Donnerstag, 30. September 2021

Außergewöhnliche Jugend

Anfang der 1960er Jahre arbeitet Friedrich Hellberg als Ingenieur in Kairo. Seine Frau begleitet ihn nur widerwillig. Die 17jährige Tochter Rosa ist dagegen sehr angetan als sie auch nach Kairo darf. Obwohl sie die Schule noch nicht abgeschlossen hat, bleibt sei auf Wunsch des Vaters im Land, ebenso ihre kleinere Schwester Petra. Rosa betritt eine für sie fremde Welt. Der Vater findet ein Haus, Bedienstete, es gibt exklusive Hotels und Restaurants. Doch die Mutter ist so antriebslos, dass Rosa einen großen Teil der Hausarbeit erledigen soll. Als sich die Gelegenheit bietet, nimmt Rosa eine Stelle als Sekretärin bei einem anderen deutschen Expertenteam an. Sie muss einfach aus dem Haus kommen.


Das ist wirklich eine außergewöhnliche Chance, die sich Rosa in so jungen Jahren bietet. Leben und arbeiten in warmen Gefilden, die Chefs renommierte Wissenschaftler. Doch die Freude ist nicht völlig ungetrübt. Ihre Mutter hat psychische Probleme und wäre lieber in Deutschland. Und Rosa fühlt sich verantwortlich für ihre kleine Schwester, die nicht so sehr unter ihrer speziellen Mutter leiden soll. Gleichzeitig möchte Rosa leben, Neues kennenlernen, mal auf eine Party gehen. Ihre für ihre Jugend recht verantwortungsvolle Arbeit füllt sie aus, wobei ihr erst nach und nach aufgeht, wo sie da eigentlich tätig ist.


Dieser Roman wird von der Autorin als dokumentarisch bezeichnet. Das ist wohl eine Form die nicht so häufig vorkommt und damit Neugier und Interesse weckt. Kaum noch bekannt ist heutzutage, dass in den 1960ern tatsächlich auch deutsche Wissenschaftler und Ingenieure in Nassers Rüstungsindustrie tätig waren. An den Erlebnissen der fiktionalisierten Familie Hellberg werden sowohl die Begebenheiten um die Experten als auch das private Leben der Hellbergs geschildert. Durch Beschreibungen von Bildern und Auszüge aus Geheimdienst- oder Zeitungsberichten wird die Authentizität der Ereignisse betont. Das macht den Roman zwar außergewöhnlich, aber mitunter auch nicht leicht zu lesen. Zur Auflockerung hätte man sich die Bilder zur Ansicht gewünscht und die Auszüge aus Dokumenten deutlicher abgegrenzt. Dennoch bleibt man am Ball, denn einige der Schilderungen wecken ungläubiges Staunen, was im Namen Deutschlands so relativ kurz nach dem Krieg schon wieder legitim erschien. Gerade durch die Zeitdokumente gewinnt der Roman. Es ist wichtig, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät und dafür wird hier auf fesselnde Weise gesorgt.


4 Sterne


Die Experten von Merle Kröger

ISBN: 978-3-518-46997-2





Mittwoch, 29. September 2021

Geliebtes Land

Nach einer Weile in Venedig sehnt sich Commissario Morello immer noch nach Sizilien. Dort kann er jedoch vor der Mafia nie sicher sein. Dieser Tage patrouilliert er mit seiner Kollegin Anna durch Venedigs stille Straßen. Erst in der kommenden Woche soll der Lockdown aufgehoben werden. Die beiden Polizisten sind allerdings sehr erschrocken als sich ein junger Afrikaner von einer Brücke stürzt. Was treibt einen jungen Menschen nur zu solch einer Tat. Die beiden schaffen es, den jungen Mann zu bewegen, seine Geschichte zu erzählen. Morello erfährt einiges über die Fluchtrouten aus Afrika und inwieweit so mancher Neuankömmling in den Händen der Mafia landet.


Commissario Morello bekommt hier seinen zweiten Fall, der ihn sehr beschäftigt und dazu bringt, seine Jagd nach den Mafiosi nicht aufzugeben. Die Strukturen in Nigeria, dem Herkunftsland des jungen Geretteten, sind denen der italienischen Mafia nicht mal unähnlich und sie reichen auch in andere Länder, unter anderem auch Italien. Morello sieht sich aufgerufen wieder gegen die Mafia zu kämpfen. Dass er dazu in seine schöne, aber für ihn auch gefährliche Heimat reisen muss, sieht er eher als Auftrag. Doch wie soll er seinen Vorgesetzten in Venedig überreden, ihm den richtigen Auftrag zu erteilen?


Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit sind hier gepaart. Zum einen gibt das eine interessante und spannende Lektüre, zum anderen entsteht aber doch die Frage, ob es nicht auch gut wäre, sich zu entscheiden. Dennoch bilden Antonio Morello und Anna Klotze ein tolles Team, die gut aufeinander abgestimmt sind und das nötige gegenseitige Verständnis aufbringen. Dass die Realität in Form der Pandemie in diesem Roman Einzug gehalten hat, kann als echter Pluspunkt gesehen werden. Die Lebenswirklichkeit ist schließlich so. Ein wenig schaudert es einen, wenn man liest, wie tief die Mafia mit der Gesellschaft verstrickt ist. Wie soll man sich jemals daraus lösen? Der spannende Fall, ein mutiges Ermittler-Duo ergeben einen kurzweiligen, aber auch etwas nachdenklich stimmenden Zeitvertreib.


4 Sterne


Der Tintenfischer von Wolfgang Schorlau und Claudio Caidolo

ISBN: 978-3-462-00101-3





Dienstag, 28. September 2021

Die junge Wilde

Charlotte springt schon mal gerne über den Zaun. Manchmal wird sie von den anderen eine junge Wilde genannt. So wild ist sie garnicht, aber schlau, neugierig und schnell und ein Schaf. Und heute sind Charlotte und die anderen Tiere auf dem Hof sehr aufgeregt, denn eines der Lämmer ist verschwunden. Hat es sich verlaufen? Wurde es entführt? Charlotte wird sich der Sache annehmen und bestimmt wird sie Klärchen finden. Zum Glück wissen die Menschen nicht, dass die Tiere sich untereinander verstehen und auch wissen, was die Menschen reden. Aber auch die Kinder wollen das verlorene Schaf finden.


Wenn man in der Onleihe mal ausprobieren möchte, ob und wie es mit den Hörbüchern funktioniert, weil sich das Hörbuchangebot bei irgendeinem Anbieter verdünnisiert hat, eignet sich diese kleine Vertonung eines Kinderbuches, dass auch Erwachsenen gute Laune bereiten kann, gerade gut. Die gewiefte Charlotte wirkt naseweis und freundlich. Und sie nimmt die Dinge in die Hand. Dabei stürmt sie ins Abenteuer, springt über Zäune und bewältigt auch die Denkarbeit mit Bravour. Auch die anderen Hoftiere, wie die Katze Rosie oder der Hund Charlie, tragen das ihrige zur Lösung der Sache bei.


Experiment geglückt, auch über die Onleihe kann man bestens Hörbücher hören, wenn es nicht unbedingt das Allerneueste sein muss. Auch Charlotte, das junge Schaf, unterhält gut und wird kurzweilig interpretiert von Laura Maire. Zwar wäre man etwas neugierig gewesen auf die Illustrationen im Buch, doch diese werden möglicherweise ersetzt durch die Musikeinspielungen, die sehr schön auflockern. Ein gewinnendes Hörbuch für Kinder, das auch gut gestimmte Erwachsene sehr gut unterhält.


4 Sterne


Ich bin hier bloß das Schaf von Friedbert Stohner

ISBN: 978-3-7313-1190-4



Samstag, 25. September 2021

Sprachwitz - Longlist Deutscher Buchpreis 2021

Ein gescheiterter Musiker hat es sich als selbständiger Toningenieur eigentlich ganz bequem eingerichtet. Mit seiner Freundin könnte er zufrieden sein, obwohl sie eher ruhig nebeneinanderher leben. Wäre da nicht die Langeweile und diese Ödnis. Dann lernt er die jüngere Vanessa kennen und sie schlägt ein wie eine Bombe. Er ist auf der Pirsch und wieder lebendig. Ohne Rücksicht trennt er sich von seiner Freundin und biedert sich so lange bei Vanessa an bis sie so eine Art Beziehung aufgebaut haben. Schnell merkt er allerdings, dass auch eine neue Beziehung nicht immer in die Glückseligkeit führt.


Das Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021. Im Büchlein mit den Longlist Leseproben ist ein durchaus interessanter Ausschnitt aus dem Buch als Probe gewählt, der sich durch schönen Sprachwitz auszeichnet, in dem man sich gleich heimisch fühlt. Das kann dazu führen, dass man das ganze Buch lesen möchte, gerade auch, wenn man von dem Autor noch nichts kennt. Ob es so gesehen als Erstversuch die beste Wahl ist, kann wegen des Erstversuchs nicht beurteilt werden. Die handelnden Figuren vermögen jedoch nicht, einen für sie einzunehmen. Da ist allenfalls die verlassene Freundin, von der man hofft, sie ist befreit und ihr Nachkarten geschieht zurecht. Oder Frieder, die Stimme der Vernunft.


Mit diesem Buch kann man sich möglicherweise etwas schwertun. Die Charaktere wirken unsympathisch und verströmen die Ödnis, die sie wahrscheinlich selbst empfinden. Die handelnden Personen wirken sexbesessen und doch lust- und freudlos. Man muss sich halt fragen, ob man sich runterziehen lassen möchte. Allerdings ist der Roman witzig geschrieben. Und man möchte sich an diesem Funken Witz und Humor festklammern und der Hoffnung, dass es noch werden wird. Wie auch im echten Leben wird es aber nicht. Wünscht man sich so etwas von einem Roman, ist er gerade richtig. 


3 Sterne


Es ist immer so schön mit dir von Heinz Strunk

ISBN: 978-3-644-00744-4





Freitag, 24. September 2021

Liam, Junge

Immer wollte die Fotojournalistin Abigail Logen ihren Onkel Ben mal in Schottland besuchen. Doch als er erkrankte und deshalb häufiger in London war, trafen sie sich dort. Nun ist Ben gestorben und Abby hat seine Whisky Destillerie geerbt. Voller Trauer fährt sie mit Liam, ihrem Hund und Patrick, einem Whisky-Kenner endlich nach Schottland. Dort merkt sie bald, wie beliebt Ben war und wie wenig die Leute davon halten, dass sie, eine Frau, die Erbin ist. Doch Abby möchte ihrem Erbe gerecht werden. Sie will nicht einfach an den ersten Besten verkaufen. Zunächst möchte sie genauer erfahren, wie Bens Destillerie arbeitet.


Natürlich muss Abby mit der Trauer und dem überraschenden Erbe klarkommen. Der Aufenthalt in Schottland bietet ihr aber auch eine Auszeit von ihrem stressigen und nicht immer ungefährlichen Job. Von Grant, der für Ben gearbeitet hat, erfährt Abby einiges über die Whisky-Herstellung und einiges über Ben. Obwohl Abby ihren Onkel schmerzlich vermisst, beginnt sie sich in Schottland heimisch zu fühlen. Allerdings ist es mit dem heimeligen Gefühl bald vorbei. Kleinere Sabotageakte machen ihr klar, dass in der Whiskey-Szene eine Frau als Destilleriebesitzerin nicht gerne gesehen ist. Zum Glück, denkt Abby, ist ihr Hund Liam immer bei ihr, da kann ihr eigentlich nichts passieren.


In diesem ersten Teil einer Reihe um Abigail Logan kann man zunächst einmal eine Menge interessanter Dinge über die Geschichte des Whisky und auch der Whiskyherstellung lernen. Gerade für einen Nichtkenner ist das erstaunlich informativ und nicht langweilig. Authentisch beschrieben ist auch Abbys anfängliche Trauer, in die sich aber bald detektivischer Spürsinn mischt als sich die seltsamen Vorfälle mehren. Abby und ihr kleiner Beschützer Liam sind ein sympathisches Team. Ein Team, zu dem auch Grant stoßen könnte, der ein großer Brennmeister ist. Es ist ein leichtes und angenehmes Hörvergnügen, dass hier geboten wird. Viele Informationen, die man interessiert aufsaugt, ein spannender Fall und liebenswerte Protagonisten. Genau die richtige Mischung für zum Beispiel die Mittagspause, eine Auto- oder Zugfahrt oder welche Hörgelegenheit auch immer, stimmig vorgetragen von Katrin Heß.


4 Sterne


Whisky mit Mord von Melinda Mullet

ISBN: 978-3-96105-128-1




Sonntag, 19. September 2021

Longlist und Shortlist Debüt Österreichischer Buchpreis 2021

Ein paar Tage nach der Longlist zum Deutschen Buchpreis erscheinen auch die Longlist des Österreichischen Buchpreises und die Shortlist Debüt. Letzteres ist seine sehr schöne Besonderheit des Österreichischen Buchpreises, mit dem herausragende Debüts eine besondere Aufmerksamkeit erhalten. 


Hin und wieder werden Romane zu beiden Preisen gelistet, was möglicherweise für der Qualität sprechen kann. In der Vielzahl der Einreichungen sind sie schließlich allen Jurymitgliedern aufgefallen. Für mich ist dabei interessant, dass die Listen und damit wohl auch die Vorlieben der Juroren sehr unterschiedlich sind. 


Jedenfalls haben es einige interessante Bücher sowohl auf die Longlist als auch auf die Shortlist Debüt geschafft. Dies kann kann man bei der Lektüre der Leseproben auch selbst feststellen, da mögen es durchaus ein paar Bücher auf die Wunschliste schaffen, wenn auch kein eindeutiger Favorit auszumachen ist. Das ist vielleicht nicht so schlecht, denn so kann sich auch mal etwas Neuem öffnen. Gespannt sein dar man dann sicherlich auf die Bekanntgabe der Preisträger im November diesen Jahres.




Leseproben zur Longlist des Österreichischen Buchpreies 2021 und der Shortlist Debüt

Lebenswege - Longlist Deutscher Buchpreis 2021

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1939 sind die Züge zum einen wegen der bevorstehenden Feiertage und zum anderen wegen der Kriegseinsätze von Zügen und Lokführern brechend voll. So auch die beiden Züge von Berlin nach Köln und Neunkirchen (Saar). Kurz vor dem Bahnhof Genthin rast der nachfahrende Zug mit großer Geschwindigkeit in den stehenden Zug davor. Die Wagen keilen sich ineinander und viele Menschen sterben. Unter den Verletzten befindet sich auch die junge Carla Finck, die im Krankenhaus allerdings den Namen Buonomo angibt. Jahre später stößt Thomas Vandersee auf diese Begebenheit. Seine eigene Familie stammt aus Genthin und so ist sein Interesse geweckt. 


Was kann man viele Jahre nach so einem schweren Unglück noch herausfinden? Durch die eigene familiäre Verbindung steigt die Hartnäckigkeit. Vandersees Mutter Lisa war zur Zeit des Unglücks bei dem örtlichen Modegeschäft in Ausbildung. Möglicherweise kannte sie Carla Finck sogar. Carlas Schicksal ist von Geheimnissen umgeben. Doch auch Lisa Vandersee ist manchmal nicht gerade auskunftsfreudig, wenn es um die eigene Vergangenheit geht. So wird die Suche von Thomas Vandersee nach dem Schicksal von Carla Finck auch eine Suche nach seiner eigenen Geschichte. 


Der Titel dieses Buches weckt Interesse. Wie kann eine leider in Vergessenheit geratene Zugkatastrophe den Hintergrund für einen spannenden Roman bilden? Der Autor gibt die Antwort darauf. Zum einen hält er sich an die bekannten historischen Vorgaben, zum anderen ersinnt er eine verwickelte Handlung um die junge Carla und auch seine Mutter. Welches Leid brachte das Unglück über die zufällig zusammengewürfelten Reisenden und das Zugpersonal, welche Zufälle bilden die Verbindungen zwischen den beiden Frauen, wie reicht es sogar in das Leben des Berichterstatters hinein? Fragen, die auf eine Art geklärt werden, dass man während der Lektüre gepackt und mitgerissen wird. Menschen haben häufig etwas zu erzählen, man muss sie nur mal fragen. Oder auch auf anderen Wegen versuchen herauszufinden, wie es war. Es gibt tragische Momente und auch hoffnungsvolle, erklärende und es gibt Geheimnisse, die bleiben. Ein überraschender zeitgeschichtlicher Roman, den zu lesen sich unbedingt lohnt.


4 Sterne


Besichtigung eines Unglücks von Gert Loschütz

ISBN: 978-3-8956-1157-5 




Samstag, 18. September 2021

Der Wolf

Seit Jahren schon versucht Isa Kurzeck die Machenschaften in der Nolden-Gruppe aufzudecken. Sie war ganz dicht dran, doch der Firmenchef Christof Nolden saß am längeren Hebel. Isa und ihre Mitstreiter leben seitdem undercover. Als die Nachricht, dass Nolden an einem Herzinfarkt verstorben ist, Isa erreicht, sieht sie eine zweite Chance. Isa Kurzeck kehrt nach Deutschland zurück, zum einen, um ihre verschwundene Freundin Mira zu suchen und zum anderen, um ihre Recherche wieder aufzunehmen. War es ein Zufall, dass Mira vor ihrem Verschwinden in der Anwaltskanzlei tätig war, die auch das Nolden Mandat betreut? Isa schleust sich dort ein und triff auf den findigen, aber gehetzten Torsten Wolf, der sich um die Nolden-Gruppe kümmert.


Isa Kurzeck wirkt wie besessen von den Machenschaften im Immobilienkonzern Nolden, während Torsten Wolf durch seine sich in Auflösung befindliche Ehe abgelenkt, sich manchmal kaum konzentrieren kann. Sein eigenes Unvermögen kaschiert er, in dem er seine Assistentin runtermacht. Wieder einmal hat er eine in die Flucht geschlagen. Die offene Stelle ist die Chance für Isa in die Nähe von Nolden zu kommen. Die Entdeckungen, die die ungleichen Partner machen, sind haarsträubend, aber reicht das, um einen Konzern bzw. die Erbin von Christof Nolden anzugreifen?


Dieser spannende Thriller spielt noch vor der Pandemie. Die allgemeine Stimmung, die der Roman widerspiegelt wird jedoch sehr präzise getroffen. Die Gesellschaft ist zerrissen, kaum einer hilft dem anderen, aufdringliche Werbung ist allgegenwärtig, der Ton ist hart und häufig gnadenlos. Da wundert es nicht, wenn so ein Konzern eine erste Krise, trotz mutmaßlichen Betrug, Schwarzarbeit und gar Mord, übersteht und scheinbar wie Phönix aus der Asche aufsteigt. Man möchte Isa zustimmen, da kann auch bei dem neuen Unternehmen etwas nicht stimmen, so einfach ändert sich ein Firmenchef schließlich nicht. Zwar gewinnt man den Eindruck, dass die Autorin sich zu Beginn etwas zu lange mit dem mit seinen Lebensumständen hadernden Torsten Wolf aufhält, punktet sie im weiteren Verlauf mit der treffenden Beschreibung der schnelllebigen und an Mitmenschen desinteressierten Umwelt. Wenn Isa Kurzeck und Torsten Wolf weitere Fakten auftun und man erfährt welch perfides Ziel verfolgt wird, kann man den Roman nicht mehr aus der Hand legen. In dem Roman wird ein düsteres, aber leider wohl realistisches Bild gezeichnet. Wie das Buch auf die Krimibestenliste gelangt ist, kann man gut nachvollziehen.


4 Sterne


Crash von Susanne Saygin

ISBN: 978-3-453-43990-0





Matilda und Ada

Ihr Vater hat nie ein gutes Haar an ihr gelassen und deshalb hat Ada Anfang der 1920er die Gelegenheit genutzt mit einem jungen Musiker fortzugehen. Doch nach einigen Monaten entschied Jesse, er wolle in seine Heimat zurück, wo Vaters Fabrik und eine junge Frau auf ihn warten. Ada bleibt nichts anderes als in den Swamp zu ihrem Vater zurückzukehren. Auf der anderen Seite des Moores versucht Matilda ihren Eltern zu Gefallen zu sein. Ihr Vater übernimmt für einen örtlichen weißen Gutsbesitzer Schmuggelfahrten mit schwarz gebranntem Alkohol, um seine Schulden abzubauen und vielleicht ein eigenes Stück Land zu erwerben. 


Zwar junge Frauen,Teenager noch, werden durch widrige Umstände zusammengebracht. Ada ist dabei zurückhaltender und schwanger. Wogegen Matilda tatkräftiger wirkt, aber auch sehr verschlossen. In ihrer Zweckgemeinschaft helfen Ada und Matilda sich gegenseitig, wobei keine der beiden ihre eigentlichen Träume aufgibt. Während Matilda in den Norden nach Ohio gehen möchte, wo Farbige es leichter haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wünscht sich Ada Sicherheit für sich und ihr Kind und einen auskömmlichen Job. Durch die Umstände zusammengeschweißt machen Ada und Matilda eine lebensverändernde Phase durch, die beide auf eine besondere Art stärkt und erwachsen werden lässt.


Das kann doch garnicht sein, denkt man, wenn man von dem harten Leben von Ada und Matilda liest. Adas Vater ist weder schlau noch reich und trotzdem erdreistet er sich, seine Tochter niederzumachen. In Matildas Familie herrscht dagegen ein liebevoller Umgang, wobei der Vater als Farmpächter in einer prekären Lage und von dem Verpächter abhängig ist. Immer wieder wird die Situation der Mädchen ausgenutzt und mitunter geraten sie sogar in Gefahr. So wie die Autorin das Leben unter den nicht so Begüterten in Mississippi beschreibt, war es wirklich hart und manchmal beinahe ausweglos. Da ist es schön zu lesen, wie die jungen Frauen ihrem schwierigen Leben trotzen. Dieser bewegende Familienroman ist ein Garant für fesselnde Lesestunden.


4 Sterne


The Girls in the Stilt House von Kelly Mustian

ISBN: 978-1-7282-4575-1

Donnerstag, 16. September 2021

Hin und weg

Obwohl sie noch jung ist, hat Sarah Jane Pullman schon einiges erlebt. An einem Punkt hatte sie sogar nur noch die Wahl zwischen Knast und Armee. Nun ist sie schon eine Weile zurück und in dem kleinen Ort Farr ist sie zunächst in den Polizeidienst eingetreten und als der amtierende Sheriff verschwindet, übernimmt sie dessen Posten. Nicht, dass sie in irgendeiner Form darauf vorbereitet gewesen wäre. Doch zu ihrer eigenen Überraschung sind die Bewohner ganz zufrieden mit ihr und sie beginnt sich heimisch zu fühlen. Fast vergisst sie, dass sie eigentlich immer auf dem Sprung ist.


Sarah Jane ist zwar keine gelernte Polizistin, aber eine von Herzen. Sie erzählt von ihrem Leben bevor sie in Farr angekommen ist und von ihrem Alltag als Sheriff. Dabei geht sie integer mit den Dorfbewohnern um. Leider muss sie manchmal Verstorbene entdecken und manchmal darf sie verschwundene Jugendliche wiederfinden oder alte Damen im Pflegeheim besuchen. Das macht sie zu einer sehr sympathischen Person, die sich ihres Ortes angekommen hat. Allerdings wirkt Sarah auch so, als bereite sie sich darauf vor, bald wieder weiter zu ziehen. Angekommen und doch auf dem Sprung, wieso ist sie so?


Dieser Crime Noir kann eigentlich nur als Standalone funktionieren. Sarah Jane Pullman ist eine Persönlichkeit, die es versteht, Sympathie zu wecken und doch geheimnisvoll zu bleiben. Sie ist liebenswert zu ihren Mitmenschen und kann in bestimmten Situationen die  nötige Härte aufbringen. Lange rätselt man, wieso sie sich nur bis zu einem gewissen Punkt öffnet. Doch wenn die Hintergründe so langsam klar werden, hat man einen echten Aha-Effekt, der diesen Roman von den üblichen Kriminalromanen abhebt. Ehe man es sich versieht, ist einem Sarah Jane ans Herz gewachsen und man kann noch nicht mal mit ihr hadern. Diese Art Krimi verdreht ist sehr besonders und man sollte ihn mit dem Herzen lesen.


4 Sterne


Sarah Jane von James Sallis

ISBN: 978-3-95436-137-1




Sonntag, 12. September 2021

Gedankendrehmoment

Es könnte auf der Bühne aufgeführt werden und ist vielleicht auch dafür bestimmt. An einem 20. Juli ist der letzte Schultag der Abiturklasse. Fünf Abiturienten  treffen sich am Abend. Gerade wurde in ihrem Bundesland gewählt und eine rechtspopulistische Partei hat gewonnen, allerdings dem kleineren Koalitionspartner den Ministerpräsidentenposten überlassen. In ihrem Geschichtsunterricht haben sie viel über den Nationalsozialismus diskutiert. Und an diesem Abend, zu dem sie auch den Geschichtslehrer eingeladen haben, geht es darum, ob man etwas hätte verhindern können, wenn Hitler rechtzeitig, zum Beispiel 1931, einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. 


Auf nur 90 Seiten entwickelt der Autor ein Gedankenspiel, dass Fragen letztlich nicht abschließend beantworten kann. Können wir überhaupt aus der Geschichte lernen? Wenn man die heutige Lage in der Welt betrachtet, meint man, eher nicht. Es stellt sich aber nicht nur die Frage nach dem Lernen, sondern ob man es selbst besser machen würde. Ab wann wäre man bereit Widerstand zu leisten? Wäre es dann möglicherweise zu spät? Oder würde man es eher lassen, weil man meint, dass man zu viel zu verlieren hat? Und wie weit sind wir heute schon, infiltriert von Populisten und ihrer Art die Sprache zu verdrehen? 


Manchmal schaudert es einen bei der Lektüre dieses kleinen Büchleins. Die Demokratie ist nicht selbstverständlich und eine Art des Wiederstandes ist sicherlich, wählen zu gehen. Aus dem Wissen von dem, was danach geschah, kann man sich natürlich wünschen, Hitler wäre besser umgebracht worden, bevor er so viel Schaden mit seinen unsäglichen Taten anrichten konnte. Aber man weiß es ja nicht vorher und genau da beginnen die Gedanken zu kreisen. Wenn in den Medien nachliest, die man als vertrauenswürdig erachtet, denkt man schon, wie leben in einer seltsamen Zeit und wir graben uns noch selbst das Grab. Da bewarb es wohl einer echten Anstrengung, um unsere Demokratie und unsere Freiheit zu erhalten. Vielleicht muss gerade das aus der Vergangenheit und auch aus der Gegenwart gelernt werden: Die Demokratie ist nicht selbstverständlich und unsere Lebenswirklichkeit auch nicht. Wenn wir unsere Freiheit behalten wollen, müssen wir was dafür tun.


4,5 Sterne


20. Juli Ein Zeitstück von Bernhard Schlink

ISBN: 978-3-257-07160-3

Samstag, 11. September 2021

Ville Rose

In Ville Rose, einem Ort auf Haiti, verschwindet die kleine Claire an ihrem siebten Geburtstag. Ihr Vater Nozias, der sich liebevoll um sie kümmert, ist in heller Aufregung. Endlich hat er die Tuchhändlerin Gaëlle überredet, die Kleine zu adoptieren. Er selbst schafft es kaum sein Kind, dessen Mutter bei der Geburt starb, zu versorgen. Als beinahe mittelloser Fischer möchte er, dass es sein Kind einmal besser hat. Bisher hat er sein bestes gegeben, ist liebevoll mit seiner Tochter umgegangen und mit regelmäßigen Besuchen am Grab der Mutter, hat er versucht, eine Art Erinnerung aufzubauen. Seiner Meinung nach reicht das nicht.


Die Geschichte von Ville Rose und der einiger Bewohner über etliche Jahre entfaltet sich in diesem Roman. Ausgehend vom Geburtstag und dem Verschwinden der kleinen Claire gewinnt man einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen den Einwohnern des pittoresken Örtchens am Meer. Es gibt wohlhabendere und ärmere Menschen, Glückliche und Unglückliche, Gesetzestreue und solche, die es damit nicht so genau nehmen. Und die fremden Weißen sind weit weg. Über verschlungene Pfade, auf deren Weg man sich gebannt der Erzählung hingibt, gelangt man schließlich wieder zum Tag des Verschwindens des kleinen Mädchens.


Welch ein schöner Roman, dessen Entdeckung man dem Zufall verdankt. Auf sehr vielschichtige Art und Weise sind die Schicksale der Dorfbewohner miteinander verwoben. Die teils dramatischen Geschichten von Liebe, Geburt und Tod, von Verbrechen und Leidenschaft greifen häufig überraschend ineinander. Dadurch gerät die Lektüre der berührenden Lebensgeschichten geradezu spannend. Es entfaltet sich ein Kaleidoskop von Menschlichem und allzu Menschlichem, das einen mitreißt in eine karibische Wirklichkeit, die nicht immer einfach ist, aber häufig auch von einer anrührenden Schönheit. Für diesen wunderbaren Roman, der unter dem Titel „Kein anderes Meer“ auch auf Deutsch erschienen ist, gibt eine Leseempfehlung.


4,5 Sterne


Claire of the Sea Light von Edwige Danticat

ISBN: 978-1-7820-6851-8

Freitag, 10. September 2021

Bruder - Longlist Deutscher Buchpreis 2021

Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner Bruder Jürgen-Arthur im Jahr 1928 auf die Welt kommt. Erichs Welt bricht zusammen, weil dieser Kleine ihm die Aufmerksamkeit der Eltern entzieht. Als die Nazi-Herrschaft beginnt, kommt es schlimmer. Die Familie, obwohl sie sich seit Jahren als protestantisch empfindet, zählt per Dekret plötzlich zu den deutschen Juden und verliert somit ihren bürgerlichen Status. Die Eltern sind sich der Gefahr bewusst und um wenigstens die Jungs zu retten, schicken sie diese ins Exil.


Über Italien geht es für Erich und Jürgen-Arthur in ein Internat im Osten Frankreichs. Die Brüder leiden aneinander, besonders Erich fällt es schwer, seinen empfindsamen, aber in seinen Augen oberflächlichen Bruder zu ertragen. Sobald es möglich ist schließ er sich dem Widerstand an und schlägt auch später eine militärische Laufbahn bei der Fremdenlegion ein. Eine enge Verbindung haben die beiden Brüder nicht und ihre Eltern sehen sie nie wieder.


In seinem autobiographischem Roman widmet sich Georges-Arthur Goldschmidt hauptsächlich dem Leben seines Bruders. Wie die Familie aus ihrer vermeintlich sicheren bürgerlichen Existenz gerissen wird ist wirklich tragisch, wobei zu bedenken ist, dass auch das Selbstbild zerstört wird. Plötzlich aus einer Gesellschaft ausgestoßen zu sein, zu der man sich zugehörig fühlte, lässt einen sicher halt- und orientierungslos zurück. Doch durch ihr Exil erhalten die Jungen, insbesondere Erich, einen Blick von außen auf das perfide Nazi-Regime. Und so bekommt Erich die Chance, die Nazis im Widerstand zu bekämpfen. Es ist ergreifend, wie schwierig das Leben bleibt, als Einzelkämpfer, dessen Bindungen schließlich eher bei der Fremdenlegion liegen als bei der Familie. Dieser kurze, sehr lesenswerte Roman schildert eindringlich das Hadern mit dem auferlegten Schicksal, welches nie wirklich aufhört.


4 Sterne


Der versperrte Weg von Georges-Arthur Goldschmidt

ISBN: 978-3-8353-5061-8





Donnerstag, 9. September 2021

Winter

Der ehemalige Minister Klaus Windisch ist ermordet worden. Der Ort, wo er gefunden wurde, ist offensichtlich nicht der Tatort. Michael Winter von der Wiener Polizei und sein Team beginnen mit den Ermittlungen. Zwar lief gegen Windisch ein Verfahren wegen Wirtschaftssachen, aber deshalb sollte sicherlich keiner einen Grund haben, ihn umzubringen. Die schockierte Witwe gibt Winter eine Liste der ältesten Freund ihres Mannes. Das kann ein erster Ansatz sein. Vielleicht ist auch das Angebot der Journalistin Angelika Kretschmer hilfreich, ihre Nachforschungen über das Opfer zur Verfügung zu stellen. Das hat allerdings einen Preis.


In seinem ersten Auftritt bekommt es der erfahrene Michael Winter mit einem verzwickten Mordfall zu tun, der in eigenartig berührt. Er selbst ist seit Jahren verwitwet und mit seiner Tochter hat er nur lockeren Kontakt. Die Arbeit hält ihn aufrecht. Doch so langsam könnte er sich auch im Privatem Neuem öffnen. Doch zunächst geht der Mord vor. In mühevoller Kleinarbeit machen sich Winter und seine neue Kollegin Julia auf die Spurensuche. Wie so oft weichen Zeugen aus oder sind nicht besonders auskunftsfreudig. Winter ist jedoch ein Ermittler, der nicht locker lässt. Und er hat manchmal eine Ahnung.


Zu Beginn tut man sich etwas schwer mit Michael Winter. Seine Schwermut und Ichbezogenheit wirkt etwas überzogen. Auch die möglichen Motive zu dem Mord erwecken den Eindruck, dass sie etwas sehr an den Haaren herbei gezogen sind. Erst nach und nach, wenn einige Zusammenhänge klarer werden, bekommt die Ermittlung Kontur. Zwar erscheint Winter oft wie ein Eigenbrötler, doch mit seiner neuen Kollegin klappt es ganz gut. Und im Verlauf der Nachforschung lernt er auch die Vorzüge von Teamwork kennen, auch wenn er seine Gedankengänge mit immer mit den Kollegen teilt. Wenn man mit Winter erst einmal warm geworden ist, hat man einen sehr lesbaren Kriminalroman.


3,5 Sterne


Gnädig ist der Tod von Gerhard Langer

ISBN: 978-3-442-48719-6




Mittwoch, 8. September 2021

Die Totenfrau - Longlist Deutscher Buchpreis 2021

Gerda Derking hat im Dorf lange Jahre als Totenfrau gearbeitet. Nun im August 1962 meint sie, es sei an der Zeit, die Tätigkeit den Bestattern zu überlassen. Doch als Bauer Leeb von nebenan sie bittet, ein letztes Mal ihres Amtes zu walten, sagt sie nicht nein. Sie ahnt voller Trauer, wer verstorben sein könnte. Zunächst jedoch heißt es warten. Gleichzeitig wird über mehrere Generationen die Familiengeschichte der Familie Leeb erzählt. Ein besonderer Akzent auf den beiden Weltkriegsgenerationen und der Generation der Kinder liegt. Wie in vielen Familien gibt es auch in dieser Streit und Zwietracht und ihre Mitglieder sind doch den familiären Zwängen gefolgt.


Nicht immer in chronologischer Reihenfolge erzählt, aber doch beginnend mit dem Bau der jetzt noch genutzten Hofgebäude, bietet dieser Roman einen mitreißenden Abriss über das Familiengefüge der Leebs. Welcher Druck lastete auf dem Hoferben, nicht alle strebten danach, ihr Dasein als Bauern zu fristen. Allerdings ging die Familienräson regelmäßig vor und Träume mussten begraben werden. Dass Wilhelm Leeb als Nazi in den Krieg zog und als Nazi wiederkehrte, hat das Leben auf dem Hof nicht einfacher gemacht. Seine drei Kinder leiden unter ihm und jedes reagiert anders auf seinen Despotismus. Käthe, die Frau, erweckt den Eindruck, als habe sie sich schon lange aufgegeben.


Wenn man als Leser oder Leserin die Wirren des vermaledeiten zweiten Weltkrieges eher aus Geschichtsbüchern kennt, weil in den Familien wenig darüber geredet wurde, ist dieser Roman wie eine kleine Offenbarung. Gerade als hätte der Autor zusammenrecherchiert, was Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern nicht erzählen wollten. Natürlich ist es eine spezielle Familiengeschichte, die erzählt wird, aber sicher kann sie für viele stehen. Die Brüche der Familie, die Zwänge, denen man sich gebeugt hat, es wird auf irgendeine Art dazu geführt haben, dass Wilhelm Leeb der wurde. Auch er musste sich beugen, doch er hat keine Demut entwickelt. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Wut an den Schwachen ausgelassen. Wieso waren sie so, wieso hat sich keiner gewehrt. Solche Fragen sind sicher in etlichen Familien aufgetaucht. Beantworten kann sie ein Roman nicht, aber er gibt ein authentisches Bild, wie es in den Familien bis in die frühen Nachkriegsjahre gelaufen sein könnte. Ein packender Roman, dessen Lektüre nur empfohlen werden kann. 


5 Sterne


Mitgift von Hennig Ahrens

ISBN: 978-3-608-98414-9






Dienstag, 7. September 2021

Wer es wert ist

Evan Smoak wird gejagt, doch er ist auch der Jäger. Sein Ziehvater Jack Jones ist auf üble Art und Weise umgekommen, aber er konnte Evan noch eine letzte Nachricht übermitteln und eine letzte Bitte. Er warnt Evan und bittet ihn, ein Paket abzuholen. Dieses Paket entpuppt sich als faustdicke Überraschung. Und die Warnung kommt gerade rechtzeitig. Denn Evan als ehemaliges Mitglied der Orphans wird gejagt. Er ist eine Spur, die vernichtet werden soll. Immer dichter zieht sich das Netz um ihn zusammen und Evan muss alles aufbieten, was er als Orphan gelernt hat, um eine Überlebenschance zu haben.


In diesem dritten Band um Evan Smoak, den Nowhere Man, der obwohl zum Killer ausgebildet versucht, Gutes zu tun. Menschen in Not oder Gefahr können ihn um Hilfe bitten. Doch diesmal geht es um ihn selbst. Immer mehr Mitglieder des Orphan Programms werden getötet und andere Orphans sind hinter Evan her. Warum? Nun, jedenfalls kennen die Jäger keine Gnade. Und Jene, die im Wege stehen, müssen ebenso um ihr Leben fürchten wie Evan. Seine Hoffnung auf ein relativ normales Leben, so befürchtet Evan, muss er aufgeben. Aber, er wird nicht aufgeben.


Diese Reihe verlangt einem einiges ab, was Schilderungen von brutalen Szenen und Beschreibungen von Waffen oder Waffensystemen angeht. Dennoch ist der Charakter des Evan Smoak wesentlich vielschichtiger als man es von einem erzogenen Staatskiller erwarten könnte. Schließlich ist es Evan gelungen, sich aus der Organisation zu lösen und seine Fähigkeiten so positiv wie möglich zu nutzen. Seine Weiterentwicklung ist in diesem Band in eine sehr spannende Handlung gekleidet, die einem den Atem raubt. Gleichzeitig gibt es gefühlvolle Momente, was man bei einem Mann wie Evan nicht erwarten würde. Die Story bleibt so rasant, dass man bei dem von Stephan Lehnen eindringlich vorgetragenen Hörbuch, sogar manchmal bei dem, was man neben dem Hören so macht, innehält und sich ganz auf die Geschichte konzentriert.


4 Sterne


Rache der Orphans von Gregg Hurwitz

ISBN: B07MZXHYSC

Montag, 6. September 2021

Stellenbosch

Man glaubt es kaum Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido sind nach einem Disziplinarverfahren degradiert worden und zur Strafe werden sie von der Valke zur Polizei nach Stellenbosch versetzt, ein liebliches Städtchen in der Nähe von Kapstadt. Sie hatten Schlimmeres befürchtet. Kaum sind sie an ihrer neuen Wirkungsstätte, wo den Kollegen klar ist, dass die Neuen nicht ganz freiwillig da sind, kommt schon ein neuer Fall herein. Ein junger Student ist verschwunden, dessen Mutter sehr besorgt ist. Der Vorgesetzte der Beiden will den Fall erst nicht aufnehmen, Studenten sind schließlich mal unterwegs, doch schließlich entscheidet er, die Neuen müssen ja mit irgendwas beschäftigt werden.


Zum achten Mal ermittelt Bennie Griessel. Es lief alles so gut, seine Position, seine Beziehung zu Alexa, sogar seinem Sohn hat er sich wieder angenähert und trocken ist er auch schon eine Weile. Und nun das, degradiert und strafversetzt. Und Cupido hat er auch mit reingezogen. Doch nun ist alles halb so wild. Natürlich wollen sie in diesem Vermisstenfall ordentlich ermitteln. Kurz darauf verschwindet ein ehemals angesehener Geschäftsmann, von dem sich herausgestellt hat, dass er wahrscheinlich nichts weiter als ein Betrüger ist. Doch seine Frau ist sicher, er wäre nie unpünktlich gewesen und sie waren verabredet.


Der Name des Autors ist fast schon eine Garantie für eine  packende Lektüre. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist seine Reihe um Bennie Griessel, der mit sich und seiner Alkoholsucht kämpft, dem auch mal eine gute Phase vergönnt ist und der immer der herausragende Polizist bleibt, weil er es eben so will. Fast schon genial, wie hier zwei Handlungsstränge eine ganze Weile nebeneinanderher mäandern, nur um in einem bestimmten Moment aufs Packendste zusammenzuprallen. Fein gesponnen ist jeder Teil der Handlung, sowohl was das Private angeht als auch was das Berufliche betrifft. Die Besorgnis der Mutter und auch die Schwierigkeiten bei der Tätigkeit als Immobilienmaklerin sind so treffend beschrieben, dass man in jedem Moment förmlich in diesen beiden sehr unterschiedlichen Frauen zu sitzen vermeint. Natürlich kann man hier die Lebensumstände in Südafrika nicht so kennen wie die hiesigen, aber der Autor versteht es einfach, seinen Lesern ein lebendiges Bild von seinem Land zu zeichnen. Diese Reihe könnte, wenn es nach der Leserin geht, noch ewig weitergehen.


5 Sterne


Todsünde von Deon Meyer

ISBN: 978-3-8412-2776-8





Sonntag, 5. September 2021

Ewiges Rom

Im Jahr 1943 als junge Frau muss Chiara Ravello miterleben wie Juden von den Nazis aus dem Ghetto entführt und deportiert werden. Geistesgegenwärtig behauptet die Mutter des kleinen Daniele, er gehöre zu Chiara. Diese übernimmt das Kind etwas überrumpelt, wohl wissend, dass sie ihm das Leben rettet. Daniele bleibt in den folgenden Jahren bei seiner Ziehmutter, doch er ist von den entsetzlichen Ereignissen geprägt. In den 1970ern meldet sich die junge Maria aus Wales bei Chiara, sie hat erfahren, dass die Danieles Tochter ist. Wieder sagt Chiara nicht nein, die junge Frau darf sie den Sommer über in Rom besuchen.


Welch grausamen Schicksale hat der Krieg, haben die Nazis verursacht. Hier muss ein kleiner Junge seine Familie hergeben, um zu überleben. Dieses Überleben fällt ihm alles andere als leicht. Er leidet daran und er kann Chiaras Hilfe nicht dankbar annehmen. Er ist nicht dankbar, er hat seine Familie verloren. Trotzdem unternimmt Chiara alles, um den Jungen zu beschützen. Beis sie ihn nicht mehr beschützen kann. All dies kommt wieder hoch als Maria nach Rom kommt. Sie will von ihrem Vater erfahren, alles, was Chiara eigentlich nicht erzählen möchte. Aber hat das junge Mädchen nicht ein Recht auf Wissen?


Dieser auf zwei Zeitebenen angesiedelte Roman beginnt mit der dramatischen ersten Begegnung von Chiara und Daniele. Danach wird die Erzählweise etwas beschreibend, vielleicht um dem Leser Zeit zum Nachdenken zu geben. Es gibt einiges an Dunkelheit in diesem Roman, was ihn wahrscheinlich umso realistischer werden lässt. Vielleicht wäre es schön gewesen, den Protagonisten wären einige helle Momente mehr vergönnt gewesen. Dennoch bleibt die Verquickung der Erzählungen von Chiara und Maria fesselnd und teilweise aufwühlend. Es bleibt die sich immer wieder verfestigende Erkenntnis, dass es nichts taugt, wenn sich Menschen über andere Menschen erheben. Und es bleibt die Hoffnung, dass es einige wenige gibt, die ihr Bestes geben, um ein wenig Licht zu bringen.


4 Sterne


Im ersten Licht des Morgens von Virginia Baily

ISBN: 978-3-453-35913-0





Samstag, 4. September 2021

Winter in Leipzig

Der Anwalt  Michail Malinowski wird tot in seinem Auto aufgefunden. Trotz der Eiseskälte bietet die Leiche mit der Schusswunde keinen schönen Anblick. Die Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic haben zunächst nicht viele Anhaltspunkte. Offensichtlich hat der Tote wohl Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt. Eine Befragung des örtlichen Paten bringt jedoch nichts, er behauptet, er habe die Dienste des Anwalts schon seit Jahren nicht mehr in Anspruch genommen. Wer sollte also Interesse am Tod Malinowskis gehabt haben? Die Lebensumstände erweisen sich als ungewöhnlich. Er lebte fast verwahrlost, hatte aber dennoch wertige Besitztümer. Aus seiner Tätigkeit als Anwalt kann er das nicht finanziert haben.


In ihrem ersten Fall haben Seiner und Novic es gleich mal nicht leicht. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Zeugen nicht gerade auskunftsfreudig. Aus kleinen Indizien müssen sie versuchen, etwas herauszulesen. Eine erste Spur ergibt sich aus den Akten des Anwalts. Hier entdecken die Ermittler Fotos von offenbar noch minderjährigen Mädchen. Wie ist Malinowski an die Bilder gekommen? Und zu welchem Zweck wurden sie aufgenommen? So langsam wird es Hanna Seiler und Milo Novic unheimlich. Was für einer Sache sind sie da auf die Spur gekommen?


Dieser Kriminalroman ist wirklich eine kleine Entdeckung. Vom sympathischen Ermittlerteam bis zu dem spannenden Fall. Seiler und Novic sind sehr unterschiedliche Charaktere, ergänzen sich in ihrer Arbeit aber gerade deshalb sehr gut. Was sie in ihrem bisherigen Leben mitgemacht haben, wird angedeutet und von ihrem Privatleben wird mit angenehmer Zurückhaltung berichtet. Intensiver geht es da schon um den Mord, der zunächst viele Rätsel aufgibt. Der Gedanke, dass er sich nicht im Russen-Milieu abgespielt haben soll, erscheint etwas abwegig. Umso geschickter ist dem Autor hier eine Art Quadratur des Kreises gelungen, die zu einigen überraschenden Wendungen führt. Es wird von einer Wirklichkeit berichtet, die hoffentlich in großen Teilen der Phantasie entsprungen ist. Jedenfalls ist man von Beginn an gepackt und man hechelt durch das Buch, weil man einfach schnell die Zusammenhänge erkennen möchte.


4 Sterne


Eisige Tage von Alex Pohl

ISBN: 978-3-328-10323-3





Freitag, 3. September 2021

Gemäldegewirr

In Berlin wird in seinem Haus ein toter Kunstsammler gefunden. Kommissar Thomas Bernhardt staunt nicht schlecht als er die opulente Gemäldesammlung an den Wänden sieht. Es sind einige alte Meister dabei, die können eigentlich nur gefälscht sein. Bei seiner Heimkehr nach Wien findet Christian Wiedering seinen Lebensgefährten, einen bekannten Kunstgutachter, tot in der Badewanne. Inspektorin Anna Habel ist mit ihrem Team zur Stelle, denn an dem Tod ist etwas eigenartig. Ihre Vermutung, dass ein Verbrechen vorliegen könnte, bestätigt sich bald. Und unter dem Email-Kontakten des Toten befindet sich die Adresse eines Sammlers in Berlin. 


Zum vierten Mal ermitteln Berlin und Wien gemeinsam. Die forsche Anna Habel, die immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, und der brummige Thomas Bernhardt, dem sein Heuschnupfen arg zu schaffen macht, was seine Laune nicht eben verbessert. Sowohl getrennt als auch im Austausch gehen sie den Hinweisen nach. Kurios wird es, als einer der alten Meister aus dem Haus des Kunstsammlers gleichzeitig in einem Museum in Wien ausgestellt wird. Eigentlich sollte es das Bild nur einmal geben und nun drängt sich die Frage auf, welches die Fälschung ist. Da die Kunstszene doch als einigermaßen elitär gilt, erweisen sich die Ermittlungen als nicht so einfach.


Obwohl es sich wie erwähnt um den vierten Teil einer Reihe handelt, muss man zum Verständnis die Vorbände nicht kennen. Gleichwohl könnten einen die sympathischen Ermittler durchaus veranlassen, sich auch den anderen Bänden zuzuwenden. Nur in zwei kleinen Punkten wirkt der Krimi nicht ganz realistisch, als sich Bernhardt unnötig daneben benimmt und als Habel einer gewissen Fehleinschätzung unterliegt. Davon abgesehen decken sie ein spannendes Komplott in der Kunstszene auf, wobei die beiden Schauplätze sehr geschickt verwoben werden und die vermeintlichen Täter mit Dreistigkeit und Intelligenz agieren, sie somit alles andere als leicht zu entlarven sind. Ein schönes Krimiprojekt zwischen den Polen Wien und Berlin.


4 Sterne


Im großen Stil von Bielefeld & Hartlieb

ISBN: 978-3-257-30031-4