Donnerstag, 31. Mai 2018

Äpfel der Normandie


Die Restaurant-Kritikerin Laure Grenadier geht mit ihrem Fotografen Paco auf eine kulinarische Rundreise durch die Normandie. Eine erste Station ist ein Restaurant, das für seine Sauce berühmt ist. Leider verläuft die Verkostung nicht wie erhofft. Mehrere der anderen Gäste erleiden ein plötzliches Unwohlsein, das für einige tödlich endet. Laure ist entsetzt, schließlich hätte sie beinahe das gleiche Gericht bestellt. Für die Polizei sind zunächst mal alle die verdächtig, die nicht das tödliche Gericht zu sich genommen haben, also auch Laure. Und so sieht sich Laure veranlasst, selbst den Hintergrund der Tat zu durchdringen.

Mit seiner Restaurant-Kritikerin als Ermittlerin hebt sich dieser Kriminalroman doch von etlichen anderen ab. Ob es sich dabei um einen Krimi im üblichen Sinne handelt, mag dahingestellt sein. Da die Polizei lediglich eine Nebenrolle spielt, macht auch die Untersuchung des Falles nicht den überwiegenden Teil des Romans aus. Mehr geht es um die kulinarische Entdeckung der Normandie, um Land und Leute, das bodenständige Leben. Die Menschen bringen wohlschmeckende feine Gerichte hervor, die aus dem örtlichen Reichtum an Nahrungsmitteln komponiert werden. Man sollte meinen, es sei eine Welt der Genüsse, in der sich Paco und Laure bewegen und dennoch sterben mehrere Gäste des Restaurants.

Wenn man diesen kleinen aber feinen Roman beendet hat, bekommt man Appetit auf Apfelkuchen oder ein anderes der erwähnten Gerichte. Zwar kommt die Krimi-Handlung bei dieser speziellen Anlage der Handlung etwas zu kurz, doch liest man mit Vergnügen von genussvollen Völlereien, schönen Landschaften, meist freundlichen Menschen und manchen Originalen. Kaum vorstellbar, dass unter ihnen ein Mörder sein soll. Wie eine frische Brise wirkt dieser kulinarische Krimi mit seinen sympathischen Hauptpersonen. Wobei der Akzent mehr auf dem Duft von leckeren Speisen liegt als bei den unappetitlichen Folgen ungeklärter Todesfälle. Dem Restaurant, in dem hauptsächlich Gerichte mit Bezug zu den Romanen des großen Marcel Proust gereicht werden, möchte man gerne einen Besuch abstatten.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Mord nach Art des Hauses von Noël Balen und Vanessa Barrot
ISBN: 978-3-442-71671-5


Mittwoch, 30. Mai 2018

Madiha


Schon in Syrien hat es Madiha in der Familie nicht leicht gehabt. Mit letzter Kraft ermöglicht ihr Vater ihr die Flucht. Nur mit Hilfe eines weiteren Flüchtlings mit Namen Harun schafft Madiha es nach Deutschland zu gelangen. Als Harun eines Tages verschwunden ist, reagiert Madiha sehr besorgt. Sie beginnt Fragen nach Haruns Verbleib zu stellen und eine Betreuerin begleitet Madiha zur Polizei, um Haruns Verschwinden anzuzeigen. Bald darauf wird Madihas Spind angezündet und sie beginnt, sich beobachtet zu fühlen. Der kleine Straßenjunge Faisal ist ihr zunächst eher eine Last, aber bald wird der Junge so etwas wie Familie für Madiha.

Wie ist es, sich in einem fremden Land aufzuhalten, in dem man zwar die Sprache leidlich beherrscht, die Gepflogenheiten aber nicht kennt und nicht weiß, wo man wie hingelangt, wie man Informationen bekommt, wie das Leben funktioniert. Setzt man jeden Schritt noch vorsichtiger als es eine alte Verletzung eh schon verlangt, tritt man mutig auf oder ängstlich. Fühlt man sich ein wenig wie ein Blinder, für den ja auch alles sehr fremd wirken muss. Und doch, trotz aller Umstände, die vielleicht dazu führen könnten, den Kopf einzuziehen und die Ereignisse geschehen zu lassen, Madiha lässt nicht locker. Harun hat ihr geholfen und nun will sie ihm ihre Dankbarkeit erweisen, indem sie ihm hilft.

Dieses Hörbuch ist sehr eindringlich vorgetragen von Eva Meckbach, man beginnt tatsächlich, den Versuch zu starten, sich in Madiha hineinzuversetzen. Natürlich kann das nicht zur Gänze gelingen, schließlich war man noch nicht in der Fremde, um zu bleiben. Mit einem Urlaub ist es gewiss nicht zu vergleichen, auch wenn man dort manchmal die Unsicherheit spüren kann, die ein nicht Beherrschen der Sprache oder die Konfrontation mit anderen Schriftzeichen mit sich bringen können. Doch man selbst hat die Sicherheit, wieder heimzukönnen. Madiah hat noch nicht einmal die Sicherheit, dem Krieg entflohen zu sein. Dennoch strafft sie ihre Schultern und geht voran. Ihr Weg verlangt ihr etliches ab, doch sie hat auch die Chance eine neue Familie zu finden. Wenn Vertrauen auf der einen Seite enttäuscht wird, kann es vielleicht doch an anderer Stelle aufgebaut werden. 

Ein spannender Kriminalroman aus einer außergewöhnlichen Perspektive berichtet, der sich als würdiger Preisträger des Friedrich Glauser Preises 2018 erweist. Selten hat man so einen packenden Einblick in die Welt der Flüchtlinge bekommen können. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Unter Fremden von Jutta Profijt
ISBN: 978-3-7424-0196-0


Sonntag, 27. Mai 2018

Verzeihen möglich?


Sie sind die besten Freundinnen Bittori, die Frau des Spediteurs, und Miren, die Frau des Arbeiters. Jede Woche gönnen sie sich eine Auszeit von den Familien und tauschen im Café die neuesten Gerüchte aus. Allerdings gewinnt im Baskenland die Eta immer mehr Einfluss, einen Einfluss, der es den Freundinnen schwer macht, befreundet zu bleiben. Schließlich stehen sie politisch gewissermaßen auf unterschiedlichen Seiten. Als Bittoris Mann von der Eta ermordet wird, ist es mit der Freundschaft vorbei. Bittori zieht in eine andere Stadt, so wie es ihre Kinder wollten. Doch Jahre später spürt sie das Bedürfnis, in ihr Haus, in ihr Dorf zurückzukehren.

Zwei starke Frauen gehen ihren Weg, einen Weg, auf es viel Leid und Trauer gibt, der hin und wieder Gutes bringt. Auf ihre Art störrisch sind sie beide. Ihr Leben auf grausame Art verändert hat der Terrorismus. Und doch stehen sie als Frau des Opfers und als Mutter des mutmaßlichen Täters auf unterschiedlichen Seiten unbarmherzig gegenüber. Es kann keine Vergebung geben. Ihrer beider Schicksal und das ihrer Kinder verläuft unterschiedlich und dennoch sind sie alle gezeichnet. Von den Kindern ist keines so richtig glücklich, sie alle haben mit dem zu kämpfen, an dem sie sich schuldig fühlen. Als Mirens Tochter schwer erkrankt kommt es zu einer Wiederannäherung der Familien.

Mit aller Deutlichkeit schildert Fernando Aramburu die Auswirkungen des Terrors auf die Familien. Er schon keinen weder Täter noch Opfer noch den Leser. Damit gibt er auch eine herausragende Gelegenheit, sich mit dem Thema zu befassen. Die Anwendung von Terror zur Durchsetzung politischer Ziele erscheint so nutzlos und zerstörerisch. Nicht nur die Opfer und ihrer Familien erfahren endloses Leid, auch die Täter und ihre Familien bleiben fürs Leben gezeichnet. Eine gewisse Form von Gelassenheit oder Gemütsruhe kann es nur geben, wenn zum einen Zeit ins Land geht und zum anderen die Menschen beginnen miteinander zu reden. Ob ein Verzeihen möglich ist, kann nur ein Augenblick entscheiden. Der Augenblick, in dem der eine entscheidet, um Verzeihung zu bitten, der Augenblick, in dem der andere die Bitte gewährt. Nichts wird dadurch ungeschehen, doch es kann eine Art Frieden mit dem Erlebten geschlossen werden, der es erlaubt, nicht mehr nur das Leben der Schuld zu leben.

Ein umfangreicher Roman, in dem kein Wort überflüssig ist, der Weg des Verzeihens ist nicht an einem Tag gegangen.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Patria von Fernando Aramburu
ISBN: 978-3-498-00102-5


Samstag, 26. Mai 2018

Family Pies


Samantha - von allen Sam genannt - hat eine Ausbildung zur Konditorin absolviert und arbeitet nun für eine bekannte New Yorker Konditorei. Deren Chef hat eigentlich vom Backen keine Ahnung, ist allerdings ein guter Marketingstratege. Als er sich wieder einmal ausgesprochen herablassend benimmt, backt Sam ihren schönsten Kuchen und kündigt. Aufgelöst fährt die  junge Konditorin nach Michigan, wo ihre Familie ihre Obstplantage betreibt. Sam wollte immer in die weite Welt hinaus, manchmal hat sie ihr daheim als einengend empfunden. Doch im Moment ist sie froh, Zeit mit ihren Eltern und besonders ihrer Großmutter verbringen zu können. Sie musste einfach mal raus.

Gemeinsames Erinnern kann doch etwas Schönes sein, das erfährt Sam an den Tagen, die sie gemeinsam mit ihrer Familie verbringt. Sie erfährt von den Geschichten wie die Familienrezepte nach und nach von den Frauen kreiert wurden. Mit ihrer Mutter Deana und besonders mit ihrer geliebten Großmutter Willo backt sie die wunderbaren Kuchen und Torten, auch ein paar Kekse dürfen es mal sein. Der Duft der Bäckereien zieht durch Haus und Garten, die Frauen schwelgen in den gebackenen kleinen Wunderwerken und auch in ihren Erinnerungen. Doch Sam zieht es zurück nach New York, ganz sicher ist sie sich nicht. Wie so oft schon.

Eine wunderbar anheimelnde Atmosphäre schafft die Autorin mit ihrer Erzählung von Sam und ihrer Großmutter Willo, die geteilten Erinnerungen und Rezepte, die zu gemeinsamen Erinnerungen und Rezepten werden. Jeder, der schon einmal gebacken hat, kann sich den Duft von Kuchen und Keksen vorstellen. Wenn man vielleicht das Drama um den Küchenchef und Sams Zerrissenheit nicht ganz nachvollziehen kann, so erfreut man sich doch außerordentlich am Zusammenhalt in Sams Familie und den wunderbaren Rezepten und ihren Entstehungsgeschichten, die Sams Lieben bewahrt haben. Man wünscht sich auch Sam möge das Vorhandene bewahren und vielleicht noch etwas eigenes zu bewahren haben. 

Ein schöner Sommerroman, der einen mit warmen Gefühlen umhüllt. Einige der bewahrten Familienrezepte laden direkt zum Nachbacken ein. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Weil es dir Glück bringt von Viola Shipman
ISBN: 978-3-10-490604-1


Freitag, 25. Mai 2018

Ein ruhiges Rentnerleben


Den ehemaligen Geschäftsmann Peter Smith hat es nach Südfrankreich verschlagen. Mit seinem Hund Arthur, der sich nach seiner Zeit als Rennhund ebenfalls im Ruhestand befindet, lebt er im schönen Arles. Eines Abends begibt er sich in die Arena und findet sich plötzlich unter einer Leiche begraben wieder. Kurz nachdem er sich mühsam etwas aufgerappelt hat, ist schon die Polizei vor Ort und lässt ihn in das Krankenhaus am Ort bleiben. Es stellt sich heraus, dass Smith nichts weiter passiert ist, er soll sich nur ein wenig schonen. Eine Befragung durch einen Kommissar erscheint ihm zwar reichlich eigenartig, doch Peter Smith nimmt es einfach mal so hin. Erst als er wieder daheim angekommen ist, beginnt er zu überlegen, ob er sich der Sache genauer widmen soll. Als ihn die Witwe des Toten aufsucht, bestärkt sich dieser Gedanke noch.

Über den Autor dieses ersten Bandes einer soweit bekannt bisher dreiteiligen Reihe um Peter Smith ist auf die Schnelle nicht viel herauszufinden. Fast scheint Peter Smith ein alter ego des Schriftstellers zu sein, auch wenn dieser nicht mit einer ähnlichen Vergangenheit wie seine Erfindung. Smith, der froh ist, seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben, wird neugierig, nachdem die Witwe - eine sehr attraktive Witwe - ihn gebeten hat, alles über den Todesfall herauszufinden. Es muss mehr dahinterstecken. Und wieso ermittelt die Polizei nur so lax? Mit Peter Smiths ruhigem Rentnerdasein ist es jedenfalls erstmal vorbei.

Eine interessante Idee ist dem Autor gekommen. Ein Pensionär läuft bei der unkonventionellen Ermittlung in einem Todesfall zu Höchstform auf, deckt nebenbei die Hintergründe weiterer Taten auf und unternimmt mit seinem liebenswerten Hund Arthur ausgiebige Spaziergänge, während derer dem Leser Land und Leute näherkommen. Allerdings geraten die beschreibenden Passagen manchmal etwas zu lang und die Erklärungen hinsichtlich der Anwendung von Computern für den Laien etwas schwer zu verstehen. Dennoch entwickelt sich die Geschichte spannend und unvorhersehbar. Insbesondere wie Smith sich mit seinen Einstellungen von einem konventionellen Detektiv abhebt ist sehr originell. Erfreulich ist auch, dass sich ein renommierter Verlag dieses bisher unbekannten Autors annimmt. Für Freunde der Provence und ungewöhnlicher Ermittler kann dieser Roman eine kleine Entdeckung darstellen.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Ein Gentleman in Arles von Anthony Coles
ISBN: 978-3-492-99004-2


Montag, 21. Mai 2018

Ermittlungsurlaub


Zum zweiten Mal kommt die Kommissarin Hannah Richter für einen längeren Aufenthalt in die Provence. Diesmal soll es ein Urlaub werden, ausgiebige Treffen mit ihren Freundinnen Penelope und Emma und in ein paar Tagen kommt ihr Lebensgefährte Serge aus Paris. Als Penelope sie bittet, sie bei einer Einladung ihres Nachbarn zu vertreten, nimmt Hannah gerne an. Umso entsetzter ist Hannah als sie ebenjenen älteren Herrn tot an der Treppe auffindet. Noch während sie bei der Polizei anruft, gönnt sich Hannah einen kurzen Gang durchs Haus. Dabei stellt sie fest, dass das Arbeitszimmer im Vergleich zum sehr ordentlichen restlichen Räumen beinahe verwüstet wird. 

Ihre Freundin Emma, die sich inzwischen an den Ort versetzen ließ, ist zunächst unschlüssig, ob es sich um einen Unfall gehandelt haben könnte, schließlich war der Verstorbene nicht mehr jung und da kann so ein Sturz schon mal vorkommen. Das hat den Vorteil, dass die Untersuchung nicht an die vorgesetzte Behörde abgegeben werden muss. So sind Emma und Hannah in ihrem Element und ermitteln gemeinsam. Zwar könnte Hannah sich unter einem Urlaub auch etwas anderes vorstellen als ermitteln in schöner Umgebung, doch hat sie einige Ungereimtheiten entdeckt, denen sie auf den Grund gehen möchte. 

Der zweite Auftritt von Hannah Richter findet also unter etwas anderen Vorzeichen statt, nahm sie beim ersten Mal an einem Austauschprogramm für Polizisten teil, ist sie nun in ihrer Freizeit in Frankreich. Da Emma die Zusammenarbeit aber sehr zu schätzen weiß, verschafft sie Hannah einen temporären Titel, unter dem sie auftreten darf. Und so können die Freundinnen loslegen. Zunächst ergeben sich eher trockene Befragungen der recht umfangreichen Familie des alten Mannes. Denen ist jedoch aufmerksam zu lauschen, denn auch kleine Hinweise können eine Spur ergeben. Zwischendurch gelingt es Hannah einige Sehenswürdigkeiten der Provence aufzusuchen und manchmal auch nur die Landschaft zu genießen. 

Nach und nach ergibt sich ein spannender Fall, eine Familiengeschichte, die es in sich hat. Die Spielchen auf dem Kommissariat, denen Emma ausgesetzt ist, Hannahs Überlegungen, ob ihr Beruf noch der Richtige für sie ist, tun ein Übriges dazu bei, die Lektüre interessant zu gestalten. Sehr authentisch wirkt dabei, dass Hannah feststellt, auch im Urlaubsparadies gibt es einen Alltag und mal graue Wolken und Regen. Lebensnah, klug und doch mit einem gewissen Urlaubsflair bietet dieser Provence-Krimi ein fesselndes Leseerlebnis.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Tödliche Provence von Sandra Åslund
ISBN: 978-3-9581-9126-6


Sonntag, 20. Mai 2018

Drei Etagen


Verschiedene Parteien leben in einem Mietshaus, da sind zum Bespiel Arnon und Ayelet, die nach der Geburt der Kinder auch mal wieder Zeit für sich brauchen, Chani, deren Mann so oft unterwegs ist, dass sie schon die Witwe genannt wird, und Dvorah, deren Mann tatsächlich verstorben ist. Während Arnon und Ayelet ihre Tochter gerne mal für ein paar Stunden bei den Nachbarn gegenüber parken, glaubt Chani, sie sei dabei sich selbst zu verlieren. Dvorah dagegen hat schon alles verloren, vielleicht hat sie eine Chance, sich neu zu erfinden. Ein Haus - drei Etagen, Nachbarn, die man grüßt, von denen man allerdings kaum weiß, wie es hinter verschlossenen Türen aussieht. 

Auf verschiedene Arten erzählen die Bewohner von ihrem Leben, Leben, die anders verlaufen als man beim Anblick des einfachen, zeitlosen Miethauses vermuten würde. Ehen, die nach außen glücklich scheinen, erweisen sich als schwierig oder schon vergangen. Da werden Nachbarn zur Kinderbetreuung herangezogen und nicht bezahlt. Da erweisen sich verloren geglaubte Brüder als Gefahr für das eigene Denken, da könnte man den Eindruck bekommen, es bestehe auch nach dem Tod eines Ehegatten noch die Möglichkeit, sich von diesem zu trennen. Eshkol Nevo überrascht mit seinen Ideen der Darstellung. 

Vielleicht würde man sich einen gewissen Zusammenhalt oder Zusammenhang zwischen den Geschichten wünschen, mehr als das sehr lockere Gerüst, das der Autor gewählt hat. Dennoch ist jede der Erzählungen über die Hausbewohner auf ihre Art spannend. So wie man in den Etagen aufsteigt, so steigert sich nach meinem Empfinden auch die Qualität der Geschichten. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass man hinter die schöne Fassade blicken darf und nicht immer eitel Sonnenschein zu sehen bekommt. Wobei die erste Etage mit dem selbstmitleidigen Arnon eher unangenehm wirkt, während die zweite einen schon fast hoffnungsvoll stimmt und die dritte einem Mut macht, dass es auch spät noch Aufbrüche zu neuen Ufern geben kann. 

Die schöne Sprache, die der Autor beziehungsweise sein Übersetzer Markus Lemke verwendet, macht die Lektüre zu einem Genuss, der größer wird je weiter man die Treppe nach oben steigt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Über uns von Eshkol Nevo
ISBN: 978-3-423-28131-7


Samstag, 19. Mai 2018

Wahrheit über Richard


Drei Frauennamen - drei unterschiedliche Wege. Nellie ist jung und Richard scheint ihr Prinz zu sein, reich, verliebt, zuvorkommend, fürsorglich. Vanessa dagegen, etwas älter, von ihr hat sich Richard getrennt, sie hat die Trennung nicht verwunden und fällt in eine Depression, die es ihr fast unmöglich macht den Alltag zu bewältigen. Emma dagegen strahlt, sie ist selbstbewusst, sie ist die neue Braut von Richard. Vanessa glaubt, sie müsse Emma vor Richard retten. Sie versucht in Kontakt mit Emma zu treten, um sie zu warnen. Doch welches junge Glück will schon eine Warnung erhalten.

Das Autorenduo Greer Hendricks und Sarah Pekkanen gibt den Lesern einige Nüsse zu knacken. Wie können Vanessa und Nellie nur so unterschiedliche Ansichten über ein und denselben Mann äußern. Legt Richard den Frauen gegenüber tatsächlich so unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag. Was für ein Mensch ist Richard, er scheint doch ein liebevoller Ehemann zu sein. Haben er und seine Frau sich vielleicht nur auseinander gelebt, das kommt schließlich in den besten Familien vor. Doch wieso tut sich Vanessa so schwer mit der Trennung und wieso will sie ihre Nachfolgerin warnen. 

In ruhiger Erzählweise beginnt das Buch, die handelnden Personen werden eingehend in ihren jeweiligen Lebenssituationen dargestellt. Man beginnt sich Gedanken zu machen, wie die Lage zustande kam. Ist Vanessa vielleicht doch selbst schuld, schließlich war sie diejenige, die Kleinigkeiten durcheinander brachte, die Schwierigkeiten hatte ein Kind zu empfangen, die gerne ein Gläschen Wein trank. Doch mit einigen echten Kehrtwendungen verstehen es die Autorinnen zu überraschen. Da ist bis zur letzten Seite kaum etwas wie man zu Anfang meint. Die Schlüsse, die man gezogen hat, muss man noch einmal gründlich überdenken. Schließlich kennt man die Geschichte von Nellie, Vanessa und Emma und man ist überzeugt, dass die Frauen ihren Weg gehen werden. Richard ist zwar auch nicht so geboren, das Schicksal hat ihn so gemacht. Dennoch ist die Lösung, die für ihn gefunden wurde, eine logische. Wie in Schüben wird mit subtilen Andeutungen langsam die Spannung erhöht, so dass man am Ende die kleinen Längen vom Beginn schnell vergessen hat. Nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, ist noch lange nicht der letzte Gedanke über die Handlung gedacht.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Wife between us von Greer Hendricks & Sarah Pekkanen
ISBN: 978-3-499-29117-3


Mittwoch, 16. Mai 2018

Beaver süß-sauer


Eigentlich wäre er, der Fellinger, bei der Polizei ja viel besser aufgehoben gewesen mit seinem Kombinationstalent. Doch irgendwie waren die anderer Meinung und so hat es nur zum Lebensmittelkontrolleur beim Gewerbeaufsichtsamt gereicht. Immerhin, auch da gilt es den Bakterien auf die Spur zu kommen. Zum Beispiel im China-Restaurant, das missgünstige Anrufer angezeigt haben. Eigentlich gibt es dort nichts zu beanstanden, außer dieser Hundeleiche im Kühlhaus. Das Fleisch in den Verkehr zu bringen, ist verboten. Allerdings hat er gerade keine Möglichkeit, das Opfer abzutransportieren. Und woher stammt das Tier eigentlich? Überfahren, vor den Augen eines Verwandten des Wirts, so ein Zufall. 

Und der Fellinger trauert der Zukunft hinterher, die nun schon Vergangenheit ist. Doch hier kann er seine Spürnase einsetzen. Wie kam der tote Hund, seines Fells beraubt, in dieses Kühlhaus? Einem Unfall zum Opfer gefallen. Aber vermisst dann nicht der Besitzer das geliebte Haustier? Fellinger findet heraus, dass die Besitzerin verreist sein soll, am Urlaubsort jedoch nicht angekommen ist. Außerdem ist sie nach dem Tod ihres Mannes zu Geld gekommen und es stehen verschieden Leute in der Warteschleife, um möglicherweise im Testament bedacht werden zu können. Sehr verdächtig, wahrscheinlich weilt die gute Helga bereits nicht mehr unter den Lebenden und der Hund war ein Zeuge, der beseitigt werden musste.

Unzufrieden mit sich und seinem Beruf grummelt der Fellinger vor sich hin. Wenn es jedoch was zu erforschen gibt, läuft er zu Höchstform auf. Seiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Köstlich, wenn er sich die tollsten logischen Ketten aufreiht, um dann von seinem Gegenüber mit einem Wort ausgebremst zu werden und seine Gedanken einer erneuten Überprüfung zu unterwerfen. Wozu die Entdeckung einer vermeintlich harmlosen Hundeleiche doch führen kann. Am Fellinger ist wenn wegen geringfügiger körperlicher Beeinträchtigungen schon nicht für den Polizeidienst geeignet ist, so ist an ihm wenigstens ein Detektiv verloren gegangen. Ein Detektiv mit dem man sich wahrhaft amüsieren kann. 

Ein humoriger Kriminalroman aus dem bayrischen Wald wird mit dem richtigen Timbre vorgetragen von Michaeil Schwarzmeier. Als Beginn einer Reihe sehr gelungen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Eiskalter Hund von Oliver Kern
ISBN: 978-3-8371-4087-3


Sonntag, 13. Mai 2018

Ich und sie


Fiona Griffiths ist eine hervorragende Polizistin, sie ist geschickt und wandelbar. Und nun absolviert sie eine Zusatzausbildung zu Undercovereinsätzen. Mit ihrem Freund Buzz, der ebenfalls Polizist ist, lebt sie glücklich. Im Moment ist sie vom Morddezernat an den Betrug ausgeliehen, keine besonders interessante Aufgabe. Ein Abrechnungsbetrug in einem Möbelhaus, doch bald finden die Ermittler die Leiche einer alten Frau, die offensichtlich verhungert ist. Nun kommt Fiona ihre Ausbildung zur verdeckten Ermittlerin zupass. Sie wird in die Ränge der Betrüger eingeschleust und als Fiona Grey soll sie herausfinden, was der eigentliche Plan der Verbrecher ist. 

In ihrer Kindheit hatte Fiona eine schwere Zeit. Viele Menschen erleben in ihrer Kindheit eine schwere Zeit und überstehen diese. Doch Fiona hat dieses Glück nicht, sie entwickelt eine Persönlichkeitsstörung, die sie als Erwachsene zwar einigermaßen im Griff hat, von der es aber keine vollständige Heilung gibt. Für sie selbst erstaunlich fühlt sie sich teilweise in ihrer Rolle als Fiona Grey wohler als in ihrem wirklichen Leben. Eine Tatsache, die Fiona für sich behält, um nicht von dem Fall abgezogen zu werden. Schließlich ist mindestens ein unbeteiligter Mensch zu Tode gekommen. Ein Todesfall, der gesühnt werden soll. Zudem gilt es, einen größeren Betrug zu verhindern.

Mit „Als ich tot war“ absolviert Fiona bereits ihren dritten Auftritt, für das Verständnis ist die Kenntnis der Vorbände nicht notwendig. Wenn man Fiona besser kennenlernen möchte, hat man so allerdings zwei weitere Gelegenheiten. Fiona Griffiths überzeugt mit ihrer speziellen Persönlichkeit. Sie versteht es ansprechend aus ihren Schwächen Stärken werden zu lassen. Als verdeckte Ermittlerin nutzt sie keine Gelegenheit zum Ausstieg, wieder und wieder kehrt sie in die Reihen der Betrüger zurück, um auch noch das letzte Geheimnis aufzudecken. Zwar fragt man sich als Leser manchmal, ob es immer noch ein Gewinn ist oder ob die Untersuchung nicht auch auf üblichem Wege zum Erfolg führen würde. Doch in jeder Sekunde will man wissen, ob und wie Fiona ihren Einsatz übersteht. Mit Sorge betrachtet man die Entwicklung, dass sie ihrer Legende beinahe näher ist als sich selbst, es wirkt fast so als wünschte sie sich eine Hintertür in ihrem Leben.

Eine ungewöhnliche Frau, die gerade durch ihre Einschränkung zur herausragenden Ermittlerin wird. Eine Ermittlerin, von der man gerne mehr liest.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Fiona Als ich tot war von Harry Bingham
ISBN: 978-3-8052-0016-5


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Samstag, 12. Mai 2018

Das Mädchen


Vor Jahren wurde Paul Simon verurteilt. Es soll seine kleine Tochter umgebracht haben. In einem Berufungsverfahren wurde er freigesprochen und nun ist er an seinen Heimatort zurückgekehrt. Niemand will ihn dort haben, das machen die Bewohner von Le Lavandou eindeutig klar. Simon beteuert immer wieder, dass er mit dem Verschwinden seiner kleinen Amélie nichts zu tun hatte. Um die Zeit, in der Simon wieder heimkehrt, wird ein Toter am Strand angespült. Da auch dessen Boot in desolatem Zustand aufgelaufen ist, geht man zunächst von einem Unfall aus. Aber Dr. Leon Ritter kommt die Sache eigenartig vor. Sein Bauchgefühl sagt ihm, da muss er genauer hinschauen.

Dem Gerichtsmediziner, den es in die Provence verschlagen hat, kommt so manches unter. Doch häufig liegt er richtig, wenn er dem Kribbeln vertraut, dass ihm sagt, schau genau, untersuche akribisch. Nicht selten erweist sich das Offensichtliche als Trugschluss, auch wenn es dem örtlichen Polizeichef nur allzu gut in den Kram passt. Zerna wünscht sich am liebsten Unfälle oder Selbstmorde, weil dann nicht die übergeordneten Ermittler allen voran Kommissarin Lapierre aus Toulon eingeschaltet werden. Zu Zernas Verdruss behält Dr. Ritter jedoch in einigen Punkten recht und die große Untersuchungsmaschinerie läuft an. Gleichzeitig soll ein zweiter Gerichtsmediziner in Leons Abteilung anfangen, sollte etwa sein Job gefährdet sein?

Zum vierten Mal „pfuscht“ Dr. Leon Ritter der Polizei ins Handwerk. Er sagt den Leuten einfach nicht, dass was sie hören wollen, sondern er legt die Ergebnisse seiner Untersuchungen dar, wie sie sind. Schnörkelos und geradlinig, soll die Polizei doch damit anfangen, was sie will. Und so kommt die Wahrheit ans Licht. Wenigstens Leons Freundin Isabelle ist eine hervorragende Ermittlerin, die seine Hinweise bestens einzuschätzen weiß. 

Mit seinem Frankreichflair vermittelt dieser Kriminalroman zwar sehr gute Urlaubsstimmung, bietet aber auch eine spannende Untersuchung einer Reihe von Todesfällen. Toll beschrieben ist die Hartnäckigkeit, mit der Leon Ritter am Ball bleibt und sich von nichts und niemandem Steine in den Weg legen lässt. Die Geplänkel mit seiner Freundin und deren pubertierender Tochter sorgen auf angenehme Weise für kleine Auflockerungen. Nach den eingehenden Nachforschungen kommt das Ende zwar etwas schnell, das hindert jedoch nicht daran, das Buch mit einem guten Gefühl zu schließen. 

Kriminalromane wie dieser, die einem Land und Leute näher bringen und gleichzeitig eine spannende Krimihandlung aufweisen, sind immer einen gedanklichen Ausflug in das jeweilige Land wert. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Grab unter Zedern von Remy Eyssen
ISBN: 978-3-8437-1728-1


Freitag, 11. Mai 2018

Miefing


ist so ziemlich die beste Worterfindung in dem Buch. Gute Sätze oder Aussprüche bietet der Roman natürlich noch viele weitere.

Da steht es: Ein Kreuz mit Kluftingers vollständigem Namen und Klufti steht davor. Das kann doch nur ein missglückter Scherz sein oder wünscht tatsächlich jemand, der Kommissar möge den Weg alles Irdischen gehen? Dabei läuft es doch gerade so gut. Riesig freut er sich über sein erstes Enkelkind, das jetzt das Buzele ist. Nun gut, eigentlich ist das Erikas Kosename für Klufti, der will jetzt auch wie er betont nicht nur noch Opa genannt werden. Und der Dr. Langhammer ist wie ein Dorn in Kluftingers Seite. Aber sonst ist alles Bestens. Als dann jedoch auch noch eine Todesanzeige in der örtlichen Zeitung erscheint, kommt bei Klufti und seinen Kollegen doch eine gewisse Unruhe auf.

Wer kann es sein? Wem ist Kluftinger dermaßen auf die Füsse getreten, dass es jetzt zu diesen Taten kommt? Die Polizei rätselt, der Täter hat keine verwertbaren Spuren hinterlassen, weder am Kreuz noch beim Aufgeben der Anzeige. Für Kluftiger selbst beginnt eine Phase des Nachgrübelns. Er erinnert sich an alte Fälle, an seine Jugend, die Les Humphries Singers. Aber es selbst hat sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Er hat doch immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Wer kann es also sein? Keine Frage, die sich einfach so beantworten lässt. Und die Zeit wird knapp.

Dies ist nun der Jubiläumsband, der zehnte Fall um Kommissar Kluftinger, in dem endlich das Geheimnis um seinen Vornahmen gelöst wird. Gewarnt wird in diesem Zusammenhang allerdings vor Gesprächen mit Arbeitskollegen über das Namensrätsel. Die platzen mitunter schneller mit der Lösung heraus als man die ersten Seiten umblättern kann. Wobei eine gehörige Last haben die Eltern dem Klufti mitgegeben. Wie schön wäre es, man könnte sich ab einem gewissen Alter selbst einen Namen aussuchen. Mit diesem und noch anderen Bonmots erfreuen die Autoren ihre Leser. Klug wird jedoch nicht zu viel abgeschweift, Klufti und seine Kollegen behalten den Fall im Blick. Geschickt wird dargestellt wie sich nach und nach die Schlinge um Kluftis Hals zuzuziehen scheint. Die Einschläge scheinen näher zu kommen. Und so hängt man gebannt an den Seiten und wünscht Klufte möge mit seinen Fähigkeiten, die Zusammenhänge zu erkennen, schneller sein als der Täter mit der Fähigkeit, anderen Übles zuzufügen.

Ein sehr gelungener zehnter Fall für Kommissar Kluftinger, der mit einigen Überraschungen aufwartet.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Kluftinger von Klüpfel & Kobr
ISBN: 978-3-8437-1712-0



Donnerstag, 10. Mai 2018

Lass mich verschwinden


Endlich glaubt die Polizei Friedas Worten, doch um welchen Preis. Der ehemalige Polizist Bruce Stringer wurde tot unter Friedas Dielen gefunden. Es kann nur Dean Reeve gewesen sein, er ist in Friedas Leben, in ihrer Wohnung. Fieberhaft sucht die neue Ermittlerin Petra Burge gemeinsam mit Chief Inspector Karlsson nach Reeve. Der erweist sich wie gewohnt als gewieft und unauffindbar. Doch dann verschwindet Friedas Nichte Chloe. Zwar taucht sie bald unversehrt wieder auf, aber ihr fehlt die Erinnerung an ein paar Tage. Frieda ist schockiert und versucht der jungen Frau zu helfen.

In diesem angekündigt vorletzten Band der Reihe um die Psychologin Frieda Klein bekommt man den Eindruck, dass Dean Reeve immer mehr in ihr Leben eindringt. Er scheint Zugang zu ihrem Haus zu haben, zumindest schafft er es die Leiche unbemerkt dort zu verstecken. Kann Frieda in ihrem Refugium und Rückzugsort überhaupt noch wohnen, nachdem es von diesem Verbrecher kontaminiert wurde? Möglicherweise ist Frieda auch in großer Gefahr, schließlich scheint sie nirgends vor Reeve sicher zu sein. Aber Frieda ist nicht jemand, der klein beigibt. Sie nimmt ihre Wanderungen durch London wieder auf. Sie versucht, den Gedanken des Killers zu folgen, um so vielleicht seine Spur zu finden.

Man möchte von Frieda Kleins eigentümlicher aber auch einnehmender Persönlichkeit überhaupt nicht Abschied nehmen müssen. Immer näher kommt ihr Dean Reeve und man fragt sich, was das Autorenduo Nicci French für das Finale in petto hat. Dieser vorletzte Band besticht wie seine Vorgänger mit einer durchdachten Story, die Frieda ein letztes Mal auf Abwege führt. Ihr sympathisches Grüppchen von Freunden, die einen wunderbaren Familienersatz bilden, bleibt ihr in jeder Situation gewogen und sie alle sind bereit, sich für sie einzusetzen. Und so haben Nicci French einen tollen Krimi-Cosmos geschaffen, in dem eigentlich noch viel mehr Geschichten stecken als die zu erwartende Letzte. 

Ein ausgesprochen packender Kriminalroman, in dem Frieda Klein und ihre Freunde die Kräfte für den Showdown sammeln.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Sunday Morning coming down von Nicci French
ISBN: 978-1-405-93655-2


und hier ein Blick auf das Cover der deutschsprachigen Ausgabe


Sonntag, 6. Mai 2018

Farbenspiel


Karl ist Sohn und er ist es nicht. Seine Eltern, ein bekanntes Künstlerehepaar, sind sich in der Ausübung ihrer Kunst genug. Karl war da irgendwie über und kam auch bald ins Internat. Später ist er selbst ein anerkannter Künstler. Es hat es aus sich selbst heraus geschafft. Als jedoch seine Mutter schwer erkrankt und sein Vater stirbt, macht sich Karl auf nach Leinsee, den Ort der Kunst, sein Elternhaus. Für Karl ist es keine einfache Heimkehr, zumal die Öffentlichkeit nun hinter sein Geheimnis gekommen ist. Mäßig berühmter Sohn sehr berühmter Eltern. Eltern, die nicht mehr präsent sind. Karl könnte verzweifeln, gäbe es nicht die sporadischen Begegnungen mit der 8jährigen Tanja,

Wie ist es zwischen Eltern und Kindern, wenn die Lebens- und Beziehungsumstände sagen wir ungewöhnlich sind. Dieser Frage widmet sich Anne Reinecke mit ihrem gefühlvollen Erstlingswerk. Ein junger Mann, der wohl zurecht damit hadert, dass er als Kinde beiseite geschoben wurde. Von Eltern darf man möglicherweise schon etwas mehr erwarten als in relativ jungen Jahren ins Internat abgeschoben zu werden, oder? Und nun kann die Grübelei beginnen. Haben nicht auch die Eltern ein Recht auf Verwirklichung? und was ist, wenn sie sich selbst genug sind? Wäre es dann besser ein Kind wegzugeben oder nicht erst entstehen zu lassen? Wie wirkt es sich aus, wenn später die Eltern alt werden und der Hilfe bedürfen? Sicher können sie sich wünschen, dass ihr Kind sich kümmert. Einen Anspruch haben sie gewiss nicht. Doch Karl kümmert sich und hadert wieder. Der Vater hinterlässt einen kalten Abschiedsbrief, in dem er verzeiht und nicht einemal die Überlegung anstellt, ob er um Verzeihung bitten müsste. Die Mutter übersteht eine schwere Operation, doch sie erkennt Karl nicht, sie seiht nur ihren Mann. Die Begegnungen mit Tanja wirken wie kleine Fluchten. Sucht Karl ein Kind, bei dem er es besser machen kann?

Vielleicht sind der Autorin beim Schreiben ganz andere Überlegungen in den Sinn gekommen. vielleicht ist die Art zu lesen von der persönlichen Situation des Lesers bestimmt. Doch obwohl man Karl eine umsorgtere Kindheit gewünscht hätte und ihn in seinen Wunsch, den Eltern gerecht zu werden, respektiert, so kann man nicht jede seiner Handlungen nachvollziehen. Man versucht, nicht allzu sehr zu werten und Karl so zu nehmen wie er ist, doch bei allem Verständnis fällt dies nicht immer leicht. Dennoch hinterlässt das phantasievolle Farbenspiel und die ruhige klare Sprache Anne Reineckes eine eindringliche Spur.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Leinsee von Anne Reinecke
ISBN: 978-3-257-27014-9


Samstag, 5. Mai 2018

Weites Land


Pete Ferguson, der Deserteur, ist ein Suchender. Seinen kleinen Bruder hat er vor dem amerikanischen Bürgerkrieg gerettet. Er hat mit seinem Vater gestritten, der die Brüder nicht gut  behandelte. Er hat einen Mann um gebracht. Ferguson reist unter falschem Namen. Er geht auf Bison-Jagd, schon in dem Wissen, dass es bald keine Bisons mehr geben wird. Er zieht Richtung Mexico, wo er bei wandernden Komantscheros unterkommt. Diese bezahlen ihn für die Teilnahme an einer Revolution in Guatemala, eine Revolution, die er im letzten Moment verhindert. Und langsam kommt Pete Ferguson seinem Ziel näher, dem Äquator.

Am Äquator sei alles besser, hat man ihm erzählt. Dort müsse man sich Steine in die Tasche stecken, um die Verbindung zur Erde nicht zu verlieren, die Flüsse flössen anders herum. Auf dem Weg zum gelobten Äquator lernt Pete Menschen kennen, die ihm helfen, denen er zuhört, bei denen er etwas lernt. Doch er trifft auch solche, die ihm Übles wollen, ihm nach dem Leben trachten. Pete weiß sich zu wehren, immer wieder schafft er es Gefahren zu entrinnen. Manchmal allerdings wird es wirklich knapp. Und sein Ziel scheint lange nicht wirklich näher zu rücken.

Was ist überhaupt das Ziel? Offensichtlich konnte man im Jahr 1871 noch Menschen begegnen, die glauben, dass auf der anderen Erdhalbkugel alles auf dem Kopf steht, die es als großes Abenteuer sehen, sich selbst auf den Kopf zu stellen. Vielleicht ist ja gerade das das Ziel, sich selbst auf den Kopf stellen, sein raues Wesen in ein umgänglicheres zu wandeln, seine Angst und Wut in eine Kraft zu kanalisieren, die es ermöglicht, eine gute Beziehung einzugehen. Vielleicht muss man den Äquator nicht einmal erreichen, um sich zu läutern, um in sich zu gehen. Seine Gedanken niederzuschreiben, seine Ansichten auszutauschen. Pete Ferguson ist eine Persönlichkeit, der man sich langsam nähert, die aber in dieser Langsamkeit eine ungewöhnliche Anziehungskraft entwickelt. Für Pete gibt es irgendwann ein Vorwärts, dass ihn zu einer ganzen Person werden lässt.

Antonin Varenne versteht es ausgesprochen gut, mit ungewöhnlichen Geschichten zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Äquator von Antonin Varenne
ISBN: 978-3-570-10340-1


Freitag, 4. Mai 2018

Mrs. Richardson


Die Richardsons sind sind eine wohlhabende Familie, er ist Anwalt, sie Lokalreporterin, vier wohlgeratene Kinder. Ein zusätzliches Einkommen haben sie aus einem kleineren Zweifamilienhaus. Als Mia und ihre Tochter Pearl in Shaker Heights ankommen, mieten sie eine der Wohnungen. Mia ist Fotografin und immer wenn sie ein Thema durchdrungen hat, geht es an einen anderen Ort. Diesmal jedoch soll es anders sein, diesmal wollen sie bleiben. Pearl freundet sich mit den Kindern der Richardsons an, Mia nimmt eine Arbeit an und beginnt mit einer neuen Fotoserie. Zwischen den Familien entwickelt sich eine engere Verbindung als man zunächst vermuten könnte.

Shaker Heights, ein Vorort von Cleveland, Ohio, zur Zeit der Clinton-Regierung. In dieser Stadt ist alles geplant, die Farbe der Häuser, die Größe der Häuser in verschiedenen Viertel, die Straßen, der Autoverkehr, das Angebot an Schulen. Wenn man will bekommt am vieles vorgesetzt und muss wenig selbst entscheiden. Der Ort ist so sicher, dass man die Türen auf mal offen lassen kann. Nur mit der Freiheit ist es nicht so weit her und Herausforderungen begegnen einem eher weniger. In dieser Stadt kann man ein Leben aus Zufriedenheit und Wohlstand leben, allerdings ohne Höhen und Tiefen, kein Abenteuer. Mit dem Einzug von Mia und ihrer Tochter kommt doch eine Art Abenteuer zur Familie Richardson. 

Celeste Ng versteht es nahezu perfekt aus einer kleinen Geschichte ein großes Drama zu machen.  Ein eher unbedeutender Einzug verändert das Leben der Richardsons für immer. Gesagtes und Ungesagtes führt auf Spuren, die in die Vergangenheit weisen oder die eine Blick in die Zukunft erlauben. Fein sind die einzelnen Fäden der Story zu einem Ganzen versponnen. Es gibt eine Story hinter dem Hinweis, eine Beziehung hinter der offensichtlichen. Viele zumindest vermeintliche gute Absichten führen auf einen Weg, der nicht nur Gutes bringt. Die meisten der handelnden Personen erwecken Verständnis um ihre Beweggründe, doch bei manchen wird es mühsam, Sympathie zu empfinden. Während hin und wieder eine kleine Länge auftaucht, so ist man doch meist hin- und mitgerissen von diesem Zusammentreffen zweier Welten wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite die extreme Regulierung, auf der anderen, das sich treiben lassen von einem Ort zum anderen. Keine Welt ist ideal, doch beide sind verändert als die Berührung sich dem Ende entgegen neigt. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Kleine Feuer überall von Celeste Ng
ISBN: 978-3-423-28156-0

Donnerstag, 3. Mai 2018

Das Gespenst


Persönlich hat er ihn hinter Gitter gebracht und bei einem Ausbruchsversuch wurde er von seinen vermeintlichen Helfern ermordet. Die ehemaligen Kronzeugen sind im Zeugenschutz. Wie also kann ein Video auftauchen, auf dem man einen Toten bei der Beseitigung eines der Zeugen beobachten kann? Das geht einfach nicht. DCI Jim Daley, der das Revier in Kinloch, wo der zweite Kronzeuge lebt, leitet, ist in heller Aufregung. Nun gilt es Frank MacDougall zu schützen. Er wird diese Aufgabe meistern, sie einfach meistern müssen. Als es zu weiteren Todesfällen kommt, kann sich Jim ausmalen, dass das Gespenst es Daley fast unmöglich machen wird, seinen Auftrag zu erfüllen.

Eigentlich passiert in Kinloch nicht viel, mal ein Einbruch, mal Diebstahl, mal ein paar Drogen. Jim Daley könnte eine ruhige Kugel schieben und gemeinsam mit seiner Liz das Eheleben genießen. Wenn allerdings doch mal was geschieht, dann gleich richtig. Nie wäre damit zu rechnen gewesen, das JayMac, der doch tot ist, wieder auftaucht. Hat er etwa überlebt? Nein, das kann nicht sein. Wie kommt aber seine Visage in diese Videoaufnahme? Und offensichtlich ist ihr Kronzeuge in Gefahr. Sind damit etwa alle in Gefahr, die damals an den Ermittlungen beteiligt waren? Jim kann sich gut erinnern, wie der Verurteilte, ihm Rache angedroht hat.

Möglicherweise ahnt man früh, welchen Kniffes sich der Autor in einem gewissen Moment bedient. Dies jedoch hindert einen nicht, gefesselt an den Seiten des Buches zu kleben. Die meisten der Winkelzüge lassen sich nämlich nicht so einfach vorhersehen und so beschert Denzil Meyrick seinen Lesern einen packenden Thriller, der mit so einigen sicher geglaubten Ansichten aufräumt. Wer ist mit wem? Ist überhaupt jemand ehrlich? Alles hängt irgendwie zusammen und so manche unliebsame Überraschung ist zu verarbeiten. Jim Daley hat es in diesem Fall nicht leicht. Es ist als müsste man fürchten, dass Jack Daniels ihm ein ebenso guter Freund werden kann wie seinem Freund und Kollegen Brian Scott. 

Dieser zweite Band der Reihe um Jim Daley, der sich gegen den organisierten Untergrund Schottlands behaupten muss, bietet beste Thrillerkost. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Pate von Glasgow von Denzil Meyrick
ISBN: 978-3-9596-7756-1


Dienstag, 1. Mai 2018

Eiskalt


Lange Jahre war Eva nicht in ihrem Heimatort, doch eine Einladung zweier alter Freunde bringt sie dazu, sich auf den Weg zu machen, bringt die Erinnerung zurück. Der Sommer 2002 als Eva dreizehn war, ein Sommer der Freundschaft, ein Sommer der Schwester, der Sommer, in dem Jan starb. Es war der Sommer, in dem vieles anders war als es den Anschein hatte. Mit ihren Freunden Laurens und Pim ist Eva gerne unterwegs. Sie flieht ihr Elternhaus, ihre liebenswerte Schwester mit ihren vielen Ticks, ihre Eltern, die in Hassliebe vereint sind, ihren Bruder, der bald alt genug ist, um zu gehen. 

Was bringt eine junge Frau dazu, sich einen großen Eisblock in den Kofferraum zu laden und sich damit auf den Weg in ihr Heimatdorf zu machen? Liest man dies in der Beschreibung zu diesem Roman, kann man neugierig werden und sich mit Eva auf die Fahrt begeben. Je länger man jedoch auf dem Weg ist, desto mehr lässt die Neugier nach. Begreifen setzt ein, über das, was vor so langer Zeit geschah und das, was geschehen wird. Und je mehr man versteht, desto weniger möchte man weiterlesen oder hören. Der Roman ist teilweise wirklich schwer zu ertragen. Vermutet man zunächst eine Sommergeschichte, ein Miterleben des Erwachsenwerdens junger Menschen, eines Aufbruchs in eine neue Welt, so muss man bald feststellen, dass Evas Geschichte nichts für schwache Nerven ist. Zwar erzählt sie durch Anna Thalbachs Stimme mit Leichtigkeit, doch erzählt sie nicht von einem schönen Sommer der Wärme, der Freunde. Nein, die Erzählung ist eher hart und schonungslos. Die Grausamkeit dummer Kinder zerstört die feinen Gefühle. Kaum zu ertragen sind die Erlebnisse dieses Sommers, schwer zu verstehen, welchen Gedanken Eva auf dem Weg zu der Feier nachhängt. 

Bei diesem Debütroman handelt es sich nicht um leichte Kost. Nicht alles wird erklärt, die Story ist ziemlich hart, mit seinen Gedanken wird der Leser allein zurück gelassen. 


2,5 Sterne (🐳🐳+)

Und es schmilzt von Lize Spit
ISBN: 978-3-7857-5606-5