Dienstag, 25. April 2017

Kleine Maus

Kleine Maus musste Jesse die Kneipe im Eingangsbereich des Supermarktes nennen, weil Klaus Meine sich über die ursprüngliche Namensgebung beschwert hat. Die Songs von den Scorpions spielt er trotzdem rauf und runter. Wie seine Freundin Mona aussah, wenn sie glücklich war, daran erinnert er sich noch. Auch seine Jugend in Hamburg Rahlstedt ist ihm immer gegenwärtig. Seine Eltern hatten sich getrennt, genauer gesagt, die Mutter hat den Vater verlassen. Seine Elvis-Imitationen waren auch irgendwann nicht mehr attraktiv. Vielleicht waren sie es nie. Jesse war jedenfalls froh, nach Langenhagen abhauen zu können. So wurde er auch seinen Zwillingsbruder Aaron los.

Ist er ihn tatsächlich los? Nach vier Jahren als Kneipenwirt in der Einöde in der Nähe Hannovers sind Jesses Gedanken von Angst bestimmt. Will Aaron ihm sein Leben wegnehmen, seine Freundin? Oder entspringt vieles doch seinen alkoholbestimmten Phantasien. An manche Ereignisse erinnert er sich nicht so genau, etliches verschwimmt im Ungewissen. Mona war schon lange nicht mehr glücklich. Und die dauernde Berieselung mit den Liedern der Scorpions ist auch nicht immer leicht zu ertragen, auch wenn er sich diesen Teil selbst ausgesucht hat.

Etwas düster und klaustrophobisch ist die Stimmung, die beim Lesen dieses Romans entsteht. Neben einigen witzigen Nebenideen, die trotz der trüben Grundstimmung, zu einem Lächeln einladen, ist dieser Roman doch von der Unsicherheit und dem Alkoholismus seines Protagonisten geprägt. Seine traurige und einsame Kindheit, die Jugend mit der Trennung der Eltern. Und auch die Loslösung von dieser Vergangenheit wirkt schwierig. Man möchte ihm helfen, ihm sagen, befreie dich von deinem Ballast. Doch so recht will es nicht gelingen. Eher schafft es Jesse, den Leser mit seinen trüben Gedanken zu beschäftigen und sich der Frage zu widmen, inwieweit er vielleicht krank ist und professioneller Hilfe bedarf. Je weiter die Lektüre voranschreitet, desto mehr sperrt man sich gegen die vorgestellten Personen. Mit Mut lässt der Autor einiges offen, so dass es dem Leser überlassen bleibt, sich vorzustellen welches weitere Schicksal Jesse beschieden ist. 


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Superbuhei von Sven Amtsberg
ISBN: 978-3-627-00234-3



Sonntag, 23. April 2017

Sandberg

William Sandberg hält es in seinem Leben nicht mehr aus, seine Tochter ist gestorben, er ist geschieden, er versucht, sich umzubringen. Er kann gerettet werden und er verschwindet. Seine Ex-Frau Christina, eine Journalistin, macht sich auf die Suche nach ihm. An dem Ort, an den er gebracht wird, trifft er Janine Haynes, die bereits seit mehreren Monaten an dem verwunschenen Ort ist. Beide sind Wissenschaftler und in kleinen Einzelteilen erfahren sie, aus welchem Grund sie in diese abgelegene Anlage gebracht wurden. Es wurde eine Nachricht gefunden, die entschlüsselt werden soll. Unbekannt ist, wer die Nachricht verfasst hat und welchem Zweck sie dient.

Der eigentlich lebensmüde William Sandberg merkt in einem Moment wie sehr er doch noch am Leben hängt. Die tatsächliche Lebensgefahr bringt ihn zum Nachdenken und er beginnt, hart an der verlangten Aufgabe zu arbeiten. Die viel jüngere Janine steht ihm als Wissenschaftlerin in nichts nach und gemeinsam finden sie unglaubliche Hinweise über die Bedeutung der Nachricht. Von ihren Entführern erfahren sie weitere Zusammenhänge, die beinahe unglaublich sind. Erst als ihnen die Labore gezeigt werden, in denen frühere Wissenschaftler ihre Forschungen durchgeführt haben, wird ihnen die ganze Tragweite der Sache bewusst.

Ein fesselndes Szenario breitet Fredrik T. Olsson in seinem Roman aus. Schnelle Wechsel zwischen den verschiedenen Orten, immer unheimlichere Begebenheiten, schreckliche Bedrohungen geben der Handlung eine Geschwindigkeit, die kaum auszuhalten ist. Als Buch wäre man sicher geneigt, das Buch nach dem Aufschlagen der ersten Seite nicht mehr aus der Hand zu legen, weil man es einfach nicht abwarten kann, zu erfahren wie es weitergeht. Wahrscheinlich lag es in der Absicht des Autors, einige Fragen ungeklärt zu lassen. Doch die dargestellten Ereignisse nehmen einen so furiosen Verlauf, dass man kleine Unstimmigkeiten schnell verzeiht. 


Das hier vorliegende ungekürzte Hörbuch hervorragend vorgetragen von Uve Teschner macht es schon aufgrund der Länge doch ab und zu notwendig, eine Pause einzulegen. Doch nach jedem Absetzen ist man schnell wieder in der Handlung und die Neugier und die Spannung bleiben bis zum Schluss erhalten.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Code von Fredrik T. Olsson
ISBN: 978-3-869-52243-2


Samstag, 22. April 2017

Sechzehn, endlich

Im Jahr 1985 bekommt Renés Vater die Gelegenheit zu einer Konferenz in die Schweiz zu reisen. Sieben Wochen soll er weg sein, fast die ganzen Ferien. Zum erstem Mal ist René alleine, seine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben und seitdem müssen sein Vater und er das Beste daraus machen. Im Osten Berlins zieht René mit seinen Freunden durch die Gegend, mit Walkman und schwarzen Klamotten. Gleich am ersten Tag erlebt René eine Enttäuschung, denn kaum einer scheint an seinen Geburtstag gedacht zu haben. Seine Freunde sind aber doch nicht die schlechtesten, denn am nächsten Abend bekommt er in der Disco ein richtig schön peinliches Ständchen.

Da wäre man doch gerne mal wieder sechzehn. Man sucht nach dem „Hell of a Summer“ und zu den Klängen der Triffids schwelgt man in den eigenen Erinnerungen und genießt die Lektüre. Da hingen sie im Osten genauso vor dem Radio, um die heißesten Hits aufzunehmen wie im Westen. Es wurden schwarze Klamotten getragen und die Haare aufgestellt, man hörte The Cure und Sisters of Mercy. Man ging in die Disco und hing mit Freunden ab. Und dann dieser erste Sommer ohne, ohne Vater, ohne Pflichten. Wie René sich treiben lässt, die Höhen und Tiefen der ersten Liebe durchmacht. Wie die Zeit gleichzeitig schnell und langsam vergeht, träge, langweilig und doch schön. Und wie er das Mädchen ohne Namen fast verliert. 


Der Sommer einer Jugend, eine Jugend im Sommer. Die Qualität eines Sommers, die man in der Jugend kaum erkennt und zu schätzen weiß. Ein Sommer, der in der Erinnerung einer der schönsten werden wird. Zeilen, die vorbeifliegen und eine Erinnerung zurücklassen, die ebenfalls eine der schönsten werden wird.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Skizze eines Sommers von André Kubiczek
ISBN: 978-3-87134-811-2


Freitag, 21. April 2017

Lebenslicht

Es ist aus, Bens Lebenslicht ist aus. Obwohl Kristina Mahlo als analytische Nachlassverwalterin sich normalerweise nicht von so etwas leiten lässt, ist sie doch sehr erschrocken. Die Kerze gab ihren Eltern Hoffnung, dass der damals 24jährige Ben, der seit sechs Jahren verschwunden ist, noch am Leben sein könnte. Verstohlen zündet sie die Kerze wieder an. Das kann kein Omen sein. Kurz darauf wird sie mit einem sehr eigenwilligen Testament zur Verwalterin eines nicht unbeträchtlichen Nachlasses eingesetzt. Die Erben sollen ihr Erbe nur dann antreten können, wenn Kristina nachweist, dass sie nicht der Mörder eines vor sechs Jahren umgebrachten Journalisten sind.

Welch eine ungewöhnliche letztwillige Verfügung. Kristina zögert, den Auftrag überhaupt anzunehmen. Doch dann taucht ein Hinweis auf ihren Bruder auf. Sollte die Chance bestehen, sein Schicksal endlich zu klären. Diese Möglichkeit kann Kristina einfach nicht außer acht lassen und sie beginnt, sich mit dem Nachlass zu beschäftigen. Die Erben sind dabei nicht eben hilfreich, ihnen geht es nur darum, möglichst schnell an die nicht unbeträchtliche Erbmasse zu gelangen. Doch Kristina ist eine, die ihre Aufträge erfüllt und die Sache erst freigibt, wenn alle Zweifel ausgeräumt sind. Und in diesem Fall hat sie ihr besonderes ureigenstes Interesse.

Diese erste Nachlass-Sache Kristina Mahlos, von der die Autorin Sabine Kornbichler berichtet, ist gleich eine sehr persönliche. Das ungeklärte Verschwinden ihres jüngeren Bruders hat die ganze Familie außerordentlich verändert. Die Eltern haben sich getrennt, Kristina hat ihr Jura-Studium geschmissen und ist zu ihren Eltern in das Randgebiet Münchens gezogen. Und ihrer aller Leben ist irgendwie auf Halt gestellt. Einen solchen Verlust kann man nicht einfach verwinden, schon garnicht, wenn völlig unklar ist, was geschehen ist. Und nun die Erblasserin, deren Mann zwar als Mörder des Journalisten verurteilt wurde, an dessen Unschuld sie aber nie gezweifelt hat. Zwei Sachen, die so unterschiedlich scheinen, dass ein Zusammenhang sehr unwahrscheinlich wirkt. Und dennoch, was wäre wenn und wie könnte es sein. Diese Frage packt einen. Man wird in die tragische Familiengeschichte Kristinas hineingezogen, grübelt, bangt und hofft. 


Ermittlungen in einem ungewöhnlichen Rahmen mit viel Drive, überraschend und fesselnd.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Verstummen der Krähe von Sabine Kornbichler
ISBN: 978-3-492-30203-6


Donnerstag, 20. April 2017

Spritzenphobie

Ihre Spritzenphobie hindert die Zahnärztin Dr. Leocardia Kardiff keineswegs an der Ausübung ihres Berufes. Sie geht nur in die Hypnosetherapie zu Herrn Sharif El Benna. Nach einer Sitzung kann nicht einmal der Gedanke an eine Spritze sie schocken. Anders sieht es allerdings aus als sie nach ihrer wöchentlichen Stunde die offene Tür der Nachbarwohnung entdeckt und nicht anders kann als diese zu durchschreiten. Auch eine Ärztin ist nicht dagegen gefeit beim Anblick eines Mordopfers einen gehörigen Schock zu erleiden. Und genau ein solcher Anblick bietet sich Dr. Leo nach ihrem Betreten der Wohnung neben der Praxis ihres Therapeuten.

Wieso bringt man denn eine vornehme alte Dame um? Das geht doch irgendwie nicht und dann noch so brutal. Sogar die Zahnbrücke wurde dem Opfer aus dem Mund gebrochen. Gerade das letzte Detail weckt Leocardias Neugier noch mehr als es eh schon der Fall ist, berufsbedingt. Als die Polizei dann nach ihrer Aussage noch einmal in ihrer eigenen Gemeinschaftspraxis auftaucht, stellt sich heraus, dass die Verstorbene Patientin ihres Seniorpartners war. Neben dem Bohren kann Leo auch das Denken nicht lassen, dass sie dabei der Polizei ins Handwerk pfuscht, ist ihr eigentlich ziemlich egal. Der ermittelnde Kommissar ist schließlich ziemlich sympathisch, der wird ihr wohl nicht dazwischen funken.


Ziemlich gut kann man sich bei der Lektüre das Kreischen des Bohrers vorstellen oder das Knirschen und Knarzen, mit dem sich ein Zahn beim Verlassen des Kiefers verabschiedet. Die humorige Krimihandlung, in deren Verlauf sich die freche blondgelockte Zahnärztin Mitte vierzig daran begibt, schlauer zu sein als die Polizei erlaubt, bildet einen ausgesprochen angenehmen Kontrast dazu und lässt den nächsten Zahnarztbesuch fast in einem milden Licht erscheinen. Dr. Leocardia Huberta Kardiff ist nicht nur mit einem außergewöhnlichen Namen beglückt, hat ihre Phobie soweit bekämpft, dass sie bei der täglichen Arbeit ihren Mann bzw. ihre Frau steht, beschäftigt ihre grauen Zellen mit den Überlegungen zu einem grausamen Mord und unterhält und fesselt damit die Leser, denen durch das Cover angelockt beim Gedanken an den Zahnarzt zunächst ein Schauer überläuft, nur um nach dem Aufblättern der ersten Seiten an den selbigen hängen zu bleiben im Versuch, den Fall zu lösen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Tote haben kein Zahnweh von Isabella Archan
ISBN: 978-3-95451-776-3


Dienstag, 18. April 2017

Benner

Martin Benner und Lucy Miller führen erfolgreich eine Anwaltskanzlei in Schweden. Sie müssen nicht jeden Auftrag annehmen. Als Bobby Tell im Büro auftaucht und Martin bittet, den Fall seiner Schwester zu übernehmen, ist Martin eher abgeneigt. Denn Sara Texas wurde beschuldigt, fünf Menschen umgebracht zu haben und nach einem Geständnis ist sie geflüchtet und hat sich umgebracht. Wer sollte also ein Interesse haben, den Fall wieder aufzurollen. Doch Bobby schafft es, Martin zu überzeugen, dass es da doch etliche Ungereimtheiten gibt, die weder die Polizei noch den ehemaligen Verteidiger veranlasst haben ordentlich zu ermitteln. Martins Neugier ist geweckt und er übernimmt die Sache.

Dieser Martin Benner ist schon ein wenig speziell. So leicht war es für ihn nicht, ohne Vater aufzuwachsen. Und auch sein Aufenthalt in Amerika hat nicht zu einem besseren Verhältnis zum Vater geführt, aber immerhin hat er dort eine Polizeiausbildung genossen. Aber immerhin ist er als Anwalt erfolgreich und Sympathiepunkte sammelt er ungemein damit, dass er seine kleine Nichte adoptiert hat, deren Eltern verstorben sind. Die vierjährige Belle erdet ihn manchmal, doch häufig ist Martin ein Hansdampf in allen Gassen. Wenn Martin allerdings eins geschafft hat, so glaubt er wenigstens, ist es, seiner Herkunft zu entkommen. 

Mit geradlinigen Worten erzählt Martin seine Geschichte, manchmal drückt er sich dabei sehr unanwaltlich deutlich aus. Und so muss man sich an seine Sprache etwas gewöhnen. Gut kann man mitverfolgen, wie er sich immer mehr in die Nachforschungen verbeißt. Sieht es zunächst so aus als sei die Schuld der Sara Texas erwiesen, kommen nach und nach Zweifel an der offiziellen Geschichte auf. Doch reicht das, um Bobbys Schwester rehabilitieren. 


Sie Autorin Kristina Ohlsson betritt mit „Schwesterherz“ Neuland. Mit Martin Benner und Lucy Miller stellt sie ein neues Duo vor, das sehr ungewöhnlich und dennoch sympathisch wirkt. Allerdings sollte man sich die hintere Klappe des Buches einmal genau anschauen. Dort wird nämlich darauf hingewiesen, dass es sich um eine zweiteilige Serie handelt. Man merkt demgemäß der Handlung auch an, dass sie in diesem ersten Band (der zweite erscheint am 13.06.2017) noch nicht auserzählt ist. Zum Glück erscheinen die beiden Bände in relativ kurzem Abstand, so dass man in Kürze selbst entscheiden kann, ob es nicht mehr Sinn macht, die Bücher direkt nacheinander zu lesen. Davon abgesehen fesselt diese Suche nach der Wahrheit sehr und bereits in diesem ersten Teil der Beschreibung der Ereignisse deutet sich ein unglaubliches Verbrechen an, von dem man nicht glauben mag, dass es im Bereich des Möglichen liegt. Im beschaulichen Schweden können schließlich keine amerikanischen Verhältnisse herrschen, oder? Das wird hoffentlich im Folgeband zu erfahren sein.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schwesterherz von Kristina Ohlsson 
ISBN: 978-3-8090-2663-1




Montag, 17. April 2017

Seefestung

Nach seinem letzten Fall ist Dr. David Hunter gewissermaßen in Ungnade gefallen. Seine Dienste als forensischer Anthropologe werden von der Polizei kaum noch angefragt, möglicherweise ist sein Job in Gefahr. Das scheint sich allerdings noch nicht zu den Beamten herumgesprochen zu haben, die in einem Leichenfund ermitteln sollen. Hunter, der eigentlich zu einer Party eingeladen ist, auf die er keine Lust hat, nutzt diese willkommene Ausrede, um zumindest einen Umweg in die Backwaters und das kleine Städtchen Cruckhaven zu machen. Wie ihm gesagt wurde, ist sein Navi in der Gegend nicht sehr nützlich, trotzdem schafft er es rechtzeitig, um sich mit der Polizei zum Fundort der Leiche zu begeben.

Es scheint wie so oft alles ganz einfach zu sein. Ein so wie es heißt etwas durchgedrehter Sohn reicher Eltern wird seit einigen Wochen vermisst und sein Vater identifiziert die Kleidung des Toten als die seines verschwundenen Sohnes. Doch etwas nagt an David Hunter und in Gedanken versunken verfährt er sich in dem unwegsamen Gelände des von Prielen und Kanälen durchzogenen Marschlandes. Gerettet wird er letztlich durch die Mitglieder der Familie einer jungen Frau, die seit Monaten abgängig ist. Hier wird Hunter nicht sehr freundlich aufgenommen, denn die Familie wartet immer noch auf Nachricht und befürchtet, jeder Fremde könnte der Überbringer schlechter Nachrichten sein.


In seinem fünften Fall wird Dr. David Hunter wieder in eine ihm unbekannte Gegend gerufen, Marsch- und Wattland, Priele und Kanäle, Seefestungen, raue Seeluft und unwegsames Gelände bilden einen Hintergrund, der den Leser einlädt selbst ein wenig nachzuforschen, in was für eine Landschaft die Handlung hineingeschrieben wurde. Eine Kleinigkeit nur wirkt nicht passend und schon stellt sich der Leichenfund in einem anderen Zusammenhand dar als zunächst geglaubt. Angespannt verfolgt man nach, ob die nächsten Schlüsse zur Aufklärung führen. Nachdem jedoch immer neue Hinweise auftauchen gestaltet sich die Sache immer rätselhafter. Und so langsam merken auch die örtlichen Beamten, dass Hunters Ansehen gelitten hat und seine frisch geknüpfte Verbindung zu der Familie der Verschwundenen machen ihn eigentlich befangen, so dass er eigentlich aus den Ermittlungen herausgehalten werden müsste. Wären da nicht seine Spürnase, seine Erfahrung und Abwimmeln lässt er sich einfach nicht. Tief taucht man ein in eine Geschichte, die mit überraschenden Wendungen und einem tollen Setting überzeugt.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Totenfang von Simon Beckett
ISBN: 978-3-8052-5001-6


Sonntag, 16. April 2017

Der Richter

Der Gerichtsmediziner Dr. Leon Ritter hat es sich ganz gut eingerichtet in Südfrankreich. Er will das Leben genießen und ein wenig auf den Spuren seiner französischen Vorfahren wandeln. Der schöne allerdings trockene Frühling verspricht einen Sommer wie er im Buche steht. Und beim Boule lässt es sich gut entspannen und plaudern. Doch dann geht das Gerücht um, der angesehene Richter Lambert sei verschwunden. So recht nimmt das zunächst keiner ernst, schließlich kann er sich mit einer Geliebten eine kleine Auszeit genommen haben. Doch nur wenig später wird der Richter in desolatem Zustand mit zahlreichen Verletzungen gefunden. Bald verstirbt er an den schweren körperlichen Schäden, die er sich während seines Verschwindens zugezogen hat. 

Bereits zum dritten Mal wird der Gerichtsmediziner Leon Ritter zu den Ermittlungen der Polizei hinzugezogen. Ritter ist ein gewissenhafter und gründlicher Rechtsmediziner, der obwohl er ganz dem savoir vivre zugeneigt ist, auch seine deutschen Wurzeln nicht verleugnen kann. Da kann es passieren, dass er mit exakten Untersuchungsergebnissen, die er in den Zusammenhang stellt und dann noch überdenkt, eher aneckt als erfreut. Zum Glück ist er mit der stellvertretenden Polizeichefin des Ortes liiert, die ihm so manche Unterstützung gewährt, wenn die Herren Kollegen und die ganz Oberen mal wieder etwas unter den Tisch kehren möchten. 


Aus französischer Lebensart und deutscher Gründlichkeit wird hier ein unterhaltsamer Krimi gestrickt. Leon Ritter ist ein gutes Beispiel für ein Kind zweier Kulturen, die zwar ähnlich aber doch sehr unterschiedlich sind. Er möchte sich der Leichtigkeit Südfrankreichs anpassen, kann aber nicht verhehlen, dass er einige sogenannte deutsche Tugenden doch vermisst. Dennoch hat er sich in Frankreich verwurzelt und möchte überhaupt nicht mehr zurück. Damit und mit den lebendigen Beschreibungen des Lebens in der Provence weckt der Autor ein gewisses Fernweh. Gleichzeitig entwickelt sich eine packende Kriminalgeschichte, deren Spuren in die nähere Vergangenheit reichen. Man fragt sich, wer solch nie verzeihenden Hass empfinden kann, dass er Mensch auf ausgesprochen grausame Weise tötet. Darauf kann natürlich keine Obduktion eine Antwort geben. Auf die Frage, warum Menschen töten, antwortet Dr. Ritter, weil sie es können. Das klingt zunächst etwas lapidar, wenn man bedenkt, dass wir auch nur Tiere sind und uns vielleicht nicht so viel einbilden sollten, scheint aber doch was dran zu sein. Jedenfalls ist der Krimi klug komponiert und Leon Ritter wächst einem schon nach kurzem ans Herz.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Gefährlicher Lavendel von Remy Eyssen
ISBN: 978-3-8437-1517-1


Samstag, 15. April 2017

Grübchen

Erwin Düsedieker war noch nie verreist. Er braucht das auch nicht. Seine Freundin Lina möchte ihre Schwester Theresa besuchen, die auf einer Ostsee-Insel lebt. Erwin und Lina wollen in Kontakt bleiben. Weil Erwin auch kein Telefon hat, verspricht Lina, alle paar Tage einen Brief zu schicken. Schon nach dem ersten Brief folgen keine weiteren und Erwin beginnt sich Sorgen zu machen. Als in der Zeitung dann auch noch ein Bericht von Todesfällen auf der Insel erscheint, gibt es kein Halten mehr. Gemeinsam mit seinen Nachbarn Hilde und Arne und den Enten Lothar, Lisbeth und Albrecht macht er sich zum ersten Mal auf in die Ferne.

In diesem dritten Band um Erwin Düsedieker geht es wieder hoch her. Erwin, der als im Kopf eher langsam gilt, macht sehr deutlich, dass langsames Denken auch gründlich und methodisch bedeuten kann, besonders wenn man ein gutes Gedächtnis hat. Seine Art passt eigentlich gut zu der der Insulaner, aber trotzdem glaubt ihm zunächst niemand, dass seine Lina verschwunden ist und dass auf der Insel seltsame Dinge abgehen. Die Polizei untersucht nur die offensichtlichen Spuren. Doch schon bald nach einer Ankunft finden die Enten gemeinsam mit Erwin eine weitere Tote.

Auch Lina hat hier ihre Geschichte. Was als relativ simpler Vermisstenfall beginnt entwickelt sich zu einem Fall, der für etliche Personen recht bedrohlich wird. Man weiß ja nie, was sich hinter der Fassade verbirgt. Und so könnte man hier zunächst meinen, die Geschichte wirke etwas sehr weit hergeholt. Doch fügt sich schließlich alles so zusammen, dass für alles eine Erklärung geboten wird. Rausgerissen wird die Handlung jedoch von Erwin (Äwinn), Hilde und Arne und natürlich den Enten, die ihre neugierigen Schnäbel in jede Ecke stecken. Der kauzige Erwin im Gefolge seiner geliebten Enten stolpert über so manchen Hinweis, während die energische Hilde der Polizei erklärt, welchen Hinweisen sie nachzugehen hat. Und der gutmütige Arne braucht manchmal ein Schlückchen, um sein Denkorgan in Gang zu bringen. Und so mischen die Westfalen die Inselbewohner auf oder auch die Touristen oder wer ihnen sonst in den Weg gerät. 


Witzig und spannend.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Erwin, Enten & Entsetzen von Thomas Krüger
ISBN: 978-3-453-41876-9



Freitag, 14. April 2017

Als Diana starb

DI Alex Morrow muss in einem Prozess gegen Michael Brown aussagen. Dessen Fingerabdrücke werden während der Ermittlungen um den Mord an einem wohlhabenden Pakistaner aufgefunden. Eigentlich unmöglich, denn Brown befindet sich in Haft. Morrow will nicht, dass die Verhandlung platzt und beginnt nach Hinweisen zu suchen, die das Geschehen erklären könnten. Etwa gleichzeitig findet die Bestattung des angesehenen Anwalts Julius McMillan statt. In tiefer Trauer ist auch Rose Wilson, die als Nanny für Julius` Enkel angestellt ist. In der Nach als Prinzessin Diana starb, hat McMillan ihre Vertretung übernommen. Die damals erst 14jährige Rose wurde beschuldigt, einen jungen Mann getötet zu haben, der sie belästigte.

Alexandra Morrow ist eine gute aufrechte Polizistin. Obwohl ihr Halbbruder Verbindungen zu der Unterwelt hat, lässt sie sich nicht beirren. Ihre Position in der Truppe ist nicht die allerbeste, denn vor nicht allzu langer Zeit hat sie einen Korruptionsfall aufgedeckt. Davon unbeeindruckt versucht Morrow alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Schließlich ist es unmöglich, Fingerabdrücke an einem Tatort zu hinterlassen, wenn man hinter Gittern sitzt. Soll Brown eine weitere Tat untergeschoben werden? Oder ist einfach ein Fehler im System? Oder soll Verwirrung gestiftet werden, damit Brown seiner gerechten Strafe entkommen kann?


Auf zwei Zeitebenen kann man das Geschehen beim Lesen verfolgen. Zum einen wird von der Nacht berichtet, in der Diana starb, zum anderen befindet man sich in der Gegenwart und verfolgt wie DI Alex Morrow nach und nach hinter die Zusammenhänge kommt. Dabei wird der Eindruck erweckt, Glasgow sei durch das Verbrechen beherrscht und der Polizei kommt nur eine Rolle am Rande zu. Selbst welche Sachverhalte aufgeklärt werden, scheint nicht durch die Behörden gesteuert zu werden. Lange rennt Morrow deshalb scheinbar gegen Windmühlen an, bis sie schließlich die entscheidenden Schlüsse zieht. So entsteht ein betrübliches Bild einer verkommenen Gesellschaft, die sich mit einer schönen Urlaubsidylle nicht in Einklang bringen lassen will. Doch gerade aus diesem Widerspruch bezieht das Buch einen Großteil seiner Spannung. Wenn die Erkenntnisse doch erst relativ spät kommen und es somit gilt, am Ball zu bleiben, packt dieser Krimi mit seiner düsteren, eher hoffnungslosen Stimmung schließlich doch. 

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Das Vergessen von Denise Mina
ISBN: 978-3-453-41787-8




Mittwoch, 12. April 2017

Fab Five

Nach langer Zeit in London kehrt Cyrus Doyle nach Guernsey zurück. Er möchte sich mehr um seinen über 90jährigen Vater kümmern. Dass er leitender Ermittler bei der Kriminalpolizei werden soll, kommt ihm sehr zupass. Doyle bekommt kaum ein paar Minuten, um wieder anzukommen. Noch an der Fähre wird er zu einem Mordfall gerufen. Ein ehemaliger Polizist wurde ermordet und noch gibt es kaum einen Hinweis. Immerhin lernt Doyle sein Team kennen und er stellt fest, dass er einige noch aus seiner Anfangszeit bei der Truppe kennt. 

Eigentlich sollen Polizisten oder ehemalige Polizisten doch die Guten sein, also kann es doch im Grunde niemanden geben, der ihnen nach dem Leben trachtet. Und dennoch geschehen diese schrecklichen Taten. Die Beamten tappen zunächst im Dunkeln und haben gleich auch die Presse an den Hacken, die Stimmung macht. Pikant dabei, bei einem der Pressevertreter handelt es sich um Doyles Ex-Freundin, die ihm aus London nachgereist ist. Ihr Ziel, Doyle nach London zurück zu holen, erreicht sie nicht. Doyle steht zu seiner Entscheidung auf seine Heimatinsel zurück zu kehren. Er freut sich über jeden lichten Moment seines Vater und jedes gute Gespräch, dass sie führen können. Nur mit den Ermittlungen, die nicht so recht vorangehen wollen, ist er erst noch unzufrieden.

Mitunter wirkt dieser sympathische Kriminalroman fast wie ein Reiseführer mit einer Krimihandlung. Viele Sehenswürdigkeiten, Straßen und berauschende Aussichtspunkte werden sehr eingehend und bildhaft beschrieben. Man bekommt tatsächlich Lust, Guernsey einen Besuch abzustatten. Mildes Wetter, jedoch wechselhaft, malerische Landschaft. Eigentlich dürfte es in so einem Landstrich kaum Verbrechen geben. Dass dieser Schein trügerisch sein kann, erfährt Cyrus Doyle schon direkt bei seiner Ankunft. Gut beschrieben ist da die anfängliche Ziellosigkeit der Untersuchungen, man will schließlich in alle Richtungen ermitteln und keine noch so vage Spur außen vor lassen. Bedächtig schreitet Cyrus Doyle mit seinen Nachforschungen voran, nur um schließlich plötzlich einen Geistesblitz zu haben. 


Ein sympathischer neuer Ermittler in einer ansprechenden Umgebung, der mit seinem Sportwagen eine kleine Erinnerung an den Kollegen Bergerac von der Nachbarinsel Jersey aufkommen lässt. Gerne möchte man sich weitere Kriminalgeschichten über Cyrus Doyle zu Gemüte führen und weitere Landmarken seiner schönen Insel kennenlernen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Cyrus Doyle und der herzlose Tod von Jan Lucas
ISBN: 978-3-8412-1304-4


Sonntag, 9. April 2017

Die Wale

Schon seit ich meinen Blog habe, schaue ich auch immer mal bei anderen Bloggern vorbei. Viele haben ein eigenes Bewertungssystem und ich finde es echt super, mit wie viel Phantasie diese gestaltet sind. Ich habe es der Einfachheit halber bei den wohl bekannten Sternen belassen. Aber irgendwie habe ich mir gewünscht, auch ich hätte eine zündende Idee. 

Trotzdem habe ich lange nichts gefunden, was für mich passend und auch individuell gewesen wäre. Aber mit der fortschreitenden Emojionalisierung des Schreibens von SMS oder ähnlichen Nachrichten gab mir das Telefon den Gedanken. Denn wenn ich begann, meinen Namen zu schreiben, bildete das freundliche Mobile Phone einen Wal ab. Der erste Gedanke war dann, ich bin doch gar kein Wal. Nach und nach änderte es sich in, eigentlich ist er ja ganz niedlich der Wal. 

Und so setzte sich langsam die Idee fest, dass ich ja niedliche Wale vergeben könnte. Aber wie sollte ich das mit den halben Sternen umsetzen? Das übliche fünfer System ist mir zu ungenau, mit den zehn Stufen lässt sich besser ausdrücken, wie man ein Buch empfindet. Aber halbe Wale? Nee, erstmal die technische Umsetzung läge schon nicht im Bereich meiner Möglichkeiten - zum Glück, schließlich soll es hier kein Walgemetzel geben. Aber zehn Wale, da hätte ich hier ja eine Überschwemmung. Deshalb habe ich mich entschieden maximal fünf Wale zu verteilen und als Zwischenschritt gibt es ein Plus. 

Hier also endlich mein eigenes Bewertungssystem, das nicht ich gefunden habe, sondern das mich gefunden hat:


🐳🐳🐳🐳🐳 -genial

🐳🐳🐳🐳+ -sehr gut

🐳🐳🐳🐳 -gut

🐳🐳🐳-lesenswert

🐳🐳🐳 -okay

🐳🐳-kann man lesen, muss man aber nicht

🐳🐳 -für Fans

🐳+ -nur für eingefleischte Fans

🐳 -gibt es, glaube ich, nicht


Samstag, 8. April 2017

Immer und überall

Der Polizist Nick Belsey ist vom Dienst suspendiert und untergetaucht, ausgerechnet in einer Polizeiwache, die inzwischen geschlossen wurde. Doch die Ruhe währt nicht lange. Jemand hämmert so lange an das Tor bis Nick doch öffnet. Vor ihm steht eine leicht verwirrte Frau, die angibt, ihr Sohn sei verschwunden. Dieser Sohn - Mark - ist schon über vierzig und vielleicht muss man sich nicht allzu viele Sorgen um das große Kind machen. Nick empfindet jedoch mit der beunruhigten Mutter, die selbst Hilfe möglicherweise sogar nötiger hat als ihr Filius. In Marks Zimmer entdeckt Nick überraschend eine Art Schrein für eine bekannte Schauspielerin und Sängerin.

In seinem dritten Fall ist Nicks Situation schlimmer denn je, wer würde schließlich eine ausgediente Polizeistation als Zuflucht wählen. Immerhin ist der Gedanke, dort werde man ihn nicht vermuten, nicht von der Hand zu weisen. Obwohl er sich eigentlich bedeckt halten sollte, kann Nick das Ermitteln nicht lassen. Irgendwie steckt es ihm einfach im Blut. Worin kann eine Verbindung zwischen einen etwas undurchsichtigen Spätentwickler und der strahlenden Schauspielerin bestehen. Das kommt Nick recht seltsam vor, aber im Besitz des Verschwundenen befinden sich Dinge, die auf einen nähere Bekanntschaft hindeuten. Oder hat er es mit einem Stalker zu tun, der dabei ist durchzudrehen.


Eigentlich erwartet Nick nach seiner Suspendierung auf eine Verhandlung, die ihn ins Gefängnis bringen könnte. Alles scheint sich gegen ihn verschworen zu haben, besonders seine bald ehemaligen Kollegen. Trotzdem kann er es nicht lassen. Was zunächst nur der Gedanke ist, einer besorgten Mutter zu helfen, wächst sich schnell in einen undurchsichtigen Fall aus. Und mit seiner bekannten Frechheit ist Nick mal ein Securitymitarbeiter, mal ein Bodyguard und manchmal auch ein Polizist. Lange bleiben die Umstände von Marks Verschwinden im Dunkeln. Nur in kleinen Häppchen verteilt der Autor Informationen an seinen Ermittler, der sich dennoch in die Suche verbeißt. Schließlich gilt es auch seine eigene Haut zu retten, denn seine Anwesenheit an einem bestimmten Ort könnte Nick schnell zu einem Verdächtigen werden lassen. Immer und überall im Einsatz unterhält der in Ungnade gefallene Nick Belsey bestens. Und was als relativ harmlose Vermisstenanzeige beginnt, wird schnell zu einer undurchsichtigen und auch gefährlichen Untersuchung, die mit mehr als nur einer Überraschung aufwartet. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

London Stalker von Oliver Harris
ISBN: 978-3-89667-560-6




Freitag, 7. April 2017

Fiore

Endlich glaubt sich Lotta Fiore am Ziel, obwohl sie damals die Ausbildung an der Polizeischule nicht abgeschlossen hat, darf sie zusammen mit Konrad Fürst den Polizeidienst antreten. Gleich am ersten Tag sollen die beiden zu einer Leichenschau. Ein Journalist hat sich offensichtlich in seiner Badewanne umgebracht. Erschreckend dabei ist nicht nur der Anblick des Toten, sondern auch ein Zettel, auf dem Charlottas Name notiert ist. Wieso taucht Lottas Name bei dem Journalisten auf, worüber hat er recherchiert. Während die neuen Kollegen sich nicht gerade erfreut zeigen, dass Lotta einfach so anfangen darf und alles unternehmen, ihr die Arbeit zu erschweren, ist Konrads Stand doch viel einfacher.

Noch immer hält Lotta ihre wahre Herkunft geheim. Konrad, der sich nach seinem Koma noch nicht an alles erinnert, ist damit einverstanden. Ihm fällt die Rückkehr ins Arbeitsleben noch schwer und doch ist er sehr froh, dass er Lotta hat. Also könnte es eigentlich recht  gut sein in Lottas Leben. Doch sie fühlt sich von ihrem Freund Hannes hintergangen, weil sie meint, er wolle ihre Arbeit bei der Polizei konterkarieren. Sie kann nicht so vertrauen wie sie es sich wünschen würde. Und dann wird sie auch noch daran gehindert, zu ermitteln. Was, wenn doch mehr hinter dem Todesfall steckt.


Dieser dritte Band um die ehemalige Kaufhausdetektivin und nun im Polizeidienst tätige Charlotta Fiore, angebliche Tochter einer berühmten Mutter holt einen gleich wieder ab. Man fühlt sich heimisch in Charlottas Welt, ihre wiedergefundene Familie, die ihr zwar Halt gibt, aber doch auch Probleme aufwirft. Die neue Arbeit, die zunächst einmal enttäuschend ist. Ein Fall, der keiner zu sein scheint. Und immer noch der Schatten von Maria Fiore, die Übermutter, die manche Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Ein spannendes Geflecht von Beziehungen, Spuren und Vermutungen fügt sich zu einem packenden Kriminalroman mit sympathischen Protagonisten. Man spürt Charlottas Unsicherheit und Angst, aber auch ihren Willen, hinter die Fassaden zu blicken. Mit ihrer unnachahmlichen Art geht sie die Dinge an egal, ob es sie selbst betrifft oder einen Fall. Zwar kann sie hier nicht das große Geheimnis aufdecken, aber wie auch in den vorherigen Bänden, ist ihr Auftritt ausgesprochen überzeugend.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die unbekannte Schwester von Theresa Prammer
ISBN: 978-3-471-35139-0


Mittwoch, 5. April 2017

Worthy

Manchmal kann man schneller zu einer Ehe kommen als man sich vorstellen konnte. So geht es Alex und Kate, die aus verschiedenen Gründen untertauchen müssen. Und wo versteckt man sich besser als in der Öffentlichkeit, dort man nicht vermutet wird. Kate und Alex landen als vermeintliches Ehepaar in einer exklusiven Ferienanlage. Gleichzeitig soll Alex als Bodyguard fungieren. Kate, die Jury studiert hat, und Alex, der über seine Herkunft nicht gerne redet. Die beiden bilden zunächst einmal ein Paar, dass sich viel zu sagen hat, allerdings zunächst mehr Wortgefechte als Liebesgeplänkel.

Mit gewohnt leichter Hand schafft die Autorin eine prickelnde Situation zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die sich unter andern Umständen auch nie kennen gelernt hätten. Die gut ausgebildete Kate aus wohl situiertem Elternhaus und der einsilbige Alex, der auf der Flucht vor seiner Herkunft ist, der sich als unwert empfindet. Und nach außen hin müssen sich ein glückliches Paar spielen. Und es ist nicht so, dass die Tarnung perfekt ist. Immer besteht die Gefahr, dass die Widersacher der Beiden ihre Spur aufnehmen.


Mit den Büchern der Autorin kann man kaum etwas falsch machen. Sie schafft es immer wieder ihrer Phantasie Geschichten zu entlocken, in denen man dahinschmelzen möchte. Mit dem vorliegenden ersten Band einer neuen Reihe gelingt ihr dies jedoch leider nicht ganz so überzeugend wie sonst. Neben den bekannt fluffigen verbalen Schlagabtauschen enthält dieser Roman leider auch ein paar Szenen, die vielleicht nicht jeden überzeugen. Einige Hintergründe wirken irgendwie nicht so anrührend und die Wirkungen, die sie entfaltet haben lösen eher ein gewisses Unverständnis aus. Obwohl die Grundidee sehr ansprechend und phantasieanregend ist, schafft die Autorin es diesmal nicht völlig zu überzeugen. Da hat man schon mitreißendere Werke von ihr gelesen, die einen wirklich mitfiebern ließen.

3 Sterne (🐳🐳🐳)

Barefoot with a Bodiyguard von Roxanne St. Clair
ISBN: 978-0-9908607-2-3


Montag, 3. April 2017

Der Fleurie

Tess ist neu in New York und sie findet eine Stelle als Hilfskraft in einem Restaurant. Dort muss sie natürlich erstmal die Tätigkeiten ausüben, zu denen die anderen keine Lust haben oder denen sie entwachsen sind. Die Arbeit ist anstrengend, doch die Atmosphäre im Lokal wirkt wie ein Lebenselixier. Die Gäste mit ihren kleinen Geheimnissen, die Kollegen, das Mitarbeiteressen, die gemeinsam verbrachten Feierabende. Wird Tess es schaffen? Sie wird Hilfskellnerin und schon das ist eine kleine Auszeichnung. Sie lernt, sie saugt alles in sich auf. Die Geschichten über die exquisiten Weine, die opulenten Mahlzeiten und natürlich zu verkostenden Weine.

Welch eine Fülle wird da dargestellt. Man sieht den großen Tisch, der sich vor dem köstlichen Essen und den erlesenen Weinen und anderen Getränken fast biegt. Man lauscht den Gesprächen der Mitarbeiter, ihren kleinen Sorgen und Nöten, ihren Wünschen und Geheimnissen. Man schlendert durch die Straßen auf dem Weg zur naheliegenden Bar. Die wenige freie Zeit möchte man mit dem Lernen verbringen, über die Weine, die man kredenzt. Immer wieder möchte man den Geschichten der Stammgäste lauschen, man möchte die illustren Gäste hegen und pflegen, und sich von ihnen das Leben bereichern lassen. Tess möchte Kellnerin werden, und das ist nicht nur ein Wunsch, das ist ihr Leben und es ist eine Haltung.


Gäbe es nicht auch eine schwer verdauliche Seite, eine Seite, der der harten Lebensrealität gewidmet ist, könnte man sich durch dieses Buch schwelgen. Über die erwähnten Weine nachlesen, den Lektionen der Simone folgen, vielleicht wie Tess die ersten Austern probieren. In Gedanken könnte man durch die Straßen New Yorks flanieren. Man könnte die Hitze des Sommers genießen und einen ganz anderen Einblick in den Beruf einer Kellnerin gewinnen. Sicher ist nicht jede Kellnerin wie Simone, doch in den richtigen Restaurants, kann man sie sicher treffen, die eine Haltung haben, die ihre Arbeit lieben, die es verstehen das Angebot in ein wunderbares Licht zu setzen und den Gästen den Mund wässrig zu machen. Man wünscht sich, dieses Restaurant zu finden, und so eine Kellnerin zu treffen. Tess durchlebt eine Zeit von Höhen und Tiefen, aber mit Sicherheit eine Zeit, von der sie zehren kann und die ihr immer in Erinnerung bleiben wird. Auch dem Leser wird die Lektüre lange unvergessen bleiben.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sweetbitter von Stephanie Danler
ISBN: 978-3-8412-1288-7


Sonntag, 2. April 2017

Was für ein Paar

Ihre Tochter Cora ist sechs Monate alt und Marc und Anne wollen einfach mal wieder feiern. Die Party in kleinem Rahmen soll bei den Nachbarn stattfinden. Da diese selbst keine Kinder haben wird beschlossen, einen Babysitter zu besorgen und die kleine Cora daheim zu lassen. Es sind ja nur ein paar Schritte. Doch unerwartet sagt die Babysitterin ab, nun ist Anne dafür, lieber auf die Feier zu verzichten. Marc allerdings überredet sie, doch loszugehen, schließlich hat man das Babyphon und kann wegen der kurzen Entfernung alle halbe Stunde nach der Kleinen sehen. Alles scheint gut zu gehen, als die Eltern jedoch spät Nachts nach hause kommen, ist das Baby verschwunden.

Welch ein Horror, man geht aus, meint, man hat vorgesorgt und dann tritt der schlimmste Fall ein, den man sich denken kann. Ein Baby verschwindet und der leitende Kommissar hegt sofort den Verdacht, dass die Chancen des Kindes schlecht stehen. Anne, die ihr Kind am liebsten überhaupt nicht allein gelassen hätte, gibt ihrem Mann die Schuld, er hat sie schließlich überredet. Aber muss man denn tatsächlich immer vom Übelsten ausgehen. Sicher nicht, für diese Familie aber tritt es ein. Das, was nach der Statistik eigentlich sehr unwahrscheinlich ist, passiert. Was löst das in einer Familie aus? Welche Emotionen kommen zutage, welche Begebenheiten werden ans Licht gezerrt, die man lieber im Dunklen gelassen hätte.

Was wird aus einem augenscheinlich glücklichen Paar, wenn der Mittelpunkt des Daseins, das kleine Mädchen, von einer Sekunde auf die andere verschwindet. Man beginnt sich selbst zu fragen, hätte man einen Säugling alleine zu hause gelassen, auch wenn es nur ein paar Meter sind. Schon daran mögen sich die Geister scheiden, der eine meint vielleicht, ein so kleines Kind schläft doch eh, tja, also macht es doch nichts, wenn es ein paar Stunden alleine ist. Merkt doch keiner, besonders das Baby nicht. Der nächste wird sagen, geht doch garnicht, ein so kleines Mädchen nimmt man mit oder bleibt daheim. So wie sich Anne und Marc schon in diesem Punkt eigentlich nicht einig sind, sind sie auch in anderen Belangen unterschiedlicher Meinung. Und nach und nach bricht ihr Eheidyll auseinander. 


Geschickt versteht es die Autorin die Handlung langsam zu steigern, immer neue Hinweise und Informationen tauchen auf, in deren Licht die Ereignisse ganz anders zu bewerten sind. Leider sucht man dabei vergeblich nach einigermaßen sympathischen Personen, mit denen man sich identifizieren könnte. Zwar ist das Geschehen spannend und überraschend, aber doch so herbe und distanziert, dass es schwierig bleibt einen rechten Zugang zu finden. Wer fesselnde Geschichten mag, an denen man etwas zu knabbern hat, wird sicher bestens unterhalten werden.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Couple next Door von Shari Lapena
ISBN: 978-3-7325-4029-7


Samstag, 1. April 2017

Der Brunnen

Old Mel und der minderbemittelte Neffe von Da wollen einen Brunnen graben. Das heißt der minderbemittelte Neffe gräbt und Old Mel gibt Anweisungen. Die Arbeit geht jedoch nicht lange gut. Der Junge stößt beim Graben schon nach kurzer Zeit auf Widerstand. Irgendetwas ist im Weg und das muss beiseite geschafft werden. Plötzlich stürzt der Junge ein und landet in einen alten Bulli zwischen zwei Leichen. Die Reporterin Jimm Juree, die mit ihrer Familie vor kurzem in den Süden Thailands gezogen ist, hat endlich zu tun. Schon bald muss sie allerdings entscheiden, was wichtiger ist: zwei Skelette im Bulli oder ein toter buddhistischer Abt.

In diesem ersten Band um die Kriminalreporterin Jimm Juree lernen wir, dass die junge Frau ihr Leben in der Stadt doch sehr vermisst. Völlig unerwartet hat ihre Mutter alles verkauft und ist mit der Familie an die Südküste gezogen. Dort hat sie ein heruntergekommenes Ferienresort gekauft, das absolut nichts abwirft. Der jungen Journalistin fehlt nicht nur das Stadtleben, sondern auch ihr Zeitungsjob. Eigentlich möchte sie so schnell wie möglich wieder weg. Doch vorher will sie die Rätsel um die Toten lösen. Tote in einem Ort, an dem man kaum eine Polizeistation braucht, denn eigentlich passiert dort nie etwas. Aber nun gibt es Jimm Juree und mit ihr kommt das Abenteuer. 


Man muss sich bei dieser Reihe um die sympathisch chaotische Jimm Juree und ihre schräge Familie nicht an die Reihenfolge halten. Nach dem dritten Band kann man sich getrost auch den ersten zu Gemüte führen. Man entdeckt eine verschrobene Familie, hinter deren Schrulligkeiten sich ganz eigene Geschichten verbergen. Und Jimm Jurees Herangehensweise an die Todesfälle ist schon unkonventionell. Mit Witz und Frechheit mischt sie sich in die Polizeiarbeit ein und fügt auch abwegige Spuren zusammen. Und so unterhält dieser skurrile Krimi, bei dem man nebenbei noch ein wenig über das Leben im Thailand von heute lernen kann.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Tote trägt Hut von Colin Cotterill
ISBN: 978-3-442-47702-9




Freitag, 31. März 2017

Flynns Wahrheit

Der Literaturagent Peter Katz wird sehr neugierig als der Autor Richard Flynn ihm ein Exposé und die ersten Seiten eines Romans zukommen lässt. Darin geht es um einen Mord, der vor langen Jahren begangen wurde und in den Flynn verwickelt war. Bevor Katz jedoch mehr erfahren kann verstirbt Flynn an einer schweren Krankheit. Katz kann jedoch nicht von der Sache lassen und will nun selbst herausfinden, was Richard in seinem Manuskript zu sagen hatte. Die Suche nach der Wahrheit gestaltet jedoch völlig anders als erwartet.

Die Ereignisse aus der Sicht verschiedener Personen, x-mal das Gleiche lesen? Man könnte befürchten, dass es da zu Längen kommen kann oder gar muss. Doch weit gefehlt, zum Glück. Bei der Wahrheit aus verschiedenen Blickwinkeln kommen recht unterschiedliche Wahrheiten heraus, die sich überschneiden oder ergänzen und manchmal auch ähneln, die aber nie völlig gleich sind. Und das macht einen besonderen Reiz aus. Wie bei der Häutung einer Zwiebel entblättert sich nach und nach ein Gesamtbild, das irgendwie immer noch Rätsel aufgibt. Nicht alles wird komplett geklärt. Jede Wahrheit ist sehr von der Sicht auf die Wirklichkeit der Person geprägt, deren Gedanken gerade im Mittelpunkt stehen. Immer tiefer dringt der Autor in die verschiedenen Schichten vor und wirft dabei immer neue Fragen auf. Wahrhaft angefixt bleibt man an dem Roman kleben. Wenn man als passionierter Leser von Kriminalromanen vielleicht auch gerne eine komplette Aufklärung wünschte, so ist man doch fasziniert von dem geschickten Aufbau der Story, die hinter jeder Ecke eine neue Spur vermuten lässt.


Hervorragend ist hierbei auch die Produktion des Hörbuches, bei dem die unterschiedlichen Teile von unterschiedlichen Lesern vorgetragen werden. Diese wurden ausgesprochen passend für ihre Parts ausgesucht und malen mit ihren Stimmen ein lebendiges Bild der Szenerie. Ein sehr gelungenes Hörbuch für einen sehr gelungenen Roman.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Buch der Spiegel von E. O. Chirovici
ISBN: 978-3-844-52544-1


Donnerstag, 30. März 2017

Savior

Die bekannte Fernsehjournalistin Konstanze Friedrichs wird in einer Klinik als Patientin aufgenommen. Sie wird behandelt von Dr. Nadja Schönberg, die selbst ein traumatisches Ereignis überwinden musste. Doch Nadja fühlt sich gut und in der Lage die Behandlung der Promi-Patientin zu übernehmen. Sie ist überzeugt, Konstanze helfen zu können. Nadja ist um Neutralität bemüht und sie versucht deshalb, sich die Geschichte ihrer Patientin auch aus der Sicht der weiteren Beteiligten anzuhören. Dabei erlebt sie ein paar Überraschungen, die es ihr erschweren, sich voll und ganz auf Konstanze zu konzentrieren. Auch ein alter Fall lässt Nadja nicht los.

Unbedingt will Nadja Schönberg ihre Kollegin überzeugen, dass sie wieder ganz die Alte ist, dass sie in der Lage ist, einen schwierigen Fall zu übernehmen. Sie freut sich, dass ihr Vorgesetzter, ihr Vertrauen schenkt und ihr die Behandlung dieser außergewöhnlichen Patientin überlässt. Doch nach und nach muss Nadja feststellen, dass die Ereignisse von früher nicht jede Wirkung verloren haben. Etwas Bestimmtes darf sich nicht wiederholen und muss unbedingt verhindert werden. Es ist Nadjas Verantwortung und Nadja ist die Einzige, die die Rettung bringen kann. Immer tiefer versucht sie in die Psyche ihrer Patientin hinein zu fühlen, immer mehr beginnt sie aber auch nachzuforschen, wie deren Mitmenschen die Phase vor der Einlieferung in der Klinik erlebt haben. 


Ein besonderes Psychogramm zweier Frauen zeigt die Autorin hier auf. Zwei Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, die aber doch in Wechselbeziehungen stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Wie bei einem Thriller zu erwarten geschieht dies nicht immer zum Besten der handelnden Personen. Unweigerlich wird man von der Geschichte in den Bann gezogen. Was zunächst wie eine normale Behandlung psychischer Probleme beginnt, weitet sich zu einem Rätsel über mögliche Zusammenhänge, das bis zum Ende spannend bleibt. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hinter allem könnte etwas Verborgenes stecken, eine kleine Manipulation hier oder dort entdeckt, könnte zu gegensätzlichen Schlüssen führen. Und so lässt man sich locken und folgt den Fährten, die die Autorin ausgelegt hat. Man wird feststellen, dass man nicht alles erahnen konnte und ein leises Frösteln bleibt zurück.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Seelenfeindin von Sabine Trinkaus
ISBN: 978-3-7408-0083-3



Dienstag, 28. März 2017

Genesis

Ende des 19. Jahrhunderts lernen sich die Jugendlichen Thomas und Charlie auf einem Elite-Internat kennen. Dort sollen sie lernen wie es ihrer Klasse geziemt, doch sie sollen auch lernen, den Rauch zu beherrschen. Kinder können es nicht, heißt es. Zu Beginn der Pubertät erlangen die Kinder langsam die Fähigkeit. Was aber ist der Rauch? Er entsteht bei jeder Gefühlsregung und scheint aus allen Poren zu quellen. Für die Jungen adliger Herkunft wird es allerdings nicht als angebracht angesehen, zu rauchen. Und so üben sie sich in Selbstbeherrschung und Kühle. Bei aller Beherrschung sind junge Menschen aber auch neugierig und sie wollen das Geheimnis des Rauchs ergründen.

Die so genannten einfachen Menschen dürfen rauchen, sie haben ja sonst nichts zu sagen. Für die vermeintliche Elite wird es allerdings nicht als angebracht angesehen. Und so wird er ein Zeichen der Trennung, dieser Rauch. Einher geht er mit einer Abschottung Englands nach außen. Die Menschen wissen nicht, wie es in anderen Ländern zugeht. Gibt es dort das Phänomen des Rauchs ebenso? Wie die Völker damit um? Sehen sie es als ganz normal oder ebenfalls als Zeichen der Sünde? Gibt es eine Heilung? Bedarf es dieser überhaupt? Nun, auch in England gibt es geheime Bewegungen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Doch haben diese nur lautere Ziele? 

Soll man dieses Buch einfach nur als Roman lesen oder mehr wie ein Gleichnis auf die heutige Gesellschaft? Jedenfalls finden Charlie und Thomas alsbald heraus, dass die Welt nicht so ist, wie es ihnen vorgegaukelt wird. Und das ist sicherlich in die heutige Zeit übertragbar. Es ist an einem selbst, zu überlegen, was man glauben soll oder besser was man glauben kann. Dazu bedarf es eigener Recherche aus verschiedenen Quellen, um einen Querschnitt zu bekommen, aus dem man für sich eine Quintessenz ziehen kann. So wie Charlie und Thomas sich aufmachen, nach der Wahrheit zu suchen und den Versuch starten, sich von der Bevormundung zu befreien, kann man es vielleicht selbst versuchen, getragen von der Hoffnung eine Verbesserung herbei zu führen, aber im Bewusstsein, dass dies nicht immer der Fall sein wird.


Ein packender Roman von Dan Vyleta, der eher von zeitgeschichtlichen Romanen bekannt ist. Auch mit diesem Werk, das vielleicht als Dystopie angesehen werden kann, schafft es der Autor eine düstere Welt erstehen zu lassen, die durchaus Parallelen zur in Teilbereichen nicht allzu schönen Gegenwart aufweist. Man beginnt zu hinterfragen, durch welchen Rauch oder dessen Beherrschung man selbst klein gehalten wird und was man dagegen unternehmen sollte.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Smoke von Dan Vyleta
ISBN: 978-3-570-58568-9




Montag, 27. März 2017

Die Liste

Detective William Fawkes wird zu einem Leichenfund gerufen, wer kaum zu ertragen ist. Was zunächst wie eine Leiche, die erhängt wurde, entpuppt als eine Art zusammengestückeltes Etwas, das an Schauderhaftigkeit kaum zu überbieten ist. Sechs Menschen wurden ermordet, um dieses Gebilde zu schaffen. Und wieso blickt das Fenster in Fawkes’ Wohnung genau auf diesen Fundort? Fieberhaft beginnt die Polizei mit ihren Nachforschungen.Die Opfer sind unbekannt und es scheint keine Verbindung zwischen ihnen zu geben. Als ob das nicht schon schlimm genug ist, taucht auch noch eine Liste auf, mit der weitere Todesfälle angekündigt werden. Und nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit zur Rettung der Menschen, deren Name auf dieser Liste steht.

Welch ein Szenario, schlimmer kann es kaum kommen, sechs unbekannte Tode und sechs Namen auf einer Liste, die sich vermutlich in größter Gefahr befinden. Die ermittelnden Beamten gönnen sich keine Ruhe und setzen ihre privaten Beziehungen aufs Spiel. Hintergründig sind teilweise auch die Beziehungen unter den Polizisten. So ist der leitende Ermittler William Fawkes aus einer Suspendierung zurückgekehrt. Er war in psychiatrischer Behandlung und es ist ungewiss, wie gut er die Erkrankung überstanden hat. Und auch scheinen die Kollegen nicht immer optimal zusammen zu arbeiten.


Mit seinem Erstlingswerk ist dem Autor ein ausgesprochen spannender Thriller gelungen, der einige sehr grausame Szenen aufweist. Ein besonderes Augenmerk wird zusätzlich auf die akribische Ermittlungstätigkeit gelegt, die das Buch sehr spannend macht. Doch manchmal sind die Szenenwechsel etwas abrupt, so dass man einen Moment innehalten muss, um sich kurz noch einmal zu orientieren. Die Namensgebung des leitenden Ermittler als William Oliver Layton-Fawkes kurz Wolf weist zwar zum einen einen gewissen Witz auf, zum anderen ist es aber nicht ganz leicht sich die verschiedenen Versionen seines Namens zu merken und diesen dann auch noch von dem Kollegen Finley zu unterscheiden. Und so ist es manchmal wirklich schwierig am Ball zu bleiben. Weiterhin ist die Handlung hin und wieder wie eine Tour de Force, mit der man sich anfreunden muss. Nicht jedem wird es gelingen. Es kann wohl sein, dass die Zumutung etwas groß gerät. Wieso nach diesem Start noch weitere Bände um Fawkes folgen sollen, bleibt unklar. Leider vermochte dieser zwar mit einer ausgesprochen fiesen und verwickelnden Geschichte punktende Thriller nicht völlig zu überzeugen.

2,5 Sterne (🐳🐳+)

Ragdoll von Daniel Cole
ISBN: 978-3-8437-1471-6


Sonntag, 26. März 2017

Hallo Leipzig 2017

Am Freitag, den 24.03.2017, ging es bei strahlendem Sonnenschein erst zum Zug und damit zur Leipziger Buchmesse. Dank des Sonderhaltes am Messe-Bahnhofs konnte ich mir die Straßenbahn der Ölsardinen sparen und kam sehr entspannt am Messegelände an. Man lernt ja jedesmal dazu und so bin ich diesmal auch gleich zum Presseeingang gegangen. Das ist immer wieder ein tolles Gefühl, wenn man als Blogger zur schreibenden Zunft gezählt wird. Bereits ein paar Tage vor dem Start hatte ich mir die Buchmesse-App vorgenommen und mir markiert, welche Verlagsstände ich gerne besuchen möchte und welche Veranstaltungen mich interessieren (Lob für die Macher der App, die ist sehr informativ). Zusätzlich hatte ich mir noch ein paar andere Termine gesetzt.


Zunächst ging es für mich zu den Aufbau-Verlagen, dort gab es ein paar tolle Bücher zu erfühlen und mit Blicken zu umschmeicheln. Ich freue mich schon sehr auf „Cyrus Doyle und der herzlose Tod“ von Jan Lucas, Start einer neuen Reihe, die auf Guernsey spielt. Die Kanalinseln möchte ich sehr gerne einmal bereisen, selbst wenn es nur literarisch ist. Eine kurze und sehr freundliche Begegnung hatte ich mit Frau Seiler, die beim Aufbau-Verlag unter anderem die Blogger betreut und diese Aufgabe immer mit ein paar persönlichen Worten ausgesprochen sympathisch erledigt. Gerne möchte ich auch „Sweetbitter“ von Stephanie Danler empfehlen, da machen schon die ersten Kapitel Appetit auf mehr.

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit „Billy the Beast“ von Jörg Menke-Peitzmeyer lesen zu dürfen.   Ein guter Anlass, sich auch die Lesung des Autors anzuhören. Bei dem Debütroman handelt es sich um einen Coming-of-Age Roman. Der wohlbeleibte Bert fühlt sich in seiner Haut nicht wohl und ist wohl nicht nur wegen seines Gewichts ein Außenseiter. Doch er sieht seine Lage mit Ironie und Humor und das hat der Autor bei seiner Lesung bestens zum Ausdruck gebracht. 





Weiter ging es für mich zu den Ständen bekannter und auch nicht ganz so bekannter Verlage, die ich neugierig beäugt habe. Es gibt einfach zu viele schöne Neuerscheinungen, die Augen möchten einem übergehen. Ich wünschte mir, die Tage hätten 48 Stunden mindestens und selbst das würde noch nicht reichen, um all den tollen Büchern gerecht zu werden. 

Sehr neugierig war ich auf eine Veranstaltung mit dem Titel „Der nasse Fisch“. Das kennst du doch, dachte ich. Und tatsächlich der erste Krimi um Kommissar Gereon Rath von Volker Kutscher wurde von dem Zeichner Arne Jysch in Comic-Bilder gekleidet. Autor und Zeichner gaben ein gemeinsames Interview. Mit großem Interesse lauschte ich, wie der Zeichner letztlich das ganze Buch auseinander genommen hat, um es als Comic wieder zusammen zu fügen. Wie gut sich Kutscher und Jysch verstanden und welche Hilfestellung der Autor leisten konnte. Auf die Frage zum Beispiel, ob der Comic nicht auch hätte in Farbe gedruckt werden können, kam zum einen die ehrliche Antwort, dass das eine Kostenfrage sei und anderen aber auch die ebenso ehrliche Antwort, dass es zwar durchaus schon etliche Photographien aus der Zeit gäbe, die aber sehr häufig in schwarz weiß seien. Das Buch scheint ausgesprochen gut in Bilder umgesetzt zu sein. Die ausgesprochen gute Krimi-Reihe um Gereon Rath verdient jede Aufmerksamkeit und eine Graphic Novel kann da genau das Richtige sein.


Nach der Mittagspause hatte ich mich noch mit der Autorin Ellen Dunne verabredet, die ich bisher nur aus dem großen weiten Netz und natürlich von ihren Büchern kannte. Besonders ihr erstes Buch „Wie du mir“, das in Nordirland spielt hat es mir angetan. Mitreißend und intelligent geschrieben erhält man einen Einblick in den Nord-Irland Konflikt. Fast tat es mir ein wenig leid, dass das zweite Buch für mich nur zweiter Sieger war. Interessant war dann Ellens Erfahrung teilen zu dürfen, dass es eben welche gab, die das erste Buch liebten und andere, denen das zweite am besten gefiel. Und nun bin ich sehr gespannt auf das kommende dritte Buch, bei dem es es sich um einen Krimi handeln wird. Ein Krimi - wie für mich gemacht. „Harte Landung“ wird er heißen um im August 2017 beim Insel Verlag erscheinen. Ein wunderbares Treffen, an das ich mich gerne erinnern werde, und eine Bekanntschaft, die sich hoffentlich über das Netz erhalten lässt. Während unseres Gesprächs stakste auch Jussi Adler-Olsen durch die Gegend, der wohl eine sehr anstrenge Signier-Runde und Foto-Session zu überstehen hatte.

Und noch einmal ging es weiter zu dem Lovelybooks Frage Freitag, bei dem der Autor Su Turhan zu Gast war. Er schreibt eine Krimi-Reihe um den Kommissar Zeki Demirbilek, einen Münchner Türken, der gar kein Chef sein möchte. Gerade an den letzten beiden Donnerstagen liefen die ersten Verfilmungen im TV, von denen ich zumindest die Gelegenheit hatte, den ersten Teil zu sehen, der mir sehr gut gefallen hat. Sympathisch und lebhaft gab der Autor zu den vielfältigen Fragen ausführlich und humorig Antwort. Auch ich hatte konnte die Gelegenheit wahrnehmen, eine Frage zu stellen. Das war dann gewissermaßen meine erste Interview-Frage, was mich durchaus zu der Überlegung verleitet, ob ich es nicht auch mal mit einem richtigen Interview versuchen könnte. Schaun wir mal. Teile der Veranstaltungen von Lovelybooks wurden im Übrigen aufgenommen und die Filme wurden auf fb geteilt. Wenn sich alle Gäste zu offen und freundlich geäußert haben, könnte es sich sicher lohnen, mal in die Filme hereinzuschauen.

Und natürlich gab es auch das obligatorische zufällige Treffen mit Sonja und Sina, immer wieder eine Freude.

Mit einem leckeren Frozen-Yogurt im Magen ging es dann auch schon wieder zum Bahnhof und zurück in die Heimat.



Samstag, 25. März 2017

Das Trauma unserer Zeit

Nach seinem Afghanistan-Einsatz soll der Soldat Romain Roller ein paar Tage auf Zypern entspannen. Ein Debriefing sozusagen, eine Verarbeitung. Dies allerdings erweist sich als unmöglich, denn Roller hat nur knapp überlebt während seine Kameraden schwer verletzt wurden oder starben. Wenn man sich schuldig fühlt, kann das Überleben zur Qual werden. Einzig das Zusammentreffen mit einer Journalistin, die er gerade kennengelernt hat, scheint ihm etwas Frieden bringen zu können. Die junge Frau ist jedoch mit einem bekannten französischen Manager liiert. Als dieser durch eine grobe Unachtsamkeit in Schwierigkeiten gerät, erhält er unerwartet Hilfe durch einen politischen Aufsteiger, der seinerseits zumindest zeitweilig die Gunst verloren zu haben scheint.

Journalisten, Krieger, Manager, Politiker - aus diesen Fäden webt die Autorin Karine Tuil ein dichtes Netz. Jeder scheint seinen eigenen Krieg zu führen, der mit rohen und aufwühlenden Worten geschildert wird. Es zeichnet sich ein Bild unserer Zeit, von Haltlosigkeit, Unruhe, Leere gekennzeichnet. Aufstieg und Abstieg sind in Null Komma Nichts möglich. Man wähnt sich sicher, sollte glücklich sein und ist doch nicht zufrieden. Man glaubt, die Gesellschaft stoße einen fort, und muss doch erkennen, dass sich die Meinung eben der Gesellschaft mitunter schneller ändert als der Wind wechselt. Eine heutige Welt, in der man weder sich selbst noch das Gefüge verstehen kann. Machtspiele geben sich den Anschein wichtiger zu sein als alles andere. Die Hauptpersonen sind mit sich selbst nicht im Reinen und die Umgebung sei es persönlich oder beruflich verschlimmert die Lage eher. Echte Hilfe scheint es nicht zu geben, echte Verarbeitung oder Selbsterkenntnis ebenfalls nicht. Wie Blättchen im Wind verändern sich die Situationen, beeinflusst von außen, kaum durch innere Stärke gesteuert. 


Dieser Roman zeichnet ein schwer verdauliches Bild unserer Zeit, traumatisierte Soldaten, selbstgefällige Unternehmer, wetterwendische Politiker, getriebene Journalisten. Starker Tobak, Rauch, an dem man sich wahrlich verschlucken kann. Ein Buch, das erschöpft und nachdenklich macht, das wenig Hoffnung lässt und den Leser mit ausgesprochen harten Szenen konfrontiert. Ein Buch, in dem ein Spiegel vorgehalten wird, dessen Bild sicher nicht jedem gefallen wird. Ein Bild, dessen Veränderung sicher in der Hand eines jeden selbst liegt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Zeit der Ruhelosen von Karine Tuil
ISBN: 978-3-8437-1557-7


Donnerstag, 23. März 2017

Catzinger

Die Mönche Bruder Nil und Bruder Andrei sind einem Geheimnis auf der Spur. Dabei ist Andrei der Gewitztere, allerdings verrät er nicht alles, was er weiß. Bald macht sich Andrei auf den Weg nach Rom, um weitere Spuren zu verfolgen. Doch er kommt nicht wieder zurück, seine Leiche wird neben den Bahngleisen gefunden und sein Tod wird als Selbstmord abgetan. Nil ist entsetzt und er trauert um seinen Freund. Sollte etwa die Ursache von Andreis Tod in seiner Suche zu sehen sein? Bruder Nil begibt sich auf die Spuren seines verstorbenen Mitbruders. Ungeachtet der möglichen Gefahren will er hinter das Geheimnis des 13. Apostels kommen.

Ist es wirklich so oder bildet es sich die Kirche nur ein? Sollte das Geheimnis um den 13. Apostel, dessen Existenz nicht wirklich nachgewiesen ist, tatsächlich den Bestand der Kirche wie wir sie kennen bedrohen? Natürlich ist einer der Grundpfeiler des Glaubens die Hoffnung auf die Wiederauferstehung und die Vergebung der Sünden. Aber geht es nicht auch um das Wort, die Nächstenliebe und die guten Taten, den Wunsch nach Frieden? Was wenn es zu Lebzeiten Jesu tatsächlich anders zugegangen als wir wie selbstverständlich annehmen? Was wenn die Apostel untereinander zerstritten gewesen wären, wenn es einen 13. Apostel gegeben hätte und wenn dieser eine andere Meinung vertreten hätte als Petrus?


Sehr interessant wie der Autor seine Geschichte aufbaut, er bringt Gedanken auf, die anders sind. Ein was wäre wenn, das ausgesprochen spannend und nicht belehrend geraten ist. Die Furcht der Kirchenoberen vor dem Verlust der Macht und was sie sie alles tun, nur um ihre Position zu erhalten, das kommt sehr gut und authentisch heraus. Ja, man traut es ihnen zu. Auch toll, mit welcher Hartnäckigkeit Nil die Wahrheit sucht, ohne dabei vom Glauben abzufallen. Seine Einsamkeit ist seine Zuflucht und Jesus bleibt sein Licht. Der Roman bietet einen fesselnden Denkansatz, der wenigstens einem Teil der heutigen Probleme der Religionen untereinander eine Lösungsmöglichkeit bieten könnte.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Geheimnis des 13. Apostels von Michel Benoît
ISBN: 978-3-404-92255-0