Sonntag, 30. April 2023

Daheim

Seit sie sich erinnern kann lebt Olivia in einen Mädchenheim. Sie hat keine Familie mehr und das Heim ist kein zu hause für sie. Oft wird Olivia gehänselt, weil sie nicht spricht. Doch die anderen können auch keine Gebärdensprache und sie ist nicht dumm. Es erscheint wie eine Verheißung als ein Brief im Heim ankommt, in dem es heißt, Olivia habe in zu Hause und sie werde erwartet und sie werde gebraucht. Die Hausmutter ist froh ihren aufmüpfigen Zögling loszuwerden. Und so reist Olivia nach Gallant in eine ungewisse Zukunft. Wird es eine glückliche Zukunft?


In diesem Young Adult Roman sucht Olivia Prior nach ihrer Herkunft. Im Mädchenheim hat sie keinen guten Stand. Obwohl sie ihren Platz zu behaupten weiß. Voller Hoffnung macht sie sich auf den Weg zu dem Haus ihrer wahren Familie. Von dieser ist ihr nur das Tagebuch ihrer Mutter geblieben, das sie in- und auswendig kennt. Auf Gallant angekommen, staunt Olivia nicht schlecht. Das Haus ist riesig und die Haushälterin Hannah und der Gärtner Edgar sind riesig nett. Sie hat sogar einen Cousin. Der ist allerdings alles andere erfreut, sie zu sehen. Und auch das Haus scheint ein Geheimnis zu verbergen.


Das Buch ist wunderschön gestaltet und ein echter Hingucker für die Augen und ein Schmuckstück fürs Bücherregal. Vielleicht ist es dem geschuldet, dass man kein Young Adult ist, dass der Eindruck entsteht, der Story fehlt ein wenig Biss. Dennoch berührt Olivias Geschichte, ihr Durchhaltevermögen, ihre Empathie und ihre Intelligenz. Es ist schön beschrieben, wie sie im Heim zurechtkommt, wie sie auf der Fahrt nach Gallant in gespannter Hoffnung ist und auch wie sie nach der Ankunft einigen schmerzlichen Wahrheiten gegenüber treten muss. Das Geschehen wirkt wie mit Frühling überhaucht. Ein Frühling, in dem es auch Schatten gibt. Auch wenn man nicht völlig gefesselt ist, so fühlt man sich doch in dem Roman zu hause und findet in Olivia eine liebenswerte Heldin.


3,5 Sterne


Gallant - Im Garten der Schatten von V. E. Schwab

ISBN: 978-3-596-70742-3





Samstag, 29. April 2023

Novemberrau

Kupfer für eine Millionen Euro, das klingt doch verlockend. Zwei niederländische Bergetaucher wollen den Schatz, der auf einem lange versunkenen Frachtschiff lagern soll, heben. Sie finden allerdings eine Leiche, die an dem Wrack festgekettet ist. Der BKA-Mitarbeiter Liewe Cupido, wird zu dem Fundort geschickt, um sich die Situation anzuschauen. Cupido, dessen Vater selbst Fischer war, hat Erfahrungen mit dem Tauchen und er stellt schnell fest, dass es sich bei dem Toten nicht um ein Unfallopfer handelt. Jan Matz, geschieden, zwei Söhne, war ein passionierter Taucher, der immer wieder Fundstücke von versunkenen Schiffen geborgen hat. Doch wem ist er nun zu nahe getreten?


Beim zweiten Auftritt von Liewe Cupido stellt man mit Freude fest, dass die Hündin Vos noch an seiner Seite ist. Das Ermitteln wird ihm dadurch nicht leichter, denn zum Beispiel bei einem Tauchgang kann sie wirklich nur bis aufs Schiff mitkommen. Der verstorbene Taucher stellt Cupido und seine Kollegen und Kolleginnen erstmal vor ein Rätsel. Seine geschiedene Frau will eigentlich nichts mehr von ihm wissen, sein älterer Sohn scheint auf die schiefe Bahn geraten zu sein und der Jüngere ist noch zu jung. Eine Familie, die nicht gut funktioniert, aber ein Mordmotiv erschließt sich nicht. 


Wie schon im ersten Teil dieser Reihe, von der man gerne noch mehr lesen möchte, versteht es der Autor die Stimmung auf See perfekt wiederzugeben. Man spürt die schwanken Schiffsbohlen, die silbrig trübe Weite, die feuchte Kälte, die verschwiegenen Menschen, die mit wenigen Worten eine Menge ausdrücken können. Das Leid in Familien, die jemanden verloren haben. Auch Liewe gehört zu ihnen. Nein, er ist kein Vater, aber er ist ein Sohn, der einen Vater vermisst. Und wieder trifft Cupido auf fähige Kolleginnen und Kollegen, die die Ermittlungen voranbringen. Die Hündin Vos sorgt für etwas Leichtigkeit und viel Sympathie für Liewe, der sich des Tieres angenommen hat. Obwohl, eigentlich hat Vos ihn adoptiert. Der Fall entwickelt Fallstricke, mit denen nicht zu rechnen war. Dieser stimmungsvolle Kriminalroman fesselt bis zum Schluss und erscheint zu Recht auf der Krimi-Bestenliste April 2023.


4,5 Sterne


Der Taucher von Mathijs Deen

ISBN: 978-3-86648-701-7






Freitag, 28. April 2023

Produktionsassistent

Harry Dresden bekommt diesmal einen Job am Filmset. Der Produzent Arturo Genosa bittet Harry undercover aufzutreten. Bei der Produktion ist eine Frau auf ungewöhnliche Art zu Tode gekommen und Genosa will nicht, dass gleich jeder weiß, dass er einen Detektiv engagiert hat. Also spielt Harry erstmal den Laufburschen. Er ist jedoch mehr als erstaunt, dass er am Filmset auf Vampire trifft. Und natürlich gibt es noch weitere Baustellen in seinem Leben. Um die Gefahr, in der er ständig schwebt, wenigstens etwas zu verringern, holt sich Harry Hilfe von einem Söldner und natürlich Murphy.


In diesem sechsten Band um Harry Dresden verlässt er die dunklen Straßen von Chicago, um ein gut ausgeleuchtetes Filmstudio zu beehren. Das ist mal eine andere Umgebung, in der sich Harry wegen des Genres eher verlegen fühlt. Arturo erweist sich als durchaus sympathischer Arbeitgeber, der sich um die Sicherheit seiner Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sorgt. Für Harry ist es nicht so einfach unauffällig hinter die Kulissen zu blicken. Haben Arturos geschiedene Frauen etwas mit den Unglücksfällen zu tun? Oder sind es die Vampire des weißen Hofs, die sich etwas versprechen, wenn Arturo scheitert? Und die Vampire des schwarzen Hofes sind hinter Harry her. 


Harry Dresden geht mit einem gewissen Humor durchs Leben und mit seiner Empathie liest er auch manchmal andere Lebewesen auf, denen er Asyl gewährt. So kommt er zu einem kleinen Welpen, der sein Leben bereichert. Der Fall der Todesfälle bei der Filmproduktion ist spannend und gut aufgebaut. Richtig interessant wird es aber, wenn es um Hintergründe und Zusammenhänge geht, die Harrys eigenes Leben betreffen. Da bietet dieser Roman echte Entdeckungen und Überraschungen und man fragt sich, wohin das noch führen wird. Sehr geschickt versteht es der Autor, den Leser zu locken und zu halten. Zum einen ist man gut unterhalten vom laufenden Fall, bekommt hin und wieder etwas zum Schmunzeln und ist neugierig, wie sich Harry Dresden weiter entwickelt. Weiter so.


4 Sterne


Bluthunger von Jim Butcher

ISBN: 978-3-7341-6340-1






Donnerstag, 27. April 2023

Tod eines Jugendlichen

Hanna Duncker hat lange weit entfernt der Heimat gelebt, doch irgendwie zieht es sie zurück nach   Ōland. Dort war eine Stelle bei der Polizei frei und ihr neuer Chef ist der Beamte, der vor Jahren im Fall ihres Vaters ermittelt hat. Auf Öland ist Hanna die Tochter des Mörders. Doch sie hofft, dass es ihre Arbeit nicht beinträchtigen wird. Schon in ihrem ersten Fall bekommt es Hanna mit ihrer damaligen besten Freundin Rebecca zu tun. Deren jugendlicher Sohn wurde tot aufgefunden und offensichtlich liegt eine Fremdeinwirkung vor. Wie wird ihre ehemalige Freundin die Nachricht aufnehmen? 


Dies ist der erste Fall um Hanna Duncker und ihren Kollegen Erik Lundgren. Kaum zu Hause angekommen, muss sie gleich in einem ungeklärten Todesfall ermitteln. Allerdings merkt Hanna schon, dass etliche Menschen wissen, wer sie ist. Sie selbst bleibt deshalb zurückhaltend. Doch ob direkt jemand etwas gegen sie hat, kann sie nicht sagen. Erik erweist sich zwar als manchmal ein wenig nervig, aber grundsätzlich als umgänglicher Kollege, der sich keinen Kopf um die Vergangenheit macht. Die Sache um ihren Vater nagt jedoch an Hanna und sie möchte die alten Akten einsehen, um festzustellen, ob es doch einen anderen Ansatz gegeben hätte. 


Dieser Kriminalroman entwickelt sich etwas langsam, was vielleicht daran liegt, dass die Beteiligten vorgestellt werden und auch den Lebensumständen der Ermittler und der Familie des Opfers etliche Worte gewidmet werden. Die Polizeiarbeit wird sehr gründlich geschildert, wobei man beim Lesen eben auch miterlebt, dass eine falsche Spur nach der anderen ausgeschlossen werden muss. Spannung entsteht dadurch, dass man die letzten Stunden des Opfers mitverfolgt. So kann man die Ermittlungsergebnisse in Bezug zu den Erlebnissen des Opfers setzen und rätseln und daneben liegen. Das Ende bietet eine Überraschung. Interessant sind auch die Strömungen unter den Kollegen in der Inspektion, Hanna ist durchaus nicht bei allen beliebt und sie liegt mit ihrer Einschätzung nicht immer richtig. Die Rahmenhandlung um Hannas Vater ist noch nicht abgeschlossen, so dass man sich auf die nächsten Bände der Reihe freuen kann.


Noch etwas Luft nach oben, aber dennoch eine Reihe, die man sich merken kann.


3,5 Sterne


The Night Singer von Johanna Mo

ISBN: 978-1-4722-8114-2



Auf Deutsch heißt der Roman "Nachttod" und ist bei Heyne (ISBN: 978-3-453-42580-4) erschienen.







Mittwoch, 26. April 2023

Marionetten

Die sportbegeisterte Carla befindet sich gerade auf einer Klettertour in Kalifornien als ihr Bruder sie bittet nach Deutschland zu kommen. Dort bekommt Carla nur noch die Mitteilung, dass ihr Bruder in Polen tot aufgefunden wurde. Carla kann es nicht fassen, in der Nacht hat Darian ihr noch Nachrichten geschickt und nun soll er tot sein. Sie macht sich auf den Weg nach Polen, um ihren Bruder heimzuholen. Währenddessen nimmt der Bundestagswahlkampf Fahrt auf. Die Kandidatin Wiebke Janssen ist auf dem besten Weg, den Wahlsieg zu erringen. Sie hat Unterstützer im Hintergrund, die etliche Hebel in Bewegung setzen, um den Erfolg zu sichern. 


Wer könnte einen Grund gehabt haben, einen jungen Historiker zu töten? Carla weiß noch nicht einmal genau, woran ihr Bruder gearbeitet hat. Zunächst jedoch will sie ihn in der Gerichtsmedizin abholen und ihm eine würde Bestattung geben. Wie ist Darian umgekommen? Die Andeutungen des Rechtsmediziners machen Carla misstrauisch. Und auch die Polizistin Magdalena kann Carla nicht beruhigen. Als der Gerichtsmediziner auf dem Weg zu seiner Verabredung mit Carla einen Unfall hat, wird Carla klar, dass hier irgendetwas wirklich nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Carla hat ein Recht, alles zu erfahren und sie macht sie auf die Suche nach der Wahrheit.


Auch beim Lesen fragt man sich, wie eine Auftragsarbeit eines Historikers und Fotografen dazu führen kann, dass dieser tot aufgefunden wird. Schon aus dem Klappentext wird ersichtlich, dass möglicherweise eine Spur in die Vergangenheit der Politikerin führt. Welcher Art die Verbindungen sind, wird ausgesprochen fesselnd entwickelt. Die Kandidatin wirkt wie eine Marionette ihrer Hinterleute. Und je mehr Carla herausfindet, desto gefährlicher wird es. Immer mehr baut sich die Spannung auf und je weiter die Handlung voranschreitet, desto temporeicher wird sie. Auch wenn die Ereignisse gegen Ende ein wenig schnell abrollen und damit etwas Tiefe verloren geht, führt gerade diese rasante Geschwindigkeit dazu, dass man den Roman schließlich überhaupt nicht mehr aus der Hand legen kann.


4 Sterne


Plagiat von Jochen Frech

ISBN: 978-3-7109-0156-0





Sonntag, 23. April 2023

Baustellenmord

Leiter der Mordkommission Düsseldorf Vincent Veih ermittelt in einem Mordfall, bei dem Leichenteile auf einer Baustelle in der Mitte der Stadt gefunden wurden. Der Baumagnat und Milliardär Osterkamp will hier die neue Oper errichten. Vincents Freundin Melia Adan soll auf Bitte ihres Vaters der Bundeskanzlerin in einer Angelegenheit helfen, die sorgsam zu handeln ist. Ansonsten könnte die Position der Kanzlerin gefährdet sein und das in Zeiten, wo Fakten nichts mehr gelten und Propagandisten immer mehr Einfluss gewinnen. Seltsamerweise gibt es eine Verbindung von dem Toten zu einem bekannten Talkshow-Host. Der tote hatte eine längere Haftstrafe und der Medienmann leistete eine Zeugenaussage.


In ihrem vierten Auftritt müssen Melia Adan und Vincent Veih ihre Beziehung geheim halten. Es geht des Gerücht, Melia könnte die neue Leiterin der Kriminalinspektion werden, dann wäre sie allerdings Vincents Vorgesetzte und das wird in der Behörde nicht gerne gesehen. Doch noch können sie ihre Kräfte bündeln. Die Ermittlungen in dem Mordfall erweisen sich als schwierig, die Spuren scheinen überall und nirgends hinzuführen. Auch in der Sache, die die Bundeskanzlerin betrifft, gibt es unerwartete Probleme. Da erscheint es beinahe nebensächlich, was der Selfmade-TV-Mann Christoph Urban plant und obwohl sich Melia Gedanken über die Ambitionen ihres Vaters macht, musst das erstmal zurückstehen.


Ach, wie gerne hätte man die alten langweiligen Zeiten zurück, wo das Wort noch galt und man sich auf Fakten einigermaßen verlassen konnte, wo man nicht mit Staunen sehen musste, wie im durchaus negativen Sinne erstaunliche Menschen erstaunliche Positionen erreichten. Es ist, als schaufele die Gesellschaft sich ihr eigenes Grab. Und wie soll die Entwicklung gestoppt werden? Leider kann der Roman da keine Antwort gegen, denn viele Wahrheiten erweisen sich als trügerisch. Immerhin kommen Vincent und Melia Zusammenhängen auf die Spur. Wobei der Leser eher einen Blick aufs große Ganze hat und dieser Blick lässt einen schaudern, wirkt er doch allzu sehr im Bereich des Möglichen. Dieser Polit-Thriller ist geradezu atemberaubend und man kann nicht anders als ihn zu inhalieren. Dass die Sicht auf das Geschehen eher pessimistisch aussieht, gibt dem Roman einen großen Realitätsbezug. 


5 Sterne


Die Macht der Wölfe von Horst Eckert

ISBN: 978-3-453-44175-0






Samstag, 22. April 2023

Nur ein Unfall

Der ehemalige Polizist Art Mayer will eine Freundin zum Krankenhaus bringen als er in einen Unfall verwickelt wird. Der Fahrer des Fahrzeuges flieht und auch Art entfernt sich vom Geschehen. Umso überraschter ist er, als er von seinem ehemaligen Chef gebeten wird, die Ermittlungen in eben jener Unfallsache zu übernehmen. Eine Zeugin hat eine Tote auf der Ladefläche des Unfallfahrzeuges gefunden. Deren Körper ist mit einer Anschrift markiert, die hinlänglich bekannt ist. Mit Art soll die junge Polizistin Nele Tschaikowski an dem Fall arbeiten. Zunächst finden die Beiden nur widerwillig zusammen.


Mit diesem Thriller stellt der Autor sein neues Team vor. Art Mayer, der als Kind einen schweren Start hatte und lange als berühmt berüchtigter Ermittler bekannt war, hatte den Polizeidienst eigentlich verlassen. Nele Tschaikowski dagegen steht am Anfang ihrer Karriere. Sie ist gewitzt, aber unerfahren. Eigentlich passen Art und Nele nicht zusammen und dennoch ergänzen sie sich bei der Untersuchung. Wieso wurde die Frau ermordet? Und erhält Art als quasi Neueinsteiger alle Informationen, die er braucht, um das Motiv und den Täter zu finden? Schon bald verdichten sich Hinweise, dass die Wurzel des Verbrechens möglicherweise zum Teil in seiner eigenen Vergangenheit liegt.


Wenn man die Tom Babylon Reihe des Autors kennt, weiß man, dass sein Name für spannende Thriller steht. Natürlich ist man neugierig, was er für sein neues Team in Petto hat. Dabei konzentriert sich dieser erste Band mehr auf Art, der in seiner Vergangenheit einschneidende Erlebnisse verarbeiten musste. Dadurch wird der Start des Romans etwas verlangsamt. Doch so versteht man besser wie Art tickt. Nele bleibt allerdings noch mehr im Hintergrund. Hoffentlich erfährt man in den folgenden Bänden noch mehr über sie. Als Ermittlerin ist sie auf alle Fälle mehr als ein Sidekick. Die Untersuchung, um die es geht ist auf jeden Fall spannend und brisant. Das Geschäft ist hart und von Intrigen geprägt. Die Geschichte hält etliche Erkenntnisse und Überraschungen bereit und wie in einem guten Thriller, je länger man liest, desto packender wird es. Dies wird unterstrichen durch den gekonnten Vortrag von Peter Lontzek.


4 Sterne


Der Morgen von Marc Raabe

ISBN: 978-3-8449-3266-9






Mittwoch, 19. April 2023

Die neuen Laubenpieper

Manne Novak hat eigentlich gedacht, Karl wäre sein bester Freund, vor einem halben Jahr war plötzlich alles anders. Sogar seine Parzelle im Schrebergarten hat er gekündigt. Eben die soll nun neu vergeben werden. Manne, der Vereinsvorsitzende und ehemalige Polizist, will eigentlich keine Neuen. Doch die Liste der Kandidaten ist lang. Und nun kommen die Neuen. Die junge Familie von Ribbeck. Widerwillig muss Manne einsehen, sie sind ganz sympathisch. Doch der Feuereifer, mit dem sich Vater Eike ans Umgraben macht, erscheint Manne etwas übertrieben. Richtig entsetzt ist er jedoch als Eike bei seiner Aktion eine Leiche ans Tageslicht befördert.


Obwohl Manne Novak kein Polizist mehr ist, hat er seine Fähigkeiten natürlich nicht verloren. Dass er selbst wegen der Leiche auf der Parzelle nebenan unter Verdacht gerät, bringt ihn doch aus der Fassung. Den Vorschlag seiner neuen Nachbarin Caro von Ribbeck, sie sollten gemeinsam nach dem wahren Täter suchen, findet Manne etwas skurril. Doch bleibt ihm etwas anderes übrig. Die Polizei schient sich auf Manne eingeschossen zu haben. Und nun ermitteln Manne und Caro gemeinsam, was nicht so einfach ist für Privatleute. Einige alte Kontakte kann Manne Novak noch nutzen und so werden Manne und Caro zu Privatdetektiven. 


Es macht nichts, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt und den zweiten Fall vor dem ersten kennenlernt. Denn so bringt einen der zweite Fall zum ersten. Manne Novak und Caro von Ribbeck sind schon ein Team, von dem man gerne liest. Sie etwas hibbelig, aber pfiffig, er mit mehr Lebenserfahrung, der manchmal etwas bremst, im richtigen Moment aber zielstrebig vorgeht. Das Setting in einer Berliner Kleingartenkolonie macht ein anheimelndes Gefühl, ein ruhiges Eckchen in der hektischen Großstadt. Dass ausgerechnet dort ein Verbrechen geschieht, ist ein echter Schlag. Und wie der schockierte Manne sich des Verdachts erwehrt ist spannend, aber auch mit einer Portion Humor geschildert. Dabei lernt er noch eine Seite von Karl kennen, die diesen in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Und so gibt dieser Reihenstart eine gute Mischung aus liebenswerten Akteuren und einen Fall, der sich als komplexer erweist als zunächst gedacht. 


4 Sterne


Rosenkohl und tote Bete von Mona Nikolay

ISBN: 978-3-426-30895-3





Montag, 17. April 2023

Ein sicherer Ort

Die Talente werden aufgespürt, sie haben etwas Besonderes wie sie heilen von selbst, sie leuchten, sie können sich unsichtbar machen und noch andere wunderbare Dinge. Alice Quicke und Frank Coulter sind diejenigen, die sich auf den Weg machen, um die Talente zu suchen und zum Cairndale Institut in Schottland zu bringen. Die Reisen sind im Jahr 1882 etwas beschwerlich, auch weil sie die beiden beinahe um die ganze Welt führt. Nicht nur das Reisen an sich ist gefährlich, auch eine unheimliche dunkle Gestalt scheint hinter den Talenten her zu sein, besonders hinter dem achtjährigen Marlowe.


Bei diesem Ritt durch viele Genre handelt es sich um den ersten Teil der Talente Trilogie. Die Kinder und Jugendlichen mit ihren besonderen Eigenschaften fallen in ihrer Umgebung auf und sind deshalb häufig gefürchtet oder verhasst, Der Ruf an das Institut wirkt da wie ein Versprechen ins gelobte Land. Im Institut bekommen sie Unterricht, sie lernen, ihre Talente zu beherrschen und sie sollten sicher sein. Die Siegel des Instituts sollten sie schützen. Doch besonders Marlowe scheint auch innerhalb der Mauern in Gefahr zu sein. Doch seine neuen Freunde und er halten zusammen und vielleicht retten sie die Welt.


Manchmal denkt man, man liest einen Western oder einen Eastern, dann befindet man sich in einem spannenden Krimi und irgendwann packt einen der Horror. Das hat echt was. Auch wenn es hin und wieder ein wenig brutal zugeht, macht das Lesen dieses Romans richtig Spaß. Der kleine Marlowe, sein Freund Charlie und auch die anderen Talente sind liebenswerte Geschöpfe, die zeigen, was Freundschaft bedeuten kann. Die Geschichte hat es auch in sich, Nichts ist so wie es scheint, die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend. Und die Lektüre gerät darüber überraschend und mitreißend. Man möchte zwar nicht dem Gemetzel beiwohnen, aber wie diese Staubmäntel beim Gehen hinterher wedeln, dass möchte man sich richtig gerne vorstellen und so kann man getrost auf den zweiten Teil warten. 


4 Sterne


Ganz gewöhnliche Monster von J. M. Miro

ISBN: 978-3-453-32232-5






Freitag, 14. April 2023

Die Wette

Genervt geht die Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix zu einer Buchveranstaltung und muss feststellen, dass noch nicht einmal die Mitarbeiterin am Stand sie kennt. Als dann noch der verachtete Krimiautor Jørn viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als sie, rastet sie etwas aus und behauptet, jeder könne innerhalb von vier Wochen einen Krimi schreiben. Eine Steilvorlage für ihren Lektor, der Hannah in die Einsamkeit nach Island schickt, damit sie sich in Ruhe an die Arbeit machen kann. Mit der Ruhe ist es jedoch schnell vorbei bzw. sie fängt garnicht erst an. Schon kurz nach Hannahs Ankunft wird ein Toter gefunden.


Wo bekommt sie nur eine Inspiration her? Ihre literarischen Romane sind bei der Kritik gut weg gekommen, lassen die Kasse jedoch nicht übermäßig klingeln. Und in letzter Zeit fällt es Hannah schwer, überhaupt etwas zu Papier zu bringen. Und jetzt einen Krimi, hm. Und wenn die den echten Todesfall als Inspiration nimmt? Ist das nicht respektlos dem Opfer gegenüber? Aber andererseits, wenn sie etwas herausfindet, wenn sie sogar herausfindet, wieso der junge Mann sterben musste? Irgendeine Ausrede braucht man schließlich. Hannah beginnt, Fragen zu stellen und sie beginnt, die ersten Sätze ihres Kriminalromans zu formulieren.


Herrlich, der Literaturbetrieb kombiniert mit einem Krimi. Die Autorin beschreibt Hannahs Versuch, einen schlechten Krimi zu schreiben und das formuliert sie wie einen schlechten Krimi, mit Wendungen aus dem Nichts, neuen Personen und exzentrischen Nebencharakteren. Als Leser amüsiert man sich köstlich dabei, dieses Entstehen eines Kriminalromans zu beobachten. Der Autorin im wirklichen Leben gelingt es auch, Respekt für den Schreiber des Kriminalromans zu wecken, denn im Buch merkt Hannah durchaus, dass sie auch beim Krimi um manche Formulierung ringt und sich um eine logisch nachvollziehbare Handlung bemühen muss. Hier wird auf witzige und humorvolle Weise eine Lanze für den Krimi, seine Autoren und Autorinnen und für die begeisterten Krimileser zu brechen. Sehr gelungen.


4,5 Sterne


30 Tage Dunkelheit von Jenny Lund Madsen

ISBN: 978-3-608-50165-0





Donnerstag, 13. April 2023

Mit dem Herzen sehen

Harry Dresden schwitzt Blut und Wasser, ein TV-Studio ist einfach kein Aufenthaltsort für einen Magier. Doch wenn er etwas über seine Ex-Freundin Susan Rodriguez erfahren kann, kennt er kein Halten. Sie soll sich in Peru aufhalten. Allerdings muss Dresden auch Geld verdienen und als er von einem Pater der katholischen Kirche beauftragt wird, nach einen gestohlenen Relikt zu suchen, nimmt er die Aufgabe an. Als ob das nicht genug wäre, wird er von einem wichtigen Mitglied des roten Hofes zum Duell gefordert. Es lauern also reichlich Gefahren hinter jeder Ecke und der Tod ist Harry gewiss.


Zum Glück umfasst die Reihe, deren fünfter Band jetzt in sehr schöner Gestaltung neu aufgelegt wurde, noch etliche Bände, so dass man darauf vertrauen kann, dass Harry den Gefahren trotzen wird. Für Harry gibt es ein Wiedersehen mit Susan Rodriguez, die ihrer Wandlung zum Vampir immer noch widersteht. Es wird ihr jedoch immer schwerer. Dennoch hilft sie Harry als ein vermeintlicher gedungener Mörder auf ihn losgeht. Von den Aufgaben, die Harry übernehmen wollte, ist er damit erstmal abgelenkt. Kümmern muss er sich aber, um einen Sekundanten für das Duell und eine Spur des Relikts will er auch aufnehmen.


Wieder tauchen neue Gegner für Harry Dresden auf, die Denarier, dreißig von ihnen gibt es, einen für jeden Silberling, den der Verräter erhalten hat. Das zeugt von dem Ideenreichtum des Autors. Und auch alte Bekannte haben erfreulicherweise wieder mal einen Auftritt. Da sind Susan Rodriguez und Michael Carpenter, die Dresden unterstützen. Hat der Autor von vorne herein ein Konzept für die Reihe gehabt? Man könnte es annehmen, denn immer wieder gibt es Hinweise, dass noch eine größere Aufgabe auf ihn wartet. Nun, in diesem Band gibt es eine rasante Story oder sogar zwei, die vage miteinander verflochten sind. Etwas bittersüß verläuft seine Beziehung zu Susan Rodriguez, deren Kampf gegen die Wandlung immer schwieriger wird. Man wünscht, es möge für die Beiden eine Zukunft geben, aber sicher ist das nicht. Harry Dresden wächst an seinen Aufgaben und die Reihe enthüllt häppchenweise einige Zusammenhänge. Man will einfach mehr wissen und freut sich auf den nächsten Band.


4 Sterne


Silberlinge von Jim Butcher

ISBN: 978-3-7341-6339-5






Mittwoch, 12. April 2023

Studebaker

Nach einem Aufenthalt in einem Besserungsheim für Jugendliche kommt der 18jährige Emmett im Jahr 1954 zurück an seinen Heimatort. Er bekommt ein paar Tage der Strafe erlassen, weil sein Vater verstorben ist. Die Farm seines Vaters wurde von der Bank eingezogen, denn die Raten wurden nicht bezahlt. Eigentlich will Emmett nicht lange bleiben, seine Reputation ist hin, die Farm ist hin und sein Erbe auch. Emmett will seinen kleinen Bruder Billy abholen und mit seinem 48er Studebaker nach San Francisco. Billy möchte gerne über den Lincoln Highway gleiten und in Kalifornien nach der Mutter der Brüder suchen. 


Der Plan der beiden Brüder klingt als sollte er einfach auszuführen sein. Doch zum einen hat Emmett nicht bedacht, dass sich die Tochter der Nachbarn Sally in der letzten Zeit um Billy gekümmert hat und zum anderen kann er in keiner Weise damit rechnen, dass seine beiden Mitgefangenen Duchess und Woolly bei ihm auftauchen würden. Diese beiden möchten nach New York, wo der Lincoln Highway wohl beginnt, was allerdings genau in entgegengesetzter Richtung des eigentlichen Ziels der Bruder liegt. Damit war es das dann mit dem Plan. Die Reise starten sie zu Viert und netterweise will Emmett seine beiden Kameraden nur an der nächsten Station absetzen, von wo aus sie alleine weiterkommen.können


Diese Reise verläuft wirklich  anders als geplant, sie entwickelt sich zu einer wahren Odyssee, auf der die Reisenden unterschiedlichen Persönlichkeiten begegnen, die ihren Weg prägen. Doch immer verfolgen sie ihre eigenen Ziele, wobei Emmett meist ehrenwert handelt, der neunjährige Billy eine Lebensklugheit entwickelt, Woolly sich still durchsetzt und Duchess manchmal poltert und pöbelt. Ein Roman wie ein Roadmovie und ein Coming of Age. Allerdings weckt diese Art der Konstellation die Vermutung, dass eine solche Reise mit Schwierigkeiten verbunden sein kann. Wenn man dann macht, was man eigentlich nicht sollte: den Schluss lesen, mehrfach, ist man auch nicht schlauer. Wenn man dann das fulminante Finale erreicht hat, sieht man seine Vermutung bestätigt und der Eindruck bestimmt zumindest zum Teil den Eindruck von gesamten Roman. Dieser wartet vorher mit wahrhaft wunderbaren ernsten, humorvollen und lehrreichen Episoden auf, für die sich die Lektüre dieses Werkes sicher lohnt.


3,5 Sterne



The Lincoln Highway von Amor Towles

ISBN: 978-1-529-15764-2



Montag, 10. April 2023

Das beste Heim

Die Pflegekraft Sybille Bullatscheck hat ganz schön zu tun. Der Sohn von Otterle senior hat übernommen und der kommt aus dem Management. Jetzt wird einiges umgekrempelt im Heim, das Ziel ist, Heim des Jahres zu werden. Weder auf die Pflegekräfte noch auf die Bewohner nimmt er dabei viel Rücksicht. Und mehr Personal einstellen möchte er auch nicht. Da kann es schon mal notwendig werden, dass Sybille zum Speed-Dating ein paar Senioren mitnehmen muss. Aber auch einer Pflegekraft muss mal ein Privatleben gegönnt werden. Nur auf der Dating-Plattform für Pflegekräfte will es nicht so recht klappen.


Dies ist der erste Roman von Sybille Bullatscheck. Von ihrem Haus Sonnenuntergang gibt es jedoch noch mehr. Es lohnt sich, einen Blick auf die web.site zu werfen. Sybille ist schon eine Marke, Pflegekrafte sind bei ihr auch Pflägekräfte, sie kommt nämlich aus dem Schwabenländle. Mit ihren Kolleginnen versteht sie sich meist gut, besonders mit ihrer Freundin Evelin. Der neue Chef ist allerdings nicht so der Bringer und von Empathie hat er auch noch nicht viel gehört. Da sind die alten Leutchen machmal liebenswerter, auch wenn es mit ihnen nicht immer leicht ist. Leider sind nicht mehr alle so fidel, doch einige sind noch richtig flott. 


Der Titel des Buches fällt einem sofort auf, man hat gleich Bilder vor Augen, wie ein paar alte Herrschaften oder Frauschaften auf einer Hüpfburg suchen. Das Cover tut ein Übriges dazu. Wenn man so liest, kommt man auf den Gedanken; Flöhe hüten ist leichter. Manchmal werden die alten Menschen wieder wie Kinder und dann haben die Pflegekräfte oder auch die Verwandten ganz schön zu tun. Hin und wieder sind die alten Damen oder Herren auch noch geistig fit und für einen Spaß zu haben, dann können sie besser feiern als die Jungen. Dass es in der Pflege ganz schön stressig zugeht, kommt in diesem Roman gut rüber. Aber es ist wohl auch ein wenig, was man daraus macht und so kann man einiges auch von der lustigen Seite sehen. Im Haus Sonnenuntergang geht es manchmal recht chaotisch zu und es hört so mittendrin auf, dass man meint, es müsste noch weitergehen. Ein etwas anderer Roman, der so manchen Lacher hervorruft. 


4 Sterne


Sie haben ihr Gebiss auf der Hüpfburg verloren von Sybille Bullatscheck

ISBN: 978-3-365-00267-4