Freitag, 30. November 2018

YouTuberin


Beim letzten Fall ist nochmal alles halbwegs gut ausgegangen. Hauptkommissar Adam Danowski ist wieder bei der Fallanalyse. Meta Jurkschat und Finzi sind wieder zusammen. Und Meta hat sogar die Leitung einer Sondereinheit erhalten, in welche sie ihre beiden ehemaligen Partner anfordert. Es könnte für Danowski also ein schöner Ausflug mit seiner Tochter in ein nahegelegenes Erlebnisbad werden. Jäh gestört wird die Badefreude jedoch als sich ein Tumult an einer der Rutschen ereignet und währenddessen die junge YouTuberin Billi Swopp aus dem Schwimmbad entführt wird. Danowski, der sein Mundwerk nicht zurückhalten kann, wird beinahe von der Polizei Schleswig-Holsteins verhaftet, hätte ihn nicht ein Kollege erkannt.

Die YouTuber sind schon ein Völkchen für sich. Mit ihren vermeintlich authentischen Kanälen geben sie Ratschläge für alle Lebenslagen, mit coolen Bilden und manchmal gerappt. Gerade der richtige Fall für Adam Danowski. Seine Töchter sind genau im richtigen Alter, um sich in der YouTuber-Szene auszukennen, obwohl sie natürlich keine Fans sind. Und so kommt Danowski bald auf die Idee, die ganze Entführung könnte vorgetäuscht sein, weil die Klicks auf Billis Kanal sinken und sich so kein Geld verdienen lässt. Doch kann er der jungen Frau wirklich unterstellen, sie würde für den schnöden Mammon wirklich die ganze Welt an der Nase herumführen?

In seinem fünften Fall hat Hauptkommissar Danowski sein Leben immerhin so halbwegs im Griff, auch wenn sich mal wieder alles eintrübt. Durch seine Töchter hat er seinen Kollegen einiges voraus, was die YouTuber und ihre Sprache angeht. So kann er sich zwar gut in Billi hineinversetzen, doch ob das in Bezug auf ihr Verschwinden immer hilfreich ist, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Und doch ist der Ausflug in die inszenierte Welt der Internetstars und Sternchen sehr interessant und wirkt sehr glaubhaft. Man kann sich gut vorstellen, dass es tatsächlich so ablaufen könnte. Wenn auch zu Beginn die Elbe etwas langsam durch die Stadt fließt und diesmal die Entwicklungen im persönlichen Umfeld etwas zurückhaltend gestaltet sind, so ist der leicht humorige Tonfall sehr angenehm und das gewählte Thema aktuell und überzeugend. 


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Unter Wasser von Till Raether
ISBN: 978-3-499-29150-0


Donnerstag, 29. November 2018

Emma rennt


Seit er vor etwa einem Jahr in einen Kriminalfall verwickelt war, will der ehemalige Journalist Harry Svensson eigentlich nichts als seine Ruhe haben und seine Teilhaberschaft an einem Restaurant lieber an den Gästetischen genießen. Eines Nachts jedoch hämmert ein kleines Mädchen an seine Tür, dass offensichtlich sehr verstört ist. Die Kleine versteckt sich unter dem Bett. Harry steht noch in der Nähe eines offenen Fensters, da bemerkt er wie zwei zwielichtige Gestalten um sein Haus schleichen. Selbstverständlich versteckt er seinen Gast und auch sich selbst. Schon am nächsten Tag bringt er das Kind zu seinem Freund Arne, wo er sie in Sicherheit hofft. Harry selbst dagegen kehrt heim, um herauszufinden weshalb das kleine Mädchen, das nicht redet, solche Angst hat.

Einmal Journalist, immer Journalist. In diesem Fall kann und  will Harry es nicht lassen. Er muss einfach herausfinden, wieso die Kleine so verstört ist. Er kennt sie aus dem letzten Sommer. Hier und dort beginnt Harry nachzubohren. Viele Ansatzpunkte hat er dabei nicht, eigentlich hauptsächlich nur die zwei Gestalten, die er schemenhaft gesehen hat und deren Auto, einen großen SUV. Und gerade hier spielt ihm Kommissar Zufall in die Hände, denn an mehreren Stellen wird der Wagen gesichtet. Und so bekommt Harry eine Spur zu den Reichen und Schönen, die aus Stockholm heraus im Sommer an der Küste einfallen.

Auch in seinem zweiten Auftritt gewähren die Nachforschungen Harry Svenssons wieder einen Einblick hinter die Kulissen der malerischen schwedischen Küstenregion und ihrer Bewohner. Wie in jeder anderen Gegend auch, gibt es die treusorgenden Familienväter, aber auch richtige Schurken. Harrys Griff in ein Wespennest zeigt, dass gerade Letztere manchmal nicht fern sind und eine vermeintliche Idylle sehr trügerisch sein kann. Wie sich die Schlechtigkeit durch alle Gesellschaftsschichten frisst, ist sehr eindringlich geschildert. Wie viel Misstrauen gegenüber den vermeintlich integren Unternehmern ist angebracht, wie viel Vertrauen gerechtfertigt? Haben sie etwa alle Dreck am Stecken? Oder gibt es auch die Ordentlichen, die sich an die Regeln halten? Nun, nach der Lektüre dieses spannenden Romans wird wieder einiges an Misstrauen gesät sein.

Packende Unterhaltung mit einem investigativen Journalisten der besonderen Art.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

In den besten Kreisen von Mats Olsson
ISBN: 978-3-442-71558-9


Dienstag, 27. November 2018

Bürgermeisters Garten


In den Straßen New Yorks achten die Menschen nicht so sehr auf die anderen. Beinahe fällt es nicht auf, dass plötzlich mehrere Menschen wie von der Straße gepflückt sind. Wenig später tauchen vier Leichen im Garten den Bürgermeisters auf. Unter den Toten befindet sich eine junge Frau, die erst vor einigen Jahren in ein Kloster eingetreten ist. Vermisst gemeldet ist auch ein 11jähriger Junge, der schon bei seiner Geburt blind war. Die ermittelnde Beamtin Kate Mallory, die selbst eine schwierige Kindheit hatte, schöpft schnell Verdacht, dass hier überhaupt nicht alles so ist wie es scheint. 

Eine Cop-Heldin mit dem ausgefallenen Hintergrund, die ihren Käfer mit Porschemotor schon mal auf mehr Sachen beschleunigt als die Polizei erlaubt, macht sich hier nicht nur auf die Suche nach einem Mörder, sondern auch auf die Suche nach einem möglicherweise noch lebenden blinden Kind. Wie auch in ihren anderen Fällen lässt sich dabei ihre Spürnase die Richtung vorgeben. Wieso reagiert zum Beispiel der Bürgermeister so eigenartig auf die Leichenfunde. Weiß er mehr über die Toten oder kennt er sogar den Grund, weshalb sie auf seinem Grundstück gelandet sind. Was kann so ein psychopathischer Killer, der seinen Opfern die Herzen herausgeschnitten, veranlasst haben, die Toten ausgerechnet dort abzulegen. 

Kate Mallory geht eigene Wege. Sie ist hochintelligent und verlangt, dass man ihren Gedankengängen aufmerksam folgt. Wo ihre Schlüsse herkommen, wird man vielleicht nicht immer nachvollziehen können. Ihre humorigen manchmal leicht gemeinen Spitzen verursachen dagegen schon so manches Schmunzeln. Ihre Suche nach dem Täter und den Hintergründen der Tat ist geschickt aufgebaut, so dass es nicht nur eine Überraschung gibt. Mit Fingerspitzengefühl erspürt sie die Umstände und die geheimen Winkelzüge der Übeltäter. Was sie dabei erfühlt, öffnet einem wieder mal die Augen über die Schlechtigkeit, die in verschiedenen Menschen stecken kann oder auch die Güte von ganz unvermuteter Seite. 

Ein ausgesprochen spannender Thriller, dessen feine psychologischen Finten einen völlig gefangen nehmen.



4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Blind Sight von Carol O'Connell
ISBN: 978-3-442-71642-5


Sonntag, 25. November 2018

Gutes Haus


In einem kleinen Ort im Taunus findet die Postbotin den ehemaligen Unternehmer Theo Reifenrath tot auf. Der Tote muss schon einige Tage vorher verstorben sein, so dass die Todesursache nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Kommissarin Pia Sander wird zum Ort des Geschehens gerufen. Schnell bemerkt sie, dass eine genauere Besichtigung der Örtlichkeiten notwendig ist. Dabei entdeckt sie in einem Hundezwinger einen Hund, der so gerade noch am Leben ist. Das bedauernswerte Tier konnte nur deshalb so lange durchhalten, weil es ein paar Knochen abnagen konnte. Nach ersten Feststellungen handelt es sich um menschliche Überreste. Sofort beordert Pia Sander ihre Kollegen herbei, um das Grundstück absuchen zu lassen.

In ihrem neunten Fall arbeiten Pia Sander (Kirchhoff) und Oliver von Bodenstein wieder zusammen. Ungefähr zwei Jahre sind seit dem letzten Fall vergangen. Und hier nun stoßen sie auf mehrere weibliche Leichen, die offensichtlich schon seit langen auf dem Besitz des Theo Reifenrath verborgen waren. Dem Rechtsmediziner gelingt es, einige der Leiche zu identifizieren. Und so stellt sich heraus, dass Pia und Oliver auf eine Mordserie gestoßen sind, die bereits in den späten 1980ern begonnen hat. Die Umstände lassen darauf schließen, dass noch nicht alle Opfer gefunden sind. Ob die Gefahr besteht, dass weitere Morde geschehen, ist unklar. Schließlich kommt der Verstorbene als Täter in Betracht.

Eine ganze Weile musste gewartet werden, um wieder etwas Neues von Pia Sander und Oliver von Bodenstein zu erfahren. Es ist eine Art Cold Case, in dem die beiden hier ermitteln. Dieser allerdings könnte sich zu einem heißen Fall entwickeln, wenn die Mordserie noch nicht beendet sein sollte. Spannend wie die Ermittler nach und nach mehr über die Vergangenheit des Verstorbenen herausfinden. Dieser war durchaus nicht immer ein netter alter Opa. Eifrig versucht man mitzuraten, warum die Tötungen ausgerechnet um die Zeit des Muttertages durchgeführt wurden. Mit Entsetzen verfolgt man das Wühlen der Kommissare in der Vergangenheit der Beteiligten. Sollte mit den Seelen Schutzbefohlener wirklich so achtlos umgegangen worden sein? Doch nicht jeder, der vor langer Zeit nicht gut behandelt wurde, entwickelt sich zum Mörder. Was bringt einen Menschen dazu, zu töten? 

Mit Freude liest man wieder von Pia und Oliver. Wenn auch zunächst in eher ruhiger Art die Zusammenhänge erforscht werden, so entwickelt sich der Fall doch so fesselnd, dass man das Buch je weniger aus der Hand legen mag, desto mehr man vorangeschritten ist. Vielleicht nicht der mitreißendste Band der Serie, aber ein sehr guter.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Muttertag von Nele Neuhaus
ISBN: 978-3-8437-1880-6


Samstag, 24. November 2018

Fitzwilliam


Jess, ihre Schwester Kathy, deren Freund Dean und ein weiteres Paar fahren in die Berge, um das Chalet von Mr. Rogers und dessen Hund Copper einzuhüten. Mit dabei sind natürlich Jess’ Lieblingsbücher vor allem „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, in einer Ausgabe, die sie von ihrer geliebten Großmutter hat. Natürlich fühlt sich Jess in ihrem Job in einem Buchladen wohl, wo sonst könnte es ihr besser gehen als unter Büchern. Doch wäre in ihrem Leben durchaus Platz für einen Mr. Darcy. Als ihr Traummann, der ihrer Vorstellung von Mr. Darcy beängstigend nahe kommt, in der Berghütte plötzlich vor ihr steht, zückt Jess erstmal eine Bratpfanne. So ein Einbrecher muss einfach in die Flucht geschlagen werden, auch wenn es sich um Will handelt, der  zu ihrer kleinen Urlaubsgruppe stoßen sollte.

Na das ist mal ein Einstand, nicht? Doch dieser Traummann ist genauso kühl und von oben herab wie Mr. Darcy, da wollen die romantischen Vorstellungen mit der Realität nicht übereinstimmen. Nein, Jess bleibt lieber bei ihrem Book Boyfriend, eben Mr. Darcy aus ihrem Lieblingsbuch. Aber verdammt attraktiv ist er, dieser echte Fitzwilliam, der sich trotz seiner Attitüde in Jess’ Gedanken und Gefühle einschleicht. Zumal er manchmal Anwandlungen zeigt, die ihn geradezu sympathisch erscheinen lassen. 

An einem trüben Herbstnachmittag kann einem diese winterliche Liebesgeschichte das Herz erwärmen und die Stimmung aufhellen. Die Büchernärrin Jess stolpert in manche peinliche Situation, die sie mit Witz und flotten Sprüchen zu entschärfen versteht. Das geht zwar manchmal schief, kann aber zum Glück dazu führen, dass sie und ihr persönlicher Mr. Darcy sich näher kommen. Als Leser genießt man diese anheimelnde aber auch spritzige Geschichte. Nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, ist bestimmt ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Mit einem wohligen Schauer kann man sich in seine Decke kuscheln und in Gedanken noch ein Weilchen mit Jess und ihren Mr. Darcy verbringen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

My Book Boyfriend - Schneeballschlacht mit Mr. Darcy von Sophie Fields
ISBN: B07KCV55CF


Freitag, 23. November 2018

Biosphäre


Nach einem ersten Experiment, dass wegen gesundheitlicher Probleme einer Teilnehmerin nicht so durchgeführt werden konnte wie geplant, starten Anfang der 1990er acht junge Wissenschaftler, vier Frauen und vier Männer, erneut den Versuch, in einer autarken von der Umwelt abgeschlossenen Biosphäre zu überleben. Mit der Bekanntgabe der aus sechzehn Probanden ausgewählten Teilnehmer des Experiments beginnen die Aufzeichnungen von Dawn, einer hübschen jungen Wissenschaftlerin, von Ramsay, der einen Ruf als Frauenheld zu verteidigen hat und Linda, die meint, wegen ihres Äußeren sei sie nicht ausgewählt worden und dazu verdammt, für Mission Control zu arbeiten und auf das nächste Experiment zu hoffen.

Basierend auf dem tatsächlich durchgeführten Experiment der Biosphäre 2, bei der es sich um einen Gebäudekomplex in Arizona, USA, handelt, der von einem Milliardär aufgebaut wurde, um erforschen, ob es wirklich möglich ist, in einer in sich geschlossenen Umgebung zu überleben, wird hier zwar von fiktiven Ereignissen berichtet. Diese bekommen durch den Hintergrund jedoch einen sehr realistischen Touch. Dawn wirkt dabei, wie eine Identifikationsfigur einer hübschen intelligenten jungen Frau, während Linda so rüberkommt als ob sie immer zweite Siegerin bleiben wird, obwohl ihre Qualifikationen keinesfalls schlechter sind. Ramsay dagegen bietet ein Abbild eines sorglosen Taugenichts, der keine Gelegenheit vorbeigehen lässt. Aus Sicht dieser drei Personen wird der Fortgang des Experiments geschildert, die anfängliche Euphorie, der Presserummel, die beginnenden Probleme, die Abgeschnittenheit von Eltern und Freunden, der Neid derer, die draußen bleiben mussten. Mit Fortschreiten der Zeit wird aus der anfänglich enthusiastischen und idealistischen Gruppe ein Konglomerat aus Einzelkämpfern, die sich nicht mehr so grün sind.

Interessant wird dieser Roman durch den Hintergrund aus tatsächlichen Ereignissen, über die man im Internet recherchieren kann. Ob die Schilderungen aus den Perspektiven der drei Erzähler zu einem wachsenden Interesse an den Personen führt oder die Personen es nur in gewissem Umfang oder in gewissen Momenten schaffen, Sympathie zu wecken, wird jeder Leser für sich empfinden. Schließlich weiß man nicht, ob andere Teilnehmer es besser gemacht hätten oder ob man es selbst besser machen würde. Es steht zu vermuten, dem ist nicht so. Denn immer wieder würden trotz aller Sorgfalt bei der Vorauswahl Persönlichkeiten aufeinander treffen, die sehr unterschiedlich sind. Und so sind in der Gruppe Probleme vorprogrammiert. 

Ein Roman mit einem realen Hintergrund, deren handelnde Personen nicht immer sympathisch sind, dass aber dennoch Interesse und Neugier weckt.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Terranauts von T. C. Boyle
ISBN: 978-1-4088-8176-7


Donnerstag, 22. November 2018

Schöne Susanna


Susanna ist todtraurig. Ihre geliebte Mutter ist verstorben und die Umstände ihres Todes sind nicht ganz klar. Ist sie als Schlafwandlerin vom Dach gestürzt oder hat sie sich in ihrer Melancholie selbst gerichtet. Im Jahr 1484 würde letzteres dazu führen, dass die gute Margarethe kein christliches Begräbnis bekäme. Der Prior des anliegenden Klosters Bruder Heinrich, der ein Kindheitsgefährte der Mutter war, überzeugt sich, dass ein Begräbnis gerechtfertigt ist. Doch bald schon bekommt er Zweifel, kann Margarethe nicht doch dem Hexenwahn verfallen gewesen sein. Und wenn es der Mutter so ging, wie kann es dann der Tochter anders gehen.

Heinrich Kramer, der später als Verfasser des Hexenhammers in die Geschichte eingeht, zeigt sich hier als in seiner Jugend verschmähter rachsüchtiger Priester, der mit seinem Amt und seinen Gelüsten hadert und dafür die Schuld bei den Frauen sucht. Nachdem er die verstorbene Margarethe nicht mehr erreichen kann, wird deren Tochter Susanna zum Objekt seiner Missgunst, seiner unterdrückten Wollust, seinen schmierigen Gedanken. Die Situation der hübschen Susanna ist keine besonders komfortable. Ihr Bruder soll sich eine Frau nehmen und dann ist für sie kein Platz mehr im Elternhaus. Doch soll sie deshalb irgendwen ehelichen, den ihr Vater bestimmt, der ihr selbst aber zuwider ist? Mit den zunehmenden Ekel auslösenden Avancen des Priesters wird es auch nicht besser. 

Mit seinem Hexenhammer wollte der Heinrich Kramer eine erste Welle der Hexenverfolgungen auslösen. Doch erst nach seinem Tod kam es zu einer Vielzahl von grausamen Hexenjagden. Dennoch wird mit diesem Buch die Perfidität eindringlich beschrieben, mit der die Inquisitoren gegen die vermeintlichen Hexen vorgingen, wie unschuldigen Frauen das Wort im Mund herumgedreht wurde, wie sie unter Folter zu Geständnissen gezwungen wurden oder unmögliche Prüfungen bestehen sollten. In heutiger Zeit beinahe unvorstellbar mit welcher Gemeinheit und Grausamkeit gegen Schwächere vorgegangen wurde. Aber leider nur beinahe, denn auch heute noch ist die Phantasie mancher Verbrecher grenzenlos, wenn es darum geht andere zu schädigen und zu verunglimpfen. Zwar ist die Geschichte der schönen Susanna nur eine Geschichte, doch sie kann geeignet sein, die Überzeugung zu wecken oder zu stärken, dass Offenheit und Toleranz doch die bessere Lebensgrundlage bietet.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Hexenjäger von Astrid Fritz
ISBN: 978-3-499-27467-1



Mittwoch, 21. November 2018

Wanna play?


Zwei fast tote Kinder werden ihm einfach so vor die Füße geworfen. Hades merkt schnell, dass sie tatsächlich noch leben und obwohl er selbst nicht gerade immer auf Seiten des Gesetzes steht, hat Hades ein Herz. Er nimmt das Mädchen und seinen Bruder bei sich auf. Aufgrund ihrer Traumatisierung entwickeln sich die Kinder zu etwas eigenartigen Erwachsenen, die erstaunlicherweise bei der Polizei ihren Mann bzw. ihre Frau stehen. Zu ihnen stößt Frank Bennett als neuer Partner für Eden. Schon bald haben sie ihren ersten gemeinsamen Fall, in dem gleich mehrere Tote gefunden werden.

Bennett und Eden finden zunächst nicht wirklich zusammen. Eden scheint häufig ihr eigenes Süppchen zu kochen und auch Frank Bennett hat eine Vergangenheit, über die er sich nicht übermäßig breit auslässt. Mehr jedoch als Eden ist es jedoch Eric, der Bennett Steine zwischen die Beine wirft. Und doch müssen sie sich zusammenraufen, schließlich müssen weitere Morde verhindert werden. 

Da hat sich schon ein sehr spezielles Team gefunden. In Rückblenden über ihre Vergangenheit im Hause Hades erfährt man einiges über die Kindheit und Jugend von Eden und Eric, was zwar zum Verständnis beiträgt, aber doch die Frage aufwirft, ob das alles so richtig sein kann. Gleichzeitig entwickelt der Fall eine Brisanz, die einen schütteln lässt. Einem jeden ist doch das eigene Leben am nächsten, kaum zu begreifen, wie weit manche dafür gehen. 

Ein neuer Star am Krimi-Himmel ist Candice Fox. Die Australierin hat mit ihrer Archer & Bennett Trilogie etwas Besonderes geschaffen. Skurrile Ermittler und ein spezieller in Teilen durchaus humorvoller Schreibstil führen dazu, dass man in die Lektüre förmlich eintauchen kann. Auch wenn der Fall gegen Ende hin etwas aus dem Blickfeld gerät, ist das Beziehungsgeflecht zwischen den Ermittlern so geschickt geknüpft, dass man in keinem Moment das Interesse verliert. Schön, dass die nächsten Bände schon aufs Lesen warten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Hades von Candice Fox
ISBN: 978-3-518-46673-5


Dienstag, 20. November 2018

Bildung


Sie unterrichten ihre Kinder daheim, schließlich ist das Ende nah und die Schulen sind sowieso von anderen Mächten infiltriert. So ungefähr denken die Eltern der jungen Tara und die streng gläubigen Mormonen ziehen ihre Kinder in den abgeschiedenen Bergen Idahos groß. Doch Taras Großmutter hat einen anderen Blick auf die Welt und die älteren Geschwister haben die Schule wenigstens noch kennen gelernt. Zwar genießt Tara das Leben in den Bergen, dennoch merkt sie, dass ihr etwas fehlt. Als kleine Freiheit darf sie im Kirchenchor singen und an Theateraufführungen teilnehmen. Künftig möchte sie gerne Chorleiterin werden, doch dazu braucht sie einen Studienabschluss.

Hat man eine vermeintlich normale Kindheit durchlaufen, fällt es doch schwer, sich in Taras Welt hineinzuversetzen. Dort werden Menschen gemieden, Nahrungsmittel für die drohende Apokalypse gehortet, die Hilfe von Ärzten bei Geburt und Krankheit abgelehnt. Die Mutter gilt als Naturheilerin und Hebamme. Der Vater lässt die Kinder auf seinem Schrottplatz und seiner kleinen Baufirma arbeiten lange bevor Kinder arbeiten sollten. Zwar haben sie die grandiose Berglandschaft, die Natur und die Familie. Doch sie leben ohne Absicherung in großer Gefahr insbesondere bei Unfällen oder Krankheiten. In einer Welt, in der Frauen nichts zu sagen haben, bei Grausamkeiten schweigen und wegsehen. In einer Welt, in der Männer meinen, alles sei ihnen unter dem Deckmäntelchen des sogenannten Wohls der Familie erlaubt. 

Als die inzwischen 17jährige Tara beginnt, für die Aufnahmeprüfung zum College zu büffeln, öffnet sich ihr nach und nach eine ganz andere Welt. Sie beginnt zu hinterfragen, was in ihrer Familie vorgeht. Und auch wenn es sehr lange dauert, bis sie sich gegen einige Familienmitglieder auflehnen kann, so macht sich Tara doch auf den Weg in die Welt verschiedener Universitäten, in die Welt der Bildung. Was für Jugendliche mit einem bildungsnäheren Hintergrund einfach eine Ablösung vom Elternhaus ist, ist für Tara die Entdeckung einer anderen Welt. Zwar auch eine Befreiung von den krankhaften Verhaltensweisen in der Familie, aber damit nicht nur eine Ablösung sondern eine Trennung. Doch Tara geht ihren Weg der Bildung und der Befreiung, auch wenn es einen teilweisen Verzicht auf den Familienrückhalt bedeutet. Sie ist anständig, obwohl sie gebildet ist.

Mit starken Worten schildert die Autorin ihren eigenen Weg zur Bildung, der von Schmerzen und Rückschlägen geprägt, doch in Richtung Freiheit durch die freie Lehre führt.


4 Sterne

Befreit von Tara Westover
ISBN: 978-3-462-05012-7


Montag, 19. November 2018

Crime New York


Patsys Ehe ist zerbrochen. Mit ihrem neuen Freund Milo will sie einen Neuanfang wagen. Obwohl ihrem Ex-Mann das überhaupt nicht recht ist, soll auch ihre 6jährige Tochter Christie mit von der Partie sein. Doch so ein Neuanfang will finanziert werden und deshalb steigt Patsy mit ihrem Freund in einer fremden Wohnung ein und gemeinsam stehlen sie Geld und Schmuck. Und dann geht alles schief. Zur gleichen Zeit soll Pearl, der Jobs für andere übernimmt, in einem Restaurant einen Kredit eintreiben. Auch dies läuft alles andere als glatt.

Zwei Ereignisse, die erstmal nichts miteinander zu tun haben und doch irgendwie einen Zusammenhalt haben müssen. Patsys Traum von einem Neubeginn, der sich nach und nach in Luft auflöst. Und der Privatermittler ohne Lizenz, Pearl, der manchmal auch Kredite betreut. Irgendwie scheinen sich die Begebenheiten zu umkreisen, ohne zunächst Berührungspunkte zu finden. Doch es sieht so aus als würden die Kreise immer enger. Bleibt schließlich nur noch ein Punkt, ist ein Treffen eigentlich unausweichlich. 

Mit schnellen Szenenwechseln beginnt diese neue Reihe von relativ kurzen Krimis, mit Fällen, die in sich abgeschlossen sind. Allerdings lässt der Verlauf dieses ersten Bandes vermuten, dass es möglicherweise einen gewissen Rahmenzusammenhang zwischen den Bänden geben wird. Hauptsächlich in Dialogen entfaltet sich die Handlung, was dem Roman viel Drive gibt. Wie bei einem Film mit kurzen Schnitten verlangt das Buch Aufmerksamkeit, ist aber auch sehr schnell zu lesen. Dabei werden die beiden Handlungsstränge geschickt aufeinander zu geführt und es gibt einige Überraschungsmomente. Einzig vermisst man ein wenig das Drumherum, den Hintergrund. Bei einer derartig schnell verlaufenden Handlung, kann dieser nur in knappen Worten umrissen werden. Dennoch gefällt dieser actionreiche Krimi vor einem düsteren New York, der Stadt in der nichts unmöglich ist, nicht einmal das Verbrechen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Freak City Hexenkessel von Martin Krist
ISBN: 978-3-7467-7975-1




Sonntag, 18. November 2018

Zeitenumspannend


Paris  eine Stadt von Welt, eine Stadt der Geschichte und mit Geschichte. 

Über Jahrhunderte erzählt dieser Roman von Familien der einfachen Leute, des Adels, des Handwerks. Beginnend mit dem Bau der Freiheitsstatur, die bekanntlich nach New York verschenkt wurde, und des Eiffelturms kann man das Leben einiger handelnder Personen und ihrer Familien vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis ins Jahr 1960 verfolgen. Meit gelegentlichen Ausflügen in die fernere Vergangenheit werden geschichtlich wichtige Zeiten umrissen, in denen sich die beschriebenen Familien gelegentlich näher kommen als sie später zugeben wollen. Und immer wieder geht es um Paris, eine Weltstadt, die manchmal behäbig scheint, manchmal altmodisch und dann doch fortschrittlich und modern. 

Stadtgeschichte, Weltgeschichte eingebettet in eine fesselnde Romanhandlung. Vielfältige Informationen, beginnend mit Details zum Bau der vorher erwähnten baulichen Berühmtheiten, die in keinem Moment langweilig werden, machen dieses Buch zu einem historischen Roman, den man gerne weiter empfiehlt. Mit intelligenten Worten formuliert der Autor die Erzählung der Stadt. Unterschiedlichste Charaktere buhlen um die Gunst des Lesers. Die Meisten wecken dabei große Sympathien, wenn auch nicht jede Handlung verständlich wird, so lässt sich doch vieles nachvollziehen. Zeiten des Aufbruchs folgen auf den Niedergang, Glück und Lied wechseln sich ab. Paris - die Stadt der vielen Wahrzeichen und der großen Geschichte bleibt bestehen.

Ein hervorragend recherchierter Roman, den man sicher häufiger als einmal lesen kann.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Paris von Edward Rutherford
ISBN: 978-3-453-41917-9


Samstag, 17. November 2018

Unbekannter Vater


Bei einem Unfall auf der A 35 stirbt der angesehene Anwalt Betrand Barthelme. Der Polizeichef des kleinen französischen Ortes Saint-Louis Inspektor Georges Gorski wird zum Unfallort gerufen. Alles scheint unauffällig, eine Beteiligung Dritter ist nicht erkennbar. Doch Gorski hat die schwierige Aufgabe, den Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen. Zu seinem Erstaunen scheinen weder die Witwe noch der 17jährige Sohn des Opfers sehr betroffen zu sein. Dennoch bittet Lucette Barthelme den Beamten, die näheren Umstände des Unfalls zu ermitteln. Denn eigentlich hätte ihr Mann sich mit Freunden seines Clubs treffen sollen und dazu wäre eine Fahrt auf der Autobahn nicht nötig gewesen.

Eigentlich gibt es nichts zu ermitteln und doch sind die Umstände dieses Todesfalls etwas seltsam. Gorski, der in seinem eigenen Team ein Außenseiter ist, der gerne mal dem Alkohol zuspricht und der vielleicht nicht von ungefähr von seiner Frau getrennt ist, fängt an, nachzubohren. Dabei bekommt er eine unerwartete Konkurrenz vom Sohn des Verstorbenen. Zufällig entdeckt dieser eine Anschrift im Schreibtisch seines Vaters und fängt an, eigene Nachforschungen anzustellen. 

In diesem abgeschiedenen kleinen Örtchen gestaltet es sich schwierig, irgendwelche Sympathien zu entwickeln. Der verstorbene Vater war in seiner Zweckehe kaum vorhanden. Die Mutter wohl froh, versorgt zu sein, hat sich mit der Langeweile abgefunden. Und der Sohn Raymond ist zwar verständlicherweise schon aus der Bahn geworfen, das gibt ihm doch nicht das Recht, sich zu benehmen wie die Axt im Wald. Und schließlich der Inspector Gorski, der zwar eine echte Spürnase ist, der sich kein X für ein U vormachen lässt, aber doch etwas sehr viel an der Flasche hängt, selbst wenn man bedenkt, dass der Roman in den 1970ern angesiedelt sein dürfte. 

Obwohl es wie berichtet schwierig erscheint, Sympathieträger zu finden, kann man doch von diesem Buch nicht lassen. Die Geschichte fesselt einfach. Man ist einfach zu neugierig, was der Anwalt auf der Autobahn zu suchen hatte. Und es ist schon eine Nummer für sich, wie der Autor es schafft, das Geheimnis auch in seinen Auswirkungen nach und nach zu enthüllen. Graeme Macrae Burnet ist sicher ein Autor, den man sich merken wird.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Accident on the A35 von Graeme Macrae Burnet
ISBN: 978-1-9122-3513-1

Freitag, 16. November 2018

Das perfekte Stöckchen


Die 54jährige Bärbel Böttcher lebt zurückgezogen mit ihrem Hund Frieda. Sie präpariert tote Tiere, isst Tatar und geht mit ihrer Frieda spazieren. Bis sie bei einem dieser Spaziergänge das perfekte Stöckchen für Frieda findet. Leider steckt es noch im Auge eines Mamils (middle aged man in lycra). Was tun? Soll sie den Stock einfach herausziehen oder den Fund etwa der Polizei melden? Schweren Herzens entscheidet sich Bärbel für letzteres und verändert damit ihr Leben dermaßen komplett, dass es kaum auszuhalten ist. Nur angefangen damit, dass sie sich mehr oder weniger selbst in Mordverdacht bringt, obwohl sie den Toten überhaupt nicht kannte.

Wenn man sich die Website der Autorin Marie Reiners anschaut und dort liest, dass sie neben vielen Drehbüchern auch die Serie „Mord mit Aussicht“ entwickelt hat, kann man sich ungefähr vorstellen, welch Geistes Kind die urige Bärbel Böttcher ist. Zunächst schaut man sich ein paar mal verdutzt um, ob der eigenartigen Verhaltensweisen, die Bärbel an den Tag legt. Doch irgendwie schafft es Bärbel sich in das Leser- oder Hörerherz hinein zu lavieren. Sie kriegt immer wieder die Kurve, auch wenn sie manchmal einfach jemanden einen Spaten über den Schädel ziehen muss. Schließlich sollte sich niemand einfach auf ihr Grundstück verlaufen. 

Bärbels Denkweise kommt bei dem Hörbuch, das von Katja Riemann gelesen wird, hervorragend zum Ausdruck. Beim Lauschen der Worte kann man Bärbels Gehirnwindungen rattern hören, schließlich ist es nach Jahren der Zurückgezogenheit nicht einfach sich im wahren Leben zurecht zu finden und sogar mit lebenden Menschen zu kommunizieren. Wenn einen Bärbel bei eigenen Spaziergängen begleitet, zaubert sie einem so manches Schmunzeln oder gar Lacher ins Gesicht. Und, um wieder auf die vorher erwähnte Website zurückzukommen, ein zweiter Roman ist in Arbeit. Es besteht also Anlass zur Hoffnung, dass es ein Wiederlesen/-hören mit Bärbel Böttcher gibt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Frauen, die Bärbel heißen von Marie Reiners
ISBN: 978-3-8398-1613-4


Donnerstag, 15. November 2018

Killer-Mom?


Andrea und ihre Mutter Laura geraten in einem Diner unversehens in eine Schießerei. Um ihre Tochter zu schützen, stellt sich Laura dem Angreifer in den Weg. Als die Szene später im Fernsehen zu sehen ist, glaubt Andrea ihren Augen nicht trauen zu können. Es sieht so aus, als habe ihre Mutter den Todesschützen ziemlich kaltblütig vom Leben in den Tod befördert. Und nun muss sich die 31jährige Andrea die Frage stellen, wer ihre Mutter eigentlich ist. Eine direkte Antwort wird sie so schnell nicht bekommen, denn ihre Mutter zwingt sie mit einem gestohlenen Auto quer durch Amerika zu fliehen.

Fast schon abenteuerlich könnte man den Weg Andreas durch die Staaten nennen, wenn es nicht so erschreckend wäre, was alles auf sie einstürzt. Ihr eigenes nichts sagendes Leben als Polizeidisponentin gerät durch die Ereignisse völlig aus den Fugen. Eigentlich hatte Andrea sich damit abgefunden, dass aus ihr nichts weiter werden wird, dass es keine Karriere für sie gibt, dass sie immer Schulden haben wird. Und ausgerechnet an ihrem Geburtstag stellt ihre Mutter alle Wahrheiten auf den Kopf. Wie konnte Laura einfach einen Menschen umbringen? Auch wenn sie nichts anderes wollte als ihre Tochter zu schützen. 

Kennt man seine Eltern wirklich? Das Beispiel von Andrea und Laura ist vielleicht etwas extrem, aber wahrscheinlich haben viele schon mal etwas von den Eltern erfahren, mit dem sie nicht gerechnet hat und was das Bild, was sie von Vater oder Mutter hatten, doch sehr verändert. Schließlich waren auch die Eltern einmal jung und hatten möglicherweise andere Wünsche, Ziele oder Überzeugungen. Doch was Andrea erfahren wird, ist schon schwer zu verdauen. Da kommt sie auf die wildesten Gedanken, doch die Wahrheit ist so abstrus, dass sie in keiner Phantasie gedacht werden kann. Jedoch, auch in Andrea steckt etwas von ihrer Mutter, wodurch sie deren Handlungen wenigstens zum Teil verstehen kann. Und es muss sie geben, die Kinder, deren Eltern tatsächlich ganz anders waren als sie den Lieben erzählt haben. Kommt auch für sie die Stunde der Wahrheit, in der sich die Eltern offenbaren? Oder bleiben Dinge für immer ungesagt? Und gibt es die bessere Möglichkeit?

Neben einem packenden und überraschenden Thriller hat man hier ein Buch, dass einem den Gedanken eingibt, die eigenen Eltern mal nach dem zu fragen, was sie bisher nicht erzählt haben.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ein Teil von ihr von Karin Slaughter
ISBN: 978-3-9596-7214-6


Mittwoch, 14. November 2018

Nebelverhangen


Der alte Richter Jorgenson lebt mit seinem Hund Jake in einem Leuchtturm an der amerikanischen Atlantikküste. Völlig überrascht ist er als ein Fernsehteam bei ihm auftaucht und ihn überreden will, einen zum Tode verurteilten zu vertreten, der sein letztes Gnadengesuch einreicht. Allerdings ist die Geschichte des Häftlings so ungewöhnlich, dass Jorgensen doch zu der Überzeugung kommt, er muss die Vertretung des Verurteilten übernehmen. Schnell merkt er jedoch, dass die jungen Leute ihn nur als Potemkinsches Dorf brauchen, um ihre Zwecke zu erreichen. Und so macht sich der alte Richter auf, herauszufinden was vor sechzehn Jahren wirklich geschah.

Richter Jorgenson und sein Hund wirken etwas wie der alte Mann, sein Hund und der Nebel. Und doch scheint der Auftrag um den Todeskandidaten Jorgenson wachzurütteln. Es steckt noch das alte Feuer in ihm, der Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen. Und auch seine Eigenwilligkeit hat er nicht verloren. Zwar sieht er das, was die TV-Anwältin und ihre Berater ihm darstellen, als richtig an. Seine eigene Meinung will er sich aber selbst bilden. Umso mehr als er merkt, dass nicht alle Informationen an ihn weitergeleitet werden. Und so macht er sich mit seinem treuen Jake auf in die Vergangenheit des Delinquenten.

Ein Gerichtsthriller, der bereits vor fast zwanzig Jahren erstmalig erschienen ist, in guter Tradition von anderen Büchern dieser Art. Gerichts-TV, Supreme Court, Anwälte, Richter und ein Plot, der sich anders entwickelt als man zunächst meint. Da lacht das Leserherz, auch wenn die Handlung manchmal nicht zum Lachen Anlass gibt. Die Machenschaften der Beteiligten sind nicht immer leicht nachzuvollziehen. Oder geht das Recht der Allgemeinheit wirklich vor dem Recht des Einzelnen. In diesem Fall wohl eher nicht, denn der Preis wäre einfach zu hoch. Dieser spannende Thriller gibt ein ungefähres Abbild des Amerikanischen Gerichtswesen, das nicht immer von Gerechtigkeit und der Suche nach der Wahrheit geprägt ist. Doch hier haben wir den aufrechten Richter, der der Wahrheit zu ihrem Recht verhilft.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Fogbound von Joseph T. Klempner
ISBN: B01FFVV3TA

Dienstag, 13. November 2018

Sanftmut


Zwar geht es in diesem Thriller nicht gerade sanftmütig zu, doch der Gedanke hat schon seine Berechtigung, insbesondere wenn man den Originaltitel des Buches kennt.

Seit ein paar Monaten geht es Zack Herry relativ gut. Er ist clean und gerade hat sich seine Freundin Mera mit ihm verlobt. Doch der neue Fall wühlt ihn und seine Kollegen sehr auf. In der Mittsommernacht sind vier Jugendliche grausam umgekommen. Nur ein Mädchen der Gruppe hat schwer verletzt überlebt und eine weitere junge Frau ist verschwunden. Wie soll man den Eltern nur beibringen, dass ihre Kinder tot sind und es keinen Hinweis auf einen Täter gibt. Die Ermittlungen ergeben, dass die Jugendlichen Drogen konsumiert hatten. Ein Hinweis auf einen Dealer führt jedoch zunächst nicht weiter.

Mit solch einem Tatort möchte kein Mensch konfrontiert werden, auch kein Polizist. Junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben, sollten nicht auf so eine Art sterben. Und dennoch müssen Zack Herry und seine Kollegen die Bearbeitung des Falles aufnehmen. Frustrierend dabei, dass es keine hinreichenden Hinweise auf überhaupt irgendetwas gibt. Zack, der sich eine kleine Sicherheit im Privaten schaffen will, ist besonders verbissen auf der Suche nach einer Lösung. Doch kann es eine Sicherheit vor dem Wunsch nach einer Droge geben? Und warum fühlt er sich immer noch zu der geheimnisvollen Hebe hingezogen?

In seinem dritten Fall scheint Zack Herry sowohl auf der Flucht als auch auf der Jagd zu sein. Auf der Flucht vor der Sucht und auf der Jagd nach dem Täter und seiner eigenen Vergangenheit. Ob er dabei überhaupt irgendwo erfolgreich sein kann, bleibt lange im Dunkeln. Zu grausam sind die Taten, als dass es eine nachvollziehbare Erklärung geben kann. Zu tief liegen die Wurzeln der Sucht, als dass es ein immerwährendes Entkommen geben kann. Zu dunkel ist das Geheimnis um Zacks Vergangenheit. Wenn auch im Rahmen der Ermittlung ein wenig Licht ins Dunkel gebracht wird, so wirft der Fall doch reichlich Fragen auf, die so nicht gelöst werden können. Nach einer rasanten Fahrt durch die Abgründe verschiedener Seelen bleibt einem nichts anderes als auf die schnelle Veröffentlichung bzw. Übersetzung des nächsten Romans um Zack Herry und sein Team zu hoffen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Das Blut der Hirsche von Mons Kallentoft und Markus Lutteman
ISBN: 978-3-608-11075-3



Montag, 12. November 2018

Ewige Esche


Der alte Morwa hat vier Söhne, doch keiner vereinigt alle Eigenschaften in sich, die sich Morwa für seinen Nachfolger vorstellt. Seine Tochter Sölva ist noch zu jung und eben eine Tochter. Und so zieht Morwa selbst in die Schlacht, die die Reiche einen soll. In der Stadt der Raben, die um und in der heiligen Esche gebaut ist, wird Leyken gefangen genommen. Schon bald aber wird sie zu einer Art Edelgefangenen, die mehr Rechte hat als die anderen. Eigentlich hat sie alles außer ihrer Freiheit. Und so bemerkt sie auch, dass die Esche ihre alte Stärke verliert. Es heißt die vergessenen Götter zürnen. Und die Raunacht ist nahe.

Verschiedene Männer streben nach der Macht in einem Reich, das an seinen Rändern zerfasert. Zu satt sind die Menschen geworden, zu sehr sind sie an das gute Leben gewöhnt, die reichen Ernten, zu unbesorgt haben sie Raubbau an der Natur betrieben. Und nun zürnen die alten Götter, die aus Bequemlichkeit vergessen wurden. Da gibt es Dürren, wo sonst keine herrschen, und es gibt Regen, wo es sonst trocken ist. Das Gleichgewicht der Natur ist schon gestört und es scheint immer schlimmer zu werden. Können die Menschen dem noch etwas entgegensetzen, kann die Katastrophe vermieden werden?

In diesem ersten Band der Königschroniken werden die Protagonisten zunächst in ihrer Umgebung vorgestellt. Und die verschiedenen Landstriche werden beschrieben. Dies nimmt zwangsläufig etwas Zeit in Anspruch. Nach und nach erschließt sich allerdings, dass Handlungen und Personen alle irgendwie zusammenhängen, auch wenn sie sich nicht kennen oder begegnen. Man fragt sich, ob alle in der gleichen Zeit leben und auch, wer wen lenkt. In diesem ersten Band der Trilogie wird dies weder geklärt, noch wird erläutert, ob sich diese Frage überhaupt stellt. Dennoch verfolgt man mit immer größerer Anspannung wie sich der Ring um die Protagonisten immer weiter zuzieht. Das Interesse am Kaiserreich der Esche wird mit fesselnden Worten geweckt, wobei positiv hervorzuheben ist, dass zwei junge Frauen eine wichtige Rolle spielen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ein Reif von Eisen von Stephan M. Rother
ISBN: 978-3-499-28356-8


Sonntag, 11. November 2018

Hellsichtige Annie


Annie Fuller ist bereits seit einigen Jahren verwitwet, obwohl sie noch keine dreißig ist. Hier Mann hinterließ ihr einen Haufen Schulden. Nachdem sie eine Weile in Abhängigkeit von seinen Verwandten gelebt hat, kann sie nun mit einer Pension in San Francisco aus eigener Kraft klarkommen. Im Jahr 1879 eher ungewöhnlich für eine junge Frau, ohne männlichen Schutz. Zusätzlich verdient sie einige Dollar, in dem sie Menschen Ratschläge erteilt. Um dies zu kaschieren, verkleidet sie sich als Hellseherin Sibyl. Ihr ruhiges Leben wird allerdings jäh gestört als zum einen ein alter Gläubiger ihres Mann mit neuen Forderungen auftritt und als zum anderen ein wohlgelittener Kunde in seinem Haus tot aufgefunden wird. 

Mit der selbstbewussten Annie Fuller hat eine Hobbydetektivin ihren ersten Auftritt, die mit ihrer sympathischen Art zu überzeugen weiß. Sie hat es nicht ganz leicht im Leben, doch sie hat sich ihren Platz erobert. Als sie ihre Position plötzlich bedroht sieht, setzt sie alles daran, zumindest den mysteriösen Todesfall aufzuklären. Die Todesumstände ihres Klienten scheinen nicht zu seinem Charakter zu passen. Dass ihr bei ihren Nachforschungen der Anwalt Nate Dawson, der für die Familie des Toten tätig ist, in die Quere kommt, stört Annie zunächst nicht so sehr. Als er sie doch sehr von oben herab behandelt, ist ihr Widerstand geweckt und Annie macht sich erst recht daran auf eigene Faust herauszufinden, was mit Matthew Voss geschehen ist.

In Victorianischen Zeiten hatten die Frauen grundsätzlich nicht viel zu sagen, doch kann man sich durchaus vorstellen, dass es Frauen wie Annie Fuller gab, die durch äußere Umstände zu einen selbstständigen Leben gezwungen waren und damit bestens zurechtkamen. Und mit ihrem Gegenpart Nate liefert sich Annie so manches amüsantes Wortgefecht, dass Nate hin und wieder die Augen für seine aus heutiger Sicht antiquierten Vorstellungen öffnet. Dabei kommt aber auch das Geheimnis um Matthew Voss’ Tod nicht zu kurz. Bei den Ermittlungen werden auch Annie die Augen geöffnet über das Dasein der Bediensteten, deren Anwesenheit sie doch für selbstverständlich nimmt.

Ein Whodunit der leichteren Art, der gut unterhält und spannende Lektüre bietet.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Maids of Misfortune von M. Louisa Locke
ISBN: B002Z13UGS



Samstag, 10. November 2018

Unkonventionell



Nach Jahren im Polizeidienst hat Silvio Cromm denselben verlassen. Nicht angewiesen auf das Geld teilt er seine Zeit zwischen der Geschäftsführung in einem der Restaurants der Familie und seiner Tätigkeit für die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen auf. Letzte wurde gegründet, um den kleinen Leuten zu ihrem Recht zu verhelfen. Der alten Dame, die durch einen gestellten Unfall viel Geld verloren hat, oder auch den Anlegern, die durch Bankberater zu riskanten Investitionen überredet wurden und bei den beginnenden Verlusten im Stich gelassen wurden. Inzwischen hat jedoch auch die Polizei Wind von den Machenschaften der Gesellschaft bekommen und bei dem dortigen Kommissar Dreier bestehen Zweifel an der Legalität der Aktivitäten von Cromm und seinen Mitgesellschaftern.

Ein durchaus frecher Ansatz für die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen. Irgendwie nehmen sie das Recht in die eigenen Hände, wobei die Rechtmäßigkeit der Aktionen durchaus manchmal bezweifelt werden kann. So wie dem Kommissar Dreier recht schnell der Gedanke an Selbstjustiz kommt, so schnell kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass es denen, auf die es die Gesellschaft abgesehen hat, einfach recht geschieht. Schließlich gibt es viele, die das System ausnutzen und damit durchkommen, während die eigentlich Geschädigten ziemlich dumm dastehen und vom sogenannten Rechtsstaat wenig Hilfe bekommen. Schön jedenfalls, dass man sich sowohl größerer als auch kleinerer Fälle annimmt. 

So ganz kann der Autor Michael Opoczynski seinen Hintergrund als Wirtschaftsjournalist nicht verleugnen. Als TV-Moderator wird er vielen Lesern wohlbekannt sein. Indem er seinen ersten Roman nicht unter einem anderen Pseudonym veröffentlicht hat, hat er sich eine eigene Messlatte gesetzt. Zum Glück kann man nach der Lektüre sagen, sie war nicht zu hoch und sie wurde auch nicht gerissen. Mit flinken Worten zeichnet der Autor seine unkonventionelle Gesellschaft, gewitzt hangeln sich die Gesellschafter am Rande der Legalität entlang und stellen die Täter bloß und verschaffen den Opfern wenigstens ein Gefühl von Gerechtigkeit. Man wünschte sich, in der Wirklichkeit möge es auch solche Helfer geben, doch man wird weiter auf das vorhandene Recht hoffen müssen. 

Ein gelungenes Debüt über eine zusammengewürfelte Gesellschaft der Aufrechten, die den Abgehängten zu Beachtung verhelfen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schmerzensgeld von Michael Opoczynski
ISBN: 978-3-710-90044-0


Freitag, 9. November 2018

Bremer Jung



Um den Tod seines Vaters hat es immer ein Rätsel gegeben. Doch der Unternehmersohn Willem Kronhardt hat die Erklärung, es habe sich um eine Embolie gehandelt akzeptiert. Was er allerdings nicht ohne Weiteres anerkennt, ist der Wunsch der Mutter ihn zum rechten Firmenerben zu formen. Willem zieht es nicht in die Kunststickerei in Bremen, die den zweiten Weltkrieg erstaunlich unbeschadet überstanden hat. Lieber freundet er sich mit Jungen aus dem einfachen Volk an oder verfolgt später reaktionäre Ideen. Zur großen Freude der Mutter bringt Willem schließlich doch eine Frau nach Hause, die Mutter und Stiefvater gefällt. Bald stellt sich heraus, dass Barbara ihren Kopf sehr wohl durchzusetzen weiß.

Auch wenn oberflächlich betrachtet, der Tod des Vaters in seinem erwachsenen Leben keine so große Rolle mehr spielt, haben sie Ereignisse Willem nie losgelassen. Der Gedanke, der schon damals aufkam, es könne sich um Mord gehandelt haben, ist während der ganzen Zeit in seinem Hinterkopf geblieben. Die Umtriebe der Mutter ekeln Willem manchmal an, dennoch kann er sich auch nicht völlig von seinem Elternhaus lösen. Einem Studium in Berlin zieht er die Naturwissenschaften vor. Tatsächlich kann er seinen Abschluss in Wirtschaft für eine Halbtagsstelle in der elterlichen Firma nutzen. Sein stiller Protest findet eher in der anderen Tageshälfte statt.

Ein beinahe lebensumspannender Roman, der die frühen Nachkriegsjahre aus Sicht des jungen Willem erzählt, die Zeit des Wirtschaftswunders, der 68er, des Terrorismus und später die ruhigeren Gefilde der mittleren Jahre. Irgendwie rebelliert Willem, aber nur ein bisschen. Die Bequemlichkeit, die sein Elternhaus bietet, mag er doch nicht missen. Und doch ist der Gedanke da, was wäre gewesen, wenn der Vater nicht gestorben wäre. Hätten sich die Eltern, die sich nicht besonders verstanden, getrennt? Wäre Willem beim Vater in der Schweiz geblieben? Gibt es doch etwas am frühen Versterben des Vaters, das Fragen aufwirft. 

Bei einem Roman von über 900 Seiten sind ein paar Längen oder ein paar Passagen, deren Sinn sich nicht so gut erschließt, fast nicht zu vermeiden. Und doch fesselt dieser Lebensroman oder Todesroman gerade, wenn es um den jungen Willem bis zum Beginn des Studiums geht und später wenn er doch noch den Versuch startet, näheres über seinen leiblichen Vater herauszufinden. Auch die Manipulationen durch die Mutter bewirken einen Widerwillen gegen ihre Persönlichkeit. Und so geht es bei der Lektüre manchmal ab mal auf, gewisse Längen wechseln sich mit spannenden Abschnitten ab, welche schließlich dazu führen, dass auch 920 Seiten keine Abschreckung darstellen und der Roman in relativ kurzer Zeit bewältigt ist.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Kronhardt von Ralph Dohrmann
ISBN: 978-3-550-08878-0


Donnerstag, 8. November 2018

Helden von Cork


Schon mit 15 hat Ryan Cusack das Gefühl, sein Leben geht den Bach runter. Sein Vater war schon immer ein Säufer und nach dem Tod der Mutter ist es für Ryan, den Ältesten, und seine fünf Geschwister auch nicht besser geworden. Mit kleinen Dealereien versucht Ryan, zu etwas zu kommen. Obwohl eigentlich gut in der Schule, schafft Ryan den Rauswurf. Wie ein Licht in dieser Welt ist Ryans Freundin Karine. Doch eine Kette unerwartet schlimmer Ereignisse wird durch den eher zufälligen Totschlag ausgelöst, den Maureen, die Mutter des Gangsters Jimmy Phelan, begeht.

Über fünf Jahre wird der Absturz der Beteiligten, unter ihnen zuerst Ryan Cusack, gezeigt. Sie alle halten sich mit mehr oder weniger unsauberen Geschäften über Wasser, sie bezichtigen sich mehr oder weniger großer Sünden, sie haben grundsätzlich nicht Schuld und mit ihren Handlungen versuchen sie, das Schicksal zu ihren Gunsten zu wenden und erreichen doch das Gegenteil. Der wirtschaftliche Niedergang einer ganzen Stadt scheint sich in Cusacks kleiner Welt widerzuspiegeln. Sein Viertel mit Sozialwohnungen, Kleinkriminalität, Hoffnungslosigkeit und Armut. So garnicht passt das zu dem öffentlichen Bild von Cork, das eher einer heiteren, offenen und wohlhabenden Kommune entspricht. Bei aller Ausweglosigkeit, gibt es nicht immer Momente, in denen andere Entscheidungen getroffen werden können?

Trotz aller Düsternis weist dieser Debütroman von Lisa McInerney doch einige von dem für Cork anscheinen typischen Humor auf. Wenn Maureen den Einbrecher mit einer Heiligenstatue erschlägt, kann man sich ob der Absurdität kaum ein Grinsen verkneifen. Allerdings gefriert dieses schnell auf den Lippen, wenn man die weiteren Ereignisse in Betracht zieht. Irgendwie scheint es für die Protagonisten, die wahrlich nur kleine Helden sind, immer nur weiter abwärts zu gehen. Natürlich ist es schwer aus seinem Milieu herauszukommen, aber wenn man schon quasi einen Fuß draußen hat, warum zieht man den anderen nicht nach. Klar ist es schwierig, wenn man keine Unterstützung hat. Doch nimmt man zum Beispiel Ryan, dessen Geschichte in einem Folgeband weitererzählt wird, warum geht er nicht wieder zurück zur Schule, nur weil er dann ein paar Jahre älter ist? Wenn man wirklich raus will, ist das doch nicht das größte Problem. 

Dieser Roman fesselt mit einer ausgesprochen düsteren Geschichte, bei der man den Protagonisten manchmal den Verstand zurechtschütteln möchte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Glorious Heresies von Lisa McInerney
ISBN: 978-1-444-79888-3



Mittwoch, 7. November 2018

Knapp entkommen


Im Oktober vor einem Jahr ist der FBI-Berater Thomas Prescott bei einem Einsatz nur knapp dem Tod entronnen. Und nun hat ein Autor über die damalige Mordserie ein Buch geschrieben, das nach Prescotts Meinung nicht den Tatsachen entspricht. Der Serienkiller, der ein Jahr zuvor acht Frauen getötet hat, gilt als tot. Prescott jedoch ist sich sicher, der Killer ist noch am Leben und auf der Flucht. Doch niemand glaubt ihm. Und Prescott ist drauf und dran, die Ermittlungen auf eigene Faust wieder aufzunehmen. Die Lage ändert sich als eine Frau aus Prescotts Umfeld grausam zerstückelt wird. 

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Neuauflage dieses Erstlingswerks zum 10-jährigen Jubiläum. Der Autor war beim Schreiben des Romans Anfang zwanzig. Zwar ist sein Charakter Thomas Prescott bereits Anfang dreißig, doch das jugendliche Alter des Autors scheint sich in den Eigenschaften seines Protagonisten widerzuspiegeln. Als nämlich Frauen aus Prescotts Umfeld geschützt werden sollen, fallen ihm auf die Schnelle 27 Personen ein. Darunter befindet sich selbstverständlich auch seine Schwester Lacey, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Um sie kümmert sich Thomas wirklich rührend. Wie er seine Frauengeschichten verwaltet ist dagegen schon etwas gewöhnungsbedürftig.

Die Idee einen Fall nach einem Jahr wieder aufleben zu lassen, ist allerdings spannend ausgearbeitet. Wenn man auch manchmal nicht richtig nachvollziehen kann, wie Prescott zu seinen Lösungsansätzen kommt, bleibt dieser Thriller doch fesselnd und zügig zu lesen. Ob es der etwas reichlichen Anzahl an Toten bedarf, mag dahin gestellt bleiben. Bis zum Schluss bleibt man neugierig, dem Täter das letzte Geheimnis zu entreißen. 

Ein insgesamt angenehm zu lesendes Erstlingswerk, dessen Humor einem Nicht-Muttersprachler nicht immer ganz leicht zugänglich ist, dass aber nie an Spannung vermissen lässt.


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Unforeseen von Nick Pirog
ISBN: 978-0-9816-1350-5


Dienstag, 6. November 2018

Helheim


Die Winterferien sind vorbei und für Gwen Frost beginnt die Schule mit einem langweiligen Referat über die Artefakte, die an das nahegelegene Museum ausgeliehen wurden. Noch während des Besuchs werden die Mythos Academy Schüler von einer Bande aus Reapern überfallen. Gwen und ihre Freunde schaffen es nur knapp, die Angreifer zurück zu drängen. Deren Anführer verliert dabei einen Plan der Mythos Bücherei. Gwen, deren Mutter von einem weiblichen Reaper umgebracht wurde, hatte das letzte Artefakt, den Helheim-Dolch, versteckt, welches die Reaper noch brauchen, um ihren Gott Loki zu befreien. Nur schwer kann Gwen diesen erneuten Überfall verdauen, zwar hat sie selbst keine schweren Verletzungen, doch einige Mitschüler sind tot oder schwer verletzt. Trotzdem kommt ihr der Gedanke, der Dolch solle besser an einem noch geheimeren Ort versteckt werden.

Das Übersinnliche ist hier gepaart mit normalen Problemen, wie sie in der Pubertät auftreten. Gwen und ihre Freundin Daphne müssen damit leben, dass sich ihre Fähigkeiten entwickeln, so wie sie älter und stärker werden. Die Anpassung ist alles andere als leicht und sie geht nicht ohne große Stimmungsschwankungen ab. Fast schon nebenbei widmet Gwen sich der Aufgabe, die Welt zu retten. Etwas, was nahezu unmöglich scheint. Ein neuer Krieg soll verhindert werden, die geliebte Großmutter ist zu schützen, die Freunde sind zu unterstützen und der Feind ist zu bekämpfen. Reichlich zu tun für eine 17jährige.

Nach einem furiosen Beginn und einigen Wiederholungen, die eher überflüssig wirken, wenn man das Buch im Anschluss an den vorherigen Band liest, die aber Sinn machen können, wenn ein zeitlicher Abstand zwischen dem Lesen der Bücher liegt, entwickelt sich dieser Band sehr spannend und emotional. Gwen wird fast mehr abverlangt als sie ertragen kann und als Leser ist man geneigt mit ihr zu fühlen. Alles verändert sich und Veränderungen sind häufig nicht zum Besseren und daher häufig unerwünscht. Eine gewisse Dunkelheit legt sich über Gwens Welt und es ist zu befürchten, dass diese nicht so schnell verschwinden wird. 

Sehr schön wie hier die Mythologie mit einem relativ normalen Teenagerdasein verknüpft wird.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Dark Frost von Jennifer Estep
ISBN: 978-0-7582-6696-5


Montag, 5. November 2018

Tollund-Mann


Den Tollund-Mann wollten Tina und ihre Freundin Bella immer einmal sehen. Doch immer kam etwas dazwischen und nun ist Bella gestorben und die Chance auf die gemeinsame Reise ist dahin. Tina beginnt an das Museum zu schreiben, in dem der Tollund-Mann, eine gut erhaltene Moorleiche, bewahrt wird. Ihre Briefe landen bei dem Museumsmitarbeiter Anders, der seine Frau verloren hat. Obwohl nicht mehr ganz jung, entdecken Tina und Anders, dass ihnen ihr Briefwechsel immer wichtiger wird. Sie öffnen einander ihre Herzen manchmal mehr als sie es ihren Familienmitgliedern gegenüber wagen. Sie erzählen Anekdoten, von ihren Sorgen und Wünschen.

Als reiner Briefroman vielleicht in eine seltener gewählte Form gekleidet bietet der Roman eine berührende Handlung. Das freundlich, friedliche Gesicht des Tollund-Mannes, von dem Abbildungen im Internet präsentiert werden, passt sehr gut zu der Stimmung des Buches. Sieht man diesen vor langen Zeiten Verstorbenen, wirkt er so ruhig, mit einem kleinen Lächeln im Mundwinkel, dass man denkt, er habe sich nur mal eben schlafen gelegt. Selbstvergessen und entspannt. So eine schöne Stimmung verbreitet die Autorin auch mit ihren Worten. 

Zwar ist im Leben von Tina und Anders nicht alles immer Gold, aber sie wirken sehr gefestigt und mit großer Ruhe im Leben stehend. Trotz dieser Ruhe passiert so einiges und immer haben sie sich etwas zu berichten, finden Themen, über die sie reflektieren können. Erstaunlich, wenn man sich nie sieht, wie nahe man sich kommen kann. Und doch scheut Tina davor zurück, endlich ihre Reise anzutreten. Schließlich ist sie verheiratet und ihre langjährige Ehe will sie auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Lieber genießt sie den Austausch mit Anders, der ihr mehr zum Seelenverwandten wird als sie je hätte glauben mögen. 

Ein Ausdruck in Form von Briefen, schafft eine gewisse Distanz, da nichts direkt passiert, sondern halt von Geschehnissen berichtet wird. Gleichzeitig bietet er auch eine große Nähe, wenn die Schreiber aus ihrem unverstellten Herzen berichten. Bei dem vorliegenden Band ist aus dieser Mischung aus Distanz und Nähe ein anheimelnder, sehr lesenswerter Roman gelungen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Versprechen, dich zu finden von Anne Youngson
ISBN: 978-3-9596-7227-6


Sonntag, 4. November 2018

Winterurlaub


So langsam gewöhnt sich Gwen Frost an ihr Leben an der Mythos Academy. Von Logan, Oliver und Kenzie soll sie kämpfen lernen, was noch am ehesten mit Pfeil und Bogen gelingt, während sie beim Schwertkampf kaum eine Minute übersteht. Viel wichtiger ist an der Schule allerdings die anstehende Luxus-Skifreizeit in den Bergen. Gwen hat keine Lust darauf, doch ihre beste Freundin Daphne überredet sie, mitzufahren. Doch was, wenn in dem exklusiven Resort auch ein Reaper lauert, schließlich hat die Familie Ashton Rache geschworen, nachdem ihre Tochter zu Tode gekommen ist.

Bei einer Reihe steht häufig die Überlegung im Raum, zu warten, bis alle Teile erschienen sind und sie dann im zeitlichen Zusammenhang zu lesen oder die Bände jeweils beim Erscheinen zu lesen. Welche Art des Lesens man bevorzugt, muss man selbst entscheiden. Vielleicht wären kurze Zusammenfassungen der Vorbände zu Beginn eines Buches hilfreich, wird im Rahmen der Handlung auf das Vorherige eingegangen, kann es auch mal zu viel werden. 

Auch in diesem zweiten Band der Mythos Academy Reihe wird etwas reichlich wiederholt, spannend wird es erst mit dem Ausflug in die Berge. Wie nicht anders zu erwarten, gerät Gwen in verschiedene Situationen, in denen sie Hilfe braucht oder in denen sie sich selbst zu helfen weiß. Die Gefahr kann überall lauern, manchmal sogar dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Doch Gwen entwickelt ihre Fähigkeiten, wodurch sie besser gewappnet ist, Gefahren zu begegnen. Nach und nach taucht sie tiefer in die Geheimnisse der Mythos Academy ein.

Auch wenn am Anfang etwas zu viel auf die Vorgänge im Vorgängerband eingegangen wird und hin und wieder ein Ansatz ein wenig vorhersehbar ist, ist dieser zweite Band der Reihe um Gwen Frost unterhaltsam und spannend. Einige Gefahren werden überwunden, einige Rätsel gelöst und genug Hinweise werden gefunden, die die Neugier wecken, wie es weitergeht auf der Mythos Academy.

Eine schöne Jugendbuch-Reihe, die auch Erwachsenen gute Unterhaltung bietet.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Kiss of Frost von Jennifer Estep
ISBN: 978-0-7582-6694-1


Samstag, 3. November 2018

Ferienlager


Julie gehört dazu, das erste Mal in einem Ferienlager für kreative künstlerisch begabte Jugendliche, wird sie von Ash eingeladen. Damit gehört sie dazu, zu den Interessanten, und künftig ist sie Jules. Über die Jahre bleibt Ash ihre beste Freundin. Jules, die wegen des frühen Todes ihres Vaters einfach nur von zu Hause weg wollte, führt nun intelligent humorvolle Gespräche mit ihren neuen Freunden. Gemeinsam mit Ash träumt sie davon, Schauspielerin zu werden. Ethan dagegen ist ein großes Zeichentalent, er möchte Zeichentrickfilme machen. Cathy und Jonah sind musisch begabt. Und Ashs Bruder Goodman hat eigentlich kein besonderes Talent, dennoch möchte er gerne Architekt werden. 

Fünf Jugendliche, die sich eher zufällig in einem Ferienlager treffen, schließen Freundschaft, die am liebsten ein Leben lang bestehen soll. Ist es eher die Jugend, die sie zusammenführt, oder eher ihr besonderes Talent. Sie sind doch besonders, die Interessanten eben, oder? Natürlich führen ihre Wege in unterschiedliche Richtungen. Erstaunlicherweise ist es gerade der unscheinbare Ethan, der am meisten aus seinem Zeichentalent macht. Vielleicht ist er auch der, der am meisten Talent hat. Seine Trickfilme laufen äußerst erfolgreich im Fernsehen. Jules dagegen muss einsehen, dass sie keine große Schauspielerin werden wird. Jonah wendet sich einem technischen Studium zu. Cathy bekommt von der Natur einfach nicht den Körper, den sie als Tänzerin braucht. Nur der untalentierte aber von seinen Eltern hofierte Goodman bleibt ohne Talent und Entwicklung.

Beginnend in den 1970ern umspannt dieser Roman mehrere Jahrzehnte. Im Osten der USA werden die fünf Jugendlichen zu Erwachsenen. Die Lebenswege dieser unterschiedlichen Menschen, deren Bahnen sich zufällig kreuzten, erweisen sich als anders als in er von Enthusiasmus gekennzeichneten Jugend erhofft. Hier kommen Wunsch und Wirklichkeit zusammen und bilden die Realität. Es ist eines dieser Bücher, bei deren Lektüre man sich an die eigene Jugend erinnert, an die hochfliegenden Träume, die meist in eine ganz andere Realität mündeten. Man denkt an die Cliquen, denen man angehörte, wo man sich zugehörig fühlte oder auch mal am Rande stand. Freundschaften sollten ewig halten und veränderten sich doch. Ein lesenswerter Spiegel, den die Autorin ihren Lesern vorhält. Ein Roman mit Humor und Melancholie, der einen Teil des wahren Lebens abbildet.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Interessanten von Meg Wolitzer
ISBN: 978-3-8321-6339-6


Freitag, 2. November 2018

Freies Land



Einstmals einfach Kelsea Glynn ist sie nun die mächtige Königin von Tearling. Doch ihr Reich ist von allen Seiten bedroht und auch im Inneren steht nicht jeder auf Seiten der Königin. In äußerster Not sieht Kelsea keine andere Chance, als sich in die Hände der roten Königin zu begeben, ihrer ärgsten Feindin. Den Oberst ihrer Leibgarde, Mace, erklärt sie zu ihrem Statthalter. Mace soll ihr bedrohtes Königreich beschützen und zusammenhalten. Obwohl es nicht seine Aufgabe ist, schickt er doch die Garde zur Rettung der Königin. Inzwischen vertieft sich Kelsea immer weiter in die Vergangenheit, die sich in ihren Träumen oder Visionen offenbart.

Wieso sind die hehren Ziele, die ideale Welt, von der Will Tearling geträumt hat, zu der Wahrheit geworden, in der Kelsea lebt? Das möchte die junge Frau ergründen und gleichzeitig soll ihr Reich gerettet werden. Gab es einen Punkt in der Vergangenheit, an dem sich das Schicksal in diese Richtung gewandt hat? Hätte bei einer anderen Entscheidung alles anders laufen können? Hätte es eine Chance gegeben, das Ideal zu erreichen? Um diese Fragen kreisen die Gedanken der jungen Königin, die sich ihrer Verantwortung sehr bewusst ist. Doch auch sie ist nicht unfehlbar, kein idealer Mensch. Aber wenn sie eine Chance hat, die Welt zu heilen und zu befreien, will sie ihr Bestes geben.

Das Schicksal des Tearling klärt sich in diesem abschließenden Band um Kelsea, die junge Königin. Gespannt beginnt man die Lektüre mit der Frage, ob es überhaupt eine Rettung aus dieser vertrackten Situation geben kann. Sehr gelungen erscheint wie der Bogen zwischen den unterschiedlichen Handlungsebenen gespannt wird und wie sich nach und nach erklärt, wo der Hund begraben liegt. Immer schwieriger wird die Lage und immer neugieriger wird man, wie man da zu einer Lösung kommen will. Auch die politischen Überlegungen spielen eine große Rolle und gerade sie sind sehr nachvollziehbar ausgeführt. Bei der Komplexität der gesamten Konstruktion müssen vielleicht einige Randfragen im Unklaren bleiben. Doch insgesamt findet man eine sehr stimmige Auflösung um das Schicksal des Tearling, eine Plädoyer über den Wert von Demokratie und Freiheit und die Mahnung, dass dieses keine bequemen Werte sind, die einfach da sind.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Fate of the Tearling von Erika Johansen
ISBN: 978-0-8575-0249-0


und hier ist das Cover der deutschsprachigen Ausgabe