Freitag, 31. März 2023

Privatschüler

Die beiden englischen Internatsschüler Henry Gaunt und Sydney Ellwood haben noch etwas Zeit bis zum Abschluss. Doch man schreibt das Jahr 1914 und auch wenn das Leben in der Schulgemeinschaft noch behütet erscheint, so sprechen die Veröffentlichungen in der Schulzeitung über Gefallene und Verwundete eine deutliche Sprache. Trotz der beginnenden Besorgnis, dass der Krieg weder schnell beendet sein wird noch ohne große Verluste stattfinden wird, melden sich etliche der jungen Männer freiwillig. Eine weiße Feder möchte schließlich keiner erhalten. Henry geht zuerst und die Briefe, die er mit Sidney austauscht, sprechen eine deutliche Sprache.


Mit großem Enthusiasmus marschieren die jungen Männer in den Krieg, noch nicht einmal zwanzig oder gerade darüber. Beim Lesen der Ehrenlisten kann einem ganz anders werden. Dennoch ziehen sie reihenweise in den Krieg. So auch nacheinander die Freunde Henry und Sydney. Ihre besondere Beziehung müssen sie verheimlichen. Manchmal verheimlichen sie ihre Liebe auch vor sich selbst. Die britische Freundlichkeit und auch die „stiff upper Lip“ bestimmen ihren Umgang. Vom Internat in den Schützengraben, kein schöner Gang, doch er wird als notwendig empfunden. Wie lange aber sollen und müssen sie die Nachrichten von Verwundungen oder Todesfällen unter den Kameraden ertragen.


Mit ihrem ersten Roman legt die Autorin gleich ein beeindruckendes Werk vor. In Zeiten eines Krieges, von dem man gehofft hatte, dass etwas derartiges nie wieder stattfinden würde, liest sich die Lektüre nicht immer ganz leicht. Zu sehr steht man unter dem Eindruck der aktuellen Berichte. Dennoch hat die Autorin den Ton der britischen Upperclass getroffen. Man kann sich die Jungen im Internat so gut vorstellen und auch wie sie an der Front verfrüht zu Männern werden müssen. Die liebenswert ruppige Art, die heimlichen Beziehungen, die Freundschaften, die Erlebnisse in den Kämpfen, die eigentlich nur Leid und Verlust hervorrufen. Ein Roman, bei dessen Lektüre einem gleichzeitig leicht und schwer zumute wird. Ein Debüt, das einem die Mentalität der Briten, mit ihrem Durchhaltevermögen und der laxen Freundlichkeit näher bringt und dass einen einmal mehr überzeugt, dass es Kriege überhaupt nicht geben muss.


4 Sterne


Durch das große Feuer von Alice Winn

ISBN: 978-3-9616-1160-7





Mittwoch, 29. März 2023

Für die Pferde

Drei Menschen, die die Tiere lieben und die Art erhalten wollen. Zum einen ist da Michail, der im Jahr 1881 eine Expedition unternimmt, um Wildpferde aus der Mongolei in einen Tierpark zu bringen. Des Weiteren versucht die Tierärztin Karin im 1992 die Pferde wieder in der Mongolei anzusiedeln. Mit ihrem Sohn und einer kleinen Gruppe von acht Tieren erreicht sie die Steppe, die einen eigenen Reiz ausübt. In der Zukunft im Jahr 2064 lebt Eva mit ihrer Tochter in einer verlassenen Gegend auf ihrem Hof. Die meisten sind schon gegangen, doch Eva kann sich nicht losreißen, sie ist doch für die noch übrig gebliebenen Wildpferde verantwortlich.


In diesem dritten Band des „Klimawandel-Quartetts“ erzählt Maja Lunde von den Wildpferden, einer vom Aussterben bedrohten Tierart. Über die Jahre oder Jahrhunderte versuchen die Menschen, die Art zu erhalten. Wobei es zunächst im 19. Jahrhundert wohl eher darum ging, die Tiere zur Schau zu stellen und auch ein eigenes Lebensziel zu finden. Im 20. Jahrhundert dagegen sollen die Wildpferde wieder in ihrem natürlichen Lebensraum zurückkehren, daneben wird Karins Familie fast zur Nebensache. Auch für Eva sind die Tiere wichtig. Doch im 21. Jahrhundert scheint es nicht mehr viel zu retten zu geben. Die Jugend sollte den Rest Zukunft bekommen, das ist wohl das Wichtigste. 


Die Autorin nimmt sich wichtiger Themen an. Dabei folgen ihre Romane einem gewissen Muster, welches im ersten Band am ansprechendsten umgesetzt ist. Beim zweiten Band und auch im vorliegenden Band treten die Zusammenhänge nicht so deutlich hervor. Man wartet irgendwie auf die tolle Geschichte, die Erklärungen liefert. Die Geschichte der Erhaltung einer Art berichtet auch vom Scheitern der Menschen im Miteinander, da gerät man beim Lesen mitunter in eine niedergedrückte Stimmung. Zum Glück kommt zum Ende hin etwas Hoffnung auf, dass doch noch ein Silberstreif auftauchen kann. Auch wenn man vom ersten Band der Reihe am meisten beeindruckt war, wird man doch neugierig auf den abschließenden vierten Band. Vielleicht erhält man da eine bemerkenswerte Erklärung.


3,5 Sterne



Die letzten ihrer Art von Maja Lunde

ISBN: 978-3-442-77040-3






Sonntag, 26. März 2023

Die Geister

Seventeen ist der Nachfolger von Sixteen. Um seinen Platz musste er nicht kämpfen, denn Sixteen verschwand einfach. Jetzt hat gibt es einen neuen Auftrag in Berlin. Danach soll Seventeen im Vorbeigehen nur noch eine Kleinigkeit erledigen. Und gerade diese vermeintlich einfache Sache geht irgendwie schief. Der gnadenlose Killer Seventeen kommt ins Grübeln. Ist das immer so richtig, was er tut, selbst wenn es für die gute Sache oder die gute Seite ist? Aber er darf nicht schwach werden. Wer schwach wird mal sich selbst eine Zielscheibe auf die Brust. Noch gibt es einen nächsten Auftrag: Sixteen.


Mit Seventeen startet der Autor eine neue Thriller Reihe. Auftragskiller, die von Vermittlern für Regierungen losgeschickt werden, um Aufgaben zu erledigen, von denen nie jemand zugeben würde, dass es sie überhaupt gibt. Nachdenken und ein Gewissen entwickeln darf man da nicht. Gerade das jedoch scheint Seventeen zu geschehen. Er wird die Bilder nicht mehr los und sein Agent wird misstrauisch und versorgt Seventeen mit dem Auftrag, der unerfüllbar sein dürfte. Er soll Sixteen aufspüren und erledigen. Wäre das nicht doch eine Gelegenheit auszusteigen? In Seventeen kommen Erinnerungen hoch, wer er war, wie er geworden ist, was er ist.


Das klug gestaltete Cover sollte man sich genau ansehen, nachdem die leuchtende Grundfarbe die Aufmerksamkeit geweckt hat. Natürlich muss man es zur Abwechslung mal mögen, sich unter Tötungsmaschinen zu bewegen. Dann hat man hier spannende Lesestunden und eine tolle Ablenkung vom Alltag. Ein Killer mit Gewissen und ein Killer im Ruhestand treten zum großen Duell an. Mit Härte, aber auch mit Humor und Aberwitz schildert der Autor das Geschehen. Da geht es schnell von einem Ende der Welt zum anderen. Und doch gibt es auch nachdenkliche Momente, denn auch ein Auftragskiller wird nicht einfach so geboren. Sie haben eine Geschichte und etliches davon wollen Sixteen und Seventeen hier loswerden. Schön, dass auch ein paar starke Frauen mitmischen, die eine echte Bereicherung bilden. Eine neue Reihe, deren Auftakt sehr gelungen ist und bei der man gespannt sein kann, wie der Autor sie fortsetzen will. 


4 Sterne


Seventeen von John Brownlow

ISBN: 978-3-499-00851-1





Freitag, 24. März 2023

Teamplayer

Sie sind schon seit ein paar Jahren verheiratet und haben eine große Tochter. Die Polizeikommissare Adam Schmidt und Linh-Thi Schmidt sind privat ein Team, beruflich gehen sie allerdings getrennte Wege, sie als Polizeioberkommissarin in Rheinsberg in Brandenburg, er als Kriminalhauptkommissar in Berlin. Doch eines Morgen klingeln ihr Diensttelefone fast gleichzeitig. Adam wird wegen einer mutmaßlichen Kindesentführung nach Berlin gerufen und Linh-Thi wegen eines möglichen Banküberfalls nach Rheinsberg. Beide machen sich sofort auf den Weg. Ein verschwundenes Kleinkind muss schnellstmöglich gefunden werden und bei einem Banküberfall gilt es schlimmeres zu verhindern. 


Ein ungewöhnliches Team bilden der Berliner Adam Schmidt und seine Frau Linh-Thi in ihrem ersten Fall, die vietnamesische Wurzeln hat. Sie haben sich schon vor Jahren kennengelernt, unter Umständen, die sie lieber nicht direkt geheimhalten, aber doch so ähnlich. Damals ging es um Familienbande. Und beim heutigen Fall? Für die Eltern des verschwundenen Kindes mit Sicherheit. Und welche Motive gibt es für einen Banküberfall? Das muss etwas genauer untersucht werden, obwohl Geld hier wahrscheinlich das offensichtlichste Motiv ist. Immer wieder erinnern sie die Kommissare an ihre Vergangenheit. Ihre Begegnung war schon ein Grund dafür, dass Linh-Thi später zur Polizei gegangen ist. 


Dieses Hörbuch wird gekonnt vorgetragen von Simon Jäger, der es bestens versteht, die Akteure lebendig erscheinen zu lassen. Ein kleines Manko bei Hörbüchern kann sein, dass Schreibweisen von Namen nicht so klar sind und nach Rückblenden sehr aufmerksam zugehört werden muss, damit man die Rückkehr in die Gegenwart nicht verpasst. Das hält einen aber nicht davon ab, das Gehörte gespannt zu genießen. Auch der Kriminalroman an sich wartet mit ausgesprochen spannenden Momenten auf. Die persönliche Geschichte der Kommissare ist dabei schon speziell und vermutlich ein Aufhänger für eine Rahmenhandlung, die noch über etliche Fälle weitergesponnen werden kann. Die Nachforschungen, die die Kommissare anstellen, nachdem sei in ihre Dienststellen gerufen werden, bergen etliche Wendungen, mit denen sicher nicht zu rechnen war. Genau das ist es, was zum Lesen motiviert, und die Neugier auf den Schluss hält einen jederzeit bei der Stange. 


4 Sterne


Die Schuld, die uns verfolgt von Alexander Oetker und Thi-Linh Nguyen 

ISBN: 978-3-8449-3427-4






Mittwoch, 22. März 2023

Urlaub wider Willen

Eigentlich wäre Myrtle Hardcastle viel lieber mit ihrem Vater zu der Konferenz nach Paris gefahren. Das ist aber was für erwachsene Kriminalisten und Myrtle ist erst zwölf. So muss sie mit Miss Judson, Tante Helena und Katze Peony im Privatwagon ans Meer fahren. Die schlechte Laune ist schnell vergessen, denn unter den Mitreisenden ist auch die Versicherungsdetektivin Izzie Bloom, die den Transport eines hoch versicherten Schmuckstücks bewachen soll. Es ist einfach toll, wenn Miss Bloom von ihren Fällen erzählt. Dann wird entdeckt, dass der Schmuck gestohlen wurde und Miss Bloom nimmt die Ermittlungen auf. Da muss Myrtle mitmischen.


In ihrem zweiten Fall findet Myrtle erstmal nicht den Schmuck, sondern eine Leiche. Und Tante Helena gerät in Verdacht. Und Miss Judson pocht darauf, dass Myrtle die Untersuchungen in dem Mord der Polizei überlassen soll. Myrtle mag Miss Judson sehr gerne und meistens macht sie auch, was sie soll. Aber wenn es um Mord geht? An dem die Polizei irgendwie kein so großes Interesse zeigt? Unauffällig wird sich Myrtle unter den anderen Urlaubern umhören und auch nach dem Schmuck suchen. Und insgeheim hegt sie die Hoffnung, ihr Vater könne früher zurück kommen und sich an den Nachforschungen beteiligen.


Wieder ist Myrtles Spürnase gefragt und lange bleibt unklar, wer unter den vielen Verdächtigen der Täter sein könnte. Da tappt man als Leser im Dunkeln und wartet ein wenig auf ein langsames Herauskristallisieren. Die große Enthüllung erfolgt erst ganz zum Schluss. Bis zu diesem Moment hatte man wirklich schon jeden in Verdacht, so dass man in gewisser Weise auch richtig lag. Ein wenig fehlt diesem zweiten Band der Charme des ersten, vielleicht weil Myrtles Vater durch Abwesenheit  glänzt. Schön ist allerdings, dass alle losen Fäden verbunden werden. Und Tante Helena ganz andere Seite kennenzulernen, ist eine ausgesprochen interessante Erfahrung. 


Ein schöner Kriminalroman für Kinder, die aus der Grundschule heraus sind und auch Erwachsene finden entspannte Unterhaltung.


3,5 Sterne


Mord im Handgepäck von Elizabeth C. Bunce

ISBN: 978-3-9572-8554-6







Dienstag, 21. März 2023

48 Stunden

Die Polizeibeamtin Sabine Nemez ist erstaunt, dass ihr Vater bei ihr in München auftaucht. Ihr Erstaunen wandelt sich in Entsetzen als ihr Vater erzählt, ihre Mutter sei zwei Tage vorher entführt worden und er habe sie nur retten können, indem er ein Rätsel löse. Fast im gleichen Moment wird gemeldet, dass im Dom eine Frauenleiche gefunden wurde. Nur widerwillig macht sich Sabine auf den Weg zum Fundort. Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich, bei der Toten handelt es sich tatsächlich um ihre Mutter. Sabine Nemez ist wie erstarrt und doch will sie unbedingt an den Ermittlungen teilnehmen. 


In diesem ersten Band der Reihe um Sabine Nemez und Maarten S. Snejder lernen sich die beiden Ermittler unter dramatischen Umständen kennen. Um den Mord an ihrer Mutter aufzuklären, überschreitet Nemez ihre Kompetenzen und ruft damit das BKA und auch Snejder auf den Plan. Zunächst kann Sabine die Art des Niederländers garnicht leiden, doch sie merkt schnell, dass er ein begnadeter Analytiker ist. Natürlich hat er beim BKA auch Zugriff auf andere Informationsquellen. Ihm ist bekannt, dass es deutschlandweit schon ein paar ähnlich strukturierte Morde gegeben hat. Wo ist der Zusammenhang zwischen den Opfern? Tja, das ist eine der Fragen.


Diese Thriller Reihe sollte man unbedingt gelesen haben, zumindest wenn man ein ungewöhnliches Team von Ermittlern mag, die rätselhafte Fälle in einem Wettlauf gegen die Zeit lösen. Hier jedenfalls stellt der Täter Ultimaten, die ein Zeitfenster zu öffnen scheinen, in denen das Opfer gerettet werden kann. Im Fall von Sabines Mutter waren sie leider zu spät. Wie sich Nemez und Snejder langsam zusammenraufen, ist mit Humor und auch realitätsnah geschildert. Hin und wieder wird man beim Lesen etwas zu sehr gefordert, wenn die Beschreibungen doch recht brutal geraten. Doch wie die Geschichten aus einem Kinderbuch, das man selbst nie mochte, zu einem packenden Thriller verquickt werden, ist schon klasse. 


4 Sterne


Todesfrist von Andreas Gruber 

ISBN: 978-3-442-47866-8





Samstag, 18. März 2023

Hemingways Ehen

Im Jahr 1926 weilen Ernest Hemingway und seine erste Frau Hadley in Paris. Sie sind nicht reich, aber mit ihrem kleinen Sohn recht glücklich. Doch bald spürt Hadley, ihr Mann interessiert sich für eine andere. Um ihre Ehe zu retten, lädt sie Fife ein, mit nach Antibes zu kommen. In einem Ferienhaus der Fitzgeralds wollen sie den Urlaub verbringen. Partys und das schöne Leben, es soll Hemingway wieder an Hadley binden, doch die Ehe zerbricht. Hemingway und Fife heiraten, doch nach einigen Jahren taucht wieder eine andere auf. Wieder wird geheiratet und noch einmal geschieht das Gleiche.


Hemingway und seine Ehefrauen, das Muster gleicht sich. Die große Liebe, die Heirat, dann der Betrug mit vielen, mit der einen, der nächsten und wieder wird geheiratet und das Muster wird erneut durchlaufen. Gerade in der Zeit der 1920er Jahre, in der die Boheme sich in Frankreich trifft, ist dennoch eine relativ gute Zeit. Die Hemingways werden von den Freunden unterstützt und sie haben ein begünstigtes Leben. Doch wie es eben so ist, obwohl Hemingway behauptet, sich nicht trennen zu wollen, kann er doch von anderen Frauen nicht lassen. Und bald kann Hadley es nicht mehr mit ansehen und sie trennt sich.


Vielleicht hat man am Anfang ein wenig Mühe, in das Buch hineinzukommen, denn einige Beschreibungen kann man als etwas langatmig empfinden. Hat man die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden, wird man von mitreißenden Szenen aus verschiedenen Ehen zumindest hin und wieder gepackt. Nach eingehender Recherche und Sichtung der Aufzeichnungen Hemingways und seiner Frauen hat die Autorin einen Roman vorgestellt, der sich wahrscheinlich recht genau an die Überlieferungen hält. Obwohl ein begnadeter Schriftsteller wirkt Hemingway als Mensch nicht sonderlich sympathisch. Und so sind es die Frauen, die vernünftigerweise die Reißleine ziehen. Bis auf Mary, die vierte und letzte Frau, sie bleibt und hält aus. Aus heutiger Sicht nicht ganz verständlich weshalb. Mit diesem durchaus lesenswerten Roman bekommt man einen überraschenden Einblick in den Charakter eines Schriftstellers und die Beziehungen zu seinen vier Ehefrauen. 


3,5 Sterne


Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood

ISBN: 978-3-455-00044-3



 

Freitag, 17. März 2023

Bleibt alles anders

Felicity Staples ist Journalistin und sie will endlich mal eine richtige Story. Dann wird sie an einen  Tatort geschickt, an dem eine junge Immobilienmaklerin umgekommen ist. Maddie May war ihr Name und sie wollte noch etwas vom Leben. Felicity versucht den Täter zu finden. Und sie hat das zweifelhafte Glück ihn in der Subway New Yorks zu stellen. Der Killer stößt Felicity auf die Gleise und plötzlich findet sie sich in einer Welt wieder, die so ähnlich ist, wie die, die sie kennt. Und Felicity findet heraus, dass Maddie May hier noch lebt.


In diesem Science-Fiction Thriller landet Felicity Staples in einer parallelen Welt. Wie sie dahin gekommen ist, weiß sie nicht so genau. Dass Maddie May noch lebt, findet sie schnell heraus. Die Journalistin macht es sich zur Aufgabe, Maddie May zu retten. Die junge Frau jedoch findet Felicitys Story zu verrückt. Und auch über ihr eigenes Dasein beginnt Felicity nachzudenken. Was passiert mit ihrem alten ich, wenn sie plötzlich in einer anderen Welt ist? Und was passiert mit der Version von ihr, deren Platz sie einnimmt, wenn sie in eine andere Parallelität gewechselt ist? Was mit den Menschen, die zurückbleiben? Wird sie jemand vermissen?


Parallele Welten und welche Möglichkeiten sich auftun, ein Gedankenexperiment gekleidet in einen Thriller, eine coole Idee. Auch wenn mancher Aufenthalt in einer Welt etwas ausgewalzt wird und man die aufregenden Erklärungen ein wenig vermisst, so sind die Anregungen, sich selbst Gedanken zu machen, mannigfaltig und intensiv. Reisen in eine parallele Welt stellt man sich wie einen kleinen Hüpfer vor. Doch wenn man anfängt zu überlegen, welche Lücke man hinterlässt oder wen man verdrängt oder was ist, wenn man zurück möchte, dann fühlt man sich wie Felicity. Dennoch hält man die Daumen, dass sie mit der Rettung von Maddie erfolgreich ist und man bleibt bis zum Schluss gespannt, ob die es schaffen wird. Eine hervorragende Idee (wenn man sich für die Idee von Parallelwelten erwärmen kann), die mit einem spannenden Roman aufbereitet wurde.


4 Sterne


Die 22 Tode der Madison May

ISBN: 978-3-453-32235-6






Donnerstag, 16. März 2023

Mann aus Amerika

Seine Ex-Freundin June sucht BKA-Kommissar Phil Gerber auf. Völlig aufgelöst, weil sie wohl verfolgt wird. Mit knapper Not können die Beiden entkommen. Doch noch aus einem anderen Grund hat June Philipp aufgesucht. Ihrem Vater dem General Hiram Anderson sind geheime Papiere abhanden gekommen. Wahrscheinlich ausgerechnet während eines Stelldicheins mit Rosemarie Nitribitt und die wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Nicht nur, dass der General zu den Verdächtigen gezählt wird, auch seine berufliche Reputation steht wegen der verlorenen Dokumente auf dem Spiel. Hauptkommissar Gerber kehrt an seine alte Wirkungsstätte Frankfurt zurück, um seinem ehemaligen Vorgesetzten zu helfen.


Zum dritten Mal ermittelt Hauptkommissar Philipp Gerber in einem Kriminalfall, in dem historisch belegte Ereignisse durch die Phantasie des Autors eine andere Wendung nehmen. Vermutlich hätte Gerber nicht daran gedacht, dass er nochmal für seinen ehemaligen Chef General Anderson tätig sein würde. Mit Zustimmung seiner Vorgesetzten stellt er Nachforschungen an, die den Mord an der Nitribitt aufklären und dem General gleichzeitig aus der Patsche helfen sollen. Phils Freundin die Journalistin Eva Herden weilt zu einer Reportage in Paris. Dennoch ist Gerber nicht auf sich alleine gestellt. Als eine Art Verbindungsmann fungiert sein alter Freund Harald Warnke, der bei der Frankfurter Polizei tätig ist.


Der Fall Nitribitt ist auch heute noch von Mythen umrankt und nie richtig aufgeklärt worden. Sehr zielstrebig hat Rosemarie Nitribitt versucht sich als Prostituierte ein besseres Leben zu verschaffen. Doch irgendwann geriet sie an den Falschen und wurde umgebracht. Wie der Autor diese Ausgangslage genutzt hat, um den Fall mit Themen wie Politik oder Geheimdienstaktivitäten  zu verquicken, ist wirklich spannend zu lesen. Hinzu kommen noch die persönlichen Lebensumstände von Eva Herden und Philipp Gerber, die einem über die vorherigen Bände schon ans Herz gewachsen sind. Auch die politische Lage in der noch jungen Bundesrepublik ist sehr realistisch dargestellt. Die Behäbigkeit, aber auch die Zielstrebigkeit, mit der die BRD nach Westen strebte, wie sie durchaus als Frontstaat zu verstehen war. Entwicklungen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ein intelligenter und interessanter zeitgeschichtlicher Krimi, der sich packend weg liest. Mögen dem Autor noch weitere Ideen kommen, um die Geschichte von Philipp Gerber und Eva Herden weiterzuerzählen. Ein zeitgeschichtlicher Rahmen findet sich bestimmt. 


4 Sterne


Das Mädchen und der General von Rolf Langroth

ISBN: 978-3-499-01066-8





Montag, 13. März 2023

Die Kuisls in Altötting

Weil sein Enkel Paul mal aus Schongau rausmuss, fährt der nun schon um die 70jährige ehemalige Henker Jakob Kuisl mit nach München. Dort treffen sie seine Tochter Magdalena und ihren Mann Simon. Auch Sohn Peter reist an. Er kommt mit der Nachricht, der Kurfürst Max Emanuel habe ihn auf eine Wallfahrt nach Altötting befohlen. Und so macht sich die gesamte Familie Kuisl auf zu dem Wallfahrtsort mit der schwarzen Madonna. Mit dem Kaiser Leopold I von Österreich will der Kurfürst ein Bündnis gegen die Türken schmieden. Kaum jedoch sind die Kuisls in Altötting ein getroffen, wird Simon als Kurfürstlicher Leibarzt zu dem erkrankten Leibarzt der Kaiserin gerufen. Als dieser bald darauf stirbt, hat beginnen die Kuisls zu ermitteln.


In diesem neunten Band der Reihe um die Henkerstochter und ihre Familie gibt es viele Rätsel zu lösen. Das fängt mit einem einfachen Diebstahl an und geht über den Todesfall des Leibarztes zu verschiedenen Anschlägen. Alles scheint irgendwie zusammenzuhängen, doch nichts passt richtig zusammen. Magdalena ist in großer Sorge um Paul, der ein Händchen dafür hat, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. So ist es Jakob, der trotz seines fortgeschrittenen Alters, zu Hochform auflaufen muss. Gemeinsam mit seiner zehnjährigen Enkelin Sofia, die ihm mit ihrer pfiffigen Art durchaus das Wasser reichen kann. 


Gekonnt und lebendig vorgetragen wird dieses spannende Hörbuch von Johannes Steck. Es ist eine Freude mal wieder von der Henkerstochter zu lesen bzw. zu hören. Diese Reihe historischer Kriminalromane, die einem die historischen Hintergründe näherbringen, ist immer zu empfehlen. Dabei muss man nicht jeden Band gelesen haben, man kommt immer wieder gut rein. Die Kusls sind sympathisch und ihre kleinen Streitereien, ihre Sorgen um einander, ihre Freude miteinander, das ist wie bei einer Familie aus dem echten Leben. Dazu kommen fesselnde Verwicklungen um das Treffen von Max Emanuel und Kaiser Leopold I. Man tappt im Dunkeln und hört gespannt, wie sich die Hinweise aneinander fügen und zu einer ganz anderen Lösung finden als man sich vorgestellt hat. Sehr gute Unterhaltung durch diesen historischen Kriminalroman ist gesichert.


4 Sterne


Die Henkerstochter und die schwarze Madonna von Oliver Pötzsch

ISBN: 978-3-8449-3217-1







Sonntag, 12. März 2023

Aus Amerika

Die Journalistin Rosie soll über ein neues Projekt für eine TV-Dokumentation berichten. Vorher streitet sie sich mit ihrem Freund Will und als sie vor Ort ankommt geht es ihr nicht so gut. Auf der Schwelle des fünfziger-Jahre-Hauses bricht Rosie zusammen. Als sie wieder zu sich kommt, ist alles anders. Statt im fünfziger-Jahre-Haus, scheint sie tatsächlich in den fünfziger Jahren gelandet zu sein. Auch in ihrer neuen Welt arbeitet sie als eine der ersten weiblichen Reporterinnen bei derselben Zeitung wie in der Gegenwart. Will, der ebenfalls dort arbeitet, wird nun allerdings Billy genannt, ist verheiratet und hat mehrere Kinder.


Was für eine Katastrophe. Aller Komfort aus der Gegenwart weg, Computer, Handys, Internet. Als Journalistin denke man nur an die Rechtschreibprüfung. Schreiben auf echten manuellen Schreibmaschinen ohne Autokorrektur dafür mit Durchschlägen und Kohlepapier. Das ist nicht leicht zu handhaben. Wenn dann noch vermeintlich Bekannte aus der Gegenwart auftauchen, die dann doch ganz anders sind. Und nicht zu vergessen, die kratzige Unterwäsche. Da kann es schon schwer fallen, die Situation anzunehmen. Nicht alles ist dabei negativ. Natürlich vermisst Rosie die Annehmlichkeiten, aber irgendwie wirkt das Leben der Fünfziger Jahre authentischer. Rosie fällt allerdings auf, weil sie zum Beispiel Frauenrechte als gegeben sieht, von denen damals noch niemand zu träumen wagte. Dann sagt sie, in Amerika, wo sie herkomme, sei das so.


Bei dem Titel, dem Cover und dem Klappentext erwartet man Zeitreisen, die auf witzige Art zu einer Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart führen und vielleicht, dass die Menschen beider Zeitebenen etwas voneinander lernen können. Und so knabbert man etwas, weil die Handlung im Buch sich anders entwickelt. Man muss sich halt von den Erwartungen lösen, dann hat man einen schönen Roman, in dem man die Fünfziger ohne rosarote Brille kennenlernen kann. Auch wenn damals die Erwachsenen das Sagen hatten, die Frauen hatten meistens nicht das Sagen. Weder im Beruf noch im Privaten. Diesen Teil der Zeit möchte man wirklich nicht wiederhaben. Vielleicht denkt man, die Vernunftehen von früher, waren nicht das Schlechteste, die pragmatische Herangehensweise an das Leben ebensowenig. Für Rosie erscheint der Ausflug in die Fünfziger wie eine Aufgabe, durch die sie ihr Leben und ihre Wünsche überdenkt. Und so bietet dieser Roman zwar nicht die Zeitreisen und den Witz, wie erhofft, aber doch eine charmante Heldin, die sich auch in einer anderen Welt zu behaupten weiß.


3,5 Sterne


Zeitreisen für Anfänger von Sharon Griffiths

ISBN: 978-3-502-10208-3






Samstag, 11. März 2023

Die 68er

Seit einigen Jahren leben die Zwillingsschwestern Alice und Emma nun schon in West-Berlin. Emma trauert nach einer Fehlgeburt sehr um ihr Kind, während ihr Mann Julius meint, das Leben müsse nach einem Jahr doch mal weitergehen. Alice dagegen lebt in ihrer Vernunftehe mit dem Anwalt Max recht glücklich. Als Journalistin ist sie eine der wenigen verheirateten Frauen, die arbeiten. Ihre Tochter Lisa findet das nicht immer gut, aber wenn Tante Ems kommt, ist viel vergeben. Nach einem Termin als Übersetzerin in einem Waisenhaus versteckt sich der 11jährige Luca in Emmas Auto. Und Alice beginnt eine Reportage über die Proteste gegen den Shah, was sie viel näher an die Studentenbewegung und die Demonstrationen bringt als eigentlich geplant.


Die Geschichte der beiden Schwestern, die nach der Flucht aus Ostpreußen zunächst getrennt in Ost- und West-Berlin lebten, geht weiter. Es ist etwas Zeit vergangen und die Proteste der 68er haben begonnen. Manchmal wird es gewalttätig wobei der Einsatz der Polizei nicht gerade deeskalierend wirkt. Aus verschiedenen Perspektiven blicken Emma und Alice auf das Geschehen. Und aus verschiedenen Richtungen werden sie in die Ereignisse hineingezogen. Bei Emma könnte die Sehnsucht nach einem eigenen Kind der Auslöser sein, während es bei Alice eher das schlechte Gewissen ist.


Deutsche Zeitgeschichte toll erzählt. Am Beginn vielleicht etwas weit ausgeholt entwickelt sich die Handlung doch wieder sehr fesselnd. Schön, wie sich die Schwestern nach der langen Trennung und ihrem unterschiedlichen Hintergrund zusammengefunden haben und sich gegenseitig eine Stütze sind. Aus unterschiedlichen Gründen werden sie in die Ereignisse um die Proteste und die beginnende 68er Bewegung verwickelt. Berlin als Schmelztiegel zwischen Ost und West wird zweifellos auch von sämtlichen Geheimdiensten für ihre Zwecke genutzt. Nicht immer kann man wissen, wem man trauen kenn. Vor dem detailliert recherchierten politischen Hintergrund entwickelt sich eine rasante Story um die beiden Schwestern und ihre Familien. Gerade in der heutigen Zeit ist diese Art der Geschichte wieder näher als man sich wünschen würde. Unsere schöne langweilige und friedliche Zeit ist leider erstmal vorbei. Und so erscheint es sehr sinnvoll, sich einige Dinge in Erinnerung zu rufen. Wenn man dann noch eine packende Erzählung dazu bekommt, kann man sich nicht mehr wünschen.


4 Sterne


Kinder des Aufbruchs von Claire Winter

ISBN: 978-3-453-29266-6



Dienstag, 7. März 2023

Forss und Nyström

Nach einem Brand wird eine Leiche gefunden, die so verbrannt ist, dass sie nicht sofort identifiziert werden kann. Stina Forss und ihre Chefin Ingrid Nyström beginnen mit den Ermittlungen. Das Haus gehörte Norwegischen Touristen, die zunächst nirgends erreicht werden können. Auch die Nachbarschaft wird befragt. Und so finden die Ermittler und Ermittlerinnen heraus, dass sich in der Gegend bereits zehn Jahre zuvor eine Tragödie ereignet hat. Während eines verheerenden Sturms ist der Bauer Niels Johansson durch einen Unfall zu Tode gekommen. Und nun ist auch seine Frau verstorben und seine Tochter Emma ist verschwunden.


In diesem vierten Band der Reihe müssen Ingrid Nyström und Stina Forss, die vorher bei der  Kripo Berlin gearbeitet hat, die Hinweise aus der Vergangenheit lesen, um den Fall in der Gegenwart lösen zu können. Wie so häufig beginnen die Nachforschungen dabei mit Klinken putzen. Wer ist der Tote? Noch nicht einmal das Geschlecht kann mit Sicherheit bestimmt werden. Warum brannte das Anwesen? Wer profitiert? In ihrer ureigenen Art stürmt Stina Forss voran und hat manchmal auch Glück, aber auch die nötige Hartnäckigkeit, um etwas herauszufinden. Dagegen lebt Ingrid Nyström von ihrer großen Erfahrung und ihrer Fähigkeit, ein Team zu leiten.


In diesem spannenden Kriminalroman werden Vergangenheit und Gegenwart geschickt verknüpft. Der Leser erfährt von den Ereignissen, die zehn Jahre vorher stattfanden, womit der den Ermittlern teilweise etwas voraus ist. Dennoch bleibt die Story immer fesselnd. Als kleines Manko könnte man empfinden, dass einzelne der Beamten ein recht problembehaftetes Privatleben haben. Zwar werden sie als Personen nahbarer, aber ein normal langweiliges Leben ist durchaus auch interessant und kann eine Abwechslung darstellen. Packend sind dagegen die Verwicklungen unter den beteiligten Personen, die irgendwie alle etwas miteinander zu tun haben. Nach und nach erschließt sich was und wie. Und hier mitzuraten regt die grauen Zellen an. So ganz hinter die Dinge blickt man natürlich nicht. 


3,5 Sterne


In stürmischer Nacht von Kerstin Signe Danielsson und Roman Voosen

ISBN: 978-3-462-04956-3






Montag, 6. März 2023

Familienbande


Gerade erst ist Atticus Turner von der Armee zurückgekehrt. Der Koreakrieg ist vorbei und so richtig weiß Atticus noch nicht, was werden soll. Da erhält er die Nachricht, dass sein Vater verschwunden ist und obwohl er sich mit dem Vater nicht immer einig war, macht er sich sofort auf den Weg in die  Heimat. Sein Onkel George und Letitia helfen, Atticus’ Vater auf die Spur zu kommen. Die wenigen Hinweise führen die Drei ins „Lovecraft Country“, wo die Rassentrennung noch besonders groß geschrieben wird. Dort treffen sie Caleb Braithwhite, der in seiner rassischen Geheimloge zu großer Macht gelangen will.


Atticus Turner und seine Familie sind zum Glück auf dem Teppich geblieben, sonst könnten sie Abenteuer, mit denen sie konfrontiert werden, wohl kaum überstehen. Schon auf dem Weg zu Braithwhites Anwesen müssen sie feindliches Gebiet durchqueren. Da kann es schnell gefährlich werden, wenn der Sheriff meint, der schwarze Fahrer eines normalen Fahrzeuges, kann nur irgendetwas im Schilde führen. Mit welcher Gewaltbereitschaft die Polizisten ihr Revier verteidigen und die Schwarzen vertreiben, ist schon erstaunlich. Man hofft, die Turners mögen wenigsten an ihrem ersten Ziel unversehrt ankommen. Unerwartet bekommen sie auf ihrer Reise Hilfe von unbekannter Seite.


Eine Genremix, der doch mal anders ist, als das, woran man sich sonst so rantraut. Ein historischer Familienroman mit Krimi- und Horrorelementen. Mit Überraschung stellt man fest, dass diese Mischung, die auch die Lage der schwarzen Bevölkerung in den 1950er Jahren schonungslos darstellt, sehr interessant ist. Die episodenhaften Handlungen innerhalb der Kapitel werden hauptsächlich durch die Auftritte der verschiedenen Mitglieder oder Freunde der Turners zusammengehalten. Das geht ein wenig zulasten der fortlaufenden Handlung. Die Kapitel wirken manchmal in sich abgeschlossen. Dennoch ist der Roman spannend, informativ und unterhaltsam, ohne den Ernst der Lage der Afroamerikaner zu verkennen. Die Geschichten des Autors sind bereits in einer gleichnamigen TV-Serie verfilmt worden.


3,5 Sterne


Lovecraft Country von Matt Ruff

ISBN: 978-3-423-21915-0





Samstag, 4. März 2023

Die freie Stadt

Kurz bevor die Russen einfallen flieht Rosa Lichtenberg mit ihren Zwillingen Emma und Alice aus Ostpreußen. Hätte sie sich früher auf den Weg machen sollen? Mit Glück finden die drei eine Zuflucht als Alice Fieber bekommt. Während Rosa mit Emma Proviant besorgend will, suchen die russischen Befreier das Dorf heim. Es sieht so aus als habe keiner überlebt. Besonders Rosa ist untröstlich. Gemeinsam mit Emma versucht sie sich in West-Berlin ein neues Leben aufzubauen. Überraschend treffen sich Alice und Emma zwölf Jahre später wieder. Sie lebten nicht weit voneinander entfernt. Die eine in West-Berlin, die andere in Ost-Berlin. In den 1950er Jahren stellte dies noch kein großes Problem dar, denn sie konnten jederzeit in den anderen Teil der Stadt kommen.


Ein besonderes Deutsch-Deutsches Schicksal erleiden die Zwillinge Emma und Alice. Während Emma im Westen Freunde findet und doch früh den Verlust ihrer Mutter beklagen muss, ist Alice im Osten zurückhaltender doch gleichzeitig zwar im sozialistischen Staat eingebunden, aber irgendwie freier. Ihr Retter und väterlicher Freund Sergej beschützt sie so gut er kann. Da zieht es Emma in die weitere Welt, denn in ihrem Beruf als Übersetzerin und Dolmetscherin ist sie gefragt, unter anderem auch bei den Amerikanern. Durch Alice lernt Emma den Wissenschaftler Julius Laakmann kennen. Die beiden verlieben sich. Jedoch, kann ihre Liebe eine Chance haben, vor den sich auftürmenden politischen Unstimmigkeiten zwischen Ost und West?


Die Geschichte der Zwillingsschwestern Emma und Alice hält einen beim Lesen gefangen. Der Beginn des kalten Krieges, der Kampf um die Vorherrschaft in Berlin, der nicht abreißende Flüchtlingsstrom von Ost nach West, dazu die verschiedenen Geheimdienst, die die Geschicke der jeweils anderen nach ihrem Gutdünken lenken wollen. Gerade heute, wo wieder ein hoffentlich kalter Krieg hereingebrochen ist, liest man den Roman mit noch größerem Interesse. Die Zeitsprünge sind wohl notwendig, um die Story voranzubringen, sie müssen einem nicht unbedingt liegen. Ebenso wie die politische Erzählung überzeugt auch die Darstellung der persönlichen Lebensumstände von Emma und Alice. Ihre sehr unterschiedlichen Wege führen sie doch wieder zusammen. Dieser fesselnde zeitgeschichtliche Roman gibt einen sowohl berührenden als auch informativen Einblick in eine Zeit, die wir überwunden glaubten und mit der wir uns wohl wieder beschäftigen müssen.


4,5 Sterne


Kinder ihrer Zeit von Claire Winter

ISBN: 978-3-453-36108-9