Montag, 31. August 2020

Forschergeist

 Nur so eben ist Will Raven, der Schulden hat, seinen Häschern entkommen. Leicht ramponiert tritt er seine Stelle als Famulus bei dem namhaften Dr. Simpson an. Raven will unbedingt Arzt werden und so erhofft er sich, in dieser angesehen Praxis Erfahrungen sammeln zu können. Insgeheim wünscht er sich, das Rätsel um den Tod seiner Freundin Evie lösen zu können. Dass es da möglicherweise noch mehr zu erfahren gibt, merkt Will als er zufällig von dem grausamen Tod einer weiteren jungen Frau erfährt. Obwohl das Hausmädchen der Simpsons zunächst nichts von Raven wissen will, hilft sie ihm mit ihren frechen und klugen Sprüchen.


Im Jahr 1847 ist dieser Roman angesiedelt. Die Forschung über die moderne Anästhesie hat gerade zu ersten Ergebnissen geführt, die es den Kranken leichter machen sollen, eine Operation zu überstehen. Äther ist das Mittel der Wahl. Doch nicht immer geht alles gut. Es passiert, dass Patienten einfach nicht mehr aufwachen. Und so suchen die Ärzte nach der richtigen Dosis oder dem optimalen Mittel. Als Frauenheilkundiger ist Dr. Simpson sehr bewandert und er lässt es sich nicht nehmen, bei bedürftigen Patientinnen auch mal auf sein Honorar zu verzichten. Will Raven ist häufig an seiner Seite, immer begierig etwas zu lernen.


Mit diesem historischen Kriminalroman kann man etwas über die Anfänge der heutigen Medizin lernen. Das stellt sich als sehr fesselnd heraus. Manchmal sind die Schilderungen nicht ganz leicht zu ertragen, denn Ärzte müssen manchmal recht ruppig sein, um erfolgreiche Behandlungen durchzuführen. Da kann man froh sein, wenn man gnädig in Narkose gelegt wird und nichts mitbekommt. Dass Will Raven dazu noch in einen Kriminalfall verwickelt wird, macht die Sache noch interessanter. Wie verzweifelt muss seine Evie gewesen sein? Gut verständlich, dass Will Raven herausfinden will, wieso so sie sterben musste. Was er dabei herausfindet, spricht für ein grausames Verbrechen. Dieser Kriminalroman punktet durch den mitreißend und deutlich geschilderten Stand der Medizin. Die sympathischen Protagonisten tragen ein Übriges dazu bei, dass man froh ist, dieses Buch in der Hand zu halten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Die Tinktur des Todes von Ambrose Parry

ISBN: 978-3-8661-2472-1




Sonntag, 30. August 2020

Eine Lady

Eleanor von Aquitanien wächst an einem glücklichen Hof auf. Sie genießt Freiheiten, die Frauen im Mittelalter eher selten vergönnt sind. Und sie hat Ambitionen, den sie selbst möchte ihr Erbe, das Herzogtum Aquitanien, beherrschen nicht irgendein Ehemann. Zunächst gilt es, eben diesen Mann klug zu wählen. Er muss einer Herzogin würdig sein und ihr das Eigentum lassen. Und er muss dem Arrangement zustimmen. Denn unter den Noblen werden die Ehen arrangiert. Bündnisse werden über Ehen geschlossen und besiegelt. Eleanor ist angetan, als sie hört, dass ihr Gatte Louis, der König von Frankreich, sein soll. Doch ihre Ehe mit Louis gestaltet sich nicht einfach, die Schwiegermutter mag sie nicht und er erweist sich als schwierig, schwanger zu werden. Wo es doch eine Hauptaufgabe der Frauen ist, dem Herrscher möglichst viele Kinder zu schenken.

Das Leben der Eleanor von Aquitanien ist für die damalige Zeit sehr schillernd. Sie blieb immer die Herrscherin ihres eigenen Landes und sie war Königin zweier Reiche. Ob sie immer eine glückliche Frau war, ist schwer zusagen. Jedenfalls ging sie mit Enthusiasmus in ihre Ehen. Für Louis war sie wahrscheinlich einfach zu lebhaft. Vielleicht wäre Henry von England ihr eher ebenbürtig gewesen, doch er enttäuschte sie durch seine Untreue bereits zu Beginn der Ehe. Tragische, dass die meisten ihrer Kinder vor ihr starben. Doch Eleanor blieb eine Lenkerin und als seltenes Geschenk in jenen Tagen, durfte sie ein Alter von über 80 Jahren erreichen.


Die Autorin, die einen reichen Schatz an historischen an historischen Romanen hinterlassen hat, widmet sich hier einer der schillernsdten historischen Persönlichkeiten. Eleanor war vermutlich schon damals eine Frau, von der man spricht. und auch heute noch staunt man über ihr reiches und in großen Teilen selbstbestimmtes Leben. Eine Energie und Tatkraft hätten wohl für mehr als ein Leben gerecht. Sie bereiste große Teile der bekannten Welt, mit zwei Königen war sie verheiratet, ihnen hat sie mehrere Kinder geschenkt, sie war die Mutter von Richard Löwenherz, sie lenkte gewissermaßen die Geschicke. Die Autorin lässt Eleanor mit ihren eigenen Worten berichten. Mit gemessenen Sätzen erzählt sie von ihrem reichen Leben. Das macht die Lektüre nicht immer einfach, weil manchmal die Ruhe und Weisheit der alten Frau durchschimmern. Aber Eleanor von Aquitanien war eine ungewöhnliche Frau, die mitunter die Geschicke der Welt zu lenken versuchte. Das soll ihr heute erstmal jemand nachmachen. Der vorliegende Roman ist erstmalig im Jahr 1987 erschienen und auch heute noch bietet er eine interessante Interpretation einer beeindruckenden historischen Gestalt. 


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)


The Courts of Love von Jean Plaidy

ISBN: B000GCGW78

Samstag, 29. August 2020

Die Lektorin

Eva Elliot arbeitet in einem kleinen Verlag, der Liebesromane veröffentlicht. Ihr Freund Luke ist vor kurzem bei ihr eingezogen. Sie harmonieren ganz gut, wenigstens beim Scrabble. Doch wenn es bei Eva und ihrem Freund läuft, drängt sich bei der jungen Frau der Gedanke an Trennung auf. Schon mehrere Beziehungen hat Eva beendet. Sollte nun auch die zu Luke dran sein? Luke, der manchmal in unmögliche Situationen gerät, ist er erst kürzlich mit mit einer blutenden Lippe angekommen. Dabei ist er als Jurist ein sehr fleißiger und gewissenhafter Arbeiter. Wer allerdings ist Grace, die in letzter Zeit immer wieder in der Nähe des jungen Paares auftaucht?

Jeder wird wissen, dass eine Beziehung auch mal auseinandergehen kann. Und wenn es soweit ist, dann fühlt sich der eine halt wohler, wenn er sich trennt und dem nächsten bekommt es besser, wenn der Partner Schluss macht. Sicher gibt es auch Liebespaare, die den Entschluss gemeinsam treffen. Eva ist lieber diejenige, die aktiv wird. Und so hat sie ihre Liebschaften meist beendet, wenn ihr Partner am wenigsten damit gerechnet hat. Auch bei Luke hat sie schon mit dem Gedanken gespielt, die Sache zu beenden. Doch mit Grace betritt plötzlich eine Konkurrentin die Bühne.


Man fragt sich, wieso Eva sich nicht so auf ihre Beziehungen einlassen kann. Oder ist ihre Definition von Einlassen einfach anders? Wenn sie sich trennt, wirken ihre Partner verletzt und überrascht. Grace scheint ganz eigene Probleme zu haben, die sich in ihrem exzentrischen Verhalten äußern. Und Luke hat weniger Probleme, sich einzulassen. Dafür hat er ein Geschick darin entwickelt, Informationen für sich zu behalten. Auch wenn einem keiner der Protagonisten besonders sympathisch wird, erfährt man doch mit Interesse von den Lebenswegen der drei Hauptpersonen. Die Geschichte ist ausgeklügelt und wartet mit Überraschungen auf, die die Lektüre spannend machen. Nachdem der Aufbau etwas langatmig erscheint, spitzen sich die Ereignisse dann so zu, dass man am Ball bleibt.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)


Die Kunst, Schluss zu machen von Anna Stothard

ISBN: 978-3-257-30019-2

Freitag, 28. August 2020

Die Stimmen

Das Benehmen dieses Kerls in der Bar ist wirklich daneben. Die Taschendiebin Angela Woods denkt, sie muss ihm eins auswischen. Sie nutzt eine günstige Gelegenheit, um seine Aktentasche zu klauen. Nur wenig später kommt ein seltsames Tagebuch bei dem LAPD an und Robert Hunter und sein Partner Carlos Garcia werden mit den Ermittlungen betraut. Sie können kaum glauben, was sie zu sehen bekommen. Ein Mörder hat genauestens beschrieben, was er seinen Opfern angetan hat. Das Erste, was die beiden Ermittler tun müssen, ist zu verifizieren, dass die beschriebenen Morde tatsächlich geschehen sind. Leider sind sie erfolgreich und bald ist Angela in großer Gefahr.

Dieses ist bereits der elfte Band in der Reihe um Robert Hunter und Carlo Garcia. Wegen eines persönlichen schweren Verlustes, wusste der Autor eine Zeit lang nicht, ob es dieses Buch überhaupt geben würde, wie er am Ende selbst schreibt. Glücklicherweise hat der Autor die richtige Unterstützung gefunden, mit deren Hilfe er es geschafft hat weiterzumachen. Und so bekommt es Robert Hunter mit einem besonders kranken und kaltblütigen Killer zu tun. Und es gibt zunächst kaum eine Spur, denn die Detektive wissen nicht, wie das Tagebuch zur Polizei gelangt ist. Es wurde persönlich vorbeigebracht, der Umschlag weist keine Briefmarke auf. 


Mit seiner packenden Art zu schreiben nimmt der Autor den Thriller-Freund für sich ein. Wie auch bei seinen anderen Büchern ist hier die Handlung recht blutig und der Täter verfolgt seinen perfiden Plan. Die meist kurzen Kapitel geben dem Geschehen eine ordentliche Geschwindigkeit und man ist geneigt, immer noch ein Kapitel lesen zu wollen. Vielleicht hat er sich manchmal etwas auf seine Routinen zurückgezogen, doch insgesamt kann man nicht anders als gefesselt eine Seite nach der anderen umzublättern. Man schwankt, bei dem, was der Täter von sich verrät, ob es im Bereich des Möglichen liegt, denn dann wäre es an Gemeinheit kaum zu überbieten. Man wünscht, dass Täter ihre gerechte Strafe bekommen. Und man ist gespannt auf den nächsten Roman.



4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Bluthölle von Chris Carter

ISBN: 978-3-8437-2218-6




Donnerstag, 27. August 2020

Gretas Welt

Eines Tages radeln die kleine Greta und ihr Vater Roland durch Bochum. Plötzlich rast ein Fahrzeug heran und erfasst das kleine Mädchen. Roland rennt entsetzt zu seinem Kind, das reglos am Boden liegt. Gleichzeitig soll eine neue Wohnung bezogen werden, wird ein Allergiker von einer Biene gestochen, erhält ein USA-Reisender eine bedrückende Nachricht und in Rom trennt sich ein junges Paar. Davon weiß Gretas Mutter natürlich nichts. Sie ist vor Schock wie erstarrt. Es steht nicht gut um die Kleine, doch die Ärzte kämpfen um das Leben des Kindes.

Das Buch beginnt mit dem, was man sich nie vorstellen möchte. Ein Kind wird bei einem Unfall, der auch noch von einem rücksichtslosen Raser verursacht wird, so schwer verletzt, dass es um sein Leben ringt. Natürlich hofft man, die kleine Greta möge das Ganze doch einigermaßen gut überstehen. Allerdings kommt dann erstmal was anderes und man denkt, hallo, was soll das denn jetzt, ich will doch wissen, wie es dem Kind geht. Nach und nach merkt man jedoch, dass die vermeintliche Zusammenwürfelung der Ereignisse einen Sinn ergibt. Zwar ist es schon ein unglücklicher Zufall, dass Greta gerade in jenem Moment an jenem Ort ist, doch je weiter man liest, desto mehr meint man, der Zufall hat einen Plan.


Die Handlung des Buches umspannt eine relativ lange Zeitspanne und sie verläuft nicht immer auf einem voranschreitenden Zeitstrahl, das kann man mögen oder nicht. Das Zusammenspiel der Geschichten ist besonders am Anfang allerdings so geschickt zusammengefügt, dass man wirklich gefesselt ist. Ein kleines Häppchen nach dem anderen wirft der Autor seinen Lesern zu, durch dass sich ein Bild formt von einer Gruppe von Menschen, denen der Zufall eine vage Bekanntschaft verschafft hat. Es ist klasse zu erfahren, wie diese Menschen sich umkreisen, sich annähern oder sich voneinander entfernen. Man fühlt sich im positiven Sinne geführt zu einem Ziel, dass einen schließlich verstehen lässt, warum zu Beginn der Zufall so und nicht anders tätig wurde. Dieser überraschende Roman vermag zu fesseln.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Sieben Richtige von Volker Jarck

ISBN: 978-3-10-491276-9





Sonntag, 23. August 2020

Traumtagebuch

Seine Mutter liegt im Sterben. Nur deshalb kehrt Paul Adams an seinen Heimatort zurück. Keinesfalls wollte er an die Ereignisse von vor über zwanzig Jahren erinnert werden. Damals gab es einen Mordfall, in den Paul verwickelt war. Bei den Tätern handelt es sich um zwei Schulkameraden, von denen einer spurlos verschwand. Sollte dieser etwa doch nicht tot sein? Obwohl er die Erinnerung nicht mehr an sich heran lassen wollte, insgeheim hofft Paul, seine Mutter könnte doch etwas wissen. Fast gleichzeitig beginnt die Polizistin Amanda Beck in einem Fall zu ermitteln, in dem ein Jugendlicher von zwei weiteren Jugendlichen umgebracht wurde.

Unheimlich geht es zu in diesem Roman, in dem es unter anderem um Klarträume geht. Bei dem Gedanken, zu wissen, dass man träumt, könnte einem schon ganz anders werden. Erst recht gruselig ist der Gedanke, dies könnte von außen gesteuert werden. Da bedarf es schon eines äußerst geschickten Manipulators. Was ist damals wirklich geschehen? Was wusste seine Mutter? Der Tag des Mordes vor 25 Jahren hat Pauls Leben entscheidend beeinflusst und sein Leben ist anders verlaufen als er es sich als Jugendlicher erträumt hat. Wie er jetzt weiß, sollte man mit Träumen sehr vorsichtig sein. 


Dies ist schon ein unheimlicher Spannungsroman, in dem eine unbewältigte Vergangenheit auch später noch etliche Leben beeinflusst. Es tut nicht immer gut, alles vergessen zu wollen. Auch wenn die Handlung in manchen Passagen ein wenig behäbig wirkt und man sich zum Schluss fragt, ob tatsächlich alles geklärt ist so bietet der Verlauf doch einige Überraschungen, die einen packen. Wegen der guten Beschreibung der düsteren Schatten, die die Bewohner von Gritten Woods gewissermaßen umwabern, und des Aha-Erlebnisses gegen Ende, ist dieser zweite Roman von Alex North sehr zu empfehlen. So eine Gruselspannung wird allerdings besser im Hellen genossen, nicht, dass man noch selbst unheimliche Träume durchstehen muss.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Der Schattenmörder von Alex North

ISBN: 978-3-7845-0711-4



Der Deutsche Buchpreis 2020 - Die Longlist

Wie in jedem Jahr wurde sie mit Spannung und Neugier erwartet: Die Longlist der Nominierten und damit auch das alljährliche Büchlein mit den Leseproben und ein paar erklärenden Worten zu den Autoren. Deren Kreis ist in diesem Jahr bunt gemischt, vom Debütanten bis zum vormaligen Gewinner, von relativ jung bis etwas älter, aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. In dieser Liste wird sich sicher mehr als ein interessantes Buch finden lassen. 

Ist es ein guter Jahrgang? Zumindest sagt die Jury, es habe so viele Einsendungen gegeben wie noch nie. Wer hat nur diese vielen Bücher gelesen? Haben sie gemeinsam entschieden, wer auf die Liste kommt? Ist die Lektüre aufgeteilt worden, so das jeder Leser seine Lieblinge präsentieren konnte? Als Ergebnis kann man feststellen, dass eine ausgewogene Auswahl getroffen wurde, 10 Frauen und 10 Männer, einige schon bekannt, einige zum ersten Mal dabei. Liest man die kurzen Informationen über die Autoren, so zeichnen sich sehr vielfältige und interessante Biographien ab. Einige haben das Schreiben studiert, andere haben erst was ganz anderes gemacht und sich dann zum Schreiben gekommen und für wieder andere ist das Schreiben eine Berufung neben einer anderen Tätigkeit. Diese unterschiedlichen Geschichten spiegeln sich wahrscheinlich auch in den Romanen wieder, von denen man durch die Leseproben lediglich einen gewissen Eindruck vermittelt bekommt.


Immerhin sind von den zwanzig Proben sechs gleich so überzeugend, dass man gerne mehr Lesen möchte und zwei doch immerhin so, dass man vielleicht auf der Wunschliste begrüßen wird. Und damit beantwortet sich möglicherweise die Frage, nach dem Jahrgang. Auch wenn nicht jedes Buch gleich ansprechend ist und die Liste vielleicht keinen eindeutigen Favoriten aufweist, so ist es insgesamt wahrscheinlich ein guter Jahrgang. Den Nominierten sei ein vergrößerter Leserkreis gegönnt und sowohl Shortlist als auch Gewinner werden mit Neugier erwartet.


Die Leseproben zum Deutschen Buchpreis 2020

Samstag, 22. August 2020

Osterholz

Aufs Land soll es gehen für Margo Seliger und ihre Familie. Ihre Tochter Leo hat zwar Schwierigkeiten, sich einzufügen. Aber irgendwann wird es doch. Hilfreich für Leonore ihre etwas ältere Brieffreundin Clara, die sie während eines Ferienlagers in der DDR kennengelernt hat. Anfangs ist Leo Feuer und Flamme für Claras Ideen. Doch ihr Studium im swinging London öffnet ihr eine andere Welt. Wieder zurück in Deutschland erlebt Leo die aufregenden 1970er, bis die kleine Jana in ihr Leben tritt, die von ihrer Mutter, die aus einem DDR Gefängnis freigekauft wurde, bei Margo zurückgelassen wurde.

Diesen Teil der Familiengeschichte entdeckt Jana, Margos Adoptivenkelin, erst spät. Ihre wahre Mutter Leo ist früh verstorben und kann nichts mehr erklären. Aus Margos Aufzeichnungen erfährt Jana viele Details. Doch das Bild ist noch nicht rund und Jana forscht weiter. So zum Beispiel bei der Stasi-Unterlagen Behörde. Großmutter, Mutter und Enkelin - das ist in diesem Buch viel mehr als nur drei Worte, drei Generationen. Es ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, die Zeit des Wirtschaftswunders, aber auch des kalten Krieges, des RAF Terrors und der Spionage. 


Man fragt sich, ob sich in Margos Familie nicht etwas viel zusammenkommt. Hat man selbst Teile der beschriebenen Zeiten miterlebt, kann man sich nicht erinnern so direkt von der Tagespolitik betroffen zu sein. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Frauenleben eher den Hintergrund bilden für die sich schnell ändernde Zeit. Ein wenig fehlt die Person, mit der man sich identifizieren kann. Dennoch ist diese Generationen-Geschichte sehr spannend, weil einfach alles perfekt komponiert ist und sich auf sehr überraschende Weise zusammenfügt. Gefesselt verfolgt man, wie Jana in ihren Dreißigern aus einer inneren Unruhe heraus die Lücken in der Erzählung ihrer Familie finden möchte, um ihren persönlichen Frieden zu erlangen. 


Vielleicht war man von Margos Geschichte mehr beeindruckt, doch auch ihre Töchter haben viel zu erzählen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)




Margos Töchter von Cora Stephan

ISBN: 978-3-462-05227-5



Donnerstag, 20. August 2020

Fernblick

Wie viele Formen der Abschiede gibt es? Wenn sich ein Lebensabschnitt dem Ende entgegen neigt, heißt es Abschied nehmen vom Althergebrachten. Wenn der Tod die Pläne zerstört, müssen die übrig bleiben damit leben. Manchmal muss man von dem Abschied nehmen, was man sicher  geglaubt hat. Auch kann es eine Verlustangst sein, wenn es einem eigentlich bestens geht und einem die Ahnung beschleicht, es ist nichts für die Ewigkeit. Doch ein möglicherweise herannahender Abschied kann auch eine Chance sein, die Dinge zu regeln, Worte auszusprechen, die vielleicht etwas klären. Einem Abschied kann auch ein Neubeginn innewohnen.

Ist es ein wehmütiger Blick in die Ferne, die sich der Autor gönnt oder vielleicht ein ruhiger Blick zurück? Jedenfalls beleuchtet er aus seiner Sicht, welch vielfältige Gedanken er sich über Abschiede macht. Auch wenn er es nicht ausmalt, so ist die Vorstellung von Abschiedsfarben sehr interessant. Düster ist sicher der Tod, ein sehnsuchtsvoller Blick in einen mild angestrahlten Sommerhimmel, ruft vielleicht eine sanfte Wehmut hervor. Vielleicht gelingt es nicht, sich in jede Story hineinzufühlen, doch meist springt eine Stimmung über.


Mit leisen Tönen bedeutet einem Bernhard Schlink, dass man nie davor gefeit ist, möglicherweise Abschied nehmen zu müssen. Und doch versinkt man nicht in Ängstlichkeit. Eher gelöst staunt man über die verschiedenen Arten der Abschiede und beginnt nochmals über die Abschiede nachzudenken, die man selbst schon nehmen wusste und die sich vielleicht nicht nur als Endpunkt darstellen, sondern auch als Neubeginn oder Aufbruch. Ein nachdenklich machendes Buch, dass mit großer Herzenswärme geschrieben zu sein scheint.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Abschiedsfarben von Bernhard Schlink

ISBN: 978-3-257-086390-1


Sonntag, 16. August 2020

Maxwell

Der noch junge Serienmörder Lee Byongdo ist gefasst und verurteilt. Die Polizei vermutet allerdings, dass er noch mehr Morde begangen hat. Der Killer hüllt sich jedoch in Schweigen. Einzig gegenüber der Kriminalpsychologin Sonkyong gegenüber will er sich öffnen, wenn sie zu Gesprächen ins Gefängnis kommt. Sonkyong, deren Leben gerade gravierende Veränderungen durchmacht, ist unsicher, ob sie dem Wunsch des Killers nachkommen soll. Mit Grace Starling will sie sich eigentlich nicht vergleichen, auch wenn sie eine FBI Schulung besucht hat. Fast zur selben Zeit wird in einem Stadtteil ein Brand untersucht, bei dem Menschen zu Schaden kamen.

Die Vergangenheit des Täters wird von einem Beatles Song bestimmt. Die Einladung, sich das Lied „Maxwell`s silver Hammer“ anzuhören, kann man natürlich nicht ablehnen. Ein nettes Lied, solange man nicht auf den Text achtet. Der lässt einem allerdings das Blut in den Adern gefrieren und man kann sich gut vorstellen, dass die Erinnerungen des Mörders an das Lied nicht gerade die besten sind. Hätte so ein Täter unter anderen Umständen ein anderes Leben haben können? Wie kommt er ausgerechnet auf die Psychologin? Und wie sieht es mit ihrem Leben aus? Gewissen Herausforderungen muss man sich eben stellen.


Bei den manchmal eher garstigen Personen, die diesen Roman bevölkern, kann die Frage aufkommen, wieso man sich dem Buch nicht entziehen kann. Die handelnden Personen hatten es allesamt nicht leicht im Leben und ein solches zufälliges Aufeinandertreffen ist wohl doch etwas zu viel. Davon mal abgesehen, ist dieser Roman der gebrochenen Persönlichkeiten ausgesprochen fesselnd. Man wird Serienkiller nie entschlüsseln können. Doch hier bekommt man den Hauch einer Ahnung, wie widrige Umstände zu tragischen Ereignissen führen. Es ist so ein Buch, bei sich sich während des Lesens auch bei Sommertemperaturen eine Gänsehaut die Haut überzieht. Je kann ein Täter sein, doch die Meisten sind es nicht, was macht den Unterschied. Eine Frage, die dieses Buch auf sehr spannende Weise letztlich nicht beantworten kann. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Der rote Apfel von Mi-Ae Seo

ISBN: 978-3-453-42335-0



Dienstag, 11. August 2020

Überlebende

Vor vielen Jahren überlebte das kleine Mädchen und Kommissar Grens kümmerte sich um sie. Und heute wird er an die selbe Adresse gerufen. Ein harmloser Einbruch, bei dem nichts fehlt. Nur der Boden wurde beschädigt. Möglicherweise war dort etwas versteckt, was sie damals nicht gefunden haben. Hat Grens etwas nicht exakt genug gearbeitet? Ist die kleine Zana, die inzwischen erwachsen ist, in Gefahr? Grens will unbedingt verhindern, dass seinem Schützling etwas zustößt. Doch dazu muss er erstmal herausfinden, was mit ihr geschehen ist. 

Kommissar Grens steht kurz vor der Pensionierung. Ein Tag, den er überhaupt nicht herbeisehnt. Seine Arbeit ist sein Leben, seit vor langer Zeit seine Anni nach einem Unfall zu einem Pflegefall wurde und inzwischen verstorben ist. Seine Wohnung ist groß und leer. Ewert Grens weiß nicht, ob er ein guter Opa hätte werden können, doch Kinder bestmöglich zu beschützen ist ihm ein echtes Anliegen. Und nun muss er Zana finden, um sie wieder beschützen zu können. Sein Team unterstützt ihn dabei. Hilfe bekommt er von ganz unerwarteter Seite. Hilfe, die auf Gegenseitigkeit beruht. 


Dieser Kriminalroman hat einen Beginn, der einem den Atem stocken lässt. Wie kann so was passieren im so beschaulichen Schweden. Und schon da wirkt Kommissar Grens wie ein gewissenhafter Polizist, dem das Wohl seiner Schutzbefohlenen am Herzen liegt. Das hat sich auch zum Zeitpunkt der eigentlichen Handlung nicht geändert. Allerdings fragt man sich, ob der Autor das Alter seines Ermittlers nicht zu hoch gewählt hat. Man hat den Eindruck, dass die Figur noch einiges zu sagen hat, da geht es doch nicht, wenn einfach so eine Pensionierung dazwischenkommt. Es entwickelt sich ein weiterer Handlungsstrang, der zunächst ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen erscheint. Doch relativ bald klärt sich das und die Kombination aus zwei Ebenen verleiht dem Roman Drive und Geschwindigkeit. Ab einem gewissen Punkt ist man nur noch gefesselt. Das rasante Geschehen ist sehr gut durchdacht und das sympathische Team überzeugt mit Intelligenz und Mut. 


Sucht man im großen weiten Netz, wird man feststellen, dass der Roman in die Welt von Anders Roslund passt, man weiß allerdings nicht so recht an welche Stelle. Schön ist es allerdings zu wissen, dass es von Ewert Grens durchaus noch mehr zu lesen gibt. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Geburtstagskind von Anders Roslund

ISBN: 978-3-86493-145-1



Sonntag, 9. August 2020

Mordkommission Finnland

Im Jahr 1952 hat es Helle Mauser als ein der ersten Frauen in die Mordkommission Helsinki geschafft. Wegen eines Vorfalls ist sie allerdings schnell wieder draußen und an einen abgelegenen Ort in Lappland versetzt. Unter einem faulen Chef, dem es hauptsächlich darum geht, dass die Statistik stimmt, ist sie nicht sehr glücklich. Als die Frau eines Pfarrers das Verschwinden eines älteren Mannes anzeigt, sieht ihr Chef einen Fall. Alte Männer verschwinden schon mal. Helle nimmt ein paar Tage frei und beginnt vor Ort mit ihren Nachforschungen. Etwas muss mit dem alten Mann geschehen sein, nie würde er seinen Enkel alleine lassen.

Helle Mauser ist eine, die sich erstmal durchsetzen muss. Leicht hatten es wohl wenige in der Zeit. Die meisten Menschen hatten im zweiten Weltkrieg Leid erfahren und Helle steht alleine in der Welt. Doch eine Hürde hat sie schon genommen. Sie hat eine Position bei der Polizei und sie wird diesen Fall lösen, auch wenn ihr Chef kein Interesse daran zu haben scheint. In dem kleinen Ort, wo der alte Mann gesucht wird, muss sich Helle zurechtfinden. Die Menschen sind etwas eigen und nicht sehr bereit, offen mit Fremden zu reden. Auch Kalle, der sechsjährige Enkel Ernos, schweigt meistens.


Mit Helle Mauser hat die Autorin Katja Ivar eine tolle Ermittlerin in einer packenden zeitgeschichtlichen Umgebung geschaffen. Sie mischt die eingeschworenen Männergemeinschaften ganz schön auf. Das haben wir schon immer so gemacht, gilt für Helle nicht. Sie spürt sofort, dass der alte Erno nicht einfach so verschwunden ist. Und sie will und wird der Sache auf den Grund gehen. So tough sie auch wirkt, Helle hat auch eine empfindsame Seite. Die zeigt sie Fremden gegenüber allerdings nicht, da ist sie den Menschen im fernen Lappland nicht unähnlich. Was Helle letztlich entdeckt, entpuppt sich als ausgesprochen spannender Fall, der langsam beginnt und am Ende etwas schnell aufgeklärt ist. Die sympathischen Eigenarten Helles und ihrer Mistreiter tun ein Übriges, um den Leser zu fesseln. Helle Mauser hat bestimmt noch einiges in petto. Auf Englisch ist bereits der zweite Band dieser interessanten Reihe veröffentlicht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Teufelszeug von Katja Ivar

ISBN: 978-3-442-71628-9



Samstag, 8. August 2020

Geduld

Wieso hat der Täter für seinen Anschlag gerade diese kleine Bankfiliale gewählt? Zum Glück sind keine Menschen zu schaden gekommen. Doch die Polizei ermittelt fieberhaft. Den analytischen Verstand von Leander Lost, der über ein Austauschprogramm nach Fuseta im Süden Portugals gekommen ist, gut gebrauchen. Seiner Meinung nach geht der Täter sehr überlegt und planvoll vor. Schon bald nach der ersten Tat wird ein Fischtrawler in die Luft gejagt, der zu einer japanischen Thunfischfabrik gehört. Diesmal jedoch stellt der Täter Forderungen, die nur zum Teil erfüllt werden. Die Polizei ist besorgt, wie wird der Täter darauf reagieren.


Endlich gibt es eine Planstelle für den deutschen Kommissar Leander Lost. Nun kann er in Portugal bleiben. Für einen Asperger Autisten hat er sich ein tolles Leben aufgebaut. Während seiner Arbeit, ist seine Einschränkung sogar eher ein Vorteil. Mit seinem analytischen Verstand und seinem fotografischen Gedächtnis unterstützt er jede Untersuchung. Auch in diesem vierten Fall sind seine Kollegen mehr als einmal froh, dass er in ihren Reihen ist. Nur manchmal wird die portugiesische Geduld etwas strapaziert. Auch privat hat Leander sein Glück gefunden, auch wenn es ihm nicht leicht fällt, seiner Freundin Platz in seinem durchorganisierten Leben zu schaffen.


Wenn man nach und nach versteht, worum es dem Täter geht, kann man sogar etwas Verständnis aufbringen. Allerdings geht er möglicherweise doch etwas weit in seinem Bestreben. Dem deutschen Kommissar gönnt man sein privates Glück. Mit seiner speziellen Art wirkt er auf besondere Weise charmant. Als Polizist agiert er geschickt und entlockt den Zeugen Informationen, obwohl er das nicht beabsichtigt. In dem er Sätze manchmal allzu wörtlich nimmt, sorgt er für humorvolle Szenen, die aber zeigen, dass seine Einschränkung nicht zu unterschätzen ist. So überstrahlt er seine Kollegen, die fast ein wenig kurz kommen. Dieser Kriminalroman unterhält bestens und man versteht die Liebe des Autors zu Land und Leuten. Wem ein gut konstruierter Krimi nicht reicht, der hat hier auch eine Einladung, mal einen Urlaub in Portugal zu buchen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Schwarzer August von Gil Ribeiro

ISBN: 978-3-462-05269-5


Donnerstag, 6. August 2020

Versagerin über 40

Als Nell ihren 40. Geburtstag am liebsten garnicht erleben würde, ist sie gerade aus den USA nach London zurückgekehrt. Die Beziehung gescheitert, kein Job, keine Kreditwürdigkeit - die ganze Nell ist gescheitert. Ihr bleibt nur, zur Untermiete zu wohnen. Das ist nicht so schlimm, schließlich ist Edward am Wochenende bei seiner Familie und Arthur, sein Hund, hat nichts dagegen von Nell betüdelt zu werden. Ein kleiner Lichtblick, wenn Edward nicht immer mit der Heiztemperatur, der Mülltrennung und sonstigen Eigenartigkeiten käme. Es scheint keine Aussicht auf Besserung zu geben. Nur eine Kleinigkeit. Nell darf freiberuflich Nachrufe verfassen und so lernt sie die verwitwete Cricket kennen.


Ein Roman in zwölf Monaten. Kurz nach der Trennung und der Übersiedlung nach England geht es Nell schlecht. Alle ihre Freundinnen haben es zu etwas gebracht, haben Berufe oder Kinder oder Beides. Nur Nell ist eine Versagerin über 40. Zum Glück versteht sie sich prima mit der über 80jährigen Cricket, die sehr berührt ist von dem Nachruf, den Nell geschrieben hat. Cricket zeigt Nell, dass die Neugier und die Freude nie aufhören müssen, auch wenn die Zeiten mal schwierig sind. Zwar langsam aber dennoch zeigen sich Zeichen der Besserung.


Man fragt sich vor der Lektüre, ob man denn von einer Frau lesen möchte, die erstmal am Boden ist. Doch schnell überzeugt einen das Buch mit seiner sympathischen Protagonistin: Ja, man möchte so ein Buch lesen. Gerade in einer Welt, in der es manchmal drunter und drüber geht, ist so ein Buch, das Hoffnung macht und Zuversicht bereitet, genau die richtige Ablenkung einerseits, aber auch wie eine kleine Gebrauchsanleitung. Vielleicht muss man sich in einer schlimmen Situation ein wenig Zeit lassen, doch man kann gewiss sein, dass die Chancen gut stehen, dass man gestärkt ist, wenn das Tief überwunden ist. Nell hat es wirklich nicht ganz leicht, denn auch in der Heimat wieder anzukommen ist eine Aufgabe. Doch schön, wie sie sich von ihrer stiff-upper-Lip Schritt für Schritt entfernt und mit größerer Offenheit, auch ihren Freundinnen aus der Seele spricht. Dieses Buch ist wirklich herzerwärmend, zum Wohlfühlen und zum Glück lässt es Oberflächlichkeit vermissen.


4  Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Sei eine Taube. Scheiß drauf von Alexandra Potter

ISBN: 978-3-492-06223-7




Dienstag, 4. August 2020

Der magische Koffer

Diesmal ist Tante Poldi wirklich in Gefahr und nicht nur sie, auch ihr Neffe und Chronist bangt um sein Leben. Wie konnte es nur dazu kommen. Dazu muss man wissen, dass am Schluss des vorherigen Teil plötzlich John aus Tansania vor der Tür stand. Poldi war sich nicht so sicher, ob sie sich freuen sollte. Schließlich hatte John sie nicht sehr gut behandelt. Und Montana war fein ausgedrückt gerade da und hat so von dem ungewöhnlichen Besuch erfahren. John sucht seinen Halbbruder Thomas, der einem afrikanischen Boss den Koffer geklaut hat. Dessen Spur verliert sich auf Sizilien. 

Der dritte Teil dieser Cozy Crime Reihe läßt Einblicke in Poldis bewegtes Leben zu. Natürlich bleiben immer noch Geheimnisse. Doch der Neffe und Chronist, der hoffentlich auch irgendwann einen Namen bekommt, fängt so langsam an, einige von Poldis erstaunlichen Erzählungen besser zu verstehen. Auf der Suche nach dem ominösen Koffer kommt es schließlich zu einer Art Roadtrip über die sizilianische Insel. Tante Poldi muss alle ihre Fähigkeiten bemühen, um ihre Familie zu schützen, denn immer mehr Parteien sind hinter dem Koffer her und Poldi hat ihrem Montana essentielle Informationen vorenthalten. Dass etliche der Personen, denen sie begegnen, mit dem schönen Namen Antonio geschmückt sind, lässt schmunzeln.

Hat man die ersten Bände gehört, lohnt sich ein Versuch mit dem Buch. Auch geschrieben kommt Poldis Sprache sehr direkt rüber und man kann sie sich in ihrem gute Laune Kleid sehr gut vorstellen. Die Geschichte um den Koffer beginnt sehr interessant und auch die Suche nach dem verschwundenen Thomas ist sehr spannend. Dann jedoch driftet die Story etwas in eine Richtung, die nur noch mit der Magie des Koffers zu erklären ist. Da wird es etwas schwierig, der Geschichte noch alles Wohlwollen entgegen zu bringen. Zum Glück kriegt Poldi doch noch recht elegant die Kurve und der Neffe die Gelegenheit, seinen Chronistenpflichten nachzukommen. 

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Tante Poldi und der schöne Antonio von Mario Giordano
ISBN: 978-3-404-17786-8


Sonntag, 2. August 2020

Job erledigt

Die Partnerschaft der Detektive Patrick Kenzie und Angie Gennaro ist eine rein berufliche. Da passt Angies Mann Phil schon auf. Phil, der einmal der tollste Typ der Gegend war, ist inzwischen ziemlich heruntergekommen. Arbeitslosigkeit und unbezahlte Rechnungen fordern ihren Tribut. Wieso das hauptsächlich Angie zu spüren bekommt und sich das auch seit Jahren gefallen lässt, entzieht sich Patricks Verständnis. Ihr neuer Auftrag wirkt dagegen regelrecht einfach. Eine Putzfrau des Senators Brian Paulson soll ein paar Unterlagen des Politikers gestohlen haben. Diese müssen unbedingt wiederbeschafft werden, doch niemand weiß, wohin die Putzfrau verschwunden ist.

Ein lukrativer Auftrag für Kenzie und Gennaro. Doch zunächst gilt es, die verschwundene Jenna zu finden. Bald schon fragen sich die beiden Detektive, zwischen denen es doch mehr knistert als sie zugeben wollen, weshalb diese geheimnisvollen Papiere so wichtig sind, dass die Auftraggeber bereit sind, einen ordentlichen Bonus zu zahlen. Was Patrick und Angie herausfinden, erweist sich als brisanter als sie je vermutet hätten. Schon bald ist nicht nur Jennas Leben in Gefahr, sondern auch das der Detektive. Jeder, der zu viel weiß, könnte bald schon tot sein. 

Bei ihrem ersten Auftritt, die erste Ausgabe des Buches erschien 1994, überzeugen Kenzie und Gennaro als gewiefte Ermittler. In Kenntnis wie der Hase in Boston läuft, sind sie ihren Gegnern manchmal ein paar Schritte voraus. Doch welchem perfiden Verbrechen sie hier auf die Spur kommen, können sie nicht ahnen. Die Spur aus der Vergangenheit offenbart ein Verbrechen, dass schlimmer kaum sein kann. Mit ihren flapsigen Wortgefechten wirkt das Detektivduo sympathisch und nicht so abgehoben. Wenn ihnen die Projektile um die Ohren fliegen, kommen die Beiden einen mitunter unkaputtbar vor. Doch was Angie in ihrer Ehe zu ertragen hat, kann auch beim Lesen fast zur Bürde werden. Man möchte wahrlich nicht mit ihr tauschen. Die Brisanz des Falles entwickelt sich nach und nach und ebenso nach und nach ist man immer mehr an das Buch gefesselt.

Ein spannender erster Teil einer empfehlenswerten Reihe, die nach dem ersten Erscheinen nunmehr neu übersetzt wurde.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ein letzter Drink von Dennis Lehane
ISBN: 978-3-257-30030-7

Samstag, 1. August 2020

Hinterhof

Vor drei Jahren erlaubte der ehemalige Polizist Tim Blanck, seiner 16jährigen Tochter mit einer Freundin nach Mallorca zu fliegen. Emme verschwand schon nach wenigen Tagen, doch Blanck hofft immer noch, dass sie gefunden werden kann. Er lebt und arbeitet inzwischen auf Mallorca und schlägt sich als Privatdetektiv durch. Von seiner Frau ist er geschieden. Sein neuester Auftrag besteht darin, die junge Ehefrau des reichen Unternehmers Peter Kant zu beschatten. Schnell findet er heraus, dass die junge Frau eine Affäre hat. Es ist fast schon zu einfach. Blancks Gefühl soll sich als richtig erweisen. Tatsächlich steckt mehr hinter der Sache.

Meist kennt man eher die schönen Seiten, die Mallorca zu bieten hat. Schöne Strände, interessante Geschichte, atemberaubende Landschaften und natürlich das Nachtleben, wenn man es denn möchte. Mit seinem Roman um das verschwundene Mädchen Emme zeigt der Autor auf, dass Mallorca auch eine andere Seite haben kann. Man wird quasi mit dem Hinterhof der Insel bekannt gemacht. Einwanderer, die nur ein einfaches Leben führen können. Frauen, die sich ihr Geld als Prostituierte verdienen müssen. Reiche Männer, die noch reicher werden wollen. Manchmal scheint es so als gönne der Eine dem Anderen nicht den Dreck unter den Fingernägeln. 

Geschrieben ist der Roman aus unterschiedlichen Perspektiven, welche sehr schnell wechseln können. Da muss man hin und wieder innehalten und überlegen, wo man denn nun gerade ist. Manchmal handelt es sich mehr um Gedankenfetzen, die sich zwischen den gradlinigeren Abschnitten auftun. Überraschend ergibt sich aus diesem gefühlten Brainstorming nach einer Weile eine durchaus brisante Geschichte. Doch obwohl man den Wunsch des Vaters versteht, wird man mit Tim Blanck nicht richtig warm. Das fängt schon mit der Frage an, wieso ein 16jähriges Mädchen alleine nach Mallorca darf. Natürlich fragt man sich im nächsten Augenblick, ob man selbst zu spießig ist. Allerdings erscheint der Absturz des Vaters wieder zu extrem. Und so sind die Charaktere und auch die Art, wie der Roman geschrieben ist, vielleicht nicht jedermanns Sache. Dennoch: in seinen lichten Momenten kommt Tim Blanck als fähiger Ermittler rüber, der gewitzt einen spannenden Fall löst.

3 Sterne (🐳🐳🐳)

Verschollen in Palma von Mons Kallentoft
ISBN: 978-3-608-50460-6