Mittwoch, 30. Juni 2021

Nordbek

Am Rand Hamburgs gibt es Gegenden, die fast schon ländlich sind. Und genau hier arbeitet der Polizist Nick Beck. Bei einem Einsatz, den er nicht überwinden kann, ist seine Partnerin ums Leben gekommen und Beck zieht es seitdem vor als Dorfpolizist seine Ruhe zu haben. Die ersehnte Ruhe ist ihm allerdings nicht lange vergönnt, es gibt eine weibliche Leiche in seinem Revier. Gemeinsam mit Cleo Torner vom LKA soll Beck die Ermittlungen vor Ort übernehmen. Zunächst fällt ihnen die Aufgabe zu, die Identität der Toten herauszufinden. Die Zusammenarbeit von Torner und Beck gestaltet sich zunächst als nicht ganz einfach.


In diesem ersten Band einer Reihe müssen Cleo Torner und Nick Beck sich erstmal zusammenraufen. Cleo, die nicht gerade zufrieden ist, dass sie in den Innendienst versetzt wurde, nutzt die Gelegenheit rauszukommen. Dagegen muss Nick sich zusammenreißen, damit er nicht ganz und gar im Sumpf seiner Erinnerungen versinkt. Während der Untersuchung gibt er nicht jede Information weiter und immer befürchtet er, Cleo könne ihm auf die Schliche kommen. Sie ist nämlich richtig gut. Nach und nach klappt es mit der Zusammenarbeit und das Team kommt einer Sache auf die Spur, mit der sie wahrlich nicht rechnen konnten.


Mit Nick Beck, der nach dem dramatischen Einsatz etwas abgestürzt ist, tut man sich möglicherweise am Anfang eher schwer. Nach und nach gewinnt man jedoch den Eindruck, dass Beck wieder auf die Füße kommen will, schließlich ist der alte Fall noch nicht gelöst. Doch zunächst geht es um die verstorbene junge Frau und deren Tod ist sehr rätselhaft. Für den Leser wird es im Laufe der Ermittlung schnell spannend. Im Leben der Verstorbenen lag einiges im Verborgenen und die Beamten müssen ganz schön hartnäckig sein, um an die Lösung zu kommen. Langsam wachsen Torner und Beck als Team zusammen und dem Leser ans Herz. Dazu der fesselnde Fall, von einem Kriminalroman kann man sich kaum mehr wünschen.


4 Sterne


Hundstage für Beck von Tom Voss

ISBN: 978-3-596-00065-4




Montag, 28. Juni 2021

Wo ist Ben

Ben war derjenige, der ihren Namen auf Anhieb richtig verstanden hat. Nile, nicht Nele, und er hat gleich Nile gesagt. Und nun sind sie im Laden, um ein Kleid für Nile auszusuchen. Als Nile fragen will, wie ihm ihre Errungenschaft gefällt, ist Ben nicht mehr da. Wie kann das sein? Und wieso tut die Verkäuferin so als hätte sie ihn nicht gesehen? Nile versucht erst die Krankenhäuser anzurufen, um zu erfahren, ob es einen Unfall gab. Doch dort ist nichts bekannt. Würde die Polizei ihr glauben? Nile hat eine Idee, sie nimmt Kontakt mit Flora, Bens Ex-Frau, auf.


Ein Mann, der verschwindet. Eine Frau, die sich große Sorgen macht. So große Sorgen, dass sie sogar die ehemalige Partnerin ihres Freundes aufsucht. Doch auch Flora weiß nicht weiter. Aber wäre sie nicht geeigneter, die Polizei aufzusuchen. Noch sind Flora und Ben nicht geschieden, auch wenn er Nile versprochen hat, sie werden heiraten. Sicher, ob sie Flora uneingeschränkt trauen kann, ist sich Nile nicht. Moment mal, könnte Flora Ben versteckt haben? Will sie ihn etwa zurück? Dem Gedanken muss Nile einfach auf den Grund gehen. 


Dieser Roman spielt mit den Erwartungen der Leser. Sie sorgen sich mit Nile um Bens Verbleib, sie machen sich mit ihr auf die Suche, sie fangen an, Informationen zu hinterfragen. Und sie fragen sich irgendwann, wem sie trauen können. Flora scheint ihr eigenes Spiel zu spielen. Und war Ben immer ehrlich? Da jedoch alle handelnden Personen mit Hinweisen sparsam umgehen, beginnt man sich im weiteren Verlauf auch zu fragen, wie es Nile wohl hält. 


Dieser sehr geschickt aufgebaute Thriller ist durchaus spannend. Leider vermisst man den oder die richtigen Sympathieträger und man erinnert sich, dass genau diese Art von Spannungsroman nicht die ist, die man bevorzugt. Dennoch macht die Handlung neugierig und sie bleibt bis zum Schluss überraschend. Mit der richtigen Stimmung wird das Hörbuch versehen von Laura Maire.


3 Sterne


Atme! von Judith Merchant

ISBN: 978-3-8398-1740-7




Samstag, 26. Juni 2021

Two Face

Loretta Luchs hat dem Detektiv spielen abgeschworen. Neben ihrer Tätigkeit im Callcenter hilft sie ihrem Kumpel Frank. Der hat einen Kiosk übernommen und will vor der Eröffnung noch ein wenig klar Schiff machen. Über Nacht hat jemand einen Farbbeutel gegen das Büdchen geworfen und Loretta ist stinksauer, die ganze Arbeit. Doch lange lässt sich Loretta die Laune nicht vermiesen, sie mach einfach ein Kunstwerk aus dem Schandfleck. Erneut muss sich Loretta ärgern als ein paar Jugendlich einfach Ware aus dem Lädchen mitgehen lassen. Von Frank erfährt sie, dass diese Früchtchen nicht zum ersten Mal da waren. Und dann stolpert Loretta im wahrsten Sinne des Wortes über einen der Übeltäter, der tot bei seinem Skateboard liegt.


Und Loretta stolpert nicht nur über den Toten, sondern auch in ihren nächsten Kriminalfall. Zusammen mit ihren Freunden versucht sie herauszufinden, ob es sich bei dem vermeintlichen Unfall des Jungen wirklich nur um einen Unfall handelt. Und unbedingt will sie Frank helfen, die dreisten Diebe loszuwerden. Immer unter den Augen dreier älterer Herren, die fast zum Inventar des Büdchens gehören und die immer für einen Spruch gut sind. Wie schon häufiger geht es auch diesmal nicht ohne Blessuren für Loretta ab.


In diesem Fall bekommen Loretta und ihre Freunde mit fiesen Verbrechern zu tun. Man könnte meinen, es sind ja Jugendliche, aber dieser Ausdruck ist für die Täter doch verharmlosend. Eher sind es jugendliche Intensivtäter und man fragt sich, ob es wirklich so gut ist, dass Loretta sich mit ihnen anlegt. Allerdings, sollen sie mit allem durchkommen? Also spannend ist es schon und Loretta steht mit Hilfe ihrer Freunde ihre Frau, aber ein wenig fehlt die Fröhlichkeit. Und dass mit Frank jemand aus der Gruppe persönlich betroffen ist, nimmt diesem Cosy-Crime auch ein wenig Leichtigkeit. Dennoch versteht es Loretta wie auch sonst gut zu unterhalten.


3,5 Sterne


Voll von der Rolle von Lotte Minck

ISBN: 978-3-7700-4139-8

Freitag, 25. Juni 2021

Trautes Heim

Nach schwerer Krankheit ist Maggie Holts Vater verstorben. Ihren letzten großen Wunsch hat er ihr nicht mehr erfüllt. Als sie fünf Jahre alt war, lebte sie mit ihren Eltern für kurze Zeit in einem Haus in Vermont, das eine unheimliche Vergangenheit hatte. Maggie erinnert sich kaum daran und inzwischen ist die eine tüchtige Geschäftsfrau. Nun hat sich das Haus geerbt und sie macht sich auf den Weg nach Vermont, um es zu renovieren und dann zu verkaufen. Ihre geheime Hoffnung besteht indes darin, herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist. Die Leute im Ort begegnen Maggie nach ihrer Ankunft erstmal freundlich reserviert.


Kann es sich bei Banberry Hall wirklich um ein Geisterhaus handeln? Wenn Maggie dem Buch ihres Vaters über ihren Aufenthalt dort glauben könnte, wäre das der Fall. Doch Maggie hat ihrem Vater nie geglaubt, es gibt keine Geister. Allerdings verschwand in ihrer letzten Nacht dort eine Jugendliche und Maggies Eltern haben sich getrennt. Nur Maggie scheint die Zeit damals relativ gut überstanden zu haben, um den Preis, dass ihr nichts davon erinnerlich ist. Je mehr Maggie den Roman ihres Vater mit dem vergleicht, was sie im Haus und unter den Bewohnern des Ortes erfährt, desto unheimlicher wird ihr, denn ihr Vater schient sich näher an die Wahrheit gehalten zu haben als vermutet.


Manchmal stolpert man über Lesetips, die man ganz interessant findet, von denen man aber nicht viel erwartet. Und da kann es dann zu durchaus sehr positiven Überraschungen kommen. Gekonnt spielt Riley Sager mit der Frage, Geister oder keine Geister und fesselt damit die Leserin. Die nämlich beginnt zu überlegen, ob sie unter den Umständen an Geister glauben würde oder nicht. Eine Frage, die im wirklichen Leben mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet würde, bei der Lektüre dieses spannenden Thriller immer mehr Zweifel aufkommen lässt. Da ist einfach gut gemacht. Vielleicht hätte man nicht jede Wendung so erhofft, aber insgesamt hat die Handlung einen tollen Gruseleffekt. Es ist schon schade, dass bisher keine deutsche Übersetzung zu finden ist.


4 Sterne


Home before Dark von Riley Sager

ISBN: 978-1-5247-4318-9

Donnerstag, 24. Juni 2021

Schwestern

In einem Cottage in Tilby werden zwei Leichen gefunden und die vermeintliche Täterin scheint versucht zu haben, sich umzubringen. Mit so etwas hat die junge Journalistin Jessica in ihrem Heimatort nicht gerechnet. Sie ist eigentlich nach Somerset zurückgekehrt, weil sie meinte, bei ihrem Provinzblatt besser klarzukommen. Gemeinsam mit dem Fotografen Jack macht sie sich auch den Weg nach Tilby. Aus allem, was ihr bisher bekannt ist, ahnt sie, dass sie die schwer verletzte Beschuldigte kennt. Als Jugendliche war Heather ihre beste Freundin. Doch als deren ältere Schwester Flora verschwand, änderte sich alles. Jess überlegt, wie sie die Berichterstattung angehen soll.


In diesem sehr ungewöhnlichen Szenario versucht die Journalistin Jess herauszufinden, was zu dem Doppelmord geführt hat. Alles spricht gegen ihre Jugendfreundin, die Indizien sind wahrlich erdrückend. Doch Jess kann sich einfach nicht vorstellen, dass Heather einfach zwei Menschen umbringt, die ihr völlig unbekannt sind. Vorsichtig nähert sie sich Heathers Mutter an, an deren Tisch sie früher so oft saß. Zunächst sehr widerwillig lässt sich Margot auf ein Gespräch ein. Doch langsam kommt eine vertraute Atmosphäre auf. Gleichzeitig fühlt sich Jess immer häufiger beobachtet, ohne richtig greifen zu können, von wo eine Gefahr lauern kann. 


Dieser Thriller wurde offensichtlich sehr gut aufgenommen. Der Ansatz der zunächst unmotiviert erscheinenden Morde ist sehr spannend. Allerdings wird der Roman dem nicht ganz gerecht. Manchmal allzu langsam entwickeln sich die Handlungsstränge. Dazu wirkt Jess etwas unnahbar und unterkühlt, so dass man sich nicht gut in sie hineinversetzen kann. Dennoch ist die Geschichte gut aufgebaut. Aus der Vergangenheit heraus entwickelt sich die Handlung zu einen und zum anderen hakt Jess in der Gegenwart nach und versucht von Heathers Familie und Freunden etwas über Heathers Leben in der letzten Zeit in Erfahrung zu bringen, wobei sie rücksichtsvoll mit den Beteiligten umgehen will und gleichzeitig die Deadline des Redaktionsschlusses einzuhalten hat. Nach und nach kommen Hinweise zutage, die auf eine sehr ungewöhnliche Entwicklung hindeuten. Und mit einer Überraschung zum Ende hin hat man doch einen Roman, von dem man vielleicht etwas mehr Action erhofft hätte, der aber doch so interessant ist, dass man gerne bei der Stange bleibt.


3,5 Sterne


Beste Freundin - Niemand lügt so gut wie du von Claire Douglas

ISBN: 978-3-328-10547-3





Montag, 21. Juni 2021

Dunkle Mühle

Gemeinsam mit ihrer Mutter zieht Ofelia in die dunkle Mühle. Es ist gegen Ende des zweiten Weltkrieges in Spanien. Nachdem ihr Vater starb hat Ofelias Mutter wieder geheiratet und nun bekommt sie ein Kind von Capitán Vidal, der sich bisher nicht als freundlicher Mensch erwiesen hat. Mit der Gesundheit von Ofelias Mutter steht es zudem nicht zum Besten. Einen gewissen Trost findet Ofelia in einem Labyrinth, welches ihr eine andere Welt offenbart. Hier trifft sie auf einen Faun, der ihr erzählt, sie sei eine Prinzessin aus dem unterirdischen Königreich. Und nur wenn sie drei Aufgaben löse, könne sie dorthin zurückkehren.


Nach dem Film „Pans Labyrinth“ wurde dieser phantasievolle Roman verfasst. Häufiger folgt ja der Film dem Buch und so ist allein die Tatsache der Umkehrung schon etwas, das neugierig macht. Auch stellt sich die Frage, welcher Adaption man sich zuerst widmen sollte. Als Vielleser bevorzugt man da vielleicht den Roman, um sich erstmal eigene Vorstellungen zu bilden. Doch auch anders herum kann es ein Genuss sein, wenn man beurteilen kann, wie sich die Autorin dem Film genähert hat. Egal wie, auf jeden Fall wird man gefangen genommen, von den düsteren Erzählungen um die alte Mühle und dem Labyrinth. Zwar gibt es viel Leid und Schwermut, doch auch immer wieder erlebt man Momente der Hoffnung, Zugewandheit und Liebe. Ofelia scheint so allein und doch hofft sie auf das unterirdische Königreich. 


Ein besonderes Highlight bietet zusätzlich die Vertonung des Romans insbesondere, falls man sie über Kopfhörer genießt. Wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt, erlebt man dann ein um die andere Überraschung. So manches Mal kann man dem Wind lauschen, dem Knarren und Knarzen der Bäume, dem Zirpen der Fee. Zudem kommen die Stimmen aus unterschiedlichen Richtungen. Das Ganze ist genau in der richtigen Mischung, so dass es bei einer vertonten Lesung mit besonderen Akzenten bleibt. Toll ist auch der Wechsel zwischen dem Erzähler Tom Vogt und den Passagen, die die Autorin selbst vorträgt. 


Zum Schluss bleibt die Überlegung, ob man nun auch den Film sehen möchte.


4 Sterne


Das Labyrinth des Fauns von Guillermo del Toro und Cornelia Funke

ISBN: 978-3-9816-5393-9


Sonntag, 20. Juni 2021

Erntezeit

Mit vierzehn steht Edie Mather an der Grenze zur Erwachsenen. Sie lebt im ländlichen England des Jahres 1933 mit ihrer Familie auf einem Pachthof. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Leben nicht leichter und der Ertrag aus der Ernte immer geringer. Schon ist ein Hof in der Gegend verlassen, weil der Pächter seine Schulden nicht mehr begleichen konnte. In diesem Sommer kommt die Städterin Connie FitzAllen, um über das Landleben zu berichten. Sie will das Althergebrachte erhalten. Die Leute im Dorf sind dazu geteilter Meinung, die einen stehen Veränderungen als Notwendigkeit offen gegenüber, die anderen liegen eher auf Connies Linie. 


Edie war schon immer ein Mädchen mit viel Phantasie. Seit ihre Schwester verheiratet ist und nicht mehr daheim wohnt fühlt Edie sich einsam. Unter den anderen Schulmädchen hat sie keine Freundin. Zwar interessiert sich ein Nachbarsohn für sie, aber das ist wohl noch nicht Edies Ding. Da kommt Connie, die Edie wie eine gleichaltrige Freundin behandelt, gerade richtig. Edie blüht förmlich auf, wenn sie Connie ihr Land zeigen kann und vom Leben hier erzählt. Das karge, aber auch schöne Leben, gerade jetzt im Sommer, die Ernte. Doch Edie bekommt auch die finanziellen Sorgen der Eltern mit. Sollte sie irgendwo in Stellung gehen?


Die Stimmung der Naturbilder, das beschwerliche, aber auch zufrieden stellende entschleunigte Landleben ist in diesem Roman so gut eingefangen, dass man die Sommerwärme zu spüren meint, den Duft des Getreides zu erhaschen scheint. Schwieriger zu greifen Edies Persönlichkeit, die wohl eher aus Sicht der 1930 etwas absonderlich erscheint. Connie dagegen könnte einen mit ihrer zugewandten, freundlichen Art täuschen, wenn sie nicht einige diskriminierende Äußerungen tätigte, mit denen sie sich entlarvt. Ein englisches Sittengemälde der ländlichen 1930er, in dem die Umbrüche der Zeit deutlich werden, aber auch die Rückwärtsgewandtheit, die damals noch herrschte. Doch verliert sich der Roman auch etwas, da die schönen Naturbilder nicht jede Wendung auffangen können, die für den Leser unnachvollziehbar bleibt. Dass Connies und Ihrer Kameraden krude Ideen in England letztlich nicht verfangen haben, hat sich für das Land als Glück erwiesen. Es sollte eine Warnung, eine Mahnung sein und auch eine Hoffnung. Auch wenn man den Eindruck bekommt, dem Roman fehle es ein wenig an echtem Geschehen, so ist der Ton der 1930er doch bestens getroffen.


3,5 Sterne



Vom Ende eines Sommers von Melissa Harrison

ISBN: 978-3-8321-8152-9





Samstag, 19. Juni 2021

Rheinische Provinz

Im Jahr 1954 ist der Krieg schon eine Weile vorbei, aber mitnichten aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Der Kommissar Peter Hoffmann wird zur Unterstützung der Ortswache in Kaltenbruch versetzt. Dort wurde ein junger Mann umgebracht und Hoffmann versteht nicht, was er in dem kleinen Nest überhaupt soll, seiner Meinung nach steht der Täter bereits fest. Denn neben dem Toten ist der betrunkene Mitarbeiter des einzigen größeren Arbeitgebers am Ort aufgegriffen worden. Dieser streitet die Tat allerdings vehement ab. Und so ist Hoffmann gehalten, weitere Zeugen zu vernehmen, um zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.


Ein Kommissar, der sich erstmal zurechtfinden muss. So sagt er erstmal seiner künftigen Sekretärin ab, weil die nicht die erwartete Vorbildung hat. Dann findet er nicht die richtige Abzweigung und schließlich legt er sich gleich auf einen Täter fest, weil er das Kaff möglichst schnell wieder verlassen will. Von den Stimmungen im Ort bekommt er nicht viel mit, hier ist er sehr auf den einzigen Polizisten vor Ort angewiesen, wobei Hoffmann es schafft auch diesen vor den Kopf zu stoßen. Man hat den Eindruck, so schnell wird der Städter Kaltenbruch nicht verlassen.


Über diesem aus heutiger Sicht doch recht unsympathischen Kommissar geht doch einiges aus dem guten Ansatz verloren. So ein arroganter Dämlack. Wobei auch die Tat ein wenig unvermittelt wirkt, ahnt man als Leser gleich, der vermeintliche Täter kann es nicht gewesen sein. Man denkt fast schon in die richtige Richtung, was den Grund angeht, ob man den richtigen Mörder erahnt, darüber deckt man lieber das Mäntelchen des Schweigens. In diesem Punkten enttäuscht dieser Kriminalroman, da hat der Klappentext einfach mehr versprochen. Was einen jedoch mitnimmt, ist die überzeugende Schilderung des Dorflebens auch im Zusammenleben mit den einquartierten Flüchtlingen, die auch Jahre nach dem Krieg erst langsam integriert wurden und meist doch noch außen vor waren. Auch was Kinder mit körperlichen Einschränkungen zu erleiden hatten, wird eindringlich geschildert. In diesen Bereichen vermag der Roman zu überzeugen.


3 Sterne


Kaltenbruch von Michaela Küpper

ISBN: 978-3-426-30640-6




Donnerstag, 17. Juni 2021

Das Venedig Frankreichs

Der neueste Fall für Kommissar Lazare dreht sich um das Verschwinden einer jungen Frau. Ihr Vater, ein Einwanderer aus dem arabischen Raum, sorgt sich sehr. Seine Tochter ist sein ein und alles. So richtig zuständig fühlt Lazare für den vermeintlich einfachen Fall nicht, doch sein Chef lässt sich nicht erweichen, schließlich könnte sich das Mädchen auch abgesetzt haben. Und schließlich hat Lazare Erfahrungen in der Gegend. Eigentlich wollte Corentin Arnal sich in seinem Tal ein neues Leben aufbauen, allerdings ist er kläglich gescheitert, da sich der Boden, auf dem er Gemüse anbauen wollte, als kontaminiert erwiesen hat.


Von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus kulminiert zu einem unerwarteten Finale. Das idyllisch gelegene Kanton Sète im Süden Frankreichs bietet den Schauplatz eines Teils der Handlung. Doch auch abgelegene Höfe haben eine größere Bedeutung. Ist doch Provinz, mag man denken, doch vielleicht eignet sich gerade die Abgeschiedenheit zum Planen unsauberer Geschäfte. Nicht nur das Verschwinden eines jungen Mädchens steht auf der Tagesordnung, auch ein möglicher Umweltskandal muss bearbeitet werden. Auch könnte einiges auf terroristische Aktivitäten hindeuten. Fast zufällig gerät Lazare ausgehend von seinem gefühlt so einfachen Fall mit in ein spannendes Geschehen.


Der Autor ist etlichen vielleicht auch bekannt von seinen Inspektor Kajetan Romanen begibt sich hier vom Deutschland der 1920er Jahre ins Südfrankreich der Gegenwart. Doch auch in seinem neuen Roman, zu dessen Verständnis man keine Vorkenntnisse aus dem ersten Band benötigt, bietet die politische Lage einen packenden Hintergrund für einen intelligenten Kriminalroman, der ganz ohne historischen Bezug nicht auskommt. Die verschiedenen Handlungsstränge erscheinen zwar zunächst etwas ohne rechten Zusammenhang. Doch schon bald merkt man beim Lesen auf und denkt, da war doch was, wie passt das zusammen. Wenn man erstmal einen Überblick gewonnen hat, verzeiht man auch die mitunter ein wenig abrupten Übergänge. Dieser Kriminalroman versteht es mit seiner Vielschichtigkeit und seinem sympathisch unangepassten Ermittler zu überzeugen. 


4 Sterne


Lazare und die Spuren des Todes von Robert Hültner

ISBN: 978-3-442-75659-9





Sonntag, 13. Juni 2021

Die Ersten

Auf Drängen der Politik werden im Atlanta des Jahres 1948 erstmals schwarze Polizisten eingesetzt. Sie patrouillieren nur in ihren eigenen Wohnbezirken und wenn wirklich mal Maßnahmen ergriffen werden müssen, sind sie gehalten, die weißen Polizisten hinzu zu rufen. Außerdem ist ihre Wache nicht im Polizeipräsidium, sondern im YMCA und die weißen behandeln sie nicht wie Kollegen, sondern eher wie Hilfsarbeiter, die kaum wahrgenommen werden. Nicht einmal die Bewohner der Viertel bringen ihnen am Anfang Respekt entgegen. Eines Tages wird eine junge Schwarze tot aufgefunden und die Mitglieder der schwarzen Einheit Boggs und Smith wollen trotz aller Hindernisse alles tun, um den Fall zu lösen.


In diesem ersten Band einer Trilogie bekommt man einen Einblick in eine spannende geschichtliche Zeit. Es gibt erste Zeichen, dass die Rassentrennung in den USA aufgebrochen wird. Dies allerdings geschieht gegen große Widerstände, denn Diejenigen, die die Positionen innehaben, wollen nicht davon lassen. Gerade auch in der Polizei tun die Alteingessenen alles, um die vermeintliche Konkurrenz zu schikanieren und zu drangsalieren. Manchmal gehen sie förmlich über Leichen. Nur wenige der weißen Polizisten haben überhaupt nur den Ansatz einer akzeptablen Einstellung. Hin und wieder müssen sie zähneknirschend eingestehen, dass ihre ungeliebten und nicht anerkannten Kollegen doch ordentliche Arbeit leisten.


Es ist sehr gut, wenn man mal batsch vor den Kopf geknallt bekommt, wie sich Weiße manchmal so benehmen. Gewalttätig, wenig lernfähig, dumm. Ist das nun ein Zeichen für die amerikanische Polizei oder sind wir alle so? Ist es heute besser? Wahrscheinlich muss sich jeder fragen, ob er sich immer ordentlich benimmt. Eine ehrliche Antwort müsste nein lauten. Im hier vorliegenden Roman wird diese wachrüttelnde Thematik noch in einen spannenden Kriminalfall verpackt, der ebenso davon lebt, dass Schwarze nicht genauso behandelt werden wie die Weißen. Die Trägheit der weißen Polizisten in dem Mordfall an einer farbigen Frau auch nur zu ermitteln, die Untersuchung auch noch zu verfälschen, dass ist schon starker Tobak. Und anstatt, dass sie froh sind, dass die neue Einheit ihnen die Arbeit abnimmt, werden deren Nachforschungen auch noch behindert. Beim Lesen vermag man sich ein wenig in diese Welt hineinzuversetzen, obwohl man dies so richtig wohl nie schaffen wird. Ein packender Krimi, der zum Nachdenken anregt.


4,5 Sterne


Darktown von Thomas Mullen

ISBN: 978-3-8321-6504-8





Samstag, 12. Juni 2021

Keine Collegeromanze

Obwohl die im Unterricht keine Handys benutzten sollen, werden eben diese Geräte gefunden. so kommt es dann, dass Bronwyn, Simon, Addy, Cooper und Nate nachsitzen müssen. Toll, vor allem, weil sie nicht wissen, wie die Telefone in ihre Taschen gekommen sind. Der Lehrer lässt sich allerdings nicht erweichen. Und kurz danach läuft die Situation vollends aus dem Ruder. Einer der Schüler erleidet einen allergischen Schock und alle Versuche ihm zu helfen, erweisen sich nicht als erfolgreich. Die verbliebenen Schüler sind erleichtert als die Sanitäter sich um den Mitschüler kümmern. Der Schock ist groß als sich die Nachricht verbreitet, dass Simon im Krankenhaus gestorben ist.


Eine zusammengewürfelte Gruppe von Schülern und Schülerinnen, die normalerweise nicht viel miteinander zu tun gehabt hätten. Und nun müssen sie gemeinsam mit den Reaktionen ihrer Umwelt zurechtkommen. Simon hatte eine Art Blog für Klatsch und Tratsch, das kann manchmal lustig sein, jedoch war es bei ihm eher fies, er hatte ein Händchen dafür, Sachen auszugraben, die keiner gerne in der Öffentlichkeit wusste. Es stellt sich heraus, dass die verbliebenen Vier alle etwas zu verbergen haben, was zumindest sie selbst als ihr schlimmstes Geheimnis empfanden. Als die Polizei beginnt in dem Todesfalls zu ermitteln, wird es für die Schüler sehr ungemütlich. 


Es waren nur die fünf Schüler in dem Raum und der Lehrer, einer ist Tot und wenn, kann nur einer der anderen etwas mit dem Tot des Schülers zu tun haben. Ein spannender Plot, der durch die verschiedenen Perspektiven noch mehr Einblicke gewährt. Wenn man allerdings das Gefühl bekommt, man versteht die Probleme nicht, dann könnte sich dieses als eines der Jugendbücher erweisen, die für diese spezielle Leserin nicht mehr funktionieren. Man denkt manchmal, wären sie doch gleich offen gewesen, wäre dies und das nicht so problematisch geworden. Aus dieser Sicht, so ausgeklügelt die Handlung ist, so fein komponiert die Reaktionen der Mitschüler, Eltern und Polizisten, ist die Handlung doch etwas langatmig. Nichtsdestotrotz beinhaltetet dieser Roman tolle Ideen, die Jüngere möglicherweise mehr begeistern.


3 Sterne 


One of us is lying von Karen M. McManus

ISBN: 978-1-5247-6472-2




Freitag, 11. Juni 2021

Art Crime

Nach einem Ehemaligentreffen besucht der Kunstdetektiv Rupert von Schleewitz seinen alten Freund Alban in Potsdam. Gemeinsam besuchen sie eine Gemäldegalerie, wo Alban unvermittelt auf eines der Kunstwerke einsticht. Entsetzen, doch Rupert kann die Polizei überzeugen, dass er nichts damit zu tun hat. Als das Gemälde von Caravaggio zur Restauration gebracht werden soll, wird es schon auf dem Weg dorthin gestohlen. Neben der Polizei ermittelt auch Rupert von Schleewitz. Mit Hilfe eines Mäzens kann er jedoch einen anderen Ansatz währen. Er lässt verbreiten, es bestehe die Möglichkeit das Gemälde auszulösen. Und schon bald gibt es eine ungewöhnliche Kontaktaufnahme.


Im zweiten Fall für die Kunstdetektei von Schleewitz geht es um ein Bild „Der ungläubige Thomas“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio. Rupert von Schleewitz und seine beiden Mitstreiter Klara und Max machen sich bald an die Arbeit. Haben die beiden Vorfälle, die Beschädigung und der Raub, etwas miteinander zu tun? Leider gibt Alban Posselt keinerlei Auskunft, die Detektive sind also auf ihre eigenen Spürnasen angewiesen. Sie beschäftigen sich eingehend mit dem Bild, dessen Spur auch in Ruperts Vergangenheit zu führen scheint. Gleichzeitig versuchen sie mit den Räubern Kontakt aufzunehmen, um das große Kunstwerk möglichst wiederzubeschaffen. 


Zwar weist dieser Kriminalroman im Kunstmilieu kleine Schwächen auf, aber dennoch weckt er zum einen Interesse an einem herausragenden Künstler mit seinen aufwühlenden Bildern und zum anderen bietet er auch spannende Handlungsansätze. Die mögliche Verknüpfung zu von Schleewitz’ Vergangenheit lädt einem beim Lesen zum Miträtseln ein, man versucht selbst zu entschlüsseln, welche spektakulären Hintergründe es geben könnte. Wahrscheinlich schießt die Phantasie auch mal übers Ziel hinaus. So hat man sich wohlmöglich selbst ein Bein gestellt, wenn einen eine Entwicklung vielleicht etwas flach vorkommt. Was aber sehr glaubwürdig und fesselnd ist, wie das Betrachten dieses dramatischen Bildes unerwartete Reaktionen auslöst. Auch wenn der Chef sich etwas mehr öffnen könnte, so wirkt hier ein sympathisches Team zusammen, das den Lesern sicherlich noch einiges über Kunst beibringen kann.


3,5 Sterne


Caravaggios Schatten von Bernhard Jaumann

ISBN: 978-3-8697-1197-3




Donnerstag, 10. Juni 2021

Vier Freunde

Sie sind vier Freunde, die offen sind für Neues, fast zwangsläufig, könnte man sagen, denn sie leben in einer vornehmen Seniorensiedlung. Jeden Donnerstag treffen sie sich, um über alte ungelöste Fälle der ehemaligen Polizistin Penny zu diskutieren. Leider kann Penny selbst nicht mehr an den Treffen teilnehmen, da sie ins Pflegeheim umziehen musste. Dafür wurde Joyce, die früher als Krankenschwester gearbeitet hat, eingeladen. Da wird ganz in der Nähe ein Bauunternehmer tot aufgefunden und mit einem Mal haben die Vier einen echten Fall. Wobei die aktive Polizei nicht ganz so begeistert über die Einmischung ist, sich aber irgendwie nicht gegen die Hilfe der wackeren Hobby-Detektive behaupten kann. 


In Ihrem ersten Fall erweisen sich die Donnerstagsermittler als gewitzt und als sympathische Hilfe für PC Donna de Freitas. Zwei ältere Damen, zwei ältere Herren, die in ihrem Leben einiges erlebt haben. Man sollte also nicht meinen, dass das Leben mit Pensionsbeginn einfach aufhört. Ein wenig haben sie es selbst in der Hand und diese Vier machen das Beste daraus. Als Team ergänzen sie sich bestens. Ron, ehemaliger Gewerkschafter, Elizabeth, mit mysteriöser Vergangenheit. Ibrahim, ehemaliger Psychiater und Joyce, die Neue. Welche Aufregung in ihrem Leben, ein echter Fall. Nun können sie zeigen, was sie drauf haben.


Wie schön zu lesen, dass ältere Menschen mit wachem Geist am Leben teilnehmen. Diese gehobene Siedlung für Ruheständler mit Fitness, Gesundheits- und Wellness, mit Sprach- und Diskussionsrunden ist schon etwas Besonderes. Dazu die redlichen Beamten Donna und Chris, die schnell begreifen, dass sie den Alten durchaus vertrauen können. Eine tolle Idee, die neugierig macht, auch wenn im Nachhinein der Funke nicht vollständig überspringt. Zu behäbig wirkt das Ganze manchmal. Als wären die älteren Herrschaften doch vom Leben abgehängt und mit einem depressiven Zug im Gesicht und Herz. Sehr schön dagegen, wie die vier liebenswerten Ermittler aktiv bleiben und gewiefte Methoden entwickeln, die sie sowohl der Lösung des Falles näher bringen als auch ihre Weltzugewandheit erhalten. Akribisch und hartnäckig bohren sie, bis sämtliche Rätsel gelöst sind und sie sich auch den nächsten Donnerstag freuen können.


3,5 Sterne


The Thursday Murder Club von Richard Osman

ISBN: 978-0-241-42544-2

Mittwoch, 9. Juni 2021

Achterbahnfahrt

Nach einem Gefängnisaufenthalt ist der Polizist Joonna Linna wieder zurück bei der Arbeit. Er wird sehr überrascht als Hinweise auf ihn bei mehreren Fällen auftauchen. Es fehlt nicht viel und er geriete unter Verdacht etwas mit den Fällen zu tun zu haben. Linna kann es sich einfach nicht erklären bis ihm ein Verdacht kommt. Sollte der totgeglaubte Serienmörder Jurek Walter etwa noch am Leben sein. Schwierig für Joonna seine Kollegen davon zu überzeugen. Nur langsam beginnen diese ihrem Kollegen zu glauben und erkennen die Gefahr, in der sie schweben. Der Mörder sinnt auf Rache.


Im siebten Band um Joonna Linna wird dieser wirklich arg gebeutelt. Zunächst steht er sehr rätselhaften Fällen gegenüber und als er Lunte riecht, hat er Mühe seine Kollegen von seinem Gedankenansatz zu überzeugen. Letztlich geraten dadurch etliche Menschen in große Gefahr. Und als es klar ist, dass Jurek Walter wohl doch noch lebt, scheint es beinahe so als sei dieser häufig schneller als Linna und seine Kollegen. Werden Spuren verfolgt, kann es passieren, dass diese nicht zu Lösungen, sondern zu Leichen führen. Walter will Joonna Linna alles nehmen, was diesem lieb und teuer ist.


Dieses Hörbuch ist lebensnah vorgetragen von Simon Jäger, der es versteht die teilweise atemlose Spannung der Handlung sehr gut wiederzugeben. 


Wenn man die ersten Bände der Reihe kennt, diese dann aber als Zeitmangel ein wenig aus den Augen verloren hat, nimmt man sicher gerne die Gelegenheit war, die Bekanntschaft mit Joonna Linna aufzufrischen. Wobei der Beginn des Romans, in dem es darum geht, den Zusammenhang zwischen den Fällen zu finden, wirklich gelungen ist. Wenn jedoch im weiteren Verlauf die Schilderungen immer brutaler werden und die Handlung weniger nachvollziehbar, dann beginnt man ein wenig mit dem Buch zu hadern. Nachdem man das Buch beendet hat, beschließt man möglicherweise, dass es bei dieser Auffrischung der Bekanntschaft bleiben wird. Zwar manchmal schwer erträglich, aber mega-spannend. 


3 Sterne


Lazarus von Lars Kepler

ISBN: 978-3-7857-5728-4




Samstag, 5. Juni 2021

Crime Montreal

Sergent-Detective Victor Lessard und seine Partnerin Jacinthe Taillon übernehmen. Eine bekannte Psychologin wurde tot aufgefunden, wobei zunächst unerklärlich ist, wie sie genau umgekommen ist. Der angesehene Anwalt Nathan Lawson wird beinahe zur selben Zeit vermisst. Und damit nicht genug, ein Obdachloser stürzt sich von einem Hochhaus. Hinweise deuten darauf hin, dass er der Täter sein könnte. Doch irgendwie passt nichts richtig zusammen und Lessard beginnt tiefer zu graben. Besonders die wenigen Halbseligkeiten des Wohnungslosen geben Rätsel auf. Der Mann war psychisch schwer krank und trotzdem deutet einiges darauf hin, dass er in jungen Jahren bei geheimen Operationen mitgemischt haben könnte.


Im ersten Band um Victor Lessard, der manchmal auf sein Bauchgefühl achtet, und Jacinthe Taillon, die durch ihre freche und polterige Art auffällt. Beide sind ein eingespieltes Team, was man auf den ersten Blick nicht annehmen möchte. Doch sie ergänzen sich bestens. In diesem rätselhaften Fall kommen sie erstmal nicht richtig voran. Irgendwie landen sie meist in Sackgassen und sei es nur deshalb, weil sie die zu Vernehmenden mitunter nur tot auffinden oder diese ganz und gar verschwunden sind. So konzentrieren sie sich zunächst auf den Selbstmörder, dessen Vergangenheit mehr Geheimnisse birgt als man annehmen konnte.


Zu Beginn ist dieser Kriminalroman tatsächlich etwas schwierig. Man bekommt den Eindruck, alles geht ein wenig durcheinander und es tauchen mehr Spuren auf als man erfassen kann. Hier mag möglicherweise ein Printexemplar durchaus einen Vorteil gegenüber einem ebook haben, da man dort schnell nochmal blättern kann. Kurz bevor die Frage aufkommt, ob man weiterlesen möchte, beginnen die Hinweise sich zusammenzufügen und es wird richtig spannend. Die Ermittler kommen einem Skandal auf die Spur, der sich gewaschen hat. Und als Leser will man irgendwann einfach nur noch hinter das letzte Geheimnis kommen. Auch das Ermittlerteam ist nach einer Gewöhnungsphase gewinnend gezeichnet, ohne zu kaputt zu wirken mit authentischer Tiefe.


4 Sterne


Aus dem Schatten des Vergessens von Martin Micaud

ISBN: 978-3-455-01007-7





Freitag, 4. Juni 2021

Übergöttin

Nivedita, die einen indischen Vater hat und eine polnische Mutter, studiert an der Uni Düsseldorf. Manchmal wünscht sie sich, sie wäre mehr indisch und nicht nur irgendwas. Saraswati ist die Professorin, die Nivedita am beeindruckendsten findet. Nivedita glaubt, mit Saraswati teilt sie ihre Identität. Doch plötzlich kommt es ans Licht: Saraswati ist eigentlich weiß! Wie kann das sein, sie, die so viel für die People of Colour zu lehren hat, über Identität, ist hat sich an der Uni als Person mit indischen Wurzeln angegeben, obwohl ihre Eltern Weiße waren? Nicht nur für Nivedita stürzt ihr Identitätsgebäude ein. Saraswatis Stellung an der Universität ist geschwächt, das Netz hetzt. 


Dies ist ein wahrlich ungewöhnlicher Roman, auf den man vielleicht nicht gewartet hat, der aber unbedingt gelesen werden sollte. Zwei Frauen, die junge Nivedita und ihre Professorin Saraswati, sie scheinen einen ähnlichen Hintergrund zu haben und ähnlich zu denken. Doch nach dem Skandal ist alles anders und Nivedita will ihre Lehrerin zur Rede stellen. Wie konnte sie nur? Doch Saraswati schafft es immer wieder, Nivedita einen anderen Blickwinkel aufzuzeigen. Hatte Saraswati etwa doch einen guten Grund? Was ist überhaupt Identität und könnte nicht auch alles ganz anders sein?


„Identitti“ greift ein Thema auf, mit dem man sich vielleicht noch nicht explizit beschäftigt hat, weil man der Mehrheit angehört. Dennoch saugt man die Worte ein, weil sie einen anderen Blickwinkel eröffnen. Gerade weil das Thema ungewohnt ist, ist das Buch manchmal nicht leicht zu lesen. Hin und wieder muss man nochmal zurückgehen und nachlesen und überdenken, ob man einzelnen Sätze richtig verstanden hat. Man hält inne, denkt nach, ist gefesselt. Die teilweise aberwitzigen Situationen und Verdrehungen sind wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, der einen erkennen lässt, wie dämlich man sich mitunter verhält. Die Autorin hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, der das Interesse weckt, über seine eigene Identität und den geschichtlichen Zusammenhang zu reflektieren. Auch wenn man selbst eher selten Bücher mehr als einmal liest, dieses hier könnte die Ausnahme sein.


4 Sterne


Identitti von Mithu Sanyal

ISBN: 978-3-446-26921-7




Donnerstag, 3. Juni 2021

Die Heimkehr

Die Biologin Nathalie kehrt für ein Forschungsprojekt an ihren Heimatort im Süden Schwedens zurück. So ganz wohl ist ihr nicht, denn ihre Kindheit war von tragischen Ereignissen überschattet.   Und das an den Ort grenzende Moor erscheint ihr gleichzeitig vertraut und unheimlich. Schon kurz nach ihrer Ankunft lernt sie einen sympathischen Jogger kennen und sie ist sehr besorgt als dieser niedergeschlagen wird und darauf im Koma liegt. Die Polizeifotografin Ma ya, die ihre Fotos am Auffindeort des jungen Mannes geschossen hat, entdeckt darauf eine seltsame Gestalt. Da auch sie aus der Gegend kommt, bietet sie dem ermittelnden Kommissar an, sich mal umzuhören.


Zwei Frauen, die ganz unterschiedlich mit den Ereignissen umgehen. Nathalie fragt sich, ob es richtig war zurückzukehren. Die Geschehnisse rufen Erinnerungen an ihre Kindheit wach, die sie nie richtig überwunden hat. Maya dagegen sucht einerseits das künstlerische Foto, ist andererseits aber auch die kühle Erforscherin der Menschen. Ihre Kunst eignet sich de gut als Aufhänger, um Gespräche zu beginnen. Und ihr geschultes Auge hilft ihr, auf Nuancen zu achten. Doch wer könnte etwas gegen den umgänglichen Jogger haben, der erst seit kurzem in der Gegend ist? Und was hat es mit dem Gerücht auf sich, dass das Moor seine Opfer fordert?


Dieser stimmungsvolle Thriller beginnt zwar etwas langsam wobei die Protagonistin Nathalie zu Beginn ein wenig kühl wirkt. Doch nach und nach baut sich eine Spannung auf, die sich auch aus den Beschreibungen des Moores und seinen Gefahren speist. Auch der Einstieg der Fotografin Maya bringt die Story voran. Sie erscheint geradeaus und bodenständig und mit ihrer intelligenten Art, schafft sie es einige Spuren richtig zu deuten. Während Nathalie sich ihren Erinnerungen stellt gewinnt auch sie an Profil. Gleichzeitig geben die Strömungen zwischen den Dorfbewohnern so viele Rätsel auf, dass man gefesselt bleibt bis zum überraschenden Schluss.


4 Sterne


Opfermoor von Susanne Jansson

ISBN: 978-3-570-10336-4