Montag, 27. November 2017

Echte Freundschaft

Der Autor Tom Boyd hat zwei äußerst erfolgreiche Romane geschrieben. Er ist auf der Höhe seines Schaffens als seine Verlobte sich von ihm trennt. Eine Trennung, die Tom nicht verwindet. Alles, was so schön war, wandelt sich ins Negative. Tom, der Liebling aller, ist plötzlich der, der um sich schlägt, der mit Alkohol und Tabletten erwischt wird. Sein bester Freund und Agent Milo hat dann in der Finanzkrise zu hoch gepokert und das ganze Vermögen der beiden Freunde verloren. Durch einen dummen Zufall wird die Schmuckausgabe vom Toms zweiten Roman nur bis zur Hälfte gedruckt, der Rest der Seiten ist weiß. Tom ist wirklich am Boden. Da steht auf einmal Billie vor seiner Tür, die behauptet, aus seinem Buch gefallen zu sein.

So ein Quatsch, denkt nicht nur Tom. „Und sie fiel..“ so ungefähr genau vor seine Füße. Aber sie ist überzeugend diese Billie, sie kennt die Person aus dem Roman, sie kennt, die kleinen Dinge des Lebens, die nicht im Roman auftauchen. Kann es also sein? Und der Deal ist, wenn Tom ihr hilft ins Buch zurückzukommen, hilft sie ihm die Liebe seiner Ex-Verlobten wieder zu erlangen. Das ist der Deal und der reicht immerhin, um sich von Los Angeles auf den Weg nach Mexico zu machen. 

Ein Buch, das  fasziniert, aber das auch Unglauben auslöst. Man zweifelt, man überlegt, wenn man doch ein so guter Freund ist wie Milo, was hätte man selbst getan. Man kommt auf eine Idee, und man denkt sich, ja wenn es so und so wäre, dann könnte noch viel mehr aus der Geschichte werden. Der Roman zeichnet eine kleine Odyssee nach, auf deren Weg mal viel Mitgefühl für die fein und vielschichtig gezeichneten Charaktere empfindet. Würde nicht immer dieser Unglaube an einem nagen, der Zweifel, die Erwartung, das Tom nach einem bestimmten Ereignis aufwacht und alles war nur der Bewusstlosigkeit geschuldet und seine Situation ist genauso bescheiden wie zuvor. 


Zum guten Schluss entwickelt der Autor einen wirklich raffinierten Dreh, der einen schließlich doch für das Buch einnimmt und einem den Glauben an den Autor und dessen Stärke, tolle Geschichten erfinden zu können, wiedergibt. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Papiermädchen von Guillaume Musso
ISBN: 978-3-492-97683-7


Samstag, 25. November 2017

Ein Koffer in

Hilla Palm hat es geschafft, sie ist ihrer einfachen Herkunft aus Dondorf entwachsen, sie studiert, sie will ihre Doktorarbeit machen. Das gemeinsame Leben mit ihrem Freund Hugo läuft bestens. Doch dann stirbt Hugo bei einem Unfall und alles, was so hell und sicher schien, ist auf einmal wie ausgelöscht. Nur mühsam kann sich Hilla zurück kämpfen. Sie geht nach Hamburg, weil dort das Thema ihrer Doktorarbeit angenommen wird. Ein neuer Start, ganz neue Einflüsse stürzen auf sie ein. Politische Themen werden Hilla wichtig. Eine Heimat bietet ihr die Kommunistische Partei.

Dieses Hörbuch wird von der Autorin selbst gelesen. Bestens versteht diese es, die Zuhörer in die Welt ihrer Protagonistin zu geleiten. Man leidet mit Hilla als ihr Lebensgefährte stirbt und ihre heile Welt zusammenbricht. Man freut sich an ihrem Aufbruch nach Hamburg, ihrem neuen Start. Man sieht die Hilla aus den vorherigen Bänden aufblitzen, wenn es um den Schwimmkerl geht, der den Leser zum Lachen und Hilla zum Heulen bringt. Man fremdelt etwas mit ihren politischen Ansichten, die man von ihrer Lage aus gesehen, der Suche nach Halt, nach Heimat, doch irgendwie versteht. Siehste, denkt man, wenn ein weiterer Traum zerplatzt und möchte sich diesen Gedanken doch gleich wieder verbieten. Die späten 1960er und die frühen 1970er waren schon eine bewegte Zeit. Hilla, Mitte zwanzig bis um die Dreißig, für einen Menschen häufig eine bewegte Zeit. Hillas bewegte Zeit gibt einen Abriss des Zeitgeschehens und einen Einblick in die Entwicklung und Formung ihrer Persönlichkeit. Schließlich hat Hilla sich ein Stück weit selbst gefunden.


Das gedruckte Buch ist mit über sechshundert Seiten angegeben, diese gekürzte Hörbuchfassung umfasst knapp 4 Stunden und 30 Minuten. Da fehlt also einiges und man beginnt sich während des Hörens zu fragen, ob da nicht doch ein wenig zu viel gekürzt wurde. Denn so schön und authentisch der Vortrag der Autorin ist, das Gehörte wirkt etwas episodenhaft. Ein gelungener Abschluss von Hilla Palms Erzählung über ihre Jugendjahre, lebensvoll, dramatisch, manchmal lustig, manchmal ernüchternd, immer fesselnd.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wir werden erwartet von Ulla Hahn
ISBN: 978-3-8445-2687-5




Freitag, 24. November 2017

Onkel für Ava Lee

Die Wirtschaftsprüferin Ava Lee lebt zwar in Kanada, ihre Aufträge bekommt sie allerdings von Onkel in Hong Kong. Dieses Mal haben sie es mit einem besonders brisanten Fall zu tun. Kaum daheim angekommen, muss Ava Lee sich auf den Weg nach Asien machen, um gemeinsam mit ihrem Chef und Mentor den Kunden Tommy Ordonez aufzusuchen. Bei diesem handelt es sich zwar um einen Emporkömmling, der allerdings inzwischen so reich und einflussreich ist, dass es am einfachsten ist, seine Wünsche zu erfüllen. Bei einem Grundstücksdeal ist er offensichtlich um ca. 60 Millionen Dollar betrogen worden. Ava Lee soll herausfinden, was geschehen ist und natürlich soll sie das Geld wieder herbeischaffen.

Ava Lee und Onkel, ihr geheimnisvoller Auftraggeber, führen hier ihren zweiten Auftrag aus. Zielstrebig begibt sich Ava Lee auf die Spur des Geldes. Buchprüferin mit Universitätsabschluss, die ihre asiatischen Wurzeln nicht verleugnet und doch stolz ist Kanadierin zu sein, das ist Ava Lee. Familie bedeutet ihr alles und so ist sie bestens geeignet sich in die Welt ihrer Auftraggeber hineinzuversetzen. Familien, die weltweit operieren und doch nach ihren ursprünglichen Traditionen handeln. Ava Lee kann der Spur des Geldes sowohl durch die Bücher folgen als auch die Beweggründe derer nachvollziehen, die das Geld aus den Büchern verschwinden ließen.


Manchmal etwas speziell, aber immer gewitzt, intelligent und clever weckt Ava Lee viele Sympathien. Wenn einem möglicherweise auch einige Charakterzüge der Beteiligten fremd bleiben, schafft es Ava Lee mit ihrer hartnäckigen Art, den Fall zu lösen. Onkel bleibt geheimnisvoll, da die Serie mit diesem zweiten Band erst am Anfang ist, wird es vielleicht künftig noch mehr zu erfahren geben. Hier reist Ava Lee um die Welt, um dem Kunden zu seinem Recht zu verhelfen. Gerne spürt man den Beziehungsströmungen nach und wünscht sich vielleicht ein erläuterndes Wiederlesen mit einigen Personen, deren Bekanntschaft hier nur angerissen wurde.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Jünger von Las Vegas von Ian Hamilton
ISBN: 978-3-0369-5617-6


Donnerstag, 23. November 2017

Ugly, der Hund

Dr. Siri kann nicht widerstehen. Er und seine Frau Daeng bekommen einen Folklorerock zugesandt, in dessen Saum ein Finger eingenäht ist. Ein Hilferuf? Ein Mord? Wer sucht nach einem Finger? Zumindest lässt sich feststellen, dass das Kleidungsstück im Norden des Landes hergestellt worden sein muss. Und Dr. Siri, der inzwischen eine ganze Menagerie in seiner Wohngemeinschaft angesammelt hat, angefangen von diversen Geistern bis zu seinem Hund Ugly, möchte diese Gelegenheit nutzen, mit seiner Frau ein paar Tage trauter Zweisamkeit zu genießen. Schwester Dtui möchte indessen herausfinden, ob der Besitzer des Fingers zum Zeitpunkt seines bedauerlichen Verlustes noch lebte oder bereits tot war.

In seinem zehnten Auftritt erfreut Dr. Siri, der inzwischen pensionierte einzige Leichenbeschauer und Gerichtsmediziner in Laos, erneut mit seinem frechen Mundwerk und seinem unvergleichlich scharfen Verstand. Für kurze Zeit kann er mit seiner Frau seinem turbulenten Haushalt entfliehen. Im Jahr 1978 herrscht in Laos die Angst vor einer chinesischen Invasion. Trotzdem machen sich Dr. Siri und Daeng auf den Weg in den Norden. Schließlich gilt es herauszufinden, was es mit dem folkstümlichen Kleidungsstück auf sich hat. An der Art wie der Stoff gewebt ist, kann man erkennen, wer die Weberin ist. Und so können Dr. Siri und Daeng den Spuren der Stoffe folgen. Werden sie es allerdings schaffen des Polizisten Phosys Wege zu kreuzen?


Kurzweilig, witzig und hintersinnig. Diese kleinen Entführungen in ein kommunistisches Land zur Zeit der 1970er haben immer noch nichts von ihrem Reiz verloren. Dr. Siri, der sich von keiner Macht, noch nicht einmal der Weltmacht China, unterkriegen lässt, der solange nachbohrt, bis er zum Kern vorgestoßen ist, ist jemand, den man gerne in sein Lesezimmer einlädt. Wer mit Hilfe des verqueren aber sehr sympathischen Dr. Siri etwas über das Leben in einem fernen Land lernen und gleichzeitig einer spannenden Krimihandlung folgen möchte, kann hier nichts falsch machen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Six and a half deadly sins von Colin Cotterill
ISBN: 978-1-61695-559-5



Dienstag, 21. November 2017

Hochwasser

Im Juli 1342 herrscht eine Hitzewelle. Frankfurt stöhnt unter der heißen Sonne, alles ist trocken. Philippa, die Tochter des Fährmanns, träumt von einer Zukunft, in der sie unabhängig ist. Doch zunächst mal wird sie mit Albrecht verlobt, den sie schon immer kennt. Viel interessanter ist da doch der geheimnisumwitterte Mathias, der sein Gedächtnis verloren hat und dennoch ein geübter Kämpfer ist. Ihn zieht es nach Frankfurt, wenn er sich auch nicht erinnert, so scheint er doch eine Mission zu haben. Der Kaiser, der in Frankfurt weilt, versucht seine Anschauungen mit denen seiner Feinde zu versöhnen oder in Einklang zu bringen. Fast unbemerkt von den Beteiligten ändert sich das Wetter.

Das Magdalenenhochwasser von 1342 ist belegt als eines der schlimmsten Hochwasser dieser Zeit. Auch heutzutage richtigen Hochwasser immense Schäden an, zerstören Existenzen, bringen großes Leid. Aber dennoch sind wir heute wahrscheinlich besser gewappnet mit Versicherungen, Rettungskräften, vorbeugenden Maßnahmen, Wetterwarnungen, etc. Ungleich schwerer muss es für die Menschen des Mittelalters gewesen sein, so eine Wetterlage durchleben zu müssen. Schließlich kam es wesentlich unerwarteter. Und so war es schwieriger, sich, die Liebsten und das Hab und Gut zu retten. 

In diese Situation schreibt der Autor eine spannende Geschichte um den Kaiser im Kirchenbann, seine engsten Vertrauten, seine möglichen Retter, um Philippa und Mathias und einige weitere Menschen, deren Schicksal durch das Wetterereignis bestimmt wird. Zunächst sorglos ob der Wetterlage, wird den Frankfurtern die Änderung des Wetters in eine bedrohliche Form nur langsam bewusst. Als sie merken, dass es gefährlich wird, ist es schon fast zu spät. Gerade die Beschreibungen des immer schlechter werdenden Wetters und des verheerenden Hochwasser, das dramatische Auswirkungen hat, reißen mit. Besonders wenn man während der Lektüre die Regentropfen auf das Dach plätschern hört, das Wasser in der Regenrinne gluckern, kann man sich sehr gut die Bilder vorstellen, die sich den Menschen damals geboten haben können. 


Die zusätzlichen Informationen, die der Autor zu dem Hochwasser und zum Entstehen seines Romanes gibt, bilden einen besonderen Rahmen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Zorn des Himmels von Richard Dübel
ISBN: 978-3-8383-5841-1


Sonntag, 19. November 2017

Kleiner Schatten

Kleiner Schatten so nannte sie ihr Vater. Helena glaubt, aus dem großen Schatten ihres Vaters heraus getreten zu sein. Ein Irrtum wie sie feststellen muss. Jahrelang lebte sie relativ glücklich und zufrieden mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. Verschwiegen hat sie allerdings, dass der Vater ihre Mutter entführte als sie kaum ein Teenager war und dass Helena in einer Hütte im Wald geboren wurde. Als Kind hat Helena zu ihrem Vater aufgeschaut. Wenn er sie maßregelte, gab sie sich selbst die Schuld. Doch je älter sie wurde, desto mehr fing sie an zu hinterfragen, ob das teilweise grausame Verhalten wirklich gerechtfertigt ist.

Der Vater ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und Helena ist die Einzige, die sich in ihn hinein denken kann, die ihn finden kann. Helena versucht, ihre Familie zu schützen. Alleine macht sie sich auf den Weg. Jeder Schritt wirkt wie ein Schritt in die Vergangenheit. Kann sie den Vater jagen, der einmal ihr Idol, ihr großes Vorbild war? Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Jugend steigen auf. Eine Zeit, die sie nicht mit liebevollen Eltern erleben durfte, sondern mit einem übergriffigen Vater, der die Mutter klein hält und der eine Tochter nach seinem Frauenbild formen will. 

Wenn man von diesem Vater liest, möchte man mit den Zähnen knirschen. Gleichzeitig denkt man an die kleinen Problemchen, die man mit den eigenen Eltern hatte und ist dankbar, dass man doch größtenteils in behaglicher Geborgenheit aufwachsen durfte. Hoffentlich ist es nur ein perfides Gedankenspiel, das die Autorin darbietet. Hoffentlich gibt es solche Widerlinge nicht. Doch wie schwierig ist es für eine Tochter, die unter einem solchen Einfluss aufgewachsen ist, sich endgültig zu lösen. Schwer verständlich sind manche Gedanken Helenas, gut nachvollziehbar andere. Doch hin und wieder hat man das Gefühl, die Erinnerungen machen einen zu großen Teil der Handlung aus. Der Showdown zwischen Vater und Tochter lässt ein Element einer spannenden Suche vermissen, an der Polizei und Ehemann beteiligt sein sollten. Ein Stück für zwei Personen, eigentlich nur eine Person, da meist darauf verzichtet wird, Reflexionen anderer bekannt zu geben. 


Ein spannender Psychothriller, der zwar einige Wünsche nicht erfüllt, der aber dennoch mitreißt. Gelesen von Julia Nachtmann, die es versteht, den Vater richtig schön unsympathisch wirken zu lassen und die Helenas vielschichtigem Charakter gekonnt Ausdruck verleiht.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Moortochter von Karen Dionne
ISBN: 978-3-8445-2710-0




Samstag, 18. November 2017

Berlin 1934

Gereon Rath bekommt so langsam den Eindruck, dass er der dienstälteste Kommissar bei der Kriminalpolizei ist. Karriere macht man wohl nur noch bei den Politischen. Trotzdem will er die Mordkommission nicht verlassen. Sogar sein ehemaliger Assistent Gräf, der nun bei der Gestapo ist, ist schon Kommissar. Nun hat man die Leiche eines SA-Mannes gefunden und Rath und Gräf müssen zusammenarbeiten. Charlie Rath will indessen wieder arbeiten gehen. Während ihr Pflegesohn Fritz unbedingt zur HJ will, schließlich sind inzwischen alle da. Charlie möchte dies am liebsten verbieten. Gereon dagegen meint, es werde schon nicht so schlimm sein, schließlich sei Hitlers Stern am Sinken.

Ein ungleiches Ermittlerduo sind Rath und Gräf. Während Gereon Rath versucht herauszufinden, wer den Toten so übel zugerichtet hat, scheint Gräf nur das Ziel zu verfolgen, die Schuld den Kommunisten in die Schuhe schieben zu können, die man sowieso auf dem Kieker hat. Schnell lernen die Ermittler, dass der Tote keineswegs so unbescholten war, wie es Gräf gerne hätte. Es gibt Verbindungen zu den ehemaligen Ringvereinen, die eigentlich aufgelöst sein sollten. Indessen versucht Charlie einer alten Bekannten zu helfen, die nach ihrem Bruder sucht. Kein so harmloses Unterfangen wie man denken könnte.

Mehr gegeneinander als miteinander arbeiten Gräf und Rath und dennoch ringen beide um die Lösung des Falles. So aufrecht Rath dabei die ehrliche Polizeiarbeit verfolgt, so geradeaus würde man sich seine Meinung zu der politischen Lage wünschen. Doch er verhält sich eher opportunistisch und bringt seine Frau zu recht gegen sich auf. Natürlich ist es in der Rückschau leicht zu sagen, man hätte das drohende oder eigentlich schon eingetretene Unheil sehen müssen. Doch gerade die heutige Zeit lehrt mal wieder, dass manche Menschen dazu neigen alle positiven Errungenschaften einer Gesellschaft mit Füßen zu treten und andere dann meinen, es könne nicht so arg werden. Allerdings kommt es dann schlimmer. Und so möchte man Gereon Rath nicht zum ersten Mal durchschütteln, um ihm Vernunft und Weitsicht einzugeben. Doch sogar Gereon ist schließlich befremdet und besorgt über die Entwicklung seines Ziehsohnes. Und so wie nach und nach einige Teile der Hintergründe des ersten Mordes zu tage treten, so wird dieser Krimi immer spannender bis zu seinem bedrückenden Finale, das für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. 


Eine tolle Reihe von Kriminalromanen, die eine Zeit nahebringt, aus der man am besten die Lehre ziehen sollte, dass Demokratie, Toleranz und Freiheit doch sehr erstrebenswert sind. Teile der Reihe wurden inzwischen auch für das Fernsehen verfilmt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Lunapark von Volker Kutscher
ISBN: 978-3-462-04923-7


Freitag, 17. November 2017

Suses Welt

Mit ihren drei Kindern lebt Suse seit der Trennung von ihrem Mann in einem Berliner Plattenbau. Es reicht nur für zwei Zimmer und mit ihrem Halbtagsjob in einer Drogerie kann Suse sich nur knapp über Wasser halten. Ihre Tochter pubertiert, der Sechsjährige jammert und quengelt, der Kleine weint und schreit. Suse wäre am liebsten weg. Als ihre Tochter ein paar Tage nicht nach hause kommt, meldet Suse sie als vermisst. Kommissar Frei, zugeknöpft und korrekt, und seine Kollegin Louisa Albers, schlaflose Neumutter, haben gerade einen Mordfall gelöst. Sie sollen nun das Verschwinden des Mädchens aufklären. Vermutlich gäbe es Wichtigeres zu tun, doch bald taucht eine Leiche auf, wodurch die Sache in ein anderes Licht gerückt wird,

Obwohl dies erst der erste Fall für Kommissar Henry Frei und sein Team ist, meint man schnell, die Ermittler schon zu kennen. Mal ein Kommissar, dessen Familienleben zwar etwas speziell, aber mal nicht mit Problemen überfrachtet. Mal so normal, seine Kollegin, die kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes am Schlafmangel leidet. Der junge Kollege Charlie mit asiatischen Wurzeln, der noch etwas übereifrig dennoch frischen Wind in die Untersuchung bringt. Nach einem schnell gelösten Fall geht es um das Verschwinden eines 14jährigen Mädchens. Dass die Mutter von ihrem Leben als getrennte Mutter überfordert ist, wird schnell klar. Doch wieso weiß sie so wenig vom Umgang ihrer Tochter. 

Warum ist Suse so? In welcher Welt lebt sie eigentlich? Suse hat es nicht so richtig geschafft, sich frei zu schwimmen. In ihrer Art wirkt sie manchmal nicht so sympathisch. Doch niemand sollte es erleiden, nicht zu wissen, was mit dem eigenen Kind geschieht. Nachdem klar ist, dass es sich um eine ernste Sache handelt, ermitteln die Kommissare fieberhaft, was hinter dem Verschwinden der jungen Jacqueline stecken könnte. In kurze Kapitel gefasst und mit etlichen fiesen Cliffhangern versehen, vermag dieser Thriller sehr zu fesseln. Schnell noch ein Kapitel und noch eins, man will wissen wie es weitergeht. Die zwischengeschobenen Intermezzi verstärken die Wirkung noch. Geschickt spielt der Autor mit den Gedanken des Lesers und lockt sie auf Fährten, die sich als unvorhersehbar entpuppen. Am Schluss wird sehr deutlich, dass es sich um eine Reihe handelt, denn, was hinter dem letzten Cliffhanger steckt, wird dann erst im nächsten Band ermittelt. 


Ein spannender und gut strukturierter Thriller, dessen kurze Kapitel der Handlung Geschwindigkeit  verleihen und den Leser verleiten, nur so durch das Buch zu fliegen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Böses Kind von Martin Krist
ISBN: 978-3-7450-3529-2 (Taschenbuch)


Donnerstag, 16. November 2017

Die Nanny

In Verenas Leben hat sich alles verändert nachdem ihre kleine Nichte Amelie ihre Familie verloren hat. Zwar hat Verena Hofer dadurch ihre Sicherheit eingebüßt, aber nicht kann das Miteinander mit dem kleinen Mädchen aufwiegen. Aus dieser Lage heraus nimmt Verena die Stelle als Nanny des Neffen einer reichen Frau aus Wuthenow in der Nähe von Berlin an. Jedenfalls meint Verena, dass sie als Nanny tätig sein wird. Ihr Erstaunen ist dann nicht ganz gering, als sie bemerkt, dass es sich bei dem zu Betreuenden um einen erwachsenen Mann handelt, der wegen seiner gesundheitlichen Probleme ihre Hilfe braucht. Eigentlich will Verena auf dem Absatz kehrt machen, schließlich aber bleibt sie doch erstmal auf dem Gut.

Verträge sollte man doch genau durchlesen bevor man unterschreibt. Hört man diese Warnung nicht immer wieder? Nun Verena wird nicht die Einzige sein, die jemals auf ihre eigene vorgefassten Eindrücke hereingefallen ist. Ihr Schäfchen Carl von Wuthenow st ein studierter Berater der Polizei, der durch einen Dienstunfall, bei dem er eine Kopfverletzung erlitten hat, Schwierigkeiten mit seinem Kurzzeitgedächtnis hat. Das hält ihn aber nicht davon ab sich mit großer Disziplin den Folgeschäden seiner Verletzung entgegen zu stemmen. Endlich will Carl seine Arbeit wieder aufnehmen und es gibt bereits einen Fall, bei dem die Polizei seine Hilfe in Anspruch nehmen möchte.

Witzig und auch spannend beginnt dieser Roman. Verena ist auch in ihrer finanziellen Notlage nicht auf den Mund gefallen, wenn sie auf sich mit ihrem neuen Schützling auseinandersetzen muss. Und so ergeben pointierte Wortgefechte, die die Lesefreude steigern. Gleichzeitig fesseln die Ermittlungen, die Verena und Carl nach Berlin führen. Über den Tag ist Carls Handicap kaum zu spüren, nur in vereinzelten Situationen ist ihm anzumerken, dass die Verletzung ihn verändert hat. Sein aufrechter Kampf um mehr Gesundheit und gleichzeitig sein Wille, bei der Arbeit wieder voll da zu sein, lassen ihn ebenso sympathisch wirken wie Verena, die sich ohne zu zögern ihrer kleinen Nichte annimmt. Was allerdings angesichts der kurzen Zeit, die in dem größten Teil der Handlung vergeht, und angesichts Carls Krankheit etwas schwer nachempfindbar wirkt, sind die Gefühle von Carl und Verena. Unter diesen besonderen Umständen würde es sicher länger dauern, bis sich etwas entwickelt. Außerdem erscheint Carls Gedächtnisstörung so ungewöhnlich, dass man sich fragt, ob es sich hier um einen dramaturgischen Kniff handelt. Seine Reaktion darauf ist zwar angemessen und logisch, doch irgendwie fühlt man sich an 50 erste Dates erinnert. 


Dennoch löst ein gutes und liebenswertes Team einen Fall, der den Leser in die Abgründe einer menschlichen Seele schauen lässt.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Dunkel Land von Roxann Hill
ISBN: 978-3-959-67716-5


Dienstag, 14. November 2017

Poltown

Eine alte Freundin seiner Eltern ist verstorben und Cal McGill nimmt an der Bestattung teil. Dort hilft er einer alten Frau, die von der Gemeinde seltsam abweisend behandelt wird. Nur wenig später sieht er am Strand eine junge Frau, die aufs Meer hinausblickt. Violet Wells wurde adoptiert, erst jetzt hat sie erfahren, dass sie an einem Krankenhaus ausgesetzt wurde und laut einem anonymen Brief soll ihr Vater einer der angesehensten Bewohner des Ortes Poltown gewesen sein. Violet beginnt mit Nachforschungen, was an dieser Geschichte dran sein könnte. Vorsichtig möchte sie vorgehen, nichts aufrühren, aber dennoch brennt sie darauf, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften.

Zum zweiten Mal beschäftigt sich der Ozeanograph Cal McGill mit einer Ermittlung nach den Umständen eines Todesfalls. Schon vor sechsundzwanzig Jahren verschwand die junge Frau im Meer. Nur ein Kleid und ihre Tasche wurden am Strand angespült. Die Polizei entschied damals, es könne sich nur um einen Selbstmord gehandelt haben. Auf Fragen jedoch reagieren die Bewohner so zurückhaltend, wenn nicht gar abweisend, dass Cal vermutet, es müsse doch mehr hinter den bekannten Fakten stecken. Seine flüchtige Bekanntschaft mit Violet, die sich nur nach und nach etwas öffnet, bestätigt Cals Gedankengänge.

Ist es möglich, wenn schon so viel Zeit vergangen ist, das Schicksal der verschwundenen Frau aufzuklären? Warum schweigen die Menschen, die sie eigentlich gekannt haben müssten? Hatte sie keine Freunde, die sich um sie gesorgt hätten? Je weniger man erfährt, desto neugieriger wird man. Was ist hinter der Fassade der nichtssagenden Freundlichkeit verborgen? Man möchte nachbohren. Man möchte wissen, wie Anspielungen zu deuten sind. Zwar fehlt etwas die Brisanz eines aktuellen Ereignisses, doch geschickt sind Vergangenheit und Gegenwart verbunden. Bande der Abhängigkeiten, die vor Jahren geknüpft wurden, wirken sich bis zu den heutigen Tagen aus. Welch eine Nachwirkung hat ein vergangenes Ereignis, kann ein Unrecht wieder gut gemacht werden, durch einen Brief, der auch nicht aus den besten Motiven entstanden ist. Vertuschung, Neid und Missgunst, Abhängigkeiten und ungute Beziehungen. Poltown ist ein Ort, an dem man nicht leben möchte, von dem es aber sehr spannend ist zu lesen und wo schließlich  doch alles anders war, als man selbst erraten könnte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sea Detective - Der Sog der Tiefe von Mark Douglas-Home
ISBN: 978-3-499-27247-9




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Samstag, 11. November 2017

Häschen

Wozu braucht man eigentlich einen Fallanalytiker aus München? Dort wird doch auch nur mit Wasser gekocht. Adam Danowskis letzter größerer Einsatz ist nun schon eine Weile her und seit dem fischt er eher im Trüben. Sein Glückstagebuch soll Adam eigentlich aufbauen, so recht wirkt das aber nicht. Da könnte doch ein echter Fall eine gute Ablenkung sein. In den Kellern zweier Hamburger Schulen wurden mumifizierte Leichen gefunden, was eine mittelschwere Hysterie unter den Eltern hervorruft und die Schulbehörden besorgt reagieren lässt. Besser wird das Ganze auch dadurch nicht, dass die Kollegin Meta Jurkschat einen der Toten kannte, dieses Wissen aber nicht an die große Glocke hängen möchte.

Zum vierten Mal versucht Kommissar Adam Danowski seiner Hypersensibilität Herr zu werden. Nach seinem letzten Fall ist er der Verrentung wahrscheinlich nur knapp entkommen und es bleibt zu hoffen, dass seine toten Eltern nicht noch irgendwo lauern. Auch wie es mit seiner Ehe steht, ist ihm nicht ganz klar. Immerhin hat er, um während der Arbeitswoche näher an der Arbeit zu sein, eine kleine Wohnung in der Nähe des Reviers bezogen. Schon die erste Vorführung des Münchner Kollegen Martin Gaitner, der etwas sehr kollegial daherkommt, verstimmt Danowski. Die Analysen Gaitners wirken daher geholt und lassen keine Seite klingen. Und so beginnt Adam Danowski gemeinsam mit seinen Kollegen Finzi und Meta, ein wenig auf die Seite zu ermitteln.

Nach seinem Ausflug an die Küste konzentriert sich Danowski diesmal wieder hauptsächlich auf die schöne Hansestadt, die allerdings auch vor Verbrechen und Verbrechern nicht gefeit ist. Das Triumvirat Danowski, Finzi und Jurkschat ist nochmals heimlich unterwegs. Mit Witz, Spürsinn und manchmal auch Geschick fieseln sie die einzelnen Fäden des Falles auseinander. Teilweise haben sie dabei mehr Glück als Verstand, teilweise macht Not auch erfinderisch. Was im Laufe der Nachforschungen an Beweggründen zutage kommt, ist manchmal für den normalen Verstand nicht leicht nachzuvollziehen trifft jedoch ziemlich genau eine aktuell brisante Thematik. 


In diesem vierten Fall laufen Danowski, seine Kollegen und damit auch der Autor zu ausgesprochen guter Form auf. Ein packender Fall mit genau der richtigen Portion drumherum. Davon möchte man mehr.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Neunauge von Till Raether
ISBN: 978-3-499-29149-4


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Freitag, 10. November 2017

Heimatluft

Nach überstandener Krankheit will es Major Paul Eigner etwas ruhiger angehen lassen. Er lässt sich an seinen Heimatort versetzen, um dort die Leitung der kleinen Polizeidienststelle zu übernehmen. Auch will er seine Schwester unterstützen, die sich um den gebrechlichen Vater kümmert. Doch ganz so geruhsam wie erhofft gestaltet sich der neue Lebensabschnitt nicht. Auf einer Wiese werden die Überreste eines längst Verstorbenen gefunden. Für eine archäologischen Fund ist die Leiche allerdings zu jung. Nich lange dauert es und es verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei dem Toten um den seit Jahren verschwundenen Dorfpfarrer handeln könnte.

Die Hoffnung, dass Eigner in seinen heimatlichen Gefilden einen Vertrauensvorschuss genießen könnte, zerbirst schnell. Bei seinen Nachforschungen begegnet ihm eine Mauer des Schweigens. Die Dorfbewohner geben vor, nichts weiter über den Pfarrer zu wissen, außer dass er allseits beliebt und umgänglich war. Wer also sollte einen Grund gehabt haben, ihn zu töten? Major Eigner gibt nicht auf, hartnäckig verfolgt er jeden Hinweis. Gleichzeitig will er sich aber auch um seinen alten Vater kümmern. Nach seiner Zeit in Wien fällt es ihn nicht ganz leicht, sich wieder in das Landleben einzufügen.

Erst nach und nach gelingt es, sich in die Handlung hineinzufühlen. Man muss ihn kennenlernen diesen Major Eigner. Ein Weilchen dauert es bis auch dem Major Eigner der Pauli wird. Doch gelingt einem das, hat man einen spannenden und ausgeklügelten Kriminalroman, der einen in eine dörfliche kleine Welt entführt, in der nicht alles so friedlich ist wie es zunächst erscheint. Verschiedenste Spuren gilt es zu verfolgen, die sich häufig als falsche Fährten erweisen, bis schließlich die eine Unerwartete auftaucht, mit der eine sehr überraschende Lösung präsentiert wird.


Zwar wird nicht ganz klar, ob es sich bei diesem Roman um einen Reihenstart oder um einen Einzelband handelt. Für die gute Unterhaltung, die er bietet, ist das auch nicht ganz so wichtig.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Faule Marillen von LIsa Lercher
ISBN: 978-3-7099-3652-8


Mittwoch, 8. November 2017

Wammetsberger

Der Schorsch Wammetsberger war mit seinen Spezis wieder einmal nächtens mit dem Gewehr schauen, ob das Wild durch die Wälder wandert. Dumm nur, dass sie dabei in eine Art Hinterhalt geraten. Eine Schlucht, sozusagen, an deren Ende einer tot ist. Zum Glück keiner der Freunde, aber doch ein Opfer. Das ist etwas schlecht für Schorsch, der in seinem wirklichen Leben als Polizist arbeitet und deshalb nur ungern gegen sich selbst ermitteln möchte. Aber Unsicherheit besteht schon, wessen Kugel da wen getroffen hat. Da beseitigt man am besten gleich noch ein paar verdächtige Kleidungsstücke.

Durch die bayerische Bergwelt stapften Mörder und Opfer. Und die Ermittler wirken in diesem dritten Band um den guten Wammetsberger wie knorrige Urbayern zwischem knorrigem Geäst urbayrischer Bäume. Mit einigem Witz frisst sich Wammetsberger durch die liebevoll derben Köstlichkeiten, die dem gewichtsmäßig aus den Fugen geratenen Dorfpolizisten von seiner Angetrauten kredenzt werden. Vor lauter Appetit kommt da manchmal das Gehirn zum Stillstand und ins Ermitteln greifen die Kollegen ein, die Wammetsberger am liebsten draußen hätte, schließlich gilt es die eigene Rolle im Verborgenen zu halten.

Dem Autoren Hans-Peter Dinesh Bauer liegt das Bayrische im Blut wie er selbst sagt. Und das merkt man seiner Art zu schreiben auch an. Förmlich schwelgt er in Beschreibungen von Landschaft, Leuten und Fressalien. Für den passionierten Krimileser kommen dabei die Fallzusammenhänge und das langsame sich Herantasten an die Lösung etwas kurz. Nach einigen Schmunzlern werden gerade auch für nicht Fleischesser die ausufernden Ergüsse über die kulinarischen Freuden eher anstrengenden und man verliert mitunter auch noch den letzten dünn gesponnenen Krimifaden. Was die Nachforschungen angeht, scheinen die Frauen wie die Stöcki und die Pröll einfach gewitzter zu sein. Leider sind deren Parts ein wenig kurz geraten, obwohl sie als Sympathieträger einen ausgiebigeren Einsatz verdient hätten.


Ein Bayern-Roman, der sich Lesern mit Ortskenntnis  und Kenntnis des Menschenschlages wahrscheinlich wesentlich besser erschließt.

2,5 Sterne (🐳🐳+)

Die schwarze Jagd von Dinesh Bauer
ISBN: 978-3-7099-3807-2


Sonntag, 5. November 2017

I am from Austria

Die Studentin Annette Krüger begutachtet die Sicherheit eines alten Hauses in Berlin. Um auf Nummer Sicher zu gehen, betritt sie das alte Gemäuer und begeht die einzelnen Räume und Etagen. Im oberen Stockwerk prallt sie entsetzt zurück als eine Mumie vor ihr von der Decke baumelt. Offensichtlich wurde die Leiche jahrelang nicht entdeckt. Obwohl es unter diesen Umständen kaum noch möglich sein dürfte, den Fall zu lösen, wird Kommissar Thomas Calis zu dem Fundort gerufen. Eine relativ entspannte Sache, die er kurz vor dem Urlaub noch erledigen kann. Doch es kommt anders. Eine weitere Leiche wesentlich jüngeren Datums wird gefunden und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Die Leichenfunde ereignen sich zur Zeit der ILA und wie es der Zufall will ist John Finch in Berlin, um mit dem neuesten Hubschraubermodell ein paar Vorführungsflüge zu unternehmen. Diese Gelegenheit konnten er und sein Papagei Captain Sparrow sich nicht entgehen lassen. Im fernen Schottland wird Major Llewellyn auf eine alte Spur angesetzt, die ihn auch nach Berlin führt. Und so liegt ein Treffen der älteren und jüngeren Haudegen natürlich nah. 

Das alte China, Stasi, der Bereich Kommerzielle Koordinierung, Agenten und eine geheime Pazifikfahrt während des zweiten Weltkrieges - wie soll das alles zusammengehen? Wer John Finch und seine Freunde kennt, wird zuversichtlich sein, dass schon irgendwie hinhaut. Eine ausgeklügelte Mischung aus belegbaren Fakten und intelligent eingefügter Fiktion führt den Leser auf eine abenteuerliche Reise hauptsächlich durch Europa. Welches Deutung hat der Begriff Zerberus-Schlüssel? Wieso werden plötzlich Menschen umgebracht, die sich soweit bekannt nichts zu schulden kommen ließen? Haben verschiedene Dienste hier etwas ausgelöst, das sie nun nicht mehr einfangen können?


Ausgesprochen fesselnd fügen sie die Einzelteile der Geschichte nach und nach zusammen. Dieser packende Abenteuer-Thriller möchte am liebsten an einem Stück gelesen werden. Das Abtauchen in eine Welt der alten Rätsel und neuen Geheimnis kann so am besten genossen werden. Der einzige kleine Wermutstropfen, den diese Art des Lesens mit sich bringt: das Abenteuer ist viel zu schnell vorbei. Man wünscht, der Autor möge schnell einen Aufhänger für das nächste Abenteuer finden, in dem die lieb gewonnenen Akteure erneut zu Höchstform auflaufen.

5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Der Zerberus-Schlüssel von Gerd Schilddorfer
ISBN: 978-3-404-17595-6


Samstag, 4. November 2017

Wer Wind sät

Schon immer lebt Djamal in Berlin, er hat eine deutsche Freundin, die ihm viel bedeutet und sein Vater hat ihm einige Werte beigebracht. Ein gutes Leben könnte man meinen. Allerdings wird Djamal nach einem Vorfall, während dem er seine Mutter verteidigen wollte, festgenommen und beschuldigt, die Sache ausgelöst zu haben. Djamal kann nicht verwinden wie er durch den Staat behandelt wird. Gemeinsam mit den Erlebnissen in seinem Herkunftsland bereitet dieses Ereignis den Boden für einen Verführer, der seines Gleichen sucht. Zur selben Zeit suchen die Behörden fieberhaft nach einem Attentäter, dessen Spuren nach Berlin führen.

Auf zwei Ebenen nähert sich dieser Roman dem Problem des Terrorismus, mit dem wir heute zu kämpfen haben. Der junge Djamal, der sich auf der Suche befindet, dessen Vertrauen in den Staat erschüttert wird, der keinen Halt mehr findet. Nicht einmal seine Freundin Nina kann sein Abdriften aufhalten. Auf der anderen Seite die Ermittler Marc Bauer und Lukas Weber, die alles versuchen, einen Attentäter zu stellen, der offensichtlich nach Berlin geflüchtet ist. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stellen verläuft nicht immer reibungslos und Gefährdungslagen müssen auch die Mühlen der Politik durchlaufen, deren Reaktion manchmal in einem „Wir fürchten uns nicht besteht“ und die damit die Sicherheitsbehörden in große Schwierigkeiten bringen. Schließlich soll dieses „Wir fürchten uns nicht“ nicht in einem „Das ist ja fürchterlich“ enden.

Zunächst etwas spröde wirkt der vorliegende Roman, denn er führt in eine Welt, die einem sehr fremd vorkommt. Wieso sucht Djamal, er hat doch nichts auszustehen. Vielleicht etwas, dass nie leicht nachzuvollziehen ist, wenn man nie in einem Land mit einer anderen Kultur gelebt hat. Man fragt sich, wieso sie sich von allem angegriffen fühlen. Keiner muss sich völlig assimilieren, doch sollte nicht auf beiden Seiten Toleranz vorherrschen? Packend wird das Buch, wenn die Spuren ausgelegt sind und so langsam die missliche Ernte eingebracht wird. Welche Fäden ziehen Ermittler, Politiker und Verführer? Hat die Familie überhaupt noch irgendeinen Einfluss? Kann man einem Attentäter in die Seele blicken? Gerade zum Schluss hin werden Fragen aufgeworfen, die einen an einigem zweifeln lassen? Leider lässt sich hierüber keine Diskussion eröffnen, denn schließlich soll nicht zu viel verraten werden. 

Spannend, hart, tragisch und möglicherweise näher an der Realität als einem lieb sein kann.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Gefährliche Saat von Jens Kubo
ISBN: 978-3-426-43667-7


Freitag, 3. November 2017

Für Europa

Zwei Agenten Alec Leamas und Liz Gold sind an der Berliner Mauer gestorben. Das ist lange Jahre her. Heute verlangen die Kinder der Verstorbenen, dass der britische Staat Rechenschaft ablegt. Ist der Geheimdienst Schuld am Tod seiner beiden Mitarbeiter? Dazu wird der ehemalige Agent Peter Guillam aus Frankreich zurück nach London beordert. Es laufe eine Untersuchung gegen ihn, dabei seien eigentlich verschwundene Dokumente aufgetaucht, die tatsächlich für die Darstellung der Nachkommen sprechen könnten. Guillam soll nun verifizieren, was damals wirklich geschah und ob etwas vertuscht wurde.

Als Abschluss zu den Romanen um George Smiley „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ bietet dieses Buch eine ungewöhnliche Ausgangssituation. Das eigentliche Geschehen ist lange vergangen. Und in der heutigen Zeit verlangen die Kinder der ehemaligen Agenten eine Antwort auf die Frage, was damals mit ihren Eltern geschah. Dazu versuchen die heutigen Mitarbeiter des Dienstes zu rekonstruieren, was geschehen ist. Gleichzeitig versuchen sie einen Weg zu finden, die Forderungen irgendwie zu bedienen und gleichzeitig zu vertuschen, was nicht herauskommen soll. Und wie so häufig, soll auch gleich nach einem Sündenbock gesucht werden. Eine Rolle, die Peter Guillam nicht gerne einnehmen möchte.


Etwas unklar bleibt, ob es nicht besser wäre, wenn man die anderen beiden Bücher kennen würde, die zu dem Handlungskomplex gehören. Zwar wird einiges erläutert, aber irgendwie bleibt doch ein Gefühl, dass das Wissen lückenhaft sein könnte. Nichtsdestotrotz ist die ungewöhnlich komponierte Handlung spannend, das Verhalten der Agenten durchtrieben und hinterhältig. Einem geheimen größeren Plan scheint gefolgt zu werden. Man versinkt in Aussagen, Protokollen und Gedanken des ehemaligen Agenten. Gelingt es, die Kinder der verstorbenen Spione, ruhig zu stellen? Gefesselt verfolgt man die perfiden Ränkespiele der neuen Agentengeneration, die der alten Generation in nichts nachsteht. Allerdings bleibt schließlich doch einiges in der Schwebe. Gerade dieser Eindruck bringt die Frage nach den Vorbänden auf, die man vielleicht doch lesen sollte. Schön jedoch das Plädoyer des Autors für Europa, dem man nur aus ganzem Herzen zustimmen kann.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Vermächtnis der Spione von John le Carré
ISBN: 978-3-550-05012-1


Mittwoch, 1. November 2017

Social Medial

Vicky ist IT-Fachfrau und Programmiererin in einer männerdominierten Firma. Ihre Freundschaften bestehen hauptsächlich aus WhatsApp-Nachrichten und Facebook-Posts. Sehr liebevoll geht sie mit ihren Onlinefreunden um, die sicher im Netz verstaut sind und in der echten Welt keine Probleme machen. Wenn ihre einzige echte Freundin Vicky zart darauf hinweist, dass diese Social Medialisierung doch nicht das Wahre sein kann, stellt Vicky die Ohren auf Durchzug. Als in ihrer Firma eine Führungsposition neu besetzt werden soll, wird der am geeignete Kandidat während einer Klettertour in den Bergen gesucht. Eine Katastrophe - ohne Smartphone, ohne Verbindung, nur offline-Kommunikation. 

Wie ist es, wenn hunderte nach unten auf ihr Handy starren und dabei den Blick für die Landschaft verlieren? Vicky ist ein echtes Beispiel für einen Social Media Nerd. Sie fühlt sich beinahe nur noch im Netz wohl und sicher. In der Interaktion mit einem Gegenüber wird sie unsicher und fürchtet jede Kleinigkeit. Da kann sie eigentlich auf so einer Klettertour nicht bestehen. Sie muss aber, schließlich will sie die Chance auf eine Beförderung. Ganz untypisch für sie macht sie dann doch mal den Mund auf und spricht Klartext. Und vielleicht wird es ja auch mit dem gut aussehenden Kollegen Konstantin was. Obwohl, dieser Bergführer hat auch schon was, wenn er nur nicht immer so viel fordern würde, was das Klettern anbelangt versteht sich.

Man kann sie gut verstehen, wenn sie meint, Klettern sei doch nun garnicht ihr Ding und ihr das Handy wegzunehmen sei eine Frechheit. Köstlich amüsiert man sich über die witzigen Dialoge, die sich ergeben, wenn sich Vicky genötigt sieht, der Offline-Welt ihre Gedanken zu erklären. Schlagfertig steht sie ihre Frau. Etwas weniger forsch ist Vicky, wenn es um ihre Gefühle geht. Gerade das jedoch macht sie lebendig und authentisch. Sehr wirklichkeitsnah wirkt ihr Kampf um Anerkennung. Die gläserne Decke, die trotz bester Qualifikation so schwer zu durchdringen ist. Was, wenn die Entscheidung schon vor der Abreise fest stand? Wozu muss man sich das überhaupt geben, wenn man doch ein überzeugter Bewegungslegastheniker ist? Und dann noch dieser Kollege, der plötzlich näher ist als man je in Betracht gezogen hätte. Und erst dieser vermaledeite Bergführer, der einem deutlich vor Augen führt, dass es auch noch eine Welt außerhalb des kleinen Bildschirms gibt.


Witzig-bissig-humorvoll und ein wenig zuckersüß, ganz anders als man es bei einer Programmiererin erwarten würde, gerade der richtige Blick auf eine Bergwiese, wenn man sonst eher in dunkle Krimi-Abgründe blickt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Manche mögen's steil von Ellen Berg
ISBN: 978-3-8412-1408-9