Montag, 1. März 2021

Das Waisenhaus

Die junge Bess Bright genießt einen Moment des Glücks. Neun Monate später hält sie ihre kleine Tochter Clara im Arm. Doch im Jahr 1764 ist es nicht leicht, eine ledige Mutter zu sein, die manchmal nicht weiß, ob sie am nächsten Tag genug zu essen hat. In ihrer Not gibt Bess ihr Kind im neugegründeten Waisenhaus Londons ab. Eisern beginnt sie zu sparen und sechs Jahre später will sie ihr Töchterchen wieder abholen. Entsetzt erfährt Bess, dass eine andere Frau ihr kleines Mädchen schon am Tag nach der Einlieferung aus dem Waisenhaus abgeholt hat. Wie soll sie ihr Kind nur wiederfinden?


Dieser historische Roman hat einen besonderen Ansatz mit einem echten historischen Hintergrund. Frauen in Not konnten ihre neugeborenen Babys in dem Waisenhaus abgeben, um die Kleinen einigermaßen gut versorgt zu wissen. Welches Kind aufgenommen wurde, entschied das Los. Im Vergleich zu Kindern, die keine besondere Versorgung erhielten, überlebten die im Waisenhaus untergebrachten Kleinen erheblich häufiger. Doch was, wenn eine Mutter ihr Kind wieder selbst in Obhut nehmen konnte? Die junge Bess erlebt hier den Schock ihres Lebens. Ihre Tochter ist verschwunden. Doch Bess lässt nicht locker und sie macht sich auf die Suche nach Clara.


Der Beginn dieses Romans liest sich sehr spannend. Die Szenen, in denen Bess ihr Kind abgibt und in denen sie feststellen muss, dass ihre Tochter verschwunden ist, gehen ans Herz. Bewundernswert ist ihre Energie, mit der sie sich auf die Suche macht. Im weiteren Verlauf finden jedoch Wechsel der Perspektive statt, die den Lesefluss irgendwie unterbrechen und gegenüber dem schönen Beginn fallen die folgenden Kapitel etwas ab. Wo man berührt sein sollte, fragt man sich, warum ist das so. Zum Ende hin jedoch fügt sich vieles und der Schluss stimmt ausgesprochen versöhnlich. Und so bleibt nach der Lektüre doch ein gutes Gefühl und das Wissen, etwas über ein kleines Stück Geschichte gelernt zu haben.


3,5 Sterne


Die Verlorenen von Stacey Halls

ISBN: 978-3-8661-2495-0




Sonntag, 28. Februar 2021

Premiere

Seit Generationen leben sie in England. Einwanderer und Einwanderinnen aus den verschiedensten Ländern, afrikanischer, asiatischer oder karibischer Herkunft. Da ist zum Beispiel Amma, eine Theaterproduzentin, die ihr Coming-Out schon früh hatte, oder Carole, die nach einem schwer zu ertragenden Ereignis die Beste sein wollte. Auch Hattie, die auf ein langes Leben blickt, hat eine Persönlichkeit, die schillernder ist als man von einer alten Dame erwartet. Sie und noch andere haben ihre Wünsche und Träume, erleiden Fehlschläge oder schaffen es. Und irgendeine Verbindung haben sie zu der Premiere von Ammas neuestem Stück und der Aftershowparty. 


Dieser Roman ist hochgelobt und Gewinner des Booker Prize 2019. Das macht neugierig, aber stimmt auch etwas skeptisch. Und tatsächlich kann es wohl Leser geben, die sich an die Art, in der die Geschichten erzählt werden, erst gewöhnen müssen. Die Handlung findet eher indirekt statt, so als würden die Akteure sie im Nachhinein denken. Und da gerade ein Handlungsstrang im ersten Viertel des Romans mit wenigstens einer unsympathischen Person ausgefüllt ist, kann die Lektüre hier etwas mühsam werden. Nach und nach allerdings gewöhnt man sich an die Erzählweise und öffnet sich den Geschichten der vielen unterschiedlichen Protagonisten, die vage zusammenhängen. Dann beginnt der Roman seinen Charme zu entfalten. Die Vielfältigkeit der Geschichten nimmt einen gefangen, die Lebensentwürfe der Frauen überzeugen und gehen zu Herzen. Es sind die Erzählungen von und über Menschen, die für Menschen interessant sind. Ressentiments gegenüber anderen Kulturen werden nichtig durch die offene Darstellung, die Einsichten gewährt und dadurch sehr lehrreich ist. Viel wichtiger als ein Übereinanderherziehen sollte ein Miteinander sein, um gegenseitiges Verständnis zu wecken. Dieser Roman könnte mit seiner gewinnenden Art sehr gut dazu beitragen. Tolle Überraschung und Leseempfehlung.


4,5 Sterne


Girl, Woman, Other von Bernardine Evaristo

ISBN: 978-0-241-98499-4




Samstag, 27. Februar 2021

Wolfsrituale

Die Biologin Dr. Lena Bondroit hat sich von der Erforschung der Ameisen auf die Beobachtung von Wölfen verlegt. Mit ihrem Lebensgefährten Michael und ihrem kleinen Sohn Jean lebt sie in der Nähe von Berlin. Von irgendwelchen Polizeioperationen will sie nichts mehr wissen. Dann allerdings kann sie doch nicht nein sagen. Kurz vor der Wahl gibt es Hinweise, dass in Berlin ein Anschlag geplant ist. Im Verdacht stehen Mitglieder eines Berliner Clans. Versuche, jemanden dort einzuschleusen, sind fehlgeschlagen und nun soll Lena mit ihrer Erfahrung einen entscheidenden Tip geben. Kann man einen Clan etwa mit einem Wolfsrudel vergleichen.


Bei Lena Bondroits zweitem Auftritt ist die politische Lage in Berlin kurz vor der Wahl unsicher. Neue Kräfte, die nur bedingt in der demokratischen Tradition stehen, streben nach der Macht. Und nun die Bedrohung durch diesen Hinweis auf einen möglichen Anschlag, der in einem abgehörten Telefonat aufgeschnappt wurde. Der Ermittler Stefan Ewald bittet Lena um Unterstützung, da seine Beamten einfach nicht mehr weiterkommen. Lena nimmt an einem Treffen mit den Ermittlern teil. Da sie schließlich nicht persönlich beteiligt werden soll, dürfte so eine Beratung keine Gefährdung bringen. Allerdings läuft die Sache anders als geplant und Lena Bondroit ist näher am Geschehen als geplant.


Auch wenn sich die Handlung zu Beginn etwas langsam entwickelt, wird dieser Thriller im weiteren Verlauf sehr spannend. In dem Moment, wo sich der Autor beginnt mit den möglichen Erwartungen der Lesen zu spielen, wird es interessant. Das politische Gefüge im Berlin nach der Corona-Krise wirkt latent bedrohlich, doch scheinen die Wähler diese Bedrohung nicht wahrzunehmen. Die Bedrohung durch die Clans erscheint dagegen offensichtlich. Gut dargestellt, wie Erwartungen nicht immer bedient werden und dass es durchaus eine positive Wirkung haben kann, wenn sich Menschen in gegenseitigem Interesse mal richtig unterhalten. Und wenn man ab einem Punkt als Leser beinahe nicht mehr glaubt, dass das noch gut ausgehen kann, mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. 


4 Sterne


Homo Lupus von Thomas Kiehl

ISBN: 978-3-7109-0108-9




Montag, 22. Februar 2021

Die Häkelmafia

Undercover als Kari Bloom reist die Kommissarin Karolina Dahl nach Sylt. Sie soll dem ortsansässigen Bauunternehmer Jahnke auf die Schliche kommen. Dieser steht unter Geldwäsche- und Steuerbetrugsverdacht. Kari Bloom gibt sich als Schriftstellerin aus, damit es nicht auffällt, wenn sie viele neugierige Fragen stellt. Auf Sylt kommt Sie zur Eröffnung des neuen hippen Inselclubs an, den Jahnke errichten ließ. Allerdings nimmt sich Jahnke schon beim ersten Gespräch einige Freiheiten heraus, die nichts mit seiner Biografie zu tun haben. Und Kari sieht sich genötigt, ihm unmissverständlich klarzumachen, dass das so nicht geht. Dummerweise ist Jahnke am nächsten Morgen tot und Kari gerät unter Verdacht.


In ihrem ersten Fall arbeitet Kari Bloom als verdeckte Ermittlerin mit der Sylter Polizei zusammen, ohne dass die Sylter Polizei etwas davon weiß. Auch den Kollegen gegenüber muss Kari ihr Cover aufrecht erhalten. Dass ist nicht so einfach, weil ihr Kommissar Jonas Voss doch sehr sympathisch ist. Überhaupt gefällt es ausnehmend gut. Von ihrer Pensionswirtin, einer älteren Dame mit einem Häkelclub anderer älterer Damen, lässt sich Kari gerne mal etwas bemuttern, was sie sich im wahren Leben nicht so häufig gönnt. Kari Bloom ermittelt gewissenhaft, aber sie gerät auch in Versuchung, die Wahrheit zu sagen.


So ein Krimi gefällt. Zwar handelt es sich um eine eher leichte Lektüre. Diese ist aber sehr gelungen und unterhaltsam. Mit Kari Bloom und Jonas Voss hat man ein sympathische Ermittlerduo, wobei nur sie von der Zusammenarbeit weiß. Das führt zu amüsanten Verwicklungen. Und die Häkelmafia, bestehend aus den alten Damen, die Kari Bloom unter ihre Fittiche nehmen, ist ein echtes Highlight. Kein Wunder, dass sich Kari Bloom auf Sylt ausgesprochen wohl fühlt und der Leser gleich mit. Auch der Fall, in dem sie ihre Untersuchungen anstellt, ist interessant und gut durchdacht.


4 Sterne


Sylter Affären von Ben Kryst Tomasson

ISBN: 978-3-7466-3176-9




Samstag, 20. Februar 2021

Die innere Ruhe


Der Schriftsteller Leo Renz reist nach Andalusien, um in einem entlegenen Kloster zu entspannen. Seine Ärztin hat empfohlen, er solle seinen Ruhepuls senken. Deshalb hat Renz einen Ort gewählt, an dem nichts passiert. Nur mit dem Essen des klösterlichen Kochs hat er Probleme. Herrera war zwar auf der Hotelschule, aber das Kochen hat er sich selbst beigebracht. Überrascht ist Leo Renz allerdings, als Herrera berichtet, mit der einen Nonne könne etwas nicht stimmen, sie lebe einfach zu freiheitlich in diesem Trappistinnen-Kloster. Vielleicht sei sie gar keine Nonne, sondern eine Frau, die sich vor irgendwelchen Verbrechern in Sicherheit gebracht habe.


Wer würde im Februar nicht gerne vom Sommer in Andalusien lesen. Und welcher Leser würde nicht gerne ein wenig in den Schaffensprozess hinein schnuppern. Leo Renz wirkt etwas kauzig und sein Bedürfnis nach Ruhe ist eigentlich schnell befriedigt. Jedenfalls helfen Yoga und Entspannung nicht bei der Normalisierung der Pulsfrequenz. Sein Interesse wird jedoch durch die Andeutungen des Kochs geweckt, die seltsame Ähnlichkeiten mit Leos neuem Romanprojekt aufweisen. Sollte sich diese junge Nonne tatsächlich im Kloster verstecken? Leo Renz muss dem Geheimnis einfach auf die Spur kommen. Sein Roman soll aber bestimmt kein Krimi werden.


Der Autor versteht es wahrlich besondere Werke hervorzubringen. Er stellt seine Protagonisten in fremde oder auch befremdliche Situationen und macht was draus. Der Autor, der auf die Äußerungen des Kochs anspringt und mit angeregter Phantasie nicht nur am Plot für seinen Roman feilt, sondern auch versucht die vermeintliche Nonne zu beschützen. Dazu das Zirpen der Zikaden. Man fühlt sich beim Lesen in Urlaubsstimmung versetzt, ist aber gleichzeitig angeregt, das Wechselspiel von Erfindung und  Wahrheit mitzumachen, wobei sich immer wieder Neuigkeiten ergeben, die auch neue Schlüsse zulassen. Natürlich hält der Autor dabei so einige Überraschungen bereit. Ein sehr vergnügliches Buch, über eine Reise, die so stattgefunden haben könnte oder auch nicht.


4 Sterne


Señor Herreras blühende Intuition von Linus Reichlin

ISBN: 978-3-86971-227-7






Freitag, 19. Februar 2021

Brennende Seele

Die Geschichte der Macintoshs und der Duffys beginnt. Allerdings ist dieser Beginn für die Familien nicht so leicht zu ertragen. Im Jahr 1863 will Donald Macintosh, dass die australischen Eingeborenen verdrängt werden. Dazu sind ihm übelste Mittel recht. Als Patrick Duffy sich dem Grundbesitzer Macintosh entgegenstellt, lässt dieser ihn von seinen Schergen umbringen. In der Stadt lernen sich derweil Macintoshs Tochter Fiona und Michael Duffy kennen. Sie verlieben sich, was insbesondere der Familie Macintosh nicht recht ist. Die knospende Beziehung der Beiden wird hintertrieben und auch andere Mitglieder der beiden Familie pflegen die gegenseitige Feindschaft.


Bei diesem Roman handelt es sich um den ersten Band der Australien-Saga, von der im englischen Original bereits mehr als zehn Bände erschienen sind. Neben der Fehde zwischen den Familien Duffy und Macintosh geht es hauptsächlich um die frühe Geschichte Australiens nachdem die ersten Generationen der weißen Siedler eingewandert sind. Diese versuchen sich ihr Leben und ein Einkommen aufzubauen. Wenig Rücksicht nehmen die Weißen dabei auf die Ureinwohner. Sie beanspruchen deren angestammtes Land für ihre eigenen Farmen. Gnadenlos werden die Aborigines verjagt oder hingemetzelt. 


Dieser historische Roman, der im Australien des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, gibt ein realistischeres Bild über das Land als man es anhand des Klappentextes vermuten könnte. Das Leben in diesem Land war hart, die Eingeborenen wurden unterdrückt, vertrieben oder vernichtet. Nicht einmal eine Liebesgeschichte ist süß. Auch wollen einem in diesem Buch nur wenige Akteure sympathisch erscheinen. Deren Leben ist allerdings häufig in Gefahr. Langlebiger wirken die Bösewichte, die einem gerechten Schicksal immer wieder entwischen. Und so tut man sich angelockt von der großen Liebesgeschichte, die der Klappentext verspricht, etwas schwer mit dem Roman, in dem eben diese Liebesgeschichte kaum vorkommt. Dafür bekommt man die harte Realität, raues Land, Mord, Intrigen und diesen Zwist zwischen den Familien Macintosh und Duffy.  Dennoch ist der Roman spannend und zeigt einen anderen weniger verklärten Blickwinkel auf die Geschichte Australiens.


3 Sterne


Weit wie der Horizont von Peter Watt

ISBN: 978-3-9614-7887-5

Sonntag, 14. Februar 2021

Das Werden

Hundert Tage müssen Marcus und Phoebe getrennt ausharren. Um Marcus’ wegen hat sich Phoebe zum Vampir wandeln lassen und nun gilt es diese Zeit zu überstehen. Während Phoebe die Wochen in Paris verbringt, ist Marcus bei Diana und Matthew. Hier stellt er sich der Geschichte seiner eigenen Wandlung. Im 18. Jahrhundert begannen große Umwälzungen in der Welt und Marcus war ein kleiner Teil davon, nachdem er schwierige Jahre in seinem menschlichen Elternhaus verbrachte. Im Unabhängigkeitskrieg findet er seine Tätigkeit in den Reihe der Mediziner. Trotz seiner einfachen Herkunft ist Marcus ein neugieriger Lernender, der seine Chancen nutzt.


Im vierten Band der „All Souls“ Reihe geht es hauptsächlich um Marcus de Clermonts Geschichte und das historische Umfeld, in das er hineinwächst. Aber auch Diana und Matthew müssen eine neue Situation meistern, ihre Zwillinge Becca und Philip zeigen schon früh, dass Übernatürliches in ihnen schlummert. Damit bekommen die Eltern Probleme, denn nicht jeder ist der Meinung, dass die Kinder sich einfach frei entfalten sollten. Auch Phoebes erste Tage und Wochen als Vampirin sind nicht so ganz einfach. Obwohl gut vorbereitet, hat sie gerade zu Beginn schon Mühe überhaupt etwas in die Hand zu nehmen, ohne es zu beschädigen. 


Wenn man nach einer kleinen Pause  mal wieder eine Gelegenheit hat, sich in die Welt der „All Souls“ zu begeben, nimmt man das doch gerne wahr. Zwar stehen Diana und Matthew nicht im Mittelpunkt, aber sie haben doch ihre Auftritte. Wichtiger jedoch ist die Erzählung von Marcus’ Jugend, der amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution. Damit hat man einen historischen Roman, einen des Paranormalen und einen Familienroman. Eine quasi allumfassende Mischung, die der Story eine besondere Note gibt. Eine sich langsam entwickelnde Handlung und ein Wiederlesen mit lieb gewonnenen alten Bekannten, das ist eine gelungene Komposition, die anregende Lesestunden bietet.


4 Sterne


Time’s Convert von Deborah Harkness

ISBN: 978-0-525-56134-7