Sonntag, 29. Januar 2017

Mindreader

Plötzlich bemerkt der Streifenpolizist Jared Snowe, dass er die Gedanken anderer Menschen hören kann. Das gibt es doch gar nicht, oder doch? Jedenfalls hilft es ihm, Fälle zu lösen. Er ist der neue Superbulle. Die Sache hat allerdings nicht nur gute Seiten, bei den Frauen weiß er nun sofort, dass er sowieso keine Chance hat. Als eine Bundesagentin mit ihm Kontakt aufnimmt, ist er schon beinahe nicht mehr erstaunt. Irgendwie ist man auf seine Fähigkeiten aufmerksam geworden und nun soll er einen entflohenen Sträfling aufspüren, um ihn zurück in die Todeszelle zu bugsieren. Aber wie konnte der Verurteilte überhaupt entkommen?

Was bewirkt so eine Veränderung, die aus dem Nichts zu kommen scheint. Ungläubiges Staunen zunächst, Pläne, die Sache auszunutzen natürlich möglichst zum Guten. Doch schnell empfindet Jared auch, dass ihm die dauernde Berieselung mit fremden Gedanken, die oft nicht sehr schlau sind, auf die Nerven geht. Er fängt an, sich zurückzuziehen. Fast schon froh ist er als die Bundesbehörde in anfordert, dort braucht er seine Fähigkeit wenigstens nicht zu verbergen. Abgespeist wird er zwar bei der Frage, weshalb er die ihm zugeteilte Agentin nicht hören kann, aber sonst scheint er ein ehrenwerter Auftrag zu sein, einen Mörder zu fangen.


Wie ein Erwachen wirkt die neue Fähigkeit des einfachen Polizisten Snowe. Nur langsam gewöhnt er sich an seine Veränderung. Und ebenso langsam setzt die Handlung ein. Doch langsam aber sicher gerät man als Leser in einen Bann. Je mehr man über die einzelnen Personen erfährt, desto mehr verändert sich der Eindruck, den man anfangs von ihnen hat. Jared Snowe wirkt wie ein treuer Staatsdiener, der unbestechlich seine Aufgaben erfüllt, der Mörder Brooks Denny so wie man sich einen Polizistenmörder eben vorstellt und die Agentin Terry Dyer scheint eine gute Führungskraft zu sein. Je weiter man liest, desto weniger sicher kann man sich sein, dass die Ausgangslage wirklich den Tatsachen entspricht. Nach und nach entdeckt man Verbindungen, die in die Vergangenheit führen. Was sich zu Beginn vielleicht etwas zäh zu entwickeln scheint, wird im Laufe der Lektüre mit jedem Kapitel spannender und haarsträubender. Vor dem Hintergrund des Wissens, dass bestimmte Strukturen in Ländern keine Grenzen zu kennen scheinen, bekommt das Ganze zudem einen nicht zu übersehenden Realitätsbezug. Wenn es auch hoffentlich wirklich nicht möglich ist, Gedanken zu lesen, so ist das System, das Auslöser der Fähigkeit sein könnte, wieder erkennbar. Mit seinem bis zu einem fulminanten Finale stetig ansteigenden Spannungsbogen und der kruden aber intelligenten Geschichte fesselt dieser Roman bis zur letzen Seite.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Gedankenjäger von Iain Levison
ISBN: 978-3-552-06328-0


Samstag, 28. Januar 2017

Kein zurück

Von Drohnen erwischt werden der amerikanische Präsident und Sicherheitsleute. Schon bald taucht ein Video von der Aktion auf, das sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Und der Präsident ist not amused, denn seine panische Reaktion wirkt im TV etwas lächerlich. Zero hat nicht nur dieses Video erstellt. Immer wieder tauchen seine Botschaften im Netz auf, in denen die Machenschaften der Datenkraken dokumentiert werden. Die Journalistin Cynthia Bonsant steht diesem ganzen Elektro-Internetkram sehr skeptisch gegenüber. Nur wiederwillig nimmt sie von ihrem Chef eine Datenbrille entgegen, die sie in ihrer Berichterstattung über Zero nutzen soll. Allerdings ist sie neugierig und probiert die Brille aus. Fast erliegt sie den gebotenen Möglichkeiten.

Spannend ist die Jagd Cynthias und ihrer Kollegen nach Zero, die Suche nach kleinsten Hinweisen, die Zero vielleicht hinterlassen hat. Das sich hineindenken in einen Terroristen oder ist es doch eher ein Rebell. Cynthias Tochter Viola steht der Technik wesentlich aufgeschlossener gegenüber und sie erklärt ihrer Mutter die Arbeitsweise der Brille und der Datenkrake, die die Brillen verteilt. Wird Cynthia etwa alt, kommt sie nicht mehr mit? Oder sieht sie hier eine Entwicklung, die in eine üble Richtung führt? Immer tiefer steigt die Journalistin in die Recherche ein. 

Unbefangen geht man vielleicht an diesen Roman heran. Zunächst erscheinen die Erklärungen technischer Vorgänge, solche über Informatik und Statistik etwas hemmend für den Lesefluss. Doch wenn einmal der Bezug zur heute schon vorhandenen Computerwirklichkeit hergestellt ist, wird es einem so langsam aber sicher richtig unheimlich. Schließlich geht es nicht nur um die eher positiven Nutzen der irren Datensammelwut, der wir alle heute ausgesetzt sind. Jeder Computer, jedes Smartphone, jede Smartwatch, jede Kundenkarte und was nicht alles mehr. Unendliche Datenmengen, die freiwillig preisgegeben werden. Ist es dann nicht wirklich sinnvoll, selbst Herr über die Daten zu sein und sie zu vermarkten. Ein Gedanke, den sich in diesem Buch eine Firma zunutze macht. Doch natürlich endet es nicht damit, den Nutzern zu helfen, die Herrschaft über ihre Daten zu behalten. Nein, gegen ein geringes Entgelt, können die Nutzer sich auch verbessern. Und so geht es weiter, es werden die Psychotricks und Manipulationsmöglichkeiten angewandt, denen man sich eh kaum entziehen kann. Und hier werden sie dann auch noch bis zum Exzess angewandt und individualisiert. Je weiter man liest, desto unheimlicher wird die Geschichte und je mehr Vergleiche fängt man an zu ziehen mit dem Alltag, den man täglich erlebt. Man fragt sich, läuft sowas schon, ist man selbst lenkbar. Sollte man jegliches Internet meiden und sich einen Käfer kauten, um wenigstens nicht bei jedem Schritt geortet werden zu können. Man kann dem nicht mehr entgehen, aber wenn man sich einige Pressemeldungen dieser Tage anschaut, dann schaudert es einen, ob der Möglichkeiten, die vielleicht bestehen und die vielleicht auch schon genutzt werden. Ein Buch, an dem man nicht vorbeigehen sollte. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Zero von Marc Elsberg
ISBN: 978-3-7341-0093-2



Freitag, 27. Januar 2017

Frontschwester

Die Krankenschwester Bess Crawford begleitet einen Transport verletzter Soldaten von der Französischen Front zurück nach London. Besonders Respekt flößt ihr dabei ein durch Brandwunden schwer entstellter Offizier ein. Immer wieder hält er das Foto seiner Frau in der Hand und das scheint ihn aufrecht zu halten. Als Bess genau diese Frau nur wenig später an einem Bahnsteig sieht, wie sie sich verzweifelt mit einem Fremden unterhält, ist sie überrascht und schockiert. Doch die bösen Überraschungen nehmen so schnell kein Ende. Wenig später sie die Frau des Offiziers tot und auch ihr Mann verliert seinen Lebenswillen. Als Scotland Yard per Zeitung um Mithilfe bittet, erlangt Bess einen Fronturlaub, um ihre Zeugenaussage zu machen.

Dies ist der zweite Band der Schwester Bess Crawford Reihe, die während des ersten Weltkrieges angesiedelt ist. Von dieser Reihe ist bei einer groben Suche leider keine deutsche Übersetzung zu finden. Besser bekannt sind daher hier vielleicht die mehr nach dem großen Krieg angesiedelten Krimis um den traumatisierten Inspektor Rutledge. Bei Charles Todd handelt es sich um ein Mutter/Sohn Duo, das sich offensichtlich sehr für den ersten Weltkrieg und dessen Folgen für die Menschen, die ihn miterleben mussten und überleben durften. Bess Crawford ist ein gutes Beispiel für eine Überlebende. Aus einem guten Haus kommend hat sie mit ihren Eltern, der Vater war ein hoher Militär, bereits in Indien gelebt. Doch die neue Zeit hält auch in den guten Häusern Einzug, Bess will etwas zur Verteidigung ihres Landes beitragen und geht deshalb als Krankenschwester an die Front. 

So wie sie in diesem Band zufällig dieses Treffen beobachtet und darauf bei der Polizei vorstellig wird, gerät sie in die Ermittlung. Teilweise hat sie aufgrund ihres Standes leichteren Zugang zu den Verwandten und Bekannten der Opfer, teilweise ist es auch ihre Neugier und ihr Streben, einen Mord nicht ungesühnt zu lassen. Bess Crawford macht sich daran diesen Fall zu lösen. 


Wenn man als Leser an dieser schweren Kriegszeit interessiert ist, aber nicht so gerne Sachbücher liest, kann man sich anhand dieses Krimis neben einem verwickelten Fall auch die Grausamkeiten des Krieges vor Augen führen. Manchmal recht explizit und manchmal auch nur angedeutet, wenn nämlich nur in einem Nebensatz erwähnt wird, dass Bess ihren Eltern nichts von dem Beschuss durch einen deutschen Flieger erzählt. Wieder wird deutlich, dass Krieg eine Erfindung ist, die die Menschheit besser nicht gemacht hätte. Doch auch die Krimihandlung bietet einige Verwicklungen, die einen immer mit rätseln lassen. Zwar fragt man sich manchmal, wieso Bess sich so engagiert, aber großenteils genießt man einfach die gepflegte Sprache dieses amerikanischen Autorenduos und hat am Ende vielleicht wieder etwas gelernt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

An Impartial Witness von Charles Todd
ISBN: 978-0-06200-883-1


Donnerstag, 26. Januar 2017

Herzlos

Da kann selbst Inspecteur Marais nicht unberührt bleiben. Im Paris des Jahres 1797 wird ein Toter mit aufgeschlitzter Kehle aufgefunden. Und trotz intensiver Untersuchungen gibt es keinen richtigen Hinweis auf den Täter. Alles scheint vergebens und schon kurz darauf gibt es eine weiter Leiche. Wegen der besonderen Umstände wird sogar in Betracht gezogen, die Morde könnten etwas mit schwarzer Magie zu tun haben. 

In diesem kurzen Prequel zu dem Roman „Fest der Finsternis“ macht der Autor wirklich Appetit. Er stellt seinen von Alpträumen geplagten Inspecteur vor, der nach der Revolution die Ordnung in Paris aufrecht erhalten will. Doch egal wie schwierig oder leicht eine Epoche sich darstellt, das Verbrechen lauert. Die Wege der Menschen durch die Straßen der Metropole sind oft von Mühsal geprägt. Wie kann sich da eine Seele derart verirren, dass sie zu solch grausamen Morden fähig ist. Kann es tatsächlich mit Zauberei zu tun haben?


Ein historischer Kurzkrimi, in dem natürlich einige Dinge nur angerissen werden. Dennoch bekommt man eine gewisse Vorstellung davon, wie es im Leben der Menschen damals zugegangen sein kan. Es geht um Leben und Arbeit, manchmal in Andeutungen um Politik, um den Glauben, der Möglichkeiten weniger abwegig erscheinen lässt als es auf den ersten Blick zu erwarten wäre. Einige spannende Finten führen schließen zu weiteren entscheidenden Hinweisen, an deren Entschlüsselung sich der Marquis de Sade beteiligt. Dieses interessante Konzept eines vor historischer Kulisse angesiedelten Krimis vermag wirklich zu fesseln. Zwar hat man das Gefühl während der Ermittlungen wird manchmal zu sehr ins Detail gegangen während die Auflösung dann etwas schnell heran rauscht. Doch grundsätzlich überzeugt der Autor mit seinen stimmigen Milieubeschreibungen als Rahmen um die akribischen Ermittlungen seines sympathischen Inspecteurs.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳)

Vor der Finsternis von Ulf Torreck
ISBN: 978-3-641-20297-2



Sonntag, 22. Januar 2017

Cowboy Country

Danny Boy Lorca beobachtet wie ein Mann gefoltert und ermordet wird, anstatt zu helfen versteckt er sich lieber. Was vielleicht auch vernünftig ist und auf alle Fälle lebensverlängernd. Das einzige, was Danny tun kann, Sheriff Hackberry Holland Meldung machen. Dieser kann nicht ahnen, dass die grausame Tat nur der Anfang für weitere Geschehnisse sind, die sanfte Gemüter kaum ertragen können. Hackberry Holland und Pam Tibbs sind zum Glück grundsätzlich aus eher hartem Holz geschnitzt. Diese beiden beginnen nach den Hintergründen für die Tat zu suchen. Immer wieder sickern Illegale durch die Grenze und Mrs. Anton Ling ist bekannt, dass sie ihnen Hilfe angedeihen lässt. 

Wie schon gesagt, beinhaltet dieser Roman Szenen, die sicher nicht jedermanns Sache sind. Doch wie schon in Raingods ist es der Auftritt des knorrigen alten Sheriffs Hackberry Holland uns seines weiblichen Deputys das Lesen wert. Die witzig kaltschnäuzige Sprache lässt es einen teilweise etwas leichter nehmen, dass in des Sheriffs Bezirk nur durchgeknallte Irre rumzulaufen scheinen. Wieso wird da einer zu Tode gefoltert, wieso ist ein anderer entkommen und wo versteckt er sich. Und was haben überhaupt diese Söldner mit allem zu tun. Im Süden von Texas haben sich offensichtlich alle versammelt, die man überhaupt nicht kennenlernen möchte. Und das FBI mauert mal wieder, so dass Holland und seine Mannschaft auf sich gestellt sind.


Ein Dschungel des Verbrechens offenbart sich, die Kälte des Verbrechens erschüttert. Das Gegeneinander der Behörden in Fällen, die ihre Wurzeln weit in der Vergangenheit haben. Der Autor versteht es zu fesseln mitunter ohne viel zu sagen. Manchmal schweift er vielleicht ein wenig zu sehr aus und nicht jede Einzelheit wird geklärt, aber die trockene und treffende Ausdrucksweise, bei der man manchmal nicht weiß, ob man belustigt sein soll oder sich wegen der geschilderten Grausamkeiten schütteln soll, machen den Roman zu einer spannenden Lektüre, bei dem einige ihr Fett wegbekommen, die es durchaus verdient haben. James Lee Burke schafft es mit seinen Helden außergewöhnliche Persönlichkeiten hervorzubringen und seine teilweise sehr bildhafte Sprache ermöglicht es dem Leser, sich die karge Landschaft vorzustellen, in der die Handlung angesiedelt ist. Man könnte meinen, der Autor sei viel zu spät entdeckt oder wiederentdeckt worden.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Feast Day of Fools von James Lee Burke
ISBN: 978-1-7802-2028-4


und auf Deutsch:




Samstag, 21. Januar 2017

Alcatraz

Der 12jährige Shan Keagan lebt mit seinem Onkel Will in Irland, seine geliebten Eltern sind an Tuberkulose gestorben. Und im Jahr 1919 ist es nicht leicht Geld zu verdienen. Der Onkel nutzt das schauspielerische Talent des Jungen für Auftritte in Kneipen, außerdem gibt es eine Art Waisengeld für Shan. Will selbst trinkt lieber statt zu arbeiten und das große Wort führt sich auch leicht. Die Situation in Irland wird immer tragischer und Wills aufbrausendes Wesen ist auch nicht hilfreich, um die finanzielle Situation zu verbessern. Schließlich gibt es für Shan und seinen nur noch einen Weg: Auf nach Amerika.

Bis man die Zusammenhänge erkennt, die zu der Abbildung des Gefängnisses von Alcatraz auf dem Cover geführt haben, dauert es eine ganze Weile. Eine Weile, in der das Buch sehr fesselt, wenn es auch ein paar Wendungen hat, die  geradezu unglaublich sind. Doch zunächst beeindrucken die Schilderungen des harten Lebens im Irland nach Ende des ersten Weltkrieges. Shan kommt eigentlich nicht aus einem schlechten Elternhaus, sein Vater war Arzt und versorgte seine kleine Familie und gab seinem Sohn Bildung. Die Mutter schenkte ihm die Liebe zu den Büchern. Durch den frühen Tod der Eltern ist diese wohlbehütete Zeit vorbei, Onkel Will ist doch ein anderes Kaliber. Dennoch soll in Amerika alles besser werden.


Beginnend mit einem Prolog, der zunächst Rätsel aufgibt, führt der Roman an verschiedene Schauplätze. Von Alcatraz geht es zurück nach Irland und von dort auf die Reise nach Amerika, die Ankunft in New York. Zunächst erscheint dieser Blick in die Vergangenheit etwas zusammenhanglos. Man kann sich einfach nicht vorstellen, was ein junger Ire, der mit seinem komödiantischen Talent den Menschen Freude bereiten will, mit einem Gefangenen zu tun haben soll. Doch genau dies schildert die Autorin mit Kniffen und Wendungen, die immer wieder überraschen. Eindringlich sind die Schilderungen der verschiedenen Milieus, in die Shans Weg führt. Die Autorin bringt einem zum einen das Schicksal des jungen irischen Auswanderers nahe, zum anderen aber auch die Lebensart und das Miteinander in verschiedenen Gegenden der alten und der neuen Welt. Ein ungewöhnlicher Lebensweg, der so voll erscheint, dass er in der Realität vielleicht für mehrere Leben reichte, der als Fiktion aber gut funktioniert.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Edge of Lost von Kristina McMorris
ISBN: 978-0-7582-8118-8


Donnerstag, 19. Januar 2017

Düstere Gassen

Der junge Dogder hat es nicht leicht im London der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Leben ist rau und die Straßen sind dreckig. Dodger hat schnell erkannt, dass der Job des Kaminkehrers der Gesundheit nicht zuträglich ist. Da zieht es ihn eher in die Kanalisation, wo es hin und wieder Gegenstände zu finden gibt, die verloren gegangen sind. Glück hat Dodger, dass er bei dem Uhrmacher Solomon wohnen kann, der sich um ihn und seinen Hund Onan kümmert. Eines Tages jedoch gerät Dodger in ein ganz besonderes Abenteuer, denn er rettet eine junge Frau, die schwer verletzt aus einer Kutsche entkommt.

Mal etwas ganz anderes von Terry Pratchett, ein Roman aus dem viktorianischen London, auf dessen Straßen es hart zugeht. Junge Ehefrauen, die kein Bestimmungsrecht über ihr eigenes Leben haben. Straßenjungs, die oft früh alten, deren Leben wirklich schwer ist. Ein gutmütiger jüdischer Uhrmacher, der einem der Jungen ein zuhause gibt, einen Halt, gute Ernährung und eine gewisse Erziehung. Und dann sind da Mr. Charlie Dickens und sein Freund Henry Mayhew. Sie alle kann man in diesem für den Autor untypischen Band kennenlernen. Wie der Autor im Nachwort berichtet, war es ihm ein besonderes Anliegen von dieser Zeit zu künden. Dodger hat zwar nicht den besten Start ins Leben bekommen, aber er ist intelligent und weiß Vorteile zu nutzen. Und manchmal ist er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 


Eine erfrischende andere Sichtweise bekommen wir hier auf ein London wie es vielleicht gewesen sein könnte, eigenartig modern, mit engagierten Menschen in einer Zeit, in der der einzelne nichts galt, wenn er nicht gerade mit einem goldenen Löffel im Mund geboren war. Mit einigen künstlerischen Freiheiten, die sich der Autor genommen hat, zeichnet er doch ein realistisches Bild von einer großen Stadt, in der Zustände herrschen, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Der gewitzte und sympathische Dodger nimmt für sich ein und seine Geschichte unterhält. Die liebevoll gezeichneten Figuren sind sehr gewinnend, wenn auch die eigentliche Handlung ein wenig verschwommen bleibt, fast ein wenig nebensächlich bei der wunderbaren Schilderung des Milieus. Mit lebhafter Betonung verleiht der Vorleser Stefan Kaminski den handelnden Personen eine Stimme, womit er es vermag der Handlung Leben und Aktion einzuhauchen. Ein Hörbuch, das zum einen sehr gute Unterhaltung bietet und zum anderen anregt etwas mehr über diese Ära erfahren zu wollen.

3,5 Sterne

Dunkle Halunken von Terry Pratchett
ISBN: 978-3-869-52255-5


Mittwoch, 18. Januar 2017

Das Salzkammergut

Vorbei ist es mit der Karriere von Daniel Käfer. Die Zeitschrift, die er betreute, wurde eingestellt und den Posten in der Verwaltung des Verlages will er nicht. Da nimmt er lieber die Abfindung mit und privatisiert erstmal. Dazu führt Käfers Weg in die Gegen des Ausseer Landes im Salzkammergut, wo er in der Kindheit die schönsten Ferientage verbracht hat. Fremd fühlt er sich nicht dort, aber ein Einheimischer ist er auch nicht. Gut aufgenommen fühlt er sich und seine Neugier wird geweckt als er herausfindet, dass wohl eine entfernte Verwandte als Dienstbotin in dem Ort gearbeitet hat.

Alfred Komarek ist vielleicht besser bekannt von seinen Romanen um Simon Polt und so ist es eine kleine Entdeckung, dass sein Werk noch wesentlich reichhaltiger ist als angenommen. Die vier Jahreszeiten um Daniel Käfer bilden durchaus einen Kontrast. Liebevoll beschrieben wird das Salzkammergut, da treten die Geschehnisse um Käfers Vorfahrin fast ein wenig in den Hintergrund. Ausgezeichnet nach zu empfinden, ist das Wehklagen, dass ein Fremder, der kein Tourist mehr ist, noch lange nicht zum Einheimischen werden kann. Nur wenn man dort geboren ist, kann man den richtigen Einblick haben, wie der Hase läuft. So ähnlich als wolle man als Erwachsener einen Dialekt erlernen, immer wird es als nachgelernt erkennbar sein. Und ein Zugereister bleibt eben auch immer erkennbar.

Daniel Käfer genießt jedenfalls zunächst den Verlust seiner Arbeit und gibt sich irgendwie phlegmatisch aber doch neugierig einem Ausseer Sommer hin, der ihm die Auffrischung alter Bekanntschaften bringt und die Entdeckung eines Familiengeheimnisses. Beinahe als sei man selber träge in der Sommerhitze genießt man die Wanderungen Käfers durch das Salzkammergut, gewaltfrei und doch spannend. Sogar verfilmt wurde der Roman im Jahr 2004 erstmalig erschienene Roman bereits.


Die Villen der Frau Hürsch von Alfred Komarek
ISBN: 978-3-85218-444-9


Montag, 16. Januar 2017

Dämonen

Die Sucht, die er seit zehn Jahren in Schach hält, treibt Danny Katz zu seinem Kumpel Ramón. Nachdem er den Stoff der Erleichterung in Empfang genommen hat, gibt es einen kurzen Moment der Umkehr. Katz findet Ramón mit einer Nadel im Arm tot und Ramóns Freundin Jenny ist wie vom Erdboden verschluckt. Beinahe gleichzeitig geht ein vermeintlich leichter Überfall auf einen Geldtransporter fürchterlich schief. Drei Räuber werden gefasst, einer erschossen und nur einer kann fliehen. Jorma, der Katz aus der Zeit im Heim kennt, hegt den Verdacht, die Sache könne verraten worden sein. Und Eva Westin, die einzige der drei, die es irgendwie geschafft hat, bekommt es in ihrer Eigenschaft als Staatsanwältin mit einem Fall von Geldwäsche zu tun.

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich bereits um den zweiten Roman um Danny Katz und seine Freunde aus alten Tagen. Die Kenntnis des ersten Bandes ist zum Verständnis des vorliegenden Bandes nicht unbedingt notwendig. Allerdings macht der zweite Band auch neugierig auf den ersten. Was wird aus Jungendlichen, die einen nicht gerade herausragenden Start ins Leben hatten. Danny, Jorma und Eva haben jeder eine eigene Art entwickelt, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Beim ersten Hinsehen könnte man meinen, Eva als Staatsanwältin habe es geschafft in der Gesellschaft anzukommen. Doch ihr Streben nach Wahrheit und Aufklärung steht im Gegensatz zu ihren privaten Unzulänglichkeiten. Auch der sprachbegabte Danny scheint die Drogensucht in Schach halten zu können, doch er lebt sehr zurückgezogen und hadert mit dem Unwissen über die Vergangenheit seiner Eltern und Großeltern. Jorma dagegen, ist der Unterwelt nicht entkommen, und doch wirkt er emotional gesünder. Auf verschiedenen Wegen kommen diese drei geradezu unaussprechlichen Verbrechen auf die Spur. Verbrechen, die kaum zu ertragen sind.


Mit harten, klaren und deutlichen Worten beschreibt des Autor seine Protagonisten. Und beinahe schon eiskalt schildert er die Verbrechen, denen seine Drei auf die Spur kommen. Obwohl die Handlung im September einsetzt überläuft einen beim Lesen mehr als ein Frösteln. Die Schlechtigkeit und Grausamkeit der Menschen scheint keine Grenzen zu kennen. Um Geld zu generieren ist wohl jedes Mittel recht und wenn etwas droht an die Öffentlichkeit zu kommen, wird aufgeräumt. Sehr ausgeklügelt beschreibt der Autor, wie seine Schnüffler sich dem Zentrum langsam nähern, wie zusammenhanglose Hinweise sich doch zu einem schlüssigen Ganzen fügen. Dieser Roman ist teilweise schwer zu ertragen, aber dennoch kaum aus der Hand zu legen.

4,5 Sterne

Schweine von Carl-Johan Valgren
ISBN: 978-3-453-26959-0




Sonntag, 15. Januar 2017

Politikum

In Belgrad werden zwei Soldaten tot aufgefunden, erste Ermittlungen werden mit dem Ergebnis Selbstmord abgeschlossen. Ein Anwalt mag diesem Urteil jedoch nicht vertrauen und lässt dieses Ergebnis in Deutschland überprüfen. Um sicher zu stellen, dass mit der Übersetzung des Berichts aus Deutschland keine Fehler gemacht wurden, wendet er sich an Milena Lukin, die sowohl die deutsche als auch die serbische Staatsbürgerschaft innehat. Tatsächlich weicht ihre Übersetzung des Berichts von der offiziellen ab. Milena, die sich im Rahmen ihrer Habilitation mit der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen beschäftigt, ist neugierig geworden. Wieso wurden die Toten ausgerechnet einen Tag nachdem sich ein Kriegsverbrechen jährt gefunden?

Als EU-Beitrittskandidat hat Serbien einen gewissen Prozess zu durchlaufen. Und so wird Milena Lukins Stelle sowohl aus Deutschland als auch von Serbien finanziert. Ihre Tätigkeit ist allerdings nicht einfach, denn mit der Aufarbeitung der Vergangenheit scheint sich jedes Regime schwer zu tun. Als sie sich nun auch noch in die Ermittlungen zu den beiden Todesfällen einmischt, stößt sie nicht auf Unterstützung. Man möchte die Sache am liebsten unter den Tisch kehren. Wären da nicht die Familien der Opfer, die ihren tragischen Verlust kaum ertragen können. Schritt für Schritt taucht Milena eine auch ihr fremde Welt ein. 

Milena Lukin wirkt etwas zerrissen zwischen ihren beiden Staatsbürgerschaften. Wie soll sie ihrem Sohn gerecht werden, dessen deutscher Vater in Hamburg lebt und ihm ein Leben der Sorglosigkeit und des Konsums bieten kann, während sie in Belgrad gemeinsam mit ihrer Mutter jeden Groschen umdrehen muss. Doch die Familienbande sind nicht zu lösen und auch ihre politische Aufgabe betrachtet sie mit großem Ernst. Manchmal wünscht sie sich mehr Leichtigkeit und kann sie doch nicht annehmen. Mit Akribie macht sie sich deshalb auf die Suche nach dem Hintergrund der Todesfälle und stößt dabei auf politische Gleichgültigkeit und tragische Schicksale.


Dieser EU-Beitrittskandidat, ein Rest des ehemaligen Jugoslawiens, wirkt doch sehr fremd. Immer noch gezeichnet durch den Krieg ist das Land und immer noch intrigieren die Mächtigen wie eh und je. Nachdem man sich in die Fremdheit hinein gefunden hat, entdeckt man einen spannenden Krimi, der ausgesprochen gut recherchiert wirkt. Gefesselt verfolgt man Milena Lukin, die geradeaus auf ein Ziel zumarschiert, das sie zunächst nicht entschlüsseln kann, das aber mit jedem Hinweis klarer wird und eher betrüblich stimmt. Auch heute noch wird die Aufklärung von Einflüssen bestimmt, die an dem echten Willen Klarheit zu erlangen zweifeln lässt. Und das gilt sicher nicht nur für Serbien. Erst einmal gepackt, lässt einen dieser Roman nicht so schnell los.

4 Sterne

Kornblumenblau von Christian Schünemann und Milena Volic
ISBN: 978-3-257-24299-7


Samstag, 14. Januar 2017

Sommer in Frankreich

Durstig landet der Engländer Sean auf einem Hof in Frankreich, wo er zwar nicht reicht aber doch mit erfrischendem Wasser bewirtet wird. Neugierig streift Sean durch die Gegend. Seine Neugier wird allerdings hart bestraft als er in ein Tellereisen tritt. Sein Fuß ist verletzt und er schafft es nicht, sich zu befreien. Erst Tage später kommt Sean wieder zu sich und er findet sich auf besagtem Hof wieder, betreut von Mathilde, der Tochter des Hauses, und nur geduldet vom Vater. Fallen aufstellen ist schließlich nicht unbedingt erlaubt. Sean möchte den Hof zunächst schnellstens verlassen, doch die Verletzung erlaubt das nicht. Unter der Bedingung, Ausbesserungsarbeiten auf dem Hof zu übernehmen, darf er bleiben bis die Wunde am Fuß verheilt ist.

Eine eigenartig gedrückte Stimmung herrscht unter den Bewohnern des Hofes. Anstatt den Sommer zu genießen, scheinen sie alle etwas zu verbergen, sich zum einen gegenseitig zu belauern zum anderen aber insbesondere Sean zu beobachten. Hat er etwas zu verbergen? Was hat ihn bewogen, nach Frankreich zu kommen. Forsch und manchmal aufreizend geht Gretchen, Mathildes Schwester, auf Sean zu. Unangenehm berührt das, obwohl sich Sean der Wirkung kaum entziehen kann. Und der cholerische Vater macht das Zusammenleben auf dem Hof nicht gerade einfacher. Wird Sean mehr oder weniger gerne geduldet oder verlässt er den Hof irgendwann, davon gejagt wie der Helfer vor ihm.


Die Dr. David Hunter des Autors Simon Beckett ist wohlbekannt und wird gerne gelesen. Doch regelmäßig gönnt sich der Autor eine Erholung von seinem Helden und widmet sich anderen Hauptdarstellern, deren Schicksal er in Worte und Romane kleidet. Als Leser mag man feststellen, dass man eher dem einen oder den anderen zugeneigt ist, aber selten beiden gleichermaßen. Und so wird es einem möglicherweise schwer, mit Sean warm zu werden. Das Gemälde, das hier gemalt wird, bleibt ein wenig ohne Tiefe. Zwar spürt man das Unbehagen, die wachsende Anspannung bis zum dramatischen Finale, doch keinem der Protagonisten gelingt es so viel Anteilnahme zu wecken, dass man als Leser berührt wird. Und so bleibt die Lektüre zwar fesselnd genug, um sie mit einiger Neugier zu verfolgen, aber doch so distanziert, dass sie keinen tiefen Eindruck hinterlässt.

3 Sterne

Der Hof von Simon Beckett
ISBN: 978-3-499-26838-0


Donnerstag, 12. Januar 2017

Maria Evita

Der Verwalter des Tilly Benefiziums von Altötting wird ermordet aufgefunden. Damit hatte in der vorösterlichen Fastenzeit wohl niemand gerechnet. Und der Oberkommissar Max Kramer hat nicht damit gerechnet, dass er am Aschermittwoch nach einem feuchtfröhlichen Ausklang des Karnevals neben der Staatsanwältin aufwacht. Doch neben wem soll man auch aufwachen, wenn die Jugendfreundin Maria Evita als Novizin im Kloster gelandet ist. Sie wenigstens steht dem Pfarrer bei, in seinem Widerstand gegen die Low-Carb Diät Pläne seiner resoluten Haushälterin. Die Ermittlungen in dem Mordfall verlaufen zunächst schleppend, da sich kein wirkliches Motiv abzeichnet. Allerdings scheinen es einige Leute mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen.

In seinem zweiten Roman um Kommissar Kramer knüpft an eine Begebenheit an, über die sich tatsächlich Informationen im großen weiten Netz zu finden sind. So wurde dieses Benefizium wohl tatsächlich irgendwann abgeschafft, nachdem es über 350 Jahre Bestand hatte. Und so schlägt der Autor einen Bogen vom Verwalter dieses Benefiziums zu seinem Mörder. Kommissar Kramer, der erstmal die Folgen der Nacht überstehen muss, macht sich sogleich an die Befragung der Beteiligten und gerät dabei zufällig in eine Demonstration der örtlichen weiblichen Macht gegen die Auflösung des Benefiziums. Unter den Demonstrantinnen befindet sich auch die Schwiegermutter des Toten.


Mit amüsanten, hin und wieder mit leichtem auch für unkundige Leser verständlichen Dialekt gefärbten Worten legt der Autor seine Geschichte dar. Die Befragten sind dabei verschwiegen, die Ermittler manchmal etwas trottelig. Doch nach und nach kommen die Beamten einigen Zusammenhängen auf die Spur, die sich zu einem schlüssigen Fall zusammenfügen. Ein besonderes Schmankerl bietet dabei die sehr unkonventionelle Novizin Maria-Evita, die zwar fest in ihrem Glauben ist, die aber doch gerne Punk hört und die strengen Fastenregeln auszulegen weiß, so dass auch mal eine ordentliche Mahlzeit oder ein Stückchen Schoki drin ist. Etwas überbordend umtriebig wirkt dagegen die Haushälterin Schosi, vor der der Pfarrer beinahe schon gerettet werden muss. Mit seinem urigen Team um Kommissar Kramer hat der Autor ein Konzept geschaffen, das bestens unterhält und nie Langeweile aufkommen lässt.

4 Sterne

Fastenopfer von Anton Leiss-Huber
ISBN: 978-3-8437-1390-0


Mittwoch, 11. Januar 2017

Docherty

Die Psychotherapeutin Frieda Klein will eigentlich ihre Ruhe haben, aber sie ist jemandem einen Gefallen schuldig und dieser wird nun eingefordert. Sie soll den Fall von Hannah Docherty begutachten, die schon sich schon seit 13 Jahren in Verwahrung befindet. Die junge Frau soll als Teenager ihre gesamte Familie ermordet haben und darüber wahnsinnig geworden sein. Nur zögernd nimmt sich Frieda der Sache an, doch als sie Hannah aufgesucht hat und sich für Frieda irgendwie alles falsch anfühlt, hat sie keinen anderen Wunsch als aufzuklären, was damals wirklich geschah. Frieda Klein macht sich auf den Weg, die Schritte der vorherigen Ermittlung nachzuverfolgen. Dieser eigentlich klare Fall sollte keine Geheimnisse mehr bergen, oder?

Natürlich trifft Frieda Klein wieder auf viele Wiederstände, die wenigen Menschen, die sich an Hannah Docherty erinnern, haben sie und ihren Fall aus ihrem Leben gestrichen. Keiner hat sie besucht, keiner will überhaupt noch an sie denken. Und nun kommt Frieda mit ihren Fragen. Zwar hat sie Unterstützung von der Polizei, aber auch das ist wie immer schwierig. Zum Glück hat Frieda Hilfe von ihrem ehemaligen Patienten Jack und ihrer Nichte Chloe. Langsam kommen doch einige Hinweise zutage, die darauf hinzudeuten scheinen, dass bei der ursprünglichen Ermittlung doch nicht alle Möglichkeiten bedacht wurden. Doch ändert das etwas an Hannahs Schuld?

Zwar wartet dieser sechste Band um Frieda Klein nicht den höchsten Grad an Spannung auf, aber dennoch wird Friedas unermüdlicher Spürsinn so fesselnd beschrieben, dass man immer neugierig bleibt, welche Entwicklung der Fall noch nehmen wird. Die Spur von Dean Reeve bleibt dabei wohltuend im Hintergrund, aber doch immer gegenwärtig. Und so wird neben dem Interesse an der akribischen Ermittlung auch ein wachsendes Gefühl des Unbehagens erzeugt. So ähnlich mag es Frieda ergehen, die sich neben ihrem alltäglichen Leben der schwelenden Bedrohung immer bewusst ist. Im weiteren Verlauf nimmt auf der Fall ziemlich unerwartete Wendungen. Geschickt konstruiert und glaubwürdig, so wie man es von dem Autorenduo Nicci French gewohnt ist. Ein Krimi, der einen langsam aber sicher packt und nicht mehr loslässt.


4 Sterne

Saturday Requiem von Nicci French
ISBN: 978-1-405-91862-6


und auf Deutsch:




Montag, 9. Januar 2017

Der Zirkus kommt

Die beiden fast 14jährigen Will und Jim sind dicke Freunde. Zusammen gehen sie durch dick und dünn. Natürlich sind sie nicht immer einer Meinung, mal scheint der eine etwas erwachsener mal der andere. So langsam ist es an der Zeit von der Kindheit Abschied zu nehmen. Was kann ihnen da besseres passieren als die Ankunft eines Zirkus. Mitten in der Nacht erreichen die Wagen den Ort. Ein ungewöhnlicher Zirkus scheint es zu sein, ein unheimlicher. Doch Will und Jim lassen sich nicht abschrecken, sie wollen unbedingt sehen, was die Artisten und Menschen mit besonderen Fähigkeiten zu bieten haben. Wills Vater Charles allerdings ist etwas besorgt.

Die Geschichte über die Freundschaft der beiden Jungen Will und Jim, die an der Schwelle zum Erwachsen werden auf eine harte Probe gestellt wird, fesselt und lässt einen schaudern. Schließlich handelt es sich bei den Artisten des Zirkus` um eine gar unheimliche Schar. Da ist zum Beispiel Mr. Dark, der illustrierte Mann, dessen Tätowierungen eine seltsame Lebendigkeit entfalten. Die blinde Hexe scheint durch ihre geschlossenen Augenlieder in die Seelen hinein sehen zu können. Und dieses Spiegelkabinett, das nicht alle seine Besucher wieder zum Vorschein kommen lässt, wirkt sehr unheimlich. Diese und noch mehr Besonderheiten zeichnen diesen seltsamen Zirkus aus. Warum wird der Heimatort von Will und Jim aufgesucht oder sollte man besser sagen heimgesucht.


Ein Schauerroman von Ray Bradbury, der einen gefangen nimmt und bei dessen Lektüre es einen gruselt. Auch wenn man solch düstere leicht ins Horrorgenre spielende Geschichten nicht unbedingt täglich liest, kann man diesem Roman doch einiges abgewinnen. Schön beschrieben ist die Freundschaft der Jungen Will und Jim und auch die Fürsorge, die Charles sowohl seinem Will als auch Jim angedeihen lässt. Eigentlich lernt Will seinen Vater durch die Ereignisse viel besser kennen und schätzen. Und gerade diese Vertiefung der Beziehung zwischen Vater und Sohn überzeugt und regt zum Nachdenken an. Schließlich waren auch die eigenen Eltern mal was anderes als nur Eltern. Da treten die Gruselelemente fast ein wenig in den Hintergrund, obwohl es einen beim Lesen schon tüchtig schaudert.

4 Sterne

Das Böse kommt auf leisen Sohlen von Ray Bradbury
ISBN: 978-3-257-20866-5


Sonntag, 8. Januar 2017

Globalisierung

In einer kapitalistischen Welt laufen die Geschäfte auch nicht immer rund. In einer solchen Welt können die wirtschaftlichen Grundlagen von Einzelpersonen mal ins Wanken geraten. Möglicherweise gibt es dann Hilfsangebote von anderen, doch ist es ratsam diese anzunehmen? Vielleicht geht es genau um diese Frage bei der Begegnung von Jochen Brockmann mit Sylvester Lee Fleming. Lee steht für den amerikanischen General - nicht dass es zu Verwechslungen kommt. 


Was macht ein gutes Buch aus? Mit Freude und Erwartung begibt man sich an die Lektüre dieses hochdekorierten und hochgelobten Autors. Schließlich hat man gerade unter den Preisverdächtigen schon häufiger besonders herausragende Werke gefunden, die interessante Themen in fesselnden Worten bearbeitet haben. Die vielleicht einen anderen Blickwinkel dargestellt haben oder ein Thema besser erklärten als es ein trockenes Sachbuch vermöchte. Dann meint man, seinen Horizont erweitert zu haben und dabei noch etwas gelernt zu haben. Wenn dann das Ganze noch in eine packende Story gekleidet ist, was will man mehr. Manchmal ist es jedoch leider so, dass gerade wenn die Kritik mit Lob überschüttet, der einfache Leser etwas ratlos wird. Was ist denn dann das Thema eines Buches? Wo ist denn die berauschende Sprache? Wieso hat man über Seiten die Absätze vergessen? Wo ist die Geschichte, die interessieren könnte? Bestimmt hat sich der Autor viele Gedanken gemacht, lange an seinen Sätzen gefeilt und mit besten Gewissen die Ansicht vertreten, dass dieses das Beste ist, mit genau den Worten ausgedrückt, die er gewählt hat und auch wählen wollte. Doch leider hilft auch die herausragendste Besprechung der Feuilletons nicht, wenn eine Geschichte am Leser vorbeigeht. Die besten Bücher sollten doch die sein, die sowohl Kritiker als auch Leser begeistern. Zwar kann man vielleicht sagen, wenn das nicht klappt, ist einfach der Leser zu dumm. Was aber, wenn dieser sich durchaus durch so manche Klassiker oder Werke von Nobelpreisträgern mit Begeisterung gelesen hat und gerade hier entnervt anfängt quer zu lesen? Eine abschließende Entscheidung kann von einem Einzelnen sicher nicht getroffen werden. Dieser Einzelne muss hier aber sagen, für mich war es nichts.

2 Sterne

Das bessere Leben von Ulrich Peltzer
ISBN: 978-3-10-060805-5


Samstag, 7. Januar 2017

Marsfalle

Die 28jährige Fiona Yu hat in Yale Jura studiert, sie rackert in einer Kanzlei in San Francisco. Und es könnte ihr relativ gut gehen, wenn nicht ihr Vater der Meinung wäre, sie müsste so langsam mal heiraten. Fionas Eltern leben nach einem eher traditionellen chinesischen Weltsicht und Fiona, die durch ihr Leben im liberalen San Francisco die Freiheit der eigenen Meinung und des eigenen Willens erschnuppert hat, möchte dem Bild ihrer Eltern eigentlich nicht mehr entsprechen. Das hindert ihren Vater, der ihren ehrlichen Aussagen gegenüber völlig taub ist, überhaupt nicht daran, ihr ein Date nach dem anderen zu besorgen. Und jeder dieser chinesischen Loser ist schlimmer als der vorherige. Einiges jedoch ändert sich als Fiona ihren Schulfreund Sean wieder trifft.

Allein schon der Anfang dieses Buches ist des Lesens wert. Auf so eine durchgeknallte Idee muss man erstmal kommen. Zwar folgt kein Feuerwerk weiterer irrwitziger Ideen, aber der Widerspruch zwischen Fionas Leben als Anwältin, die ihre Frau steht, und ihren traditionellen Elternhaus, in dem sie lächeln und dumm sein soll, wird sehr klar und humorvoll dargestellt. Zugegeben, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken, besonders wenn man langsam herausfindet, wie Sean in seiner Jugend war und was er heute neben seinem Beruf als Schönheitschirurg noch so erreicht hat. Soll sich Fiona an Sean ein Beispiel nehmen? Da gerät sie schon sehr in Versuchung. Oder soll sie versuchen, ihre Eltern zu überzeugen, dass Ehe und Kinder doch nicht alles sind. Besonders dann nicht, wenn sie zwar mit guten Absichten, aber eben nicht nach den Wünschen der Kinder von den Eltern arrangiert werden. Fiona möchte keine Greencard-Braut sein, auch wenn es dafür Geld gibt. Geld ist schon gar keine Garantie für ein gutes Leben. 


Schauderhaft witzig ist dieser Debütroman von Angela S. Choi, die selbst einmal als Anwältin gearbeitet hat. Gnadenlos führt sie die Zerrissenheit ihrer Heldin vor, beschreibt ihren Widerwillen gegen die Tradition und die manchmal etwas kläglichen Versuche, auszubrechen und sich gegen die Eltern durchzusetzen. Als bös-humorvolle Satire gelesen bringt dieser Roman einiges an Spaß, auch wenn man manchmal heftig schlucken muss.

3,5 Sterne

Hello Kitty muss sterben von Angela S. Choi
ISBN: 978-3-442-74126-7



Mittwoch, 4. Januar 2017

Sturzflug

Abteilungsleiterin Astrid Tuvesson kann es nicht fassen, da rast ein Irrer über die Autobahn. Natürlich nimmt sie die Verfolgung auf, obwohl in ihrem Leben nicht alles zum Besten steht, so ein Raser muss einfach gestoppt werden. Und dann landet dieser Typ mitsamt seinem Auto im Hafenbecken und kann nur tot geborgen werden. Die Obduktion ergibt allerdings, dass der Verstorbenen schon seit Wochen tot gewesen sein muss. Ein fast unglaubliches oder gar unmögliches Ergebnis. Tuvessons Truppe unter ihnen Fabian Risk nimmt die Ermittlungen auf und kommt einem Täter auf die Spur, wie Schweden noch keinen zuvor gesehen hat. Gleichzeitig geschehen im benachbarten Dänemark gemeine Anschläge auf Obdachlose, die sich kaum zu wehren wissen.

Stefan Anhem entwickelt sich langsam zu einem echten Krimi-Star könnte man sagen. In diesem nunmehr dritten Band um Fabian Risk, der sich an die schwedische Küste versetzen ließ, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können, seiner Ehe einen neuen Start zu geben, um vergessen zu können, was Auslöser der Versetzung war, hat die Polizei wieder einen Fall zu lösen, der sich als ausgesprochen rätselhaft erweist. Denn wie kann einer gleichzeitig tot sein und durch die Stadt rasen. Doch so war es wohl nicht geplant, wäre nicht der fähige Rechtsmediziner misstrauisch gewesen, hätte man den Vorgang als Unfall abgetan und der Täter hätte weiter unbehelligt sein Unwesen treiben können. Doch auch so gestalten sich die Untersuchungen schwierig, denn der Täter agiert äußerst gewieft.


Gelungen mischt der Autor hier zwei Fälle, die dienstlichen und privaten Vorgänge im Leben der Ermittler. Mit jeder Seite, die man umblättert, steigt die Neugier, aber auch die Fassungslosigkeit über die Dreistigkeit des Täters in der einen Sache, gleichzeitig empfindet man mit den Opfern in Dänemark, die scheinbar ohne Grund zusammengeschlagen und sogar getötet werden. Wenn sich nach und nach enthüllt, wie die Dinge zusammenhängen, kann man dem Autor nur Respekt zollen. Unerwartet verknüpfen sich verschiedene lose Enden und führen zu einer Lösung, mit der man kaum rechnen konnte. Gerade diese Verbindungen machen einen Großteil des Reizes aus, den dieser Roman ausübt. Wie eine Krake umhüllt einen die packende Handlung und man kann kaum von dem Buch lassen. Auch wenn man manchmal wünscht, es möge nicht so viele Reihen geben, so ist man hier doch sehr froh, dass man Fabian Risk und seinem Team nicht nur in einem Buch begegnet. 

4,5 Sterne

Minus 18 ° von Stefan Ahnhem
ISBN: 978-3-8437-1480-8


Dienstag, 3. Januar 2017

Der Sohn

Die Außenagenten der amerikanischen Geheimorganisation Campus führen einen Einsatz in der Türkei durch, wobei ihnen von fremden Dritten eindeutig klargemacht wird, dass sie erkannt wurden. Es beginnt eine fieberhafte Suche nach der Ursache der Entdeckung. Gibt es vielleicht sogar einen Verräter? Agent John Clark, dessen Verletzung immer noch nicht richtig ausgeheilt ist, beschließt, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen. Ein herber Verlust für Jack Ryan, jr. und seine weiteren Mitstreiter. Auf der Bühne der Weltpolitik agiert die Chinesische Führung in der Zwischenzeit immer aggressiver. Der eigene wirtschaftliche Niedergang soll mit einer Ausweitung des Einflussgebietes aufgehalten werden. Dem kann der US-Präsident Jack Ryan, sen. natürlich nicht unbeteiligt zusehen.


Wer Tom Clancy kennt, weiß ungefähr, was auf ihn zukommt, wenn er eines seiner Bücher in die Hand nimmt. Auch wenn der Autor bedauerlicherweise inzwischen verstorben ist, lebt sein Held Jack Ryan mit Hilfe neuer Autoren, die unter dem Label Clancys ihre Werke verfassen, weiter. Bereits vor seinem Ableben war Clancy gesundheitlich angeschlagen, so dass auch beim vorliegenden Band nicht ganz sicher sagen kann, was noch seinen eigenen Ideen entspricht. Losgelöst davon bekommt man hier einen rasanten Politthriller geliefert, den man hat man einmal begonnen kaum noch aus der Hand legen kann. Es wird ein Szenario entwickelt, das mehrfach die Frage aufwirft, ob es nicht tatsächlich im Bereich der Wirklichkeit liegen könnte. Dass China mitunter seinen Machtbereich ausweiten möchte und es deshalb schon Zwischenfälle gab, kann in verschiedenen Zeitungsberichten nachgelesen werden. Ebenso gegenwärtig sind Hackerangriffe auf unterschiedliche Institutionen. Keine Frage, dass man aus dieser Gemengelage einen ausgesprochen fesselnden Thriller stricken kann und genau dies ist hier gelungen. Ein Spannungsroman am Rande des möglichen, Geheimagenten, regierungsnahe aber doch keine offiziellen Teilnehmer eines gefährlichen Spiels. Menschen, die sich dem Dienst völlig verschrieben haben, oder solche, die den Spagat der Anforderungen des Dienstes mit der Geheimhaltung gegenüber ihren Familien aushalten müssen. Das Campus-Team bildet dabei eine verschworene Gemeinschaft, die Unterstützung nie direkt von der Regierung erhält und damit auch Operationen ausführen kann, die öffentlich nicht unbedingt gutgeheißen werden. Ein intelligenter Thriller, der Möglichkeiten geschickt in eine fiktive Handlung formt.

4 Sterne

Gefahrenzone von Tom Clancy und Mark Greaney
ISBN: 978-3-453-43812-5




Montag, 2. Januar 2017

Vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren ist der kleine Sohn von Gesine Cordes auf tragische Weise umgekommen. Gesine änderte ihr Leben daraufhin radikal, sie war damals Polizistin und nun arbeitet sie als Friedhofsgärtnerin. Überwinden wird sie den Verlust allerdings nie, sie lebt nur irgendwie weiter. Trotzdem ist sie schockiert als sie entdeckt, dass die Bestattung, die sie gerade vorbereitet, die ihrer eigenen Schwester ist. Obwohl Gesine den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, ist nun die Zeit gekommen, sich den Ereignissen von vor zehn Jahren zu stellen. Auch der angebliche Selbstmord ihrer Schwester gibt Rätsel auf. Mareike war eigentlich nicht der Typ, der zu solchen Maßnahmen greift.

Gut kann man sich in Gesine Cordes hineinversetzen, die eigentlich abschließen wollte mit dem, was damals geschah. Zwar glaubt sie, dass der Tod ihres kleinen Philip nicht nur ein Unfall war, aber sie will einfach darauf verzichten weiter nachzuforschen. Ihre Schwester Mareike scheint etwas anderes im Sinn gehabt zu haben. Nach Jahren in Spanien war sie nach Deutschland zurück gekehrt. Offensichtlich wollte sie mit Gesine Kontakt aufnehmen und eine Annäherung herbeiführen. Und das, obwohl Gesine ihr immer vorgeworfen hat, sie habe nicht genug auf den Kleinen achtgegeben. Je mehr Gesine sich wieder mit ihrer Schwester beschäftigen muss, desto weniger ist sie überzeugt, dass diese ihren Tod selbst herbeigeführt hat.

Gesines Zerrissenheit, ihre Trauer, aber auch ihre Hartnäckigkeit, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen sind sehr lebensnah geschildert. Ihre Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit trägt die Handlung dieses Romans. Doch mit welcher Verächtlichkeit ihr die ehemaligen Kollegen begegnen und wie unschön das Verhältnis zu ihren Eltern ist, die ein sehr unterkühltes Verhalten an den Tag leben, das wirkt manchmal etwas übertrieben, so dass man sich zu fragen beginnt, ob die Gedanken in eine bestimmte Richtung gelenkt werden sollen. Gelöst werden kann dieser Fall nur, in dem die Vergangenheit mit der Gegenwart versöhnt wird. Ob und wie Gesine sich ihren Problemen stellt, bildet die Grundlage für einen fesselnden Spannungsroman, den die Sprecherin Sandra Schwittau mit angenehmer Stimme einnehmend vorträgt.


3,5 Sterne

Kaninchenherz von Annette Wieners
ISBN: 978-3-86909-176-1


Sonntag, 1. Januar 2017

Leuchtturm

Die US-Marshalls Edward Daniels und Chuck Aule werden zu einem Einsatz auf eine Insel geschickt, auf der geisteskranke Verbrecher festgehalten werden. Eine der Insassinnen ist spurlos aus ihrer Zelle verschwunden. Sie soll vor einigen Jahren ihre Kinder umgebracht haben. Die Untersuchungen gestalten sich von Anfang an seltsam, so müssen die Ermittler schon bei der Ankunft ihre Waffen abgeben und sie erhalten auch nicht Zugang zu allen Unterlagen und Akten. Bei der Untersuchung des Zimmers der Entflohenen ergibt sich, dass sie eigentlich nicht ungesehen entkommen konnte. Die Marshalls vermuten, dass auf dieser Insel nicht alles so sein kann wie es scheint.

Liest man den Titel des Buches, denkt man natürlich sofort auch an die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio, der einem möglicherweise als ausgesprochen spannend und mystisch in Erinnerung geblieben ist. Und wie so oft stellt sich auch die Frage, Buch oder Film? Liegt es schon eine Weile zurück, dass man Bekanntschaft mit Buch oder Film gemacht hat, und ist die Erinnerung an das Medium des ersten Kennenlernens schon etwas verblasst, wird man keinen Favoriten ausmachen können. Sowohl das Buch als auch der Film sind ausgesprochen spannend und lesenswert bzw. sehenswert. Dennis Lehane versteht es ausgezeichnet mit wenigen Worten eine Stimmung zu erzeugen, die einen schaudern lässt. Eine düstere Gefängnis-Insel, ein heranziehender Sturm, die Abgeschiedenheit, das drohende Abgeschnitten werden vom Festland. Man ist mitten drin in den Nachforschungen, die zwar zielgerichtet, aber irgendwie eigenartig ablaufen. Das Verschwinden der Frau ist fast wie bei diesen Krimi-Rätseln, in denen es gilt, den Hergang vermeintlich unmöglicher Ereignisse zu klären. Wird es den Marshalls gelingen, das Rätsel um Shutter Island zu lösen.


Zum Einstieg in die Kriminalromane und Thriller von Dennis Lehane ist dieser packende Roman bestens geeignet. Gebannt verfolgt man die Ermittlungen und grübelt über die Ungereimtheiten, die sich ergeben und die schließlich verblüffend aber auch erschütternd einfach erklärt werden. Vor dem Hintergrund der 1950er Jahre beschreibt die Rahmenhandlung zusätzlich eine Zeit des Aufbruchs in der Behandlung psychisch kranker Menschen, die nicht mehr zu bloßen Objekten gemacht werden, die einfach weggesperrt werden. 

4 Sterne

Shutter Island von Dennis Lehane
ISBN: 978-3-257-24335-2