Sonntag, 27. Februar 2022

Ein letzter Sommertag

Sumiko hat ihr Jurastudium fast beendet. Einen Arbeitsvertrag hat sie in der Tasche und ihr Großvater wird stolz auf sie sein. Wie schön wäre es, würde ihre Mutter das noch erleben. Doch wie ihr Großvater immer sagte, starb Rina bei einem Autounfall als Sumiko erst sieben Jahre alt war. Und dieser Anruf aus dem Gefängnis? Sumiko weiß nicht, wie sie ihn einordnen soll. Aber eines weiß sie, sie will Genaueres über den Tod ihrer geliebten Mutter in Erfahrung bringen. Sumiko macht eine Entdeckung, mit der sie nie gerechnet hätte. Auch ihren Großvater sieht sie in einem anderen Licht.


Die Autorin orientiert sich nach eigenen Worten in ihrem Debütroman an einer wahren Begebenheit. Dennoch ist ihr Buch fiktional. Allem Anschein nach ist es in Japan möglich, so eine Art Ehebrecher zu engagieren, also jemanden, der einen Ehepartner verführt und dann dem anderen Ehepartner die Beweise dafür liefert. Das soll dazu diesen bei Scheidungen zum einen das Sorgerecht für die Kinder zu regeln und anderen auch um Scheidungsvereinbarungen zugunsten des vermeintlich Unschuldigen zu treffen. Ein gemeinsames Sorgerecht für die Kinder gibt es nicht, was gerade einen Anreiz bietet, einen Ehegatten schuldig aussehen zu lassen. 


Eine aus europäischer Sicht ungewöhnliche Lebensart wird hier beleuchtet. Das ist natürlich interessant, aber auch etwas schwierig nachzuvollziehen. Es erfordert aufmerksames Lesen, um die Problematik zu erfassen. Ein wenig unverständlich bleibt dabei das Motiv für eine Aktion. Insgesamt bietet dieser Roman einen fesselnden Einblick in die japanische Kultur und Lebensweise. Das Gefüge in den Familien, die Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, die Entscheidungen, was gesagt wird und was nicht, wer soll geschützt werden, wer muss die Realität vertragen, wer ist missgünstig, wer ist der Liebende. Aus diesen eigentlich einfachen Themen und Fragen ergibt sich ein packendes Familiendrama, das auch das Leben der Tochter bzw. Enkelin einschneidend verändert.


Mit dem Cover ist die leicht melancholische Stimmung des Romans sehr gut eingefangen.


4 Sterne


Dein Falsches Herz von Stephanie Scott

ISBN: 978-3-442-49223-7





 

Samstag, 26. Februar 2022

Ein besonderer Tropfen

In den frühen 1960er Jahren soll der Vertrag über die deusch-französische Freundschaft geschlossen werden. In Freiburg lebt die gut vierzigjährige Henny Köpfer. Ihr Mann ist im Krieg geblieben und mit ihrer Schwiegermutter hat sie sich nie gut verstanden. Ihr Ziehsohn Kaspar ist ihr eine Freude, doch auch das Verhältnis zu ihm ist schwierig. Nie vergessen hat Henny den Filmvorführer Paul Duringer aus dem Elsass, mit dem sie kurz nach dem Krieg zusammen war. Es sollte nicht sein mit ihnen Beiden. Alleine führt Henny ihre Weinhandlung und dort hört sie von Kaspar, der eine besondere Flasche des 37er Vossinger Champagners im Gepäck hat.


Im Januar 1963 wird der Élysée-Vertrag von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterschrieben. In den Monaten davor spielt dieser zeitgeschichtliche Roman. Zur Unterschrift soll  dem französischen Präsidenten der erwähnte Champagner überreicht werden. Doch nicht nur Paul Duringer, der die Flasche nach Frankreich bringen soll, hat ein Interesse an dem edlen Tropfen. Henny hat ihre eigenen Pläne mit dem Champagner und noch weitere Personen strecken ihre gierigen Hände aus. Und plötzlich ist die Flasche verschwunden und die Karten werden neu gemischt. Bei all den Ereignissen in der Gegenwart, nehmen sich die Akteure Zeit, die Erinnerung an die Vergangenheit neu aufleben zu lassen.


Bereits mit ihren anderen zeitgeschichtlichen Romanen hat die Autorin ganz herausragende Werke geschaffen, deren Cover einen einheitlichen Stil haben. Ein wenig fällt ihr neues Buch dagegen ab, auch wenn das Thema interessant und wichtig ist. Wie immer in der Grenzregion zwischen Frankreich und Deutschland angesiedelt, ist es toll, von der Aufbruchstimmung nach dem Krieg zu lesen, von der unerwartbaren und unerwarteten Internationalität, deren Wurzeln durchaus weit zurückreichen. Gerade heutzutage fragt man sich, warum wurde nicht mehr daraus gemacht. Versuche gab es und Bremser auch. Ein letzter Versuch sollte vielleicht nicht gebremst werden, sonst kann es auch vorbei sein. Keine schönen Aussichten im Moment. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die einem deutlich vor Augen führen, wie wichtig ein gutes und vor allem internationales Miteinander ist. Dass sich diese Erzählung um eine Flasche Champagner entwickelt, zeugt von dem großen Ideenreichtum der Autorin.



4 Sterne


Kaiserstuhl von Brigitte Glaser

ISBN: 978-3-471-36011-8




Donnerstag, 24. Februar 2022

Irische Botschaften

Patsy Logan, Münchner Kommissarin mit einem irischen Vater, ist während ihrer Auszeit in Dublin. Sie will zur Ruhe kommen. Als ob das so richtig ginge, natürlich will sie auch den Gerüchten nachgehen, ihr Vater könne noch am Leben sein. Doch dann wird bei einem Empfang in der österreichischen Botschaft eine Praktikantin getötet. Patsy und ihr österreichischer Kollege Sam Feuerstein fungieren als Verbindungsbeamte zu den irischen Polizeibeamten. Und nicht zur Freude der örtlichen Kollegen. Diese würde ihre beiden neuen Anhängsel am liebsten kalt stellen. Da haben sie aber nicht mit den Botschaftern gerechnet. Und so müssen sie Sam und Patsy doch in die Ermittlungen mit einbeziehen.


In ihrem dritten Fall ermittelt Patsy Logan erstmals komplett in Dublin. Sie musste mal raus aus dem Trott in München, ihre lahmgelegte Kariere, ihr unerfüllter Kinderwunsch, die Eheprobleme. Einfach mal durchatmen. Und dann dieser Todesfall, eine junge Frau mit guten Leumund, die sich nie etwas zu Schulden kommen ließ. Nun, immerhin lernt Patsy den österreichischen Botschaftsmitarbeiter Sam kennen, der einmal in einer Sondereinheit war. Eigentlich sollen die beiden die Morduntersuchung im Namen ihrer Botschaften nur beobachten, aber Patsy kann das Denken und Überlegen nicht lassen und das Ermitteln hat sie einfach gelernt.


Die Krimis mit den runden Ecken sind doch immer eine Besonderheit. Und hier wird ein Thema angepackt, das für die Beteiligten dramatische Folgen hat und auch beim Lesen aufwühlt. Auch wenn man die Tat verurteilt, kann man schon ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, aus welchem Grund sie begangen wurde. Sehr geschickt wird man von der Autorin mit Hinweisen zu den Hintergründen versorgt. Wirtschaftskrise, Immobilienblase, viel zu hohe Kredite, Menschen, die unter die Räder des Systems geraten. Eine spannende Story, ansprechend geschrieben. Vielleicht hofft man als Leser, dass Patsy ihren nervigen Mann nun endgültig los ist und sie sich von der ihrer Schwermut befreien kann. Davon abgesehen kann man sich von diesem Roman mitreißen lassen und sich auf Patsys nächsten Fall freuen, der sie möglicherweise näher zur Lösung des Rätsels um den vermeintlichen Tod ihres Vaters bringt.


Eine lesenswerte Reihe von einer Autorin, die sich mit viel Einfühlungsvermögen und großer Sachkenntnis auszeichnet.


4 Sterne


Boom Town Blues von Ellen Dunne

ISBN: 978-3-7099-7939-6





Mittwoch, 23. Februar 2022

Tier.Forensik

Im Bereich der Gemeinde Ilmarch werden die Köpfe von sechzehn Pferden gefunden. Auf der Seite liegend starren die oben liegenden Augen in den Himmel. Die Veterinär-Forensikerin Cooper Allen wird hinzugezogen, um vielleicht Genaueres über die Kadaver herauszufinden. Der ermittelnde Polizist Alec Nichols soll mit ihr zusammenarbeiten. Doch die Farmer, auf deren Gelände die Tierleichen gefunden wurden, sind schweigsam. Sie geben an, nichts gemerkt zu haben. Cooper Allen geht bei ihren Befragungen zurückhaltend vor. Ihr Kollege Nichols scheint eigene Probleme zu haben. Er wirkt manchmal etwas abwesend und in sich gekehrt. Bald allerdings treffen die Beiden im Zuge der Ermittlungen auf einen menschlichen Toten.


Dieser düstere Kriminalroman ist in einer ehemals prosperierenden Gegend Englands angesiedelt. Der Ort ist heruntergekommen und die Menschen scheinen sich damit abgefunden haben. Irgendwie scheinen die Personen vereinzelt, selbst die familiären Bindungen wirken bemüht und oberflächlich. Etliche Familien, so auch die von Alec Nichols und seinem Sohn, hatten schon Verluste zu beklagen. Die Forensikerin Cooper Allen bringt in diese Stimmung hinein etwas frischen Wind, doch auch sie bleibt von der Düsternis nicht unbeeindruckt. Mit ihrer Erfahrung als Tierärztin versucht sie, zu entschlüsseln, was mit den Pferden geschehen sein könnte und wieso es so gekommen ist.


Beim Lesen des Klappentextes denkt man, was für eine erfrischende neue Idee, eine Ermittlung von Tierleichen aus aufzuziehen und eine Tierärztin mit ins Team zu holen. Und so liest man zu Beginn gespannt, um zu erfahren, was zu den Tötungen geführt hat. Allerdings muss man schon nach relativ kurzer Zeit feststellen, dass man das Gefühl hat, der literarischen Herangehensweise des Autors nicht gewachsen zu sein. Die Handlung gestaltet sich, so jedenfalls der Eindruck, verworren und verwirrend. Man vermisst eine geradlinige Ermittlung, bei der sich verdichtende Hinweise zu einer schlüssigen Lösung führen. Vielleicht ist dieser Roman auch nicht als Kriminalroman gemeint, sondern eher als Gemälde einer untergehenden Stadt und deren Gesellschaft. Dann allerdings ist dieser Roman nur bedingt etwas für Krimileser. Vielleicht begeistert er in anderen Genres.


3 Sterne


Sechzehn Pferde von Greg Buchanan 

ISBN: 978-3-10-491191-3




Sonntag, 20. Februar 2022

Kunde der Vergangenheit

Der junge Priester Fairfax wird in ein kleines Dort geschickt, um den ansässigen Geistlichen zu beerdigen. Der kam bei einem Sturz um, der durchaus verdächtig erscheint. Die lange Reise zu Pferd ist für Fairfax durchaus beschwerlich und das Pfarrhaus bietet nur wenig Komfort. Die Haushälterin des Pfarrers und deren Nicht halten das Gebäude in Ordnung, doch durch den Tod Laceys sehen sie einer ungewissen Zukunft entgegen. In dieser Situation überrascht es Fairfax außerordentlich, dass sein Vorgänger wohl verbotene Schriften in seinem Arbeitszimmer hortete. Neugierig blättert der junge Geistliche in den Büchern und diese erzählen von einer anderen Welt vor der Apokalypse.


Wie ein historischer Roman liest sich diese Dystopie. Nach einem zerstörerischen Ereignis ist die Welt in eine Kirchenherrschaft mittelalterlichen Zuschnitts zurückgefallen. Das, was ehemals modern und selbstverständlich war, gilt als Ketzerei. Und die ist strafbar. Was hat der alte Pfarrer also getan? Oder hat er etwas gefunden? Manche Artefakte haben die Jahrhunderte überdauert und können in der Erde gefunden werden. Möglicherweise ist Lacey bei seinen Forschungen zu weit gegangen und hat dies mit seinem Leben bezahlt. Der junge idealistische Fairfax ist gefangen von seinen Entdeckungen. Er, der Waisenjunge, wurde von der Kirche aufgenommen und in deren Sinne erzogen. Das kann nicht falsch gewesen sein.


Die Menschheit stirbt nicht aus nach der Katastrophe, aber viel von Wohlstand, Annehmlichkeiten und Kultur bleiben nicht. Durch die Bequemlichkeit des immer Verfügbaren, sind die meisten Menschen nicht wirklich überlebensfähig. Wie viele Kulturen vorher, ist auch die des Technik- und Wissenschaftszeitalters ausgestorben. Nur das einfache Leben ist geblieben und die Vorherrschaft der Kirche, die die Erinnerung und neue alte Entwicklungen blockiert. Nur wenige wie der alte Pfarrer stellen Nachforschungen an. In diese Szenerie kommt der junge Fairfax, der plötzlich alles hinterfragen muss und will. Seine Suche nach der Wahrheit ist sehr spannend beschrieben. Nachdem er allerdings ein gewisses Rätsel gelöst hat, ändert sich der Tenor des Buches und es gerät von der fesselnden Wahrheitssuche zu einer archäologischen Grabung. Auch die Auflösung kommt nachher etwas plötzlich und wird so stehen gelassen, ohne wirklich gelöst zu werden. Dennoch ist die Idee einer postapokalyptischen Welt, die wie ein Mittelalter scheint, sehr ansprechend zu lesen. 


3,5 Sterne


Der zweite Schlaf von Robert Harris

ISBN: 978-3-453-27208-8




Samstag, 19. Februar 2022

Alte Freunde

Schon seit Oxford sind sie eine eingeschworene Clique von Freunden, vier Männer und fünf Frauen Anfang Dreißig. Immer wieder fahren sie über Sylvester aufs Land. Und in diesem Jahr soll es etwas ganz besonderes werden. Emma, die erst später zu der Gruppe gestoßen ist, hat die Reise in ein abgelegenes Resort in den schottischen Highlands organisiert. Aber werden sie auch mit der Einsamkeit des Ortes klarkommen? In der Anlage stehen ihnen nur zwei Angestellte zur Verfügung, Doug, der Wildhüter, und Heather vom Büro. Die Gruppe ist auf sich zurückgeworfen und neben den positiven Erinnerungen kommen auch die Uneinigkeiten heraus, die sich über die Jahre aufgebaut haben.


Wie ein Kammerspiel ist dieser Roman angelegt. Eine Gruppe von Menschen, die Meisten zumindest dem Namen nach alte Freunde, die anderen Bedienstete oder Figuren, die nur am Rande auftauchen. Schnell stellt sich heraus, dass es mit der Freundschaft und dem guten Verstehen in der Gruppe nicht so weit her ist, wie es zunächst den Anschein hat. Miranda hat die Freunde über die Jahre zusammengehalten. In den letzten Monaten hat sie allerdings das Gefühl, der Kontakt sei abgeflacht. Am ehesten Zeit hat Emma, die Freundin zweiter Wahl, während ihre beste Freundin Katie sich doch rar macht.


Eine besondere Spannung entwickelt dieser Thriller durch die beiden gewählten Zeitebenen. Dadurch kennt der Leser einige Ereignisse und beginnt fast automatisch auf der anderen Ebene nach Hinweisen zu suchen, wie es zu den Ergebnissen gekommen sein könnte. Man stößt auf Untiefen in der Gruppenpsychologie, die an das Sprichwort vom Schein, der trügen kann, denken lässt. Leider sind den Personen, die eher sympathisch wirken, nur kleinere Rollen vergönnt. Bei der Urlaubergruppe fragt man sich irgendwann, wie sie sich überhaupt Freunde nennen können. Sie wirken wie dekadente mitteljunge Leute, die sich gegenseitig nicht viel Gutes gönnen. Da wird sogar der gesuchte Mörder, der sich in der Gegend herumtreiben soll, zur Nebensache. Dennoch handelt es sich bei diesem Roman um einen fesselnden Thriller um einer überraschenden Auflösung.


3,5 Sterne


Neuschnee von Lucy Foley

ISBN: 978-3-328-10492-6




Freitag, 18. Februar 2022

Genosse Hauptmann

Im Leben des jungen Polizisten Tobias Falck läuft eigentlich alles rund. Im Jahr 1988 in Dresden hat er seinen Beruf, seine Freundin, ein Zimmer. Und obwohl nur einfacher Volkspolizist wird er sogar zu einem under cover Einsatz geschickt. Ein Abschnittsbevollmächtigter ist unter seltsamen Umständen zu Tode gekommen. Zwar könnte man auf einen Unfall schließen, jedoch nur, wenn man wegschaut. Falck wird bei einer Gruppe jungen Leute eingeschleust, die wohl in einem kirchlichen Umfeld tätig sind.Tobias, der bisher immer sehr linientreu ist, kommt damit in ein anderes Milieu, das ihn befremdet, aber auch fasziniert.  


Zu neuen Ufern macht sich der Autor mit dem Start der Reihe um den Kriminaldauerdienst Dresden auf. Die Handlung setzt im Jahr 1988 ein, in dem sich in der ehemaligen DDR Veränderungen andeuten, aber irgendwie doch noch alles beim Alten ist. Im Gegensatz dazu müssen sich die Polizisten ungefähr eineinhalb Jahr später an ein völlig neues System gewöhnen. Tobias Falck ist inzwischen bei der Kripo und dort staunt er nicht schlecht, als plötzlich eine Kommissarin aus dem Westen auftaucht, die in einem gemeinsamen Fall ermitteln will. Die Kollegin aus dem Westen und das Team im Osten passen zunächst nicht so gut zusammen. Die Möglichkeit, dass sich das ändert, sollte jedoch nicht außer Betracht gelassen werden. 


Auch für seine neue Reihe hat sich Frank Goldammer eine spannende Zeit der deutschen Geschichte ausgesucht. Durch die Wende hat sich in der ehemaligen DDR wohl so ziemlich alles verändert. Die dadurch entstehende Verunsicherung, aber auch die Aufbruchstimmung werden eindringlich geschildert. Ebenso wie sich die Arbeit der Polizisten verändert, kommt deutlich zutage. Vorbei ist die Zeit, in der es Verbrechen eigentlich nicht gab und auch keine Arbeitslosen, als die Polizei das letzte Wort hatte und der Staat die Geschicke gelenkt hat. Nun scheint es als sei mit der Grenzöffnung auch das Verbrechen nach Dresden gekommen. Die ost-westlichen Verwicklungen sind spannend und ein neuer Ansatz, der Interesse weckt. Vielleicht vermisst man Max Heller in einigen Momenten, aber das bunt zusammengewürfelte Team KDD verspricht noch weitere packende Fälle.


4 Sterne


Im Schatten der Wende von Frank Goldammer

ISBN: 978-3-423-26318-4




Donnerstag, 17. Februar 2022

Lieber Kummerkasten

Eine junge Familie zieht nach West-Jütland. Der kleine Sohn ist erst etwas über ein Jahr, er hat den Eltern das Schlafen abgewöhnt. Aber in die Kindertagesstätte geht er schon und die Tagesmutter begrüßt er mit einem fröhlichen Muh. Seine Mutter muss sich mit anderen Problemen rumschlagen, unter anderem dem Erwerb des Führerscheins. Den ein oder anderen Fahrlehrer hat sie schon zur Verzweiflung getrieben. Und ihre Art der Kommunikation schreckt ihre Mitmenschen mitunter etwas ab. Einen Lichtblick bietet ihre neue Stelle als Kummerkasten bei einer Lokalzeitung. Ihre witzigen Antworten auf mehr oder weniger tiefgreifende Fragen, kommen bei den Lesern gut an.


Wohl in den meisten Gegenden ist es nicht leicht, der Zugezogene zu sein. Man muss erstmal herausfinden, wie der Hase dort so läuft. Über lauernde Fettnäpfchen darf man sich nicht wundern und das Stolpern fällt leicht. Da kann ein neuer Job ein Wegbereiter sein. Und auch ein Kind verhilft sicherlich zu Kontakten, auch wenn es vielleicht noch andere Themen gibt als den fehlenden Schlaf. Wenn die Gespräche um einen herum verstummen, sollte man schnellstens das Thema wechseln oder das Reden den anderen überlassen. Aber je näher ein möglicher Erfolg beim Ablegen der Führerscheinprüfung rückt, desto leichter fällt das Leben.


Die junge Mutter fällt mit einem eigenartigen, aber durchaus sehr sympathischen Charakter auf. Zunächst muss man sich in ihre Lebenswelt hineinfinden und ihre manchmal schrägen Gedankengänge nachvollziehen, aber nachdem dies geglückt ist, entwickelt sich eine echte gute Laune Lektüre. Man sieht das Kind auf ihrem Arm, man leidet in den Fahrstunden und denkt „nun fahr doch endlich“ und dann amüsiert man sich, über die skurrilen Ideen und doch anrührenden Lebensweisheiten, die die junge Mutter in sich trägt. Dieser erfrischende Roman hat etwas eigenes und ihm sollte einiges an Aufmerksamkeit vergönnt werden. Es lohnt sich.


4 Sterne


Meter pro Sekunde von Stine Pilgaard

ISBN: 978-3-9856-8011-5


Mittwoch, 16. Februar 2022

Im Auftrag des Alten

Mitten in der Nacht wird Kommissar Philip Gerber von seinem Chef abgeholt, um an einer geheimen Besprechung mit Kanzler Adenauer teilzunehmen. Die beiden Polizisten werden ins besetzte Berlin geschickt. Sie sollen herausfinden, ob der Präsident des Verfassungsschutzes Otto John tatsächlich in den Osten übergelaufen ist oder ob er entführt wurde. Und welche Rolle spielt die Journalistin Eva Herden, die auf einem Foto gemeinsam mit John zu sehen ist? Für Gerber ist die Beantwortung dieser Frage beinahe wichtiger als der erste Auftrag, denn seine Freundin ist ohne eine Erklärung verschwunden und nun in Berlin wieder aufgetaucht.


Die Nachkriegszeit in Deutschland bietet interessante Stoffe für spannende Thriller. So kann die Geschichte des Otto John in verschiedenen Veröffentlichungen nachgelesen werden. Während der Nazi-Zeit war er im Widerstand und dann der erste Präsident des Verfassungsschutzes. Im Juli 1954 tauchte er plötzlich in Ostberlin auf. Angeblich wurde ihm politisches Asyl gewährt. Um diese wahre Geschichte rankt sich der zweite Fall um Kommissar Philip Gerber, der vom amerikanischen Militärgeheimdienst zum Bundeskriminalamt gewechselt war. Die Umstände zwingen Gerber an seiner Beziehung zu Eva Herden zu zweifeln, dennoch nutzt er die Gelegenheit in Berlin nach ihr zu suchen und gleichzeitig im Fall John zu ermitteln.


Wieder erzählt der Autor eine packende Story mit einem Bezug zur Wirklichkeit. Sehr geschickt sind die persönlichen Belange Philip Gerbers mit dem Fall Otto John verwoben. Gerade in der heutigen Zeit, in der man sich sowieso in die Zeit des kalten Krieges zurückversetzt fühlt und noch befürchten muss, dass aus dem kalten Krieg ein heißer wird, bringt dieser Roman einen gewissen Einblick, wie es wohl zugeht in der Welt der Agenten und der politischen Intrigen. Zwar würde es heute wohl eher Cyber-Attacken geben als echte Entführungen, aber die Stimmung kann man sich durchaus ähnlich vorstellen. Und so liest man gespannt, welche gefährlichen Nachforschungen Philip Gerber in der geteilten Stadt anstellt. Er gerät zwischen die Mühlen der unterschiedlichen Systeme und muss sich gerade im Westen darüber erstaunen oder entsetzen, wie leicht die alten Nazis wieder in herausragende Positionen gelangen und wie wenig dagegen getan werden kann. 


Dieser fesselnde zweite Fall für Kommissar Philip Gerber und Eva Herden ist wirklich zu empfehlen und nach der Lektüre wird er eine Zierde für jedes Regal sein.


4 Sterne


Ein Präsident verschwindet von Ralf Langroth

ISBN: 978-3-499-00477-3




Sonntag, 13. Februar 2022

Verlust der Heimat

Mit seiner Mutter fährt der Junge vom Osten in den Westen. Der Vater ist schon dort. Doch der Junge vermisst seine Heimat, die Großeltern, das Haus. Die Klassenkameraden und sogar die Lehrer sind nicht immer freundlich zu dem Flüchtlingskind. Seine Eltern schont der Junge, so wie es Kinder manchmal machen. Allerdings erkrankt die Mutter relativ kurz nach der Ankunft in der neuen Stadt und als sie ins Krankenhaus muss, ist es als ahne sie schon, dass sie nicht mehr wiederkommt. Später beginnt das ehemalige Flüchtlingskind zu reisen, vielleicht ist dies ein Ausdruck seines Heimatverlustes.


Bereits im Jahr 1990 unter dem Titel „Flucht“ ist dieser Roman zum ersten Mal erschienen, wobei der nun gewählte Titel mindestens als ebenso passend erscheint. Denn der Erzähler kann von dem Tag, an dem sich die Flucht jährt und der auch der Todestag seiner Mutter ist, nicht loskommen, ihn nicht überwinden. Er bleibt ruhelos und auch seine Freundschaften und Beziehungen wirken nicht sehr tief gehend. Zu groß ist wahrscheinlich das Trauma, das seine Kindheit überschattet hat. Am anhänglichsten ist da wohl der Koffer, der noch aus der Heimat mitgekommen ist. In einer Nacht berichtet der Erzähler von seinem Leben.


Von seinen neueren Werken wohlbekannt lernt man hier eine andere Herangehensweise des Autors kennen. In episodenhafter Weise lässt er seinen Erzähler von seiner Kindheit berichten und von seinem Erwachsenenleben. Wobei die späteren Jahre wohl die Ruhelosigkeit widerspiegeln, deren Grundlage in der Kindheit gelegt wurde. Berührend sind die Schilderungen der Kindheit, die Reise in den Westen, die sich als Flucht entpuppt, die Mühe des Ankommens, der tragische krankheitsbedingte Tod der Mutter, der eine Lücke reißt, die der Vater nicht zu füllen vermag. Sind dem Leser oder der Leserin Erzählungen mit einer fortlaufenden Handlung lieber, kann der vorliegende Band nur bedingt begeistern. Dennoch überzeugt die Geschichte einer gebrochenen Jugend, die auch in späteren Jahren nicht wirklich verheilt. Ein prägender Moment ist dabei hervorragend in dem ansprechenden Coverbild festgehalten.


3,5 Sterne


Die Ballade vom Tag, der nie vorüber ist von Gerd Loschütz

ISBN: 978-3-89561-158-2







Samstag, 12. Februar 2022

Verbrechensleserin

Maria Just ist als Polizeihistorikerin tätig. In dieser Funktion organisiert sie eine neue Ausstellung im Polizeimuseum, bei der ungeklärte Mordfälle der letzten Jahrzehnte dargestellt werden sollen. Eines Morgens führt ihr Arbeitsweg geradewegs an einem Tatort vorbei oder würde daran vorbeiführen, denn Maria wird gebeten, einen anderen Weg zu nehmen. An besagtem Tatort wurde der Generalsekretär des dänischen Roten Kreuzes tot aufgefunden. Mit den Ermittlungen betraut werden Mikael Dirk und der ihm neu zuteilte Partner Frederick Dahlin, wobei der jüngere Dahlin dem älteren Dirk noch etwas suspekt erscheint. Immerhin, die Leitung liegt bei Dirk. Diese Klärung hilft zunächst auch nicht weiter, denn es ergibt sich kein Motiv für die Tat.


Das neu gebildete Ermittler-Team mit einigen Anfangsschwierigkeiten, hat zu Beginn Mühe, die uneindeutigen Spuren zu einem Bild zusammenzufügen. Auch die Polizeihistorikerin, die ihre Ausstellung gerne mit Leben füllen möchte, läuft bei den alten Beteiligten vor verschlossene Türen. Erst als sich durch eine Presseveröffentlichung wird es Maria ermöglicht, einen möglichen Zusammenhang zwischen ihrem Ausstellungsfall und dem aktuellen Mordfall zu entdecken. Zwar ist Mikael Dirk erstmal skeptisch, aber dennoch soll in alle Richtungen ermittelt werden. Und so zeichnet sich ab, dass hier möglicherweise ein Fall vorliegt, der die Lernfähigkeit von Menschen bezweifeln lässt.


In diesem Reihenstart stellt das Autorinnen-Duo ihr Team vor, deren Mitglieder sich untereinander noch kennenlernen müssen. Gerade zu Beginn der Ermittlung nimmt dies etwas viel Raum ein und auch die langsam voranschreitende Ermittlung erfordert ein klein wenig Durchhaltevermögen. Ist jedoch einmal der Zusammenhang zwischen dem Ausstellungsthema und dem Mordfall hergestellt, verfolgt man mit Spannung, was da zutage tritt. Das generelle Thema ist vielleicht aus allgemeinen Presseveröffentlichungen grundsätzlich bekannt. Dennoch erstaunt es ungemein, dass derartige Aktivitäten unter dem Deckmäntelchen der guten Absichten wohl noch häufiger zu finden sind als eh schon befürchtet. In diesen sehr fesselnden Kriminalfall mit seinen klug zusammengefügten Wendungen wird einem auf mahnende, aber auch packende und unterhaltsame Weise dargebracht, dass immer versucht werden sollte, das vermeintlich Beste nicht als Ausrede für eigentlich ungute Taten zu nehmen.


Dies Reihendebüt fesselt mit seinem brisanten Thema und seinen Ermittlern, die mit ihren Ecken und Kanten umso sympathischer wirken.


4 Sterne


Gefrorenes Herz von Line Holm und Stine Bolther

ISBN: 978-3-453-44146-0




Freitag, 11. Februar 2022

Lady Spürnase

Mit 77 Jahren ist Judith Potts fit wie ein Turnschuh. Wenn möglich schwimmt sie jeden Tag im Fluss. Während einer ihrer Schwimmtouren beobachtet sie, wie ihr Nachbar von der gegenüber liegenden Flussseite umgebracht wird. Die Polizei geht von Selbstmord aus und will die Ermittlungen schnell abschließen. Das geht gegen Judiths analytische Fähigkeiten, die sie mit ihrer Tätigkeit als Kreuzworträtsel-Autorin auf Trab hält. Aber wenn die Polizei nicht will, dann wird Judith eben selbst herausfinden, wer einen Grund hatte, ihren Nachbarn zu töten und wieso. In ihrem kleinen Heimatstädtchen Marlow dürfte es so ein verbrechen überhaupt nicht geben.


Mit diesem Reihenbeginn stellt der Autor seine kleine Gang von besonderen Detektivinnen vor. In der englischen Kleinstadt Marlow treiben sie gerade kein Unwesen. Judith lebt schon seit langem allein in einem Herrenhaus, dass sie von ihrer Tante geerbt hat. Rebecca, genannt Becks, führt ihrem Mann, dem Pfarrer, mit Hingabe den Haushalt. Und Suzie ist sicherlich die beste Hundeausführerin in ganz Marlow. Doch noch kennen sich die drei Frauen nicht. Wie sie es gewohnt ist, begibt Judith sich erstmal alleine auf Spurensuche. Das Opfer soll ein Gauner gewesen sein. Das passt so garnicht zu dem Bild, welches sie von ihrem Nachbarn hatte.


Drei vielleicht etwas exzentrische, aber sehr liebenswerte Hobby-Detektivinnen beginnen hier mit ihren ersten Ermittlungen. Ob sie die diversen Drinks, die sie zu sich nehmen, tatsächlich brauchen, kann wohl dahingestellt bleiben. Jedenfalls haben die drei unverhofften Ermittlerinnen jede ihre speziellen Qualitäten, mit denen sie sich bei den Nachforschungen ergänzen. Beim Lesen macht es Spaß, die Fähigkeiten der drei Frauen zu entdecken. Sogar die Polizistin Tanika kann sich ihrem Charme nicht entziehen, auch wenn sie ihnen sicher manchmal die Leviten lesen möchte. Das kleine Örtchen Marlow kann man zudem im Internet besichtigen und sich ausmalen, welche Wege Judith wohl benutzt und wie sie mit dem Boot über den Fluss stakt. 


Dieser Cozy-Crime mit seinem verzwickten Fall, der klassisch gelöst wird, macht gute Laune. Man kann sich gerne auf mehr von Judith und ihren Freundinnen freuen.


4 Sterne


Mrs. Potts’ Mordclub und der tote Nachbar von Robert Thorogood

ISBN: 978-3-462-00198-3




Mittwoch, 9. Februar 2022

Die geheime Apotheke

Zum zehnten Hochzeitstag wollten Caroline und ihr Mann in London verbringen. Doch alles ist ganz anders gekommen und nun ist sie alleine nach Europa gereist. An der Themse trifft sie auf ein paar Schatzsucher, die auch Schlammlerchen genannt werden. Bei ihrer ersten Suche findet sie eine kleine wohl schon sehr alte Phiole. Neugierig versucht Caroline etwas über die Geschichte des kleinen Fläschchens zu erfahren. Im Jahr 1792 lebt in London eine Frau, die sich als Apothekerin beschäftigt. Schon ihre Mutter hat Arzneien hergestellt. Doch Nella hat eine etwas andere Berufsauffassung. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und einer unglücklichen Liebe kann man bei ihr auch Gift erwerben.


Die geheime Giftmischerin hat hauptsächlich zwei Regeln: nie wird sie einer Frau Leid zufügen und jede ihrer Kundinnen wird in ihrem Tagebuch verewigt. Doch was, wenn etwas schiefgeht? In der Gegenwart beginnt Caroline, die Geschichte der geheimen Apotheke zu entschlüsseln. Es ist für sie wie eine Offenbarung. Eigentlich wollte sie immer die Geschichte erforschen, nicht die der Politik, sondern die der echten kleinen Leute, die wirklich gelebt haben. Dies hier kann ihre Chance sein, nicht nur, um etwas über Nella zu erfahren, sondern auch über sich selbst. Caroline steht an einem Scheideweg.


So oft kommt es nicht vor, dass man von einem Buch keine deutsche Übersetzung findet. Manchmal erfährt man die Kunde von dieser einige Zeit nachdem man das englische Original gelesen hat. Von diesem Buch, das vor knapp einem Jahr erschien, ist bisher keine deutsche Übersetzung bekannt. Das ist schade, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Sicherlich hätte der Roman auch hier ein Publikum. Die Autorin hat Vergangenheit und Gegenwart wunderbar kombiniert. Aus der Suche nach der Story hinter der Phiole hat sie fast schon eine kriminalistische Untersuchung gemacht, wobei auch die persönliche Erfahrung Carolines nicht zu kurz kommt. Hätte man sich selbst manchmal anders verhalten? Möglicherweise. Dennoch kann man dieses Buch durchaus als Plädoyer für die historischen Frauen empfinden. Diesen Roman zu lesen, macht Spaß, fesselt und gibt einen gewissen Aufschluss über das Leben in alten Zeiten. 


4 Sterne


The lost Apothecary von Sarah Penner

ISBN: 978-0-7783-1101-0

Samstag, 5. Februar 2022

Sisters

Sie sind doch Schwestern, Michaela und Kacey, doch sie haben seit langer Zeit keinen richtigen Kontakt mehr. Mickey hat nach ihrem Schulabschluss bei der Polizei angefangen und nun über zehn Jahre später fährt sie immer noch Streife. So hoffte sie, ihre Schwester im Auge behalten zu können. Kacey ist irgendwann in die Drogensucht abgeglitten und Mickey sieht keine andere Chance, wie sie ihre Schwester schützen kann als durch die Straßen zu patrouillieren. Plötzlich jedoch ist Kacey auch von der Straße verschwunden und Mickey macht sich auf die Suche. Zur gleichen Zeit werden in Kensington, einem Stadtteil von Philadelphia, einige junge Frauen ermordet.


Viel unterschiedlicher könnten die Schwestern Mickey und Kacey nicht sein. Großgezogen wurden sie von ihrer Großmutter, denn ihre Mutter ist in jungen Jahren den Drogentod gestorben. Und macht sich Mickey große Sorgen um ihre jüngere Schwestern, aber auch die Schicksale der getöteten Frauen gehen ihr nahe. Neben der Suche nach Kacey beginnt Mickey auch in den Todesfällen zu ermitteln. Als Streifenpolizistin ist sie dafür eigentlich nicht zuständig, aber sie gewinnt den Eindruck, dass die Detectives kein großes Interesse an der Klärung der Mordfälle haben. Meist ist Mickey alleine unterwegs. Ihr ehemaliger Partner ist nach einer Verletzung im Dienst immer noch krankgeschrieben.


Ist es eine Familiengeschichte oder ein Kriminalroman? Wahrscheinlich ist es beides. Denn Mickey öffnet sich den Lesern und Leserinnen, indem sie sich erinnert. Wie war es als sie und Kacey zusammen aufwuchsen? Wie haben sie sich bis heute entwickelt? Und auch in ihr gegenwärtiges Leben gibt sie Einblicke. Ihre Suche nach der Schwester, aber auch nach Antworten. Daraus entwickelt sich eine Spannung, der man sich kaum entziehen kann. Die Familiengeschichte entwickelt sich zu einem Drama, während der Kriminalfall beinahe zum Thriller wird. Dazu erfährt man noch einiges über den arg gebeutelten Stadtteil Philadelphias, bei dessen Namen man zunächst nicht an Amerika denkt. Dieser Roman zeigt eine gelungene Mischung aus Information, Krimi und Familiengeschichte. Ein spannendes Gerne-Les-Buch.


4 Sterne


Long Bright River von Lis Moore

ISBN: 978-3-453-42559-0





Freitag, 4. Februar 2022

Das Brot

In der Wohngruppe Klang und Liebe wohnen Melodie, ihre Schwester Elisabeth, Muriel und Petrus. Sind auf der Suche und auf diesem Weg wollen sie entsagen. Besonders Melodie ist der Meinung, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen haben. Doch eines Abends verspürt Elisabeth das Bedürfnis, sich hinzulegen. Ihr wird alles zu viel. Elisabeth stirbt. Und der Arzt, der den Totenschein ausstellen soll, kann keinen natürlichen Tod bescheinigen. Die drei verbliebenen Hausbewohner werden vorläufig festgenommen. Damit hat die Polizei zwei Tage Zeit, um herauszufinden wieso Elisabeth vor der Zeit gestorben ist.


Aus wirklich sehr verschiedenen Perspektiven schildert die Autorin das Geschehen. Und lernen der Leser Melodie kennen, die nach dem Scheitern nie wieder richtig auf die Füße gekommen ist und nun den Vorsitz genießt. Ebenfalls zu treffen ist Muriel, die sich nicht mehr im Einzelnen an den Abend erinnern kann. Und Petrus, der mit seiner Wut beschäftigt ist, er konnte nicht bemerken, dass es Elisabeth nicht wohl war. Kann die Polizei überhaupt eine Chance haben, hier Licht ins Dunkel zu bringen? Besonders die Beamtin Lies engagiert sich, sie fühlt sich in bestimmten Momenten an ihre Tochter erinnert, die ihr viel Kummer bereitet. 


Dieser Roman ist irgendwie kurios, ungewöhnlich und außergewöhnlich. Gerade die unterschiedlichen Perspektiven, die die Autorin wählt; darunter unter anderem ein Brot; machen die Handlung sehr speziell und damit fesselnd. Für Menschen, die gerne Kriminalromane lesen, hat dieses Werk einen gewissen Reiz, nur könnte der Ausklang als etwas zu offen empfunden werden. Dennoch ist das Lesevergnügen groß, diesen Roman muss man möglicherweise einmal entdecken und dann nochmal genießen. Auch wenn die handelnden Personen vielleicht als eher eigen auftreten, so ist die Art wie man sich ihnen annähert fast schon genial. Dieser Roman besticht wahrhaftig durch seine wunderbare Form, ein Feuerwerk an Anreizen fürs Denkorgan.


4,5 Sterne


Wir sind das Licht von Gerda Blees

ISBN: 978-3-552-07274-9