Sonntag, 29. November 2020

Symbole

Nach dem Studium bekommt der junge Doktorand aus Argentinien die Gelegenheit seine Studien in Oxford fortzusetzen. Dort fühlt er sich gut aufgenommen, die Professorin hat ihm ein kleines Apartment bei den Eagletons besorgt. Die kleine Familie besteht aus der freundlichen Großmutter und ihrer Enkelin. Mrs. Eagleton liebt Scrabble und auch der junge Doktorand wird bald auf ein Spiel eingeladen. Doch schon kurz nach seiner Ankunft findet er Großmutter Eagleton tot auf. Dass er den großen Mathematiker Seldom vorher auf der Türschwelle der Eagletons getroffen hat, ist nur ein schwacher Trost. Als Seldom jedoch eine geheimnisvolle Nachricht erhält, bekommt der Todesfall etwas Besonderes.


Der Professor und sein Lehrling ermitteln, eine klassische Krimiausgangslage, die nicht unbedingt neu ist, die aber immer wieder einen Reiz bietet. Welches Geheimnis umgibt den Tod der alten Frau, die an den Rollstuhl gefesselt war. Was hat die Nachricht zu bedeuten, die der Professor erhalten hat. Da sich die beiden Ermittler in Logiker- und Mathematikerkreisen bewegen, wollen sie ihre Gedanken und Vermutungen auch logisch und mathematisch angehen. Die Nachricht könnte bedeuten, dass der Täter mit ihnen kommunizieren will. Das jedoch deutet darauf, dass der Mord an der alten Dame viellicht die erste Tat war, aber vermutlich nicht die letzte.


Auch wenn man selbst nicht so viel von Mathematik versteht, ist dieser Roman sehr ansprechend und spannend. Einige Begriffe werden im Roman selbst oder auch in dem kleinen Glossar am Ende des Buches erklärt. Vielleicht ist die Handlung ein Beispiel für Ockhams Rasiermesser, dies wäre sie dann aber sehr ansprechend und doch so verwickelt, dass man den Überlegungen der Hobby-Detektive, die mit der Polizei zusammenarbeiten dürfen, gerne folgt. Dabei bleiben die Persönlichkeiten des Doktoranden und seines Professors angenehm im Hintergrund. Mehr geht es um das Konstrukt der Todesfälle, mit denen die geheimnisvollen Nachrichten verbunden sind. Und so kommt dieser klassische Kriminalroman gleichzeitig ruhig und fesselnd daher. Kann es einen perfekten Mord überhaupt geben? Man wüsste es nur, wenn bekannt wäre, wie viel Morde unentdeckt bleiben. Ein Ding der Unmöglichkeit. In diesem ansprechenden Roman lässt sich hervorragend über die Möglichkeiten grübeln.


4 Sterne


Die Oxford-Morde von Guillermo Martínez

ISBN: 978-3-8479-0847-4


 

Samstag, 28. November 2020

Das ist der Punk

Sie haben von den Sex Pistols gehört und einigen anderen und sie denken, machen wir es doch auch so. Der Punk drückt etwas aus, nicht nur im Westen. Auch in der DDR des Jahres 1985 kann der Punk leben. Doch die noch ungeformte Gruppe junger Leute verliert einen der ihren. Melchior Nikoleit wird ermordet aufgefunden. Otto Castrup und seine Kollegen von der Morduntersuchungskommission werden beauftragt, herauszufinden, wieso der junge Mann umgebracht wurde. Bei seinem Vater handelt es sich um einen Händler, der auch Geschäfte mit dem Westen macht. 


In diesem zweiten Fall um die Morduntersuchungskommission bekommt es Oberleutnant Otto Castrup wieder mit einem Fall zu tun, der auf den ersten Blick unverständlich wirkt. Wieso hätte jemand diesem jungen Menschen umbringen wollen. Dass dieser Gefallen an einer westlichen Musikrichtung fand, kann irgendwie nicht der Grund sein. Selbst wenn der Staat seine Bürger gerne bis ins Kleinste lenken möchte, kann so eine Vorliebe doch nicht mehr als leichte Repressalien hervorrufen. Oder hat es etwas damit zu tun, dass Melchior Nikoleit von der Stasi angesprochen wurde? Doch nicht nur der Fall, von dem Castrup langsam das Gefühl bekommt, auch die Ermittlung wird von anderer Seite beeinflusst, beschäftigt Otto, auch in seiner Familie hat er mit Problemen zu kämpfen.


So wie manchmal eine Hörbuchinterpretation einem Roman etwas Besonderes geben kann, so kann manchmal auch eine Printausgabe mehr überzeugen. In der gedruckten Fassung kann man sich die verschiedenen Perspektiven sehr gut vor Augen führen. Man bekommt einen Einblick in die Polizeiarbeit in der DDR, der sehr authentisch wirkt. In einem Staat, in dem es eigentlich keine Verbrechen geben konnte, weil der Staat an sich ideal war, müssen doch schlimme Taten aufgeklärt und Täter ihrer Strafe zugeführt werden. Mühsam tasten die Ermittler sich voran, um am Schluss etwas plötzlich vor einem Ende zu stehen, dass wenig Aufklärung bietet. Hier kann eine Fortsetzung eigentlich nur direkt ansetzen, um dem Leser ein Gefühl der Vollständigkeit zu geben. Davon abgesehen besticht dieser Krimi mit seiner Unaufgeregtheit und der mit großem Geschick eingeflochtenen immer gegenwärtigen politischen Komponente.


4 Sterne


Morduntersuchungskommission Der Fall Melchior Nikoleit von Max Annas

ISBN: 978-3-498-00133-9




Freitag, 27. November 2020

Windsänger

Ein gewaltiger Schneesturm zieht auf, es ist eiskalt in Aeland und Grace Hensley weiß nicht, wie sie das Unheil aufhalten soll.  Mit einer Delegation macht sie sich auf nach Kingston, um das Schlimmste zu verhindern. Gemeinsam mit ihrem Bruder Miles will sie vergangenes und laufendes Unrecht aufklären und nach Möglichkeit wieder gut machen. Denn nur so können sie die nötige Hilfe bekommen, um ihre Heimat zu retten. So ganz nebenbei will Grace noch die Geschicke des Landes lenken und einen geheimnisumwitterten Todesfall aufklären. Die Journalistin  Avia Jessup ist auf der Spur in die dunkle Vergangenheit des Landes und gerät bei ihren Nachforschungen in Gefahr.


Bei diesem zweiten Teil der Kingston Trilogie haben Grace Hensley und ihr Bruder Miles etliche Schwierigkeiten zu überstehen. Miles ist noch geschwächt und dennoch hilft er Grace, wann immer er kann. Grace, die zur Kanzlerin des Reiches gewählt wird, muss mit Diplomatie und Schläue vorgehen. Sie will aus ihrer Heimat ein besseres Land machen und sie muss feststellen, dass durchaus nicht jeder sie dabei unterstützen möchte. Die Intrigen der anderen muss Grace schnell durchschauen und auch sonst muss sie immer einen Schritt schneller sein als ihre Widersacher. 


Die im ersten Band so schön komponierte Mischung zwischen Kriminalfall und Fantasy-Story wird man in diesem zweiten Band möglicherweise vermissen. Dennoch sind die Ränkeschmiede und politischen Intrigen in diesem Fantasy-Epos fesselnd beschrieben. Und auch die privaten Beziehungen der Protagonisten geben dem Roman eine Besonderheit, die das Buch von der Masse abhebt. Als zweiter Teil muss dabei eine Brücke zum nächsten Band gebildet werden, wobei ein gewisser Themenkreis abgeschlossen wird, aber genug Neugier geweckt wird, um dem Abschluss entgegenzufiebern. Dies ist gut gelungen. Mit einer spannenden Geschichte und ungewöhnlichen Verwicklungen überzeugt die Autorin und als Leser kann man sich fast nicht mehr wünschen.


4 Sterne


Stormsong von C.L. Polk

ISBN: 978-3-608-12017-2





Sonntag, 22. November 2020

Die liebe Familie

Seit zwei Jahren sind die Uni-Professoren Rachel Chu und und Nick Young ein Paar. Zwar war noch nicht von Heirat die Rede, aber zum Sommer lädt Nick Rachel nach Singapur ein, um seine Familie kennenzulernen. Nick ist Trauzeuge bei der Hochzeit seines besten Freundes Colin und Rachel soll ihn begleiten. Rachel ist nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee ist, schließlich kommt sie doch gerne mit. Allerdings verläuft die Reise etwas anders als erwartet, denn die Kreise, in denen Nick in seiner Heimat verkehrt, sind anders. Um nicht zu sagen, Nicks Freunde und Familie sind reich, stinkreich.


Rachel ahnt nicht, wohin die Reise geht. Nick ist ein Meister des Unterstatements. Er ist mit seinem Reichtum so selbstverständlich aufgewachsen, dass er sich nicht einmal als reich empfindet. Vielleicht hätte er Rachel doch vorwarnen sollen. Natürlich weiß Nicks Mutter schon Bescheid bevor Rachel ankommt. Allerdings hat sie nicht durch Nick von Rachel erfahren. Und so beginnt die Gerüchteküche zu kochen und Intrigen werden gesponnen. Da auch Nicks Familie nicht vorbereitet ist, glaubt besonders seine Mutter, Rachel kann nur auf das Geld aus sein. Und so eine Goldgräberin hat in der elitären Familie Young nichts zu suchen.


Wie schnell sich Nachrichten verbreiten, die eigentlich noch garnicht für die Öffentlichkeit (besonders die Eltern) bestimmt sind, weiß eigentlich jeder, der auf dem Dorf lebt. Das scheint in Asien nicht anders zu sein als in jeder anderen Welt, auch wenn hier das Dorf geringfügig größer ist. Wenn dann auch die Familie nicht mit dem Partner ihres Sprosses einverstanden ist, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert, besonders wenn alle denken, aber keiner offen spricht. Über diese unterschwelligen Schwingungen in der Familie berichtet der Autor auf sehr amüsante, teilweise bissige, aber teilweise auch anrührende Weise. Irgendwie sind die Reichen auch nur Menschen mit Wünschen und Gefühlen, die für ihre Kinder nur das Beste im Sinn haben, auch wenn sie manchmal etwas übergriffig sind. Die schräge Welt der „Crazy Rich Asiens“ ist wie ein exaltierter Spiegel, der einige Erkenntnisse bietet, wenn man sich traut hineinzublicken.


4 Sterne


Crazy Rich Asians von Kevin Kwan

ISBN: 978-0-804-17158-8

Ein Streich

Seit einem Jahr ist Blair Harbour wieder draußen. Sie wurde wegen Mordes verurteilt. Ihr schönes Leben als wohlhabende Ärztin ist vorbei. Ihren Sohn Jamie musste sie zu Pflegeeltern geben. Dabei ist sie doch ein guter Mensch. Deshalb ersetzt Blair das Geld, dass eine junge Frau aus der Kasse klaut. Und auch den Diebstahl ihres klapprigen Autos nimmt sie hin. Umso erstaunter ist Blair als ihre ehemalige Zellengenossin Sneak sie aufsucht. Deren Tochter ist verschwunden und Blair soll bei der Suche helfen. Derweil hat die Polizistin Jessica Sanchez Probleme mit den Kollegen. Die Fähigkeiten der gewieften Beamtin erwecken Neid.


Diesmal lässt die Autorin die Akteure in Los Angeles aufeinander treffen. Ob sie plant aus diesem Treffen eine Reihe zu machen, kann nicht eindeutig gesagt werden, erscheint aber möglich. Hier jedenfalls begegnen sich sehr unterschiedliche Protagonistinnen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Kaum zu glauben, dass sie alle das hehre Ziel verfolgen, die Verschwundene zu finden. Genau genommen wollen sich nichtmal etwas miteinander zu tun haben. Letztlich können sie sich dem nicht entziehen. Sneak hat ihre Tochter erst vor kurzem kennengelernt. Ein tolles Mädchen, das in letzter Zeit auf Abwege geraten zu sein scheint. Sneaks Persönlichkeit ist nicht unbedingt einfach, aber ihre Tochter will sie unbedingt retten.


Wenn man die besonderen Thriller von Candice Fox generell mag, wird man auch von ihrem neuen Roman angetan sein. Die Autorin versteht es, schräge Charaktere sympathisch erscheinen zu lassen. Manchmal ist es dabei nicht so einfach, gut und böse zu unterscheiden. Man muss immer damit rechnen, dass etwas Unerwartetes geschieht. Man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen, dass das Gute immer da liegt, wo es die übliche Annahme vermuten würde. Bei diesem Roman handelt es sich um einen spannenden Thriller, der durchaus einige brutale Szenen aufweist. Dies passt zur Handlung. Wichtiger und packender ist das Streben der Frauen nach der Wahrheit und letztlich doch nach dem Guten. 


4 Sterne


Dark von Candice Fox

ISBN: 978-3-518-47101-2




Freitag, 20. November 2020

Das Restaurant

Die ungleichen Zwillingsschwestern Zara und Zoë müssen einen gemeinsamen Weg finden. Zara von Hardenberg, die bei einer geheimen europäischen Polizeieinheit arbeitet, fürchtet, es könne ein Anschlag drohen. Doch sie selbst sieht sich nicht in der Lage, harte Maßnahmen zu ergreifen. Die einzige Möglichkeit scheint zu sein, mit ihrer Schwester die Rolle zu tauschen. Diese ist die Fürstin, eine Patin der korsischen Mafia und wesentlich weniger skrupellos. Doch Zara muss einfach ausnutzten, dass kaum jemand weiß, dass sie eine Zwillingsschwester hat. Doch wie wird sich Zara in Zoës Haut behaupten?


Nachdem sich die Schwestern im ersten Band der Reihe erst wieder gefunden hatten, wird ihre Beziehung im zweiten Band auf eine Probe gestellt. Der Rollentausch ist alles anders als einfach, schließlich bewegen die beiden Frauen sich in sehr unterschiedlichen Umgebungen, allerdings unter Menschen, die alles andere als dumm sind. So leicht kann die Täuschung nicht gelingen. Und doch, ein Anschlag muss einfach verhindert werden. Zu viele Menschenleben stehen auf dem Spiel. Letztendlich begeben sich Beide in Gefahr und es steht keinesfalls fest, dass sie erfolgreich sein werden.


Während im ersten Band sehr schön beschrieben ist, wie sich die Schwestern wieder annähern und gleichzeitig für Zara ein Fall zu lösen ist, entsteht im zweiten Band etwas der Eindruck, dass die innere Linie fehlt. Beruhend auf einem Albtraum, wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, die sehr ungewöhnlich ist. Wie Erkenntnisse zustande kommen, bleibt hin und wieder im Ungewissen. Auch wie eng Vertraute sich von den Schwestern narren lassen, ist manchmal schwer nachzuvollziehen. Einige Fragen werden nicht immer einleuchtend erklärt und einige Ereignisse erscheinen unnötig. Vielleicht sind das Ansätze für einen Folgeband, aber dadurch wird diesem Roman der Zusammenhalt genommen. Und ob die Schwestern in dieser Richtung weitergehen müssen, nun ja. Dieser szenische Thriller ist zwar nicht ganz so packend wie der erste Band, aber doch rasant und spannend geschrieben.


3 Sterne


Tödliche Zwillinge - Zara und Zoe von Alexander Oetker

ISBN: 978-3-426-30767-0




Mittwoch, 18. November 2020

Madame Katze

Karins Mann Jens ist nach über 50 Jahren Ehe plötzlich verstorben. Für Karin und ihre drei Töchter ist die Welt nicht mehr wie sie war. Jens  fehlt in jedem Moment. Karin bringt es nicht fertig, ihre Gefühle auszudrücken. Doch Jens hat vor seinem Tod einen Auftrag an Imke erteilt. Imke war immer die Tochter, die keine Probleme gemacht hat. Sie ist genau die Richtige für die Aufgabe. Geli, selbst schon verwitwet, ist gerade dabei, eine neue Beziehung aufzubauen. Und mit Anne liegen alle irgendwie im Clinch oder Anne ist es, die allen unterstellt, sie wollten ihr nichts Gutes.


Imkes Aufgabe erweist sich als spannend, aber auch schwierig, denn sie muss tief in die Vergangenheit ihrer Mutter dringen. Eine Vergangenheit, über die Karin am liebsten schweigt. Was kann damals nur geschehen sein, dass es Imkes Mutter verstummen lässt. Imkes Schwestern sind doch eher mit sich selbst beschäftigt. Geli musste den Tod ihres Mannes verwinden und auch Anne hat einen schlimmen Rückschlag hinnehmen müssen. Doch ihr Mann will sie bei einem Neuanfang unterstützen. Die Leere nach dem Tod ihres Mannes bringt Karin jedoch dazu, sich ihren Erinnerungen anzunähern. Und so machen sich Imke und Karin von unterschiedlichen Ausgangspositionen auf, um die Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht zu bringen.


Wie sie selbst schreibt, ist die Autorin durch ein Buch inspiriert worden. Wenn man dieses Buch kennt, wird man gleich eine positive Einstellung vom vorliegenden Roman finden. Auch wenn sich einiges an Annes Charakter nicht erschließt, so wird dieses kleine Manko durch die Schilderung von Imkes Suche und den Erinnerungen von Karin wettgemacht. Imke lässt nicht locker und Karin wagt es schließlich, sich der Vergangenheit zu stellen. Eine Kindheit in den 1950ern kann durchaus leichte Momente gehabt haben, wie auch Karin zum Glück erfahren hat, allerdings konnten aus heutiger Sicht Kleinigkeiten schwerwiegende Folgen haben. Die dramatischen Ereignisse sind mitreißend zu lesen und mitunter denkt man, das kann doch nicht sein. Der Roman ist fesselnd geschrieben und wie Karin selbst sagt, ist sie am Ende so klar wie schon lange nicht mehr. Mit Karin und Imke hat die Autorin fesselnde Persönlichkeiten geschaffen, deren Geschichte ausgesprochen lesenswert ist.


4 Sterne


Die Schweigende von Ellen Sandberg

ISBN: 978-3-328-10485-8