Samstag, 29. Februar 2020

Suspendiert

Kommissarin Vanessa Frank ist suspendiert. Nach der Trennung von ihrem Mann wurde sie mit Alkohol am Steuer erwischt. Obwohl sie es finanziell nicht nötig hat zu arbeiten, vermisst sie ihre Arbeit. Wenn sie ehrlich ist, weiß sie nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll. Deshalb engagiert sie sich ehrenamtlich für Flüchtlingsmädchen. Nicolas Paredes will zu Geld kommen, um mit seiner Schwester in eine schönere Gegend ziehen zu können. Maria wird gemobbt und schlecht behandelt. Sie hat etwas Besseres verdient. Deshalb haben Nicholas und sein Jugendfreund Ivan den Plan, reiche Männer zu entführen und das nötige Geld zu erpressen.

Was für Vanessa Frank in ihrem ersten Fall so relativ harmlos anfängt, zieht schließlich viel weitere Kreise als zunächst zu ahnen ist. Nicolas wird wegen seines aus Chile stammenden Vaters von südamerikanischen so genannten Geschäftsleuten angesprochen, um einen Job zu übernehmen. Nicolas, der früher als Soldat bei einer Eliteeinheit gekämpft hat, lehnt ab und macht sich damit unbewusst erbitterte Feinde. Sein Freund Ivan sieht einiges lockerer und gleichzeitig auch verbissener. Sein mangelndes Selbstbewusstsein, seine Überzeugung immer zu kurz zu kommen, führen ihn in die Nähe einer Katastrophe. 

Ein neuer Thriller von Pascal Engman, diesmal soll es der Start einer Serie um die Kommissarin Vanessa Frank sein. Damit sind gewisse Voraussetzungen anders als bei dem ersten Roman des Autors, bei dem es sich um einen Einzelband gehandelt hat. Was jedoch nicht anders ist: Der Autor greift ein sehr brisantes Thema auf. Diesmal geht es um illegalen Organhandel und zwar auf eine Art und Weise wie es perfider kaum noch möglich ist. Es werden die Schwächsten der Schwachen aufs Schlimmste ausgenutzt. Als Leser denkt man, damit können sie doch nicht durchkommen. Doch die Polizei ermittelt zunächst in einer anderen Sache und auch Vanessa Frank ist mit ihren privaten Problemen beschäftigt, so dass sie nicht besonders aufmerksam ist. Doch bald verbinden sich die einzelnen Handlungsstränge und das wahrhaft atemberaubende Finale lässt nichts zu wünschen übrig. Es ist einer dieser Thriller, die man in Teilbereichen aushalten muss, die aber ausgesprochen spannend sind und außerordentlich fesseln. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Feuerland von Pascal Engman
ISBN: 978-3-608-11572-7


Freitag, 28. Februar 2020

Das lange Auge

Mal wieder hat sie einen Anfall und ihre Vertraute Isern holt sie zurück und hilft ihr wieder auf die Beine. Was hat Rikke gesehen? Wird die Zukunft so sein? Rikke muss zurück zu ihrem Vater - ein Weg, der Gefahren birgt. Inzwischen wartet Leo dan Brock auf eine Gelegenheit zu kämpfen. Doch seine Mutter hält ihn immer wieder zurück, sie ist eine kluge Frau, sie hat aber auch Angst um ihren einzigen Sohn. Derweil spinnt Savine dan Glokta in Adua ihre Intrigen und schiebt Geschäfte an. Sie ist eine Frau mit Macht und es ist nicht zu übersehen, sie ist die Tochter des Erzlektors Sand dan Glokta.

Mal wieder kann man eintauchen in die Klingenwelt. Man muss nicht alle Romane kennen, die in dieser Welt angesiedelt sind, wahrscheinlich macht es aber Sinn die ersten Bände gelesen zu haben. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Band um den Start einer neuen Trilogie aus der Welt der Klingen. Der Fortschritt hat Einzug gehalten, immer mehr Fabriken werden gebaut, immer mehr Menschen verlieren ihren Rückhalt. Sie haben das Land verlassen, sie wurden durch Steuereintreiber enteignet, sie gingen in die Fabriken bis ihre Arbeitsplätze von Maschinen eingenommen wurden. Es herrscht Elend und es braut sich etwas zusammen. An den Rändern der Welt gibt es immer wieder Scharmützel und in der Mitte werden die Fäden gezogen.

Schon nach den ersten Sätzen ist man wieder angekommen in der Klingenwelt. Die Sprache des Autors, die auch in der Übersetzung nicht verloren geht, macht einen großen Teil des Reizes dieses Buches aus. Joe Abercrombie haut einem die Handlung mit deutlichen Worten um die Ohren und es ist eine Freude und Erleichterung, dass die Kinder mal beim Namen genannt werden. Die handelnden Personen sind so menschlich, die Schlechten ein wenig gut, die Guten ein wenig schlecht und allen nimmt man ab, dass sie eben sind wie sie sind. Manchmal wähnt man sich im Schlachtengetümmel, manchmal in Gefangenschaft. Zarte Gefühle gibt es nur wenige, doch sie bilden gerade den schönsten Kontrast zu den anderen mitunter recht brutalen Szenen. Die Klingen-Saga sollte man wirklich nicht verpassen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Zauberklingen von Joe Abercrombie 
ISBN: 978-3-453-31533-4


Donnerstag, 27. Februar 2020

Miss Biridie

Wie immer muss William Arrowood neidvoll zugestehen, dass Sherlock Holmes einfach die bessere Presse bekommt. Er ist in die Suche eines jungen Adligen einbezogen. Zu Arrowood kommt dagegen das Ehepaar Barcley. Dieses will herausfinden, wieso ihre Tochter Birdie, die seit ein paar Monaten verheiratet ist, ihre Eltern nicht sehen will. Es ist nicht schwierig, die frisch Verheirateten zu finden. Birdie und ihr Mann leben auf einer Farm. Doch bei einem Treffen ist kaum ein Wort aus Birdie herauszukriegen. Allerdings wirkt sie nicht sehr glücklich. Neugierig geworden, beginnen Arrowood und sein Partner Barnett mit weiteren Nachforschungen.

Dies ist der zweite Fall, in dem Arrowood und Barnett ermitteln, wobei Arrowoods Konkurrenz zu Sherlock Holmes nur am Rande auftaucht. Zu beschäftigt sind die beiden mit ihrem neuen eigenen Fall, die sie natürlich nicht in gehobenere Kreise führt, sondern eher in die Reihen der weniger Betuchten. Birdie ist dem Anschein nach eine freundliche, aber eher schlichte junge Frau. Sie schafft es nicht, sich aus ihrer Situation zu lösen. Ist sie überhaupt gerne verheiratet? Und was geht sonst noch auf der Farm vor sich? Ein Besuch dort ist unerläßlich und Arrowood erfährt, dass die Farm mehrere Arbeiter beschäftigt, die offensichtlich geistig eingeschränkt sind.

Nach dem ersten Band, in dem Arrowood wie eine Art armer Verwandter des weithin bekannten Holmes auftaucht und der dadurch seinen Charme bezieht, fehlt diesem zweiten Band diese Überraschung zwangsläufig. Am Beginn entwickelt sich die Geschichte so langsam und betulich, dass man zu der Überlegung kommt, ob man dem Roman sei es auch nur als Hörbuch noch mehr Zeit widmen möchte. Erst recht spät kommt der Autor zu dem eigentlichen Thema, der Behandlung oder eher Misshandlung der geistig Behinderten im ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei einige Beschreibungen kaum zu ertragen sind. Doch man beginnt mitzufiebern, ob nicht wenigstens ein paar der bedauernswerten Menschen aus ihrer Lage gerettet werden können und einer besseren Zukunft entgegensehen können. Dass Arrowood, um das ehrenvolle Ziel zu erreichen, teilweise seine schlechteren Seiten zeigen muss, nimmt man ihm nach einigen Erläuterungen nicht allzu übel. 

Angenehm vorgetragen wird dieses Hörbuch, das einiges Durchhaltevermögen einfordert, sich dann aber einen sehr interessanten Thema zuwendet, von Alexis Krüger.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Arrowood - Die Mördergrube von Mick Finlay

Das Hörbuch wurde heruntergeladen aus Apple Music, eine ISBN war nicht auffindbar

Sonntag, 23. Februar 2020

Ein kleines Erbe


Rachel war neu in Paris als sie Edgar kennenlernte. Irgendwann waren sie nur noch Freunde und trafen sich selten. Dennoch denkt Rachel gerne an die Zeit zurück. Umso schockierter ist sie, nachdem sie erfahren hat, dass Edgar plötzlich verstorben ist. Er soll nach einem Herzanfall in der Suppe ertrunken sein und auf dem Tisch stand eine Flasche Rosé. Das kommt Rachel eigenartig vor, denn Edgar trank keinen Rosé. Überraschend äußert Edgar in seinem Testament den Wunsch, Rachel möge seine Bibliothek ordnen und sich ein Buch aussuchen. Diese Gelegenheit will Rachel gemeinsam mit ihrer besten Freundin Magda nutzen, um diesen seltsamen Todesfall näher zu untersuchen.

Edgar hat seinem Sohn sein Vermögen vermacht und einige kleinere Legate gehen an seine Frau und einige Verflossene. Eigentlich hat niemand einen Grund, den wohlhabenden Bankier zu töten. In diesem Cosy-Crime will Rachel der Sache dennoch auf den Grund gehen. Ihre Freundin Magda ist ebenfalls mit Feuereifer dabei. Ihre Gespräche und die gemeinsamen Nachforschungen bilden das Gerüst eines anheimelnden Krimis. Dieser spielt in der heutigen Zeit, wäre mit seinem Ambiente aber vielleicht besser in den 1940ern oder 50ern angesiedelt. Die Gedankenspiele der Freundinnen erinnern an literarische Detektive aus eben jenen Zeiten, die allein durch Gedanken, Rededuelle und Kombination zu ihren Lösungen kommen.

Dieser Kriminalroman kommt ohne Hektik und weitgehend ohne Gewalt aus. Man stellt sich die amerikanischen Pariserinnen Rachel und Magda vor, wie sie im Bistro einen Espresso genießen und dabei versuchen, hinter die wahren Todesumstände von Edgar zu kommen. Gerne begibt man sich in die Gesellschaft der beiden Frauen und amüsiert sich über ihre teils abwegigen Vermutungen und freut sich über ihre Unermüdlichkeit im Wunsch dem alten Freud Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie schon erwähnt, würde der Roman vielleicht eher in eine früher Ära passen und so wirkt nicht immer alles stimmig und einige Verhaltensweisen der Frauen doch etwas leichtsinnig. Dennoch bietet dieser Roman mit seinen liebenswerten Protagonistinnen gute Unterhaltung.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Tote trinken keinen Rosé von Emilia Bernhard
ISBN: 978-3-455-00849-4


Samstag, 22. Februar 2020

Einfalt im Glauben


Im ländlichen Wisconsin leben Lyle und Peg Hovde. Ihr leiblicher Sohn Peter ist vor langer Zeit gestorben als er kaum ein Jahr alt war. Die Eheleute konnten nicht über seinen Tod hinwegkommen. Es erschien ihnen wie ein Wunder als sie die Möglichkeit bekamen ein Baby zu adoptieren. Die kleine Shiloh ist inzwischen groß und selbst Mutter. Vor einiger Zeit ist sie mit ihrem fünfjährigen Sohn Isaac wieder zu ihren Eltern gezogen. Der Kleine ist die ganze Freude seiner Großeltern. Besonders für Lyle ist Isaac das Liebste, was er hat, neben Peg und Shiloh natürlich.

Lyle und seine Familie leben in einer ländlichen Gegend in der Mitte des US-Bundesstaates Wisconsin. Obwohl mit über sechzig eigentlich schon im Ruhestand arbeitet Lyle noch auf einer Apfelplantage. Gerne nimmt er seinen Enkel mit zu den Apfelbäumen. Im Frühjahr, wenn die Apfelblüte beginnt ist es die schönste Zeit. Doch Lyle sorgt sich, wie lange es noch so bleiben wird, denn Shiloh scheint sich einer Gemeinde angeschlossen zu haben, die ihre Mitglieder den Familien entfremdet. Sieht sie denn nicht, dass der Prediger nicht nur Gutes im Schilde führt. Doch Shiloh ist erwachsen und sie ist die geliebte Tochter, die von ihm und Peg so behütet wurde.

Nickolas Butler versteht es Familiengeschichten zu erzählen, die man nicht so schnell vergisst. Egal, ob Glaube und Religion für einen selbst von Bedeutung sind, dieses Buch regt zum Nachdenken an und es regt auch auf. Lyle selbst hat viel von seinem Glauben verloren als sein Sohn gestorben ist. Es ist ihm unverständlich, wie sich Shiloh dieser ominösen Gemeinde in den Rachen werfen kann. Vielleicht ist es doch eher der Hals des Predigers, an den sie sich wirft. Bei allem Glauben und allem Vertrauen, das Wohl ihres Kindes sollte ihr eigentlich das Wichtigste sein. In ihrer Angst, Tochter und Enkel ganz zu verlieren, wissen Lyle und Peg nicht, was sie tun sollen. Und um den Gedanken, was richtig ist und ob blinder Glaube, der nicht mehr zum Wohl des Menschen wirkt, nicht vielleicht eher bekämpft werden sollte, dreht man sich im Kreis. Es wird keine Lösung geben so wie auch das Buch offener endet als man sich es bei einem Roman wünscht, so offen eben wie das reale Leben manchmal ist. Die wunderbaren Beschreibungen von Menschen und Landschaften fesseln und verbreiten eine Wärme, die der blinde Glaube vermissen lässt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ein wenig Glaube von Nickolas Butler 
ISBN: 978-3-608-96434-9


Freitag, 21. Februar 2020

Volltreffer


Der junge Amir arbeitet als Crowdworker, womit er eigentlich seine finanzielle Situation verbessern wollte. Schnell stellt er fest, dass er zwar viel arbeitet, aber irgendwie klappt es nicht mit dem guten Verdienst. Da kommt die Möglichkeit, bei der Politikerin Solveig Sander ein Praktikum zu machen, genau richtig. Un diese Zeit herum bekommt er einen Chip zugespielt und er vereinbart ein Treffen mit der Internetpersönlichkeit Habakuk. Dazu muss Amir nach Köln. Plötzlich scheint das gesamte Internet down zu sein. Amir erwischt gerade noch den Zug, der auch losfährt. Auch nach Köln schafft es Amir noch, obwohl er merkt, dass durch den Ausfalls des Netzes vieles nicht mehr funktioniert.

In Köln bekommt Hilfe von unerwarteter Seite, aber es lauern auch Gefahren in der schönen Stadt am Rhein. Was steckt in dem Chip? Ist das Internet noch zu retten? Amir fragt sich, ob er als Berufsanfänger überhaupt der Richtige für diese Mission ist. Er hofft, dass seine Chefin in unterstützt. Nach und nach kommt in ihm auch die Frage auf, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Server wieder auf Vordermann zu bringen. 

Was man hatte, merkt man meist erst, wenn es fehlt. So ist es auch mit dem Internet. Die kleinen Hilfen im Alltag wie ein Navi oder ein Wikipedia-Eintrag, man spürt sie kaum. Doch ist das Internet nicht mehr da, und man denkt, ich mache eben mal und nichts passiert, dann wird sehr schnell klar wie selbstverständlich das Netz geworden ist und wie viel inzwischen daran hängt. Auch wenn man wie Amir manchmal wünscht, es müsste alles nochmal neu aufgesetzt werden, es ist und bleibt ein zweischneidiges Schwert. In diesem Zukunftsroman wird einem schnell klar, dass sich das Leben ganz schön schnell verändern kann und nicht zum Besseren. Diese interessante und brisante Thematik hat der Autor dazu noch in eine fesselnde Romanhandlung gepackt, die einen so schnell nicht loslässt. Man wünscht, Amir möge zur Rettung des Internet beitragen und fragt sich doch, ob man sich der Geister, die gerufen wurden, wieder entledigen kann. Spannung und Schaudern herrschen vor in diesem Roman um eine Zukunft, die es hoffentlich nie geben wird.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Influence - Fehler im System von Christian Linker
ISBN: 978-3-423-23011-7


Donnerstag, 20. Februar 2020

Schauplatz Brixen


Der Onkel Sebastian war Lorenz Lovis` einzige Familie. Doch nun ist er nach einer schweren Erkrankung verstorben. Der letzte Wunsch des Verstorbenen: Lorenz möge den Hof übernehmen. Dieser lässt sich als Polizist seit Jahren von seinem Chef drangsalieren. Bietet sich jetzt etwa eine bessere Alternative? Lorenz Lovis nimmt die letzte Schikane nicht mehr hin, er kündigt. Nicht bedacht hat er, dass er von der Landwirtschaft keine Ahnung hat. Seine Mitbewohner auf dem Hof machen ihm das allerdings schnell klar. Und Schulden hatte der geliebte Onkel auch. Geld muss her. Lorenz Lovis sieht sich als Privatdetektiv, bei seiner Vorgeschichte als Polizist müsste das doch genau das Richtige sein.

In seinem ersten Fall nach seiner gescheiterten Polizeikarriere backt Lorenz Lovis erstmal kleine Brötchen. Eine besorgte Mutter bittet ihn, herauszufinden, was ihr 13jähriger so treibt. Es muss ja nicht gleich Mord und Totschlag sein. Außerdem trauert Lorenz noch um seinen Onkel. Bauer werden wollte er nie, aber Onekl Sebastian war Vater und Mutter, nachdem Lorenz Eltern früh verstarben. Und er will auch den Weinberg retten, der seit einiger Zeit sabotiert wird. Wäre dies nicht seine eigene Sache, wäre es schon der zweite Fall. Und wenn er die Sache mit den Uhus klärt, wäre das schon der dritte Fall. Und wären da die Schulden nicht, ginge es dem Lorenz fast gut.

Obwohl der Lorenz häufiger mal durch den Matsch stapft und immer die falschen Schuhe anhat, verbreitet dieser Detektivroman ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Der Lorenz Lovis wirkt zwar manchmal etwas phlegmatisch, hat aber doch Intuition und ein helles Köpfchen. Mit der Landwirtschaft hat er es zwar wirklich nicht so, aber ein Gespür wie er den Hof zusammenhält, das hat er. Auch durch seine Fälle spaziert er eher. Leicht ist sein Neuanfang nicht, aber er findet Rückhalt, mit dem er nicht gerechnet hat. Und so entsteht dieses heimelige Gefühl, dass diesen Krimi ausmacht. Dazu kommen noch die freundlichen Schilderungen von Land und Leuten, die auch an einem verregneten Tag echtes Urlaubsfeeling aufkommen lassen. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Feuertaufe von Heidi Troi
ISBN: 978-3-7104-0214-2



Sonntag, 16. Februar 2020

Teddybär


Ein Mann geht, mit einem Kind, mit einem Teddybär. Kurz vor den Sommerferien waren sie zum Schulflohmarkt. Der Junge hat noch sein Spielzeug abgegeben, Mutter und Schwester redeten nur kurz mit einer Lehrerin. Und der Junge war verschwunden. Die Polizisten Christian Sandner und Ben Neven werden mit den Ermittlungen betraut. Niemand hat etwas bemerkt. Das Kind ist wie in Luft aufgelöst. Lediglich eine Überwachungskamera hat einen Mann mit einem Kind aufgenommen. Nur wenig ist auf dem Bild zu erkennen. Weitere Befragen sind zunächst ohne Erfolg. Die Ermittler entschließen sich, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Aus den jeweiligen Blickwinkeln der handelnden Personen beschreibt dieser Roman die Suche nach einem kleinen Jungen. Dabei werden einfühlsame Einblicke in deren Innenleben gegeben. Die Familie des Jungen ist wie gelähmt. Haben Mutter und Schwester nicht genug aufgepasst? Der Vater hat es leicht, könnte man meinen. Er war beruflich unterwegs. Hat er es wirklich so leicht? Er hätte ja da sein können, so kurz vor den Ferien zu einer Schulveranstaltung. Und die Ermittler, natürlich sind sie fieberhaft bei der Sache. Aber manchmal sind sie auch abgelenkt. Niemand kann immer zu hundert Prozent konzentriert sein. Sandner wird an seine Jugend erinnert und Neven ist mit seiner Familie verwachsen. Doch nicht immer ist er ganz bei ihr.

Mit diesem Roman hat der Autor seinen Schauplatz von Finnland nach Wiesbaden gewechselt. Da ist man als Leser schon überrascht und muss sich erstmal zurechtfinden. Doch Jan Costin Wagner kann einfach schreiben. Mit manchmal nur wenigen Worten schafft er es, den Leser in die Welt der Polizisten, der Eltern und einiger anderer zu versetzen. Auch wenn nicht alles eingehend begründet wird, erfasst man doch die herrschende Stimmung. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Ermittlern und den Angehörigen. Denjenigen, die selbst kleinste Hinweise deuten müssen. Diejenigen, die am meisten leiden. Der Roman wirkt dabei weniger wie ein Krimi, sondern eher wie ein Stimmungsbild darüber, welche Auswirkung auf Gedanken und Gefühle sowohl der Angehörigen als auch der Ermittler das Verschwinden eines Kindes hat. Dieser etwas andere Ansatz gibt dem Buch eine besondere Note.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sommer bei Nacht von Jan Costin Wagner
ISBN: 978-3-462-32145-6


Samstag, 15. Februar 2020

Tod & Devine


1863: Auf dem Friedhof trifft die private Ermittlerin Birdie Devine den toten Boxer Ruby. Birdie ist etwas niedergeschlagen, denn ihr letzter Fall endete nicht so wie sie es sich gewünscht hätte. Bald wird Birdie zu Baronet Sir Edmund gerufen. Seine kleine Tochter wurde entführt und Birdie soll sie finden und zurückbringen. Schnell findet Birdie heraus, dass sich nicht nur ein einfaches kleines Mädchen finden muss. Sie muss aufklären, was einige seltsame Gestalten mit der Sache zu tun haben und auch mit ihrer eigenen Vergangenheit muss sich Birdie auseinandersetzen. Ruby ist ihr dabei manchmal eine Hilfe und immer eine gute Gesellschaft.

Birdie ist eine, die sich durchzusetzen weiß. Das, ihre Erfahrung mit medizinischen Untersuchungen und ihre detektivische Spürnase helfen ihr, die Aufgaben zu lösen, die an sie herangetragen werden. Das Ruby ihr zum guten Freund wird, kommt doch einigermaßen unerwartet und ist von leichter Wehmut begleitet, schließlich ist ein Geist doch eher ätherisch. Die Suche nach der kleinen Christabel gestaltet sich eher schwierig, immer scheinen die Täter knapp zu entwischen. Doch langsam kommt Birdie dem Mädchen und ihrem Hintergrund auf die Spur.

Im viktorianischen England angesiedelt ist diese Geschichte einiger menschlicher Absonderlichkeiten ein gelungener Ausflug zu der Frage, was man glauben kann und was nicht. Mit Birdie Devine wird dabei eine sympathische Heldin präsentiert, die mit ihrem toten Freund einen ungewöhnlichen Gegenpart hat. Birdie ist erfreulich offen und nimmt die Anwesenheit von Ruby mit großer Gelassenheit, aber auch in dem Wissen, dass Gespenster die Tendenz haben, zu verschwinden. Diese Tendenz allerdings zwingt zu einen Ende, das man sich irgendwie anders gewünscht hätte, das aber gleichzeitig kaum anders möglich ist.

Ein Krimi, eine Geistergeschichte, ein Besuch im Raritätenkabinett eines Zirkus` - es lässt sich nicht entscheiden, wo man diesen Roman einordnen könnte. Das gibt dem Buch eine besondere Note. Von der Geschichte wird man schnell gepackt und auch der Ton ist gut getroffen. Wie schon bei anderen Büchern werden Protagonisten vorgestellt, von denen man gerne mehr lesen würde. Diesen Wunsch hat die Autorin soweit bekannt bisher nicht erfüllt. Dennoch kann diese Geschichte wärmstens empfohlen werden, wenn man auch den Gothic-Erzählungen der damaligen Zeit gewogen ist.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Ewigkeit in einem Glas von Jess Kidd
ISBN: 978-3-8321-8470-4


Freitag, 14. Februar 2020

Wintertod 1973


Harry McCoy ist im Heim aufgewachsen. Nie hätte er gedacht, dass er es mal bis zum Detective schafft. Als ihn ein Gefängnisinsasse warnt, eine junge Frau werde zu Tode kommen, glaubt McCoy das nicht. Trotzdem versucht er mit den wenigen Hinweisen, die Frau zu finden und zu warnen. Allerdings kommen er und sein junger Kollege Wattie zu spät. Vor ihren Augen wird die Restaurantmitarbeiterin Lorna erschossen und bevor sie noch irgendetwas veranlassen können, bringt sich auch der Täter um. Harry McCoy verbeißt sich in den Fall, er will herausfinden, was den jungen Mann dazu gebracht hat, auch Lorna zu schießen.

Zurück in die 1970er geht es beim ersten Auftritt von Detective Harry McCoy. In winterlich verregneten Glasgow des Januars 1973 versucht der Polizeibeamte, die Fährte aufzunehmen. Seine Vergangenheit bleibt ihm dabei immer gegenwärtig. Die alten Verbindungen können ihm manchmal helfen, doch wesentlich leichter machen sie seine Arbeit nicht. Lange dauert es allerdings nicht, bis sich herausstellt, dass Lorna nicht die unschuldige Kellnerin war wie es zunächst von ihr angenommen wurde. Dennoch hat sie einen solchen Tod nicht verdient. Nichts kann McCoy davon abbringen, die Wahrheit zu finden.

So düster wie das Titelbild ist die Vorstellung, die die Handlung weckt. Man stellt sich Regen und Kälte vor. Man sieht einsame dunkle Straßen, die McCoy durchwandert. Das Verbrechen scheint überall zu sein und die Verbindungen zwischen Polizei und Verbrechen wirken manchmal enger als es erlaubt sein kann. Und doch wird in diesem Fall das Unterste zu Oberst gekehrt. Was zunächst in die eher niedrigen Schichten der Stadtstreicher zu weisen scheint, führt dann bis in die höchsten Kreise der Stadt. Mit diesem Crime Noir zeigt der Autor, dass früher auch nicht alles Gold war. Sex und Drogen beherrschten die Szene und man bekommt den Eindruck, dass sogar die Polizei Mühe hatte, sich davon fern zu halten. Harry McCoy bleibt, auch wenn nicht alle seine Gewohnheiten nachvollziehbar sind, sympathisch und integer. Einer, der mehr geschafft hat als je erhofft, der jedoch immer daran arbeiten muss, seinen Platz zu halten. Verpackt ist diese düstere Milieustudie in einen fesselnden Fall. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blutiger Januar von Alan Parks
ISBN: 978-3-453-27188-3


Donnerstag, 13. Februar 2020

Der Zugereiste


Commissario Antonio Morello aus Sizilien hat den Kampf gegen die Mafia aufgenommen. Seinen Fall hat er gelöst, allerdings ist seine Sicherheit gefährdet. Deshalb wird er ins ruhigere Venedig versetzt. Dort ist er noch nicht ganz angekommen als er den jungen Taschendieb Claudio auf frischer Tat ertappt. Auf der Flucht kommt der junge Mann nicht weit. Morelli schnappt den Dieb, auch wenn er dafür in den nächsten Kanal springen muss. Und so ist seine Ankunft an der neuen Dienststelle derangiert, aber irgendwie auch spektakulär.

Das neue Autorengespann Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo legt hier seinen ersten Kriminalroman vor. Schorlau ist bekannt von seinen Dengler-Krimis und Caiolo hat in verschiedenen Produktionen als Schauspieler mitgewirkt. Gemeinsam schicken sie ihren Kommissar auf einen vermeintlich ruhigeren Posten nach Venedig. Doch auch diese schöne Stadt ist vor Verbrechen nicht gefeit. Schon bald nachdem Morello mitbekommen hat, dass er seinen einheimischen Kollegen vor die Nase gesetzt wurde, wird ein junges Mitglied einer Protestorganisation tot aufgefunden. Der junge Mann hat sich dafür eingesetzt, die vielen großen Kreuzfahrtschiffe aus der Stadt zu verbannen. 

Nicht ganz leicht macht es sich Antonio Morello in seinem neuen Betätigungsfeld und nicht ganz leicht hat er es. Schließlich ist es im Kollegenkreis nicht ganz einfach, wenn sich vielleicht ein anderer Hoffnung auf eine Beförderung gemacht hat. Und Antonio will eigentlich am liebsten wieder zurück. Doch bald schon entwickelt sich ein spannender und brisanter Fall. Je näher man Antonio Morello kennenlernt, desto sympathischer wird er. Wie es so ist unter Neuen, tut sich das Team zunächst etwas schwer, was wohl nicht nur in Romanen so ist, sondern auch im richtigen Leben. Solch eine Situation ist wahrscheinlich für die Meisten gut nachvollziehbar. Dies haben die Autoren gut getroffen und sie scheuen sich nicht, unliebsame Wahrheiten auszusprechen. Eine unserer liebsten Touristenidyllen wird vom Verbrechen nicht verschont. Zum Glück kommt bei aller Brisanz auch der Humor nicht zu kurz. Und auch ein besonderer Blick auf die Architekturschönheiten Venedigs eröffnet sich dem Leser.

Dieser erste Teil einer neuen Reihe um Commissario Morello ist zwar nicht ganz so bissig wie Schorlaus Dengler, aber seine Leichtigkeit besticht und inhaltlich ist der Roman spannend und lehrreich.

Italienische Ausdrücke werden meistens direkt übersetzt. Das Wort, welches gefühlt am häufigsten im Roman vorkommt, erfährt keine Übersetzung, dafür hat es einen eigenen Wikipedia Eintrag. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der freie Hund von Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo
ISBN: 978-3-462-32092-3


Montag, 10. Februar 2020

Ivana


Drei Polizisten wurden angegriffen, zwei von ihnen starben bei den Angriffen. Kommissar Thomas Rongen untersucht die Verbrechen. Einem Verdächtigen ist er auf der Spur. Frank Brenner wurden von zwei der Beamten ins Gefängnis gebracht. Er hat seine Strafe abgesessen und könnte auf Rache sinnen. Rongen verfolgt den Verdächtigen eigenmächtig in ein Waldstück. Eigentlich sollte er auf Verstärkung warten. Als er Brenner stellt, hat dieser eine Waffe in der Hand. Rongen schießt in Notwehr und der Verdächtige stirbt. Zu Rongens Erstaunen entwickeln sich die Ermittlungen der Kollegen aus Bonn anders als erwartet. Sie scheinen in Zweifel zu ziehen, ob er tatsächlich in Notwehr gehandelt hat.

In seinem dritten Fall wird Nicholas Meller zum Anwalt des Polizisten Thomas Rongen. Seine on/off Freundin Nina arbeitet inzwischen als Juristin im Polizeipräsidium. Doch Dienstliches und Privates müssen getrennt sein. Und so versucht Meller mit seinem Mandanten zusammenzuarbeiten. Rongen und er sind schon früher zusammengetroffen. Befreundet sind sie nicht, aber inzwischen haben sie Respekt füreinander entwickelt. Wieso Rongens Stand bei den Kollegen nicht so gut ist, bleibt zunächst ein Rätsel. Der überlebende der drei angegriffenen Beamten hat Brenner schließlich als Täter identifiziert, also muss Rongen doch auf der richtigen Spur gewesen sein.

Der in Tomsk geborene Anwalt Nicholas Meller ist schon ein Charakter für sich. Obwohl schon als Kind nach Deutschland gekommen, verleugnet er seine Herkunft nicht. Vielleicht beflügelt diese Mischung der Einflüsse seine Findigkeit als Jurist noch. Auch wenn er mehrfach betont, dass er als Verteidiger nicht ermitteln, sondern nur berechtigte Zweifel wecken muss, forscht er doch solange nach, bis er eine plausible Lösung gefunden hat. 

Es ist eines dieser Bücher, die man fast in einem Rutsch durchliest. So interessant und spannend ist die Ausgangsposition und die überraschenden Entwicklungen, die sich aus ihr ergeben. Man hofft zwar, dass ein Polizist nicht vor allem geschützt ist, man rechnet jedoch nicht damit, dass er so plötzlich von der Behörde fallen gelassen wird. Wie kann das denn sein? Man ist gepackt und will es wissen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Opferfluss von Lorenz Stassen
ISBN: 978-3-453-43945-0


Sonntag, 9. Februar 2020

Opferritual


Noch ist Inspektor Ayala, der seit seiner Jugend Kraken genannt wird, nicht wirklich genesen. Zwar konnte er das Krankenhaus verlassen, aber seine Sprachstörungen sind immer noch enorm. Seine Chefin meint, er soll sich endlich in die Ergotherapie stürzen, sonst kann er nicht in den Dienst zurückkehren. Als jedoch Ayalas Jugendliebe tot aufgefunden wurde, und der Fundort wie bei einem Ritual hergerichtet scheint, will der Fallanalytiker in Kraken unbedingt dabei sein. Er wird bis zu seiner vollständigen Wiederherstellung als Berater in dem Fall eingesetzt. So kann er mit seiner Partnerin Esti an dem Fall arbeiten und in der freien Zeit mit der Sprachtherapeutin versuchen, weitere Fortschritte zu erzielen.

Auch in seinem zweiten Fall wird Inspektor Ayala enorm gefordert. Natürlich wollen er und Esti herausfinden, weshalb seine Jugendfreundin auf so eigenartige Weise umkam. Gleichzeitig werden aber auch Ayalas Erinnerungen an seinen Aufenthalt in dem Ferienlager geweckt, während dessen er die nun Verstorbene kennengelernt hat. Damit kann die Tat doch nichts zu tun haben, oder? Spuren ergeben sich zunächst nur wenige und Ayala ist sehr eingespannt mit der Therapie. Schließlich wird er den Fall nicht lösen, indem er über ein Tablett kommuniziert. Da ist auch sein Großvater vor. Der weise alte Mann würde das Smartphone seines Enkels am liebsten wegschmeißen.

Gekonnt wird dieses Hörbuch vorgetragen von Uve Teschner. Und wieder ermittelt Ayala in einem spannenden Fall, in dem er persönlich involviert ist. Zwar wirkt es ein wenig unwirklich und weit hergeholt, dass er und seine Vergangenheit wieder einen Bezug zu dem Fall haben. Dennoch gelingt es der Autorin eine Krimihandlung zu entwickeln, die bis zum Schluss fesselt. Allerdings ahnt man einen nicht unwichtigen Teil der Lösung bereits, während die Ermittler noch im Dunkeln tappen. Auch das tut der Spannung keinen Abbruch, schließlich kann man sich auch darauf einlassen, Inspektor Ayala bei der Wahrheitsfindung zu beobachten. Ein gefälliger Hörbuchkriminalroman, der einen gelungenen Zeitvertreib bietet.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Das Ritual des Wassers von Eva García Saénz
ISBN: 978-3-8398-1729-2


Samstag, 8. Februar 2020

Heimatinsel


Weihnachten - die Familie ist da. Es ist schön, aber eigentlich wird es langsam zu viel. Karen Eiken Hornby ist froh als sie zu einem Einsatz gerufen wird. Eigentlich ist sie nach der Verletzung noch krankgeschrieben, aber viele Kollegen haben sich mit Grippe krank gemeldet. Auf Karens Heimatinsel ist ein alter Lehrer zu Tode gekommen. Und die Umstände sind zumindest nicht eindeutig. Karen macht sich über die winterlichen Straßen auf den Weg, um die örtlichen Kollegen zu unterstützen. Erinnerungen kommen auf, sie war doch schon lange nicht mehr hier. Auch die Überlegungen, wer etwas vom Tod des Pensionärs gehabt haben könnte, reißen nicht ab.

In ihrem zweiten Fall ist Karen Eiken Hornby zwar in der Bewegung noch ein wenig eingeschränkt, aber ihr Arbeitswille ist da. Mit Eifer stürzt sie sich in die Untersuchung. Mit den Kollegen vor Ort muss sie sich erst zurechtfinden. Nicht immer ist es angenehm, wenn die Kripo von der  übernimmt. Zum Glück erweisen sich die Kollegen als weitgehend umgänglich. Knurrig sind eher die üblichen Verdächtigen, wie der Gerichtsmediziner. Zunächst wird das familiäre Umfeld untersucht, allerdings ergibt sich hier kein eindeutiger Hinweis. Der Enkel des Opfers hätte vielleicht ein Motiv. Aber diese Lösung erscheint doch zu einfach.

Man muss den ersten Band nicht kennen, um die Ermittlungen um den Tod des Lehrers zu verstehen. Der Fall selbst vermittelt zunächst den Eindruck, es könne sich um eine Sache handeln, die sich schnell aufklären lässt. Doch es ergeben sich mehr und mehr Hinweise, die klar machen, so einfach ist es nicht. Und auch privat macht sich Karen um verschiedene Themen Gedanken. Diese gelungene Mischung aus sich langsam steigernden Schwierigkeiten und Spannungen bei der Ermittlung und den privaten Ansätzen macht diesen Kriminalroman sehr lesenswert und unterhaltsam. Langsam führen die Spuren zu einem fulminanten Finale, das für den etwas behäbigen Beginn bestens entschädigt. 

Diese Krimireihe bietet eine kleine Flucht aus einem manchmal allzu vollgepackten Alltag, einfach gute Unterhaltung.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Doggerland - Tiefer Fall von Maria Adolfsson
ISBN: 978-3-8437-2098-4


Freitag, 7. Februar 2020

Püppchen


Naia Thulin hält nicht viel von ihrem Kollegen Msrk Hess. Er wurde an Europol entliehen und nun zeitweilig zurückgeschickt. Unter Polizisten ist es eher unrühmlich, geschickt zu werden. Als Ermittler ist er innovativ, aber auch zerstreut und sein Verhalten ist auch nicht gerade als teamfähig zu beschreiben. Thulin wird das schon aushalten, sie steht vor der nächsten Stufe auf der Karriereleiter. Nur noch dieser eine Fall der getöteten Mutter, der eine Hand abgeschnitten wurde. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn und ihrem Lebensgefährten ein zumindest nach außen hin ein zufriedenes Leben führte.

An diesem Buch kommt man kaum vorbei. Allenthalben wird es gelobt. Am Anfang kann man das nicht ganz nachvollziehen, doch je länger man liest, desto mehr ist man gefesselt. Mit Naia Thulin und Mark Hess werden zwei starke Charaktere zu einem Team zusammengewürfelt. Am Beginn harmonieren sie nicht gerade, da scheint jeder seinen eigenen Fall zu verfolgen. Doch irgendwie ergänzen sich die Ansätze doch. Mark Hess ist ein getriebener, dessen Hintergrund auf den ersten Blick nur aus Leere besteht. Naias kleine Tochter bemängelt, dass ihr Stammbaum nur aus drei Bildern besteht: Großvater, Naia und sie. Naja, wenn die Haustiere mitgezählt werden, sind es fünf. 

Gleichzeitig ein Schocker und ein intelligent konstruierter Kriminalroman. Da passt zunächst nichts zusammen, eine Frau, die grundlos getötet wird. Und gerade als sich eine Lösung andeutet, geschieht ein weiterer Mord, der wieder nicht passt. Und was hat das Ganze mit der Tochter der Politikerin zu tun? Das Mädchen wurde vor einem Jahr entführt und getötet. Warum nur, wurde bei dem Opfer eine kleine Figur aus Kastanien gefunden? Nach und nach ist es, als habe man eine kalte Hand im Nacken. Unbedingt muss man weiterlesen, um herauszufinden, was es mit den Kastanienpüppchen auf sich hat. Abgründe tun sich auf, in die man eigentlich nicht schauen möchte. Und doch schaut man und man schaut. Und am Ende weiß man, wer der Kastanienmann ist und man fragt sich, ob für Thulin und Hess noch weitere Fälle zu lösen sind.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Kastanienmann von Søren Sveistrup
ISBN: 978-3-442-31522-2


Sonntag, 2. Februar 2020

Pokerspiel


Nach den Ereignissen mit Bella und Mikke glaubt Sara, aufatmen zu können. Sie tritt eine Stelle als Trainee bei McKinsey an. Die renommierte Unternehmensberatung kann ein tolles Karrieresprungbrett sein. Sara fügt sich gleich gut ein, die langen Arbeitszeiten machen ihr nicht viel aus. Schnell findet sie ein paar sympathische Kollegen, besonders mit Johan versteht sie sich gut. Auch eine neue Wohnung hat sie bezogen. Bald allerdings glaubt sie Stimmen zu hören und sie befürchtet, dass alles von vorne losgeht. Trachtet jemand danach, sie des Verstandes zu berauben? Sara beginnt wieder in den Aufzeichnungen ihres Vaters nach möglichen Hinweisen zu suchen.

Welches ist die richtige Wahrheit? Sara sucht danach und sie sucht auch nach Verbündeten. Es stellt sich ihr die Frage, ob sie überhaupt noch jemandem trauen kann. Diese geheime Organisation, die wohl ihren Vater auch dem Gewissen hat, scheint alle Möglichkeiten zu haben und zu nutzen, um in ihr Leben einzudringen. So ganz mag sich Sara niemandem öffnen, zu groß ist ihr Misstrauen. Nur ihre Schulfreundin Sally und den Journalisten Andreas zieht wie weitgehend ins Vertrauen. Gleichzeitig scheinen die Feinde ihr immer näher zu rücken. Die Eingriffe sind subtil und wirken dadurch umso bedrohlicher. 

Im zweiten Band der Widerstandstrilogie sind verschiedene Handlungsstränge geschickt verknüpft. Zum einen werden Hinweise zu verschiedenen Skandalen gefunden und strafbare Handlungen aufgedeckt. Zum anderen scheint sich ein Netz aus Bedrohungen um Sara zu ziehen, dem sie kaum entkommen kann. Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Schwer vorstellbar, wie es sein muss, unter so einer dunklen Wolke zu leben. Etwas zu kurz kommen allerdings die Entdeckung von Spuren zu den Drahtziehern. Zwar wird keine Zweifel daran gelassen, dass die Gefahr besteht, aber ein langsamer Aufbau von Hinweisen auf die Identität der Täter und ihrer Motive wird einem vorenthalten. Die Dramatik der Aufdeckung des Geschehens und die tragischen Ereignisse in Saras persönlichem Umfeld machen diesen Thriller zu einer fesselnden und aufwühlenden Lektüre.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Scheintod von Louise Boije af Gennäs
ISBN: 978-3-95890-242-8


Samstag, 1. Februar 2020

Der hübsche Soldat


Ermittlerin Oyun wird zu einem Leichenfund in der Steppe gerufen. Bei der Kälte lassen sich die verschiedenen gefrorenen Kadaver kaum trennen. So ist Oyun für die Hilfe des Soldaten Gourian dankbar, der einen Vorschlag hat, wie man die Leichen auftauen kann. Yeruldelgger versucht inzwischen herauszufinden, wieso seine gute Bekannte Colette ermordet wurde und ihr Ziehsohn verschwand. Womit er nicht rechnet, er selbst gerät in Verdacht, Colette umgebracht zu haben. Um die Wahrheit zu finden, muss Yeruldelgger sich den Behörden entziehen. Doch wo soll er ansetzen? Eine Spur führt ins weit entfernte Frankreich.

Wieder entführt uns der Roman in die Mongolei, die hier den Meisten weitgehend unbekannt sein dürfte. Im eisiger Kälte ermitteln Oyun und Yeruldelgger in Fällen, bei denen unklar ist, ob zwischen ihnen ein Zusammenhang besteht. Zu viele  sehr unterschiedliche Beteiligte tauchen auf, die doch eigentlich nichts miteinander zu tun haben können. Doch nach und nach ergibt sich ein Muster, dem die Ermittler nachgehen. Dass Yeruldelgger und Oyun auf ihren unterschiedlichen Wegen immer wieder in brenzlige Situationen kommen, verwundert nicht. Zu hartnäckig und unbestechlich sind die beiden. Sind sie möglicherweise sogar in Gefahr, den Tätern immer ähnlicher zu werden?

Auch in dem zweiten Band um den Inspector Yeruldelgger besticht der Autor mit seinen Beschreibungen der kargen Landschaft, des unwirtlichen Wetters und den urigen sympathischen Charakteren der handelnden Personen. Mehr als einmal taucht man ein in Kälte, eisigen Winden und trostlosen postkommunistischen Städten. Allerdings erscheint die Konstruktion des Falles etwas zu verschachtelt, die beteiligten Personen zu zahlreich. Dennoch blitzt immer wieder der Charme auf, der im ersten Teil der Reihe beinahe durchgängig zu bestaunen war. Der Roman fesselt meist ungemein und weckt Interesse an der fernen Mongolei, wo doch so andere Sitten herrschen und die gerade deshalb fasziniert. Yeruldelgger ist ein besonderer Charakter, dem man wünscht, ihm möge ein besseres Leben vergönnt sein. Vielleicht erreicht er das im dritten Band, der im Original bereits erschienen ist.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Mongole - Kälter als der Tod von Ian Manook
ISBN: 978-3-7645-0606-3