Mittwoch, 29. Januar 2020

Wie Hund und Katz


Obwohl ihr Mann Nicolai Golatti viel älter war, haben er und Aleydis de Bruinker eine gute Ehe geführt. Und nun, nach seiner Ermordung, die aufgeklärt werden konnte, ist die junge Witwe Alleinerbin. Im Jahr 1423 hat sie es als Frau allein nicht leicht. Zudem hat sie auch feststellen müssen, dass Nicolai neben seiner Wechselstube auch noch andere Geschäfte führte. Besser wäre es schon, wenn sie einen Gefährten hätte. Allerdings will sie auch nicht nur wegen des Geldes und der Stellung geheiratet werden. Mit dem Gewaltrichter Vinzenz van Cleve legt sich Aleydis nicht nur einmal an, aber manchmal sind seine Ratschläge durchaus hilfreich.

Bei diesem historischen Roman handelt es sich um den zweiten Band der Reihe um Aleydis de Bruinker, wobei es im ersten Teil wohl um den Mordfall Nicolai Golatti geht. Zwar ist es zum Verständnis nicht unbedingt notwendig, da die Geschichte aufeinander aufbaut, empfiehlt es sich mit dem ersten Band zu beginnen. Mit dem vorliegenden Band springt man gleich in den für Aleydis noch fremden Alltag ohne ihren Mann. Sie muss sich mit den Alltäglichkeiten rumplagen und auch mit den unterschiedlichen Unternehmungen ihres Mannes. Sie hat entdeckt, dass er auch Geld verliehen hat und sie fragt sich, wie sie den Schuldnern gegenüber auftreten soll. 

Nicht nur ein rätselhafter Brandanschlag fesselt die Leser, sondern auch die prickelnden Wortgefechte zwischen Aleydis und Vinzenz machen Lust auf mehr. Sie mögen es noch nicht zugeben, aber sie harmonieren doch ausgesprochen gut. Gemeinsam erfahren sie mehr über Nicolais geheime Geschäfte und kommen auf die Hintergründe zu dem Brand. Die Schilderungen des mittelalterlichen Kölns sind dabei lebendig und interessant. Man weiß natürlich nicht genau wie es war, aber man kann sich gut vorstellen, so könnte es gewesen sein. Das rundet die Handlung dieses Romans wunderbar ab. Dieser historische Roman beinhaltet genau die richtige Mischung aus spannender Fiktion und gut recherchiertem Geschichtswissen. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Ring des Lombarden von Petra Schier
ISBN: 978-3-499-27502-9


Montag, 27. Januar 2020

Cassie Christmas


Cassie ist glücklich mit ihrem Lebensgefährten Jim. Sie führen ein einfaches aber zufriedenenes Leben. Doch vor einigen Monaten hat Cassie plötzlich ihren Job verloren und bisher nichts Neues gefunden. So langsam verlässt Cassie der Mut. Und auch die finanzielle Lage des Paares wird immer angespannter. Da kommt Cassie die rettende Idee. Sie wird die Weihnachtswünsche anderer Menschen erfüllen. Zunächst läuft ihr Geschäft etwas schleppend an, schnell spricht sich jedoch herum, dass Cassie Christmas ein Gespür für die Wünsche ihrer Mitmenschen hat und Cassie kann sich vor Aufträgen kaum noch retten. Als besonderer Kunde erweist sich der Millionär Carter.

Mit Cassie lernen wir eine sympathische junge Frau kennen, die momentan etwas gebeutelt ist vom Leben. Doch mit ihrem Ideenreichtum und ihrer Energie schafft es Cassie, sich aus der Misere zu befreien. Ihr Freund Jim und auch ihre Schwester Gaby unterstützen sie bei der Erfüllung der Kundenwünsche. Es gilt Weihnachtskarten zu schreiben, Geschenke einzupacken, Weihnachtsbäume zu schmücken und Weihnachtsfeiern zu organisieren. Mit der Bekanntschaft Carter Randalls bekommt Cassie Smith genannt Christmas einen Einblick in eine ganz andere Welt. Sie erfährt, dass bei den Reichen auch nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, aber Menschen ohne Geldsorgen schon ein anderes Leben führen.

Vielleicht passt dieser Roman doch besser in die Vorweihnachtszeit. Die Idee Cassies, Weihnachtswünsche zu erfüllen, lässt eine anheimelnde Stimmung entstehen. Cassie lernt neue Menschen kennen und einige ihrer Kunden wachsen ihr ans Herz. Mit Carter Randall könnte auch eine Romanze in ihr Leben treten. Doch irgendwie entsteht beim Lesen der Eindruck als habe die Autorin sich nicht entscheiden können, ob sie eine Cinderella-Story schreiben möchte, in der die Helden ein anderes Leben und eine andere Liebe findet, oder doch lieber die Geschichte einer Wunscherfüllungsfee, die beim Eingehen auf die Bedürfnisse anderer wächst und sich selbst etwas schafft und mit ihrem Partner glücklich ist. Beides in einem Buch funktioniert nicht so hervorragend. Für die erste Geschichte prickelt es nicht genug und für die zweite gerät Cassie zu sehr und unnötig auf Abwege. Die Idee einer Cassie Christmas ist wirklich herzerwärmend.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Calling Mrs Christmas von Carole Matthews
ISBN: 978-0-7515-4558-6



Sonntag, 26. Januar 2020

Eberhofer-Kreisel


Es läuft beim Eberhofer, Franz. Mit der Susi läuft es, mit dem Paulchen und der Lotta. Natürlich vermisst er seinen Ludwig, aber dafür gibt es eben die Lotta. Sogar den neuen Kreisel wollen sie nach ihm benennen. Deshalb ist der Rudi vergrätzt, schließlich hilft er dem Franz bei allen seinen Fällen, nur dass er eben nicht mehr bei der Polizei ist. Aber nun gibt es Streß mit dem Lotto-Otto, der hat sein Geld beim Spielen durchgebracht und mehr als das. Nun hat er Schulden, bei gar unfreundlichen Leuten und er fürchtet um sein Leben.

Und so muss der Franz mal wieder aus seiner Komfortzone und mit der Arbeit beginnen. Das allerdings wird nicht so einfach, denn nicht so wie gewohnt kann er sich auf Rudi verlassen. Nein, der kündigt ihm die Freundschaft, nur noch eine Arbeitsbeziehung soll es sein. Franz weiß nicht wie ihm geschieht. Wie kommt der Rudi denn auf solche eine komische Idee. Ehrlich gesagt, hat der Franz dem Lotto-Otto nicht so recht geglaubt, dass er in Gefahr schwebt. Als es jedoch im Lotto-Laden eine Explosion gibt, muss der Eberhofer einsehen, dass hier eingehende Ermittlungen angebracht sind.

Wie immer gekonnt vorgetragen von Christian Tramitz bietet dieser zehnte Fall des Franz Eberhofer ein kurzweiliges Hörvergnügen mit dem urigsten bayrischen Akzent. Da grummelt und grantelt es an allen Ecken und Enden. Und manchmal eher zufällig kommt der Franz zu einer Lösung, die sogar seine Vorgesetzten in Erstaunen versetzt. Da kommt der Kreisel zu seinen Ehren genau richtig. Als Leser/Hörer kann man sich an den Geschichten um den Franz und seine Mannen erfreuen, es geht immer ein wenig voran und es darf gerne noch zehn Fälle für den Eberhofer, Franz geben. Manchmal ist es gerade das, was es braucht, mal etwas nicht ganz so Ernstes. Ein urbayrisches Krimivergnügen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Guglhupfgeschwader von Rita Falk
ISBN: 978-3-7424-1120-4


Samstag, 25. Januar 2020

Februar 1973


Der Polizist Harry McCoy ist wieder im Dienst. Und sofort wird er zu einem Mordfall gerufen. Auf einem Hochhaus wurde die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Sein Anblick ist nicht leicht zu ertragen. Bei dem Opfer handelte es sich um einen aufstrebenden Fußballspieler, der mit der Tochter eines bekannten Glasgower Unterweltbosses verlobt war. Dieser taucht schließlich mit seinem Anwalt bei der Polizei auf und präsentiert eine doch erstaunliche Geschichte. McCoy müssen es sich zu Aufgabe machen, Wahrheit und Lüge zu trennen. Der Hintergrund der Tat muss ans Licht. 

In den 1970ern angesiedelt gestalten sich die Ermittlungen der Beamten herrlich old school. Harry McCoy hat mit diesem Fall seinen zweiten Auftritt. Und hier ist er noch dabei, die Auswirkungen der vorherigen Untersuchung zu überwinden. Gleichzeitig muss er sich mit seiner eigenen Vergangenheit befassen, was sich als sehr schmerzhaft erweist. Bei seiner Kindheit muss es ein Kraftakt gewesen sein, zu einen vielleicht etwas ruppigen, aber doch angesehenen Mitglied der Gesellschaft zu werden. So ganz allerdings kann McCoy seine Vergangenheit nie verleugnen. Und der aktuelle Fall erweist sich als verzwickt, denn hinter der vermeintlichen Lösung steckt doch mehr. 

Für das Verständnis dieses Verbrechens ist die Kenntnis des ersten Bandes nicht vonnöten, doch dieser zweite Band macht so neugierig, dass der erste auf den Merkzettel kommt. Kalt, düster und mit ein paar nassen Schneeflocken garniert - das beschriebene Wetter entspricht ungefähr der Stimmung. Da wird der Frust beim Bearbeiten des Falles schon mal mit einem Bier oder auch etwas Härterem runtergespült. Und doch bleibt McCoy am Ball, wissend, dass die Polizei manchmal nur Schlimmeres verhindern kann und mitunter nichtmal das. Dabei entwickelt sich die Handlung ausgesprochen flott und auch wenn manches relativ früh klar scheint, so gibt es doch immer wieder Überraschungen. Und der Glaube an den ehrlichen Bullen wird zwar etwas strapaziert, geht aber zum Glück nicht ganz verloren. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Auftritt von McCoy ist. Auf Englisch ist der Monat März zumindest schon erreicht.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Tod im Februar von Alan Parks
ISBN: 978-3-453-27198-2


Donnerstag, 23. Januar 2020

Nulldiät


Der Sohn vom Lemming hat einen neuen Schulfreund. Ben und Mario sind ein Herz und eine Seele, deren Social Media Sprech sie nur selbst verstehen. Der Lemming kommt sich doch alt vor.  Freundlich wie er ist, bietet er dem Mario an, ihn auf dem Heimweg ein Stück zu begleiten. Und wie die meisten Jungen seines Alters spielt Mario an seinem Handy. Bis er nach dem Lesen eines Posts erbleicht, an der Haltestelle aus der Bahn stürzt und bei der nächsten Gelegenheit von einer Brücke springt. Der Lemming kann nicht fassen, was gerade gesehen ist und mindestens ebenso fassungslos ist er über das, was als nächstes geschieht.

Die schöne neue Welt der Social Media Plattformen und Kanäle, was hat sie nicht alles versprochen. Freiheit, Love, Peace und Happyness, Und nun? Ein kleiner Junge bringt sich um, nachdem einen Post gelesen hat. Und über den Lemming bricht ein Shitstorm und eine Welle von Verdächtigungen herein, die sich gewaschen hat. Wie Harpyien wirken die Aktivitäten dieses Molochs Internet. Lemming und sein Bekannter Chefinspektor Polivka stehen der Entwicklung zunächst hilflos gegenüber. Immer ist das Netzgerücht schneller. Wie sollen sie bloß herausfinden, wer letztlich ein Kind in den Tod getrieben hat und noch andere Untaten verursacht hat.

Dieses Buch enthält einige Wahrheiten, die man zwar nicht wissen möchte, denen man sich als wenigstens einigermaßen mündiger Bürger stellen sollte. Zwar haben es der Lemming und sein Kumpel Polivka manchmal etwas leicht beim Entschlüsseln der Rätsel, doch die Hintergrundinformation, die der Roman zum Zustand unserer Gesellschaft bietet, hat es in sich und sollte Satz für Satz, Wort für Wort gelesen werden. Man kann an der Schlechtigkeit der Welt verzweifeln, sich wieder und wieder wünschen, dieses vermaledeite Worldwideweb gehörte abgeschafft oder mindestens eine ordentliche Nettikette wäre zwingend. Vergessen die Verbreiter dieser miesen Auswüchse des Netzes etwa, dass sie es mit Menschen zu tun haben? Man sollte sich doch immer fragen, ob man selbst so behandelt werden möchte. Denn, was du nicht willst, dass man dir tu´, das füg auch keinem andern zu. Etwas, dass wohl jeder beherzigen könnte, bevor er irgendwelche hirnlosen Garstigkeiten vom Stapel lässt. Dieser Roman ist durchaus herzig und humorvoll, aber auch bitterböse und der Autor hält der heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Im Netz des Lemming von Stefan Slupetsky
ISBN: 978-3-7099-3911-5



Montag, 20. Januar 2020

Ohne Unterbrechung


Die alleinerziehende Rachel glaubte, ihre Krebserkrankung sei überwunden. Doch die letzten Blutwerte machen weitere Untersuchungen notwendig. Ihre 13jährige Tochter Kylie ist Rachels Sonnenschein. Als Kylie eines Tages nicht von der Schule heimkehrt, ist Rachel äußerst besorgt. Die Gedanken an die Krankheit treten völlig in den Hintergrund. Schlimmer wird es noch als Rachel nur Kylies Handy findet. Und dann erhält Rachel einen Anruf. Eine ihr unbekannte Frau, behauptet, sie sei Teil einer Kette und sie habe Kylie nur  entführt, damit sie ihr eigenes Kind wiederbekommt. Rachel ist entsetzt, welche Bedingungen ihr die Kette stellt, damit sie selbst ihre geliebte Tochter bald wieder in den Armen halten kann.

Gerade geschieden und nicht gesund, in solch einer Situation möchte man jeglichen Stress vermeiden. Rachel hat mehr als Streß während sie langsam realisiert, in was für seine Lage sie geraten ist. Ihre Gedanken laufen auf Hochtouren, ihre Gefühle spielen verrückt, sie ist so angespannt, wie man es nur sein kann. Und natürlich ist sie bereit, alles zu tun, was für die Freilassung ihrer Tochter verlangt wird. Ihr Ex-Mann darf nichts erfahren, er würde sofort zur Polizei gehen. Kann sie überhaupt irgendwen um Hilfe bitten. Zunächst muss sie alleine mit der Situation zurechtkommen.

Der Autor Adrian McKinty ist mit seiner Reihe um den irischen Bullen Sean Duffy vielleicht besser bekannt. Mit „Der Kette“ hat er seinen Schauplatz nach Amerika verlegt und einen rasanten Thriller herunter geschrieben. Ein spannendes Buch allemal, das ausdrucksstark vorgetragen wird von Sandra Borgmann. Allerdings muss man zunächst mit der Idee, die sicher ungewöhnlich ist, anfreunden, was nicht ganz einfach ist. Lässt man sich schließlich doch von der spannenden Handlung packen, so nimmt das Buch jedoch eine Wendung, die ihm noch mehr seiner Glaubwürdigkeit nimmt. Wenn man dann noch an die anderen Bücher (selbst wenn man nicht alle kennt) des Autors denkt, wird der vorliegende Roman es nicht ganz leicht haben, zu überzeugen.
Krude, aber spannend.

3 Sterne (🐳🐳🐳)

The Chain - Durchbrichst du die Kette, stirbt dein Kind von Adrian McKinty
ISBN: 978-3-7424-1205-8


Sonntag, 19. Januar 2020

Die heilige Stadt


Im Jahr 1518 sind Doktor Johannes Faustus, sein Assistent Karl Wagner und sein Mündel Greta als Wanderärzte und Gaukler unterwegs. Die kleine Truppe hat sich einen Namen gemacht und sie verkehren auch in reichen Häusern. Nach einer Vorstellung, bei der es einen unschönen Zwischenfall gab, müssen sie fliehen. Ihr Weg wird erschwert, weil Johannes offensichtlich von einer geheimnisvollen Krankheit befallen wird. Die drei versuchen Heinrich Agrippa in Nettesheim zu erreichen. Er ist ein alter Freund von Johannes und gleichzeitig ein Universalgelehrter seiner Zeit. Johannes hofft, dass sein Freund einen Ratschlag hat, wie die Krankheit behandelt werden kann.

In Anlehnung an Goethes Faust beschreibt dieser Folgeband zu „Der Spielmann“ den weiteren Weg des Doktor Faustus. Bei der Idee, die Tragödie von Goethe in moderne Worte zu kleiden und in eine Romanhandlung zu adaptieren, handelt es sich um ein großes Vorhaben, das der Autor mit Bravur gelöst hat. Seinen Lesern stellt er damit allerdings keine leichte Aufgabe. Hat man den Faust vor langen Jahren einmal gelesen und sich gefragt, ob man Klassiker immer gut finden muss, weil es Klassiker sind. Und ist man zu dem Ergebnis gekommen, nein, muss man nicht. Gefiel einem dann der erste Teil noch so einigermaßen, der zweite allerdings nicht so sehr, so wird auch dieser grundsätzlich sehr gute Roman es schwer haben, mit seiner Handlung zu überzeugen. Mit diesen Vorworten sei das Geständnis erlaubt, die Lektüre mag für manchen Leser etwas mühsam sein, andere aber mitreißen. Und so kann man Johann und seinen Gefährten folgen bis in die heilige Stadt nach Rom. Immer wieder müssen sie sich die Frage stellen, ob der Teufel tatsächlich existiert und Johannes sich nur retten kann, indem er seinen Pakt erneuert. Dabei verschlimmert sich die Krankheit des Doktor Faustus und je übler sein Zustand, desto größer seine Bereitschaft, sich mit dem alten Feind Tonio de Monravia einzulassen.

Auch wenn man als Leser mit der originalen Handlung des Faust I + II nicht so viel anfangen kann, ist diese Adaption in eine Romanhandlung eine gelungene Möglichkeit, sich erneut mit dem Mythos des Doktor Faustus zu beschäftigen.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Der Lehrmeister von Oliver Pötzsch
ISBN: 978-3-8437-1879-0



Samstag, 18. Januar 2020

Ein besonderer Duft


Rakel hat ein besonders feines Näschen für angenehme Düfte und auch für die unangenehmen. Das tut sie manchmal mit deutlichen Worten kund. Sie ist in den Gärten der Hüterin der Düfte tätig. Dort begegnet sie Ash, einem jungen Mann, der etwas zu verbergen scheint. Ihr Treffen steht unter einem ungünstigen Stern. Denn Ashs Herr, der Thronfolger Nisai, wurde vergiftet und ringt mit dem Tod. Ash und Rakel fällt die Aufgabe zu, nach einem Gegenmittel zu suchen. Mehr noch, Rakel gerät in Verdacht, etwas mit dem Attentat zu tun zu haben. Ihr und Ash bleibt die Flucht als einzige Möglichkeit.

In Rakels Heimstatt grassiert eine grausame Krankheit, gegen die sei keine Heilung gibt. Und Rakel möchte mit ihrem Gespür für Düfte nach einem Heilmittel suchen. Ein erster Weg führt sie in den Garten der Düfte. Durch den Anschlag auf den Thronfolger erhält die Suche nach einem Gegenmittel die größere Priorität und mit Ash arrangiert sie sich, den Gefahren begegnet man vielleicht besser zu zweit. Die Beiden fliehen in die Wüste und suchen nach Hinweisen, welches Mittel dem Prinzen helfen könnte. Auf ihrer Reise erleben sie etliche Abenteuer und begegnen hilfreichen Personen und anderen.

So ein Reich der Düfte ist eine sehr schöne Idee. Allerdings beginnt der Roman etwas träge und man kann für eine Weile kaum erahnen, wo die Reise hingehen wird. Erst nach und nach wird klar, was der Kern dieses ersten Teils einer Reihe ist und dann gewinnt die Handlung an Fahrt und das Geschehen wird spannend. Rakel und Ash sind gegensätzlich und ergänzen sich, wobei sich um Ashs Herkunft ein Geheimnis rankt. Mit jeder Station ihres Weges finden sie besser zusammen. Nach und nach fühlt man sich als Leser immer heimischer in dieser von Düften bestimmten Welt. Es werden die Daumen gedrückt, dass die Suche gelingt. Und gerne geht man auch der Frage nach. ob es eine Annäherung zwischen Ash und Rakel gibt. In diesem Buch baut sich die Stimmung langsam auf und nimmt dann gefangen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Shadowscent - Die Blume der Findernis von P. M. Freestone
ISBN: 978-3-7488-5011-3



Freitag, 17. Januar 2020

Keine Verjährung


Der Mord aus dem Jahr 1998 an dem 13jährigen Tobias Brüning wurde nie aufgeklärt. Der leitende Kommissar Rudi Ferres ist darüber in Rente gegen und nie hat ihn der Fall losgelassen. Immer wieder hat er seine Notizen studiert und nun 15 Jahre später scheint es eine neue Spur zu geben. Er ruft seinen ehemaligen Kollegen Robert Marthaler aus Frankfurt nach Südfrankreich, um    das, was er herausgefunden hat, weiterzugeben. Marthaler verspricht, sich den Fall nochmals vorzunehmen. Zurück in Frankfurt haben allerdings die Untersuchungen zu einem Anschlag auf ein bekanntes Lokal Vorrang. Dies ändert sich erst, als in der Umgebung zwei Kinder als vermisst gemeldet werden.

In seinem sechsten Fall hat Robert Marthaler sich zwar noch nicht mit der Trennung von seiner Langzeitfreundin Tereza abgefunden, doch irgendwie hat er sich arrangiert. Die Fahrt nach Frankreich kommt ihm gerade recht. Zwar kann Marthaler nicht so recht glauben, dass sich nach so langer Zeit etwas Neues ergeben kann, aber einen Versuch ist es alle Mal wert. Doch tatsächlich ergeben sich Ansätze, die nachgeprüft werden können. Hinzu kommt, dass Marthaler in Frankreich angegriffen wird. Handelt es einfach, um einen Überfall auf einen unbedarften Touristen oder hat da etwas jemand etwas dagegen, dass der alte Fall wieder aufgerollt wird.

Wie der Autor hier die verschiedenen Handlungsstränge verknüpft, ist schon eine Klasse für sich. Nichts ahnend befasst man sich mit einem alten Fall, bei dem man kaum noch auf Aufklärung hoffen kann und dann hat man auf einmal ein Konglomerat von Ansätzen, die den Mord damals in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Wie die Dimension der Sache nach und nach offengelegt wird, ist herausragend. Nur hin und wieder werden Zufälle bemüht, die ein wenig bemüht wirken. Doch diese Kleinigkeit hindert einen nicht, in diesem fesselnden Kriminalroman einzutauchen und sich nach der Lektüre noch weitere Gedanken über das brisante Thema zu machen, das der Autor mit seinem Buch behandelt. Im Übrigen fußt der Roman auf einer wahren Begebenheit, bei dieser konnte der Mord bis heute leider nicht aufgeklärt werden.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Menschenfischer von Jan Seghers
ISBN: 978-3-643-40670-1


Dienstag, 14. Januar 2020

Letzte Junitage


Der österreichisch-ungarische Thronfolger soll im Juni 1914 in der Nähe von Sarajevo einem Manöver beiwohnen. Seine Frau Sophie begleitet ihn auf der Reise, denn es soll auch einen angenehmen Teil geben, während dessen er nicht auf seine geliebte Gattin verzichten möchte. In Sarajevo kursieren Gerüchte, dass Mitglieder der „Schwarzen Hand“, einer geheimen serbischen Terrororganisation, einen Anschlag auf das Thronfolger-Paar planen. Major Markovic vom österreichisch-ungarischen Geheimdienst versucht zum einen herauszufinden, ob an den Gerüchten etwas dran und falls ja, das Attentat zu verhindern. Gleichzeitig sind jedoch wenige Polizisten und andere Sicherheitsleute vor Ort, so das keine lückenlose Absicherung des hohen Besuches gewährleistet ist.

Aus Sicht von Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie, der Sicherheitsdienste und der Attentäter wird über die Woche vor dem Attentat und über das Attentat berichtet. Die Gruppe von Attentätern hat die Tat ausgiebig geplant und geübt. Der Geheimdienst erfährt von den Plänen und seine alle Kraft des Apparates in Bewegung, um das Attentat zu verhindern und die mutmaßlichen Täter zu verhaften. Die glücklich verheirateten Thronfolger freuen sich auf die Reise wie auf einen Urlaub. Besonders Franz Ferdinand mag nicht glauben, dass ihnen jemand nach dem Leben trachten könnte.

Man glaubt gar nicht, dass ein historisch verbürgtes Ereignis zu einem so spannenden Roman führen kann. Von dem Attentat auf den Thronfolger weiß man aus dem Geschichtsunterricht und man erinnert sich, dass es als Auslöser für den ersten Weltkrieg genommen wurde. Dass mit Franz Ferdinand einer getötet wurde, der eher gegen einen Krieg war, ist schon eine bitterböse Ironie. In diesem historischen Roman wird das Thronfolger-Paar sehr menschlich und auch sympathisch dargestellt, nicht so herrschaftlich von oben herab, wie man sich es vielleicht vorstellt. Doch auch die Attentäter werden nicht als dumme Mörder beschrieben, sondern eher wie junge Menschen, denen eine schwere Krankheit, die Tuberkulose, die Zukunft genommen hat. Da sie eh nichts mehr zu verlieren hatten, haben sie sich der „Schwarzen Hand“ angeschlossen. Ein besonderes Spannungsmoment besteht darin, dass der Geheimdienst immer wieder knapp davor ist, das Attentat zu verhindern. Und so läuft die packende Handlung auf ihr bedauerlicherweise unausweichliches Finale hin. Ein toller Roman über ein geschichtliches Ereignis, das dem Leser so ungemein nahe gebracht wird.

5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Der Attentäter von Ulf Schiewe
ISBN: 978-3-404-17903-9


Montag, 13. Januar 2020

So Eine


DI Meg Dalton hat sich nach einer Auszeit an ihrem Heimatort im Peak District versetzen lassen. Zum eine will sie neu durchstarten, zum anderen möchte sie näher bei ihrer Mutter sein und diese bei der Pflege der Großmutter unterstützen. Gleich gibt es einen ersten Todesfall zu vermelden. Ein Anwalt wurde in einer ehemals bewohnten Höhle tot aufgefunden. Noch ist nicht entschieden, ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt. Fest steht aber, dass er vergifteten Kuchen zu sich genommen hat. Meg und ihr Kollege Jai nehmen die Ermittlungen auf, wobei sie zunächst mit den Befragungen beginnen.

Meg Dalton muss sich in ihrem neuen Team einfügen. Das ist nicht so einfach, denn sie gilt als Überfliegerin allerdings mit einer Macke. Und so gibt es Kollegen, die das ausnutzen wollen, und solche, die sich davon nicht beirren lassen. Da muss also erstmal sortiert werden. Gleichzeit soll aber die Lösung des Falles her. Das Opfer hatte sich vor seinem Tod verändert, was aber sein Umfeld nicht so richtig wahrhaben wollte. Dazu hört man von einem Gerücht über ein verfluchtes Haus, von dessen Bewohnern über die Jahrzehnte schon mehrere unter seltsamen Umständen starben. Auch privat wird Meg von Sorgen geplagt, ihrer Mutter scheint es immer schwerer zu fallen, die Pflege der Großmutter zu bewältigen.

Diese neue Ermittlerin muss man sich merken. Zwar braucht man ein Weilchen, um sich an ihre Eigenheiten zu gewöhnen, doch schon bald hat sie die Sympathie gewonnen. Trotz schwerer Erlebnisse in ihrer Vergangenheit verliert sie nicht den Mut, im Gegenteil, sie geht die Probleme an und lässt sich auch von Rückschlägen nicht stoppen. Ihr erster Fall führt sie zu einer vom Schicksal gebeutelten Familie, die nur schwer ertragen kann, dass sie es nun auch noch mit einem unnatürlichen Todesfall zu tun bekommt. Meg und ihre Kollegen wühlen sich durch ein beinahe undurchdringliches Geflecht von Hinweisen. Ein Buch, bei dem man die ersten hundert Seiten überstehen will, um die nächsten vierhundert zu verschlingen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das kalte Echo von Roz Watkins
ISBN: 978-3-596-29911-9


Sonntag, 12. Januar 2020

Fast tot


Seit einiger Zeit fühlt Jaako sich nicht wohl. Endlich geht er zum Arzt, der ihm mitteilt, dass die Untersuchungen Hinweise auf eine Vergiftung ergeben haben. Diese sei schon so weit fortgeschritten, dass nichts mehr zu machen sei. Schockiert überlegt Jaako, wer einen Grund haben könnte, ihn zu töten. Tja, wer? Jemand aus seinem Umfeld? Er muss unbedingt mit seiner Frau sprechen. Daheim angekommen ist das erste was er sieht, seine Herzensdame, die sich mit einem Angestellten vergnügt. Ist da das Motiv? Oder liegt es doch eher in seiner Firma, die Pilze nach Japan liefert und die plötzlich Konkurrenz bekommen hat.

Schon seltsam, man geht zum Arzt und erfährt, dass man eigentlich schon so gut wie tot ist. Damit muss man erstmal zurecht kommen und auch mit dem Gedanken, dass einem offensichtlich einer ans Leder will. Fraglich, wem man noch vertrauen kann. Der eigenen Frau offenbar nicht. Und die Konkurrenz beginnt, Mitarbeitern in seiner Firma Arbeitsplätze anzubieten. Haben sie alle Jaako etwa schon abgeschrieben? Das lässt Jaako nicht mit sich machen. Er will unbedingt herausfinden, was wer vorhat. Und wenn es das Letzte ist, war er tut. 

Richtig schön schräg ist dieser Kriminalroman um skurrile Typen aus Finnland. Natürlich ist es eine Ausgangslage, in der man nicht stecken möchte. Da ist man doch lieber gesund. Aber nichtsdestotrotz Jaako packt es an. Er gibt nicht einfach auf und damit ergibt sich eine spannende Gemengelage, die es aufzulösen gilt. Wahrscheinlich nicht perfekt und manchmal vielleicht auch etwas weit hergeholt, aber so witzig oder gar irrwitzig wie sich die Handlung entwickelt, da kann man einfach nur weiterlesen. Leicht und vergnüglich, aber auch fesselnd besticht dieser Roman mit seinem Helden quasi auf Krücken. Gerade das Richtige für einen entspannten Sonntagnachmittag.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen
ISBN: 978-3-498-06552-2


Samstag, 11. Januar 2020

Oh mein Gott


Aus verschiedenen Gründen gehören sie zu den Abgehängten und Abgeschobenen. Wenn die Sozialwohngebiete  Londons oder Manchesters urbanisiert werden, gibt es nur noch die Elendssiedlungen in Rochdale. Dort landen die vier Kinder oder Jugendlichen Karen, Hanna, Peter und Don(atella). Im Grunde sind sie es, die die Familien oder Restfamilien durchbringen, da die Erwachsenen sich als unfähig erweisen. Nicht immer einfach ist diese Aufgabe und erschwert wird es noch, durch das unsägliche Verhalten anderer sogenannter Erwachsener, die allem Anschein nach nichts Besseres zu tun haben, als ihre vermeintliche Machtposition gegenüber den Schwächeren auszunutzen. 

In solch einer Welt möchte man wirklich nicht leben, man fragt sich allerdings, ob sie nicht schon da ist. Es herrscht eine Art Device-Gläubigkeit. Die Gefühle verrohen oder sind nicht mehr vorhanden. Die Regierung manipuliert in das Leben seines Volkes hinein. Die Hoffnungen nach dem Brexit sind enttäuscht. Es gab keine schöne neue Welt mit englischen Engländern in einem englischen Land. Die meisten Ausländer haben eh einen britischen Paß oder sind aus anderen Gründen noch da. Die Trennung zwischen Arm und Reich wird immer strenger. Die Armen werden immer weiter von Leistungen des Staates ausgegrenzt. Und nur wenige unter anderem unsere Vier versuchen, sich dem System entgegen zu stellen.

Puh, was für eine Tour de Force ist die Lektüre dieses Buches. Und man kann sich nicht damit herausreden, dass die Handlung in England angesiedelt ist. Die Schreihälse gewinnen nicht nur dort gegen alle Vernunft, auch hier bestehen die Tendenzen. Die Netzgesteuerten verschaffen die Macht und die, die aufgegeben haben fügen sich einfach in die Situation. Die Mächtigen entblöden sich nicht, nur nach ihrem eigenen Vorteil zu schielen. Nur mit Zähneknirschen ist das zu ertragen. Wo sind denn die halbwegs normalen Menschen, die zwar der Technik gegenüber nicht verschlossen, aber doch ihren Mitmenschen Empathie entgegen bringen. Mit einigen ausgesprochen geschickten Kniffen schafft es die Autorin, ihre Utopie rund zu machen. Dieser Roman verlangt einem einiges ab, ist aber jede Zeile wert.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

GRM Brainfuck von Sibylle Berg
ISBN: 978-3-462-05143-8


Freitag, 10. Januar 2020

Die Schwimminsel


Im Sommer vor dem Studium arbeitet Alex Mason als Jugendbetreuer in einem Feriencamp. Dorthin bringen die zerstrittenen Eheleute Procter ihren Sohn Joey. Kurz vor Ende des Sommers nimmt Alex die Kinder mit zum See. Er zwingt Joey, der nicht schwimmen kann, ins Wasser und bringt ihn zur Schwimminsel. Als er später nach Joey schauen will, ist dieser verschwunden. Über zwanzig Jahre später ist Alex ein erfolgreicher Immobilienmanager und Hotelbesitzer. Mit seiner Frau und seinen Töchtern ist er glücklich. Bis zu dem Tag als das Wasser in seinem Pool rot verfärbt ist und beim Säubern am Boden die Inschrift „Remember me“ gefunden wird.

Sympathisch ist Alex Mason gerade nicht. Er scheint immer wieder mit seinem Verhalten durchzukommen. Doch damit könnte es nun vorbei sein. Auf recht rabiate Art wird Alex an sein recht mieses Verhalten als Jugendlicher erinnert. Mason versucht alles, um die Kontrolle zu behalten. Könnte Joey tatsächlich wieder aufgetaucht sein und sich rächen wollen? Auf einen Mitarbeiter, der erst seit kurzem in der Firma ist, könnten die Parameter passen. Er ist in Joeys Alter, wenn er lebte, er hat Angst vor dem Wasser und er ist eben erst seit wenigen Monaten da. 

Auch wenn man Alex nicht mag, so muss man doch immer weiterlesen. Kann es tatsächlich sein, dass Joey doch wieder aufgetaucht ist, um Rache zu nehmen. Hat Alex Mason das verdient, auch wenn er inzwischen selbst eine Familie hat und erfolgreicher Unternehmer ist. Ein Denkzettel, ja, damit könnte man sich anfreunden. Doch was mit Mason passiert ist schon heftig. Schließlich wird bald auch seine Familie involviert. Seine Frau, seine Töchter, die doch eigentlich nichts damit zu tun haben. Dennoch verfolgt man den gewieft organisierten Feldzug gegen Mason gefesselt bis zur überraschenden Auflösung. Dabei kann man Mason manchmal kein Ruhmesblatt ausstellen. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto mehr erfährt man über die Auswirkungen, die Joeys Verschwinden hatte. Ein Betreuer sollte sich einfach ordentlich um seine Schützlinge kümmern. 

Ein packender Thriller, in dem man zwar nach Sympathieträgern suchen muss, der aber doch mit einer ansprechenden Geschichte aufwartet.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Drowning von J. P. Smith
ISBN: 978-1-492-66900-5

Das Cover der englischen Ausgabe, die ich gelesen habe, konnte ich nicht runterladen, deshalb hier das Cover der deutschsprachigen Ausgabe:


Donnerstag, 9. Januar 2020

Das Manuskript


Der Autor Fernando Terry lebte lange in Madrid. Nun kehrt er für einige Wochen nach Kuba zurück. Er will nacht einem verlorenen Manuskript des Dichters José María Heredia suchen. Der Dichter starb schon vor über 200 Jahren und hat angeblich seine Memoiren einer Freimaurerloge anvertraut. Gleichzeitig will er auch herausfinden, wer ihn damals verraten hat. Er verlor seine Stellung und sein Ansehen und sah sich gezwungen, ins Exil zu gehen. Und folgt Fernando den Spuren des verlorenen Buches und auch den Spuren seiner eigenen Vergangenheit.

Im Original bereits im Jahr 2002 erschienen beleuchtet der Autor sowohl das Leben eines hierzulande möglicherweise unbekannten Dichters als auch den Verbleib seiner fiktiven Erinnerungen. Gleichzeitig verwischt der die Spuren des Manuskriptes. Während Fernando in der Gegenwart den wenigen Menschen begegnet, die noch etwas von dem Verbleib der Seiten wissen könnten. Doch dem Manuskript gehören nicht alle Gedanken von Fernando. Schon seit seinem Exil lässt ihn der Gedanke nicht los, einer seiner Freunde muss ihn damals verraten haben. Und so befragt er seine Freunde, die natürlich einhellig abstreiten, ihre Hände im Spiel gehabt zu haben.

Vielleicht kennt man seinen Ermittler Mario Conde, aber Leonardo Paduras Werk umfasst auch weitere Bände mit anderer Thematik. Und so widmet sich Padura hier dem tragischen Schicksal eines kubanischen Poeten. Geschickt vermischt er die fiktiven Memoiren mit den Wegen, die Fernando in der Gegenwart beschreitet und den vermeintlichen Wegen des Manuskripts. Zum Glück verläuft man sich aber nicht in dem Buch, auch wenn einige Ausführen des Autors vielleicht als etwas ausschweifend empfunden werden können. Interessant ist die Frage, was macht das Exil mit den Menschen, mit ihrer Sehnsucht nach der Heimat. Und was ist, wenn diese Sehnsucht erfüllt wird und die Realität nicht mehr so unbedingt mit dem Sehnsuchtsort übereinstimmt. Conde mag einem fehlen, aber dennoch ein lehrreicher und interessanter Roman.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Palme und der Stern von Leonardo Padura
ISBN: 978-3-293-20765-1


Mittwoch, 8. Januar 2020

Sommerhütte


Der Politiker Bernhard Clausen ist einem Herzleiden erlegen. Beim Sichten seiner Unterlagen macht ein Parteifreund eine unerwartete Entdeckung. Kommissar Wisting wird danach mit der Bildung einer Sonderkommission betraut. Er und seine Kollegen sollen herausfinden, wie die Summe von 80 Millionen Kronen in den Besitz des Politikers kommen konnte. Spuren gibt es wenige und der Tod Clausens hatte eindeutig natürliche Ursachen. Wisting zieht auch seine Tochter Line hinzu. Die Journalistin bekommt vielleicht unbefangenere Antworten als er. Als Wisting alte Fallakten hinzuziehen will, sind diese schon bei seinem alten Bekannten Adrian Stiller von der Abteilung Cold Cases.

Zum zweiten Mal ermitteln Wisting und Line in Zusammenarbeit mit der Abteilung für ungelöste Fälle. Die Suche nach der Herkunft des Geldes führt letztlich zu gleich zwei alten Fällen, wobei allerdings nicht sofort ein Zusammenhang ausgemacht werden kann. Da die Ermittlungen der Öffentlichkeit nicht bekannt werden sollen, hat Wisting die Möglichkeit seine Sonderkommission in seinem Haus zu installieren. Das kommt auch seiner Rolle als Teilzeit Opa für seine kleine Enkelin Amalie zupass. So hat Line die Möglichkeit tiefer in die Nachforschungen einzusteigen. Sie trifft sich mit Stiller, um Informationen auszutauschen. Dieser wird bald misstrauisch. Weiß Line etwa mehr als er?

Gerade die Ermittlungen zum Ursprung des Geldes sind ausgesprochen einfallsreich und überraschend. Auch zu erfahren, wie die die verschiedenen Fäden verstrickt sind, fesselt ungemein. Zwar hatte wäre auch vorstellbar, das Stiller ein größerer Anteil hätte zugestanden werden können und das Ende wird dann etwas plötzlich erreicht. Das hindert einen jedoch nicht, sich in die Lektüre zu vertiefen und diesen packenden Kriminalroman in fast einem Rutsch zu verschlingen. Jørn Lier Horst ist einer, der sein Handwerk versteht und sein Publikum immer mit packenden Lektüren verwöhnt. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Wisting und der fensterlose Raum von Jørn Lier Horst
ISBN: 978-3-492-06142-1


Dienstag, 7. Januar 2020

Die Barringtons


Nachdem Harry Clifton als Tom Bradshaw im Jahr 1939 in New York angekommen ist, wird er gleich festgenommen. Ihm wird ein Anwalt zu Seite gestellt, der ihn überzeugt, seine wahre Identität nicht preiszugeben. Ein Fehler, wie sich erweist, denn so landet Harry in der Haftanstalt Lavenham. Nach England kam allerdings die Nachricht, dass Harry bei einem Schiffsunglück umgekommen sei. Seine Braut Emma kann das nicht glauben und folgt ihm in die USA. Sein Schulfreund Giles Barringham meldet sich als Freiwilliger in die Armee. Der Krieg ist inzwischen ausgebrochen und Giles will sein Land verteidigen.

Dieser zweite Band der Clifton-Saga ist zeitlich hauptsächlich während des zweiten Weltkriegs angesiedelt. Wobei die Kriegshandlungen für den Fortgang der Familiengeschichte nur in geringerem Umfang eine Rolle spielen. Es geht vielmehr um Harry Cliftons Verschwinden und Emmas Suche nach ihm. Mit etwas Glück und einem guten Kumpel gelingt es Harry, in der Haftanstalt einigermaßen zu recht zu kommen. Währenddessen unternimmt Emma so einiges, um sich für die Reise nach New York zu rüsten. Dabei geht sie sehr gewitzt und zielstrebig vor. Eine moderne junge Frau zu einer Zeit, in der moderne junge Frauen gerade erst erfunden waren. 

Der zweite Weltkrieg ohne zweiten Weltkrieg, das ist etwas, von dem man sich lösen muss. Aber wieso nicht? Schließlich hat es sicher tatsächlich Menschen gegeben, die von dem Krieg nicht so betroffen waren. Jedenfalls versteht es der Autor seine Clifton-Saga auf sehr spannende Art und Weise fortzuführen. Man kann manchmal kaum glauben, welche Kapriolen das Schicksal schlägt, man ist aber immer gefesselt und fliegt nur so durch die Seiten, weil man unbedingt wissen muss, welchen Lauf das Leben von Harry und Emma nimmt. Der Autor hat eine sehr abwechslungsreiche Familiengeschichte geschaffen, die es sich lohnt zu verfolgen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Vermächtnis des Vaters von Jeffrey Archer
ISBN: 978-3-453-47135-1


Montag, 6. Januar 2020

Klassikliebhaber


Der alte Englisch Professor Oliver Winshaw entdeckt am Pool der Nachbarin einen jungen Mann. Es herrscht ein schweres Gewitter. Weil er sich keinen Reim auf die Situation machen kann, ruft er die Polizei. Die ersten Beamten vor Ort finden nicht nur den jungen Hugo, sondern auch die brutal ermordete Eigentümerin des Hauses. Kommissar Martin Servaz eilt nach Marsac, eigentlich ist er nicht zuständig, aber die Mutter des Jugendlichen am Pool hat ihn gebeten, die Ermittlungen zu übernehmen. Die örtliche Polizei begeistert das natürlich nicht, aber die aus Toulouse haben einfach mehr Ressourcen. Servat glaubt nicht, dass es sich bei dem jungen Hugo um den Täter handelt.

Es ist ein alter Fall, der Servat nicht aus dem Kopf geht. Könnte der entflohene Mörder und Liebhaber klassischer Musik Hirtmann etwas mit diesem neuen Mord zu tun haben? Zumindest will Martin Servat in alle Richtungen ermitteln. Sein privates Umfeld spielt in seine Untersuchungen hinein. Er kennt die Mutter des Verdächtigen von früher, denn er selbst ging in Marsac zu Schule. Ist er etwa dadurch im positiven Sinne voreingenommen oder etwa befangen? Zunächst einmal beginnt Servat mit dem Verhör von Hugo. Und immer noch nagt es an ihm, könnte Hirtmann sich in der Gegend aufhalten? 

Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um den zweiten Teil der Reihe um Martin Servat und sein Team. Da es gerade am Anfang etliche Bezüge in die Vergangenheit gibt, kommt schon der Gedanke auf, es wäre besser gewesen, den ersten Teil zu kennen. Hat man die Anfangsschwierigkeiten jedoch erstmal überwunden, entwickelt sich der Fall sehr spannend und überraschend. Nicht nur Servat trumpft dabei auf, sondern auch seine Kollegen. Zwar scheint es als ob jeder ein wenig für sich ermittelt, am Ende jedoch passt alles in eine Lösung, die wirklich unvorhersehbar ist. Auch wenn es hier ein wenig zu sehr ins Private des Kommissars geht, kann man sich den Autor mit seinem Kommissar Servat gerne im Hinterkopf behalten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Kintertotenlied von Bernard Minier
ISBN: 978-3-426-19980-0


Sonntag, 5. Januar 2020

Lazy Summer


Charlie hat gerade keine gute Phase. Durch die Trennung seiner Eltern hat er die Lust an der Schule verloren. Nun war der letzte Schultag und auf seine Prüfungen kann er nicht bauen. Zwar kommen die Ergebnisse erst am Ende des Sommers, aber Charlie weiß einfach, das war nichts. Seine Schwester ist mit der Mutter bei dem neuen Lover eingezogen und er musste bei seinem depressiven Vater bleiben. Es könnte wirklich alles besser sein. Das Lesen wird ihm ein Trost und eines Nachmittags, als Charlie sich auf seine Lieblingswiese zurückgezogen hat, fällt ihm die wunderbare Fran Fisher vor die Füße.

Mit Frans Auftauchen beginnt Charlies Abenteuer des Sommers, sie bringt ihn dazu, bei einer Shakespeare Produktion von „Romeo und Julia“ mitzumachen. Was für eine Zeit steht den jungen Leuten bevor. Besonders für Charlie bedeutet es ein Ausbrechen aus dem trüben Alltag, in dem er sich mehr als Betreuer seines Vaters vorkommt als dessen Sohn. Na klar, eigentlich will er nur mit Fran ausgehen und nichts mit der Theatergruppe zu tun haben. Nach und nach jedoch beschäftigt er sich doch mit dem Text. Wobei die Übungen mit Fran sehr hilfreich sind und natürlich helfen sie auch, Charlies Wunsch nach mehr Zeit mit Fran zu erfüllen.

So lazy ist der Sommer garnicht. Das soll den jungen Leuten erstmal einer nachmachen, sich in ein Stück von Shakespeare zu vertiefen, es zu interpretieren. Mit leichter Hand zeichnet der Autor ein bezauberndes Bild eines jungen Mannes, der aus der Zeit heraustritt und den Sommer seines Lebens erlebt. Eine Auszeit, die zu Beginn unendlich scheint, deren Ende doch irgendwann naht und die der Realität weichen muss. Fast überirdisch schön scheint dieser Sommer und auch sehr wichtig, denn kein junger Mensch sollte sich um seinen Vater so kümmern müssen wie Charlie. Manchmal verlangt das Leben einfach zu viel von jungen Menschen. Bewundernswert mit welcher Kraft Charlie seine Chance für ein eigenes Leben ergreift. Die emotionalen und witzigen Dialoge zwischen ihm und Fran machen so viel Spaß beim der Lektüre, dass man das Buch am liebsten gleich noch einmal lesen möchte.

Ein Coming-of-Age Roman, in dem genau die richtige Portion Süße und Realität gemischt sind. Ein Roman zum Verlieben.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Sweet Sorrow von David Nicholls
ISBN: 978-3-550-20057-1


Samstag, 4. Januar 2020

Aufstand


Die noch junge DDR sollte eigentlich ein aufstrebender Staat sein. Der Sozialismus ist zum Guten für alle Menschen, sie werden versorgt und ihre Arbeitsleistung läuft nach Plan. Doch die Menschen sind nicht zufrieden. Das Plansoll ist zu hoch und der Lohn ist nicht besonders hoch. Um den siebzehnten Juni 1953 kommt es zu Aufständen, die niedergeschlagen werden. Kommissar Max Heller, dessen Chef von einem Neuen vertreten wird, bekommt die Aufklärung eines Mordes übertragen. In einer Fabrik für Glasfaserprodukte wird ein Mitarbeiter in einem Behälter für die gefährlichen Fasern tot aufgefunden. 

Max Heller und besonders seine Frau Karin leiden an der DDR. Immer wieder kommt der Gedanke, zu ihrem Sohn Erwin in den Westen zu gehen. So wie viele andere Menschen das Land verlassen. Dass die Aufstände niedergeschlagen werden und die vermeintlichen Rädelsführer von dem Staatssicherheitsdienst verhaftet werden, bestärkt sie eher. Schließlich blicken sie einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Gesundheit der alten Frau Marquard, die sie aufgenommen hat, wird immer schwächer. Hellers Position bei der Polizei ist auch nicht die Beste, da er sich weigert in die Partei einzutreten. Und ihr jüngerer Sohn Klaus hat sich dermaßen dem neuen Staat verschrieben, dass er keinen guten Kontakt mehr zu seinen Eltern hat.

Mit diesem fünften Band um Kommissar Max Heller thematisiert Frank Goldammer den Arbeiteraufstand vom 17. Juni. Der Mordfall in der Fabrik gerät dabei fast etwas ins Hintertreffen. Die Beschreibung des Lebens in der jungen DDR ist allerdings sehr fesselnd. Die Durchdringung des alltäglichen Lebens und Arbeitens durch die Politik, die Formung der Menschen durch den Staat, das wird durch die Schilderungen sehr plastisch. Schauderhaft wie da schon wieder ein Staat in seine Bürger hinein manipuliert. Wobei sich natürlich auch die Frage stellt, ob die Menschen im Westen nicht auch gesteuert werden, nur etwas subtiler. Aus heutiger Sicht wirkt diese Sicherheit, die der Staat verteilt, eher bedrohlich. Dennoch ist verständlich, dass etliche Menschen in der DDR ein gutes Leben führten. Ihnen fehlte nicht viel außer der Freiheit, die heute manchmal überhaupt nicht mehr geschätzt wird. Gerade indem der Autor aufzeigt, wie es damals war oder zumindest gewesen sein könnte, liegt die besondere Qualität dieses Romans. Es wäre schön, wenn es eine ehrliche Erinnerung gäbe, die Gutes und Ungutes aufzeigt.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Juni 53 von Frank Goldammer
ISBN: 978-3-423-26323-3


Freitag, 3. Januar 2020

Die Tagung


Sie sind alle gekommen nach Stratford-upon-Avon. Professor Thompson hat einen entscheidenden Vortrag angekündigt. Endlich soll klar sein, wer die Stücke Shakespeares wirklich verfasst hat. Doch am Vorabend des Vortrags wird Professor Thompson nach der Aufführung von Macbeth tot in seinem Zuschauersitz gefunden. Zwar sieht alles nach einem natürlichen Todesfall aus, doch als sich herausstellt, dass das Hotelzimmer des älteren Mannes durchwühlt wurde, beginnt Superintendent Ian Stokes zu ermitteln. Der freundliche alte Herr hatte bereits einen leichten Schlaganfall. Eigentlich kann niemand einen Grund gehabt haben, sein Leben zu verkürzen. Georgina, die vor langen Jahren bei Thompson studiert hat, ist entsetzt. 

Wer hat die Stücke von Shakespeare geschrieben? Eine Frage, um die sich Legenden ranken. Möglicherweise war es tatsächlich der einfache Händler Shakesper, dem man solche herausragenden Leistungen kaum zutrauen kann. Oder vielleicht doch Christopher Marlowe oder gar der Earl von Oxford Edward de Vere? Fast wie ein Krimi lesen sich die Hinweise zur möglichen Autorenschaft. Für den Superintendent ist dies zunächst nebensächlich. Er will endlich herausfinden, ob ein dritter Schuld am Tod des Professors ist. Seine Befragungen der Tagungsteilnehmer und der Theaterbesucher bleiben zunächst ergebnislos. Aber locker lässt Ian Stokes nicht.

Eine schöne Idee Themen von Shakespeare in einem Kriminalroman zu verarbeiten. Etwas gekünstelt wirkt die auf britischen Cosy Crime gemachte Sprache und auch manche Wortspiele entziehen sich dem Verständnis. Dennoch ist ein durchaus interessanter Krimi gelungen. Lustig mäandert die Handlung hin und her zwischen Mordfall und der Frage, wer der wahre Autor von Shakespeares Werken ist. Vielleicht sollte man ein besserer Kenner von Shakespeare sein, um diesen Krimi würdigen zu können. Trotzdem bleibt die Lektüre unterhaltsam, wenn auch manche Motivation der Handelnden ein wenig im Dunkeln bleibt. Vielleicht hätte das Ganze noch klarer und geschliffener sein können, dennoch war die Lektüre durchaus lehrreich und unterhaltsam. 


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Hexeneinmaleins von Ashley Curtis
ISBN: 978-3-9524626-5-2


Donnerstag, 2. Januar 2020

Das Haus am Meer


Nach dem Abitur 1984 fahren sechs Freunde nach Südfrankreich in den kleinen Ort Méjean. So viele Ferienhäuser gibt es dort noch nicht und viele der Touristen fahren in bekanntere Gegenden. Doch Michaels Eltern haben dieses Haus am Meer und es soll ein toller Sommer werden. Am nächsten Morgen jedoch ist Michael tot, ermordet. Dreißig Jahre später versammeln sich die fünf Überlebenden wieder in Méjean. Nicht ganz freiwillig sind sie da, sie haben per Brief eine Art Einladung bekommen. Endlich soll der Mordfall von damals aufgeklärt werden. Ein Brief ging auch an die Polizei und der gerade erst genesene Kommissar Renard übernimmt den Fall.

Man ist ja nicht ganz gesund, wenn man nach einer Erkrankung wieder anfängt, zu arbeiten. Eine Wiedereingliederung am Meer hat doch einen gewissen Reiz. Einmal in dem kleinen Dörfchen angekommen, merkt der Kommissar allerdings, dass er noch lange nicht so stark ist wie früher. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, mit den Befragungen zu beginnen. Da werden weder die ehemaligen Abiturienten verschont, noch die Dorfbewohner, die zum Zeitpunkt des Geschehens auch in Méjean lebten. Zunächst mal wird der Polizist dabei mit Halbwahrheiten abgespeist. Anscheinend hat niemand bei den ersten Ermittlungen die ganze Wahrheit gesagt.

Der Ausflug von seiner Reihe um den Kriminaler Roger Blanc ist dem Autor sehr gelungen. Vor einer Urlaubskulisse wird ein alter Fall wieder aufgerollt, der so verzwickt ist, dass bei der ersten Untersuchung kaum eine Chance bestand den Täter zu finden. Nun kommt der Ansatz aus dem Kreis der Verdächtigen selbst und der Kommissar ist zwar gesundheitlich angeschlagen, aber er hat keinen Zeitdruck und auch keine Ablenkung. So kann er sich voll und ganz der Sache widmen. Es ist schon sehr ansprechend wie Renard das aus den Beteiligten herauskitzelt, was sie eigentlich nie verraten wollten. Und er geht auch kleinsten Widersprüchen nach. Und einen gibt es, der die Sache aufgeklärt wissen will und der so eine ungeahnte Hilfe für den Ermittler ist. Mit dieser feinsinnigen Untersuchung bereitet der Autor Freude und auch die überraschende Auflösung zeigt die große Qualität der Handlung.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ein letzter Sommer in Méjean von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-8321-8371-4


Mittwoch, 1. Januar 2020

Der beste Freund


Nina ist Ärztin und sie arbeitet unermüdlich. Ihr bester Freund Tim, der als Fotograph viel unterwegs ist, muss manchmal warten. Völlig entsetzt ist Nina als die erfährt, dass Tim gestorben ist, angeblich an einer Überdosis. Dabei war er doch seit langem clean. Und eigentlich hatte er einen Plan. Er wollte seine seit Jahren verschwundene Schwester Gloria finden. Und nun glaubte er, die Lösung gefunden zu haben. Nur wenige Tage nach seinem Tod erhält Nina einen Brief, in dem Tim ihr seinen Plan erklärt. Den Plan, den er nun nicht mehr ausüben konnte. 

Bleibt die Verbindung aus Kindertagen, auch wenn das Leben sich für jeden anders entwickelt hat? Nina denkt zurück an die vergangene Zeit als sie und Tim noch mehr miteinander zu tun hatten. Je länger sie nachdenkt, desto mehr begreift sie die Suche nach Gloria als Tims letzten Wunsch. Sie entschließt sich zurückzukehren in das kleine Dorf im tiefen Wald, wo sie eine glückliche, abenteuerliche, aber auch von durchlittenen Tagen geprägte Zeit verbrachte. Dazu jedoch muss sie den unheimlich dunklen Wald durchqueren, der den Ort umgibt. Nina nimmt all ihren Mut zusammen und mit ihrem Hund Billy macht sie sich auf den Weg.

Zeigen uns die Erinnerungen der Kindheit die Wahrheit oder gaukeln sie uns eine Mischung aus Wahrheit, Erzählungen und selbst dazugedachtem vor. Nina macht sich nicht nur auf die Suche nach Gloria und deren Schicksal, sie begibt sich auch auf die Suche nach ihrer eigenen Kindheit. Dass sie sich nicht nur in der Erinnerung auf den Weg macht, sondern auch buchstäblich, gibt dem Roman eine besondere Note. In der Dunkelheit des Waldes scheint einiges verborgen. 

Förmlich spürt man das unaufgeklärte Schicksal der jungen Gloria, die nie vergessenen Gedanken, die Nina immer beschäftigten. Dieses Spiel zwischen Phantasie der Kindheit und der Wirklichkeit der erwachsenen Nina. Auch wenn man zunächst rätselt wieso die einzelnen Teile der Geschichte so zusammengefügt wurden, gewinnt dieser Thriller mit jeder Seite an Spannung und schließlich hat jedes Teil seinen Platz. Ein Buch, das man atemlos durchfliegt und dessen letzte Seite man, nachdem man einige Überraschungen erlebt hat, ausgesprochen zufrieden umblättert.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Wälder von Melanie Raabe
ISBN: 978-3-442-75753-4