Samstag, 30. April 2022

Kleeblatt

Die Königinnen der vier Quadara leben nicht in ihren Reichen, sondern im Palast, der den Mittelpunkt zwischen den Ländern bildet. Keralie Corrington lebt im Reich Toria und sie ist die beste Taschendiebin. Mackiel ist ein Freund und derjenige, der ihr alles beigebracht hat. In letzter Zeit jedoch, fragt sich Keralie, ob zwischen ihnen noch wahre Freundschaft herrscht. Nun hat sie erstmal den Auftrag, einem Boten die Erinnerungschips stehlen, die er überbringen soll. Diese Chips sind auf dem Schwarzmarkt sehr begehrt, schließlich kann man mit ihnen die Erinnerungen anderer Menschen nacherleben. In einer brenzligen Situation schluckt Keralie die Chips und sie ist entsetzt, was sie dann mit ansehen muss.


Mit ihrem Fantasy-Debüt vermag die in Melbourne lebende Autorin zu überraschen. Keralie Corrington hat bei Mackiel Zuflucht gesucht. In die Fußstapfen ihres Vaters wollte sie nie treten, das hat sie immer gesagt. Nach dem Unfall ihres Vaters, ist sie noch überzeugter, dass sie auf dem Wasser nichts zu suchen hat. Der Bote wirkte eigentlich nicht unsympathisch, doch als er bei der Auktion auftaucht, um seine Chips wiederzubekommen, ist ihm deutlich anzumerken, dass er nicht begeistert war. Nachdem Keralie den Inhalt der Chips kennt, machen sie und der Bote sich auf den Weg, um noch Schlimmeres zu verhindern.


Beim Lesen des Klappentextes kommt man auf den Gedanken, es könnte sich hier um einen Einzelband handelt, was genauere Nachforschungen bestätigen. Ein echtes Kaufargument für so einen Zufallsfund, der sehr angenehm überrascht. Die vier Reiche, deren Königinnen in großer Gefahr schweben. Geschickt spielt die Autorin mit den Wirklichkeiten, die sich in den Erinnerungschips darstellen. Damit bereitet sie mehr als eine Überraschung. Mit den eigenen Vermutungen liegt man immer wieder daneben und damit hebt sich dieser Fantasy-Roman von einigen ab, die man sonst so kennt. Das ist erfrischend. Die Story überzeugt, ist manchmal etwas schwer zu schlucken, doch für ein Erstlingswerk sehr gelungen. Da wurde ein gutes Buch vom Grabbeltisch gerettet.


4 Sterne


Four dead Queens von Astrid Scholte

ISBN: 978-3-492-28171-3




Freitag, 29. April 2022

Olivias Teddy

Leona möchte so sein wie die anderen. Sie ist verheiratet mit zwei Kindern und sie arbeitet bei der Polizei. Doch sie ist auch getrieben. Wenn sie abends am Computer sitzt taucht sie in eine andere Welt ein. Als ein schrecklicher Überfall passiert, übernimmt Leona den Fall. Ein kleines Mädchen hat die Bank betreten und eine Kassette wurde abgespielt, auf der eine Männerstimme erklärt, dass es sich um einen Überfall handele und das Geld ausgehändigt werden soll. Geschockt erfüllen die Bankangestellten die Forderung. Leona ist in einer Zwickmühle. Das muss sie den Kollegen gegenüber allerdings verheimlichen. 


Bei Leona Lindberg handelt es sich um eine sehr ungewöhnliche Ermittlerin bei der Stockholmer Polizei. Sie ist schlau und hat ein Händchen dafür, dem Verbrechen nachzuspüren. Glücklich ist sie jedoch nicht. Beinahe als sei sie eine geduldete Besucherin in ihrem eigenen Leben. Nun stürzt sich Leona in den neuen Fall, obwohl, weitere Fälle an den Hacken hat. Auch ihr Mann Peter richtet Forderungen an sie, er will ein drittes Kind, es soll ein Haus gekauft werden. Leona wirkt so als hätte sie lieber ihre Freiheit. Ihre Kinder sind ihr sehr wichtig, da sollte sich jeder Einsatz für die Familie lohnen.


Mit einer Beamtin wie Leona Lindberg muss man erstmal klarkommen. Natürlich sind Polizisten auch Menschen, jedoch könnte man sich fragen, ob man das in Romanform auch so genau wissen möchte. Leona wirkt nicht wie eine integre Persönlichkeit, doch sie ist intelligent und sie versteht es, die Leute zu manipulieren. Man fragt sich, was bei ihr schief gelaufen ist. Nach einer Weile lässt man sich dennoch auf die Konstruktion dieses ersten Falles ein. Nach und nach wird es spannend und die Chuzpe, mit der Leona vorgeht, nötigt einem Respekt ab. Ein solider Reihenbeginn, der allerdings noch Luft nach oben lässt.


3 Sterne


Leona - Die Würfel sind gefallen von Jenny Rogneby

ISBN: 978-3-453-42060-1

Donnerstag, 28. April 2022

Gittis Laden

Nach dem erneuten Umzug hat Loretta ihre neue Umgebung erkundet. Ganz in der Nähe hat sie ein Relikt aus der Vergangenheit entdeckt: Gittis Laden. Gitti führt einen echten Tante Emma Laden und wegen ihrer freundlichen Art ist sie der Mittelpunkt der Nachbarschaft, die gerne in ihrem Laden einkauft. Doch eines Tages stürzt Gitti und muss Hilfe in Anspruch nehmen. Was für ein Glück, dass Loretta zur Stelle ist. Sie übernimmt den Verkauf und auch kleine Handreichungen für Gitti. Etwas eigenartig ist es, dass da zwei komische Typen immer wieder ums Haus schleichen. Hat es etwas jemand auf Gitti und ihren nicht ganz unbedeutenden Immobilienbesitz abgesehen?


In ihrem elften Fall gibt es zunächst mal keinen Fall. Aus Hilfsbereitschaft und weil Gitti ihr sympathisch ist, übernimmt Loretta die Tätigkeit im Laden. Schließlich war der Laden noch nie geschlossen und ehe das passiert, würde Gitti es eben versuchen, alleine zurechtzukommen mit gebrochenem Schlüsselbein. Das kann Loretta natürlich nicht zulassen. Als auch sie die beiden komischen Typen zu Gesicht bekommt, findet Loretta das sehr bedenklich. Deshalb schaltet sie ihre Freunde ein. Wenn die Polizei nichts zu ermitteln hat, Lorettas Gang ist zur Stelle. Und während ihrer Aushilfstätigkeit ist sie natürlich direkt am Ort des Geschehens.


Am Beginn des Romans denkt man irgendwie, ach, schon wieder dies, schon wieder das. Doch mit dem Verlauf gewinnt der Roman doch. Loretta als Aushilfsverkäuferin hat was, Erwin und Frank laufen zu Hochform auf und Baghira ist immer für einen Snack zu haben. Dass Lorettas geplante Reise zu ihrer besten Freundin Diana erstmal flach fällt, ist schade. Dafür gibt es aber einen vielleicht etwas vorhersehbaren, aber doch angenehm zu lesenden Fall, der für die meisten Beteiligten ein gutes Ende nimmt. Sogar Kommissarin Küppers hält sich mit Kritik an Loretta zurück. Alles in allem mal wieder ein anheimelndes Wiedersehen mit der unfreiwilligen Detektivin Loretta Luchs.


3,5 Sterne


Darf’s ein bisschen Mord sein? von Lotte Minck

ISBN: 978-3-770-02123-9

Mittwoch, 27. April 2022

Ein Pechvogel

Nanao, genannt der Marienkäfer, soll im Schnellzug einen Koffer aufnehmen und den Zug an der nächsten Haltestelle verlassen. Doch Nanao ist ein rechter Pechvogel und so ist irgendwann der Koffer weg und mehr oder weniger versehentlich bringt Nanao jemanden um. Wenn er sich in Gefahr sieht, kann er schon mal schnell werden. Die beiden Auftragnehmer Tangerine und Lemon sollen dagegen den Sohn von Minegishi nach hause bringen, der entführt worden war. Entsetzt müssen sie feststellen, dass der junge Mann tot neben ihnen sitzt. Und der Koffer, in dem das Lösegeld war, ist weg. 


Ein ganzer Reigen von Auftragskillern hält sich in diesem Zug auf. Nanao, bei dem fast alles schiefgeht, sticht da besonders hervor. Wie stehen seine Chancen lebend aus dem Zug herauszukommen? Gegen den Prinzen wirken Tangerine und Lemon beinahe sympathisch, wenn sie überleben, was sie mit ihrem Schutzbefohlenen anfangen sollen, der ja als plötzlich Verstorbener keine Hilfe mehr braucht. Aber wie das dem Vater beibringen, der selbst eine Größe unter den Verbrechern ist. Heikel. Der Prinz dagegen scheint ein Glückspilz zu sein, der heimlich die Fäden in der Hand hält. Als Schüler wirkt er auch ausgesprochen harmlos. 


Wie gerade festgestellt, wurde dieser Roman bereits verfilmt, wobei der Trailer durchaus ansprechend ist. Das Defilee der Mörder auf dem begrenzten Raum eines Zuges, scheint auch in der Verfilmung gut rüberzukommen. Ebenso ist es im Buch. Dort fängt es ganz harmlos an, die Meute steigt eben in den Zug. Doch je mehr Leute irgendwie plötzlich tot sind, desto mehr verabschiedet man sich von der Harmlosigkeit. Es ergeben aberwitzige Szenen, bei denen man unversehens dazu kommt, Mörder sympathisch zu finden. Eigentlich erstaunlich, aber das macht vermutlich einen Reiz dieses Thrillers aus. Natürlich gibt es auch das personifizierte manipulative Böse, bei dem man sich fragt, wo so viel Garstigkeit überhaupt herkommen kann. Jedenfalls spitzt sich die Lage immer weiter zu und man bleibt gefesselt bis zum Schluss. Wie hier die Idee eines begrenzten Raums umgesetzt wird, ist sehr spannend und originell. 


4 Sterne


Bullet Train von Kotaro Isaka

ISBN: 978-3-455-01323-8






Sonntag, 24. April 2022

Marty

Im Jahr 1980 in Kiel will der zwanzigjährige Martin Hansen nur ein Bier aus dem Automaten ziehen und wusch landet er im Jahr 2020. Wie konnte das passieren? Etwas desorientiert landet er in einer Kneipe, in der Sophia als Kellnerin arbeitet. Die beiden sind sich sofort sympathisch, vielleicht auch, weil Sophia die Möglichkeit nicht ausschließt, dass Martins irre Geschichte einfach wahr ist. Sie will Martin helfen, wieder in seine Zeit zurückzukommen. Sie haben allerdings keine Ahnung, wie das gehen soll. Also kommt Martin erstmal mit in die WG, Sophias Mitbewohner Liam studiert schließlich Physik. Vielleicht hat der eine Idee.


Es hat sich schon eine ganze Menge verändert in den vierzig Jahren, die zwischen Martins und Sophias jeweiligen Wirklichkeiten vergangen sind. Das fängt schon mit dem komischen bunten Geld an. Trotz der Unterschiede finden Martin und Sophia schnell einen Draht zueinander und machen Kiel unsicher. Wenn sie nur wüssten wie es geht, könnte Sophia einen Besuch in der Vergangenheit wagen. Sollte mehr daraus werden? Martin hat sich selten so wohl gefühlt. Er wüsste nicht, ob Sabine, mit der er geht, ihn überhaupt vermissen würde. Martin, der Wanderer durch die Zeiten?


Der Beginn dieses Romans ist echt genial. Unter eigenartigeren Umständen können sich zwei junge Leute kaum treffen und dann noch in diesem besonderen Ort namens Kiel, wie prosaisch. Besonders gut funktioniert das Buch möglicherweise, wenn man sich beim Lesen in beiden Zeiten zurechtfindet. Es ist sehr humorvoll aufbereitet, welche Schwierigkeiten einen in unterschiedlichen Jahrzehnten erwarten können. Je länger man liest, desto mehr fragt man sich allerdings, ob die Vernunft über das Abenteuer siegen wird. Es entsteht der Eindruck, dass zumindest Martin und Sophia sich da einig sind. Im weiteren Verlauf vertut sich der spritzige Beginn ein wenig. Dieser Roman bietet dennoch eine andere interessante Herangehensweise an das Thema Zeitreisen und kann nicht unbedingt als Science Fiction bezeichnet werden. Gleichwohl bietet er ein tolles Leseerlebnis, eine Entdeckung, die sich lohnt.


4 Sterne


Nordstern von Karsten Blaas

ISBN: 978-3-966-66038-9




Samstag, 23. April 2022

Kinderstube

Eigentlich hat sie ein Forschungsstipendium in Oxford.Tatsächlich versucht die Historikerin Dr. Anna Bennet auf einer einsamen Insel vor der Küste Schottlands mit Mann und zwei Kindern, den Haushalt zu stemmen, trotzdem an ihrem Buch weiterzuarbeiten und hin und wieder eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Ihre Kinder sind anspruchsvoll. Der siebenjährige Raph ist weit für sein Alter und diskutiert gerne über Umweltproblematiken. Dagegen braucht der zweijährige Moth noch einiges an Betreuung, ist lieb, aber trotzig und das Durchschlafen will überhaupt nicht gelingen. Giles, ihr Mann, erforscht die Population der Papageientaucher, und geht dann mal weg.


Ein turbulentes Familienleben führt die Familie auf der Insel, die Giles’ Vorfahre Hugo gekauft hatte. Um wenigstens etwas von den Kosten hereinzuholen, haben sie ein Ferienhaus eingerichtet und die Gäste kommen bald. Anna müht sich mit Kochen und Saubermachen. Die Kinder sind eigentlich ein Vollzeitjob. Manchmal wünscht sie sich die Zeit an der Uni zurück, wo ihr Bauch noch flach war. Der Schlaf fehlt ihr einfach und doch kann sie ihre Jungs nicht alleine lassen, wenn einer von ihnen nachts aufwacht. Giles ist nur manchmal eine Hilfe. Für ihr Buch gibt es einen Abgabetermin und dann, beim Versuch die Apfelbäume einzupflanzen, findet Raph ein paar winzige Knochen.


Zu Beginn stellt sich die Frage: Was soll das. Möglicherweise kennt man den Verlag eher aus Veröffentlichungen des Krimigenres. Der vorliegende Band ist zurecht als Roman bezeichnet und hat man sich daran gewöhnt, dass man eher die Geschichte einer von außen betrachtet leicht überforderten Familie liest, überzeugt das Buch gerade durch das Lamentieren und Straucheln. Denn trotz des Stress und des Schlafmangels, Anna stiehlt sich die Zeit für ihr Buch und nebenbei deckt sie noch interessante Details zur Inselgeschichte auf. Und sie schafft es auch, sich um die Feriengäste zu kümmern, die ihre eigenen Probleme im Gepäck haben. Nimmt man den Roman einfach wie er ist, hat man ein fesselndes Sittengemälde aus einem Teil der schottischen Geschichte und die Erzählung einer sympathisch chaotischen Familie.


4 Sterne


Schlaflos von Sarah Moss

ISBN: 978-3-293-20927-5




Freitag, 22. April 2022

Bekenntnis?

Im Herbst 1946 beginnt der angesehene Bürger und Kriegsheimkehrer Pete Banning in Clanton, Mississippi, seinen Tag eigentlich ganz normal. Nur ein paar ungewöhnliche Vorbereitungen trifft er. Nach dem Frühstück mit seiner Schwester fährt er zum Haus des Pastors Dester Bell und tötet diesen mit drei Schüssen. Über die Tat und sein Motiv schweigt Banning nach der Verhaftung. Auch sein Anwalt kann ihn nicht zu einer Aussage bewegen. Seine Bannings Frau Liza ist nach einem Nervenzusammenbruch in Behandlung und die beiden Kinder sind auswärts auf verschiedenen Colleges. Wie soll die Familie jetzt zusammenhalten? Alle stehen vor einem Rätsel und der Prozess nimmt seinen Lauf.


Normalerweise steht der Autor für versierte Krimi- oder Thrillerkost, die von Spannung und Action lebt. Mit diesem Buch wählt er einen etwas anderen Ansatz, was durchaus neugierig macht. Die unterschwelligen Probleme der Familie Banning, über die sich das Familienoberhaupt ausschweigt, führen schließlich zu der grausamen Tat. Wobei dem Täter zugestanden werden kann, dass seine Erlebnisse im Pazifikkrieg und sein knappes Überleben sehr traumatisierend gewesen sein müssen. Doch warum schweigt er? Warum gibt er nicht einmal seiner Familie eine Erklärung? Wollte er sich selbst umbringen, hätte er das auch mit weniger Leid für andere hinbekommen. Schließlich hatte das Opfer auch eine Familie.


Für diesen Roman muss man wohl offen sein. Das wird möglicherweise nicht jedem gelingen. Man beginnt mit der Lektüre und stellt fest, dass der Autor einen ungewöhnlich beschreibenden und kühlen Ansatz gewählt hat. Man sucht die spannenden Entdeckungen, die der Verteidiger machen könnte. Vergeblich. Man fragt sich, ob man die Lesezeit für fast sechshundert Seiten aufwenden soll und fängt schließlich an, die Seiten zu überfliegen, was für das Verständnis der Handlung gut möglich ist. Auf der Suche nach der Auflösung erlebt man eine Enttäuschung. Vielleicht müsste man da bessere Kenntnisse der Zeit haben, in der die Handlung angesiedelt ist, ebenso wie über die des Ortes, der Südstaaten der USA, wo Menschen das vermeintliche Recht noch eher in die eigene Hand nehmen als in Europa. Es kommt die Überlegung auf, wie der Roman hätte positiver hätte gestaltet werden können, spannender. Man kommt zu dem Schluss, dass man sich vielleicht doch nicht immer auf den Namen eines Autors, den man für gut befindet, verlassen kann.


2 Sterne


Das Bekenntnis von John Grisham

ISBN: 978-3-453-43998-6





Donnerstag, 21. April 2022

Central Park

Am Freitag, den 13.,1903 wurde der 83jährige Stadtplaner und Anwalt Andrew Haswell Green vor seiner Haustür erschossen. Der Mörder wird sofort gefasst, aber sein Motiv ist unklar. Schließlich war Green einer der bekanntesten Männer von New York City. Ihm hat die Stadt den Central Park zu verdanken, die Bibliothek und einige weitere Bauten und Projekte. Inspector McClusky steht vor einem Rätsel. Nur langsam kann er sich an das Opfer herantasten, dessen Aufzeichnungen und Tagebücher er untersucht. Und welche Rolle spielt die geheimnisvolle Bessie Davis, deren Namen der Täter genannt hat?


Wer denkt schon, zum Ende des Lebens hin an einem anderen Ort zu sterben als im Bett? Umso überraschter ist Green als er dem Mörder gegenübersteht. Während der Untersuchung der Tat, erfährt Inspector McClusky einiges über Greens Leben und Wirken. Die Kindheit war nicht leicht, die Mutter früh verstorben, der Vater streng. Eine erste Anstellung in New York hätte eine Befreiung sein können, auch wenn der Job etwas freudlos ist. Zunächst jedoch kehrt Andrew krank nach hause zurück und wird wieder in die Welt geschickt, nach Trinidad. Dort schafft er es, einen Grundstock zusammenzuraffen, um sich das Jura-Studium zu ermöglichen. So kann er doch noch ein Gentleman werden. 


Wenn man nach der Beschreibung einen Kriminalroman erwartet, könnte man eine kleine Enttäuschung erleben. Ein großer Anteil der Erzählung befasst sich mit den Lebensumständen der historischen Persönlichkeit des Andrew Haswell Green. Wobei es durchaus interessant ist, von diesem New Yorker zu erfahren, der so viel für seine Stadt bewirkt hat. Zwar blieb ihm eine Erfüllung im persönlichen Leben versagt, doch war er durch sein berufliches Werk anerkannt und geschätzt. Mit seiner dem Zeitgeschehen angepassten Sprache schildert der Autor anschaulich, was seinen Protagonisten bewegt hat. Dessen Leben schien von Tragik geprägt, aber auch von humorvolle Episoden kann berichtet werden. Natürlich kann nicht genau gesagt werden, inwieweit sich der Autor an die Tatsachen gehalten hat und was der dichterischen Freiheit entspringt. Doch wirkt die Mischung gelungen. Auch wenn man es aus Sicht eines Touristen nicht so genau zu beurteilen vermag, Andrew Haswell Green hat dieses kleine Denkmal wohl verdient.


3,5 Sterne


Der große Fehler von Jonathan Lee

ISBN: 978-3-257-07191-7


Mittwoch, 20. April 2022

Wer schreibt hier nicht?

Ein Anwalt in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine kleine Kanzlei läuft in ruhigen Bahnen. Zwei Schreibgehilfen und ein Lehrling bewältigen ihre Aufgaben mit gewissem Murren, aber doch zuverlässig. Nachdem der Anwalt eine weitere Aufgabe zugewiesen bekommt, stellt er einen weiteren Kopisten ein, Bartleby. Zunächst erweist sich dieser als durchaus fleißig, doch als es daran geht, seine Abschriften nochmal Korrektur zu lesen, weigert er sich freundlich mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“, die ihm übertragene Aufgabe zu übernehmen. Der Anwalt ist konsterniert, findet aber keine richtige Antwort auf das Verhalten seines Angestellten. 


Bartleby ist schon ein komischer Kauz, er erklärt sein Verhalten nicht und der Anwalt findet keinen richtigen Umgang für ihn. Es wirkt nicht einmal so, als würde Bartleby sein Verhalten genießen. Er scheint nicht in der Lage zu sein, es zu ändern. Mit der Zeit versucht der Anwalt, Bartleby loszuwerden, doch auch das nicht sehr erfolgreich. Tragisch ist schließlich das Ende der Geschichte. Da es keine großen Erklärungen gibt, kommt man bald ins Grübeln, was Bartleby zu seinem Verhalten geführt hat. Auch das Nachwort ist da nicht sehr aufschlussreich. Betont wird die realistische Erzählweise, die man dem Autor sofort abnimmt. Man kann sich gut vorstellen, dass es in den Schreibbüros und Anwaltskanzleien so zugegangen ist. Die ruhige gelassene, aber stetige Art, die noch nichts von der heutigen Hektik hatte. Warum ist selbst diese Geruhsamkeit für Bartleby zu viel? Man weiß es nicht. Hat Bartleby ein traumatisches Erlebnis hinter sich? Doch warum erzählt er nichts von sich? Man kann sich an seiner Persönlichkeit reiben und doch froh sein, dass man nur von ihm liest. 


Eine erstaunliche kleine Erzählung, mit der man sich gedanklich länger befasst, als man zunächst vermutet hätte.


4 Sterne


Bartleby, der Schreibgehilfe von Herman Melville

ISBN: 978-3-328-10858-0




Dienstag, 19. April 2022

Kooperation

Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland verschwinden mehrere junge Menschen. Da die Vorfälle diesseits und jenseits der Grenze passieren, sind auch Polizeidienststellen auf beiden Seiten der Grenze zuständig und beginnen getrennt zu ermitteln. In der Nähe von Innsbruck werden zwei Studentinnen vermisst und in Deutschland ist eine junge Frau, die auf dem Weg zu ihren Eltern war, im Schneetreiben nicht zu hause angekommen. Alexa Jahn hat sich inzwischen an ihrer neuen Wirkungsstätte eingelebt. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt immer besser. Doch der Vertrauensbruch ihrer Mutter liegt ihr noch sehr auf der Seele. Bernhard Krammer auf österreichischer Seite fragt sich, ob er sich die Pension herbeiwünscht.


In ihrem zweiten Fall ermitteln Alexa Jahn und Bernhard Krammer eine ganze Weile nebeneinander her. Da die Geschehnisse einen unterschiedlichen Hintergrund zu haben scheinen, werden Informationen nicht groß ausgetauscht. Auf Deutscher Seite gerät bald ein Ortsansässiger in Verdacht, der schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, während sich in Österreich Hinweise ergeben, dass ein ganz alter Bekannter von Inspektor Krammer wieder aktiv geworden ist. Dieser Fall war wie ein Nadelstich, der nie verheilt. Schließlich hat die Sache zu Krammers Versetzung nach Innsbruck geführt. 


Immer ein gutes Zeichen ist es, wenn man nach dem ersten Teil auch zum zweiten greift. In diesem zweiten Band der Reihe kann man sich über lebendige Schilderungen der Ermittlertätigkeit und dem zwischenmenschlichen Miteinander freuen. Alexa Jahn und Bernhard Krammer sind sympathische Persönlichkeiten, die in ihrem Beruf schon einiges gesehen haben und im Privatleben mit einer neuen Situation konfrontiert werden. Der Fall an sich ist in einem Moment etwas vorhersehbar, ansonsten aber interessant aufgebaut und dramatisch gelöst. Was im Ungewissen bleicht, bildet schließlich einen Hinweis auf den nächsten Fall, der Jahn und Krammer im nächsten Jahr wieder zusammenführen wird. Diese Krimireihe ist eine zum gerne Lesen. 


4 Sterne


Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht von Anna Schneider

ISBN: 978-3-596-70546-7




Montag, 18. April 2022

Der Trauzeuge

Für seine Freunde, die Archäologen Horst und Clothilde, soll Bruno, Chef de Police, als Trauzeuge fungieren. Seine Rede ist im Entwurf schon fertig, da bekommt er die Nachricht, dass am nahen Schloss eine tote Frau gefunden wurde. Erstmal ist das Brunos Sache, denn noch ist nicht klar, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handelt. Im Falle eines Falles wird er J. J., den Kollegen von der Kriminalpolizei hinzuziehen. Aber natürlich wird auch Bruno sein Möglichstes tun, um die Frau zu identifizieren. Dass er die junge Amélie aus dem Ministerium aufs Auge gedrückt bekommt, schmeckt ihm zunächst nicht.


In seinem zehnten Fall hätte Bruno Courreges eigentlich nicht viel mit Verbrechen am Hut, wenn ihm nicht die Realität dazwischen käme. Die Tote, die in der Nähe des Schlosses gefunden wurde, hatte offensichtlich eine Botschaft. Leider hat sie es nicht mehr geschafft, ihre Nachricht zu schreiben. So gibt es also das Rätsel um ihre Identität als auch das Rätsel um das Wort. Brunos neue Beobachterin Amélie erweist sich überraschend als echter Gewinn. Wie versiert ihre Finger über den Bildschirm ihres Handys fliegen und welch erstaunliche Informationen sie dem kleinen Gerät entlockt. Bruno und sie finden heraus, dass es sich bei der Toten um eine Archäologin mit einer Mission handelte.


Egal. ob man die Reihe vollständig kennt oder nicht, man findet sich schnell in Brunos Welt zurecht. Als eine Art Dorfpolizist ist Bruno ein Mittelpunkt des Ortes St. Denis, er kennt jeden und jede und hat freundliche Beziehungen über die Grenzen des Ortes hinaus. Eigentlich im Waisenhaus aufgewachsen, hat er in dem Ort eine Heimat und in seinen Bewohnern eine Familie gefunden. Doch die Wirklichkeit macht auch vor dem beschaulichen Ort nicht Halt und der Tod der Unbekannten erweist sich als Teil eines perfiden Plans. Auch wenn es manchmal so erscheint, als sei Bruno einfach zu gut, so hat man hier eine liebevolle Beschreibung des Lebens in einer geschichtsträchtigen Region in Frankreich und gleichzeitig einen spannenden Kriminalroman, der durchaus einen Bezug zur heutigen Realität hat. 


4 Sterne


The Templars’ last Secret von Martin Walker

ISBN: 978-1-78429-466-3

Samstag, 16. April 2022

Die Lösung

Kommissar Tom Babylon sucht seit Jahren nach seiner Schwester Viola. So manches Mal hat er dabei seine Kompetenzen überschritten und die Folgen in Kauf genommen. Endlich gibt es eine echte Spur. In seinem Elternhaus hat er ein Foto gefunden, auf dem seine Schwester als Erwachsene zu sehen ist. Sein Vater ist alles andere als mitteilsam und kurze Zeit später stirbt er bei einem vermeintlichen Unfall in der U-Bahn. Tom Babylon muss dem Hinweis unbedingt nachgehen, auch gegen den Willen seines Chefs. Nur die Polizeipsychologin Sita Johanns ist bereit, ihm zu helfen.


In seinem vierten Fall gibt es nur einen Fall, den Fall Tom Babylon. Endlich sieht er die Möglichkeit, das Verschwinden seiner kleinen Schwester aufzuklären, nach 23 Jahren. Er hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, aber eben nur fast. Sein Vater hat ihn nie unterstützt, die Unterstützung seiner Kollegen hat er verloren. Nur Sita ist noch an seiner Seite. Tom Babylon setzt wirklich alles aufs Spiel und es gibt einige zwielichtige Gestalten, die ihn daran hindern wollen, zu erfahren, was damals geschah. Wohin kann die Neugier ein kleines Mädchen geführt haben, das doch nur seinem großen Bruder nacheifern wollte.


In diesem Band wird die Rahmenhandlung zur Haupthandlung. Endlich hat Tom Babylon eine heiße Spur. im Fall des Verschwindens seiner kleinen Schwester. Möglicherweise hat man als Leser oder Leserin immer gedacht, da kann doch nichts mehr kommen nach über zwanzig Jahren. Doch man wird eines Besseren belehrt. Die aufeinander zu laufenden Handlungsstränge bieten jede Menge spannende Momente. Manchmal stockt einem wirklich der Atem, weil man befürchtet, dass das doch nicht gutgehen kann. Nach und nach verdichten sich die Hinweise, dass Babylon einer großen Sache auf der Spur ist. Das ist packend zu lesen und von den über 600 Seiten scheint keine einzige zu viel. Ein besseres Finale kann man sich kaum vorstellen. Und völlig ausgeschlossen ist ein Wiederlesen mit Tom Babylon nicht.


4,5  Sterne


Violas Versteck von Marc Raabe

ISBN: 978-3-864-93152-9




Donnerstag, 14. April 2022

Die bleiche Tote

Zwei junge Jogger stolpern förmlich über eine weibliche Leiche. Die herbeigerufene Kommissarin Christine Peterson kann trotz ihrer langjährigen Erfahrung nicht unbeteiligt bleiben. Wenn so junge Menschen eines wohl unnatürlichen Todes sterben, muss sie einfach herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Der Toten soll Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie schon nicht geschützt oder gerettet werden konnte. Doch es gibt nicht viele Spuren, außer dass die Verstorbene kaum noch Blut im Körper hatte. Peterson ruft deshalb ihren ehemaligen Kollegen Bastian Becker als Berater ins Team. Nach der Sache damals hat er die Polizei verlassen. Seine unkonventionelle Denkweise scheint seine Mitarbeit für diesen Fall besonders wertvoll zu machen.


Der Kriminalbiologe Mark Benecke präsentiert hier seinen ersten Kriminalroman. Dafür hat er ein interessantes Team zusammengestellt. Die erfahrene Kommissarin Christine Peterson, ihre junge und forsche Kollegin Alina Brinkmeier und als externe Berater Bastian Becker und seine Partnerin Janina. Ein cooles Team, das für die unterschiedlichen Ansätze und Herangehensweisen steht. Verschiedene Blickwinkel sind genau das, was in diesem Fall wichtig zu sein scheint. Warum hatte das Opfer kaum noch Blut im Körper? Inwieweit ist die Art, wie die Leiche abgelegt wurde, von Bedeutung? Der Gedanke liegt nahe, dass weitere Opfer zu befürchten sind. Sollte es eine Spur in die Subkultur geben?


Mit Kommissarin Peterson und ihren Mitstreitern betritt ein sympathisches neues Team die Welten der Kriminalromane. Die bodenständige Kommissarin versteht es, ihre Kollegen anzuleiten und gleichzeitig für Ideen offen zu sein. Auch wenn der Fall etwas vorhersehbar wirkt und die Stadt ruhig genauer verortet werden könnte, so ist es doch spannend, wie das Team an die Ermittlung herangeht und mit welcher Gewieftheit es auch ungewöhnlichen Spuren nachgeht. Dabei erweist sich gerade Becker als Bereicherung für die Untersuchung, weil er sich nicht beirren lässt. Auch wenn noch etwas Luft nach oben ist, heißt man dieses neue Team, das sich hier zusammenfindet, doch gerne willkommen.


3,5 Sterne


Viral Blutrausch von Mark Benecke

ISBN: 978-3-7109-0140-9




Montag, 11. April 2022

Ein normales Jahr

Jeden Geburtstag startet Nina George Dean mit dem Lied „The Edge of Heaven“, von dem ihre Eltern ihr sagten, es sei bei ihrer Geburt auf Platz eins gewesen. Mit ihren besten Freunden wird gefeiert und es soll einen Neustart geben. Seit ihrer Trennung von Joe ist Nina Single, das muss sich mal wieder ändern. Ihre Freundin Lola schlägt vor, die Dating-App Linx auszuprobieren. Das Glück scheint Nina hold zu sein, gleich beim ersten Date lernt sie den charmanten Max kennen. Allerdings, so schnell es begann, so schnell ist es auch vorbei. Sorgen macht sich Nina um ihren Vater, bei dem eine Demenz festgestellt wurde.


Es ist ein normales Jahr im Leben einer Anfang Dreißigjährigen. Sie ist beruflich erfolgreich als Autorin von Kochbüchern mit besonderem Aufhänger, im Liebesleben nicht ganz so, schließlich verliebt sich ihr Ex neu und geht eine feste Beziehung ein. Ihre Freundin Kat mit Mann und Kind lebt so langsam in einer anderen Welt, sie will sogar aus London herausziehen. Aber Lola ist immer für einen Spaß zu haben. Nina ist betrübt wegen der Krankheit ihres Vaters. Er ist ein pensionierter Lehrer, der immer stolz auf seinen gebildeten und kunstversierten Stand war. Wie das immer mehr verloren geht, macht sie einfach traurig.


In diesem Roman ist von einem Jahr zu lesen, das einfach so vergeht. Es ist ein wenig melancholisch, ein wenig turbulent, ein wenig fröhlich. Man gewinnt teilweise den Eindruck, dass bei den Freunden und Freundinnen mehr passiert als bei Nina selbst. Sie und ihre Mutter müssen sich eingestehen, dass der Vater an einer unheilbaren Krankheit leidet und dass sein altes Ich nie wieder zurückkehren wird. Keine leichte Aufgabe, sich damit abzufinden. Die Sache mit Max war einfach von Hoffnung genährtes Pech. Obwohl dieses Buch eher wie eine Beschreibung eines Jahres wie es eben so ist wirkt, lässt es sich genau mit diesem Realitätsbezug gut lesen. So ein Jahr könnte in jedem Leben stattfinden. Auch wenn es nicht zum Träumen einlädt, so findet man sich umso mehr wieder. Und natürlich schaut man, welcher Song am eigenen Geburtstag auf Platz eins war.


3,5 Sterne


Gespenster von Dolly Alderton

ISBN: 978-3-455-01109-8





Samstag, 9. April 2022

Zwei Welten

Die Polizistin Teo Bomtempi ermittelt in der nigerianischen Gemeinde. Sie soll in erster Linie Aufklärungsarbeit leisten, doch in gewissen Bereichen ermittelt sie auch. Eines Abends jedoch wird sie verletzt in ihrer Wohnung gefunden und fällt ins Koma. Sie wacht nicht wieder auf. Inspector Linley und sein Team übernehmen den Fall. Es ist Sommer, es ist heiß und eigentlich keine Zeit zum Sterben. Im Mord einer Polizistin wird natürlich alles daran gesetzt, die Sache aufzuklären. Teo kam aus einer wohlhabenden Familie, setzte sich jedoch in letzter Zeit immer mehr mit ihren afrikanischen Wurzeln auseinander.


In ihrem 21. gemeinsamen Fall müssen sich Thomas Linley und Barbara Havers mit einem Thema beschäftigen, von dem sie nicht einmal wussten, dass es auch in England von Bedeutung sein kann. Wem kam der Tod dieser jungen intelligenten Polizistin gelegen? In welcher Sache genau stellte sie Nachforschungen an? Bestanden zwischen ihr und einem ihrer Kollegen mehr als nur freundschaftliche Verbindungen? Gleichzeitig versucht die Nigerianerin Monifa ihrer achtjährigen Tochter Simi das bestmögliche Leben zu verschaffen und ihren älteren Sohn Tani bei seiner Ausbildung zu unterstützen. Die Gefahr, dass ihr gewalttätiger Ehemann ihre Pläne durchkreuzen könnte, ist allgegenwärtig. Monifa ist immer auf der Hut.


Die Autorin nimmt sich in ihrem neuen Linley-Roman eines Themas an, dass nicht so bekannt ist, aber sehr viel mehr Beachtung braucht. Mal wieder führen althergebrachte Traditionen dazu, dass Frauen geradezu unterirdisch schlecht behandelt werden und das auch noch für richtig halten. Wie kann geholfen werden? Wie schwierig es ist, erstmal das Verständnis zu wecken, das überhaupt etwas schief läuft, wird sehr eindrucksvoll geschildert. Eine komplizierte Ermittlung lässt in die Seele von Teo Bomtempi schauen und bringt die Machenschaften irregeleiteter Gutmenschen zutage. Ein tolles Team in diesem intensiven Fall bilden Inspector Linley, Barbara Havers und Winston Nkata. Sie müssen sich richtig ins Zeug legen, um die Hintergründe der Tat zu durchschauen, wobei auch Nebenstränge schlüssig aufgelöst werden. Ein sehr gelungener Linley, der eine Zierde für die Reihe ist.


4,5 Sterne


Was im Verborgenen ruht von Elizabeth George

ISBN: 978-3-442-31620-5





Montag, 4. April 2022

Guter Vater

Seine Frau stirbt an Krebs als die Jungs Fus und Gillou zehn und sieben Jahre alt sind. Viel zu früh, um die Mutter zu verlieren. Der Vater versucht sein Bestes, die Mutti zu ersetzen. Im ersten Jahr fährt er mit den Kindern zelten. Ein schönes Erlebnis, das leider einmalig bleibt. In den folgenden Jahren lassen die schulischen Leistungen von Fus nach. Er beginnt sich herumzutreiben. Der Vater merkt, dass es ausgerechnet die Rechten sind, denen sich Fus zugewandt hat. Wenigstens schafft es Gilliou an eine gute Hochschule in Paris. Doch der Vater weiß nicht mehr, was er mit Fus anfangen soll.


Welche Chance hat man als Elternteil, wenn der Nachwuchs sich in eine Richtung entwickelt, die man sich wirklich nicht wünscht? Hat man selbst Fehler gemacht? Kann man noch etwas unternehmen? Gibt es eine Möglichkeit wieder einen Zugang zu dem Sproß zu finden? Soll wenigstens der Bruder gerettet werden? Der Vater weiß sich nicht zu helfen. Der Versuch, schweigend auf das Beste zu hoffen, scheitert ebenso wie der Versuch, sich gänzlich von seinem Sohn abzuwenden. Kann sein Kind immer sein Kind bleiben, auch wenn er die Ansichten so überhaupt nicht teilt?


Dieser eindringliche Roman über den Verlust des Halts in der Familie fordert die ganze Aufmerksamkeit. Aus Sicht des Vaters muss man miterleben, wie seine Welt zerbricht. Das beginnt schon mit dem Tod der geliebten Frau. Über seine Ehe denkt er, er sei einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen als er ihr begegnete. Der Vater scheitert darin, für ihren Verlust einen Ausgleich zu bieten. Natürlich muss das nicht dazu führen, dass ein Kind sich einer nationalistischen Partei zuwendet. Beim Lesen ist man ebenso ratlos wie der Vater. Wo hätte eingegriffen werden können? Irgendwann ist es einfach zu spät und nichts mehr zu retten. Und so ist man nach dem Ende der Lektüre schockiert, frustriert und sogar ein Hoffnungsschimmer hat einen bitteren Beigeschmack. Das Buch gibt keine Antworten. Man sollte sich ihm trotzdem aussetzen.


4 Sterne


Was es braucht in der Nacht von Laurent Petitmangin

ISBN: 978-3-423-29012-8





Samstag, 2. April 2022

Zusammen sind sie stark

Im Jahr 1916 gehen schon viele junge Männer zur Armee. Deshalb ist es für die Kew Gardens schwierig, gute Gärtner zu finden. Mac, verantwortlich für die Einstellungen, hat allerdings nicht mit den Frauen gerechnet. Gärtner sind schließlich Männer, das sagt ja schon der Name. Er hat aber auch nicht mit seinem Lehrling Jim gerechnet, der das anders sieht und der seinen Mentor überzeugt, seiner Freundin Ivy und der etwas älteren Louisa eine Chance zu geben. Eine gute Wahl, wie sich herausstellt. Nicht nur für die Kew Gardens, sondern auch für die Frauen, die eine enge Freundschaft schließen.


Auch wenn die raue Wirklichkeit nicht an den Kew Gardens und ihren Gärtnerinnen vorbei geht, so ist ihre Tätigkeit und ihre Freundschaft doch ein Hort des Wohlbehagens. Eng arbeiten Ivy, Jim, Louisa und Bernie, der eigentlich als Lehrer tätig war, zusammen. Doch die Auswirkungen des Krieges rücken näher. Immer mehr junge Männer melden sich freiwillig und auch Jim wird bald zum Militär gehen, während Bernie als Pazifist, sich vorsehen muss, nicht unfreiwillig rekrutiert zu werden. Über dieses Thema gehen auch die Meinungen im Volk auseinander. Auch die Freundschaft der vier jungen Leute wird auf die Probe gestellt. 


Vor dem Hintergrund eines der ältesten Botanischen Gärten Englands lernt der Leser oder die Leserin wirklich liebenswerte Menschen kennen. In der harten Zeit des ersten Weltkriegs haben es junge Frauen wie Ivy und Louisa nicht leicht. Dennoch kann man den Anbruch neuer Zeiten sehen, denn sie haben den Mut sich zu bewerben und sie werden belohnt. Auch wenn der Lohn eher schmal ist, so kann Louisa sich selbst versorgen und Ivy zum Auskommen von Mutter und Geschwistern beitragen. Louisa und Ivy sind Frauen, die es anpacken. Auch wenn die Gesellschaft noch nicht so weit ist und die Frauenrechte eher hintenanstehen, ein Anfang ist gemacht. Möglicherweise sind die meisten Menschen in diesem Roman etwas zu gut, um wahr zu sein, doch gerade heute ist leider wieder eine Zeit, in der man so märchenhafte Bücher richtig genießt. Wunderbare Frauenfreundschaft, große Liebe und trotz der lähmenden Zeit ist der Aufbruch zu spüren. Ein richtig schönes Leseerlebnis, das die Kew Gardens in Kent auf die Urlaubswunschliste bringen kann.


4 Sterne 


The Kew Garden Girls von Posy Lovell

ISBN: 978-1-4091-9329-6


auf Deutsch heißt der Roman "Die Gärtnerinnen von Kew Gardens"  und ist im Goldmann Verlag erschienen






Freitag, 1. April 2022

Ferienhaus am See

Die drei Brüder Nils, Benjamin und Pierre fahren nach Jahren zum ersten Mal wieder zu dem Ferienhaus am See. Sie wollen den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter erfüllen, die wollte, dass ihre Asche dort verstreut wird. Das Verhältnis unter den Brüdern ist eher oberflächlich und kühl. Doch die Zeit nach dem Tod der Mutter ist für alle aufreibend und Erinnerungen an die Sommertage am See werden geweckt. Nicht nur gute Erinnerungen, denn die Kinder wussten selten, wie ihre Eltern im nächsten Moment reagieren würden. Und doch gab es schöne Momente, nur sind sie irgendwie weg.


Ihre Kindheit war nicht ganz leicht, denn hundertprozentig verlassen konnten sie sich auf ihre Eltern nicht. Besonders die Launen der Mutter waren manchmal schwer zu ertragen. Als sie noch jünger waren, haben sie zusammengehalten. Beim Wettschwimmen zum Beispiel, achteten die Älteren darauf, dass Pierre, der Jüngste, sicher zum Ufer gelangt. Natürlich wurde dann dafür gesorgt, dass er Letzter wurde, aber sicher zu hause. Nach und nach verschwand dieser Zusammenhalt. Durchs Älter werden vielleicht? Die Reisen hörten auf. Die Brüder lebten ihr eigenes Leben. Doch nun hat der Tod der Mutter sie wieder zusammen gebracht, wenn auch vielleicht nicht vereint.


Diese Familiengeschichte besticht durch die Worte und ihre Protagonisten, etwas weniger durch das Cover, das zwar zur Handlung passt, aber doch eher unscheinbar wirkt. Dafür nehmen die einleitenden Worte des Autors einen gleich für das Buch ein und man findet schnell Zugang zu den drei Brüdern mit ihren Ecken und Kanten. Über die Eltern wird wenig erklärt, vielleicht reicht eine allumfassende Erklärung, auch für das Auseinanderdriften der Brüder, der ganzen Familie. Nach und nach entspinnt sich eine packende und tragische Erzählung einer Familie. Das Schicksal der Familienmitglieder wird berührend, wobei die Erzählweise vielleicht etwas fordernd wirkt, aber sehr zum besonderen Reiz dieses Romans beiträgt.


4,5 Sterne


Die Überlebenden von Alex Schulman

ISBN: 978-3-423-28293-2