Donnerstag, 31. Januar 2019

Die Klinge


Nur um eine Möglichkeit zu haben, ihre Erzfeinde zu töten, begibt Mia Corvere in die Sklaverei. Sie will an den großen Spielen teilnehmen, in denen dem Sieger in die unmittelbare Nähe von Kardinal Duomo und Konsul Scaeva gelangt. Das wären zwei auf einen Streich und Mia wäre endlich frei. Doch bevor sie ihren großen Kampf antreten kann, muss Mia durch die harte Schule der Sklaverei gehen und mehrere kleine Kämpfe bestehen. Dabei stellt sie fest, dass unter den Sklaven Menschen sind, denen sie nur Gutes wünschen würde. Sie wird es nicht verhindern können, gegen eben diese lieb gewonnenen Menschen anzutreten.

Die Geschichte geht weiter in diesem zweiten Band der Trilogie um Mia Corvere. Neben einigen ausufernden Schlacht- und Kampfszenen, während derer das Blut nur so spritzt, erfährt Mia auch mehr von ihren Eltern, ihrer Vergangenheit und sie beginnt über Herrn Freundlich, ihren Schatten, der keine Katze ist, nachzusinnen. Ist sie trotz ihrer Jugend schon abgebrüht und herzlos, eine kaltblütige Mörderin geworden? Ihr höchstes Ziel bleibt jedoch die Rache an den Mördern ihrer Familie und dazu muss sie einfach den Kampf suchen.

Die Geschmäcker sind häufig unterschiedlich und häufig empfindet man auch einen zweiten Band als Vorbereitung zum Finale eher als nicht ganz so spannend. Dieser zweite Band kann jedoch als eine Steigerung zum ersten empfunden werden. Obwohl auch hier ein deutliches Gewicht auf schon sehr deutlichen Kampfszenen liegt, erfährt man mehr zu Mias Hintergrund und es gibt einige Offenbarungen, mit denen vorher nicht zu rechnen war. Dadurch bekommt die Handlung einen besonderen Dreh und man fragt sich, wie Mia im noch folgenden dritten Band zum einen zu ihrer Rache kommen will, zum anderen aber die Informationen verarbeitet, die ihr eigenes Denken eigentlich verändern müssten. Mit diesem zweiten Band gewinnt die Handlung an Tiefe und die Neugier auf das Finale ist geweckt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Nevernight - Das Spiel von Jay Kristoff
ISBN: 978-3-7324-5204-0


Mittwoch, 30. Januar 2019

LIeblingskanu


In der Gaststätte seiner Eltern hilft Malcolm nach der Schule häufig aus. Gerne paddelt er mit seinem Kanu zum Kloster der Schwestern, denen er ebenfalls kleine Handreichungen abnimmt. Überall ist Malcolm beliebt und obwohl er noch jung ist, gelingt es ihm schon Smalltalk mit den Gästen zu halten. So bekommt er am Rande mit, dass ein erst sechs Monate altes Mädchen in die Obhut der Schwestern gegeben wird. Besonders Schwester Fenella kümmert sich liebevoll um das Baby. Schnell merkt Malcolm, dass es mit dem Kind etwas auf sich haben muss. Seine Mentorin Dr. Hannah Relf, in deren umfangreicher Bücherei er sich unterschiedliche Werke ausleihen darf, scheint mehr zu wissen als sie zunächst offenbart.

Nach langer Zeit hat der Autor ein Prequel zu seiner His Dark Materials Reihe geschrieben. Dieser Band setzt kurz nach Lyras Geburt ein und schon jetzt gerät Lyra in Gefahr. Gut, dass es den 11jährigen Malcolm gibt, der sich neben den Schwestern des Klosters ihrer annimmt. Oft sucht er das Kloster auf, um sich mit der Kleinen zu beschäftigen. Zunächst scheint Lyra im Kloster gut aufgehoben, auch wenn die Schwestern schon bald Sicherungsmaßnahmen für notwendig erachten. Hin und wieder tauchen auch seltsame Gäste in der Wirtschaft von Malcolms Eltern auf, die eigenartige Fragen stellen.

Ein spannendes Buch über die ersten Monate von Lyras Leben und ein interessanter Reihenbeginn. The Book of Dust soll die bereits bestehende Reihe einrahmen, so dass dieser erste Band früher einsetzt und der Folgeband später als His Dark Materials. Eine gute Idee eigentlich, gewinnt man so doch Zeit, sich bis zum Erscheinen des nächsten Buches nochmal mit der ursprünglichen Reihe zu beschäftigen. In dem vorliegenden Roman spielt der junge Malcolm die Hauptrolle, ein Abenteurer, aber auch ein Hüter des kleinen Mädchens. Neugierig und umsichtig durchschreitet er seine Welt und gewinnt dabei Freunde und Verbündete. Doch im Rahmen der Umtriebe um Lyra gibt es auch böse Menschen, vor denen er sie mit bemerkenswertem Einsatz beschützt.

Ein lesenswertes Jugendbuch mit einer phantasievollen und teilweise etwas düsteren Geschichte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Book of Dust #1: La Belle Sauvage von Philip Pullman
ISBN: 978-0-241-36585-4


Montag, 28. Januar 2019

Post Europa


Im Jahr 2052 hat sich nach dem großen Zusammenbruch der Weltwirtschaft ein neues System herausgebildet. Die Grenzen der Regierungseinheiten orientieren sich nicht mehr an den ehemaligen willkürlich gezogenen Landesgrenzen, sondern an den natürlichen Wasserscheiden der Flüsse. Auch wenn es zunächst eine Zeit des dramatischen Niedergangs gab, ist die Menschheit inzwischen wieder dabei florierende Wirtschaftssysteme zu bilden. In Wien wird eben jetzt ein Freund und Arbeitskollege von David Jonas getötet. Möglicherweise hatte sein Tod etwas mit den geheimnisvollen Andeutungen zu tun und einem Datenträger, den er David übergeben hat. In Rom gerät Gianna Marconi ins Visier eines Mörders, weil sie geheime Unterlagen aus dem Vatikan für eine ihrer Reportagen verwenden wollte.

Auch nach dem Crash muss die Welt nicht komplett verloren sein. Nach dem Zusammenbruch der Finanz- und Versicherungsmärkte, dem Platzen der Kreditblase, verlieren die meisten Menschen ihre Rücklagen. Manche zerbrechen daran, andere fangen von Null an, adaptieren die veränderten Gegebenheiten. Nach und nach bildet sich ein anderes System, aber doch ein System, etwas, wonach sich die Menschen richten können, was ihrem Leben Struktur gibt. Doch nach etlichen Jahren ist die neue Welt zwar anders, aber doch ähnlich. Wieder bilden sich reiche und arme Landstriche, wieder gibt es Wohlhabende und solche, die das Nachsehen haben. Was also kann in der geheimnisvollen Datei verborgen sein, dass dafür über Leichen gegangen wird.

Ein Autor, der sein Buch schreiben musste, es im Selbstverlag herausbringt und es dann mit all seinen Fehlern und Ungenauigkeiten dem Publikum überschreibt. Ein ungewöhnlicher Ansatz, der durchaus funktioniert, denn trotz der kleinen Unzulänglichkeiten ist dem Autor ein spannender post-apokalyptischer Thriller gelungen. Keine große Naturkatastrophe zerstört die Welt, nein, die Geldmengenblase auf den Finanzmärkten platzt. Ein Szenario, das einer künftigen Realität durchaus nahekommen kann. Und die Menschheit fängt wieder an, sie bildet wieder Strukturen. Ein hoffnungsvoller Ansatz, würde es nicht wieder Probleme geben, deren angestrebte Lösungen den vorherigen in großen Teilen ähnlich sind. Geschickt werden die verschiedenen Handlungsstränge aufeinander zugeführt und ergeben dann einen spannenden Thriller, der für die Gegenwart das Fürchten lehrt und für die Zukunft befürchten lässt, dass zwar wieder nichts gelernt wird, die Welt aber doch weiter besteht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wasserscheiden von Alfred DeMichele
ISBN: 978-3-7438-6645-4


Sonntag, 27. Januar 2019

Lady Anne


Im Dorsetshire des Jahres 1348 lebt Lady Anne mit ihrem Mann Richard und der Tochter Eleanor. Es ist entschieden, dass die jugendliche Eleanor heiraten soll und Lord Richard macht sich auf den Weg, den Bräutigam in Augenschein zu nehmen. Am Ziel macht zunächst nur das Gerücht die Runde, dass eine seltsame tödliche Krankheit grassiert. Zu spät ruft Sir Richard seine Mannen zum Aufbruch. Kurz bevor sie in Develish ankommen sind die meisten von ihnen schon erkrankt. Nur Gyles, der Zahlmeister, scheint gegen die Krankheit gefeit. Er pflegt die Reisenden bis sie verstorben sind und fühlt sich schuldig, weil er überlebt. 

Im Süden Englands mag die Krankheit etwas eher angekommen sein als die offizielle Geschichte schreibt. Die bisher eher als Autorin von Kriminalromanen bekannte Minette Walters schildert in diesem Mittelalterroman wie eine kleine Siedlung versucht, der Pest zu begegnen. Obwohl Lady Anne noch nicht allzu alt ist, wirkt sie beinahe wie eine weise Frau. Schon kurz nach der Hochzeit hat sie zum einen erkannt, dass ihr Mann ein ganz übles Exemplar ist und zum anderen hat sie ihre Untergebenen als Menschen erkannt und anerkannt. Sie teilt ihr Wissen mit den Bediensteten, sie lehrt sie Lesen, Schreiben und Rechnen und sie ist offen gegenüber Ratschlägen. Auch wenn Richard es gerne anderes hätte, seine Burg am Leben erhält Lady Anne. Leider schlägt Eleanor sehr nach ihrem Vater. Sie handelt ebenso gemein und hinterhältig wie er. 

Beklemmend ist die Beschreibung der Auswirkungen der Krankheit, die damals noch keinen Namen hatte. Die schnelle Ausbreitung und die hohe Todesrate müssen sehr erschreckend für die Menschen gewesen sein. Die Weisheit Lady Annes, sich abzuschotten, hat allerdings nicht nur Positives zur Folge. Die kleine Gemeinschaft wird auf sich selbst zurückgeworfen und unterschwellige Feindseligkeiten treten zutage. Lady Anne strahlt eine ruhige Stärke aus, wirkt jedoch sehr beherrscht und kühl. Ihre Tochter Eleanor vermag zwar manchmal Mitleid zu wecken, aber keine Sympathie. Kennt man die Autorin von ihren Krimis erwartet man eine Art spannenden Mittelalterthriller. Von der behäbigen Erzählweise wird man dann zwangsläufig etwas enttäuscht sein. Hat man sich dann an die langsam voranschreitende Entwicklung gewöhnt, hat man ein intelligentes Portrait einer eng begrenzten Kommune, mit all ihren Strömungen unter der geschickten Führung einer starken Frau, die ihrer Zeit voraus war. Gut zu wissen ist dabei, dass es sich bei diesem Roman um den ersten Band einer Reihe handelt.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Last Hours von Minette Walters
ISBN: 978-1-76063-214-4


und hier das Cover der deutschsprachigen Ausgabe


Freitag, 25. Januar 2019

Familie Strebel


Luischen Strebel ist das letzte Kind von Martha und Carl. Doch wie jedes Nesthäkchen ist sie etwas Besonderes speziell für ihre Mutter, die sich freut, aber keine weiteren Kinder mehr möchte. In der Paulstraße wohnen sie zwar etwas beengt aber gut und mit netten Nachbarn. Im Jahr 1921 geht es in Gleiwitz, Schlesien, wirtschaftlich nicht so gut. Doch die Stadt der Kohle strebt auf. Luise wächst recht behütet auf. Mit ihrer besten Freundin Magda zieht sie durch die Gassen, gerne geht sie zur Schule, wobei Mathematik ihr Lieblingsfach ist. Doch die politischen Entwicklungen gehen weder an der Familie noch an Luischen vorbei.

Anhand des Schicksals der Familienmitglieder der Strebels, derer Freunde, Verwandten und Bekannten berichtet die Autorin von der Geschichte der Stadt Gleiwitz, Gliwice in Oberschlesien. Eine Gegend, die immer schon eine Nähe zu Polen hatte, die geprägt von frühen Industriebetrieben auch einen Verkehrsknotenpunkt bildete. Hier lebt Carl Strebel als Bahnbeamter friedlich nachdem der große Krieg überstanden ist. Bald schon muss er sich jedoch damit auseinandersetzen, dass seine Söhne in Streit geraten. Während Konrad mit seiner polnisch-stämmigen Frau ein eher unpolitisches Leben führen möchte, strebt Heinrich schon früh nach einer Parteikarriere. Und wie schon mehrfach in der Gegend geht es in der Grenzstadt hin und her zwischen Polen und Deutschland.

Mit berührenden und ehrlichen Worten macht die Autorin das Leben der Menschen in Gleiwitz, Gliwice vom frühen 20. Jahrhundert bis in die heutige Zeit glaubhaft und lebendig. Fröhlichkeit und Mut stehen neben Leid, Trennung und Krieg. Welch extreme Gegensätze es innerhalb einer Familie geben konnte, wo sich wie so oft mäßigende Einflüsse nicht durchsetzen konnten. Tief taucht man ein in die Vorkriegs- und Kriegsjahre, erfährt hautnah, dass es zwar auch in grausamen Zeiten schöne Momente geben kann, dass das Leid, verursacht von fehlgeleiteten Machthabern, aber nie zu etwas Gutem führt. Nach dem Ende von Kriegen sind einfach zu viele Menschen gefoltert, getötet, ermordet. Überlebende Familien auseinander gerissen und Flüchtlinge nirgends gern gesehen. Wie hieß es nicht von Carl Sandburg „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Wenn die Menschen nur auf ihn hören würden. Was geschieht, wenn die Menschen sich verleiten lassen, ist sehr anschaulich im Anhang dieses Buches nachzulesen.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Vergiss kein einziges Wort von Dörthe Binkert
ISBN: 978-3-423-28964-1


Mittwoch, 23. Januar 2019

Zehn Jahre später


Ein junges Mädchen wird tot aus dem Kanal geborgen. Sie war Studentin am St. John’s in Dublin. Die Art wie sie starb erinnert sehr an eine Serie von Todesfällen, die vor zehn Jahren stattgefunden haben. Das kann eigentlich nicht sein, denn der Mörder sitzt seit eben diesen zehn Jahren hinter Gitter. Möglicherweise handelt es sich um einen Nachahmungskiller und der Verurteilte könnte der Polizei weiterhelfen. Dieser weigert sich allerdings mit den Beamten zu reden, er verlangt ein Gespräch mit seiner damaligen Freundin Alison. Diese lebt inzwischen in den Niederlanden, sie erklärt sich dennoch bereit, zu kooperieren. Sie ist nie über die damaligen Ereignisse hinweg gekommen.

Nachdem ihr Freund verhaftet wurde, hat Alison Irland verlassen und ist nie zurückgekehrt. Zu sehr fürchtete sie sich vor dem, was die Leute denken, wie sie anstarren. Am Schlimmsten aber, warum hat sie nichts gemerkt? Deshalb ist ihr Wunsch, wieder mit den Geschehnissen konfrontiert zu werden, nicht gerade groß. Nur die Befürchtung, es könnten noch weitere Studentinnen in Gefahr sein, überzeugt sie, den Weg nach Hause anzutreten. Ein schwerer Gang, denn Erinnerungen kommen wieder hoch. Und auch Verdrängtes kommt nach und nach wieder ans Licht. 

Zum einen mit Rückblenden, zum anderen in der laufenden Ermittlung werden die Frauenmorde beleuchtet. Zu Beginn, während sich Alison noch dagegen sträubt, den Ermittlern zu helfen und auch in den Rückblenden erst die Zeit des Studiums beginnt, entwickelt sich die Geschichte recht langsam. Je mehr Alison versucht, sich an die damaligen Ereignisse zu erinnern, je mehr sie sich dem Geschehen stellt, desto packender wird die Geschichte. Was geschah vor zehn Jahren wirklich? Ist tatsächlich ein Nachahmungstäter am Werk? Kann es für Alison durch die Aufarbeitung einen Fortschritt geben? Werden sich die Ereignissen auch für sie in einem anderen Licht darstellen? Durch die intensive Beschäftigung mit den Morden von vor zehn Jahren und die Hinweise, die Alison von den Polizisten erhält, kann Alison einiges aus einen anderen Blickwinkel sehen. Durch diese Entwicklung wird man als Leser nach und nach immer mehr in den Bann des Geschehens gezogen und darf einige Überraschungen erleben. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ich bringe dir die Nacht von Catherine Ryan Howard
ISBN: 978-3-499-27494-7


Dienstag, 22. Januar 2019

Das Ex-Monster


Der Ire Donal MacFadden ertrinkt im Schwabinger Bach in München. Gefunden wird er von einem Spaziergänger, der mit seinem Hund Gassi geht. Eigentlich sieht alles nach einem Unfall aus. Hauptkommissarin Patsy Logan soll nur die näheren Umstände abklären, damit die Sache zu den Akten kann. So leicht macht sie es sich und den Angehörigen des Toten allerdings nicht. Zu unbeliebt war MacFadden und so ist zunächst mal nicht auszuschließen, dass eine böse Absicht mit im Spiel war. Keine einfache Situation für Patsy, die durch ihre private Situation manchmal gehindert ist, sich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.

Wer kennt das nicht. Manchmal gibt es im Leben eben Zeiten, in denen andere Dinge wichtiger sind als die Arbeit. Und doch muss man funktionieren und seinen Mann oder seine Frau stehen. Zum Glück ist Patsys Instinkt nicht völlig außer Kraft. Was sie über den Toten und seine Familie erfährt, macht es ihr unmöglich an einen Unfall zu glauben. Allerdings hat sie nichts Greifbares, um ihr Gefühl zu untermauern. Wo könnte der Hund begraben sein? Wenn es doch nur nicht so viele Ablenkungen gäbe. So weiß Patsy neben anderen Dingen nicht so recht, ob sie sich über den Besuch ihres jüngeren Bruders Robbie freuen soll. 

In guten wie in schlechten Tagen heißt es häufig bei der Eheschließung. Wer Patsy aus ihrem ersten Fall kennt, wird sich vermutlich erinnern, dass es gewisse Forderungen ihrer Schwiegereltern gibt, die sich nicht so leicht erfüllen lassen. Kein Wunder also, dass Patsy in ihrem Bemühen als Ehefrau alles richtig zu machen abgelenkt ist, zumal ihre Bemühungen noch nicht so erfolgreich waren wie erhofft. Da läuft die Arbeit auf Autopilot. Natürlich hat Patsy dennoch sämtliche Antennen auf Empfang, wenn es um einen ungeklärten Todesfall geht. Und in das Seelenleben der irischen Gäste kann sie sich als Halbirin natürlich besser einfühlen als ihre Kollegen. Und so bohrt sie in gewohnter Manier nach, um erstmal nichts zu finden. Man leidet mit Patsy mit, wenn sie zwar nach außen cool innerlich aber doch getroffen und betrübt ist. Man wühlt mit ihr in den Familienbeziehungen der MacFaddens. Sie nimmt einen mit in ihre Gedankenwelt und so kann man bei der Lösung des Falles immer dicht bei ihr bleiben und eine fesselnde Lektüre erleben, in der bayrische Grantelei mit irischer Schwermut kombiniert wird. Patsy Logan ist eine Ermittlerin, die man nicht mehr missen möchte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schwarze Seele von Ellen Dunne
ISBN: 978-3-458-36383-5


Werbung gem. TMG:

Wenn ihr mögt, schaut doch auch mal auf die Verlagsseite

Montag, 21. Januar 2019

Deutscher Krimipreis International 2019


Mikamis Tochter ist verschwunden, sie haderte mit ihrem Aussehen, das nach ihrem Vater kommt. Als Pressesprecher bei der Polizei setzt Mikami alles in Bewegung, um seine Tochter zu finden. Er ist überzeugt, dass die drei Schweigeanrufe, die er und seine Frau bekommen haben, von ihr getätigt wurden. Die Suche nach der Tochter lenkt Mikami nicht von der Arbeit ab, als noch relativ neu eingesetzter Pressesprecher muss er bei den Presseleuten einige Schwierigkeiten überwinden. Und nun wird auch noch der Besuch eines hohen Beamten aus Tokio angekündigt, der den Vater eines Entführungsopfers aufsuchen will. Ein seit vierzehn Jahren ungelöster Fall, der von Verjährung bedroht ist. 

Mikami ist wie zerrissen, eigentlich möchte er sich nur um die Suche nach seiner Tochter kümmern. Immerhin hat er hier seine gesamte Kollegenschaft hinter sich. Doch auch die Arbeit fordert seine volle Aufmerksamkeit. Besonders den Besuch gilt es vorzubereiten. Der Vater des vor Jahren entführten und zu Tode gekommenen Mädchens scheint allerdings kein großes Interesse haben, den Polizeioberen zu empfangen. Er scheint das Vertrauen in die Polizei verloren zu haben. Die Überzeugungsarbeit, die Mikami leistet, fruchtet nur in geringem Maß. Misstrauisch geworden, beginnt Mikami zu untersuchen, weshalb der alte Mann so reagiert. Er ahnt nicht, was er damit lostritt.

Die Lektüre gerade beendet, schon bekommt dieser Roman den deutschen Krimipreis 2019 in der Sparte International verliehen. Eine Ehrung, die diesem umfangreichen Werk wohl zusteht. Der japanische Autor entführt einen in den Moloch der japanischen Polizeiverwaltung. Wie kann das spannend sein, könnte man sich fragen. Nun, nach der Lektüre wird es keinen Zweifel mehr geben, dass sich hinter einer eher trockenen Thematik eine fesselnde Geschichte verbergen kann. Die Verwaltungsstrukturen, die inneren Zwänge, das Hadern Mikamis damit, seine Sorge um die Tochter, die ihn so Manches ertragen lässt, was er unter anderen Umständen wohl verweigern würde. Die Art, wie die Ränkespielchen innerhalb der Verwaltung dargelegt werden, mag einem zunächst etwas sperrig vorkommen, doch schon nach wenigen Kapiteln ist man gefangen genommen und die fast 800 Seiten sind wie im Flug gelesen.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

64 von Hideo Yokoyama
ISBN: 978-3-8553-5017-9


Mittwoch, 16. Januar 2019

Klapperlatschen


Mit ihren Klapperlatschen klappert sie durch Brinkebüll und kündet vom nahenden Untergang, deshalb wird sie im Dorf nur Marret Ünnergang genannt. Jahre später kehrt der auch nicht mehr ganz junge Ingwer Feddersen in sein Dorf zurück. Der Archäologe hat sich ein Jahr Auszeit an der Uni Kiel genommen, wo er als Hochschullehrer tätig ist. Ein Jahr, dass er seinen Großeltern schenken möchte, die inzwischen beide über 90 etwas Hilfe benötigen. Seine Großmutter Ella ist noch rüstig, allerdings der Geist will nicht mehr. Beim Großvater Sönke ist es gerade umgekehrt, der Geist ist klar, der Körper klapprig. Für Ingwer beginnt eine Zeit der Hingabe, aber auch der Erinnerung und Besinnung auf das, was er eigentlich will.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit mäandert dieser gehaltvolle Roman hin und her. Man erlebt die Zeit des langsamen Niedergangs eines norddeutschen Dorfes. Von der Flurbereinigung in den 1960ern an bis in die Gegenwart wird in anrührenden Episoden berichtet, wie es mit dem Dorf und seinen skurrilen Charakteren immer weniger wird. Da werden scheinbar nicht nur Wiesen und Felder begradigt, auch die knorrigen Dorfbewohner scheinen in jeder Generation eine Runderneuerung zu erleiden. Schließlich ist Sönke noch eines der wenigen verbliebenen Originale auch Dörpsmensch genannt. Immer noch betreibt er seinen Dorfkrug, der fast genauso vereinsamt ist wie das Dorf und seine Bewohner.

Sehr einfühlsam beschreibt Dörte Hansen das Schicksal des fiktiven Brinkebüll, das sie zwar in Norddeutschland verortet hat, das aber vermutlich auch in jeder ländlichen Gegend gewachsen sein könnte. Urige Dörfchen mit Klein- und Großbauern, einer Gastwirtschaft, ein Tante Emma Laden, vielleicht eine Bäckerei, ein Schlachter und eine Werkstatt. Viele Leser kennen es wahrscheinlich. Was es einmal gab und was noch da ist. Wenn Felder und Wiesen wegen der Flurbereinigung getauscht werden sollten, die Straßen gemacht wurden, und ein Gewerbe nach dem anderen verschwand. Doch in jedem Verschwinden liegt auch eine Erneuerung. Die heimelige, aber auch stichelige Stimmung verschwindet. Doch eine Dorfgemeinschaft kann sich auch neu finden. Und so ist dieser Roman von Melancholie, Wind und Abschied geprägt, auch von Aufbruch, Humor und Liebe zum Land. 

Ein zweites Buch kann es mitunter schwer haben, wenn es mit dem ersten verglichen wird. Dieses aber braucht den Vergleich nicht zu scheuen, es ist anders zwar, aber eher im Sinne einer Weiterentwicklung und Perfektionierung. Einfach klasse geschrieben, ein Fest für solche, die vom Lande kommen und vielleicht auch für solche, die eine Entdeckung machen wollen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Mittagsstunde von Dörte Hansen
ISBN: 978-3-328-60003-9



Dienstag, 15. Januar 2019

Harley


Sowohl Frida Paulsen als auch Bjarne Haverkorn sind nach dem letzten Fall noch erholungsbedürftig. Obwohl Frida ihre Prüfung bestanden hat, ist sie unsicher, ob sie überhaupt bei der Polizei bleiben will. Deshalb hat sie sich beurlauben lassen und verbringt noch mehr Zeit auf dem elterlichen Hof. Haverkorn dagegen muss in einem Todesfall ermitteln, was ihm mit seiner langjährigen Berufserfahrung ungewöhnlich nahe geht. Schlimmer noch wird es, als er erfährt, dass es sich bei der Toten um eine ehemaligen Kollegin handelt. Auch Haverkorns Privatleben gerät in schwieriges Fahrwasser. Wieso nun ist die Frau ums Leben gekommen? Und welche Rolle spielt dabei Fridas Schulfreundin Jo, die die Tote gefunden hat?

Auch im zweiten Fall von Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn führen die Spuren des Falles in die Vergangenheit. Bis die beiden dies herausfinden, dauert es eine kleine Weile. Zunächst ist  die Tote unbekannt. Warum allerdings war ausgerechnet Jo bei der Frau als sie starb? Eigentlich soll Jo von Kommissar Haverkorn nur als Zeugin vernommen werden. Sie allerdings befürchtet, dass der Beamte sie verdächtigt. Sie ruft deshalb ihre Freundin Frida herbei. Als diese versucht, die Freundin zu beschwichtigen, verschwindet diese aus dem Kommissariat und ihre Harley verschwindet von dem einsamen Hof, auf dem auch die Leiche gefunden wurde. 

Geschickt werden auch hier wieder Vergangenheit und Gegenwart, Berufliches und Privates verquickt. Wie im wirklichen Leben haben es Frida und besonders Haverkorn manchmal schwer bei der beruflichen Stange zu bleiben, wenn die Gedanken mit privaten Entwicklungen beschäftigt sind, die wahrlich unvorhersehbar waren. Dennoch auch Haverkorn kniet sich in die Untersuchung, schließlich muss geklärt werden, warum die Ex-Polizistin einfach so erstochen wurde. Frida versucht inzwischen ihre verschwundene Freundin zu finden. 

Auch dieses Hörbuch wird von Michael Mendl vorgetragen, was hier besser passt als beim ersten Band, zum einen, weil es etwas mehr um Haverkorn geht, zum anderen, weil die Stimme beim zweiten Fall bereits etwas Vertrautes hat. Inhaltlich ist dieser zweite Fall noch besser gelungen als der Erste. Gerne verlängert man für mehrere Momente die Hörsitzung, nur um zu erfahren, wie es weitergeht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Bluthaus von Romy Fölck
ISBN: 978-3-7857-5758-1


Sonntag, 13. Januar 2019

Vergessene Flüsse


Ein Mann rast mit seinem Auto den Hügel hinunter in ein Schaufenster. Erst bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Mann bereits tot war. Nur wenig später wird in einer Feuerstelle eine Leiche gefunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Frieda Klein dagegen ist verschwunden. Ihre Freunde Josef, Reuben, Karlsson, ihre Nichte Chloë und sogar ihre Katze warten. Frieda ist einfach nicht da. Die Kriminologie-Studentin Lola sucht nach einem Thema für ihre Prüfungsarbeit. Gemeinsam mit ihrem Professor kommt sie darauf, dass Frieda Klein ein gutes Thema abgeben würde. Von diesem Thema ist Lola eigentlich eher gelangweilt, bis sie bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens trifft.

Der lange erwartete Showdown zwischen Dr. Frieda Klein und dem Mörder Dean Reeve. Es ist eines dieser Bücher, die man lange erwartet und die man dann kaum lesen möchte, um den Abschied von Frieda Klein noch etwas hinauszuzögern. Natürlich überwiegt irgendwann die Neugier, was das Autorenteam für Friedas letzten Auftritt in petto hat. Zunächst einmal ist Frieda verschwunden. Die Polizei wird mit einer Mordserie konfrontiert, die nicht unbedingt auf einen Zusammenhang mit Reeve hindeutet. Würde sich Lola nicht auf die Suche nach Frieda machen, bliebe die Frage, ob Frieda überhaupt auftauchen würde. Doch Lola hat ihr Studienfach schon richtig gewählt. 

Man wartet eine Weile auf Friedas Auftritt, man beschäftigt sich mit den Morden und fragt, wo bleibt sie nur. Und wenn sie da ist, dann ist auch ihre trockene, aber doch äußerst feinfühlige Art wieder da. Frieda, die alleine bleibt, die sich nicht anvertraut, um ihre Freunde zu schützen. Die lieber selbst aus der Deckung kommt, ehe einer ihrer Lieben, von denen sie das nie zugeben würde, in Gefahr gerät. Doch wie will sie gegen den scheinbar übermächtigen Reeve bestehen, der sie schon seit Jahren nicht loslässt. Gebannt inhaliert man dieses Buch, liest jeden Satz in der Hoffnung, die Polizei möge schneller sein, Frieda möge ihre Freunde, aber auch sich selbst retten. 

Friedas Wanderungen zu den vergessenen Flüssen Londons werden unvergessen bleiben. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Day of the Dead von Nicci French
ISBN: 978-1-405-93914-0



und das Cover der deutschsprachigen Ausgabe



Samstag, 12. Januar 2019

Genter Abenteuer


Eines Tages findet Daniel die Wohnung seines Freundes Juri offen und Juri liegt tot in einem der durchwühlten Zimmer. Sofort informiert Daniel die Polizei, die zwar Einbruchsspuren findet, aber keinen Toten. Erst vor ein paar Jahren, gerade um die Zeit, als zwischen Daniel und seiner Freundin Schluss war, haben Daniel und Juri sich kennengelernt und waren seitdem gut befreundet. Soweit Daniel weiß, war Juri einer geheimnisvollen Sache auf der Spur. Kurz nach dem Einbruch taucht Mara vor Juris Wohnung auf, die erklärt, sie sei Juris Schwester. Gemeinsam mit Mara versucht Daniel herauszufinden, weshalb Juri umgekommen ist und worum es sich bei den geheimnisvollen Nachforschungen handelt, mit denen Juri beschäftigt war.

Letzteres ist schnell ausgemacht, Juri ging es um den noch immer nicht vollständig geklärten Diebstahl einer Tafel des Genter Altars. In einer kurzen Rückblende werden die Umstände des Diebstahls von 1934 geschildert. Schnell merken Mara und Daniel, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich nach so langer Zeit an die Lösung dieses alten Kriminalfalls begeben. Ihre Gegenspieler schrecken dabei nicht davor zurück, andere in Gefahr zu bringen oder zu bedrohen, um an deren Forschungsergebnisse zu kommen. Dennoch gehen Daniel und Mara jedem Hinweis nach, den sie entweder bereits haben oder den sie noch finden. Es entspinnt sich eine abenteuerliche Reise in die Welt der Geheimnisse des Genter Altars.

Mit dem Geheimnis des Genter Altars ist dem Autor ein spannender Abenteuerroman gelungen, der seinen Ausgangspunkt an einem wahren Verbrechen hat. Ein Kunstraub, der nie vollständig aufgeklärt wurde. Ein Ansatz, der für eine tolle Geschichte einen Ausgangspunkt bilden kann. Beinahe wie bei Indiana Jones hasten Mara und Daniel von einem Hinweis zum anderen, eine abenteuerliche Fahrt führt sie von Deutschland über Belgien nach Südfrankreich. Verfolgt von bösen Häschern versuchen sie ihr Möglichstes das Geheimnis gleichzeitig zu entschlüsseln und zu schützen. Auch wenn es während dieser rasanten Verfolgung manchmal etwas zu hoch hergeht und man sich fragt, wieso sich die Lösungen ausgerechnet Mara und Daniel präsentieren und nicht schon jemandem vorher, so hat man doch ein packendes Leseabenteuer, das einen gut durchdachten Lösungsansatz bietet.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Das Geheimnis des Genter Altars von Klaus-Jürgen Wrede
ISBN: 978-3-86282-367-3


Freitag, 11. Januar 2019

Vierter Strike


Noch während ihrer Hochzeitsfeier entdeckt Robin Ellacott, dass Matthew ihr Handy manipuliert hat. 

Ein Jahr später sind Robin und Matthew immer noch verheiratet und gerade dabei, ihr neues Mietwohnheim einzurichten. Robin hat sich durchgesetzt und ihre Stelle in Cormoran Strikes Detektei behalten. Und obwohl sie reichlich zu tun haben, kann Strike sich nicht weigern, den Fall von Billy zu übernehmen. Der verzweifelte junge Mann behauptet, als Kind habe er einen Mord beobachtet. Gleichzeitig tritt der Politiker Jasper Chiswell an ihn heran, er wird erpresst und will, dass dem Erpresser das Handwerk gelegt wird.

Mehrgleisig zu fahren, ist für Strike nicht ganz einfach. Nachdem er durch seine Fälle einige Berühmtheit erlangt hat, wird er mitunter auf der Straße erkannt. Es ist ihm also nicht so leicht, eine Observierung durchzuführen, wenn er immer damit rechnen muss, angesprochen zu werden. Neben Robin hat er deshalb zwei weitere freie Mitarbeiter angestellt, was wiederum dazu führt, dass Strikes finanzielle Situation trotz relativer Berühmtheit nicht überragend ist. Ein Grund mehr sich sowohl um Billy, was ihm ein inneres Bedürfnis ist, als auch um Chiswell, was eher wegen des Geldes passiert, zu kümmern. Chiswell macht keinen sehr sympathischen Eindruck, doch sollte er tatsächlich erpresst werden, hat auch er ein Recht auf die Wahrheit und ein Ende der Erpressung. 

In ihrem vierten Fall müssen Cormoran Strike und Robin Ellacott sich mit etlichen privaten Problemen herumplagen, die zum Glück meist nicht ihre berufliche Zusammenarbeit berühren. Beide Fälle erweisen sich als knifflig. Wegen Billys psychischer Erkrankung, kann nicht gesagt werden, inwieweit seine Erinnerung stimmt. Doch mit seiner Zerrissenheit stimmt er Strike ihm gegenüber wohlgesinnt und Strike möchte dieser verlorenen Seele einfach helfen. Jasper Chiswell dagegen, will nicht einmal verraten, weshalb er erpresst wird, und er erwartet doch, dass der Erpresser gestellt und einer Strafe zugeführt wird.

Die Autorin ist dafür bekannt, die Handlung ihrer Strike/Ellacott Reihe langsam zu entwickeln, was im dritten Band vielleicht etwas zu langsam geraten ist. Und so befürchtet man zu Beginn dieses Bandes, die Lektüre könnte sich dahin ziehen. Positiv überrascht ist man jedoch, dass hier die Mischung zwischen spannenden, emotionalen und akribisch beschreibenden Passagen durchaus gelungen ist. Wie die Handlungsstränge verknüpft sind und wie man als Leser in emotionale Wallung gebracht wird, ob einiger durchaus unsympathischer Zeitgenossen und -genossinnen, ist durch die Autorin schon ziemlich gut bereitet. Allein schon der im englischen Original perfekt gewählte Titel, der eine Art stehender Begriff zu sein scheint, so dass es keine eigentliche Übersetzung gibt, regt dazu an, die Bedeutung zu erforschen und den Zusammenhang mit dem Geschehen zu hinterfragen. Gleichzeitig wird vieles bis kurz vor Schluss so in der Schwebe gehalten, dass nur wenige erahnen werden, welche Lösung sich findet, bevor es von der Autorin so gewünscht wird. Ein wenig spielt die Autorin mit ihren Akteuren und auch ihren Lesern, wobei das größere Vergnügen sicherlich auf Seiten der Letzteren ist.

Dieser vierte Band der Reihe um die sich umtanzenden Cormoran Strike und Robin Ellacott garantiert spannende Unterhaltung.

4,5 Sterne


Lethal White von Robert Galbraith
ISBN: 978-0-7515-7285-8



und das Cover der deutschsprachigen Ausgabe:


Mittwoch, 9. Januar 2019

Zauberei


Die junge Cynthia Crane weiß nicht wie ihr geschieht. Eben noch wollte sie mit David van Buren durchbrennen und nun sitzt sie in New Yorks berüchtigten Gefängnis, das nur Rabennest genannt wird, eines Diebstahls bezichtigt, den sie nicht begangen hat. Allerdings ist es Ende des 19. Jahrhunderts nicht so leicht, eine faire Verhandlung zu bekommen. Entsetzt muss sie dann auch noch erfahren, dass Beamte und Richter bestochen waren und ihr Urteil schon gesprochen ist. Fast ein Segen ist es, dass ein Brand ausbricht und Cynthia und eine Mitgefangene fliehen können. Nun bleibt Cynthia nur ein Ziel, herauszufinden, weswegen sie im Gefängnis gelandet ist und den wahren Schuldigen einer Strafe zuzuführen.

New York, New Orleans, windige Geschäfte, Voodoo - eine vielfältige Mischung vor historischem Hintergrund. Die junge Cynthia ist arg gebeutelt vom Schicksal. Eigentlich war sie als Dienstmädchen in der Obhut ihrer Ziehtante Molly recht behütet. Doch mit dem Sohn dieses reichen Hauses anzubändeln, führte wohl doch nicht auf einen Weg ins Glück. Und schon bald kann sich auch Tante Molly nicht mehr um sie kümmern. Auch nach ihrer Flucht ist Cynthia verzweifelt, obwohl Kat ihr hilft, ist ihr neues Leben sehr gewöhnungsbedürftig. 

Flott lässt sich dieser mit Voodoo-Elementen angehauchte historische Thriller lesen. Zwar wirken die Figuren manchmal etwas überzeichnet. Doch ist das Leben in den ärmeren Vierteln New Yorks sehr eindrucksvoll beschrieben. Auch wenn manche Wendung etwas konstruiert und auch etwas zu viel für ein einziges Schicksal wirken könnte, so ist der Verlauf der Handlung spannend und schlüssig. Die energische und für ihre Zeit emanzipierte Cynthia hat einfach verdient, dass ihr Schicksal eine positive Wendung nimmt.


3 Sterne (🐳🐳🐳)

Die Schatten von New Orleans von Oliver Becker
ISBN: 978-3-9373-5790-4


Dienstag, 8. Januar 2019

Heimkehr


Nach Jahren kehrt die junge Polizistin Frida Paulsen an den elterlichen Apfelhof in der Nähe Hamburgs zurück. Ihr Vater wurde brutal zusammengeschlagen und noch ist nicht sicher, ob er seine schweren Verletzungen übersteht. Frida ist besorgte Tochter, aber auch Polizistin und deshalb will sie herausfinden, wieso ihr Vater angegriffen wurde. Diesen Wunsch hegt auch Kommissar Haverkorn, der zuständige Beamte. Der Überfall auf Vater Paulsen bringt alte Erinnerungen wieder hoch, denn vor etlichen Jahren wurde Marit, Fridas beste Freundin umgebracht. Auch wenn die Erinnerungen wieder da sind, es ist doch unwahrscheinlich, dass ein Zusammenhang besteht, oder?

Der erste Fall von Frida Paulsen und Kommissar Bjarne Haverkorn führt die beiden zurück in die Vergangenheit. Auch wenn ihr Vater gerade erst angegriffen wurde, kommen die Gedanken an den Mord an ihrer besten Freundin Marit zurück, sowohl für Frida als auch für Haverkorn, der den Fall nie lösen konnte. Kommt mit dem neuen Ereignis möglicherweise auch Bewegung in den alten Fall? Zumindest wird er nochmal neu überdacht.

Dieses Hörbuch wird gelesen von Michael Mendl, dessen Stimm gut zu dem kurz vor der Pension stehenden Bjarne Haverkorn passt. Allerdings wäre es eine Überlegung wert gewesen, die Passagen, die sich mehr mit Frida Paulsen, die ja um einiges jünger ist, beschäftigen, von einer Frau lesen zu lassen. Insgesamt jedoch kommt durch die ruhige Vortragensweise die Stimmung in der Elbmarsch gut zur Geltung. Die Apfelhöfe, die zum Teil ums Überleben kämpfen, die ruhigen Einwohner, bei denen es doch manchmal unter der Oberfläche brodelt, der Nebel, der sich über die Felder legt.

Frida Paulsen und Kommissar Haverbeck, die sich in ihrem ersten Fall noch etwas zusammenraufen müssen, verbinden einen neuen Kriminalfall mit der Wiederaufnahme eines alten Falles zu einer bis zum Schluss packenden Story.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Totenweg von Romy Fölck
ISBN: 978-3-8387-8612-4


Montag, 7. Januar 2019

Judy und Punch


Der Sommermarkt in Cherringham ist eine fröhliche Angelegenheit. Es werden Buden aufgebaut und viele Aktivitäten dienen einem guten Zweck. Sarah ist die Aufgabe zu gefallen, die Kokosnussbude zu betreuen. Dabei steht ihr Jack, der ehemalige Polizist aus Amerika, zur Seite, obwohl er diese britischen Traditionen noch nicht so recht versteht. Am meisten freuen sich die Kinder jedoch auf das alljährliche Kasperltheater, das Otto Brendl mit seinen Puppen aufführt. In diesem Jahr ist jedoch alles anders. Mr. Brendl wird tot in seiner Bude gefunden, augenscheinlich hatte er einen Herzinfarkt und alle Wiederbelebungsversuche können ihn nicht retten.

Eigentlich sollen Sarah und Jack nur die Puppen ins Haus von Brendl zurückbringen und ein paar Angaben zu 0ttos persönlichen Daten einholen, aber die Einbruchsspuren im Haus überzeugen die Beiden, dass man da doch etwas genauer hinschauen sollte. Wer aber sollte ein Interesse an alten Puppen haben, auch wenn sie einigen Wert besitzen. 

Die Bücher dieser sympathischen Serie sind schnell gelesen, schließlich umfassen sie nur um die hundertzwanzig Seiten. Die Kriminalgeschichten um den englischen Ort Cherringham sind als Hörbuch oder ebook erhältlich. Wegen der Kürze ziemlich geradeaus und direkt ermitteln Sarah und Jack. Und immer kommen sie hinter das Geheimnis. Zum Glück sind sie als Hobby-Ermittler nicht so sehr an Regeln gebunden, auch wenn Jack als ehemaliger Polizist die Strukturen eigentlich kennt. Allerdings belasten sie ihn nicht besonderes, wenn es gilt der Gerechtigkeit zu Sieg zu verhelfen. Sarah und Jack finden auch in ihrem fünften Fall eine Lösung und eine Geschichte, die man in einem kleinen englischen Örtchen nicht erwarten würde.

Hier wird zwar leichte, aber auch sehr angenehme Unterhaltung mit einem sympathischen Ermittlerteam geboten.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Cherringham - Landluft kann tödlich sein - Letzter Zug nach London von Matthew Costello und Neal Richards

ISBN: 978-3-8387-4849-8




Sonntag, 6. Januar 2019

Schwestern


Vor vier Jahren verschwand Sarina die ältere Schwester von Kyra. Nun ist Kyra 19, genauso alt wie ihre Schwester damals, ebenfalls im Schulabschluss. Kyra weiß ganz genau, was sie will, auch wenn es den Eltern nicht gefällt. Sie wird irgendwas mit Kriminalistik studieren, sie wird das Geheimnis um das Verschwinden ihrer Schwester aufklären. Als ihr Bruder zufällig dabei ist, wie ein offensichtlich erhängter Toter gefunden wird, ruft dieser Kyra hinzu. Mit einem Fall muss man schließlich anfangen zu üben. Kommissarin Maud Merten ist davon überhaupt nicht begeistert. Gewissenhaft beginnt sie den Spuren nachzugehen, immer auf der Hut Kyra nicht zu sehr in die Ermittlung einzubeziehen.

Sie sind schon kein Team, die junge Kyra, die Polizistin werden will, um dem Schicksal, das ihre Schwester erlitten hat, auf den Grund zu gehen, und die erwachsene Kommissarin, die von einer Schülerin gar keine Hilfe gebrauchen kann. Doch man sollte eine junge Frau, die in den Abschlussprüfungen steht, nicht unterschätzen. Auf ihre laienhafte Art, aber gemäß ihrem Berufswunsch, geht Kyra sehr methodisch vor. Mit manchen unkonventionellen Gedanken ist sie der Polizei in manchen Momenten voraus. Was allerdings nicht heißt, Mertens sei eine schlechte Ermittlerin, nein, auch sie ist zielstrebig und akribisch. Auch Mertens macht sich so ihre Gedanken.

Dieser erste Band einer bisher vierteiligen Reihe stellt die Kommissarin Maud Mertens und die Schulabsolventin Kyra Slagter vor. Ihre Charaktere werden vorgestellt und erste Schlagabtausche werden vorgenommen, wobei Kyra sich einiges an Respekt verschafft. Die Morduntersuchung ist spannend, wenn auch in Auflösung und Begründung etwas schwer nachzuvollziehen. Gelungen ist dagegen, wie dem Leser Kyras Wunsch nach der Aufklärung des Verschwindens ihrer Schwester nahegebracht wird. Einleuchtend auch ihr Wille, zur Polizei zu gehen. In Kyra kann man sich gut hineinversetzen, zwar fragt man sich, ob sie ohne große Ausbildung tatsächlich so gewitzt sein kann, aber ihre Hartnäckigkeit nimmt man ihr ab. Blasser ist dagegen Maud Mertens, obwohl sie auch mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Für einen ersten Band, in dem ein nicht geringer Akzent auf die Vorstellung der Personen gelegt wird, ist dieser Kriminalroman gerade in diesem Bereich sehr gelungen.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Dunkle Flut - Die Nordsee Morde von Isa Maron
ISBN: 978-3-8321-6357-0



Samstag, 5. Januar 2019

Die Zwei


Die 17jährige Taylor Montclair soll dem gleichaltrigen Sacha Nachhilfe in Englisch geben. Dieser arrogante Kerl hat aber keine Lust darauf, sich helfen zu lassen. Doch wenn Taylor in Oxford studieren möchte, braucht sie die Punkte für ihr soziales Engagement. Mit einigem Nachdruck ermuntert sie Sacha, die Hilfe anzunehmen. Dieser hat jedoch ganz andere Gedanken im Kopf. Sein 18. Geburtstag naht heran und dann wird er sterben, wie jeder Erstgeborene einer Generation in seiner Familie seit Jahrhunderten. Bis dahin kann er allerdings überhaupt nicht sterben. Und so unternimmt er einige Stunts, um Geld für seine Mutter und seine Schwester zu bekommen, von dem sie leben kann, wenn er nicht mehr da ist. 

Diese „Reihe“ hat tatsächlich nur zwei Teile, dieses ist der erste Teil, in dem Sacha und Taylor sich kennenlernen. Sacha weiß, dass ihm ein dramatisches Schicksal ereilen wird. Taylor erfährt erst, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt. Es scheint zum einen Kräfte zu geben, die ihrer beider Zusammentreffen fördern, aber auch solche, die eben dies verhindern wollen. Durch die Anbahnung der Nachhilfe ist die Bekanntschaft zum Glück unvermeidlich. Taylor und Sacha kommen gut miteinander aus und vertrauen sich ihre Geheimnisse an. Und sie versuchen, nach den Ursachen für ihre Andersartigkeit zu forschen. 

Dies ist mal wieder ein Jugendbuch, an dem man auch als Erwachsener Freude findet. Spannend geschrieben, schlüssige Geschichte, ein wenig Herz, einige unheimliche Begegnungen und ein intensives Teilfinale, das eigentlich nur den Wunsch offen lässt, zu wissen. ob Sacha seinen 18. Geburtstag überleben wird. Jedenfalls hat die Zusammenarbeit des Autorenpaares zu einem lesenswerten Ergebnis geführt. Eine Welt, die sich nicht groß von unserer unterscheidet, birgt doch große Geheimnisse und alte Geheimnisse. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Secret Fire - Die Entflammten von C. J. Daugherty und Carina Rozenfeld
ISBN: 978-3-7891-3339-8


Freitag, 4. Januar 2019

Der Beste


Die Einladung zur Testamentseröffnung kommt überraschend. Privatdetektiv Jeremias Voss weiß nicht, was da auf ihn zukommt. Verblüfft reagiert er auf den Inhalt des Briefes, den er überreicht bekommt. Die Tote bittet ihn, ihr Sterben zu untersuchen, da sie vor ihrem Ableben befürchtete, jemand trachte ihr nach dem Leben. Er solle sich bei den Ermittlungen an ihre jüngere Schwester wenden und an niemanden sonst. Alsbald macht sich Jeremias Voss daran, zunächst einmal die Lebensumstände der Verstorbenen zu untersuchen. Dabei kommt er allerdings nicht sehr weit, die Tote schien sehr abgeschieden gelebt zu haben. Also ist der nächste Schritt doch die Kontaktaufnahme mit Sonja, der Schwester der Toten.

Locker flockig ermittelt Jeremias Voss in Hamburg. Seine Vergangenheit bei der Polizei hilft ihm dabei. Alte Kontakte versteht er zu nutzen und neue knüpft er schnell. Immer oder meistens an seiner Seite ist sein Hund Nero, der allein mit seinen 50 Kilo schon mal einschüchtern kann. Jeremias’ erster Fall entwickelt sich schnell komplizierter als zunächst gedacht. Zum einen weil es so wenig Informationen über die Tote gibt, zum anderen jedoch auch, weil offensichtlich niemand ein Interesse hatte, die näheren Todesumstände zu erforschen. Außer bei Sonja findet Voss nicht viel Hilfe und er muss sich auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen.

Leicht zu lesen, aber nicht seicht. Mit Jeremias Voss weht ein frischer Detektiv-Wind durch Hamburgs Straßen. Vielleicht wirkt er im Privaten etwas flatterhaft. Dafür kümmert er sich aber liebevoll um seinen Hund und auch als Arbeitgeber scheint er sehr brauchbar. Mit seinem ersten Fall, von dem der Leser erfährt, bekommt er gleich ein kniffliges Rätsel zu lösen. Wieso ist die Tochter einer so angesehenen alteingesessenen Hamburger Familie quasi aus dem Schoß der Familie geflohen. Warum befürchtete sie, jemand wünschte ihren Tod. Geschickt wie Voss hinter die Mauern des Schweigens dringt.

Ein unterhaltsamer Hamburg Krimi mit einem sympathischen Ermittler, der zwar leichtfüßig in gewissen Momenten aber doch mit dem nötigen Ernst durch seinen Fall tanzt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Jeremias Voss und die Tote vom Fischmarkt von Ole Hansen
ISBN: 978-3-9582-4465-8


Donnerstag, 3. Januar 2019

Cop für immer


Bei Sonny Lok, Inspector der Polizei von Hongkong, handelt es sich um den Nachfolger des legendären Inspector Kwan. Dieser arbeitete lange Jahre bei der Polizei und nach seiner Pensionierung noch als Berater. Nun aber liegt der alte Mann im Krankenhaus und es scheint mit ihm zu Ende zu gehen. Doch ein letztes Mal noch soll er seine genialen Fähigkeiten entfalten. Sonny Lok holt die Verdächtigen am Krankenbett zusammen. Ein Mann wurde mit einer Harpune getötet und letztlich stehen alle in seinem Haushalt lebenden unter Verdacht. Lok ist es, der die Vorgänge schildert, doch er ist es der die Kombinationsgabe seines großen Vorbilds zu Rate zieht.

Bei diesem Fall handelt es sich um den letzten der spektakulärsten Fälle des Inspector Kwan, der auch das Auge von Hongkong genannt wurde. Etwas ungewöhnlich im Aufbau wird dieses Buch in der Gegenwart startend zurück in die Vergangenheit erzählt. Jeder Fall liegt in einem anderen Jahrzehnt in einer Phase, die für Hongkong wichtige Veränderungen brachte. Gleichzeitig umspannt es Kwans gesamtes Berufsleben und damit auch den größten Teil seiner Lebensspanne. Das Hauptaugenmerk liegt dabei tatsächlich auf seiner ungewöhnlichen Karriere und seinen herausragenden Ermittlungsleistungen. Nach der Lektüre dieser Rückwärtserzählung fragt man sich allerdings, ob man nicht lieber mit der ersten Geschichte angefangen hätte. Die einzelnen Fallschilderungen sind in sich abgeschlossen, so dass diese Möglichkeit besteht.

Interessant ist wie Kwan, je weiter er die Karriereleiter aufsteigt, immer mehr von der Front wegkommt und mehr durch Rückschlüsse aus den vorhandenen Informationen und geschickten Fragestellungen im Nachhinein zu seinen Lösungen kommt. Wie er seinen Nachfolger von langer Hand fördert und aufbaut, durchaus ähnlich wie es ihm selbst einst geschah. Gleichzeitig bekommt man einen Einblick in das Leben der britischen Kronkolonie Hongkong, die inzwischen schon lange an China zurückgegeben wurde. Einiges von dem geschickten Aufbau des Buches erschließt sich erst nachdem man es beendet hat und das Leben des Inspector Kwan nochmal Revue passieren lässt. Letztlich bleibt unklar, ob das Buch eher als Zusammenfassung einzelner Geschichten zu sehen ist oder als zusammenhängender Roman. Da mag der Zusammenhang zwischen den Geschichten vielleicht etwas vage sein und die Zeitabstände doch sehr groß.

Allerdings ist die Entwicklung von der Handarbeit zur Kopfarbeit, wobei die Grundlagen zu Letzterem schon in der Jugend des Protagonisten gelegt sind, sehr beeindruckend geschildert und der geschichtliche Abriss ist durchaus lesenswert.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Das Auge von Hongkong von Chan Ho-Kei
ISBN: 978-3-85535-028-5



Dienstag, 1. Januar 2019

Nackenkribbeln


Kommissar Adamsberg muss seinen Aufenthalt auf Island wegen eines ungeklärten Todesfalls in Paris abbrechen. Die Kollegen kommen mit der Untersuchung nicht weiter und sie rufen den Chef zurück. Eine Frau ist zweimal von dem SUV ihres Ehemannes überrollt worden. Eigentlich eine offensichtliche Sache, der Ehemann scheint allerdings ein wasserdichtes Alibi zu haben und er beschuldigt den vermeintlichen Geliebten seiner Frau. Eher nebenbei bemerkt Adamsberg, dass sich einer seiner Mitarbeiter mit den Todesumständen dreier alter Männer beschäftigt, die am Biss der Einsiedlerspinne gestorben sein sollen. Bei der Erwähnung des Namens der Spinne beginnt es in Adamsbergs Nacken zu kribbeln. Hier kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Wie schön Adamsberg und seine Kollegen wiederzulesen. Und wenn es in Adamsbergs Nacken kribbelt, dann wird er meistens recht behalten. Genauso wie Adamsberg mit seiner unnachahmlichen Art bald durchschaut, wer in dem Pkw saß, achtet er auf seine Ahnung, dass bei dem Tod der alten Männer etwas nicht stimmen kann. Während seiner Nachforschungen lernt er allerhand über das Leben der Einsiedlerspinnen, die eigentlich noch nicht einmal Menschen beißen, geschweige denn sie zu töten. Nur unter ungünstigen Umständen, wenn das Opfer geschwächt ist, kann durch den Biss der Spinne ein Krankheitsbild ausgelöst werden, das mit dem Tod des Bissopfers endet. 

Abgesehen von einer Kleinigkeit, ist diese Ermittlung von Kommissar Adamsberg ausgesprochen pfiffig und unterhaltsam. Adamsberg hat das richtige Händchen sowohl für seine Brigade als auch für seine Fälle. Wenn er mal eben nachdenken geht, kommt meistens ein kluger Gedanke dabei heraus. Natürlich kann auch Adamsberg mal falsch liegen, aber dann geschieht das auf intelligente Art und Weise und nicht so, dass man denkt, das hätte er doch sehen müssen. Auch die Strömungen innerhalb seiner Stelle hat Adamsberg genauestens im Blick und er ist ein guter Chef, der seinen Leuten zwar mal eine klare Kante gibt, ihnen aber nicht in den Rücken fällt. Am Schluss wird man denken, dass die Einsiedlerin zurecht zornig ist, was die Position des Ermittlers nicht einfacher macht.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas
ISBN: 978-3-8090-2693-8