte nie werden wie sein Vater. In gewissem Maße trat er doch in dessen Fußstapfen. Sein unstetes Leben bekam erst einen Ruhepol als er das Städtchen Frazier erreichte mit seiner Miniatur-Welt und dem Hospiz, in dem er eine Anstellung fand. Das Shining hat er fast vergessen, nur noch für die Sterbenden setzt er es ein. Sein verborgenes Leben bekommt jedoch erste Risse als Abra Kontakt mit ihm aufnimmt. Ihre Fähigkeiten übersteigen seine schon in ihrer Kindheit und sie scheint immer stärker zu werden und damit gerät sie in große Gefahr.

Wie eigentlich häufig beginnt auch dieser Roman Stephen Kings, mit dem er Aufschluss gibt über das weitere Schicksal von Danny Torrance, mit einem eher ruhigen Erzählfluss. Danny, der von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht wird, lernt langsam, sich von ihnen zu befreien. Was wie ein positiver Start ins Leben wirken könnte, endet jedoch zunächst mit der nicht so schmeichelhaft Erkenntnis, dass doch etliches von seinem Vater in ihm steckt, insbesondere dessen Hang zur Alkoholsucht. Nach einem einschneidenden Erlebnis gelingt es Dan, sein Verhalten zu ändern und nach einigen Jahren des Nomadenleben, findet er Halt in seiner Arbeit im Hospiz und schafft es mühsam dem Alkohol abzuschwören. 


Wenn der Autor allerdings sein Fährten ausgelegt und die Routen auf seinem Plan markiert hat, ist die Spannung kaum noch auszuhalten. Dabei schwankt man bei denen, die Gefahr bedeuten, zwischen angewidert sein und Mitgefühl hin und her, während man zwar ganz auf der Seite der Guten ist, deren Zorn aber doch manchmal zu fürchten beginnt. Stephen King ist ein Meister der vielschichtigen Geschichten, ein genialer Dirigent seiner Figuren, er versteht es zu überraschen, das Fürchten zu leeren und sicher auch einige Albträume auszulösen. Doch meist verschafft er seinen Protagonisten einen Blick auf eine hoffnungsfrohe Zukunft, auch wenn möglicherweise im Augenwinkel etwas lauert. Seinem Danny Torrance ist man schließlich ausgesprochen gerne wieder begegnet und man wünscht ihm noch viele fröhliche Geburtstage.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Doctor Sleep von Stephen King
ISBN: 978-3-453-43802-6




Samstag, 29. Juli 2017

JuneDay

Beinahe acht Monate haben sie sich nicht gesehen, nachdem Day Junes Wohnung verlassen hat. June hat das Angebot des Elektors angenommen, als Princeps-Anwärterin eingesetzt zu werden. Day ist endlich mit seinem kleinen Bruder Eden zusammen. Die Bitte des Elektors, Day für eine Mission zu gewinnen, ist June eher unangenehm. Sie spürt, dass Days Schwäche für sie ausgenutzt werden soll. Doch es steht alles auf dem Spiel, die Kolonien bedrohen die Republik und die Friedensverhandlungen stehen kurz vor dem Scheitern. Die einzige Chance auf ein Ende des Krieges scheint darin zu bestehen, Eden zu gewinnen. Schweren Herzens unterbreitet June Day den Vorschlag des Elektors.

In diesem Finale der Legend-Trilogie wird June und Day wirklich alles abverlangt. Sie müssen nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, sondern auch das ihrer Freunde und Kameraden. Können sie dem Elektor wirklich trauen? Möchte dieser tatsächlich die Lage seiner Nation verbessern? Kann er irgendwo Unterstützung für die Republik finden? Und was ist mit der neuen Seuche, die die Existenz aller bedroht? Fieberhaft wird nach einer Heilung gesucht, einer Kur, von der alles abhängen kann. Ein letzter Plan soll die Lösung bringen, ein verzweifelter Plan.

Große Gefühle, tragische Ereignisse und ein Fünkchen Hoffnung. Kampf, Krieg, Intrigen, die Frage nach Sieg oder Niederlage. Wer ist gut, wer ist böse? Heiligt der Zweck manchmal die Mittel? Sollte man manchmal persönliche Opfer bringen, wenn es dem Wohlergehen vieler zugute kommt?  Gedanken, denen sich June und Day stellen müssen. Und das in einem action- und spannungsgeladenen Handlungsrahmen, der nicht nur die Helden durch kampfumtoste Welten führt. Auch als Leser fühlt man sich als sei man mitten in der Handlung. Man möchte weise sein wie der junge Eden, immer wieder aufstehen, auch wenn es schwerfällt, wie Day es tut, man möchte die Größe haben zu verzichten, wie June es vormacht. 


Ein sehr gelungener Abschluss der Trilogie um die Republik America und das wechselvolle Schicksal einiger ihrer wichtigsten Bewohner.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Legend - Berstende Sterne von Marie Lu
ISBN: 978-3-7855-7492-8

Donnerstag, 27. Juli 2017

Baby vielleicht

Bald hat Will sein dreißigstes Lebensjahr vollendet, er ist beruflich erfolgreich als Lebensberater tätig. Allerdings scheint es so als würden die guten Ratschläge, die  er seinen Klienten gibt, bei ihm nicht wirken. Eine richtig feste Beziehung hat er nicht und so ist er etwas neidisch auf seinen besten Freund Tom, der gemeinsam mit seiner Frau Barbara zwei aufgeweckte Kinder hat. Nun, wenn es mit den Frauen nicht so richtig klappt, wird Will das Pferd eben von hinten aufziehen. Er sucht nach einer Mutter für sein künftiges Kind. 

Will, dessen Vater die Familie verlassen hat als er noch nicht einmal ein Jahr war, möchte seinem Kind etwas Besseres bieten. Eine sichere Familienbank sozusagen. Aber wie an das Kind kommen, wenn sich einfach keine Mutter finden lässt. Auf alle möglichen Gedanken kommt Will, angefangen von einer Anzeige übers Internet bis hin zu Blind Dates. Eher von mäßigem Erfolg gekrönt sind Wills Versuche und manchmal sehr zur Belustigung seines befreundeten Pärchens Tom und Barbara gibt er zum Besten, was er auf der Suche nach der idealen Mutter für sein künftiges Kind alles erlebt. 

Gleich mit den ersten Sätzen wird die Ankunft des neuen Erdenbürgers gefeiert. Und als Will gegenüber von Tom mit seinem Plan herausrückt, löst das gleich ein Schmunzeln aus. Das ist doch mal eine Idee, der künftige Vater auf der Suche nach einer Mutter für sein geplantes Kind. Zwar bekommt den Eindruck, die gesuchte Mutter wird nur als Muttertier betrachtet und denkt, dass diese Art der Herangehensweise doch etwas verkopft ist. Wäre da nicht der witzige Tom, der seine Leiden als Familienvater beklagt und doch immer wieder betont, dass er dieses Leben um nichts in der Welt missen möchte, man könnte ein wenig an Wills Art verzweifeln. Erst nach und nach kapiert Will, dass ein paar Gefühle, die man zulässt, vielleicht eher zum Ziel führen als jeder Plan. Ob das Glück dabei möglicherweise bereits vor seiner Nase zu finden wäre, bleibt jedem überlassen zu entdecken. Mit der langsamen Entwicklung der Handlung entwickelt man auch große Sympathie für Will und verfolgt gerne, ob ihm irgendwann das Glück hold ist.


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Von Null auf Papa von Matt Brown
ISBN: 978-3-426-44515-0

Früher erschienen als Die Schnapsidee von Matt Dunn


Dienstag, 25. Juli 2017

Lebensbaum

Ein Schiff treibt führerlos in der Nordsee. Der Leiter des örtlichen Polizeireviers Knut Jansen macht sich mit dem Rettungskreuzer auf die Suche nach dem Schiff. In seinem kleinen Reich passiert eigentlich nie was, vielleicht ist es ein Fehlalarm. Doch die Retter finden das Boot und der Anblick, der sich ihnen bietet, ist sehr erschreckend. Zwei Frauen wurden brutal umgebracht und offensichtlich hat der Täter Trophäen mitgenommen. Zusammen mit seiner Kollegin Helen Henning beginnt Knut, die Spuren zu sichern. Bei der akribischen Besichtigung des Tatorts findet Helen eine Zeichnung, die sich als Rune deuten lässt. Sollten sie es mit einem Ritualmord zu tun haben?

Knut Jansen, der sich mit seinem Vater überworfen hat, und Helen, die nach einem mißglückten Einsatz für das FBI aus Amerika zurückgekehrt ist, gemeinsam versuchen sie die Beweggründe des Täters zu entschlüsseln, um einen Hinweis auf dessen Identität zu finden. Allzu sicher scheint sich der Mörder zu sein, er beginnt mit der Polizei zu spielen. Vielleicht wird ihn sein Spiel dazu verleiten, Fehler zu begehen. Zwar hat Knut heimlich ein Auge auf Helen geworfen, das jedoch soll die Ermittlungen nicht beeinflussen. Und auch Helen stürzt sich mit aller Kraft in den Fall, obwohl sie bedenkliche Nachrichten aus den USA erhalten hat. 

Grausame brutale Morde, die das Erträgliche zumindest ausreizen, zunächst etwas betuliche Ermittler, die jedoch schnell die Brisanz des Falles erkennen. Eine sich langsam steigernde Spannung mit geschickt eingeflochtenen Nebensträngen führt zu einem fulminanten Finale. Hat man anfänglich noch Zeit genug über die Begebenheiten nachzudenken oder selbst nach einem Verdächtigen zu suchen, der in einzelnen Kapiteln selbst auftaucht, sich aber nicht zu erkennen gibt, so haben die Ereignisse während der letzten hundert Seiten eine derart rasante Abfolge, dass man einfach geradeaus weiterlesen muss und sich dem Sog der Geschichte hingibt. 

Anders als man bei der idyllisch freundlichen Urlaubsgegend, in der der Autor nach dem Klappentext lebt, erwarten könnte, bietet dieses sympathische Ermittler-Team in seinem dritten Fall packende, manchmal blutige Unterhaltung, mit der dem Leser nicht viel erspart wird. Die Handlung ist dabei schlüssig und fesselt beinahe von der ersten bis zur letzten Seite.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blutebbe von Derek Meister
ISBN: 978-3-7341-0478-7




Sonntag, 23. Juli 2017

Schöne andere Welt

Nur knapp sind Day und June entkommen und nun schließen sie sich den Patrioten an, deren Anführer Razor ihnen zunächst hilft und dann einen gefährlichen Plan verwickelt. Sie einen Anschlag auf Anden, den neuen Elektor, verüben, um den Kolonien Unterstützung zu geben und ihnen möglicherweise zum Sieg zu verhelfen. Dazu wird June, die ehemalige Republik-Soldatin, in Andens Reihen eingeschleust. Nach einigen intensiven Gesprächen, in denen sich Anden völlig anders darstellt als vermutet, beginnt June an ihrer Mission zu zweifeln. Doch wie soll sie Day, der in den Reihen der Patrioten geblieben ist, davon abhalten, den Plan zu vollenden.

Bei Legend - Schwelender Sturm handelt es sich um den sehr spannenden Mittelteil der Legend-Trilogie. Nachdem Day und June mit Mühe in die Reihen der Patrioten gelangt sind, die eine Art Verheißung versprechen, sind sie überzeugt, der guten Sache zu dienen, auch wenn sie dafür Dinge tun müssen, die ihnen in friedlicheren Zeiten fremd lägen. Toll beschrieben sind die sich langsam einschleichenden Zweifel an den Ansichten, die die Patrioten über die Republik und ihren neuen Elektor verbreiten. June, die ja in die direkte Umgebung Andens gelangt, beginnt darüber nachzugrübeln, ob die Voraussetzungen, unter denen sie losgeschickt wurde, wirklich den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. 


Mit diesem Hörbuch wird die Fortsetzung der Legende von den Sprechern Julian Greis (Day) und Patrycia Ziolkowska (June) ganz hervorragend in Szene gesetzt. Die Gedanken und Gefühle der Protagonisten werden ausdrucksstark in Worte gefasst. Die Zweifel, der leise keimende Verdacht, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt, die Sorge, das Schlimmste nicht verhindern zu können und auch die wenigen glücklichen Momente, in den June und Day einmal innehalten können. Schließlich steht am Ende ein überraschend anderes Weltbild mit einem sehr dramatischen Cliffhanger, der ausgesprochen neugierig aber auch ängstlich macht, darüber in welche Richtung die Autorin das Ruder in dem abschließenden dritten Band lenken wird.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Legend - Schwelender Sturm von Marie Lu
ISBN: 978-3-942587-61-7


Samstag, 22. Juli 2017

Sturmböen

Bei dem Fernsehsender hat Kajsa eine Auszeit genommen. Für eine lokale Zeitung beginnt sie jedoch über einen Todesfall auf der kleinen Insel zu berichten, auf der sie mit Mann und Kindern lebt. Sissel, eine etwas verschroben wirkende alleinstehende junge Frau, wurde in ihrem schönsten Kleid tot aufgefunden. Die Frau, die nicht sprach, gegen die aber auch niemand etwas hatte. Und nun ist sie tot. Es stellt sich heraus, dass die Tote ihre Umgebung beobachtet hat und über Ereignisse, die ihr wichtig erschienen, genaue Aufzeichnungen geführt hat. Hat sie etwas beobachtet, das ihr zum Verhängnis wurde. Oder ist das Motiv für den Mord eher in der Vergangenheit der jungen Frau zu suchen.

Eher gemütlich geht es los mit Kajsas Nachforschungen, keiner scheint etwas gesehen zu haben, keiner kann sich ein Motiv vorstellen. Und die Tote wurde nicht sofort gefunden, es besteht also eine erhebliche Unsicherheit über das, was zu welchem Zeitpunkt geschehen ist. Die Polizei kommt offensichtlich nicht so richtig voran. Kajsa, die als Journalistin einfach gute Artikel abliefern will, kommt bei ihren Untersuchungen manchmal an die Grenze des Erlaubten. Mit den offiziellen Ermittlern will sie es sich ebensowenig verscherzen wie mit ihrem Arbeitgeber und ihren Informanten. Hin und wieder wird es also etwas heikel für sie. 

Auch wenn die Journalistin und der Polizist nicht zusammenarbeiten, sind Kajsa und ihr Mann Karsten doch ein gutes Team. Und als solches funktionieren die sympathischen Protagonisten auch bestens für die Leser. In diesem zweiten Fall geht es für Kajsa und Karsten richtig zur Sache. Dieser mysteriöse Todesfall ist so vielschichtig wie eine Zwiebel und jede einzelne Schale muss vorsichtig und genau untersucht werden. Angesiedelt unter anderem in der Kultur der Gebetshäuser ist dieser Fall. Wenn man kein Kenner der Verhältnisse in Norwegen ist, fragt man sich allerdings, mit was für einer Art christlicher Religion man es hier zu tun hat, um einige Umstände des Falles besser einordnen zu können. Leider findet man im Internet keine Erklärungen, außer das Norwegen ein protestantisch geprägtes Land ist. Kajsa jedenfalls schreibt, sie habe sich in den Gebetshäusern immer wohlgefühlt. Der Fall des jungen Opfers erweist sich schließlich auch ohne genaue Kenntnis als tiefgründig und spannend. Sissels Schicksal besticht in seiner Tragik, man wünschte, sie hätte in ihrer Jugend Hilfe bekommen. Und der Showdown, zu dem die Autorin ihre handelnden Personen leitet, ist tatsächlich atemberaubend.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Mädchen, das schwieg von Trude Teige
ISBN: 978-3-8412-1317-4


Donnerstag, 20. Juli 2017

Eleven

Die Mutter von Dave Robicheaux verschwand schon als er noch jung war. Nun erzählt jemand, sie habe als Prostituierte einen unwürdigen Tod gefunden. Das lässt Detective Dave Robicheaux keine Ruhe und er beginnt Nachforschungen anzustellen, wie seine Mutter tatsächlich starb. Er kann nicht ahnen, dass er damit in ein Wespennest sticht. Gleichzeitig befürchtet er eine Frau, die wegen eines Mordes an einem Mann, der sie schon in ihrer Kindheit mißbraucht hat, in der Todeszelle sitzt, könne zu Unrecht verurteilt sein. Gemeinsam mit seinem Kumpel Clete Purcell macht sich Robicheaux auf die Suche nach der Wahrheit.

In seinem elften Fall unternimmt Robicheaux eine Reise weit zurück in die eigene Vergangenheit. Das Verschwinden seiner Mutter hat er nie verwunden. Das ist wohl für jedes Kind unerträglich. Möglicherweise eine Mitursache für Daves Alkoholismus. Eine Krankheit, von der es keine Heilung gibt, auch wenn Robicheaux schon lange trocken ist. Bald könnte man auf die Idee kommen, Clete konsumiere seinen Anteil mit. Als dann auch noch ein psychopathischer Killer auftaucht, wird die Arbeit für die beiden geradezu gefährlich. Der Killer tritt mit Dave in Kontakt und behauptet, er wisse was mit der Mutter geschehen sei. 


Mit Macht wirft einen der Autor ins Geschehen. Kaum weiß man wie einem geschieht, da hat man die Geschichte um Maes Verschwinden gehört, in deren Folge einige Menschen brutal ermordet wurden. Auch erfährt man, dass die Frau im Todestrakt vielleicht einen Grund gehabt hat, einen berechtigten Groll gegen ihr Opfer zu hegen. Mit seiner direkten knarzigen Sprache versetzt einen James Lee Burke in eine Welt der Brutalität, aber auch der echten Gefühle. Knorrige Typen, gebeutelte Frauen und Menschen, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben und dabei auch vor Morden nicht zurückschrecken. Von einem Buch wie diesem kann man nicht viel erzählen, man muss es lesen und auf sich wirken lassen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Purple Cane Road von James Lee Burke
ISBN: 978-1-4091-3286-8


Dienstag, 18. Juli 2017

Eine geschäftliche Vereinbarung

Spencer Holiday ist als Playboy bekannt, von festen Beziehungen hält er nichts. Zwar möchte er als Gentleman rüberkommen, aber eben ohne Verpflichtungen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einer Bar, die er zusammen mit seiner besten Freundin Charlotte führt. Spencers Vater ist Inhaber einiger exklusiver Schmuckläden. Er will sich langsam zur Ruhe setzen und hat endlich einen Käufer für die Geschäfte aufgetan. Dieses soll bei einem gemeinsamen Abendessen der Familien gefeiert werden. Vollmundig behauptet Spencer gegenüber dem sehr konservativen Käufer, er sei seit kurzem mit Charlotte verlobt. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe und Spencer begreift, in was für eine Situation er sich gebracht hat.

Welches Knistern entsteht zwischen den besten Freunden Spencer und Charlotte. Eigentlich darf es nicht sein, um nichts in der Welt soll die kostbare Freundschaft aufs Spiel gesetzt werden. Und so stellen Spencer und Charlotte ein paar Regeln auf, die auf keinen Fall gebrochen werden sollen. Kein Sex, kein Übernachten zum Beispiel. Doch Regeln sind dazu da gebrochen zu werden. Und so kommen sich Spencer und Charlotte bei ihrer Scharade immer näher. Köstliche wie Spencer in die Falle gerät, die er sich unwissentlich selbst gegraben hat. Wäre da nur nicht das schlechte Gewissen wegen des Betrugs und den Lügen die sie ihren Familien und Freunden auftischen.

Mit leichter Hand geschrieben bereitet die Autorin mit ihrem Roman einige prickelnde Lesemomente zum Dahinschmelzen. Aus Spencers Sicht geschildert und schon das ist mal ein interessanter Kniff erlebt man wie er langsam erkennt, dass er sich doch noch etwas anderes vom Leben wünscht als eine kurzzeitige Affäre nach der anderen. Charlottes Anziehungskraft tut ihr übriges zum Herbeiführen schlüpfriger Situation, die zum Regeln brechen nur so einladen. Man schmunzelt, man freut sich und manchmal leidet man mit. Zwar ist es eines der Bücher, bei denen man nach dem Lesen des Klappentextes schon weiß, welche Art von Happyend es geben wird, doch wenn der Weg dorthin so hinreißend geschildert ist, nimmt man eine gewisse Vorhersehbarkeit gerne in Kauf.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Big Rock - Sieben Tage gehörst du mir! von Lauren Blakely
ISBN: 978-3-9557-6647-4


Sonntag, 16. Juli 2017

Verblichen

Über einen Zeitraum von ungefähr vier Jahren lässt der Autor seine Leser teilhaben an seinem Leben. Zwar schreibt er über jemanden, der Navid Kermani genannt wird, und schafft so eine gewisse Distanz. Man kann also nicht ganz sicher sein, was autobiografisch ist und was erfunden. Doch fühlt man sich beim Lesen recht nah am Leben des Autors. 

In dem Buch „Dein Name“, das als Roman bezeichnet wird, geht es zum großen Teil um das Leben des Großvaters, die Wurzeln im Iran, die Lebensbeschreibung der Mutter und um die Verstorbenen, deren relativ kurze Beschreibungen über die Beziehung zum Autor zusammen mit einen Bild eine Art Kapitel-Einführung bilden können. Zusätzlich reflektiert der Autor über seine Affinität zu Jean Paul und Hölderlin.

Mit über 1200 Seiten der Beschreibung stellt Navid Kermani seine Leser vor eine fast schon gewaltig zu nennende Aufgabe. Das Buch liest sich nicht einfach so weg, es verlangt, sich jeden Satz vorzunehmen. Mit der blumigen und ausdrucksstarken Sprache, die in Sätzen, die schon mal einen halben Absatz oder mehr einnehmen können, ihre Vollendung findet, versteht es der Autor Aufmerksamkeit einzufordern. In seiner Art immer wieder hin und her springend zwischen tagesaktuellen Geschehnissen, der Geschichte der Eltern und Großeltern, den Toten, den Gedanken über die hoch geachteten Klassiker, wirkt das Buch wie eine Art schriftstellerisches Brainstorming. Gerade im Moment wird entschieden, was in das Werk Eingang finden soll. Sollte genau das der Plan sein, scheint es fast genial, wie der Überblick behalten wurde, wie der Autor nach dem Schreiben, Formulieren, Feilen, möglicherweise in Echtzeit sagen konnte, Ziel erreicht.

Als Leser ist man neugierig auf das von der Kritik enthusiastisch aufgenommene Werk und nimmt deshalb die Gelegenheit der Lektüre gerne wahr. Allerdings beginnt man schon bald, sich etwas abzumühen, mit der Wortgewalt, mit der eigenen Unwissenheit über den Iran, über die Toten und den Bogen von der orientalischen zur westlichen Welt. Die Lektüre dieses Buch ist nach der ersten Durchwanderung irgendwie noch nicht beendet. Jedenfalls fühlt es sich so an, als sollte man sich mindestens ein zweites Mal auf den Weg machen und sich noch mehr Zeit nehmen, um neben dem Buch auch erreichbare Sekundärliteratur zu wälzen, damit man den wahren Gehalt des Werkes besser zu würdigen weiß.


Da sich die Rezensentin nicht über eine Bewertung klar werden konnte, schließt sie sich dem Durchschnitt der Bewertungen auf den üblichen Plattformen an.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Dein Name von Navid Kermani
ISBN: 978-3-499-26971-4


Samstag, 15. Juli 2017

Die Profilerin

Nach Jahren des Studiums in England kehrt Sasza mit ihrer kleinen Tochter nach Danzig zurück. Erstmal möchte sie wieder ankommen, da erhält sie einen Auftrag, der sich bald als mysteriös herausstellt. Der Auftraggeber erweist sich bald als nicht der, dessen Persona er benutzte. Ob der Auftrag etwas mit dem Mord in einem Nachtclub zu tun hat, muss sich noch herausstellen. Doch die Beteiligten tauchen hier und dort auf. Und so beginnt Sasza gemeinsam mit der Polizei zu ermitteln. Die Spuren ergeben zunächst keine Klarheit und Sasza muss ihr ganzes Können aufbieten.

Die Probleme aus ihrer eigenen Vergangenheit glaubt Sasza überwunden zu haben. Diesen auf den ersten Blick einfachen Auftrag sollte sie mit Links wuppen können und das Geld kann sie gut gebrauchen, um sich in Ruhe nach einem richtigen Job umzusehen. Doch die Spuren weisen zurück in eine Vergangenheit, von der Sasza eigentlich nichts mehr wissen möchte. Was hat es mit einem Lied auf sich, das sich wie eine Art roter Faden für das Leben des Todesopfers zu ziehen scheint. Immer tiefer verstrickt sich Sasza in ihren Auftrag, ihre ganze Kraft steckt sie hinein und muss sich doch vor den Erinnerungen schützen.

Verzwickt und vertrackt entwickelt sich der Fall sowohl für Sasza als auch für die Polizei. Jeder kennt jeden in Danzig und jeder scheint etwas zu wissen. Doch es herrscht Schweigen und nur wiederwillig wird geredet. Nicht einfach bei den vielen kleinen Spuren und Hinweisen, den Überblick zu behalten und die Einzelteile zusammenzufügen. In eine etwas fremde Vorstellungswelt muss man sich begeben. Die Kenntnis des heutigen Polens ist möglicherweise nur aus Zeitungsartikeln vorhanden, über das eigentliche Leben dort ist nicht unbedingt viel bekannt. Zwar gewinnt man den Eindruck, dass die Autorin ihre Geschichte präzise geplant und niedergeschrieben hat, doch mangels eigner Kenntnisse sowohl der Lebensart, der Sprache und auch der etwas speziellen Art des Schreibens kann es sein, dass man sich als Leser nicht in die Geschichte hinein fühlen kann, nicht von ihr gepackt wird.

Der Wunsch, diesen sehr gut besprochenen Roman als Hörbuch kennenzulernen, mag sich als sinnvoll erweisen. Fröhlich und jugendlich wirkt die Erzählung der Vorleserin, die damit durchaus zu Sasza passt. 


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Das Mädchen aus dem Norden von Katarzyna Bonda
ISBN: 978-3-837-13845-0




Freitag, 14. Juli 2017

Tiefes Band

Sofort reist Beatrice von New York nach London als ihre Mutter ihr am Telefon mitteilt, dass ihre jüngere Schwester Tess verschwunden ist. Trotz der großen Entfernung bestand zwischen den Schwestern ein inniges Band. Wieso hat Tess sich nicht bei ihr gemeldet? Beatrice und ihr Verlobter Todd waren nur kurz ein paar Tage auf dem Land. Dort waren die Telefonverbindungen schlecht, aber immer wenn es ihr möglich war, hat Beatrice versucht, bei Tess anzurufen und bekam nur das Besetztzeichen. Keiner scheint zu wissen, wohin Tess verschwunden sein könnte. Doch was sich mit der Zeit andeutet, kann Beatrice einfach nicht glauben.

Gegen alle Wiederstände will Beatrice herausfinden, was wirklich passiert ist. Vieles aus Tess’ Leben hat sie nicht gewusst, umso mehr ihr sie jetzt bestrebt, die Wahrheit zu kennen. Wer kann ein Interesse daran haben, dass Tess verschwindet. Die fröhliche Tess, der das Leben aus jeder Pore strahlt. Beatrice und Tess noch mehr zusammengeschweißt durch denTod ihres Bruders, den sie schon in der Kindheit verloren haben. Hat Tess ihr nicht mehr vertraut? Beatrice trägt alle Hinweise zusammen, derer sie habhaft werden kann. Es entwickelt sich ein unglaubliches Bild, so abstrus, dass die Polizei keine weiteren Ermittlungen aufnehmen will.

Harmlos zu Beginn verstrickt einen die Autorin im Lauf der Handlung in immer andere Verdächtigungen, so dass man beinahe auf Seiten der Polizei sein möchte, so klar erscheint es, dass Beatrice’ Gedanken ziemlich haltlos sind. Doch je weiter man vordringt und meint, einiges sei aber zu schön, desto mehr klebt man gebannt an den Seiten. Was kann da noch kommen? Wie löst sich das Ganze auf, wenn überhaupt. Nicht zu viel kann über das Thema verraten werden, das mit diesem Roman auf packende und intelligente Art beleuchtet wird. 


Neben diesem geht es vornehmlich um die enge Beziehung zwischen den beiden Schwestern Beatrice und Tess, der die Entfernung keinen Abbruch tun konnte, obwohl Beatrice schmerzvoll erfahren muss, dass sie nicht jedes Detail aus Tess’ Leben kannte. Dieses Ziehen im Herzen, die Angst vor dem drohenden Verlust, ist in beinahe jeder Zeile gegenwärtig.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sister von Rosamund Lupton
ISBN: 978-0-7499-4201-4


Donnerstag, 13. Juli 2017

Eisige Kälte

Zum hundertjährigen Jubiläum der Everland-Expedition sollen Wissenschaftler auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln. Zwei Frauen und ein Mann werden entsandt, um die antarktische Insel Everland erneut zu erkunden. Sie sollen wissenschaftliche Daten über die Pinguine sammeln. Obwohl eine der Teilnehmerinnen über keine Expeditionserfahrung verfügt, kommen die drei voran. 

Den Bestreitern, die sich hundert Jahre zuvor auf den Weg gemacht haben, ergeht es weniger gut. Schon auf dem Weg zur Insel gerät ihr Boot in einen Sturm, der ihre Ankunft um Tage verzögert und den unerfahrensten der Drei in einen derart schlechten Gesundheitszustand versetzt, dass er nichts anderes als Pflege benötigt. 

Gebannt folgt man den Expeditionen zu ihrem unwirtlichen Ziel. Eisige Kälte, Wind, kaum Schutz von der rauen Landschaft. Nicht so unähnlich laufen die Expeditionen ab, deren Zeitabstand im Vergleich mit dem Wachstum einer Flechte nicht besonders hoch ist. Was geschieht während der gemeinsam verbrachten Zeit. Die Mitglieder beider Gruppen gelangen näher an ihre Grenzen als sie es zuvor vermutet hätten. Die jeweils schwächsten Mitglieder erweisen sich als Hindernis, an dem es zu bestehen gilt oder an dem das Scheitern möglich ist. Diese Enge in der Kleingruppe in einer lebensfeindlichen Umgebung, kaum vorstellbar. Eigentlich müssten sie zusammen halten, den Gefahren gemeinsam begegnen, sich den Aufgaben stellen. Doch ganz so läuft es nicht und man beginnt zu zweifeln, ob es jeder gesund in die Heimat schaffen wird.

Mit Aufmerksamkeit begegnet man diesem Buch, drei Ebenen gilt es zu folgen, die klar abgegrenzt sind und Cliffhanger unvermeidlich werden lassen. Denn manchmal wechselt die Perspektive gerade in dem Moment, wo man angespannt wissen möchte, wie es mit der vorherigen weitergeht. Mit dieser fesselnden Komposition entführt die Autorin in eine unwirtliche Region, die vornehmlich Menschen mit großem Forscherdrang aufsuchen werden. Was treibt sie dorthin, wie werden die Gruppen zusammengefügt, wie entwickeln sich die Beziehungen unter den Teilnehmern. Drei, sagt man, ist einer zu viel. Möglicherweise gilt ein solcher Spruch für diese Forschergruppen, die jeweils ein schwächstes Mitglied zu haben scheinen. Was macht diese Konstellation, verbünden sich zwei, wechseln die Bündnisse oder halten sie zusammen? Dies ist nicht das einzige Rätsel, dass die Autorin aufgibt. Mit ihrer ruhigen ausgeklügelten Erzählung fesselt sie ungemein. 

Wer Bücher in eisiger Kälte mag, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Everland von Rebecca Hunt
ISBN: 978-3-630-87463-0



Sonntag, 9. Juli 2017

Die Gangs von der Au

Im Jahr 1672 wird der Schongauer Henker Jakob Kuisl in den Rat der Zwölf berufen. Dies ist eine Versammlung der zwölf wichtigsten Henker Bayerns. Auf die Reise folgt ihm seine ganze Familie, wann hat man schon einmal die Gelegenheit in die Kurfürstenresidenz zu reisen. Besonders Kuisls jüngere Tochter Barbara ist froh, aus Schongau herauszukommen. Sie ist, nachdem sie gegen ihren Willen genommen wurde, schwanger und weiß nicht, wie sie aus ihrer misslichen Situation herauskommen soll. Der Plan des Vaters, sie zu verheiraten, könnte ihr zupass kommen. Doch eigentlich möchte sie sich ihren Gatten lieber selbst aussuchen. Und wie man es von dem Kuisl beinahe schon erwarten könnte, stolpert er bald nach der Ankunft über die erste Leiche.

In diesem siebten Band um die Schongauer Henkersfamilie Kuisl unternehmen eben jene zum ersten Mal einen Besuch nach München. Jakob Kuisl, ein wenig verstimmt, dass man in nicht früher eingeladen hat, aber auch stolz nun zum Rat der Zwölf zu gehören, spürt so langsam sein Alter. Doch im Grunde ist er immer noch der sanfte allerdings manchmal zum Jähzorn neigende Riese, der eigentlich ein besserer Heiler denn Scharfrichter ist. Seine Tochter Magdalena erhofft sich für ihren feinsinnigen und intelligenten Sohn, dass sie ihn in einer Schule in München unterbringen kann, wo er vielleicht in die Fußstapfen seines Vaters, des Arztes Simon Fronwieser, treten kann. Und Barbara hofft, sich irgendwie aus ihrer verzwickten Situation herauswinden zu können. Rätselhaft sind jedoch die Todesfälle unter den jungen Frauen, denn schnell stellt sich heraus, dass das Mädchen, welches ertrunken aus dem Auer Bach gezogen wurde, nicht das einzige Opfer war.

Bestens unterhalten schließt man dieses Buch nach fast 700 Seiten kurzweiliger Lektüre. Zurückversetzt in eine Welt, die von Standesdünkeln, unsinnigen Vorschriften und grausamen Strafen viel mehr bestimmt wurde als die Heutige. Die ehrlosen Henker und ihre Familien, die von vielem ausgeschlossen wurden, deren Dienste man dennoch brauchte. Die Adligen und Patrizier, die ein mitunter dekadentes Leben führten und deren Gier kein Ende kannte. Eine ideale Kulisse scheint die Stadt München zu bilden, die die Versammlung der Henker auch nur vor ihren Toren erlaubt. Staunend wandeln die Kuisls durch die Straßen und Gassen, Kirchen, Theater, Paläste - wo hat man das schon in dieser Zusammenballung gesehen. Und das gemeine Volk in engen Vierteln oder in Vororten wie der Au. Die Ränke im Rat, die Familienangelegenheiten der Kuisl sehr spannend und interessant verwoben mit den Morden an den jungen Frauen. 

Dieser historische Kriminal- und Familienroman gefällt durch die fein abgestimmt eingeflossene Recherche und seine packende Geschichte.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)


Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf von Oliver Pötzsch
ISBN: 978-3-548-28837-6