Sonntag, 31. Januar 2021

Amanzi

Einsam, aber gemeinsam ziehen Willem Storm und sein 13jähriger Sohn Nico durch die verlassene südafrikanische Landschaft. Ein tödliches Virus hat einen großen Teil der Erdbevölkerung ausgelöscht. Und diese Wenigen sind meist auf sich selbst gestellt. Doch Nicos Vater hat einen Plan oder einen Traum. Er will einen Teil der Überlebenden an einem halbwegs sicheren Ort zusammenführen. Dort soll eine neue Gemeinschaft entstehen, eine neue Zivilisation, in der die Menschen eine Zuflucht und ein trotz der Umstände geordnetes und angenehmes Leben führen können. Natürlich ist aller Anfang schwer und die Gruppe um die Storms muss Rückschläge hinnehmen, doch nach und nach scheint das Ziel näherzurücken.


Der Autor, der mit seinen Kriminalromanen große Bekanntheit erlangt hat, widmet sich hier einer dystopischen Betrachtung der Menschheit nach einer niederschmetternden Katastrophe, durch die die Menschheit beinahe ausgerottet wurde. Willem Storm wirkt dabei wie eine Lichtgestalt mit seiner Vision vom Wiederaufbau einer Gesellschaft. Hat er zunächst selbst die Nachricht in die Welt gesandt, dass neue Siedler willkommen sind, so treffen neue Mitglieder später wie von selbst ein, denn der Ruf des Ortes Amanzi schallt in die weitere Umgebung. Doch damit werden auch Neider angezogen und nicht jeder träumt von einer neuen Zivilisation. Manchen ist ein gesetzloser Zustand gerade recht.


Bei dystopischen Romanen, die ein durchaus nachvollziehbares Bild von einer Zukunft nach der Katastrophe bieten, ist es häufig erschreckend, wie schnell die dünne Kruste der Zivilisation verschwindet und das Tier im Menschen zutage tritt. Da geht es nur noch um das eigene Überleben und den eigenen Vorteil, sogar die Hunde werden alsbald wieder zu Wölfen und damit zu gefährlichen Raubtieren. Doch neben den marodierenden Banden entwickeln sich auch neue Gemeinden, die allerdings einen Vorstand wie Willem brauchen, der sie zusammenhält und ihnen einen Handlungsrahmen gibt. Toll, dass Willem dabei ein sanftmütiger Mensch ist, auch wenn er die Gerichtsbarkeit deshalb an härtere Player delegieren muss. Auch wenn einige Passagen etwas zu ausführlich erscheinen, besticht der Ansatz mit der tödlichen Krankheit gerade in der heutigen Zeit und die Auflösung ist erschreckend und hoffnungsvoll zugleich.


4 Sterne


Fever von Deon Meyer

ISBN: 978-3-352-00902-0




Freitag, 29. Januar 2021

Berlin-Mord

Aus Frankfurt kommt der Ermittler Neuhaus nach Berlin. Er soll in einer neuen Einheit zur Terrorabwehr ein gesetzt werden. Neuhaus präsentiert sich als Einzelgänger, der seinen Kollegen eher reserviert gegenübertritt. Nur mit seiner Kollegin Suna-Marie kommt er gleich gut klar. Neuhaus ist noch nicht richtig in Berlin angekommen, da wird er schon zu einem Mord gerufen, der möglicherweise einen terroristischen Hintergrund hat. Und bald schon kommt es zu einem weiteren Todesfall, bei dem wohl die selbe Waffe verwendet wurde. Neuhaus und seine Kollegin versuchen fieberhaft etwas über den Täter zu erfahren, insbesondere auch, um weitere Morde zu verhindern. 


Mit diesem ersten Band einer Reihe betritt der eigenwillige Frankfurter Ermittler Neuhaus die Bühne. In seiner neuen Position in Berlin stolpert er gleich in eine brisante Ermittlung, die Tat könnte durchaus einen politischen Hintergrund haben. Neuhaus sieht sich selbst als Einzelgänger und von der aufgezwungenen Teamarbeit in Berlin hält er nicht viel. Zu Suna-Marie hat er allerdings gleich einen Draht und hier stehen Zusammenarbeit und Vertrauen an vorderer Stelle. Nicht so einfach ist es dagegen, das Motiv des Mörders zu entschlüsseln. Erst nach und nach verdichten sich die Hinweise in eine bestimmte Richtung.


Der Autor ist wahrscheinlich vielen von seinen Romanen um den Kommissar Marthaler bekannt. Mit „Der Solist“ startet er eine neue Reihe, mit der er gleich im ersten Fall ein sehr brisantes Thema anpackt. Dieser Fall entwickelt sich sehr überraschen, allerdings doch auf eine Art und Weise, die einen befürchten lässt, dass könnte nicht so abwegig sein. In einigen Bereichen ist dieser ansonsten spannende Roman einfach zu kurz, da wirkt es manchmal so als hätte eine Szene oder ein Hintergrund ausführlicher ausgearbeitet werden können. Dennoch hat das Buch ein Thema, das aufrütteln kann und nachdenklich macht. Am bedenklichsten stimmt dabei, dass nichts von dem Geschriebenen auch nur im Geringsten realitätsfern erscheint. Auf Neuhaus darf man sicher weiterhin gespannt sein.


4 Sterne


Der Solist von Jan Seghers

ISBN: 978-3-498-05848-7 



Donnerstag, 28. Januar 2021

Mutter Oberin

Im Jahr 1923 hat die Nonne Mutter Aquinas alles erreicht, was sie als Nonne erreichen kann. Sie ist nun schon gesetzten Alters und die Oberin des Konvents. Ein besonderes Anliegen ist es für sie, auch den Mädchen aus armen Familien ein Mindestmaß an Bildung zukommen zu lassen. Als der Fluss mal wieder Hochwasser führt, wird eine tote junge Frau ans Ufer gespült und von der älteren Nonne gefunden. Natürlich lässt sie sofort den Sergeant Patrick Cashman aus Cork herbeirufen, denn es gibt Anzeichen, dass das die Jugendliche aus offensichtlich gutem Haus keines natürlichen Todes gestorben ist.


In diesem Buch löst Mutter Aquinas ihren ersten Fall. Bei der schon etwas älteren Nonne handelt es sich um eine interessante Persönlichkeit. Ihre Vergangenheit hat sie mit guten Beziehungen ausgestattet und ihre Fürsorglichkeit gibt ihr bei ihren Schülerinnen einen guten Stand. Doch nie hätte sich die Mutter Oberin vorstellen können, sich einem Mann unterzuordnen. Lieber beschäftigt sie sich mit Gedankenspielen oder auch einem Mordfall, wenn er ihr so direkt vor die Füße gespielt wird. Warum musste die junge Frau sterben? Ein wenig möchte sich Mutter Aquinas auch mit dem Sergeant messen, den meist ist sie die Schlauere. Doch häufig wandern ihre Gedanken in die Vergangenheit.


Bei Mutter Aquinas handelt es sich um eine wahrhaft sympathische und außergewöhnliche neue Ermittlerin, die ein ebenso sympathisches Team um sich geschart hat. Im Jahr 1923 ist das Leben für die armen Leute nicht einfach, aber auch das der Reichen ändert sich. Und auch die Frauen beginnen sich neue Chancen zu erschließen. Dieses spannende, manchmal düstere Setting wird lebendig beschrieben. Und das Rätsel um den Tod der jungen Schönheit ist nicht leicht zu lösen. Wie gut, dass Mutter Aquinas sich auskennt und sich auf ihr Gedächtnis verlassen kann. Auch wenn man als Leser vielleicht in einem Punkt früh eine Ahnung hat, so bereitet dieser Ausflug in das Irland des frühen zwanzigsten Jahrhundert fesselnde Lesestunden, vor allem auch, weil die Lebenssituation der Menschen zu dieser Zeit so authentisch beschrieben wird.


4 Sterne


Ein niederträchtiger Mord von Cora Harrison

ISBN: 978-3-499-00297-7 





Mittwoch, 27. Januar 2021

Hochzeitsturbulenz

Loretta Luchs steckt mitten in den Vorbereitungen zu Dianas Hochzeit. Sie soll ein Kleid anziehen, das passt doch nicht zu ihr. Doch dann taucht Diana völlig aufgelöst in ihrer alten Heimat auf und will die Hochzeit mit ihrem Verlobten absagen und nicht mal mehr mit ihm sprechen. Irgendwie findet auch Loretta keinen richtigen Zugang zu Diana, aber die Truppe der Freunde kann helfen. Und so soll es eine Verpartnerung zwischen Okko und Diana geben, zu der auch Dianas Vater mit seinem Lebensgefährten anreist. Und dann gibt es wieder die typischen Loretta Verwicklungen, die in einen Kriminalfall münden.


Nunmehr schon zum sechsten Mal teilen wir die Erlebnisse von Loretta Luchs und ihren Freunden, wobei die nach Norddeutschland entfleuchte Diana zu einem Auftritt kommt. Ihr Besuch gestaltet sich erst anders als erwartet, sie ist wirklich etwas derangiert. Zum Glück fängt sie sich und schon bald gibt es wieder eine Ermittlung für Loretta. Man könnte fast meinen, Kommissarin Küppers hätte Lorettas detektivische Fähigkeiten akzeptiert, zumindest steht sie kurz davor. Denn mit Ideenreichtum und Forschheit schafft es Loretta doch immer wieder, der Polizei um eine Nasenlänge voraus zu sein. 


Nachdem es im vorigen Fall tatsächlich gefährlich wurde, bekommt es die Loretta-Gang hier mit der Hochzeitspanik Dianas zu tun. Da gilt es die nervöse Braut wieder zu beruhigen und vor nicht den, sondern einen Altar zu bringen. Eine ganze Weile vergeht bis so eine Art Fall am Horizont auftaucht. Die Grundstimmung dieses Cozy Crime ist wesentlich entspannter und der Ruhrpott-Flair kommt bestens zur Geltung. Die gewitzte Loretta schafft es, ihre beste Freundin unter eine Art Haube zu bringen und deren Vater aus einer unangenehmen Beziehung zu retten. Das Ganze ist vergnüglich aufbereitet und sehr lesenswert.


4 Sterne


Cool im Pool von Lotte Minck

ISBN: 978-3-7700-4120-6


Sonntag, 24. Januar 2021

Um die Welt

Im Jahr 1773 startet die zweiter Forschungsreise von James Cook. Mit an Bord ist der erst 17jährige Georg Forster als Assistent seines Vaters Reinhold, der einen wissenschaftlichen Bericht über die Reise verfassen soll. Georg ist Feuer und Flamme, schon einmal durfte er mit dem Vater Russland bereisen und wieder will er die Welt sehen. Dabei ist seine Sicht auf die Dinge durchaus anders als die seines Vaters. Das Leben auf See ist allerdings nicht ganz einfach, wie Georg bald feststellen muss. Manche der Matrosen haben eine recht nachlässige Einstellung zum Leben und George selbst macht die Seekrankheit zu schaffen.


Der Chronist, mit dessen Sicht die Handlung umrahmt ist, trifft Georg Forster im Jahr 1794 in Paris. Dort fordert die Revolution ihre Opfer. Gerade nach Paris ist Forster geflohen. Seine Erinnerung an die Reise in den Reihen von James Cook ist aber noch sehr lebendig. Und so erzählt er wie die Zeit damals erlebt hat. Die Querelen des Sohnes mit dem Vater, welcher hin und wieder ein überhebliches Verhalten an den Tag legt. Cook erscheint dagegen als Vorbild, weil er doch meistens ruhig bleibt. Auch unter den Reisegenossen finden sich einige, mit denen Georg sich gut austauschen kann.


Bei Georg Forster handelt es sich um eine historische Person, die tatsächlich an der zweiten Fahrt Richtung Südsee von James Cook teilnahm. In diesem Roman lässt der Autor hauptsächlich den jungen Forster zu Wort kommen, der trotz seiner Jugendlichkeit manchmal fast lebensweise wirkt. Er beobachtet und denkt sich sein Teil zum einen, zum anderen kommt auch sein Hunger nach Leben zum Ausdruck, seine Neugier und seine Wissbegier. Damit schafft es der Autor, Bilder zu zeichnen, die das Gefühl vermitteln, so könnte es gewesen sein. Ein Reisebericht, der keinesfalls trocken ist, nein, man merkt, es waren Menschen, die reisten und Menschen wurden aufgesucht.


4 Sterne


Teori - Die Geschichte des Georg Forster von Andreas Kollender

ISBN: 978-3-293-20635-9







Sonntag, 17. Januar 2021

Gilead

Die kleine Nicole ist vor etlichen Jahren aus Gilead verschwunden. Inzwischen muss sie ein Teenager sein. In Gilead könnte sie zu einer Lichtgestalt hochstilisiert werden. Doch dazu muss sie gefunden werden. Das Regime in Gilead ist weiterhin an der Macht. Die Männer haben das Sagen, die Frauen sind auf ihre Fähigkeit Kinder zu bekommen reduziert. Eine Ausnahme bilden nur die Tanten, die als Bewahrerinnen der Geschichte fungieren und manchmal auch als heimliche Herrscherinnen auftreten. Tante Lydia, eine der Gründungstanten, ist immer dabei, die Fäden zu spinnen. Sie beobachtet genau und zieht ihre Schlüsse.


Wie lange kann ein totalitärer Staat bestehen, in dem es die Machthaber nicht schaffen, ihre Stellung nicht auszunutzen. Mit Leichtigkeit werden die Frauen in allen Lagen ausgenutzt und die wenigen Ausbrüche, die ihnen gegönnt werden, können nicht erstrebenswert sein. Doch noch halten die Unterdrückten still. Die Männer meinen, sie hätten das Heft in der Hand und manchmal benehmen sie sich wie die Axt im Wald. Aber sie sitzen fest im Sattel, so scheint es jedenfalls. Da ist es fast zu vernachlässigen, dass sich der Widerstand im fernen Kanada formiert. Wesentlich bemerkenswerter ist es für sie, wenn Mädchen aus Kanada oder anderen Ländern heimgeführt werden.


Lange Jahre musste man warten, wenn man in den 1980er Jahren vom „Report der Magd“ begeistert war, um zu erfahren, wie es in dem totalitären Staat Gilead weitergeht. Zum Glück hat sich das Warten gelohnt. Der Nachfolgeband, bestehend aus den lebendigen Berichten aus drei unterschiedlichen Perspektiven, ist wirklich sehr lesenswert. Gebannt verfolgt man die Berichte der verschiedenen Frauen und fragt sich, wie das alles zusammenhängt. Aus kleinen Hinweisen ergibt sich eine Einsicht ins große Ganze und die Suche danach macht die Lektüre ungemein spannend. Und immer wieder kommt das Hadern mit diesem fürchterlichen Staat, dem man nur ein Ende wünschen kann. Wie froh kann man sein, in einem freiheitlichen Staatsgebilde beheimatet zu sein. Dieser Roman bildet eine sehr gelungene Weiterentwicklung des Vorgängerbandes. 


4,5 Sterne


Die Zeuginnen von Margaret Atwood

ISBN: 978-3-493-31663-1




Freitag, 15. Januar 2021

Geheimermittlung

In Gröden wird in einem Hotel die Leiche eines Dorfpolizisten gefunden. Commissario Grauner soll die Ermittlungen übernehmen, doch ihm steht nicht der Sinn danach. Seine Tochter Sara, mit er sich ausgesöhnt glaubte, ist seit Tagen verschwunden und Grauner macht sich große Sorgen um sie. Am liebsten würde er den Fall seinem Partner Saltapepe komplett übertragen, doch auch dieser kann aus Angst vor der Mafia nicht so offen ermitteln wie gewohnt. Derweil begibt sich Alba, Grauners Ehefrau, auf die Suche nach ihrer Tochter und betritt damit ein gefährliches Gebiet, denn Sara ist mit gefährlichen Leuten in Berührung gekommen.


In seinem bereits sechsten Fall bekommt es Commissario nicht nur mit einem schwierigen Fall, sondern auch mit der Mafia zu tun. Womit er nicht rechnen kann, ist wie nah seine Tochter und ihr Freund dem Verbrechen kommen. Wie soll der Commissario seine Familie nur beschützen. Doch was hat die Mafia überhaupt in Südtirol zu suchen? Diese sollte doch eher in Süditalien zu vermuten sein. Wie Grauner von seinem Chef erfährt, steckt wohl mehr hinter dem aktuellen Todesfall als ein bloßer Polizistenmord. Hat die Mafia auch hierbei die Finger im Spiel? Fast schon ist Grauner froh, als sein Chef ihn bittet, es etwas ruhiger anzugehen, so kann er sich mehr der Suche nach seiner Tochter widmen.


Es fängt ganz harmlos an, nun ja, mit einem Mord natürlich nicht wirklich harmlos. Doch verglichen mit dem, was noch folgt, ist dieser Todesfall erstmal nicht so spektakulär. Wenn jedoch nach und nach herauskommt, wie vieles zusammenhängt, dann wird die Nachforschung sehr spannend. Ein Elternpaar, dass sich um die Tochter sorgt, eine geheime Untersuchung gegen die Mafia und ein Saltapepe, der in Gefahr gerät. Packende Krimikost, bei deren Lektüre man es manchmal nicht fassen kann, wie weit die Tentakel der Mafiakrake reichen. Das idyllische Gröden, welches man eher vom Wintersport kennt, bekommt hier einen ganz anderen Charakter. Ein fesselndes Kriminalstück, das gerne empfohlen wird.


4 Sterne


Das dunkle Dorf von Lenz Koppelstätter

ISBN: 978-3-463-05304-3




Sonntag, 10. Januar 2021

Brückenbauer

Im Jahr 997 überfallen die Wikinger das Heimatdorf von Edgar. Zwar bemerkt Edgar den drohenden Angriff auf Combe, doch als Einzelner kann er nicht viel tun. Der Ort wird fast zerstört. Tragischerweise kommt bei dem Überfall auch Edgars Geliebte um. Gleichzeitig träumt eine junge Grafentochter aus der Normandie von einem kleinen Reich in England. Sie macht sich auf den Weg, um zu heiraten. Doch ihr Weg ist nicht ohne Hindernisse, denn kurz vor dem Ziel wird die Reisegruppe überfallen und ausgeraubt. Und auch ihr Gatte entpuppt sich in seiner Heimat als ein anderer. Zwar ist er ihr durchaus zugetan, aber die Familie versucht in die junge Ehe hinein zu regieren.


Dieser historische Roman ist das Prequel zu den anderen Kingsbridge-Romanen des Autors und gleichzeitig der vierte Band der Reihe. Da die Handlung über hundert Jahre vor der Handlung der „Säulen der Erde“ angesiedelt ist, ist eine Kenntnis der anderen Bände zum Verständnis nicht notwendig. Der junge Bootsbauer Edgar, die schöne Ragna und der Bischof Wynstan und der Vorstand des örtlichen Stifts - um sie ranken sich die Geschichten von Liebe und Hass. Edgar hat Ideen, die den Fortschritt bringen können, doch er ist arm und manchmal fehlen ihm die Unterstützer. Und Ragna landet recht schnell auf dem Boden der Tatsachen, auf dem sie sich mit den Intrigen der Familie auseinandersetzen muss. Wobei auch Bischof Wynstan seine Finger drin hat.


Als leicht gekürztes Hörbuch bietet dieser Roman spannende Unterhaltung. Man gewinnt zwar den Eindruck, dass das historische im Vergleich zu den Schicksalen der handelnden Personen etwas zu kurz kommt, aber vielleicht liegt das auch an der Kürzung oder man folgt hörend eher den Erlebnissen von Edgar und seinen Gefährten. Diese sind interessant und fesselnd. Es ist toll in eine andere Zeit einzutauchen, in der die Menschen teils sehr arm waren, teils aber auch wohlhabend, in der genauso Intrigen gesponnen worden wie heute und in der der König näher an seinem Volk ist als die Regierenden in unseren Tagen. Dieser historische Roman bringt einem die alte Welt so nahe wie es aus heutiger Sicht möglich ist.


4 Sterne


Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit von Ken Follett

ISBN: 978-3-7857-8199-9






Freitag, 8. Januar 2021

Wenn Zweie eine Reise tun

Mit fast 47 Jahren kommt sich Margery Benson, die zwei Weltkriege miterlebt hat, schon etwas alt vor. Seit zwanzig Jahren unterrichtet sie mehr schlecht als recht Kochen und Hauswirtschaft. Und wieder einmal spotten die Mädchen über ihre ältliche Lehrerin, Diesmal allerdings bringen sie das Fass zum Überlaufen. Margery flieht aus der Schule, nicht ohne ein paar Schuhe mitgehen zu lassen. Jetzt will sie ihren Traum leben und im Herbst 1950 schifft sie sich auf der Orion ein, die nach Brisbane fährt. Mit von der Partie ist Margerys neue Assistentin, die exaltierte Enid Pretty. Gemeinsam wollen sie den bisher nicht nachgewiesenen goldenen Käfer von Neukaledonien suchen.


Auch wenn der zweite Weltkrieg seit fünf Jahren vorüber ist, sind seine Auswirkungen noch deutlich zu spüren. Die Männer sind gezeichnet und die Frauen kaum weniger. Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass eine Frau, die schon beinahe eine alte Jungfer ist, auf die Idee kommt, zu einer Insel im Südpazifik zu reisen, um einen Käfer zu suchen. Ebenfalls ungewöhnlich ist auch ihre Reisebegleiterin. Enids laute und zupackende Art ist zunächst keine Empfehlung. Doch in Ermangelung anderer Möglichkeiten raufen die beiden Frauen sich zusammen und freunden sich schließlich an. Dabei muss besonders Margery über sich hinauswachsen, die mit Abenteuern wie auf Berge klettern oder Auto fahren nie gerechnet hatte.


Zwei Frauen - eine Schicksalsgemeinschaft. Mit warmherzigen und humorvollen Worten schildert die Autorin die Erlebnisse von Margery und Enid. Manchmal sieht man aufgeschreckte Hühner oder Streithühnchen vor sich, häufig aber auch freundlich neugierige Wesen, die sich gegenseitig bestaunen. Tapfer und wacker behaupten sich die Reisegefährtinnen in einer fremden und manchmal befremdlichen Welt, ohne dabei gleich jedes Geheimnis preiszugeben. Und so reißen sie den Leser in den Strom ihrer Geschichte, um ihn durchgewirbelt wieder loszulassen. Vielleicht wird einem nicht jede Krümmung des Handlungsstroms gefallen, aber dennoch überzeugen diese beiden Erforscherinnen einer ihnen unbekannten Welt. Ihr Mut und ihr Enthusiasmus macht Freude. Nie aufgeben scheint die richtige Devise. Und der goldene Käfer? Tja, das muss der geneigte Leser selbst herausfinden.


4 Sterne


Miss Bensons Reise von Rachel Joyce

ISBN: 978-3-8105-2233-7





Mittwoch, 6. Januar 2021

Unbekannter Vater

Seit zwei Jahren Nick Young nicht mehr mit seiner Mutter gesprochen, seit sie seine Braut nicht in die Familie aufgenommen hat. Endlich hat Rachel Chu Nicks Antrag angenommen und die Hochzeit wird geplant. Doch Nicks Mutter ist immer noch rührig. Rachel kennt ihren leiblichen Vater nicht und zufällig findet Ellinor heraus - sie hat einen Detektiv beauftragt - wer es ist. Überraschend gehört Rachels Vater zu den reichsten Familien von Festland China und damit wird Rachel gewissermaßen salonfähig. Ellinor ahnt jedoch nicht, was sie auslöst. Ihr vordergründiges Ziel ist es, sich mit Nick auszusöhnen.


Die Geschichte von Rachel und Nick geht weiter. Zwar schon so ähnlich wie bei „Crazy Rich Asians“, aber doch anders. Zunächst einmal können Rachel und Nick ihre Hochzeit genießen. Doch durch den neuen Familienanschluss geht die Hochzeitsreise von Los Angeles nach Asien. Rachels Vater hat sie eingeladen, den Rest der Familie kennenzulernen. Doch er hat nicht mit seiner Frau gerechnet, die in Rachel eine Konkurrenz für den gemeinsamen Sohn sieht. Schließlich ist Carlton dann der einzige, der Rachel und Nick unter seine Fittiche nimmt. Und wieder hat das junge Paar die Gelegenheit, das Leben der Superreichen zu bestaunen. 


Hatte man vielleicht die Befürchtung, dieser Roman sei ein Aufguss des ersten, wird man zum Glück enttäuscht. Der Autor hat aus dem Ansatz der vorherigen Geschichte eine neue Story gesponnen. Zwar gibt es Ähnlichkeiten, denn es geht wieder um die Milliardäre, doch kann man weitere Facetten entdecken. Insgeheim denkt man möglicherweise, dass ein anderer Handlungsstrang in diesem Buch kraftvoller ist als der um Rachel und Nick. Dennoch handelt es sich um eine erfreuliche Lektüre, die einem erneut klarmacht, dass die Reichen zwar reich und damit irgendwie auch anders sind, gleichzeitig aber doch ähnliche Probleme haben wie wir Normalos. 


3,5 Sterne


China Rich Girlfriend von Kevin Kwan

ISBN: 978-1-101-97339-4




Dienstag, 5. Januar 2021

Blond und tot

Die seit zwei Jahren verwitwete Mariona wird in ihrer Wohnung ermordet. Im Barcelona der 1950er Jahre kann es geschehen, dass eine polizeiliche Ermittlung von oben gelenkt wird. Der Staatsanwalt bestimmt den Ermittler Castro als leitenden Beamten. Dieser wiederum möchte, dass die Zeitung in seinem Sinne über den Fall berichtet. Allerdings ist sein üblicher Kontakt erkrankt und so bekommt die junge Journalistin Ana Martí den Auftrag, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Zunächst darf Ana einem Verhör beiwohnen, bei dem ihr gleich klar wird, wie Untersuchungen unter der Franco-Diktatur laufen. Es fehlt nicht viel und Castro hätte ihr den anschließenden Bericht in die Feder diktiert. 


Hierbei handelt es sich um den ersten Band einer bisher dreiteiligen Reihe um die Journalistin Ana Martí und ihre Cousine Beatriz, eine Literaturwissenschaftlerin. Beide Frauen sind nicht frei in ihrer Berufsausübung. Dennoch fühlen sich sowohl Ana als auch Beatriz der Wahrheit verpflichtet. Und so erfüllt sich der Wunsch der Polizei, die Berichterstattung zu steuern zwar, aber nicht der Wunsch, dass es Ana damit auch bewenden lässt. Und die journalistische Art, Sachverhalte zu hinterfragen, ist der polizeilichen nicht so unähnlich. Es überrascht daher nicht, dass Ana Hinweise finden, die der Polizei nicht bedeutend genug erschienen.


Eine spannende Stadt in einer spannenden Zeit. Besonders am Anfang macht das Autorinnenduo Rosa Ribas und Sabine Hofmann klar, wie schwierig und eingeschränkt das freiheitliche Leben in der Diktatur war. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Handlung mehr auf die Nachforschungen der gewitzten Reporterin und ihrer vielleicht etwas phlegmatischen, aber keineswegs dummen Cousine. Mit einfachen Mitteln und ihrer Hartnäckigkeit lassen sie sich einfach nicht einbremsen. Da fallen die obrigkeitshörigen Polizisten doch ab. Dieser Kriminalroman gibt einen packenden Eindruck vom Spanien unter Franco, fokussiert sich aber letztlich auf den verzwickten Fall mit einer überraschenden Auflösung.


4 Sterne


Das Flüstern der Stadt von Rosa Ribas und Sabine Hofmann

ISBN: 978-3-499-23462-0




Montag, 4. Januar 2021

Gangster

Die südkoreanische Hafenstadt wird von Gangs beherrscht, Gebiete und Tätigkeitsfelder sind aufgeteilt und die kleinen Gangster haben Abgaben an die Großen zu leisten. Großer Bruder Huisu war einmal ein hoffnungsvoller Boxer, der nationale Wettkämpfe bestreiten konnte. Inzwischen ist er vierzig Jahre alt und arbeitet schon seit 20 Jahren für Vater Son, dessen eigene Familie bereits verstorben ist. Huisu ist unzufrieden, in den 20 Jahren hat er nicht viel erreicht. Er hat Schulden und ist immer noch Vater Sons Handlanger. Auch mit seiner großen Liebe hat es nicht geklappt. Entschlossen schmiedet Huisu Pläne. Es muss sich etwas ändern.


Das Wirtschaftsleben ist genauestens geregelt in diesem Thriller. Huisu und seine Kumpane saufen, schlagen und erpressen, wobei Huisu allerdings hervorsticht, da er manchmal über seine Handlungen nachdenkt und sich auch überlegt, was er eigentlich vom Leben will. Er ist Vater Son dankbar, dass er ihn unter seine Fittiche genommen hat. Allerdings will Huisu was Eigenes auf die Beine stellen. Der Weg dahin ist jedoch beschwerlich. Es kommt zu kleinen Scharmützeln unter den Gangs, doch Vater Son plädiert dafür, Ruhe zu bewahren. Manchmal ist es besser, wenn es bleibt wie es ist. Huisu will das nicht so sehen.


Sehr eindringlich schildert der Autor die Handlungen der rivalisierenden Gangs. Gewalttätig, versoffen und düster erscheinen die Gangster, aber auch die Entspannung am Meer genießend, intelligent und empfindsam. So interessant das ungewöhnliche Setting, so mitunter ausschweifend beschrieben ist der eintönige Alltag. Es scheint als sei Huisu erst mit 40 zum Rebellen geworden und man nimmt ihn den spät pubertierenden nicht so ganz ab. Die Sprachwahl gibt dem Roman eine Leichtigkeit, die der Thematik entgegensteht. Hierdurch bekommt die Lektüre eine besondere etwas aberwitzige Note. Auch wenn die Sterberate letztlich recht hoch ist, so ist die Handlung doch geschickt aufgebaut und überraschend.


3,5 Sterne


Heißes Blut von Un-Su Kim

ISBN: 978-3-95890-238-1





Sonntag, 3. Januar 2021

Nie vergessen

Viel zu selten besucht Cormoran Strike seine Familie in Cornwall, doch nun hat er es wieder einmal geschafft. Hier spricht ihn eine Frau an, deren Mutter seit ungefähr vierzig Jahren verschwunden ist. Die Ärztin hatte die Gemeinschaftspraxis damals als Letze verlassen und nicht bei einem Treffen mit einer Freundin angekommen. Für Strike und seine Geschäftspartnerin Robin Ellacot bildet dieser Fall eine ganz besondere Herausforderung. Noch nie haben sie sich mit einem Cold Case befasst. Kann es nach so langer Zeit überhaupt noch eine Lösung geben? Ihre Auftraggeberin gibt den Privatdetektiven ein Jahr Zeit.


Inzwischen sind Cormoran Strike und Robin Ellacot bei ihrem fünften Fall angelangt. Und dieser scheint wirklich unlösbar. Natürlich sind zwölf Monate ein langer Zeitraum, aber wenn Zeugen nicht mehr aufzufinden oder inzwischen verstorben sind oder auch einfach nicht mit den Detektiven reden wollen, dann kann ein Jahr recht schnell vergehen. Zumal Robin mit ihrer Scheidung Probleme hat, weil ihr Ex noch das Meiste aus der Vereinbarung herausschlagen will, und auch Strike muss im Privatleben mit Begebenheiten klar kommen, die nicht leicht zu nehmen sind. Und dieser Fall ist nicht die einzige Untersuchung der nunmehr auf etliche Mitarbeiter angewachsenen Kanzlei, wobei einer der Freien beginnt, Robin schöne Augen zu machen.


Ein Cold Case ist erstmal ein interessanter Ansatz, man ist neugierig, ob ein frischer Blick auf einen alten Sachverhalt tatsächlich noch etwas Neues hervorbringen kann. Die akribischen Ermittlungen und der Alltag in der Detektei sind detailliert geschildert, was bei einem Buch von knapp 1.200 Seiten mal etwas ausufern kann. Man bleibt aber immer neugierig, auch weil die Autorin lange offen lässt, ob es den Ermittlern gelingt etwas zu entdecken. Und natürlich fiebert man mit, wie sich die zur Zeit nur geschäftliche Partnerschaft zwischen Strike und Ellacot entwickelt. Wie einige der Bekannten der beiden Detektive wünscht man sich, dass sich da etwas entwickelt und man kann sich herrlich daran aufreiben, wenn es nicht so läuft. Dieser Fall von Robin Ellacot und Cormoran Strke ist sehr gelungen und lässt genug offen, um sich auf das nächste Rätsel zu freuen.


4 Sterne


Böses Blut von Robert Galbraith

ISBN: 978-3-7645-0768-8




Freitag, 1. Januar 2021

Die neue Stelle

Oberkommissarin Alexa Jahn hat gerade erst ihre Stelle in Weilheim angetreten. Eigentlich hat sie noch nicht einmal richtig ausgepackt, da wird ein verlassener Rucksack gefunden. Fieberhaft wird nach der oder dem Besitzer gesucht. Kurz darauf wird eine leblose Person in einer Bergwand gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass die junge Frau umgebracht wurde. Während der weiteren Ermittlungen hat Alexas neuer Chef einen Unfall, der ihn ins Krankenhaus bringt. Überraschend überträgt er seinem neuen Teammitglied die kommissarische Leitung. Als weitere Leichenteil auftauchen ist Alexa klar, dass ihr erster Fall kein leichter wird.


Bei diesem Romangeschehen handelt es sich um den ersten Fall von Alexa Jahn und ihrem österreichischem Kollegen Bernhard Krammer. Teile der Erkenntnisse in der Ermittlung weisen nach Österreich. Zudem kann Alexa die Unterstützung ihres älteren Kollegen gut gebrauchen, denn ihre eigentlichen Kollegen haben es noch nicht so mit der Zusammenarbeit. Einer aus ihren eigenen Reihen hätte die Leitung übernehmen sollen. Und so erhält Alexa nicht immer alle Informationen und ihre Anweisungen werden nicht unbedingt als solche erkannt. Auch die Untersuchung verläuft schleppend, weil die Verstorbene ein Leben führte, in dem sie einfach nirgends aneckte und sich somit auch kein Motiv ergibt.


Besonders zu Beginn ist dieser Kriminalroman wirklich fesselnd. Eine junge Kommissarin erstmalig in leitender Position mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten. Ein Team, das nicht mitzieht und noch ein Kollege aus einem zweiten Bezirk, was die Koordinierung auch nicht einfacher macht. Dazu ein rätselhafter Fall, der einem einen Schauer über den Rücken jagen kann.  Nur kann man den Eindruck gewinnen, dass sich der Beginn etwas zu lange hinzieht während der Schluss dem Geheimnis nicht ganz standhält. Dennoch bietet dieser erste Fall eine spannende Lektüre, während derer man sich mit einem sympathischen Ermittler-Team anfreunden kann. So wie Alexa in Weilheim ankommt, kommt man auch in diesem Krimi an.


4 Sterne


Grenzfall - Der Tod in ihrem Augen von Anna Schneider

ISBN: 978-3-10-491263-9