Dienstag, 22. Januar 2019

Das Ex-Monster


Der Ire Donal MacFadden ertrinkt im Schwabinger Bach in München. Gefunden wird er von einem Spaziergänger, der mit seinem Hund Gassi geht. Eigentlich sieht alles nach einem Unfall aus. Hauptkommissarin Patsy Logan soll nur die näheren Umstände abklären, damit die Sache zu den Akten kann. So leicht macht sie es sich und den Angehörigen des Toten allerdings nicht. Zu unbeliebt war MacFadden und so ist zunächst mal nicht auszuschließen, dass eine böse Absicht mit im Spiel war. Keine einfache Situation für Patsy, die durch ihre private Situation manchmal gehindert ist, sich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.

Wer kennt das nicht. Manchmal gibt es im Leben eben Zeiten, in denen andere Dinge wichtiger sind als die Arbeit. Und doch muss man funktionieren und seinen Mann oder seine Frau stehen. Zum Glück ist Patsys Instinkt nicht völlig außer Kraft. Was sie über den Toten und seine Familie erfährt, macht es ihr unmöglich an einen Unfall zu glauben. Allerdings hat sie nichts Greifbares, um ihr Gefühl zu untermauern. Wo könnte der Hund begraben sein? Wenn es doch nur nicht so viele Ablenkungen gäbe. So weiß Patsy neben anderen Dingen nicht so recht, ob sie sich über den Besuch ihres jüngeren Bruders Robbie freuen soll. 

In guten wie in schlechten Tagen heißt es häufig bei der Eheschließung. Wer Patsy aus ihrem ersten Fall kennt, wird sich vermutlich erinnern, dass es gewisse Forderungen ihrer Schwiegereltern gibt, die sich nicht so leicht erfüllen lassen. Kein Wunder also, dass Patsy in ihrem Bemühen als Ehefrau alles richtig zu machen abgelenkt ist, zumal ihre Bemühungen noch nicht so erfolgreich waren wie erhofft. Da läuft die Arbeit auf Autopilot. Natürlich hat Patsy dennoch sämtliche Antennen auf Empfang, wenn es um einen ungeklärten Todesfall geht. Und in das Seelenleben der irischen Gäste kann sie sich als Halbirin natürlich besser einfühlen als ihre Kollegen. Und so bohrt sie in gewohnter Manier nach, um erstmal nichts zu finden. Man leidet mit Patsy mit, wenn sie zwar nach außen cool innerlich aber doch getroffen und betrübt ist. Man wühlt mit ihr in den Familienbeziehungen der MacFaddens. Sie nimmt einen mit in ihre Gedankenwelt und so kann man bei der Lösung des Falles immer dicht bei ihr bleiben und eine fesselnde Lektüre erleben, in der bayrische Grantelei mit irischer Schwermut kombiniert wird. Patsy Logan ist eine Ermittlerin, die man nicht mehr missen möchte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schwarze Seele von Ellen Dunne
ISBN: 978-3-458-36383-5


Werbung gem. TMG:

Wenn ihr mögt, schaut doch auch mal auf die Verlagsseite

Montag, 21. Januar 2019

Deutscher Krimipreis International 2019


Mikamis Tochter ist verschwunden, sie haderte mit ihrem Aussehen, das nach ihrem Vater kommt. Als Pressesprecher bei der Polizei setzt Mikami alles in Bewegung, um seine Tochter zu finden. Er ist überzeugt, dass die drei Schweigeanrufe, die er und seine Frau bekommen haben, von ihr getätigt wurden. Die Suche nach der Tochter lenkt Mikami nicht von der Arbeit ab, als noch relativ neu eingesetzter Pressesprecher muss er bei den Presseleuten einige Schwierigkeiten überwinden. Und nun wird auch noch der Besuch eines hohen Beamten aus Tokio angekündigt, der den Vater eines Entführungsopfers aufsuchen will. Ein seit vierzehn Jahren ungelöster Fall, der von Verjährung bedroht ist. 

Mikami ist wie zerrissen, eigentlich möchte er sich nur um die Suche nach seiner Tochter kümmern. Immerhin hat er hier seine gesamte Kollegenschaft hinter sich. Doch auch die Arbeit fordert seine volle Aufmerksamkeit. Besonders den Besuch gilt es vorzubereiten. Der Vater des vor Jahren entführten und zu Tode gekommenen Mädchens scheint allerdings kein großes Interesse haben, den Polizeioberen zu empfangen. Er scheint das Vertrauen in die Polizei verloren zu haben. Die Überzeugungsarbeit, die Mikami leistet, fruchtet nur in geringem Maß. Misstrauisch geworden, beginnt Mikami zu untersuchen, weshalb der alte Mann so reagiert. Er ahnt nicht, was er damit lostritt.

Die Lektüre gerade beendet, schon bekommt dieser Roman den deutschen Krimipreis 2019 in der Sparte International verliehen. Eine Ehrung, die diesem umfangreichen Werk wohl zusteht. Der japanische Autor entführt einen in den Moloch der japanischen Polizeiverwaltung. Wie kann das spannend sein, könnte man sich fragen. Nun, nach der Lektüre wird es keinen Zweifel mehr geben, dass sich hinter einer eher trockenen Thematik eine fesselnde Geschichte verbergen kann. Die Verwaltungsstrukturen, die inneren Zwänge, das Hadern Mikamis damit, seine Sorge um die Tochter, die ihn so Manches ertragen lässt, was er unter anderen Umständen wohl verweigern würde. Die Art, wie die Ränkespielchen innerhalb der Verwaltung dargelegt werden, mag einem zunächst etwas sperrig vorkommen, doch schon nach wenigen Kapiteln ist man gefangen genommen und die fast 800 Seiten sind wie im Flug gelesen.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

64 von Hideo Yokoyama
ISBN: 978-3-8553-5017-9


Mittwoch, 16. Januar 2019

Klapperlatschen


Mit ihren Klapperlatschen klappert sie durch Brinkebüll und kündet vom nahenden Untergang, deshalb wird sie im Dorf nur Marret Ünnergang genannt. Jahre später kehrt der auch nicht mehr ganz junge Ingwer Feddersen in sein Dorf zurück. Der Archäologe hat sich ein Jahr Auszeit an der Uni Kiel genommen, wo er als Hochschullehrer tätig ist. Ein Jahr, dass er seinen Großeltern schenken möchte, die inzwischen beide über 90 etwas Hilfe benötigen. Seine Großmutter Ella ist noch rüstig, allerdings der Geist will nicht mehr. Beim Großvater Sönke ist es gerade umgekehrt, der Geist ist klar, der Körper klapprig. Für Ingwer beginnt eine Zeit der Hingabe, aber auch der Erinnerung und Besinnung auf das, was er eigentlich will.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit mäandert dieser gehaltvolle Roman hin und her. Man erlebt die Zeit des langsamen Niedergangs eines norddeutschen Dorfes. Von der Flurbereinigung in den 1960ern an bis in die Gegenwart wird in anrührenden Episoden berichtet, wie es mit dem Dorf und seinen skurrilen Charakteren immer weniger wird. Da werden scheinbar nicht nur Wiesen und Felder begradigt, auch die knorrigen Dorfbewohner scheinen in jeder Generation eine Runderneuerung zu erleiden. Schließlich ist Sönke noch eines der wenigen verbliebenen Originale auch Dörpsmensch genannt. Immer noch betreibt er seinen Dorfkrug, der fast genauso vereinsamt ist wie das Dorf und seine Bewohner.

Sehr einfühlsam beschreibt Dörte Hansen das Schicksal des fiktiven Brinkebüll, das sie zwar in Norddeutschland verortet hat, das aber vermutlich auch in jeder ländlichen Gegend gewachsen sein könnte. Urige Dörfchen mit Klein- und Großbauern, einer Gastwirtschaft, ein Tante Emma Laden, vielleicht eine Bäckerei, ein Schlachter und eine Werkstatt. Viele Leser kennen es wahrscheinlich. Was es einmal gab und was noch da ist. Wenn Felder und Wiesen wegen der Flurbereinigung getauscht werden sollten, die Straßen gemacht wurden, und ein Gewerbe nach dem anderen verschwand. Doch in jedem Verschwinden liegt auch eine Erneuerung. Die heimelige, aber auch stichelige Stimmung verschwindet. Doch eine Dorfgemeinschaft kann sich auch neu finden. Und so ist dieser Roman von Melancholie, Wind und Abschied geprägt, auch von Aufbruch, Humor und Liebe zum Land. 

Ein zweites Buch kann es mitunter schwer haben, wenn es mit dem ersten verglichen wird. Dieses aber braucht den Vergleich nicht zu scheuen, es ist anders zwar, aber eher im Sinne einer Weiterentwicklung und Perfektionierung. Einfach klasse geschrieben, ein Fest für solche, die vom Lande kommen und vielleicht auch für solche, die eine Entdeckung machen wollen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Mittagsstunde von Dörte Hansen
ISBN: 978-3-328-60003-9



Dienstag, 15. Januar 2019

Harley


Sowohl Frida Paulsen als auch Bjarne Haverkorn sind nach dem letzten Fall noch erholungsbedürftig. Obwohl Frida ihre Prüfung bestanden hat, ist sie unsicher, ob sie überhaupt bei der Polizei bleiben will. Deshalb hat sie sich beurlauben lassen und verbringt noch mehr Zeit auf dem elterlichen Hof. Haverkorn dagegen muss in einem Todesfall ermitteln, was ihm mit seiner langjährigen Berufserfahrung ungewöhnlich nahe geht. Schlimmer noch wird es, als er erfährt, dass es sich bei der Toten um eine ehemaligen Kollegin handelt. Auch Haverkorns Privatleben gerät in schwieriges Fahrwasser. Wieso nun ist die Frau ums Leben gekommen? Und welche Rolle spielt dabei Fridas Schulfreundin Jo, die die Tote gefunden hat?

Auch im zweiten Fall von Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn führen die Spuren des Falles in die Vergangenheit. Bis die beiden dies herausfinden, dauert es eine kleine Weile. Zunächst ist  die Tote unbekannt. Warum allerdings war ausgerechnet Jo bei der Frau als sie starb? Eigentlich soll Jo von Kommissar Haverkorn nur als Zeugin vernommen werden. Sie allerdings befürchtet, dass der Beamte sie verdächtigt. Sie ruft deshalb ihre Freundin Frida herbei. Als diese versucht, die Freundin zu beschwichtigen, verschwindet diese aus dem Kommissariat und ihre Harley verschwindet von dem einsamen Hof, auf dem auch die Leiche gefunden wurde. 

Geschickt werden auch hier wieder Vergangenheit und Gegenwart, Berufliches und Privates verquickt. Wie im wirklichen Leben haben es Frida und besonders Haverkorn manchmal schwer bei der beruflichen Stange zu bleiben, wenn die Gedanken mit privaten Entwicklungen beschäftigt sind, die wahrlich unvorhersehbar waren. Dennoch auch Haverkorn kniet sich in die Untersuchung, schließlich muss geklärt werden, warum die Ex-Polizistin einfach so erstochen wurde. Frida versucht inzwischen ihre verschwundene Freundin zu finden. 

Auch dieses Hörbuch wird von Michael Mendl vorgetragen, was hier besser passt als beim ersten Band, zum einen, weil es etwas mehr um Haverkorn geht, zum anderen, weil die Stimme beim zweiten Fall bereits etwas Vertrautes hat. Inhaltlich ist dieser zweite Fall noch besser gelungen als der Erste. Gerne verlängert man für mehrere Momente die Hörsitzung, nur um zu erfahren, wie es weitergeht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Bluthaus von Romy Fölck
ISBN: 978-3-7857-5758-1


Sonntag, 13. Januar 2019

Vergessene Flüsse


Ein Mann rast mit seinem Auto den Hügel hinunter in ein Schaufenster. Erst bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Mann bereits tot war. Nur wenig später wird in einer Feuerstelle eine Leiche gefunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Frieda Klein dagegen ist verschwunden. Ihre Freunde Josef, Reuben, Karlsson, ihre Nichte Chloë und sogar ihre Katze warten. Frieda ist einfach nicht da. Die Kriminologie-Studentin Lola sucht nach einem Thema für ihre Prüfungsarbeit. Gemeinsam mit ihrem Professor kommt sie darauf, dass Frieda Klein ein gutes Thema abgeben würde. Von diesem Thema ist Lola eigentlich eher gelangweilt, bis sie bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens trifft.

Der lange erwartete Showdown zwischen Dr. Frieda Klein und dem Mörder Dean Reeve. Es ist eines dieser Bücher, die man lange erwartet und die man dann kaum lesen möchte, um den Abschied von Frieda Klein noch etwas hinauszuzögern. Natürlich überwiegt irgendwann die Neugier, was das Autorenteam für Friedas letzten Auftritt in petto hat. Zunächst einmal ist Frieda verschwunden. Die Polizei wird mit einer Mordserie konfrontiert, die nicht unbedingt auf einen Zusammenhang mit Reeve hindeutet. Würde sich Lola nicht auf die Suche nach Frieda machen, bliebe die Frage, ob Frieda überhaupt auftauchen würde. Doch Lola hat ihr Studienfach schon richtig gewählt. 

Man wartet eine Weile auf Friedas Auftritt, man beschäftigt sich mit den Morden und fragt, wo bleibt sie nur. Und wenn sie da ist, dann ist auch ihre trockene, aber doch äußerst feinfühlige Art wieder da. Frieda, die alleine bleibt, die sich nicht anvertraut, um ihre Freunde zu schützen. Die lieber selbst aus der Deckung kommt, ehe einer ihrer Lieben, von denen sie das nie zugeben würde, in Gefahr gerät. Doch wie will sie gegen den scheinbar übermächtigen Reeve bestehen, der sie schon seit Jahren nicht loslässt. Gebannt inhaliert man dieses Buch, liest jeden Satz in der Hoffnung, die Polizei möge schneller sein, Frieda möge ihre Freunde, aber auch sich selbst retten. 

Friedas Wanderungen zu den vergessenen Flüssen Londons werden unvergessen bleiben. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Day of the Dead von Nicci French
ISBN: 978-1-405-93914-0



und das Cover der deutschsprachigen Ausgabe



Samstag, 12. Januar 2019

Genter Abenteuer


Eines Tages findet Daniel die Wohnung seines Freundes Juri offen und Juri liegt tot in einem der durchwühlten Zimmer. Sofort informiert Daniel die Polizei, die zwar Einbruchsspuren findet, aber keinen Toten. Erst vor ein paar Jahren, gerade um die Zeit, als zwischen Daniel und seiner Freundin Schluss war, haben Daniel und Juri sich kennengelernt und waren seitdem gut befreundet. Soweit Daniel weiß, war Juri einer geheimnisvollen Sache auf der Spur. Kurz nach dem Einbruch taucht Mara vor Juris Wohnung auf, die erklärt, sie sei Juris Schwester. Gemeinsam mit Mara versucht Daniel herauszufinden, weshalb Juri umgekommen ist und worum es sich bei den geheimnisvollen Nachforschungen handelt, mit denen Juri beschäftigt war.

Letzteres ist schnell ausgemacht, Juri ging es um den noch immer nicht vollständig geklärten Diebstahl einer Tafel des Genter Altars. In einer kurzen Rückblende werden die Umstände des Diebstahls von 1934 geschildert. Schnell merken Mara und Daniel, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich nach so langer Zeit an die Lösung dieses alten Kriminalfalls begeben. Ihre Gegenspieler schrecken dabei nicht davor zurück, andere in Gefahr zu bringen oder zu bedrohen, um an deren Forschungsergebnisse zu kommen. Dennoch gehen Daniel und Mara jedem Hinweis nach, den sie entweder bereits haben oder den sie noch finden. Es entspinnt sich eine abenteuerliche Reise in die Welt der Geheimnisse des Genter Altars.

Mit dem Geheimnis des Genter Altars ist dem Autor ein spannender Abenteuerroman gelungen, der seinen Ausgangspunkt an einem wahren Verbrechen hat. Ein Kunstraub, der nie vollständig aufgeklärt wurde. Ein Ansatz, der für eine tolle Geschichte einen Ausgangspunkt bilden kann. Beinahe wie bei Indiana Jones hasten Mara und Daniel von einem Hinweis zum anderen, eine abenteuerliche Fahrt führt sie von Deutschland über Belgien nach Südfrankreich. Verfolgt von bösen Häschern versuchen sie ihr Möglichstes das Geheimnis gleichzeitig zu entschlüsseln und zu schützen. Auch wenn es während dieser rasanten Verfolgung manchmal etwas zu hoch hergeht und man sich fragt, wieso sich die Lösungen ausgerechnet Mara und Daniel präsentieren und nicht schon jemandem vorher, so hat man doch ein packendes Leseabenteuer, das einen gut durchdachten Lösungsansatz bietet.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Das Geheimnis des Genter Altars von Klaus-Jürgen Wrede
ISBN: 978-3-86282-367-3


Freitag, 11. Januar 2019

Vierter Strike


Noch während ihrer Hochzeitsfeier entdeckt Robin Ellacott, dass Matthew ihr Handy manipuliert hat. 

Ein Jahr später sind Robin und Matthew immer noch verheiratet und gerade dabei, ihr neues Mietwohnheim einzurichten. Robin hat sich durchgesetzt und ihre Stelle in Cormoran Strikes Detektei behalten. Und obwohl sie reichlich zu tun haben, kann Strike sich nicht weigern, den Fall von Billy zu übernehmen. Der verzweifelte junge Mann behauptet, als Kind habe er einen Mord beobachtet. Gleichzeitig tritt der Politiker Jasper Chiswell an ihn heran, er wird erpresst und will, dass dem Erpresser das Handwerk gelegt wird.

Mehrgleisig zu fahren, ist für Strike nicht ganz einfach. Nachdem er durch seine Fälle einige Berühmtheit erlangt hat, wird er mitunter auf der Straße erkannt. Es ist ihm also nicht so leicht, eine Observierung durchzuführen, wenn er immer damit rechnen muss, angesprochen zu werden. Neben Robin hat er deshalb zwei weitere freie Mitarbeiter angestellt, was wiederum dazu führt, dass Strikes finanzielle Situation trotz relativer Berühmtheit nicht überragend ist. Ein Grund mehr sich sowohl um Billy, was ihm ein inneres Bedürfnis ist, als auch um Chiswell, was eher wegen des Geldes passiert, zu kümmern. Chiswell macht keinen sehr sympathischen Eindruck, doch sollte er tatsächlich erpresst werden, hat auch er ein Recht auf die Wahrheit und ein Ende der Erpressung. 

In ihrem vierten Fall müssen Cormoran Strike und Robin Ellacott sich mit etlichen privaten Problemen herumplagen, die zum Glück meist nicht ihre berufliche Zusammenarbeit berühren. Beide Fälle erweisen sich als knifflig. Wegen Billys psychischer Erkrankung, kann nicht gesagt werden, inwieweit seine Erinnerung stimmt. Doch mit seiner Zerrissenheit stimmt er Strike ihm gegenüber wohlgesinnt und Strike möchte dieser verlorenen Seele einfach helfen. Jasper Chiswell dagegen, will nicht einmal verraten, weshalb er erpresst wird, und er erwartet doch, dass der Erpresser gestellt und einer Strafe zugeführt wird.

Die Autorin ist dafür bekannt, die Handlung ihrer Strike/Ellacott Reihe langsam zu entwickeln, was im dritten Band vielleicht etwas zu langsam geraten ist. Und so befürchtet man zu Beginn dieses Bandes, die Lektüre könnte sich dahin ziehen. Positiv überrascht ist man jedoch, dass hier die Mischung zwischen spannenden, emotionalen und akribisch beschreibenden Passagen durchaus gelungen ist. Wie die Handlungsstränge verknüpft sind und wie man als Leser in emotionale Wallung gebracht wird, ob einiger durchaus unsympathischer Zeitgenossen und -genossinnen, ist durch die Autorin schon ziemlich gut bereitet. Allein schon der im englischen Original perfekt gewählte Titel, der eine Art stehender Begriff zu sein scheint, so dass es keine eigentliche Übersetzung gibt, regt dazu an, die Bedeutung zu erforschen und den Zusammenhang mit dem Geschehen zu hinterfragen. Gleichzeitig wird vieles bis kurz vor Schluss so in der Schwebe gehalten, dass nur wenige erahnen werden, welche Lösung sich findet, bevor es von der Autorin so gewünscht wird. Ein wenig spielt die Autorin mit ihren Akteuren und auch ihren Lesern, wobei das größere Vergnügen sicherlich auf Seiten der Letzteren ist.

Dieser vierte Band der Reihe um die sich umtanzenden Cormoran Strike und Robin Ellacott garantiert spannende Unterhaltung.

4,5 Sterne


Lethal White von Robert Galbraith
ISBN: 978-0-7515-7285-8



und das Cover der deutschsprachigen Ausgabe: