Samstag, 31. März 2018

Das verschlossene Zimmer


Commissaire Le Floch soll als Vertreter der Polizei in der Oper für die Sicherheit der königlichen Familie sorgen. Deshalb ist er sofort zur Stelle als ein Bote in der königlichen Loge eine offensichtlich besorgniserregende Nachricht überbringt. Le Floch eilt zum Wohnsitz des Comte de Ruissec, wo er in der Lage ist, die Tür zu den Räumen des Sohnes der Familie zu öffnen. Der junge Mann liegt tot in seinen Gemächern. Die Umstände scheinen auf einen Selbstmord hinzuweisen. Das ist im Jahr 1762 allerdings eines der schlimmsten Vergehen, die ein Mensch begehen kann. Die Familie versucht daher den Todesfall als Unfall darzustellen.

Die Untersuchungen des Commissaire Le Floch erweisen sich als schwierig. Polizeipräfekt Sartine erscheint etwas desinteressiert, was den jungen Ermittler ebenso misstrauisch macht wie die Spuren, die er an der Leiche gefunden hat. Natürlich macht er sich unter diesem Umständen um so hartnäckiger auf die Suche nach der Wahrheit. Gemeinsam mit seinem treuen Wachtmeister Bourdeau gelingt es Le Floch ein Komplott ungeahnten Ausmaßes aufzudecken. Gibt es etwa Zusammenhänge mit der politischen Situation des Jahres 1762 oder handelt es sich um ein rein familiäres Ereignis der de Ruissecs? Je tiefer Le Floch gräbt, desto verworrener werden die Hinweise. Schon bald gibt es eine weitere Leiche.

In seinem zweiten Fall vermag Commissaire Le Floch ebenso zu überzeugen wie in seinem ersten. Der Autor versteht es aufs Beste das Paris des 18. Jahrhunderts zu beschreiben. Man hört die Kutschen, die Pferde, das Gemurmel der Menschen auf den Straßen, man meint die meist nicht gerade angenehmen Gerüche wahrzunehmen, die in den Gassen wabern. Man spürt die anheimelnde Atmosphäre, wenn Nicolas Le Floch im Kreise seiner Gönner und Freunde weilt. Man nimmt teil an den höfischen Intrigen und an der Tragödie der Familie de Ruissec. Nach und nach entfalten sich die Zusammenhänge. Geschickt werden die Handlungsstränge zunächst verflochten und dann wieder entwirrt. Dabei ist das höfische Leben und dessen Auswirkungen auf die öffentliche Ordnung immer gegenwärtig. 

Ein ruhiger Kriminalroman, der das Leben in Paris um 1762 detailliert und so lebendig beschreibt, dass man fast glaubt, es könne tatsächlich so zugegangen sein. 

Denjenigen, die des Französischen mächtig sind, kann gewiß auch die TV-Serie empfohlen werden, mit der bereits die ersten zwölf Teile der Reihe verfilmt worden sind.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Commissaire Le Floch & der Brunnen des Todes von Jean-Françios Parot
ISBN: 978-3-89667-572-9




Freitag, 30. März 2018

Karfreitag


Während Bridget ein scheinbar normales Leben führt, in dem sie ihrer Schwiegermutter gefallen will, ist ihr Mann Francis in den späten 1980ern für die IRA unterwegs. An verschiedenen Orten kann es sein, dass er sich mit einem Team zusammenfindet, um Anschläge vornehmlich auf englische Soldaten zu verüben. Dabei läuft nicht immer alles glatt und gerade, wenn es die falschen trifft, beginnt auch Francis zu überlegen, ob dieser bewaffnete Kampf noch zeitgemäß ist. Seine Frau, der schon klar ist, was ihr Mann so treibt, kommt ins Überlegen über den Sinn. Wäre es nicht doch besser, nicht mehr wie unter einer Dunstglocke aus Misstrauen, Geheimhaltung und möglichem Verrat leben zu müssen? 

Der Konflikt um und in Nordirland ist seit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens etwas in Vergessenheit geraten. Mit diesem Buch erinnert der Autor an die Vorkommnisse hauptsächlich in den Jahren bevor die Vereinbarung abgeschlossen wurde. Die eher in ärmlichen Verhältnissen lebenden Katholiken, die ihren gerechten Anteil von der privilegierten Minderheit der Protestanten per Terror einklagen. Der Konflikt im Rahmen der englisch-irischen Geschichte ist für einen Festlandeuropäer, der immer im Frieden gelebt hat nur schwer nachzuvollziehen. Ein wenig hilfreich ist hier das Nachwort des Autors, das allerdings auch einen guten Anreiz bietet auf eigene Faust weiter zu forschen. Nicht zu unterschätzen ist wahrscheinlich auch der Hinweis von Nicolas Searle, die Erfolge des Abkommens könnten durch den Brexit bedroht sein. Zwar kann man überhaupt nicht sicher sein, ob man es selbst besser gemacht hätte, manchmal fragt man sich aber dennoch, wer da mit welchen Gedanken über was wie abgestimmt hat. Nun, es gilt für die Politik, eine Lösung zu finden.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Buch in Deutschland gerade im richtigen Moment. Auch wenn zunächst in relativ trockenen und unberührten Worten geschildert wird, wie Bridget und Francis ihre Ehe erleben, wird doch recht bald deutlich, dass beide auf ihre eigene Art mit ihrer Verbindung zur IRA hadern. Als Ehefrau ist Bridget nicht direkt betroffen, dennoch sorgt sie sich hinter ihrer glatten Fassade des nicht Wissens. Auch Francis kommen nach verunglückten Aktionen Bedenken an der Rechtmäßigkeit des Kampfes. Etwas woran er als kleiner Befehlsempfänger eigentlich nicht zweifeln darf. Doch über dieses Thema herrscht Schweigen zwischen den Eheleuten. Wo sich also ein Ausweg bieten könnte, sehen sie nur die Möglichkeit des Stillhaltens, des weiter so, um nicht aufzufallen. Seltsam still sind sie in diesem Buch, vieles wird nur angedeutet, wenig deutlich ausgesprochen. Und auch die mitwirkenden Briten scheinen immer auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Doch wie eigenartig wird die Situation erst, wenn der Kampf durch das Abkommen beendet wird und alles, um das man bisher herum geschwiegen hat, auf einmal nicht mehr gefragt ist.

Ein eindringlicher Roman, der einige Details der näheren irischen Geschichte aufzeigt und der die Besorgnis weckt, wie sich die Dinge nach dem Brexit entwickeln werden.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Verrat von Nicholas Searle
ISBN: 978-3-463-40692-3



Und hier geht es zur Buchseite des Rowohlt-Verlages

Mittwoch, 28. März 2018

Ludwigdrama


Der Franz Eberhofer ist wieder unterwegs. Im Wald wurde eine Tote gefunden, die wie sich schnell herausstellt beim Simmerl zur Miete gewohnt hat. Etwas pikant dabei ist, dass die Verstorbene zu Lebzeiten mit ihrem Körper im Internet Geld verdient hat. Ihre Kundenliste umfasst beinahe halb Niederkaltenkirchen und das macht das Ermitteln recht schwierig. Ist schon blöd, wenn man etliche der potentiellen Verdächtigen persönlich kennt. Auch im Privatleben hat es der Eberhofer nicht leicht. Der Bau des Doppelhauses, dass die Susi mit dem Leopold zusammen beauftragt hat, schreitet unaufhaltsam voran. Ein Doppelhaus, in das der Franz eigentlich überhaupt nicht einziehen will.

Zum neunten Mal erleben wir, wie der Franz Eberhofer einen Fall umschleicht und umstolpert, wie er seine Trägheit durch blitzgescheite Ideen zu kaschieren vermag. Seine Spaziergänge mit Ludwig, der nun auch schon in die Jahre gekommen ist. Seine Sorge um das Paulchen, das häufiger mal in die Kita muss. Seine Lieblingssusi, die doch so ganz andere Vorstellungen vom Zusammenleben hat, die dennoch seine Lieblingssusi bleibt. Nicht zu vergessen der liebenswert schrullige Rest der Familie. Von den vielen privaten Gedanken abgelenkt, ergeben sich die Fortschritte in dem Mordfall eher zufällig und immer spielt die Sorge mit, einer seiner engeren Bekannten könnte der Täter sein. 

Eberhofer bleibt sich selbst treu, manchmal etwas nervig, etwas stoisch, aber doch immer wieder herzig und ein treuer Freund. Fest verwurzelt in seiner Heimat steht er grantelnd seinen Mann. Man möchte ihn nicht mehr missen. Mit ihm in der bayrischen Provinz. Man fühlt sich versucht, sich aufzumachen, um Land und Leute kennen zu lernen. Obwoh man in neuerer Zeit bei dem Namen Christian Tramitz geneigt ist an eine Krimiserie zu denken, führt als Sprecher einen so gekonnt in die Welt des Franz Eberhofer, dass das Hören ein Genuss ist. Auch in den etwas ernsteren Momenten überzeugt Christian Tramitz mit viel Empathie. Auch wenn einem die Bilder vom Franz und vom Hubsi manchmal im Kopf durcheinander geraten, handelt es sich um ein hervorragend vorgetragenes Hörbuch um einen unserer liebsten Ermittler.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Kaiserschmarrndrama von Rita Falk
ISBN: 978-3-74240-452-7


Sonntag, 25. März 2018

Rockstars


Nach einer etwas turbulenten Jugend unter anderem in einer Rockband ist Ray in der Welt der Erwachsenen angekommen. Er ist nun Englischlehrer mit Frau, Kind, Haus und Hypothek. Kann das alles gewesen sein? Auch wenn sich die Band damals im Unfrieden getrennt hat, vielleicht könnte man es nochmal versuchen. Doch sein alter Kumpel Simon ist vor drei Jahren bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Die von ihren Kollegen gerne unterschätzte Polizistin Angelique de Xavia hat ihren großen Fall, sie wird auf den Terroristen angesetzt, der nie erwischt wurde, Black Spirit nennt er sich. 

Schon zu Beginn der Lektüre fallen einige Begriffe und Formulierungen auf, die die Überlegung anstoßen, wann das Buch geschrieben wurde. Ein Blick ins Impressum ist da hilfreich, der Roman wurde im Original bereits im Jahr 2001 veröffentlicht, weitere Nachforschungen ergeben zwar Januar 2001, aber soweit ist man zu beginn noch nicht. Bei dieser Jahreszahl fallen einem aus heutiger Sicht dann natürlich sofort die schrecklichen Ereignisse des 9/11 ein. Sollte der Autor also fast prophetische Worte gefunden haben? Es überläuft einen kalt. Doch ein Blick auf die Autorenseite schafft Aufklärung. Bei Schreiben, das wohl vor dem Attentat stattgefunden hat, hat der Autor an Jugendfreundschaft, Rockmusik und die Anfänge der Computerspiele gedacht. Das erleichtert zwar, wirkt aber doch etwas prosaisch. 

Man findet sich wieder in der Welt der Musik der 1980ger, man hatte diese oder jene Band zu mögen, gerne von einem Indie-Label. Man hielt sich gepflegt zurück, wenn man eine Vorliebe für den Mainstream hatte, oder stritt es gleich empört ab. Computer waren etwas Fremdes, was eher die anderen hatten. Aber eine Band, ja, das wäre was gewesen. Auch die Freundschaft zwischen Simon und Ray, die eigentlich keine ist, wird nachvollziehbar. Manchmal sind sie ein wenig ausschweifend die Erläuterungen und die Ausflüge in die Vergangenheit. Und immer wieder kommt einem die heutige Erfahrung, der allgegenwärtig stattfindende Terror in den Weg. So verliert gerade das an Bedeutung, was der Autor im Sinne hatte. Es bleibt eine bitterböse Satire über den kalten Terror der heutigen Zeit, über die Geltungssucht eines Einzelnen und als Silberstreif am Horizont eine coole Polizistin, ein ehemaliger Jugendlicher, der langsam aber sicher bei den Erwachsenen ankommt und zwei Jugendliche, die das gefährliche Abenteuer wagemutig annehmen.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Wer andern eine Bombe baut von Christopher Brookmyre
ISBN: 978-3-86971-163-8


Samstag, 24. März 2018

Die dreckigste Lache


hat Goethe, so meint jedenfalls Schiller, der mit seinem Freund nach Franckfurth gereist ist, um dessen Mutter zu besuchen. Unversehens geraten die beiden Dichter in einen geheimnisvolle Angelegenheit. Der Stadtrat ist verzweifelt, schließlich will man es sich nicht mit den Franzosen verderben, an die man eh schon zahlen muss. Käme der Verdacht auf, die Franckfurther seien an einer Verschwörung beteiligt, würde das die Stadt vollends wirtschaftlich ruinieren. Bereits zwei Mitglieder des Stadtrats sind unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen und nun sollen die beiden Dichter ihre detektivischen Fähigkeiten anstrengen, um das Geheimnis zu klären und Schlimmeres zu verhindern.

Zunächst sieht Schiller in der Ermittlung eine angelegentliche Möglichkeit seiner Schreibblockade entgegen zu wirken. Goethe dagegen hält es kaum in der Stadt. Diese Sichtweise ändert sich jedoch schnell nach einer Veranstaltung bei der jugendlichen Baronin, die kürzlich verwitwet ist. Alsbald hat Goethe einen Narren an ihr gefressen und sein Wunsch nach einer schnellen Abreise ist dahin. Schiller dagegen möchte, nachdem er festgestellt hat, dass ihnen möglicherweise Gefahr drohen könnte, schnellstens zurück zu seiner Familie. Und doch forschen die beiden Freunde weiter nach den Ursachen der ungewöhnlichen Aktivitäten, die sich in der Stadt entfalten.

Aus Sicht Schillers geschildert erleben Goethe und der Berichterstatter hier ihr zweites detektivisches Abenteuer. Der Sprache in Schillers Werken nachempfunden, die sich als durchaus modern und gut lesbar bezeichnen lässt, wirkt dieser Roman wie eine liebenswerte Erinnerung an den lange verstorbenen Dichter. Die Beschreibungen von Goethes Charakter und auch seinem Witz und Ideenreichtum sind dem hier berichtenden Schiller sehr gelungen. Besonders die Kabbeleien zwischen den Freunden wirken sehr authentisch und machen die Lektüre zum Vergnügen. Die Ermittlung wirkt dabei mehr wie eine Bühne, auf der die Freunde Goethe und Schiller ihre Fähigkeiten ins beste Licht rücken. Die Beschreibungen einiger Ereignisse sind dabei fesselnd und atemberaubend. Man mag den Fall vielleicht als etwas konstruiert empfinden, das freundliche Geplänkel zwischen den beiden großen Dichtern ist jedoch jede Leseminute wert, die man diesem Roman widmet.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Affäre Carambol von Stefan Lehnberg
ISBN: 978-3-608-11047-0



Freitag, 23. März 2018

Lieblich


Pippa Bolle bekommt das Angebot für den Imker Thilo Schwange, das Haus zu hüten. Eigentlich soll sie dabei seine Freundin Kati im Auge behalten, um die Thilo sich sorgt. Und so reist Pippa nach Lieblich ins schöne Rheingau. Doch so lieblich wie der Name klingt, ganz so lieblich geht es in Lieblich nicht zu. Im Gegenteil, zwei Parteien stehen sich beinahe verfeindet gegenüber. Die Einen wollen, dass die wunderbare Natur erhalten wird, die anderen wollen, dass der Fortschritt und damit auch das Geld Einzug halten in dem schönen kleinen Ort. Ob die dafür nötigen Versuchsfelder für den Weinanbau und alle weiteren Investitionen allerdings dazu beitragen würden, das Ortsbild zu verschönern, mag dahingestellt sein.

Ein Wiederlesen mit Pippa Bolle in ihrem siebten Auftritt. Mal wieder zieht es die Berlinerin in die Welt. Auch wenn es diesmal nicht ganz so weit in die Ferne geht, hat sie sich doch ein schönes Plätzchen ausgesucht. Eines der kleinsten Weinbaugebiete Deutschlands, aber vielleicht deshalb ein Kleinod. Doch Pippa wäre nicht Pippa, wenn sie nicht bald einem Rätsel auf die Spur käme. Vor nicht allzu langer Zeit ist einer der ersten Bürger des Ortes verstorben, auf einer Parkbank ist er erfroren. Auf dieser Parkbank haben ihn viele gesehen, doch keiner war zugegen als es passierte. 

Fast nur Gutes gibt es von Pippa Bolle zu berichten. Mit ihrer quirligen, freundlich-intelligenten Art begeistert sie und sie steht für entspannte spannende Lesestunden. Da liegt es eher am Leser, wenn diesem mal ein Setting mehr liegt als ein anderes. Vielleicht reist der Leser lieber ins Ausland oder er ist einer Whiskey-Geschichte eher zugeneigt als einer des Weines. Pippa aber bleibt Pippa, eine tolle Erfindung der Frau Auerbach, deren Aufträge zum Haus einhüten regelmäßig Überraschungen und packende Ereignisse bieten. Ihre Gewitztheit und ihr sympathisches Wesen lassen jede Begegnung zu einer Freude werden.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Tödlicher Bienenstich von Auerbach & Auerbach
ISBN: 978-3-8437-1641-3


Mittwoch, 21. März 2018

Isso Momente


Nina Gruber kehrt zurück nach Bielefeld. Ihre Mutter ist krank und bedarf ihrer Hilfe. In ihrem Beruf als Polizistin läuft es nicht so. Yasemin führt einen kleinen Kiosk für alles, man bekommt Tabak, Zeitschriften, Kaffee, Wolle und eine neue Frisur. Die Besitzerin des Hauses, Doro, hat ihr Haus seit 15 Jahren nicht verlassen und doch steht sie mit beiden Beinen fest im Leben. Als in einer Altpapiertonne eine Leiche gefunden wird, wollen die drei Frauen der Sache auf den Grund gehen. Yasemin kannte den Toten flüchtig und nie im Leben würde dieser an einer Überdosis sterben. 

Ja, die Bielefelder isso-Momente (es ist eben so) werden hier sehr ansprechend ausgekostet. Vielleicht muss man schon mal in Bielefeld oder der OWL-Umgebung (Ostwestfalen) gewesen sein, um das richtig genießen zu können. Aber wenn man nach den ersten paar Seiten merkt, dass man sich in dem Setting doch ganz gut auskennt und wenn vielleicht auch nicht alle dann doch etliche Andeutungen versteht, beginnt man zu schmunzeln. Yasemin ist eine selbstbewußte junge Frau, die es manchmal faustdick hinter den Ohren hat. Nina dagegen, scheint einiges zu verbergen. Weshalb übt sie ihren Job nicht aus, weshalb ist sie zu dem schnuckeligen Bullen eher abweisend? Und Doro, die zwar wegen ihrer Angst das Haus zu verlassen, körperlich eingeschränkt und dabei geistig doch ausgesprochen rege ist. Die Drei bilden ein tolles Team, dessen Mitglieder sich super ergänzen.

Spontan auf den Reader geladen, bietet dieser humorige Kriminalroman eine ausgesprochen positive Überraschung. Der ostwestfälische Lokalkolorit ist wunderbar eingefangen, man grinst sich einen weg, während man liest. Der Fall ist in einem Moment etwas vorhersehbar, aber dennoch interessant und nicht überfrachtet. Die drei Frauen vom Kiosk überstrahlen jedoch alles und man wünscht ihnen noch viele gemeinsame Erlebnisse, an denen die Autorin ihre Leser gerne teilhaben lassen kann. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Yasemins Kiosk von Christiane Antons
ISBN: 978-3-89425-740-8


Dienstag, 20. März 2018

Winterkinder


Im kalten Winter des Jahres 1947 liegt Dresden in Trümmern. Es herrscht Chaos und Hunger. Dennoch beginnt die Besatzungsmacht einen Verwaltungsdienst aufzubauen und Kommissar Max Heller hat bei der neu gegründeten Polizei eine Anstellung gefunden. Obwohl auch er vom Krieg gezeichnet ist und gemeinsam mit seiner Frau auf die Rückkehr des Sohnes wartet, macht er sich wieder an die Arbeit. Zunächst wird er an den Fundort einer Leiche gerufen. Leider handelt es sich um einen Fundort ohne Leiche, denn bei dieser handelte es sich um einen russischen Soldaten und dieser wurde vom russischen Militär abgeholt. 

Der Krieg ist vorbei, doch auch knapp zwei Jahre nach Kriegsende sind die Menschen niedergedrückt, ausgelaugt und müde. Der Winter ist hart, es gibt wenig zu essen und die Bewohner Dresdens sind schon froh, wenn sie ein halbwegs sicheres Dach über dem Kopf haben. Doch es beginnt schon, dass Beziehungen aufgebaut werden, dass Leute, die sich korrumpieren, bevorteilt werden bei der Vergabe von Posten oder Nahrungsmitteln. Die alten Fratzen machen es sich in den neuen Sesseln bequem. Kommissar Max Heller macht da nicht mit, er war nie in einer Partei und will auch in keiner Partei sein. Bei der Vergabe der Stelle hat ihm diese Einstellung geholfen, seine Karriere befördern wird es nicht. Manchmal zweifelt er, gerade wenn er und seine Frau kaum etwas zu beißen haben oder das Feuerholz knapp wird. Die Ermittlung geriete vor diesen schwierigen Lebensumständen beinahe in den Hintergrund, wenn Max in Ausübung seiner Tätigkeit nicht so gewissenhaft wäre.

Mitreißend schildert der Autor Frank Goldammer die schweren Zeiten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, man kann sich gut hineinversetzen in die Menschen, die frieren, die hungern, die nicht wissen, wie sie sich und ihre Familien durchbringen sollen. Man ärgert sich über diese Kriegsgewinnler, die doch irgendwie immer auf die Füße fallen. Muss man nicht an dem System verzweifeln, gerade wenn der Eindruck entsteht, dass ein System fast nahtlos in ein anderes übergeht? Wenn Strukturen zwar unter anderen Voraussetzungen aber dennoch einfach weiter genutzt werden? Anhand seines ersten Kriminalfalls als Mitarbeiter der neuen Behörde begegnet Max Heller mehr Leid und Elend als man normalerweise ertragen kann. Trotzdem versucht er Gerechtigkeit walten zu lassen und dem komplexen Fall die richtige Lösung abzuringen.

Ein packender Kriminalroman, der die Nachkriegszeit in Dresden plastisch abbildet.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Tausend Teufel von Frank Goldammer
ISBN: 978-3-423-43262-7


Sonntag, 18. März 2018

Die gebleichte Leiche


Bennie Griessel will den großen Schritt wagen und seiner Freundin einen Heiratsantrag machen. Auf einen neuen Fall ist er eigentlich nicht scharf, lieber möchte er den Verlobungsring kaufen. Dann wird jedoch eine weibliche Leiche am Sir Lowry´s Pass gefunden. Der zunächst dafür eingeteilte Polizist vermag die Ermittlungen nicht so richtig voranzustreiben und schon sind die wichtigen ersten drei Tage vergangen. Griessel und sein Partner Cupido übernehmen die Untersuchung. Nach der Veröffentlichung eines Fotos macht die Identifikation der Toten große Fortschritte. Ein Hotelangestellter ist sich sicher, die Tote als Hotelgast erkannt zu haben. 

Weshalb dieser  sechste Fall mit dem südafrikanischen Ermittler Bennie Griessel etwas kurz geraten scheint, erklärt Deon Meyer selbst in einer Nachbemerkung. Obwohl der Roman schlüssig und logisch aufgebaut ist, hat man dennoch ein wenig das Gefühl, dass etwas fehlt. Aber dennoch verzeiht man die notwendigen Straffungen schnell. Neben einigen humorvollen Episoden in Bezug auf Bennies sportliche Fähigkeiten oder auch die Orte, an denen man am besten einen Ring erstehen kann, geht es hauptsächlich und konzentriert um den Fall. Nach der kaum noch erhofften Identifikation der Toten ergeben sich erstaunliche und unerwartete Ermittlungsansätze, die Bennie und Cupido geschickt einordnen.

Fast zwangsläufig muss es manchmal ein wenig schnell gehen, davon abgesehen überzeugt Bennie Griessel wie üblich. Deon Meyer hat mit ihm einfach eine stimmige Persönlichkeit geschaffen, die Höhe und Tiefen hat so wie im richtigen Leben. Man möchte ihm gönnen, dass die Hochphasen möglichst lange anhalten. Konsequent geht Griessel allen Hinweisen nach und sucht nach Täter und Motiv. Was sich dabei auftut ist überraschend und als Kniff zu dem oben gegebenen Hinweis zur Kürze dieses Romans wohl verständlich und gut nachvollziehbar. Aus in gewisser Weise einschränkenden Rahmenbedingungen lässt der Autor einen gleichzeitig einfachen aber auch interessanten Fall erstehen, der die Person des Bennie Griessel nochmal in einem neuen Licht zeigt und natürlich auch die Frage nach dem Täter sehr zufriedenstellend beantwortet.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Amerikanerin von Deon Meyer
ISBN: 978-3-8412-1475-1


Samstag, 17. März 2018

Leipzig 2018 - fast verpasst


Beinahe wäre es mir nicht geglückt, mich zur Buchmesse nach Leipzig auf den Weg zu machen. Von einem grippalen Infekt danieder geworfen, konnte ich erst am Donnerstag die Entscheidung treffen, ob es in diesem Jahr nach Leipzig gehen sollte.
Da es einige verlockende Angebote gab und ich auch einfach mal wieder raus wollte, um in die Welt der Bücher einzutauchen, habe ich kurzerhand am Donnerstag die Fahrkarte für Freitag gekauft. Und am Freitag morgen war auch noch alles in Ordnung. Um 5:07 bestieg ich den Zug, leicht grummelnd, denn im Vorjahr war die Zugverbindung wesentlich angenehmer. Auch wenn die Fahrzeit also etwas länger war, so klappte doch alles und auch ohne Verspätung. Pünktlich zur Öffnung der Tore war ich am Presseschalter, um mich zu akkreditieren. 
Weil ich nur relativ spontan entscheiden konnte, ob ich mich überhaupt auf den Weg mache, hatte ich lediglich zwei eher lockere Termine gemacht. Den Rest wollte ich auf mich zukommen lassen. Und gleich die Erste, die auf mich zukam war Elena von Elenas Zeilenzauber. Putzig auch im letzten Jahr hatten wir uns zu Beginn des Tages getroffen, ohne uns verabredet zu haben. Elena machte mich auf einen Verlag und einen netten Autor aufmerksam, den ich gerne kennenlernen wollte. 

Inzwischen war die Zeit für meinen eigentlichen Termin herangenaht. Der Rowohlt Verlag hatte zu einer kleinen Bloggerveranstaltung mit Horst Eckert eingeladen. Horst Eckert steht für intelligente politische Krimis und Thriller und fällt damit genau in mein „Beuteschema“. Schön bei dieser Veranstaltung war es, einige Bloggerkolleginnen zu treffen, deren Nahmen und Blogs mir bereits bekannt waren und denen ich nun auch mal Gesichter und Stimmen zuordnen konnte. Der Autor nahm sich viel Zeit für uns. Er berichtete vom Prozess der Entstehung seines neuesten Buches „Der Preis des Todes“, welches ich bereits im Vorfeld der Messe förmlich verschlungen hatte. Hier noch einiges an Hintergrundwissen zu bekommen, füllte die Lektüre mit noch mehr Leben. Der Autor, der selbst als Journalist tätig war, erzählte von seinen Recherchen und dem Schaffensprozess. Zum ersten Mal hat er als Protagonistin die Journalistin Sarah Wolf eingeführt. Bei seinen anderen Büchern wird die Ermittlungsarbeit von Polizisten übernommen. Gedacht ist der Auftritt von Sarah Wolf als Standalone, aber man weiß ja nie. Mich persönlich würde gewiss interessieren wie es mit Sarahs beruflicher Laufbahn und mit ihrem Privatleben weitergeht. Besonders die Sache mit dem investigativen Journalismus fesselte mich sehr. Und natürlich arbeitet der Autor schon an seinem nächsten Buch. Dazu nutzt er auch die Zugfahrten, bereits 40 Seiten des nächsten Romans sind schon geschrieben. Eine tolle Veranstaltung mit einem herausragenden Autor, der sich für die Blogger sehr viel Zeit genommen hat und einen regen Austausch zuließ. Vielen Dank an den Rowohlt Verlag, der dieses beeindruckende Erlebnis möglich gemacht hat. 
Es folgte noch ein reges Gespräch unter Bloggerinnen mit interessanten Ansätzen und Informationen. Auch Visitenkarten wurden ausgetauscht. 

Nach diesem wunderbaren Einblick wollte ich mir eine kleine Mittagspause gönnen. Auf der Suche nach einem schönen Plätzchen
kam ich bei dtv vorbei und sah den Autor Frank Goldammer, dessen neues Buch „Tausend Teufel“ ich gerade lese. Dieses Buch spielt kurz nach dem zweiten Weltkrieg in Dresden und dieser zweite Teil gefällt mir besser als der erste Teil. Der Autor merkte an, der dritte Teil sei schon angekündigt. Allerdings könne nicht der geplante Titel verwendet werden, da sei gerade ein Buch erschienen. (Die Vergessenen von Ellen Sandberg). Und so warte ich auf ein Buch mit einem leicht abgewandelten Titel und bin gespannt wie es Kommissar Heller weiter ergehen wird. So ungeplante Ereignisse geben so einem Messebesuch noch eine zusätzliche Würze. Die anvisierte Pause sollte dann im Rahmen einer Lesung der sympathischen Elisabeth Herrmann stattfinden, die ihren neuen Jugendthriller „Zartbittertod“ vorstellte. So ganz auf die Lesung konnte ich mich dann nicht konzentrieren, denn ich traf meine Bloggerkollegin Barbara, mit der ich mich schon ein paar Mal in Hannover getroffen hatte, was aber aus Zeitmangel eine Weile nicht mehr geklappt hatte. Und so
brachten wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand und die Autorin möge mir verzeihen, dass ich nicht so ganz aufmerksam gelauscht habe. Ihren Büchern für ältere Leser und deren Verfilmungen habe ich mit Begeisterung schon viel Zeit gewidmet.

Auf dem Weg zu meinem zweiten Termin suchte ich den mir von Elena empfohlenen Machandel Verlag auf und führte ein interessantes Gespräch mit Sascha Raubal über seinen Protagonisten Kurt, dessen Auftritt in der ein oder anderen Leseprobe ich mir sicher zu Gemüte führen werde. Mal schauen, vielleicht wird ja mehr draus. Wie ich inzwischen herausgefunden habe, ist mehr zu den Büchern auf der web.site des Autors zu finden, damit werde ich mich noch etwas eingehender beschäftigen.
Und dann ging es wieder mal durch die Glashalle, die einen Blick auf das Wetter eröffnete, das sich nicht als so erfreulich darstellte. Wie angesagt hatte es tatsächlich angefangen zu schneien. Musste das sein? Wenn ich ans letzte Jahr denke, wo es so schön frühlingshaft war, diese Kälte braucht doch Mitte März kein Mensch. Flugs wieder in die nächste Halle gestiefelt, flanierte ich über einige Stationen des Schauens und Staunens zum Stand von Benevento. Dorthin hatte Sebastian Rothfuss eingeladen, der bei dem Verlag als Communication Specialist auch die Blogger betreut. Zwar liegt mir  als Krimi-, Thriller- und Belletristik-Leserin das Verlagsprogramm, in dem bisher nur wenige Romane verlegt wurden, nicht so hundertprozentig, aber dennoch sind ein paar interessante Veröffentlichungen in Planung oder schon erschienen. Auch ein Krimi ist im Angebot. Mit Sebastin Rothfuss konnte ich mich ein wenig über alte Zeiten austauschen und einen Ausblick bekommen, was die neuen Zeiten bringen werden. Einen Red Bull habe ich zwar nicht getrunken, aber dennoch bekam ich ein paar Flügel. Ich glaube, dieser Verlag wird noch einen viel größeren Bekanntheitsgrad erreichen. 
Nach diesem spannenden Treffen ging es zurück in die Glashalle, wo die großen TV-Sender ihre Veranstaltungen durchführen, bei denen es interessante oder auch beklemmende Themen zu erlauschen gab. Wegen des schlechten Wetters etwas früher als geplant begab ich mich dann zur S-Bahn Richtung Halle. Ein Ort, der dann auch problemlos erreicht wurde. Auch der ICE Richtung Hannover fuhr pünktlich ab. Ich sage das mal so, denn da war ich noch fröhlich. Bis kurz hinter Halle als der Zug recht langsam wurde und dann zum Stehen kam. Wegen einer Störung welcher Form auch immer, es schneite schließlich seit dem Mittag, mussten wir eine Umleitung nehmen, was in Magdeburg zu einer 90minütigen Verspätung führte. In Braunschweig viel der Zug wegen Problemen mit der Türöffnung dann ganz aus und ich machte drei Kreuze, dass ich dann in eine Regionalbahn einsteigen konnte, die mich nach hause brachte. Erst nach 24:00 war ich daheim. Ein spannender langer Tag, der auch anstrengend war, aber mir mal wieder tolle Erlebnisse und Begegnungen beschert hatte. Und wenn ich mir die Meldungen über die Störungen bei der Bahn heute so anschaue, kann ich sagen, da habe ich noch Glück gehabt.
Und wenn die Gesundheit und was auch immer noch für Umstände mitspielen können, soweit es möglich ist: Ich bin nächstes Jahr wieder dabei.





Donnerstag, 15. März 2018

Rosa Motorroller


Es beginnt damit, dass der berühmte Autor sein neuestes und lang erwartetes Werk beim Verlag abgibt. Der Verleger und die Lektorin Susan Ryeland bekommen jeweils ein Exemplar. Gespannt startet Susan mit der Lektüre. Diese beginnt damit, dass die Haushälterin Mary Blakiston bestattet wird. Sie ist während ihrer Tätigkeit als Betreuerin von Pye Hall, die auch das Putzen umfasst, die große Treppe heruntergestürzt und dabei tödlich verletzt worden. Offensichtlich ein Unfall, doch schon geht das Gerede los, weil sich die Verstorbene gerade mit ihrem Sohn gestritten hat. Der Detektiv Atticus Pünd übernimmt die Ermittlungen allerdings erst als auch der Herr von Pye Hall zu Tode kommt, denn dieser stirbt eindeutig eines nicht natürlichen Todes.

Ein Buch im Buch, zwar ist die Idee nicht neu, doch so häufig eingesetzt wird dieses Stilmittel nicht und so wirkt es immer recht frisch, wenn es zur Anwendung kommt. Die Lektorin und auch der Leser werden zunächst ein wenig gelockt damit, dass bei dem Buch, dass dem Verlag vorgelegt wird, die letzten Kapitel fehlen. Was soll das denn? Ein Krimi ohne Schluss, ein Mord ohne Mörder? Wo bleibt die Auflösung, der Showdown mit dem genial findigen Atticus Pünd? Natürlich macht sich Susan auf die Suche nach dem restlichen Manuskript. Allzu leicht gemacht bekommt sie es nicht, denn das nächste, was sie erfahren muss, der berühmte Autor ist bei einem Sturz umgekommen. Susan begibt sich also an den Wohnort des Schriftstellers und sie beginnt mit detektivischem Geschick, die Bewohner zu befragen.

Zu Beginn mag es einem so vorkommen, dass dem Buch im Buch recht viel Platz zugedacht wurde. Doch wenn sich nach der Lektüre alles gefügt hat, erscheint doch alles passendend und angemessen zusammengefügt. Während die Handlung um den Verlag in der Gegenwart angesiedelt ist, entführt uns das unvollständige Manuskript in das Jahr 1955, in dem die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges noch deutlich zu spüren sind, das Leben in dem kleinen Örtchen noch sehr beschaulich ist, der herannahende Aufbruch aber schon erste Anzeichen schickt. Tatsächlich ähnelt die Herangehensweise von Susan Ryeland ein wenig derer ihres Vorbilds Atticus Pünd. Mit großer Gewissenhaftigkeit geht sie den einzelnen Spuren nach, fügt Aussagen zusammen oder nimmt sie auseinander. Zu jeder Zeit fühlt sich der Leser dabei mitgenommen und er befindet sich sehr eng am Geschehen. Dieser klassische und sehr britisch wirkende Kriminalroman, bei dem es sich eigentlich um zwei Krimis handelt, vermag bestens zu unterhalten und zu überzeugen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Morde von Pye Hall von Anthony Horowitz
ISBN: 978-3-458-17738-8

Mittwoch, 14. März 2018

Mardi Gras


Ein Mörder geht um in New Orleans. Axeman wird er genannt, weil er seine Opfer mit einer Axt verstümmelt, die er am Tatort liegen lässt. Die Bevölkerung ist in Angst und Schrecken und langsam werden die Menschen auch unruhig, da die Polizei offensichtlich nicht in der Lage ist dem Täter das Handwerk zu legen. Ob das so stimmt, kann nicht gesagt werden. Auf jeden Fall wird von verschiedenen Seiten fieberhaft ermittelt. Natürlich auch durch die Polizeibeamten vornehmlich Michael Talbot, doch auch eine Bearbeiterin der Pinkerton-Detektei begibt sich an eigene Nachforschungen. Und nicht zuletzt der wegen Korruption verurteilte ehemalige Polizist Luca D’Andrea. 

Tatsächlich begangen wurden die beschriebenen Mordfälle im Jahr 1919, bis ins letzte Detail gelöst wurde der Fall nie. Daraus ergibt sich ein hervorragender Ausgangspunkt für dieses Phantasieprodukt des Autors Ray Celestin, der hiermit sein Debüt vorlegt. Aus verschiedenen Positionen umkreisen seine handelnden Personen den Fall, der kaum lösbar erscheint, ist doch der Täter bestens informiert und sehr gewieft darin, keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen. Auch die Opfer bieten zunächst kaum einen Ansatz für die Ermittler, da tun sich keine Zusammenhänge auf. Doch so unterschiedlich die Ermittler sind, so hartnäckig sind sie auch und nach und nach entsteht aus den vorhandenen Spuren ein Bild.

New Orleans, The Big Easy, kurz nach dem ersten Weltkrieg, der auch dort seine Opfer gefordert hat, eine Stadt der Sünde, des Feierns und des Mardi Gras. Kurz vor Beginn der Prohibition geht es noch einmal hoch her. Allerdings ist man in den Vergnügungsvierteln bereits dabei, sich auf das kommende Alkoholverbot einzustellen. Vor diesem Hintergrund und dem, was über die tatsächlichen Axtmorde bekannt ist, hat der Autor in seinem Erstlingswerk einen spannenden Kriminalfall beschrieben. Mit den wahren Fakten als Rahmen hat er seine Phantasie spielen lassen und drei verschiedene Hauptpersonen mit den Ermittlungen beauftragt. Alle drei haben unterschiedliche Herangehensweisen und erzielen unterschiedliche Ergebnisse, die allerdings ein Gesamtbild ergeben, so dass man mit diesem Roman eine stimmige Lösung erhält. Ein wenig fraglich ist, ob diese unterschiedlichen Ansätze, die kaum eine Bündelung erfahren, nicht etwas zu viel des Guten sind. Viel Sympathie wird allerdings durch das Spiel mit bekannten Namen geweckt und auch die Beschreibung des pulsierenden Lebens in New Orleans kurz vor Beginn der Prohibition ist ausgesprochen anschaulich. 

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Höllenjazz von New Orleans von Ray Celestin
ISBN: 978-3-492-99003-5



Dienstag, 13. März 2018

Themsewasser


Noch hat Lacey Flint ihre Erlebnisse aus dem letzten Fall nicht überwunden, noch ist sie dienstunfähig. Doch sie kann nicht wegschauen als in der Nähe der Themse die Leichen von mehreren Jungen auftauchen. Den Kindern wurde die Kehle durchgeschnitten und sie verbluteten. Der 11jährige Barney hat etwas beobachtet, er ist ein sehr guter Beobachter, eigentlich sucht er nach seiner Mutter, die seit er ein Kleinkind war verschwunden ist. Und nun versucht er nicht nur herauszufinden, was mit der Mutter geschah, er will auch den nächsten Jungen retten, der in die Fänge des Täters gelangen könnte.

Barney wohnt in Laceys Nachbarschaft, sie pflegen eine lockere Bekanntschaft. Wenn Lacey laufen geht, sehen sie sich manchmal. Ihre Häuser haben sie gegenseitig im Blick. Zunächst möchte sich Lacey ihrer Genesung widmen, obwohl sie ihrer Psychologin nicht richtig vertraut. Insgeheim möchte sie den Polizeidienst verlassen, sie befürchtet wegen ihrer Vergangenheit, die keiner so richtig kennt, immer wieder anzuecken. Aber wenn es um Kinder geht, kann sie nicht einfach wegsehen. Vielleicht ist Barney in Gefahr, Lacey muss einfach herausfinden, was und wer hinter den Taten steckt.

Lacey ermittelt, Barney ermittelt und die Polizei ermittelt. Daraus ergibt sich eine sehr spannende Konstellation, in der der Leser mehr weiß als jeder einzelne Ermittler und doch im Dunkeln tappt. Man wünscht sich, dass Lacey sich so langsam ihrer Vergangenheit stellt und einen festen Platz bei der Polizei oder einem anderen Arbeitgeber findet und auch in Joesburys Leben. Von diesem ist einiges über seinen privaten Hintergrund zu erfahren. Danas Misstrauen gegenüber Lacey erscheint durchaus übertrieben. Barney, dieser tapfere Junge erweckt viel Sympathie, wie schwer ist es ohne Mutter aufzuwachsen und wie einfallsreich geht er vor, wenn er versucht, den Täter finden. Zwar kann man nicht jeden Gedanken nachvollziehen, der in den Köpfen der handelnden Personen steckt, doch tritt dies zurück hinter einem packenden Thriller, der es wirklich in sich hat.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ihr Blut so rein von Sharon Bolton
ISBN: 978-3-442-48352-5



Sonntag, 11. März 2018

Einfall


Über dem Café Einfall ist eine Wohnung frei. Frank Lehmann zieht mit Chrissie, der Nichte des Café-Besitzers, und den beiden Künstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in diese WG-Wohnung. Man schreibt das Jahr 1980 zur Zeit der Aktionskünstler und Hausbesetzungen in Westberlin. Im Café übernimmt Frank das Putzen. Und Chrissie quengelt solange nach einen Job, bis sie die Frühschicht übernehmen darf. Derweil übernimmt ein neugieriger Nachbar das Renovieren der Wohnung. Und die Künstler erstellen Kunstwerke. 

Vielleicht muss man die 1980er inklusive einer Fahrt nach Westberlin erlebt haben, um sich in dieser schrägen Romankomödie wohl zu fühlen. Beim Lesen der Dialoge fühlt man sich in die alten Zeiten zurückversetzt. Mit großen Augen bestaunte man die große Stadt mit ihrer Subkultur, die wie eine Insel in einem ganz fremden Land lag. Keine Wehrpflicht, Berlinförderung und tosendes Leben in urigen Biergärten und auf den Straßen. Mit jedem „Ist schon offen?“ schmunzelt man erneut, mit jedem frech-aggressiven Spruch von Chrissie grinst man über die Berliner Schnauze, die nicht nur von Berlinern gesprochen wird. Auch die urigen Kunstwerke oder Kunstaktionen vermögen zu überzeugen. Würde da nicht immer mal der neue Kontaktbeamte des Kiez dazwischenfunken.

Wie eine Momentaufnahme wirkt die Erzählung. Für ein paar Handlungstage kann man ins Westberlin des Jahres 1980 eintauchen und den Witz des Autors genießen. Wenn man die Welt des Frank Lehmann mag und aus den früheren Romanen kennt, wird man sich über die Wiederbegegnung mit den bekannten komischen Helden freuen und an diesem Ausschnitt aus ihrem Leben gerne teilhaben. Fast wie eine Milieustudie in nicht ganz so ferne Zeiten schlägt Sven Regener eine Brücke in die Erinnerung. Im Geiste hört man den Tonfall, sieht man sie agieren und amüsiert sich über die skurrilen Ideen. Es lebe der Punk, es lebe Berlin und es lebe Frank Lehmann.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wiener Straße von Sven Regener
ISBN: 978-3-86971-136-2


Freitag, 9. März 2018

Eishockey


Kevin ist der beste Spieler der ersten Mannschaft. Das Team steht zusammen, in allen Lagen. Sie trainieren gemeinsam, sie fahren gemeinsam zum Spiel, sie treffen sich zu Partys und sie stehen füreinander ein. Was könnte es also Besseres geben? Die Mannschaft ist die beste, die Björnstadt jemals hatte, sie könnten sogar die Meisterschaft gewinnen. Was aber, wenn einer aus der Reihe tanzt? Wenn einer sich nicht so ehrenvoll verhält, wie es die Mannschaft verdient hätte. Was, wenn dieser aber den dicksten Sponsor hinter sich weiß? Wird die Mannschaft weiterhin zusammenstehen? Werden sich Fronten auftun?

Eine ganze Stadt wird vom Eishockey und der Mannschaft bestimmt. Die Sportnachrichten sind die wichtigsten des Tages. Das Spiel wird diskutiert, es werden Daumen gehalten, und natürlich ist der Sohn jedes einzelnen der beste Spieler und ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Die Eltern leiden mit ihren Kindern in Niederlagen und die Erfolge der Jungen sind natürlich auch die der Eltern. Die Mannschaft besteht nicht nur aus der Mannschaft, sondern auch aus allen drumherum. Unendlich schwer ist es, dieses feste Gefüge aufzubrechen und frischen Wind in die Mannschaft zu integrieren. Durch ein dramatisches Ereignis geht das Gleichgewicht der Mannschaft und des ganzen Ortes verloren.

Um dieses Buch zu mögen, ist es schon ratsam, ein wenig über Mannschaftssporten und speziell den Eishockeysport zu wissen. Gerade nach dem erfolgreichen Auftritt der Nationalmannschaft bei den olympischen Spielen passt das Buch genau in die Zeit. Die fein austarierten Strömungen innerhalb der Mannschaft und des kleinen eher unbedeutenden Ortes Björnstadt geben dem Leser die Möglichkeit, sich ausführlich mit dem Sport und den involvierten Personen zu beschäftigen. Doch hin und wieder kann es geschehen, dass einem eine Thematik, die ein Autor wählt, in dessen weitere Bücher man mit Freude und wachsender Spannung eingetaucht ist, einen nicht so sehr interessiert. Was da am Beispiel des Eishockeys erläutert wird, ist eine ziemlich fiese Story über die Machenschaften derer, die vermeintlich die Fäden in der Hand halten. Allerdings dauert es recht lange, bis die Handlung auf den Punkt gebracht wird und bis es soweit ist, muss man den Teil überstehen, der einem ein gewisses Interesse an dem Sport abverlangt. Leider wird nicht jeder Leser dieses Interesse aufbringen können.


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Kleine Stadt der großen Träume von Fredrik Backman
ISBN: 978-3-10-490500-6


Mittwoch, 7. März 2018

Polittalk


Immer wieder wagt es Sarah Wolf in ihrer Talk Show brisante Themen anzupacken. Meist gelingt es ihr, hochkarätige Gäste einzuladen. Doch wie jedes Jahr im Herbst wird Bilanz gezogen und der Folgevertrag ausgehandelt. Noch ist nichts beschlossen. Doch immerhin hat Sarah eine Einladung zum ARD Hauptstadtreff. Dort trifft sie den Bundestagsabgeordneten Christian Wagner, mit dem sie mehr verbindet als nur eine lose Bekanntschaft. Wenn es läuft, läuft es, oder hat der Programmchef sie etwas unterkühlt behandelt? Inzwischen wird in Düsseldorf die Leiche einer als vermisst gemeldeten jungen Frau gefunden. Und bald darauf muss Sarah den Tod von Christian Wagner verkraften.

Als Freundin des Opfers gerät Sarah Wagner näher an die Ermittlungen heran als gewünscht. Aber hat Christian einen Grund gehabt, sich umzubringen. Sarah beginnt nachzuforschen und stößt tatsächlich auf eine Spur nach Afrika. Gleichzeitig muss sie professionell bleiben und ihre Show durchziehen. Freie Themenwahl, präzise Hintergrundrecherche, neutraler Journalismus, der manchmal polarisieren soll. Doch über allem steht die Quote. Mit ihrer neuesten Sendung allerdings ist sie bei den Senderchefs und in der Politik angeeckt, obwohl sie das Publikum und die Fernsehzuschauer fesseln konnte. Mit dem Ermittlungen zum Todesfall der jungen Frau geht es zunächst schleppend voran, obwohl der Ermittler der Vermisstenstelle schnell ahnt, dass es sich bei der Toten um Johanna Kling handeln könnte, die von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurde. 

Sie stehen einem beinahe alle vor Augen, die Talk Shows, die es wöchentlich zu mittelspäter Stunde zu sehen gibt. Themen, Politiker,Talkmaster - alle streben danach klare Kante zu zeigen und doch im besten Licht dazustehen. Welche Fäden da im Hintergrund gezogen werden und wie viel Freiheit die Journalisten bei ihren Nachfragen haben, bedenkt man oft nicht. Geht es zu hart her, besucht natürlich kein bekanntes Gesicht mehr eine solche Sendung. Doch der Publikumsmagneten bedarf es schon, sonst kuckt ja keiner. Garnicht so leicht, hier die Balance zu finden. Und wenn man bei aller Balance als Journalist noch auf ein wirklich brisantes Thema trifft, wie soll man die Gratwanderung bestehen. Sarah Wolf wechselt aus dem Bedürfnis heraus, die Hintergründe des Todes ihres Freundes ans Licht zu bringen, in den investigativen Journalismus. Wie ein Detektiv geht sie vor und hat keine Scheu ihre Kontakte zu nutzen. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die Polizei einen vordergründigen Aktionismus betreibt und nur das Offensichtliche feststellt. Soll da etwas im Verborgenen bleiben? Wie weit reicht der Arm von Industrie und Lobbyisten? In diesem fesselnden und mit treffenden Worten geschriebenen Politthriller scheint hinter jeder Seite eine neue Enthüllung zu lauern, die den Politikzirkus als solchen erkennen lässt und die die Skrupellosigkeit in gewissen Wirtschaftszweigen entlarvt. 

Die Bücher des Autors gehören wahrlich ins unbedingt lesen Regal.

5 Sterne

Der Preis des Todes von Horst Eckert
ISBN: 978-3-8052-0012-7

... und hier geht es zur Verlagsseite

https://www.rowohlt.de/hardcover/der-preis-des-todes.html

Montag, 5. März 2018

Der Auftrag


Eigentlich soll die Agentin Vicki Kahn in ihrem ersten Außeneinsatz nur eine junge Frau nach Südafrika zurückbringen. Der Auftrag gestaltet sich allerdings anders als erwartet. Zum einen erweist sich Linda als weniger kooperativ als angekündigt und zum anderen scheint sie entführt zu werden, bevor Vicki die Vereinbarungen zur Heimreise treffen kann. Ein Abstecher nach Berlin bringt Vicki einige wenige Informationen und so viel Gefahr, dass sie schnellstens nach Süd Afrika zurückkehren soll. Ihr Freund, der Privatdetektiv Fish Pescado, wird inzwischen von einem Anschlagopfer engagiert, um die Hintergründe der Gewalttat herauszufinden. 

In diesem Roman hat Vicki Kahn ihren zweiten Auftritt. Aus einigen Andeutungen kann man dies auch herauslesen, für das Verständnis des vorliegenden Bandes ist die Kenntnis des ersten nicht zwingend höchstens vielleicht wünschenswert. Während ihres ersten Auslandseinsatzes, der sie ins kalte Europa führt, hat Vicki einige unerwartet schwierige Situationen zu überstehen. Doch auch daheim in Südafrika geschieht so einiges, auf Oberst Kolingba aus einem anderen afrikanischen Land wird ein Attentat verübt. Er überlebt knapp, aber seine vierjährige Tochter stirbt. Die Mutter ist untröstlich und sie beauftragt Fish mit weiteren Ermittlungen. 

In diesem spannenden Roman, der seinen Titel tatsächlich zurecht trägt, ist nichts so wie es scheint. Geschehnisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, verbinden sich im Verlauf der Handlung zu einem Ganzen, das einen mal wieder den Glauben an den ehrbaren Politiker verlieren lässt. Präsident auf Lebenszeit, eine Position, die nicht so leicht zu erreichen und schon garnicht leicht zu erhalten ist. Ob das mit dem heutigen Südafrika etwas zu tun hat, kann nicht gesagt werden, zumindest hat es dort vor kurzem einen Wechsel in der Position gegeben, ohne dass das Leben des Vorgängers beendet war. Der in diesem Roman gewählte literarische Kniff führt dazu, dass Seilschaften aufgebaut und genutzt werden. Doch selbst untereinander scheinen die Seilschaften nicht immer zu wissen, wer in welches Lager gehört. Dem Leser wird folgerichtig einiges an Aufmerksamkeit abverlangt, um einigermaßen den Überblick zu behalten, wobei die im Klappentext erwähnten Kindesentführungen unter den verschiedenen politischen Graben- und Machtkämpfen, welche lediglich zum Wohl der Politiker geführt werden, fast zur Nebensache geraten. 

Ein verwickelter, aber nicht verworrener Politthriller, der einem jedwede Illusion über ein politisches System nimmt, das hoffentlich hauptsächlich fiktiv ist, auch wenn es möglicherweise Parallelen zur Realität gibt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Korrupt von Mike Nicol
ISBN: 978-3-442-71592-3




Sonntag, 4. März 2018

Niemals sterben


Schon als Kind beschließt Tyll Ulenspiegel, niemals zu sterben. Leicht einzuhalten ist sein Entschluss allerdings nicht. Sein Vater wird als Hexer gehängt und seine Mutter aus dem Dorf verbannt. Tyll flieht mit Nele, der Bäckerstochter in die weite Welt. Zunächst schließen sie sich einem Bänkelsänger an und dann dem Gaukler Pirmin, der sich allerdings als schlechter Begleiter erweist. Für eine Weile sind sie am nicht mehr vorhandenen Hof des entmachteten Königs von Böhmen und seiner englischen Gattin, der Königstochter Elizabeth. Und immer laviert sich Tyll durch, mit seinen Künsten und frechen Sprüchen. Und immer haut er im richtigen Moment ab.

Nach der Legende ist Tyll Ulenspiegel um 1300 geboren und  ungefähr fünfzig Jahre später doch gestorben. Sein Nachname kann zwar als Zusammensetzung aus Eule und Spiegel gedeutet werden, eine auch sehr treffende Deutung ist jedoch die das ulen so viel wie wischen bedeutet und mit Spiegel das Hinterteil von Reh und Hirsch bezeichnet wird, den Rest kann man sich dann selbst ausdenken. 

Diesen Tyl Ulenspiegel, für dessen Existenz es keinen wirklichen Beweis gibt, hat der Autor in die Zeit des dreißigjährigen Krieges versetzt. Und so treibt er seinen Schabernack in rauen Zeiten. Vielen Kindern ist es nicht vergönnt, erwachsen zu werden, auch Tyll ist ein eher schwächlicher Junge. Doch schon früh hat er Interesse am Balancieren und am Geben von Wiederworten. Das zieht sich durch sein Leben und Wirken. Manchmal erweist sich seine Art als hilfreich, manchmal auch eher nicht. Überall lauert Gefahr, der Krieg wütet über das Land. Es herrschen Armut und Hunger und das Land ist entvölkert. Für die Gaukler bleibt da kaum etwas übrig, nicht einmal an dem fahrenden Hof des entmachteten Königs von Böhmen, der auf seinem letzten Bittgang arg gedemütigt wird. 

Mit einem Kaleidoskop der Schelmereien des Tyl Ulenspiegel erfreut dieses neueste Werk von Daniel Kehlmann. In den dreißigjährigen Krieg hineingeschrieben nimmt er einen in die Kriegswirren mit und stellt die Härte und die Grausamkeit dieser Zeit ohne Zweifel klar. Deutliche Schilderungen sollten mahnen, dass ein Krieg wahrlich nichts Wünschenswertes ist. Mit großer Fabulierkunst erweckt Kehlmann seinen Tyll zum Leben, von dem dieser dann nicht mehr lassen will. Ein eher spilleriges Kerlchen, das die Weltgeschichte durchwandert, die sich in dem Moment dort abspielt, was man heute als Deutschland bezeichnet. Wie es seinem Namen entsprechen könnte, hält er uns einen Spiegel vor, wie schnell gerät ein ganzer Landstrich zum Spielball der Mächte oder der Mächtigen. Ohne Rücksicht auf Verluste werden Ziele verfolgt, die nicht zwingend als groß bezeichnet werden können. Das Land verödet, die Menschen leiden und wenn sie nicht leiden, sterben sie. Eine Mahnung in leichte und lebendige Worte gekleidet. Ein Buch, das in keinem Regal fehlen sollte.


5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Tyll von Daniel Kehlmann
ISBN: 978-3-498-03567-9

und hier geht es zum Verlag:

https://www.rowohlt.de/hardcover/daniel-kehlmann-tyll.html

Samstag, 3. März 2018

Geheimnis Lissabon


Von einem Anwalt wird Henrik Falkner nach Lissabon gerufen. Der ehemalige Polizist soll in Lissabon das Erbe seines Onkels antreten. Ein Onkel, dessen Existenz in der Familie totgeschwiegen wurde, den Henrik nie kennengelernt hat. Falkner ist nicht sicher, ob er das Erbe annehmen wird. Als der das heruntergekommene Haus mit dem verstaubten Antiquitätenladen und den bunt zusammengewürfelten Mietparteien betritt, sträubt sich erstmal alles in ihm dagegen. Um sein Erbe scheint es schlecht zu stehen, doch wieso wird ihm ein ausgesprochen lukratives Angebot für das Gebäude unterbreitet. Zusätzlich deutet die einzige Angestellte des Onkels aus noch an, beim Tod des Verblichenen könne es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. 

Henrik Falkner, von einem schweren persönlichen Verlust gezeichnet, sucht zwar nach einem Neuanfang. Ausgerechnet an Lissabon hat er dabei allerdings nicht gedacht. Sollte sich sein Wunsch nach einer hoffnungsvolleren Zukunft ausgerechnet hier erfüllen. Zur Ablenkung taugen die Ereignisse kurz nach seiner Ankunft alle mal und je tiefer er in die Ermittlung einsteigt, die eigentlich keine sein dürfte, desto engagierter wird er. Falkner merkt, dass er einer brisanten Sache auf die Spur kommt. Am deutlichsten merkt er das daran, dass seine eigene Gesundheit, wenn nicht gar sein Leben in Gefahr gerät.

Dem Autor Luis Sellano merkt man an, dass er sich bei seinen Reisen in die Stadt Lissabon verliebt hat. Liebevoll und stimmig sind seine Beschreibungen der Häuser und malirischen Gassen, der kulinarischen Genüsse. Auch sein Neuankömmling in der Portugiesischen Hauptstadt weckt Sympathie. Durch einen Verlust aus der Bahn geworfen, kann Henrik Falkner seinen Aufenthalt in dieser schönen Stadt zunächst nicht genießen. Bald jedoch nehmen ihn die Geheimnisse, die sein Onkel gehütet hat gefangen, und ein wenig lichtet sich das Dunkel. Dass Henrik dabei reichlich blaue Flecke erntet und ein Ganzteil Haut verliert, wirkt ein wenig unangemessen. Der Fall, der hier aufgerollt wird, wurde durch den Onkel lange mit Schweigen umgeben, warum eigentlich. Man versteht zwar, das Erbe, was weitergegeben wird, aber nicht weshalb der Onkel nicht selbst die Ergebnisse seiner Nachforschungen ans Licht der Öffentlichkeit brachte. Zumindest werden jedoch der Erbe und die Polizistin Helena miteinander bekannt gemacht, um sich weiteren gemeinsamen Enthüllungen widmen zu können.

Ein sympathischer Ermittler und künftiger Antiquar stolpert durch seinen ersten Fall und sammelt seine Gefolgschaft für weitere Abenteuer.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Portugiesisches Erbe von Luis Sellano
ISBN: 978-3-453-41944-5




Freitag, 2. März 2018

Der Gipfel


Leider ist der Einsatz schief gegangen und das vor laufenden Fernsehkameras. Personenschützer Nicolas Guerlain ist in Ungnade gefallen, seit er seinem Schutzbefohlenen Minister Faure zu einem äußerst peinlichen Auftritt verholfen hat. Er wird in seine alte Heimat Dauville strafversetzt. Dort soll er die Polizei wegen des kommenden Gipfels beraten, er selbst soll allerdings während des Gipfels unsichtbar bleiben. Als am Strand eine abgetrennte Hand angespült wird, führen die Ermittlungen Nicolas Guerlain in eine ganz andere Richtung. Damit nicht genug, auch sein Nachbar ein älterer Fotograf ist verschwunden.

Mit einiger Situationskomik macht sich Nicolas Guerlain bei den Lesern bekannt. Wie er diesen ausfaltbaren Kevlarkoffer seinem Minister entgegen wirft und diesen dabei trifft. Mit solchen Personenschützern bedarf es fast schon keiner Attentäter mehr. Kein Wunder, dass Nicolas in der Normandie landet, dorthin wo man bekanntlich zweimal weint, einmal, wenn man dorthin muss und einmal, wenn man wieder weg muss. Doch wenn es Nicolas kalt überläuft, kommt er schon zu ernsthaften Ermittlungen. Die Gemeinde und auch seine Mutter ist in heller Aufregung über den aufgefundenen Arm und auch der verschwundene Fotograf beschäftigt die Gemüter. Und Nicolas lässt sich nicht so schnell aufs Abstellgleis schieben, ebenso wenig wie seine junge Kollegin Claire.

Wenn man sich erstmal etwas an der Küste Nordfrankreichs orientiert hat, werden einem die etwas urigen handelnden Personen schnell sympathisch. Nicolas Guerlain hängt zwar seiner Vergangenheit nach, was ihn manchmal bei der Ausübung seiner Arbeit behindert, aber wenn er sich im hier und jetzt befindet, ist er ein sehr gewitzter Ermittler, der manchmal gerade die Lücke sieht. Diese Fähigkeit kann er bei diesem verwickelten Fall gut gebrauchen. Lange fragt man sich, wie das alles zusammenpasst, um dann überrascht festzustellen, dass sich doch alles irgendwie fügt. Als erster Band einer Reihe ist dieser Roman für Liebhaber von Frankreichkrimis sehr zu empfehlen und auch jeder, der etwas skurrile Krimis mag, wird seine Freude an dem Buch haben.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Strandgut von Benjamin Cors
ISBN: 978-3-423-21632-6


Donnerstag, 1. März 2018

Ein neues Team


Viktor Puppe (eigentlich von Puppe) bemüht sich um eine Abordnung an die Mordkommission. Sein neuer Chef ist misstrauisch, was will der Jurist bei den normalen Ermittlern. Allerdings herrscht Personalmangel und so weist er seinen neuen Mitarbeiter dem Team bestehend aus Kenji Tokugawa und Begüm Duran zu. Schon bald wird den dreien der Fall einer am Spreeufer angespülten Mädchenleiche übertragen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Toten um die Nichte des Justizsenators handelt, was dem Fall einen besonderen Stellenwert gibt. Erstaunlich, dass die Verwandten die Ermittlungen eher behindern.

Ein neues Team findet sich zusammen. Kenji, der Sohn einer Einheimischen und eines japanischen Vaters; Begüm, die alleinerziehende Mutter, und Viktor, mit Wurzeln, von denen er nichts mehr wissen will. Nach einigen Wortgefechten verständigt man sich doch auf eine recht gute Zusammenarbeit, auch wenn es mit Andeutungen und Blicken manchmal hoch hergeht. Schnell ergeben sich Spuren, die auf einen bestimmten Täter hindeuten. Der Fall wird offiziell abgeschlossen, doch die Ermittler gehen heimlich einem unglaublichen Verdacht nach und bekommen Steine in den Weg gelegt. Wie dem begegnen? Aufhören oder Weitermachen? Weitermachen natürlich und so entwickelt sich quasi eine zweite Untersuchung hinter dem Rücken des Chefs.

Berlin, eine pulsierende Stadt, in der es eigentlich nichts gibt, das es nicht gibt. Doch auch in dieser lebendigen Metropole ist es nicht an der Tagesordnung, dass ein junges Mädchen grausam ermordet wird. Man nimmt dem Team den Feuereifer ab, mit dem es die Arbeit aufnimmt. Sie müssen sich erst zusammenraufen und das tun auf eine für den Leser unterhaltsame schlagfertige Weise, die alle gleichermaßen sympathisch werden lässt. Manchmal ermitteln sie einzeln, doch gemeinsam sind sie stark. Sie ergänzen sich in ihren Erfahrungen und Fähigkeiten. Und sie sind authentisch in ihre Umgebung hineingeschrieben. Man fühlt sich versucht, die Plätze und sei es auch nur im Internet aufzusuchen. 

Ein lesenswerter erster Band um Viktor Puppe, dem mindestens noch ein zweiter folgen soll. Ein neues Team, das Serienpotential hat.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Todesmeister von Thomas Elbel
ISBN: 978-3-7341-0414-5