Dienstag, 11. Juni 2019

Florida Industrial

Elwood scheint vom Leben begünstigt zu sein. Er lebt bei seiner Großmutter, die ihrem Enkel ein besseres Leben wünscht. Sie hält ihn an fürs College zu sparen, obwohl farbige Jugendliche in den 1960ern kaum eine Chance haben, eine höhere Schule zu erreichen. Ruhig, mit großem Gerechtigkeitssinn, beseelt von Dr. Martin Luther King ergreift Elwood die Möglichkeit, an einem Kurs am College teilnehmen zu können. Doch gerade in seinem glücklichsten Moment schlägt das Unheil zu. Obwohl er nur zur Schule trampen wollte, wird er als sich herausstellt, dass das Fahrzeug, in dem er nur Beifahrer ist, gestohlen war, zu einem Aufenthalt in einer Besserungsanstalt verurteilt.

Auch in seinem neuesten Werk greift der Autor die Thematik des Rassismus in Amerika auf. An einem Beispiel, dass einem fast das Herz rausreißen muss, stellt er die Situation zu Beginn der 1960er Jahre vor. In die gleichen Restaurants wie die Weißen dürfen sie nicht, allenfalls als Bedienstete, aber in Besserungsanstalten können die Farbigen schnell mal landen. Ein beinahe schon lächerlich nichtiges Vergehen reicht. Es ist als wolle die so genannte vorherrschende Schicht auch noch jede kleinste Chance zerstören, das sich etwas ändern kann. Gleichberechtigung bedeutet schließlich auch, dass die mal abgeben und zurückstecken, die es noch nicht gewöhnt sind. Möglicherweise eine lehrreiche Erfahrung.

Ein wenig Zeit braucht man, um in diesen Roman hineinzufinden. Doch spätestens, wenn man sich über die Ungerechtigkeit aufregt, die Elwood seiner Chancen beraubt, ist man angekommen. Auch an diesem fürchterlichen Ort bleibt Elwood ein ruhiger Vertreter, der versucht, seinen Weg möglichst schnell hinaus zu finden. Man ist dabei, die Daumen für eine Art Gelingen zu drücken und weiß doch, dass an solchen Orten der widerwärtigen Machtausübung, Daumen drücken meist nicht nützt. Elwoods Schicksal berührt, er ist ein so geradliniger Charakter, der eine gute Zukunft verdient. Mit unnachahmlicher Kunst schafft der Autor einen stillen Helden, den man so schnell nicht vergisst. Auf diesen fesselnden und nachdenklich machenden Roman will man sich gerne einlassen, auch wenn die innewohnende Tragik machmal das Herz beklemmt.

„Hier drin ist es genauso wie draußen, nur muss hier keiner mehr so tun als ob.“

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Die Nickel Boys von Colson Whitehead
ISBN: 978-3-446-26276-8



Kommentare:

  1. Liebe Walli,

    endlich komme ich mal wieder auf deinen Blog, um zu stöbern. Die Bücher fordern bei mir ihre Zeit und auch durch das Bloggen bleibt nicht viel Möglichkeit, mehr zu stöbern.
    Dieses Buch habe ich irgendwo gesehen und es wegen des uneindeutigen Covers gleich wieder verdrängt. Nach deiner Rezi scheint es nun aber doch ein interessantes Buch zu sein. Inhaltlich sicher nicht einfach, aber durchaus lohnenswert.

    Liebe Grüße
    Barbara

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    1. Liebe Barbara, vielen Dank für deinen Besuch. Ja, ich kenne das auch, der Tag könnte gerne noch ein paar Stunden mehr haben, um alles schaffen zu können, was man möchte. Das Buch hat mir wirklich sehr gut gefallen. Underground Railroads mochte ich auch schon sehr gerne.
      Liebe Grüße Walli :-)

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