Samstag, 31. Juli 2021

Gangsterblues

Zum Ende des zweiten Weltkriegs in Amerika glaubt Joe Coughlin, es geschafft zu haben. Der ehemalige Gangster hat seine Geschäfte weitgehend legalisiert. Für seinen Sohn Tomas will er ein normales Leben führen. Doch seine Verbindungen zu Komitee bestehen natürlich weiter. Und was einmal gelernt ist, ist gelernt. Als das Gerücht aufkommt, jemand wolle Joe umbringen, ist er doch besorgt, denn in seinen Kreisen kommt es schonmal vor, dass einer ein Schiff betritt, es jedoch nicht wieder verlässt. Wer kann Joe an den Kragen wollen? Natürlich, die Geschäfte laufen nicht mehr so wie früher und neue Mitspieler tauchen auf, die alte Reviere übernehmen wollen.


Wie zu erfahren ist, gibt es ein weiteres Buch um Joe Coughlin. Für das Verständnis diesen Bandes muss man es nicht unbedingt kennen. Auch so erhält man einen spannenden Eindruck vom Dasein als Gangster im Florida der 1940er Jahre. Dabei geben sich die Verbrecher so normal, dass sie beinahe menschlich und sympathisch werden. Bis zu dem Moment, wo dann doch mal jemand das Schiff nicht mehr verlässt. Joe Coughlin sieht sich als liebevollen Vater und Witwer, der seine geliebte Frau nie vergessen hat. Beschließt er jedoch, dass keine andere Möglichkeit mehr besteht, zögert er nicht, zu schießen.


Mit seinem Anfang der 1940er Jahr angesiedelten Roman beschreibt Dennis Lehane den Beginn vom Ende eines Zeitalters. Die Mobster verlieren an Einfluss und um ihre Pfründe zu sichern, beginnen Streitigkeiten und Verrat. Dort hinein gerät Joe Coughlin, der mit einigen gewitzten Schachzügen einen Großteil seiner Geschäfte legalisiert hat. Doch auf bittere Weise muss er erfahren, dass die Vergangenheit ihn nicht loslässt. Die Handlung baut Lehane dazu sehr akribisch und auch langsam auf, so dass erst relativ spät richtige Spannung aufkommen kann. Wenn man den speziellen Kniff des Buches erkennt wird es allerdings richtig packend. Ob man die vielen Toten so gut ertragen kann, nun ja. Klasse dargestellt ist jedoch der Wandel in dieser Zeit und auch die Zwiespältigkeit des Joe Coughlin, der eben doch ein Gangster war, aber auch ein liebender Vater, dem sein Sohn der wichtigste Mensch ist. 


Ein düsterer Thriller mit sonnigen Momenten -zum Schluss hin ausgesprochen packend.


3,5 Sterne


Am ende einer Welt von Dennis Lehane

ISBN: 978-3-257-24392-5

Donnerstag, 29. Juli 2021

Geniale Kochkunst

Die Eltern von Eva sind schon früh verstorben, doch sie ist nicht ganz allein. Immer gibt es Menschen, denen sie sich anvertrauen kann. Besonderen Trost findet sie in ihrer Liebe zum Kochen. Schon in ihrer Kindheit fing es an, dass sie sich für herausragende Rezepte interessierte. Vielleicht hat sie auch das eine oder andere selbst erfunden. Allerdings umgibt sie meist auch ein Hauch von Einsamkeit und Melancholie. Ihr Leben ist nicht leicht, aber reichhaltig. Im Laufe der Jahre reift Eva zu einer Spitzenköchin heran, die ein gutes Händchen für ungewöhnliche Locations hat.


Bei diesem Debütroman handelt es sich um einen ungewöhnlichen Familienroman, weil die Hauptfigur eigentlich keine Familie hat. Zufälle treiben Eva durchs Leben und Zufälle bestimmen ihre Bekanntschaften. Daraus entwickelt sich mit einer gewissen Distanziertheit eine fesselnde Geschichte. Wie wird aus einem ungewöhnlichen kleinen Mädchen eine herausragende Köchin. Sie muss einige Schicksalsschläge hinnehmen, doch sie folgt ihrem Traum. Sie schafft es. Und wieder ein Zufall will es, dass sie dabei von einer Frau beobachtet wird, die einst ihren Gefühlen folgte und nach Australien auswanderte. Wird die fremde ein Ticket zu einem der begehrten Restaurantplätze ergattern können.


Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet der Autor unterschiedliche Stationen in Evas Leben, dabei gewinnt man den Eindruck, dass er sich immer weiter von ihr entfernt, dass aber gerade diese Ferne neue Möglichkeiten eröffnet. Ob man als Leser lieber näher an Eva bleiben würde, um mehr von ihrem Empfindungen und Ansichten zu erfahren, muss man für sich selbst entscheiden. Davon abgesehen besticht der Roman durch sein spezielles Thema, das mit ein paar Rezepten bereichert wird, und seiner sympathischen Protagonistin, deren innere Kraft man sich zum Vorbild nehmen könnte. Von dem schönen auf das Thema abgestimmten Cover angelockt, wird man nicht enttäuscht.


4 Sterne


Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens von J. Ryan Stradal

ISBN: 978-3-257-24420-5

Samstag, 24. Juli 2021

Skorpion

Endlich konnte sich Mavie mal von ihren Eltern davonstehlen, doch als sie auf der heiß ersehnten Party auf ein Tattoo angesprochen wird, gerät sie in Panik. Sie hat überhaupt kein Tattoo, oder? Inzwischen wird der Ermittler Christian Brand zu einer europäischen Sondereinheit berufen. Seine Partner ist Inga Björk. Wobei Partnerin nicht ganz das richtige Wort ist, denn Björk ist der Ansicht, mehr als einen versierten Personenschützer braucht sie nicht, entsprechend im Dunkeln über die eigentliche Ermittlung lässt sie Brand. Zu erfahren ist erstmal nur, dass eine junge Frau in einem Waldstück brutal ermordet wurde.


Dies ist der erste Fall für Inga Björk und Christian Brand. Und gleich müssen sie sich Hals über Kopf in eine brisante Ermittlung stürzen. Björk gibt nicht viel von ihren Wissensstand preis, so dass sich folgerichtig keine ordentliche Zusammenarbeit entwickeln kann. Da kommt Brand sich schon etwas benutzt vor. Doch je länger die beiden unterschiedlichen Charaktere gemeinsam unterwegs sind, desto mehr bekommt Brand eine Ahnung von der Größe des Falls. Und auch ein weiterer Mitspieler taucht auf, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die außerordentlich grausamen Taten ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Doch wie kann eine Panik verhindert werden.


In diesem spannenden Thriller wird eine coole Idee verarbeitet, die zu einem Spiel führt, das ausgesprochen perfide ist. Auch wenn der Autor es dabei mit Kleinigkeiten, die man in einem Kriminalroman ordentlich ermittelt haben wollte, nicht so genau nimmt, empfindet man es bei der Lektüre dieses Thrillers als nicht so schlimm, wenn nicht alles geklärt, nicht jeder kleinste Strang verfolgt wird. Dafür hat man eine rasant voran sprintende Handlung, die einen von einem schrecklichen Höhepunkt zum nächsten führt. Nie kann man sicher sein, dass die eigenen Ideen denen des Autors entsprechen. Manchmal könnte man meinen, der Autor macht sich einen Spaß daraus, die Leser immer wieder zu überraschen. Schön ist es auch zu lesen, wie Brand sich langsam in seine Aufgabe hineinarbeitet und seine Einarbeitung in die Ermittlung einfordert. 


Ein packender Thriller mit zwei Ermittlern, denen man wünscht, dass sie auf dem Weg zum eingeschworenen Team noch einige Fälle lösen werden.


4 Sterne


Das Spiel von Jan Beck

ISBN: 978-3-328-10557-2





Freitag, 23. Juli 2021

Der Spezialist

Vor zehn Jahren verschwand der kleine Sohn des Polizisten Jonah Colley. Daran zerbrach seine Ehe und auch die Freundschaft zu seinem Kollegen Gavin. Umso überraschter ist Colley als Gavin in telefonisch um Hilfe bittet. Am Treffpunkt angekommen, findet Jonah ein Schlachtfeld vor, auf dem etliche Tote zu beklagen sind. Obwohl er doch eigentlich ein Opfer ist gerät Jonah unter Verdacht, etwas mit den Todesfällen zu tun zu haben. Er hat nur eine Chance, er muss selbst herausfinden, was geschehen ist.


In diesem ersten Band um den Ermittler Jonah Colley geht es gleich dramatisch zu Sache. Colley, der sich eine Mitschuld am Verschwinden seines Sohnes gibt, kommt in eine unangenehme Lage, nachdem er die Toten gefunden hat. Die Spurenlage ist schlecht und die Polizei stürzt sich auf ihn, anstatt in alle Richtungen zu ermitteln. Und so muss Jonah nachweisen, dass er nichts mit der Tat zu tun hat. Gleichzeitig will er herausfinden, weshalb Gavin ihn kontaktiert hat. Vielleicht ergibt sich sogar eine Spur zu seinem Sohn Theo, dessen Leiche nie gefunden wurde.


Wenn es etwas Neues von Simon Beckett gibt, ist die Aufmerksamkeit sofort groß. als Anhänger der David Hunter Reihe ist man vom Autor allerdings verwöhnt, sodass man dem „Neuen“ etwas skeptisch, aber auch neugierig begegnet. Bei einem Reihenbeginn müssen die Rahmenbedingungen zunächst abgesteckt werden, doch ein depressiver von Selbstvorwürfen zernagter Polizist ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wenn dann auch noch die Kollegen gegen anstatt mit ihm ermitteln, fragt man sich, ob das so sein muss. Nichtsdestotrotz ist der Roman ausgesprochen spannend. Gebannt lauscht man beim Hörbuch dem akzentuierten Vortrag von Johannes Steck, der es ausgezeichnet versteht Sympathien zu wecken. Die Ermittlung gestatltet sich schwierig, weil Colley immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Wie er dem widersteht, nicht aufgibt und hartnäckig nach der Wahrheit sucht, ist fesselnd geschildert. 


Auch wenn sich der Autor mit seiner Hunter-Reihe die Messlatte sehr hoch gelegt hat und er sie mit dem ersten Band um Jonah Colley ein klein wenig verfehlt, ist dieser Auftakt doch gelungen und macht Lust auf mehr.


4 Sterne


Die Verlorenen von Simon Beckett

ISBN: 978-3-7324-1850-3





Donnerstag, 22. Juli 2021

Osterferien 1978

Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike haben den Ort im Blick. Von dem Hochsitz aus beobachten sie und damit wissen sie auch einiges, was sie eigentlich nichts angeht. Doch eigentlich wollen sie am Liebsten Bilder von Fußballern ergattern, denn im Sommer ist die WM. Dabei müssen sie sich ganz schön schlau anstellen, denn die Jungs geben ihnen nichts ab und von den Eltern gibt es kein zusätzliches Taschengeld. Aber die Bilder von den Fahndungsplakaten würden passen. Als in der Nähe ein Bankraub verübt wird, gibt es gleich einen Verdächtigen. Und ein geheimnisvoller Fremder bereist die Gegend.


Wie spannend sind Osterferien oder Ferien überhaupt für die Kinder. Mit ihrer Phantasie können sie aus allem etwas machen und sie sind gewitzt genug, um richtige Schlüsse zu ziehen. Und mit elf Jahren beginnen sie, sich dem Einfluss der Eltern zu entziehen. Nur Gefahren können sie noch nicht richtig einschätzen. Und geraten die Ferien zu einem richtigen Abenteuer. Die Mädchen versuchen an die Bilder zu kommen, wozu auch schon mal die Verstecke der Jungs gefunden werden müssen. Und sie bekommen mehr vom echten Leben mit als ihnen eigentlich guttut. In einem beschaulichen Dorf geschieht mitunter mehr als ein Außenstehender vermuten würde.


Ferien in den 1970ern, das Leben ist oberflächlich ruhig, doch die Jugend ist rebellisch. Manchmal äußert sich das im Drogenkonsum, manchmal geschehen tödliche Unfälle und das Thema Terrorismus ist in aller Munde. Der kleine Ort an der Grenze zu Luxemburg wirkt wie ein Abbild eines beliebigen Ortes zu dieser Zeit, wobei es der Autor hervorragend versteht aus einer Schilderung der Ferienerlebnisse einen tollen Spannungsroman zu machen. Der Art der Erzählweise ist dabei möglicherweise geschuldet, dass einige Dinge vage bleiben. Dennoch kann man sich gut in die beiden 11jährigen hineinversetzten, die langsam aufmüpfig werden, aber noch nicht damenhaft sein müssen. Frech und burschikos radeln sie durch die Gegen, wobei immer eine vorneweg ist. Was entspringt der Phantasie der Kinder, was landet auf dem Schreibtisch von Ortspolizist Reiter? Ein fesselndes Ferienbild, das Erinnerungen an die eigenen Ferien weckt.


4 Sterne


Der Hochsitz von Max Annas

ISBN: 978-3-498-00208-4




Dienstag, 20. Juli 2021

Stunden der Entscheidung

Fährt der Interzonenzug von München nach Berlin am 13.August 1961 zum letzten Mal? Viele der Fahrgäste wollen in ihre ostdeutsche Heimat. Doch das Gerücht läuft durch den Zug wie ein Lauffeuer. „Sie bauen eine Mauer.“ Sollte dies der Wahrheit entsprechen, wäre es die vorerst letzte Chance im Westen zu bleiben. Wie wäre das für das Ehepaar mit zwei Kindern? Oder für die Mitglieder einer Band, die im Osten nichtmal ihren eigentlichen Namen führen dürfen? Wie würde die Ostdeutsche Lokführerin entscheiden, die den Zug hinter der Grenze im Westen übernimmt, um nach Berlin weiterzufahren?


Verschiedenste Charaktere treffen in diesem Zug aufeinander. Jung und alt, gesetzt oder im Aufbruch. Risse gehen teilweise durch die Familien und es ist fraglich, ob man trotz der Risse zusammenhalten wird. Und man kann sich auch fragen, ob in der DDR wirklich alles schlechter ist. Möglicherweise ist der Sozialismus in einigen Bereichen fortschrittlicher als der Westen, der an althergebrachte Werte anknüpfte. Kann man also die Augen verschließen und auf die Freiheit verzichten, die im Einzelnen vielleicht garnicht so groß ist? Die Reisenden stehen unerwartet vor diesem Dilemma und sie haben nur wenig Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. In etwas über drei Stunden werden sie die Grenze erreichen und im Zug bleiben oder aussteigen.


Am 13.August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum sechzigsten Mal. Aus diesem Anlass wird es einen TV-Film geben, der sich mit dieser Zugfahrt beschäftigt. Der Autor dieses Romans hat gemeinsam mit Beate Fraunholz auch das Drehbuch zu dem Film verfasst. Das erklärt vermutlich die szenischen Beschreibungen in kurzen Kapiteln, die dem Roman ein schnelles Tempo verleihen. Man ist dadurch auch sehr nah an den handelnden Personen, was einem einen eindringlichen Eindruck verschafft, wie diese Zugfahrt wohl abgelaufen sein könnte. Vielleicht kann man sich nicht in jeden gleich gut hineinversetzen, doch insgesamt ist man gepackt und berührt von den Schicksalen der Reisenden. Ein mitreißendes Buch, das sich relativ schnell inhalieren lässt und neugierig auf den Film macht.


4,5 Sterne


Dreieinhalb Stunden von Robert Krause

ISBN: 978-3-499-00758-3




Sonntag, 18. Juli 2021

Ein Hoch auf die Freundschaft

Seit ihrer Jugend geht Marie täglich schwimmen. Schon seit fünf Jahren ist ihr Mann Norm tot. Marie merkt, dass ihr Leben ärmer wird. Doch als die junge Theresa am Strand auftaucht und fragt, ob sie gemeinsam schwimmen wollen, ist Marie sehr erfreut. Zu ihren Treffen kommen bald auch Leanne und Elaine. Theresa nimmt sich diese morgendliche Zeit, obwohl sie mit ihren Kindern und ihrem Ehrenamt sehr eingespannt ist. Zum ersten Mal ins Meer wagt sich Leanne, die gerade erst schwimmen gelernt hat. Und Elaine ist gemeinsam mit ihrem Mann nach Australien gekommen, heimisch fühlt sie sich noch nicht.


Welch glückliche Fügung, dass diese vier unterschiedlichen Frauen ihr gemeinsame Liebe zum Schwimmen im Meer finden. Zunächst sind sie eher zurückhaltend und sie konzentrieren sich aufs Schwimmen. Doch nach und nach geben sie mehr von sich preis. Je mehr Vertrauen sie zueinander fassen, desto mehr ändert sich auch ihr Leben und das nicht nur in Bezug auf ihre aufblühende Freundschaft, sondern auch im Hinblick auf ihre Familien und Freunde. Ihre Zeit schweißt sie zusammen und öffnet sie für Neues. Natürlich ist nicht immer alles leicht, doch gemeinsam angegangen wird vieles leichter.


Ruhig beginnt dieser Roman, doch in der Ruhe liegt die Kraft. Man hat Zeit Marie, Theresa, Leanne und Elaine näher kennenzulernen. Und sie wachsen einem alle ans Herz mit ihren Problemen und ihrem Mut diese anzugehen. Nicht alle handelnden Personen sind sympathisch und manche wirken etwas oberflächlich, aber die vier Freundinnen reißen wirklich alles raus. Aus einer Phase des Innehaltens schaffen sie es, ihr Leben anzupacken und neu zu ordnen. Dabei sind sie warmherzig und einander zugewandt. Das macht die Lektüre zu einer berührenden Erfahrung. Solche Freundschaft wünscht man sich, die an den schlechten Tagen ebenso unterstützt wie an den guten. 


Dieser schöne gefühlvolle Familienroman kann nur wärmstens empfohlen werden.


4 Sterne


Der Shelly Bay Ladies Schwimmclub von Sophie Green

ISBN: 978-3-442-49053-3





Samstag, 17. Juli 2021

Zwei wie Pech und Schwefel

Liss hat sich allein auf dem Elternhof eingerichtet. Sie lebt bodenständig mit der harten Feldarbeit, wobei sie nicht jedes moderne Gerät nutzt. Sally dagegen ist jung und sie möchte nur ihre Ruhe haben. Bei ihren Eltern findet sie kein Verständnis, sie wollen sie behandeln, damit sie normal ist. Deshalb ist Sally kurz vor dem Abitur abgehauen. Und so landet sie im Dorf von Liss. Diese hat im Weinberg ihren Anhänger festgefahren und sie bittet Sally um Hilfe. Diese will sich wehren wie immer, doch sie merkt, dass es einfach nur eine Frage war, aus der Situation heraus und weil sie gerade da war. Und Sally hilft.


So beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Liss scheint im Dorf nur bei wenigen Leuten beliebt zu sein. So wie sie links liegen gelassen wird, lässt sie die anderen auch links liegen. Gesellschaft ist sie nicht mehr gewöhnt. Mit ihrer verschlossenen Art schließt sie nicht leicht Bekanntschaften. Sally, die so genommen werden möchte wie sie ist, findet bei Liss genau das. Liss fragt nicht viel und Sally erzählt nicht viel. Die Arbeit auf dem Hof, die Maschinen, die Früchte der Erde, das ist es was Liss erklären kann und das ist es, was Sally förmlich aufsaugt.


Die Bücher von Ewald Arenz sind alle gut bis sehr gut. Er hat einfach eine tolle Art zu schreiben. Auch wenn es am Schluss etwas sehr dramatisch wird, was nicht ganz zum Rest des Buches passt, wie der Autor die ungewöhnliche Freundschaft zwischen diesen sehr unterschiedlichen Frauen beschreibt, ist einfach klasse. Das einfache und arbeitsreiche Leben auf dem Hof kann man sich sehr gut vorstellen. Und immer wieder wird fast beiläufig eingeworfen, wie sich das Leben der Beiden bis zu diesem Punkt entwickelt hat. 


Es ist eines dieser Bücher, die man in die Hand nimmt und die man nicht mehr niederlegt bis man sie ausgelesen hat. Genau richtig für einen Sommertag im Garten zwischen alten Obstbäumen.


4,5 Sterne


Alte Sorten von Ewald Arenz

ISBN: 978-3-8321-6530-7




Freitag, 16. Juli 2021

Aus Graz

Im Jahr 1893 kommt der Polizeiinspektor Leo von Herzfeldt aus Graz nach Wien. Und mit ihm kommen neue Methoden, von denen allerdings kaum jemand etwas wissen will. Gleich wird Leo zu dem Auffindeort eines Mordopfers gefunden. Dummerweise fängt er den Kollegen gegenüber an, zu dozieren, was dazu führt, dass er wieder im Präsidium zu Arbeiten eingeteilt wird, welche niemand sonst verrichten will. Um von Herzfeldt aus dem Weg zu haben, wird ihm der Auftrag erteilt in einem offensichtlichen Selbstmord zu ermitteln. Am Zentralfriedhof lernt Leo den etwas knurrigen Totengräber kennen, der ihm zu unverhofften Einsichten verhilft.


Dieser Kriminalroman ist so aufgebaut, dass sich der Beginn einer Reihe vermuten lässt. Das wird auch bei einem Blick auf die Verlagsseite bestätigt. Inspektor Leopold von Herzfeldt musste aus Graz verschwinden, weil er seine Eltern sehr enttäuscht hat. Deshalb kann er von dort keine große Hilfe erwarten. Deshalb findet er sich in Wien in eher bescheidenen Verhältnissen wieder und hat nicht viel Unterstützung unter den Kollegen. Nur die Telefonistin Julia ist dem Kontakt nicht abgeneigt, doch auch sie ist zurückhaltend. Doch besonders dem Totengräber gegenüber benimmt sich Leo zunächst eher abweisend, obwohl dieser sich als intelligenter Denker erweist, der so manchen Hinweis zu geben vermag.


Der Autor ist mit seinen historischen Kriminalromanen bekannt. Und auch mit dem Beginn dieser neuen Reihe ist ihm ein toller Wurf gelungen. Er versteht es einfach, authentische Charaktere zu in einem ebenfalls authentischen Umfeld zu entwickeln. Man fühlt sich in die Zeit versetzt und hat das Gefühl, dass man wirklich einen Einblick in die Lebensweise bekommt. Dazu werden Kenntnisse von dem eher im Verborgenen wirkenden Berufsstand des Totengräbers vermittelt. Ja, der Tod gehört zum Leben. Das sollte man nicht vergessen. Wenn man es dann noch mit einen intelligent verwickelten Fall zu tun bekommt, vergrößert das die Freude am Lesen zusätzlich. Hier wird ein sympathisches Team in einem interessanten Setting vorgestellt, welches man sich unbedingt merken sollte.


4 Sterne


Das Buch des Totengräbers von Oliver Pötzsch

ISBN: 978-3-8649-3166-6




Mittwoch, 14. Juli 2021

Die Wunder

Die Familie Soria in Colorado bietet eine Anlaufstelle, wenn nur noch ein Wunder helfen kann. Die Familienmitglieder dürfen selbst allerdings nicht direkt helfen. Die Wunderbedürftigen brauchen oftmals ein zweites Wunder und auf dieses müssen sie manchmal recht lange warten. Deshalb hat sich am Ort eine gewisse Infrastruktur entwickelt. Die Cousins Daniel, Beatrice und Joaquin haben sich einen Traum erfüllt, indem sie einen Piratensender ins Leben gerufen haben. Eines Tages erreichen Tony und Pete den Ort, wobei Pete derjenige ist, der kein Wunder braucht. Bei ihm handelt es sich um entfernten Verwandten und er möchte einfach arbeiten.


Bei den Sorias handelt es sich um eine ungewöhnliche Familie, irgendwie können alle Wunder wirken, doch meist nimmt hauptsächlich einer diese Aufgabe wahr. Im Moment ist dies Daniel. Bei ihm handelt es sich um einen empfindsamen jungen Mann und deshalb lässt er es sich nicht nehmen, einer jungen Dame direkt zu helfen, um ihre Lage zu verbessern. Doch nun kommt die Dunkelheit über Daniel selbst und seine Cousins machen sich große Sorgen um ihn. Wie können sie ihn finden und ihm helfen. Vielleicht wäre es das Beste, Marista würde ihre Geschichte erzählen.


In die Geschichte mit den Wundern muss man sich erstmal hineinfinden und auch die Protagonisten wirken manchmal etwas schräg. Erst nach einer Weile entfaltet sich die Handlung, die neugierig macht und die Schicksale der Sorias und der Wunderbedürftigen, die sich ihnen anvertrauen, beginnen zu berühren. So erfährt man schließlich wieso Einzelne ein Wunder brauchten und wieso die Sorias nicht direkt Hilfe leisten können. Und natürlich brennt man darauf, zu erfahren, ob es gelingt, Daniel zu retten. Möglicherweise bringt Daniel durch sein vermeintliches Fehlverhalten seine Familie sogar weiter. Nach dem etwas schwierigen Anfang hat man hier einen warmen und gefühlvollen Roman mit übersinnlichen Elementen.


3 Sterne


Wie Eulen in der Nacht von Maggie Stiefvater

ISBN: 978-3-426-52282-0

Dienstag, 13. Juli 2021

Herzschmerz

Ein kleines Mädchen rennt verzweifelt durch den Wald. Die herbei gerufene Polizistin Meg Dalton hat Mühe das Kind zu beruhigen. Kein Wunder, im Elternhaus des Kindes wird der Vater tot aufgefunden und die Mutter kommt erst später zurück. Es ist völlig unklar, was geschehen ist. Allerdings hatte die 10jährige Abbie Blutflecken auf der Kleidung. Es stellt sich heraus, dass sie in ihren jungen Jahren schon eine Herztransplantation brauchte und dass sie seit der Operation unter Albträumen litt. Doch besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass das Kind den Vater umgebracht hat? Meg Dalton von der Peak District Polizei kann das nicht glauben.


In ihrem zweiten Fall soll Meg Dalton nicht nur die Umstände eines Todesfalls klären, sie plant auch aus familiären Gründen ein paar Tage frei zu nehmen. Ihr Chef kann das in der schwierigen Lage nicht verstehen und ihr Kollege Craig nimmt jede Gelegenheit wahr, Meg Stecken zwischen die Beine zu werfen. Dennoch bleibt Meg hartnäckig. Es wäre einfach, das kleine Mädchen zu bezichtigen den Vater getötet zu haben. Die Indizien sprechen dafür und der Fall wäre gelöst. Allerdings glaubt Meg das einfach nicht und so sucht sie nach Hinweisen, die auch eine andere Deutung zulassen.


Nachdem sich der erste Fall mit Meg Dalton sehr gut angelassen hatte, ist dieser zweite Fall doch etwas schwergängiger. Die Ermittlung beginnt spannend, entwickelt sich dann jedoch eher schleppend und wird glücklicherweise im weiteren Verlauf wieder fesselnder. Meg Daltons Stand bei der Polizei ist weiterhin schwierig, doch sie hält sich wacker und sie lässt sich selten zu unbedachten Äußerungen hinreißen. Die Probleme mit den Kollegen werden ein wenig ausgewalzt, man wünschte sich, es würde zu echten Entwicklungen kommen und es würden nicht nur diese Geplänkel stattfinden. Große Sorgen macht sich Meg um ihre Großmutter und auch ihre Mutter, diese unterstützt sie weiter hin nach Kräften. Insgesamt ein sehr ruhiger Fall, bei dem es zum Ende hin doch wieder packend wird.


3,5 Sterne


Das böse Herz von Roz Watkins

ISBN: 978-3-596-29912-6





Sonntag, 11. Juli 2021

Rentner haben nie Zeit

Als Kanzlerin hatte Angela auch nie Zeit und sie ist mit Bedacht ins beschauliche Kleinfreudenstadt in der Uckermark gezogen, damit sie ihre neue Zeit mit ihrem Mann und ihrem neu angeschafften Mops genießen kann. Allerdings merkt Angela schnell, dass es nicht so einfach ist, Kontakt zu den Menschen zu bekommen, wenn man neu ist und keinen Kanzlerbonus mehr hat. Da denkt Angela doch mit Sehnsucht an Berlin zurück. Als sie zu einer Veranstaltung auf das Anwesen derer von Baugenwitz eingeladen wird und dann der Hausherr tot aufgefunden wird, ist es für Angela mit der Ruhe vorbei. 


Endlich kann Angela ihren Kopf wieder einsetzen und sie merkt schnell, dass an diesem Tod etwas nicht stimmen kann. Ihr glaubt nur keiner, auch da ist der Kanzlerbonus weg. Aber mit ihrer zwar ruhigen und unaufgeregten Art lässt Angela nicht locker. Und sie hat Hilfe von ihrem Mann Achim und ihrem Personenschützer Mike, der manchmal denken mag, Flöhe hüten ist leichter. Und natürlich Putin, der Mops, der seine Nase gerne überall hineinsteckt und auf das eine oder andere Leckerli hofft. Man möchte fast hoffen, dass man hier irgendwann mal sagen kann, es sei Angelas erster Fall gewesen.


Das Hörbuch wird gelesen, nein, geschauspielert von Nana Spier. Ob das Buch gelesen genauso gut wirkt, muss jeder selbst herausfinden. Das Hörbuch jedoch erfreut außerordentlich. Fast würde man Frau Merkel so ein Rentnerleben wünschen und es bleibt zu hoffen, dass sie eine Ausfertigung des Buches/Hörbuchs bekommen hat und sich darüber amüsieren konnte. Vorstellbar ist es. Die gemeine Hörerin hat sich jedenfalls köstlich amüsiert. Da war es manchmal schwierig beim Einkaufen nicht laut loszulachen. Auch wenn Angela die, welche ihr nahestehen manchmal auf ihren Platz setzt, gelingt ihr das doch immer souverän. Und gerade ihre Geplänkel mit ihrem Achim sind so liebevoll geschildert, dass es einem einfach ein gutes Gefühl gibt. Dass sie dabei gewiefter ermittelt als die Polizei trägt ein Übriges zum Hörvergnügen bei. Auch wenn der Autor keine Serien schreibt, man würde Angela durchaus noch weitere Rentnerfälle wünschen.


4,5 Sterne


Miss Merkel von David Safier

ISBN: 978-3-7324-1867-1





Samstag, 10. Juli 2021

Friesen schaffen alles

Gemeinsam mit seiner Frau Laura hat es Kommissar Jan Benden nach Pellworm verschlagen. Nun ist Jan der einzige Polizist auf der Insel und somit immer im Dienst, aber auch immer für einen Schnack zu haben. Laura betreut die Ferienwohnungen und die gemeinsame Tiermenagerie. Die beiden Nordrhein-Westfalen sind froh, den Großstadtstress los zu sein. Bis eines Morgens ein Toter auf einer Parkbank auf dem Deich sitzt. Natürlich ruft dies Tamme, den selbsternannten Polizeiassistenten, auf den Plan. Dieser wortkarge Hüne macht sich so seine Gedanken und er wäre allzu gerne ein richtiger Polizist. Schnell stellt sich heraus, dass der Tod nicht ganz so natürlich war.


Aus der Stadt sind Jan und Laura eine andere Schlagzahl gewöhnt. Dennoch genießen sie in ihrem ersten Fall die Ruhe der friesischen Insel, auf der es Mord und Totschlag eigentlich nicht gibt. Allerdings ist durchaus merkbar, dass es Beiden in den Fingern juckt, mal wieder in eine ernsthafte Ermittlung einzusteigen. Als Inselpolizist ist Jan dafür aber nicht zuständig, er muss die Kollegen der Kriminalpolizei aus Flensburg hinzu rufen. Zwar übernehmen die und lassen Jan spüren, wo sein Platz ist, zum Glück hält das Jan nicht davon ab, seine Nase in die Untersuchung zu stecken. Immerhin hat er nach einem halben Jahr den Flensburgern eine gewisse Ortskenntnis und einige plattdeutsche Sprüche voraus.


In der NDR Mediathek ist ein kleiner Film über das Buch und seine Autoren zu sehen, mit dem ein Eindruck gegeben wird, wie dieser Roman entstand. Fast als hätte eine höhere Macht es verfügt, traf die Autorin den Inselpolizisten, der gleichzeitig ihre Ferienwohnung vermietete. Und so steckt viel authentisches Pellworm und Inselpolizist in diesem Buch. Man spürt die Verbundenheit zu Land und Leuten. Auch wenn zu Beginn etwas zu reichlich so geben die Beschreibungen doch einen schönen Eindruck von der Landschaft und den teilweise urigen Schauplätzen. Je mehr Hinweise Jan und - natürlich kann es auch die ehemalige Polizistin nicht lassen - Laura finden, desto mehr gewinnt der Kriminalroman an Fahrt und nimmt einige überraschende Wendungen. Von dieser Reihe ist bereits der zweite Band angekündigt, was in Anbetracht der sympathischen Ermittler und des tollen Settings sehr erfreulich ist. 


4 Sterne


Wattenmeermord von Katja Lund und Markus Stephan

ISBN: 978-3-7341-0929-4





Sonntag, 4. Juli 2021

Flüchtige Erinnerung

Im Jahr 1714 soll Adeline LaRue heiraten, sie soll in ihrem kleinen französischen Dorf bleiben, Kinder haben und relativ früh ausgezehrt sterben. Nein, das ist nicht ihr Weg. Obwohl ihre mütterliche Freundin Estele sie warnt, sich an die Geister zu wenden, die nur in der Dunkelheit hervorkommen, schließt Adeline mit eben einem solchen einen Pakt. Sie darf frei sein, doch die Freiheit hat einen hohen Preis. Addie gewinnt Jugend und möglicherweise ewiges Leben, doch sie schwebt durch die Zeit wie ein Geist, niemand erinnert sich an sie. Bis eines Tages alles anders ist.


Welch ungewöhnliches Schicksal erlebt Adeline LaRue, die viel lieber Addie ist. Wie ein flüchtiger Schatten reist sie durch die Jahre und Jahrzehnte. Menschen, die sie treffen, vergessen sie sobald sie ihr den Rücken kehren. Das gibt ihr große Freiheit, aber sie ist dadurch auch heimatlos und ohne Bezugsperson. Falls sie doch einen Bezug gewinnt, so merkt nur Addie dies, der andere vergisst immer wieder. Allerdings kann sie sich nehmen was sie braucht, selbst wenn sie mal was klaut oder in eine Wohnung eindringt, ist es sofort vergessen. Der, der ihr gab, will auch nehmen, doch Addie findet auch nach Jahrhunderten immer noch Dinge, die sie entdecken kann, sie gibt nicht auf.


Mit fast sechshundert Seiten ist dieser Roman mit phantastischen Einflüssen ein echter Brocken. Gerade zu Beginn stellt dies doch ein kleines Hindernis dar, denn die Handlung entwickelt sich recht langsam und zumindest eine gewisse Gefahr besteht, dass man aufgibt. Doch setzt man eine Weile ab und liest dann weiter, erschließt sich auf einmal der Reiz dieses ungewöhnlichen Werkes. Plötzlich gelingt es, sich in Addie hineinzuversetzen. Ihr langes Leben durch mehrere Jahrhunderte. Ihre Einsamkeit, selbst ihre Eltern können sich nicht mehr an sie erinnern. Die Schwierigkeiten sich mit dem Einfachsten zu versorgen. Doch auch ihre Freude an Neuem, sei es neue Sprachen, neue Länder oder neues Essen. Nur mit den neuen Menschen ist es schwierig, denn die erinnern sich ja nicht. Wird sie irgendwann ihre Seele aufgeben? Nach kleinen Anfangsschwierigkeiten bannt einen Addie LaRue vor die Seiten.


4 Sterne


Das unsichtbare Leben der Addie LaRue von VE Schwab

ISBN: 978-3-596-70583-8




Samstag, 3. Juli 2021

Licht über der See

In Syrien kommt der Arzt Farouk zu dem Schluss, dass es das Beste ist, mit seiner Frau und seiner Tochter das Land zu verlassen. Es wird einfach zu gefährlich, denn seine Frau, die manche westliche Einstellungen pflegt, wird argwöhnisch beäugt. Die beschwerliche Reise soll sie über den Seeweg nach Europa führen. In Irland vermisst Lawrence einen Vater. Seine Mutter hat nie etwas erzählt und sein Großvater, der sich gut um ihn gekümmert hat, ist eben nicht der Vater. Auch sonst kommt sich Lawrence abgehängt vor. Schließlich ist da John, der weiß, dass er im Leben nicht viel Gutes vollbracht hat.


Drei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Und doch geht es um drei Männer, deren Schicksal ihnen schwere Momente auferlegt hat. Farouks Flucht verläuft dramatisch und tragisch. Lawrence hat es zu nicht so viel gebracht, hat ihm der Wille gefehlt oder doch ein Vater. Konnte ihm der gutmütige Großvater nicht genug sein. Es sind die Gelegenheiten, die er selbst nicht wahrgenommen hat, denen er nachtrauert. Und John sinniert über sein Leben, das gezeichnet ist durch den frühen plötzlichen Tod seines Bruders. Und die Unfähigkeit Johns wie sein Bruder zu sein oder gerade wie ein anderer.


Der Roman beginnt mit den Geschichten der drei Männer und führt zu einem mitreißenden Finale, welches die Fragen beantwortet, die sich während der Lektüre der anderen Abschnitte aufbauen. Äußerst stark ist der Beginn dieses Romans. Mit ungläubigen Schrecken erfährt man von einer fremden Welt, aus der für gemäßigte Kräfte tatsächlich die Flucht der einzige sich bietende Ausweg scheint. Die perfiden Machenschaften der Schleuser lassen einen sprachlos vor Entsetzen zurück und auch der weitere Verlauf lässt einen Schlucken. Dagegen wirken die beiden mittleren Kapitel etwas zurückgenommen, obwohl auch sie folgerichtig auf den abschließenden Teil hinführen. Dieser ist sehr gelungen, so zwingend, als hätten die vorherigen Berichte nur zu diesem Schluß führen können. Das ist klasse gemacht.


4 Sterne


Die Stille des Meeres von Donal Ryan

ISBN: 978-3-257-07116-0




Donnerstag, 1. Juli 2021

Submarine

Ihre Tochter sollte in Amerika zur Schule gehen und studieren. Deshalb ging Youg mit ihrer Mary in die USA. Pak, ihr Mann, blieb in Korea. Um das Ganze finanzieren zu können, nahm Young einen Aushilfsjob bei einer anderen koreanischen Auswandererfamilie an. Allerdings erwies sich die Stelle als ein mehr als Vollzeitjob, so dass für Mary kaum Zeit blieb. Jahre später haben sie es aber geschafft, glauben sie. Pak ist nachgekommen und gemeinsam haben sie sich mit einer Überdruckkammer selbstständig gemacht, in der sie ihren Patienten Hilfe anbieten. Doch schon bald geschieht ein tragischer Unfall mit zwei Todesfällen.


Im Prozess ein Jahr später ist die Mutter eines der Opfer angeklagt. Während weniger Gerichtstage berichtet die Autorin aus der Angeklagten un der Zeugen von dem tragischen Geschehen und wie es möglicherweise zu dem Unfall kam. Immer neue Details kommen ans Licht, die der vermeintlichen Wahrheit neue Aspekte verleihen. Da wurde viel verschwiegen, anders erzählt oder anders gedeutet. Und es geht auch um die Patienten und ihre Angehörigen. So soll die Behandlung körperlich, geistig oder seelisch schwer eingeschränkten Kindern Erleichterung bringen. Ob das gelingt, ist nicht das vorherrschende Thema. Eher geht es darum, wie sich vornehmlich die Mütter aufopfern, um ihren Kindern das bestmögliche Leben zu geben und wie schwer sie mitunter daran tragen, dass es nicht immer die erhofften Fortschritte gibt.


Dieser ruhige Spannungsroman packt durch seine Vielschichtigkeit. Immer wieder werden neue Lagen enthüllt, die eine andere Sicht auf das Geschehen eröffnen. Schon vom Beginn, dem Tag des Unfalls, bis zum Start des Prozesses werden die vorgefassten Meinungen durcheinander gewirbelt. Und je tiefer man durch die Aussagen und Gedanken der Berichtenden ins Geschehen eintaucht, desto mehr und andere Facetten ergeben sich. Man stellt fest, dass sich Einschätzungen zwangsläufig ändern und damit ändern sich auch Sympathien. Es ist der Autor sehr gut gelungen zu fesseln und zu überraschen.


4 Sterne


Miracle Creek von Angie Kim

ISBN: 978-3-446-26630-8