Sonntag, 31. März 2019

Das Spiel


Die junge Lisa ist unzufrieden, ihre Mutter meckert andauernd rum und ihr kleiner Bruder Sam hängt an ihrem Rockzipfel. Lisa will weg aus ihrem kleinen Spreewald-Kaff. Sie verspricht Sam allerdings, dass sie bald wieder da ist. Doch dann ist sie nicht wieder da. Ihre Mutter Laura findet heraus, dass sie etliche Dinge von ihrer Tochter nicht wusste. Sie war sicher, dass das Töchterlein sich regelmäßig in der Schule aufhält. Dem war nicht so. Durch diese und ähnliche Umstände bedingt, wird Lisas Verschwinden erst später bemerkt. Als Laura klarwird, dass etwas passiert sein muss, geht sie sofort zur Polizei.

Von ihrem Mann getrennt, mit einem Job, der nicht viel einbringt, einem Haus, das sie nicht bezahlen kann und Kindern, die zu hüten fast unmöglich ist. Laura ist mit der Situation überfordert. Doch nun unternimmt sie alles, um ihre Tochter wiederzufinden. Das ganze Dorf ist beteiligt, jeder kennt Lisa und Sam, jeder weiß etwas zu berichten. Solange allerdings auch die Polizei eher denkt, Lisa sei abgehauen und tauche schon wieder auf, ist die Chance auf ein Auffinden eher gering. Sam, der vor Angst und Sorge nicht aus und ein weiß, wird nicht gehört.

Aus verschiedenen Perspektiven nähert man sich Lisas Verschwinden. Sie ist ein normales junges Mädchen an der Schwelle zur Frau, sie strebt in die Welt, sie weiß, was gut für sie ist. Bis sie sich irrt. Ein fataler Fehler. Und die Leute haben sich ein Bild von ihr gemacht, deshalb sorgen sich die Meisten nicht gleich. Geschickt zieht der Autor die Schlinge enger, sowohl um Täter als auch um Opfer und Helfer. Gerade die eingestreuten Schilderungen einer Dorfbewohnerin sind manchmal schwer zu ertragen. Auch wenn es verständlich ist, dass die Sorge um Lisa im Vordergrund steht, wirkt das sich verschließen und niederreden alles anderen manchmal ein wenig übertrieben. Glücklicherweise ist die Geschichte fesselnd und die Auflösung überraschend, so dass jede weitere Wendung neugierige Erwartung auslöst.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Mädchenwiese von Martin Krist
ISBN: 978-3-7485-1751-1

Samstag, 30. März 2019

Scheidungsanwältin


Francine Day will sich als Kronanwältin bewerben. Dafür braucht sie allerdings noch einen herausragenden Fall. Es kommt ihr deshalb gerade recht, dass sie mit der Scheidungssache Martin Joy betraut wird. Dessen nunmehr von ihm getrennte Frau Donna wirkt etwas sehr von oben herab. Außerdem scheint sie Martins Vermögen sehr genau zu kennen. Schnell so eine Art Gütetermin vereinbart werden. Als Donna Joy zu diesem Termin nicht auftaucht, hegen alle den Verdacht, sie wolle die Scheidung möglichst teuer machen. Francine, die sich inzwischen häufiger mit Martin getroffen hat und das nicht nur zu Geschäftsessen, wird misstrauisch. Wieso ist Donna verschwunden?

In einer Position wie der Francines fängt man doch nichts mit Kunden, Mandanten oder ähnlichem an. Man wartet eigentlich, wenn man es sich überhaupt gestattet, bis Gras über das. auslösende Ereignis gewachsen ist. Mag sein, dass die eigene Denkweise eher spießig daherkommt, aber Francine kann nicht alles mit ihrer Krankheit entschuldigen. Martins Gedanken und Hintergedanken erschließen sich nicht im Einzelnen. Geht man davon aus, dass Donna tatsächlich umgekommen ist, stellt sich die Frage nach dem Täter und den Hintergründen. Zwar ist die angebotene Lösung schlüssig, aber eine völlige Sicherheit über die Ereignisse erlangt man nicht. Ist einem eine detailliert dargestellte Auflösung lieber, werden hier einige Fragen offen bleiben.

Der Autorin gelingt es, gerade die Hauptpersonen eher unsympathisch wirken zu lassen. Es sind eher die Nebenfiguren wie Clara oder Tom, von denen man mehr wissen möchte. Dennoch legt die Autorin Spuren aus, denen man unbedingt folgen möchte. Man will wissen, ob Donna Joys Schicksal geklärt wird, sie gefunden wird oder ein möglicher Täter zur Rechenschaft gezogen wird. Möge Francine ihren Weg zu den Kronanwälten finden. Schließlich fragt man sich, wie weit würde man selbst gehen, um ihn zu behalten. Soweit wie Francine möglicherweise nicht. 

Ein wendungsreicher Thriller, der den Geschmack nicht aller, aber doch der meisten Leser treffen dürfte.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Mein - Wie weit wirst du gehen, um ihn zu behalten? von JL Butler
ISBN: 978-3-499-29180-7





Freitag, 29. März 2019

Odessa


Es ist noch nicht vorbei. Zwar ist die Banksache für Larcan gänzlich schief gegangen, das stachelt ihn umso mehr an, sich zu rehabilitieren. Inzwischen hat Dombrowski einen Herzinfarkt und Judith Kepler muss sich einer Aufgabe stellen, vor der sie immer zurückgeschreckt ist. Eva Kellermann stirbt und verrät ihrer Tochter Isa ihr letztes Geheimnis. Isa Kellermann ist schockiert. Noch mehr als je zuvor will sie Larcan zur Strecke bringen. Dafür ersinnt sie einen Plan. Judith, die die kleine Tabea nicht vergessen hat, möchte sich um das Mädchen kümmern, weiß aber nicht recht, wie sie sich der Pflegemutter gegenüber verhalten soll. Von ihrer Neugier gesteuert, trifft sie eher zufällig auf Tabeas Vater.

Noch immer gibt es Geheimnisse in Judiths Leben. Nach der Sache Sassnitz wurde Judith in ein Kinderheim gebracht, wo viel getan wurde, um ihr nach ihren Eltern auch noch die Erinnerung an diese zu nehmen. Als Erwachsene fühlt sich Judith immer noch nicht vollständig. Und nun legt Isa Kellermann nach dem Tod ihrer Mutter ein so eigenartiges Verhalten an den Tag, dass Judith einfach herausfinden muss, was Isas Motivation ist. Genauso wie Isa will auch Judith eine Aussprache mit Larcan, der ihr lange totgeglaubter Vater ist.

Im dritten Band der Reihe um Judith Kepler kommt es zu einem spannenden Finale. Da besonders die beiden letzten Bände aufeinander aufbauen, empfiehlt es sich die Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Mit Freude verfolgt man, wie sich Judith in ihrer Persönlichkeit entwickelt und doch sie selber bleibt. Zunächst wird ihr die Aufgabe, die sie mit der Vertretung Dombrowskis übernommen hat recht schwer, doch bald verblasst dies neben den anderen Ereignissen, die ihre Spürnase Witterung aufnehmen lassen. Dabei kommen sie und Isa sich in die Quere und können sich doch nicht ausweichen. Wie sie schließlich beide in Odessa landen, ist in diesem packenden Krimi nachzulesen. Da geht es um Geheimdienstoperationen, Familiengeheimnisse und eine hartnäckige Judith Kepler, die sich einfach nicht abschütteln lässt. Als Tatortreinigerin ist sie einiges gewöhnt, doch hier wird ihre Resilienz auf eine echte Probe gestellt. Judith aber wächst mit ihren Aufgaben. Ihre Charakterschilderung erhält ebenso neue Facetten wie die ihres Vaters. Am Ende gewinnt Judiths Leben eine hoffungsfrohe neue Richtung, es bleibt aber genau das leichte Kribbeln, dass durchaus wünschen lässt, es gäbe noch mehr zu erzählen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Schatten der Toten von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-442-31392-1

Dienstag, 26. März 2019

Leipzig 22.03.2019





Früh am Morgen ging es los, angenehm ruhig noch in der Bahn mit einem spannenden Hörbuch im Ohr, wann hat man schon mal soviel Zeit. Durch den Morgennebel nähert man sich dem Ziel, welches man dann bei strahlendem Sonnenschein erreicht. Leipzig Messe zeigt sich in diesem Jahr wettertechnisch von der allerbesten Seite. Bei milden Temperaturen erreicht man den Eingang und kann bald die heiligen Buchmessehallen betreten. Mit einem lockeren Programm und ansonsten eher per Zufall gewählten Zielen lässt man sich zunächst durch die Hallen treiben. Die Messeatmosphäre nimmt einen wie jedes Mal schnell gefangen. Viele Eindrücke versetzen einen schnell in Entdeckerstimmung, denn was sonst kann das Ziel dieses Besuches sein als neue Objekte der Begierde zu entdecken und vielleicht einen Blick auf einen gern gelesenen Autoren zu erhaschen. 

Um 12:00 hatte dann der Kiepenheuer & Witsch Verlag zu einem Bloggertreffen mit der ausgesprochen sympathischen Vea Kaiser geladen. Wie in einem kleinen Wiener Kaffeehaus kam man sich fühlen, mit einer kleinen Weinprobe (Wein ist in Österreich auch
vormittags erlaubt) und herrlichen selbst gebackenen Keksen, die so filigran geformt sind, dass man mächtig Respekt vor der Mühe bekommt. Nicht nur hübsch sind die Leckereien, sondern auch äußerst schmackhaft. Während das Publikum noch schmaust, beginnt die Autorin von ihrem neuesten Buch zu erzählen, über die Geschichten, die nur eine Familie schreiben kann. Geschichten, die sie als Protokollantin in treffenden humorvollen und gedankenreichen Worten niederlegt. Da kann man an die eigenen Verlorenen denken, wenn die Autorin von den Manen, den römischen Totengeistern erzählt, die ihre Hinterbliebenen nicht ganz verlassen und noch in deren Schicksal eingreifen können. Doch nicht allzu ernst bleibt es, dazu ist die Autorin einfach zu lebensbejahend und fröhlich. Beim Lesen ihrer Bücher wird einem künftig immer ihre Intonation gegenwärtig sein, mit der sie ihren Figuren ihr unverwechselbares Timbre einhaucht. Nach der abwechslungsreichen und kurzweiligen Lesung gab es vom Verlag noch einen interessanten Ausblick auf das Programm des kommenden Herbstes, das zwar noch geheim ist, aber schon mal zur Verlängerung der Wunschliste beiträgt.

Nach einer kleinen weiteren leckeren Stärkung geht es weiter durch die Hallen, das Gewirr aus
Menschen und Tönen umschwirrt einen. Bei einer kleinen Rast verschafft man sich in der hilfreichen Messe-App einen Überblick über anstehende interessante Veranstaltungen. Nach einem kleinen Exkurs, in dem es über die Erfahrungen mit Blogs und Bloggen geht, zieht es einen zu einigen eng getakteten Lesungen. Hier stellte zunächst Christine Brand ihren ersten bei Blanvalet erschienen Roman um die Journalistin Milla Nova vor. Die Autorin aus der Schweiz beantwortet Fragen, die das Publikum stellen könnte, selbst, zu eng ist der Zeitplan, um etwas anderes zu erlauben. Spannend, welche Anleihen sie bei der Wirklichkeit getätigt hat. Zum Beispiel gibt es für Nathaniel ein Vorbild aus dem wahren Leben und sie gibt auch zu, dass es durchaus Ähnlichkeiten mit ihrer Milla Nova gibt. Aber natürlich plaudert sie nicht zu viel aus dem Nähkästchen. Es soll ja noch einiges zu erfahren sein, sowohl von der Autorin als auch von ihrer Protagonistin, die sicherlich noch einige Geschichten schreiben möchte. Nach einer halben Stunde kam es zum fliegenden Wechsel zu dem Krimi-Autor Lorenz Stasser, der den zweiten Band seiner Reihe um den Anwalt Nicholaus Meller , der sich selbständig machen musste, vorstellt. Auch dessen neuer Fall hat einen Bezug zur Wirklichkeit, allerdings passiert er manchmal so wie das Leben eben auch ohne großen Plan einfach passiert. Dafür ist er ganz schön spannend. Etwas störend war - für den Autor etwas bedauerlich - eine reichlich laut abgemischte weitere Veranstaltung, die eine Herausforderung für die Konzentration darstellte. Interessant war dann ein nicht zu übersehender Wechsel im Publikum. Nach zwei Thriller/Krimi betrat Anne Jacobs mit ihrer Gutshaus-Saga die Bühne. Die Autorin ist bekannt von ihren Romanen um die Tuchvilla und mit ihrem neuen Werk entführt sie ihre LeserInnen auf ein Gut im Osten Deutschlands, in die Zeiten vor und nach dem Krieg. Im fließenden Wechsel zwischen Erzählen und Lesen gibt die Autorin einen Einblick in Kriegs- und Nachkriegswirren. Man lernt die dramatische Familiengeschichte derer von Dranitz kennen, die neben den schönen Seiten auch die Härten des Lebens zu spüren bekommen. 

Nach einer kleinen Abschiedsstärkung geht es dann so langsam wieder zum Zug, um zunächst zum Glück mit einem Sitzplatz ausgestattet, aber doch eingequetscht wie eine Ölsardine, die Minuten bis nach Halle zu ertragen und dann in die Bahn Richtung Heimat zu steigen und diesen wunderbaren Messetag in Gedanken Revue passieren zu lassen. Ohne Zug- oder Wetterchaos geht es heim. Doch nach der Messe ist vor der Messe und mit Neugier gilt es dieser entgegen zu sehen.

Sonntag, 24. März 2019

Die Nachbarin


Ihr Ex-Mann beginnt sie zu drangsalieren und dann ist er tot. Sie ist die Nachbarin des Mathematikers Ishigami. Als Lehrer ist er nicht ausgelastet, doch jemanden wie die Nachbarin und ihre Tochter hätte er gerne als Familie. Um zu helfen, ersinnt sich Ishigami eine Geschichte, die die Polizei in die Irre führen soll. Als der Tote gefunden wird und die Polizei mit den Ermittlungen beginnt, finden die Beamten nur das Alibi der Nachbarin. Ein Motiv hätte sie und als ehemalige Verwandte gehört sie natürlich zu den ersten Verdächtigen, aber ihre Wege am Todestag sind geklärt und sie hätte nicht am Ort des Geschehens sein können.

Schon als Studenten hielten Ishigami und Dr. Yukawa nicht viel voneinander. Ihre Denkweisen, der eine als Mathematiker, der andere als Physiker, waren einfach zu unterschiedlich. Und nun arbeitet Dr. Yukawa hin und wieder als Berater für die Polizei, insbesondere wenn ein Freund von ihm, der nebenbei auch Polizist ist, nicht mehr weiter weiß. So versucht Dr. Yukawa auch hier, den Fall zu knacken und die Hintergründe der Tat zu entschlüsseln. Was ist wann, wie und weshalb passiert und wer hat was, wann, wo und wie getan? Scheinbar unmöglich sind die Fragen zu beantworten.

Kriminalromane japanischer Autoren haben etwas besonderes. Man könnte meinen, die Probleme werden von allen Seiten theoretisch beleuchtet und dann wird ein Fall um die Gedanken geschrieben. So entsteht eine ruhige Spannung, was eigentlich widersinnig erscheint, aber den speziellen Reiz ausmacht. Am Anfang steht die Tat, an der es nichts zu deuteln gibt. Und doch gelingt es dem Autor, den eigentlich für den Leser schon gelösten Fall mit einem Rätsel zu versehen, dass einen bis zum Schluss bei der Stange hält. Unaufdringlich und präzise gelesen von Olaf Baden entfaltet sich der Krimi nicht durch reißerische Aktion, sondern durch hintergründige Gedankenspiele seiner Protagonisten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Verdächtige Geliebte von Keigo Higashino
ISBN: B00ABMK066

Samstag, 23. März 2019

Der Schnorrer


Einst als literarisches Talent gefeiert, ist Paul  Morris heute nur noch ein gescheiterter Autor, dem es nicht mehr gelingt, irgendetwas zu Papier zu bringen. Lieber hütet er für einen Freund das Haus ein und schlägt sich auch sonst so durch, ohne viel Fleiß und Engagement für irgendetwas aufzubringen. Als er durch einen alten Freund die verwitwete und offensichtlich wohlhabende Alice kennenlernt, kommt es Paul wie ein Volltreffer vor. Fortan bemüht er sich, bei Alice zu punkten. Als sie, ihre Familie und ein paar weitere Freunde auf eine griechische Insel wollen, um den Sommer dort zu verbringen, setzt Paul alles daran mitzukommen, obwohl er nicht wirklich eingeladen wurde.

Mit der Wahrheit nimmt es Paul nicht so genau. Irgendwie ist er immer damit durchgekommen und auf die Füße gefallen. Im Moment sieht es allerdings nicht gut aus, die Schreiberei läuft nicht, die Wohnung muss er aufgeben und er muss wieder zu seiner Mutter ziehen, weil er sonst nicht über die Runden kommt. Da scheint die neue Bekanntschaft mit der fast gleichaltrigen Alice fast ein Segen, obwohl Paul eigentlich auf jüngere Frauen steht. Häufig hat er da nur kurze Abenteuer, wobei es ihn nach der Trennung schon Mühe kostet, sich überhaupt zu erinnern. 

Ein rechtschaffen unsympathischer Typ ist dieser Paul. Man möchte ihn ebenso schnell ablegen wie er seine Frauen. Geschieht ihm recht, denkt man. Und dann beginnt man mit dem Philosophieren über das, was einer verdient hat oder ob er es verdient hat. Was richtig ist, was falsch. Doch wie heißt es, wer ein Mal lügt, dem glaubt man nicht. Wäre Paul noch nicht mal ein wahrhaft guter Mensch, nur etwas weniger gedankenlos und oberflächlich, wäre er nicht in diese Situation gelangt. Bemitleiden mag man ihn wirklich nicht. Doch so wie man zu Beginn meint, sich auf die Seite der anderen schlagen zu wollen, so gibt auch deren Verhalten Anlass zu bedenken. Auch wenn es vielleicht gerechter erscheinen mag, manchmal ist man einfach nicht selbst zuständig. Ein Buch, das nervt, weil niemand richtig sympathisch ist, das aber gerade deshalb länger beschäftigt als zunächst gedacht.

3,5 Sterne


Lie with me von Sabine Durrant
ISBN: 978-1-473-60830-6



und das Cover der deutschsprachigen Ausgabe:



Donnerstag, 21. März 2019

Unschuldige Eintagsfliege


Der Anwalt Charlie Priest ist einem brisanten Fall auf der Spur. Er hat selbst lange bei der Polizei gearbeitet und hat deshalb neben seinen juristischen Fähigkeiten auch das Zeug zum Schnüffler. Doch nun wurde Priest selbst überfallen, ein Maskierter mit einer Bohrmaschine ist in sein Haus eingedrungen und verlangte nach einem USB-Stick. Ein Speichermedium, das sich nicht in Priests Besitz befand. Und schon am nächsten Tag wird der Täter selbst qualvoll ermordet. Die Familie des jungen Mannes beauftragt Priest herauszufinden, was hinter der Tat steckt. Eine reiche und einflussreiche Familie, die es kaum fassen kann, dass ein Mitglied einer ihrer Lieben so zu Tode kommen konnte. 

Charlie Priest, der meistens funktioniert, der meistens gerne geschieden ist, dessen Bruder im Gefängnis sitzt. Hier bekommt er es mit einem Rätsel zu tun, für dessen Lösung er alle seine Fähigkeiten braucht. Obwohl er selbst einmal bei der Polizei war, hat er keinen Vertrauensvorschuss. Der leitende Beamte verdächtigt ihn sogar, seinen Einbrecher selbst gerichtet zu haben. Obwohl Priest den Fall lieber nicht übernommen hätte, bleibt ihm kaum eine andere Wahl und sei es zu ermitteln, um seine eigene Unschuld zu beweisen. Was nur kann dieser USB-Stick enthalten haben, der nicht bei ihm abgeliefert wurde.

Ein wenig brutal sind die Schilderungen manchmal schon, das muss gleich klargemacht werden. In diesem ersten Band um den Anwalt Charlie Priest und seine sympathisch schrägen Mitarbeiter mit besonderen Fähigkeiten bleibt das familiäre Umfeld noch etwas blass, die Andeutungen reichen aus um auf den Gedanken zu kommen, es könnte für ein eigenes Buch reichen. So allerdings wird ein ausgesprochen spannender Thriller geboten, in dem ein gewiefter Ermittler manchmal mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Der sich dennoch hartnäckig um die Lösung des Falles bemüht, der ein Team um sich geschart hat, dessen Mitglieder mit Fehlern und Schrullen behaftet sind, was sie sehr liebenswert wirken lässt. 

Wer sich nicht scheut, von grausamen und zu verurteilenden Taten zu lesen, wird hier einen packenden Thriller finden, der in einem Rutsch gelesen werden möchte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Mayfly - Die Chemie des Bösen von John Hazel
ISBN: 978-3-7341-0575-3



Dienstag, 19. März 2019

St. Margaret's



Die Journalistin Sam Harper hat es nicht leicht, alleinerziehend ist sie auf die Hilfe ihrer geliebten Großmutter angewiesen, die sie häufiger um die kleine Emma kümmert. Nanas Geburtstag feiern sei alle zusammen. Ausgerechnet an diesem Tag findet Sam einen vergilbten Brief, den eine junge Frau in einer verzweifelten Lage an einen jungen Mann geschrieben hat. Berührt, aber auch neugierig geworden, versucht Sam herauszufinden, was die wahre Geschichte der Briefschreiberin ist. Dabei stößt sie auf ein lange still gelegtes Heim für werdende Mütter, in dem junge Frauen, die ungewollt schwanger wurden, schlecht behandelt wurden und schließlich sogar dazu gezwungen wurden, ihre Neugeborenen aufzugeben.

Welch ein Drama um junge Frauen, die unverschuldet in verzweifelte Situationen geraten waren. Die bedrückenden verzweifelten Briefe einer jungen Frau, die nach und nach jegliche Hoffnung verliert, bilden den Ausgangspunkt für Sams Nachforschungen über eine wahrlich unrühmliche Vergangenheit. Ungewollt schwanger zu werden, wurde in den 1950ern und auch etliche Jahre danach als Schande angesehen. Die „gefallenen“ Mädchen schickte man gerne aufs Land, von wo sie rank und schlank, aber auch verzweifelt zurückkamen. Ihnen wurde eingeredet, sie schuldeten den Einrichtungen etwas und sie müssten ihre Schulden abarbeiten. Nicht alle der Jugendlichen kamen zu ihren Eltern zurück, manche verschwanden für immer.

Welch schändliches Verhalten einer ganzen Gesellschaft gegenüber den Wehrlosen, den Hilflosen, den Schwächsten. Auch wenn das beschriebene Heim der Phantasie der Autorin entsprungen ist, so steckt doch eine Menge Recherche hinter den Beschreibungen in diesem fesselnden Roman, der gerade den Mädchen, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind, ein kleines Denkmal setzt. Die Schicksale mehrerer Frauen in Gegenwart und Vergangenheit werden hier auf packende Weise verknüpft. Mit Staunen und Entsetzen liest man von den schrecklichen Ereignissen und fragt sich, wie konnten den jungen Frauen nur solche Grausamkeiten angetan werden. Geschickt verwoben sind die Handlungsstränge der Vergangenheit mit denen, die in der Gegenwart spielen. Ein bedrückendes Thema wird hier auf ergreifende Weise aufgearbeitet, eine Lektüre, die man nicht so schnell vergisst.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Haus der Verlassenen von Emily Gunnis
ISBN: 978-3-453-27212-5


Sonntag, 17. März 2019

Der Geheimnisvolle


Sechs Jahre sind vergangen seit Judith Keplers Leben eine Wende nahm. Was einen kompletten Neuanfang hätte bringen können, hat allerdings nicht zu großen Veränderungen geführt. Judiths Job als Tatortreinigerin führt sie diesmal in eine Bank. Ein Manager hat dem ersten Anschein nach Selbstmord begangen. Während sie ihrer Tätigkeit nachgeht, entdeckt Judith jedoch eine unauffällige Spur, die sie sofort der Polizei weiter meldet. Bei dem Vorstand der Bank macht sie mit ihrer gradlinigen Art Eindruck, so dass er ihr einen Auftrag verspricht. Bei ihrer Sicherheitsüberprüfung entdecken die Bankleute, dass Judiths Daten geschützt sind. Damit ist das Interesse verschiedener Parteien geweckt.

Vielleicht hat Judith Kepler selbst erwartet, dass sich nach Sassnitz alles in ihrem Leben ändert und ist nun enttäuscht und unzufrieden mit ihrem Leben. Vielleicht legt sie es auch deshalb darauf an, mit ihrem raubeinigen aber eher gutmütigen Chef in Streit zu kommen. Vielleicht geht sie auch deshalb auf Menschen zu, die sonst nie in ihren Dunstkreis kämen. Noch ändert das nicht viel, außer dass ihr Leben erstmal gründlich aus den Fugen gerät. Eher aus der Not heraus beginnt sie doch für die Bank zu arbeiten und muss feststellen, dass Putzen sich als durchaus gefährlich erweisen kann. 

In diesem zweiten Band um die Tatortreinigerin Judith Kepler schlägt die Autorin einen weiteren Bogen in die Vergangenheit ihrer Heldin. Da gibt es noch etwas, dass auf einigen Seelen lastet. Etwas, das im Geheimen gehalten wurde. Findig ist die Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden. Nicht nur, was Judith im ersten Band entdeckte, hat ihre Persönlichkeit gebildet. Noch etwas anderes, ein geheimer Gedanke hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Und wieder gerät Judith zwischen etliche Fronten und manchmal scheint es so als könne es keinen Ausweg geben. Judiths Geschichte fesselt und bietet einen faszinierenden Hintergrund für ein authentisches Abbild der Tätigkeit der Geheimdienste in Vergangenheit und Gegenwart. Manchen Entwicklungen in der Gegenwart muss man sich dabei wohl stellen, obwohl man sich am Liebsten schütteln möchte, ob solcher Ideen, von denen man garnicht glauben möchte, dass sie tatsächlich gelebt werden. 

Ein spannender Kriminalroman, der Judith Kepler näher an ihr Ich führt und den Leser mit einem packenden Fall fesselt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Stimme der Toten von Elisabeth Herrmann
ISBN. 978-3-442-48839-1


Samstag, 16. März 2019

Wirtschaftswunder


In Berlin entkommt der junge Pfleger Jan Wutte nur knapp einen Unfall. Eine Limousine kommt von der Straße ab und landet kopfüber auf dem Seitenstreifen. Jan versucht, zu helfen, doch zu spät. Er muss mit ansehen wie das Wrack verbrennt. Mord. Doch keiner will Jan glauben, er gerät sogar selbst unter Verdacht. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen, besteht erstmal in einer Flucht. Derweil bereitet sich Berlin auf den großen Gipfel vor. Eine Wirtschaftskrise droht und unter anderem das hat viele Demonstranten an den Ort des Treffens gelockt. Von diesen sind die Teilnehmer des Gipfels gut abgeschirmt.

Widmet man sich nach der Lektüre auch dem Nachwort, so wird man feststellen, dass hier eine Wirtschaftstheorie in Romanform vorgestellt wird, wobei der Autor eng mit den Wissenschaftlern zusammengearbeitet hat. Bestimmt nicht so einfach, ein Theorem in eine so einfache und auch spannende Handlung zu kleiden, dass es vom Leser verstanden wird und der Leser gleichzeitig gut unterhalten wird. Nach den Wünschen des Autors kann man dieses Buch als Thriller oder auch als Utopie betrachten. Sicherlich ist es auch eine hervorragende Anregung, nachzudenken, über das, was schiefläuft in der heutigen Zeit und es gibt eine Anregung, wie man es besser machen könnte, bestünde nur die Möglichkeit viele Menschen von der Idee zu überzeugen.

Allerdings sind die erklärenden Ausflüge in die Wirtschaftstheorie und verschiedene andere mathematischen und anderen Erläuterungen schon manchmal etwas trocken. Auch wenn die Bauernfabel mit ihren in eine kleine Geschichte verpackten Erklärungen sehr plastisch ist, fragt man sich doch, ob die Sache eine Chance hätte. Tatsächlich ist der  Thrillerteil der Handlung sehr spannend und gekonnt rasant geschrieben, während man der Utopie einer gerechteren Wirtschaft, einer gerechteren Verteilung, tatsächlich das Gelingen wünscht, beim Blick in die Zeitung oder ins TV-Programm aber eher trübe Gedanken aufkommen. Sicher bleibt jedem nur, bei sich selbst anzufangen. Geben ist seliger denn Nehmen heißt es schon in der Bibel und manchmal waren die Alten nicht so dumm. Es scheint eher als sei die heutige Gesellschaft auf den Hund gekommen. 

Ein Buch mit einer Mission, das wohl eher bei denen etwas erreichen kann, die sowieso schon ihr Denken in sinnvolle Bahnen lenken.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Gier von Marc Elsberg
ISBN: 978-3-7645-0632-2


Freitag, 15. März 2019

Wakefield


Ein grausiger Tatort, zu dem DI Bishop gerufen wird. Zwei Menschen wurden brutal ermordet und die Motive sind völlig unklar. Der Profiler, der üblicherweise hinzugezogen wird, ist nicht verfügbar, weil seine Frau überfallen wurde und er sich um sich kümmert. Deshalb erhält die forensische Psychiaterin Holly Wakefield zum ersten Mal den Auftrag, die geheime Handschrift des Killers zu entschlüsseln.  Gemeinsam mit DI Bishop versucht Holly, sich in den Täter hineinzuversetzen. Doch zu viele Ungereimtheiten verhindern eine klare Sicht. Vielleicht ist es sogar Holly Wakefield außerordentliches Wissen über Serientäter, das ihr in die Quere kommt.

Als Start einer neuen Thriller-Reihe mit der forensischen Psychiaterin Holly Wakefield kommt dieser Roman gleich mit einem spannenden Plot daher. Getrieben von den Geistern ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigt sich Holly sehr intensiv mit ihrem ersten Fall, zu dem die Met sie hinzuzieht. Akribisch untersucht sie den Tatort immer in dem Gedanken, dass sie etwas übersehen haben muss. Gleichzeitig arbeitet sie eng mit DI Bishop zusammen, der mit seiner Erfahrung als Polizist eine andere Herangehensweise hat, die sich mit Wakefields Art gut ergänzt. Obwohl sie sich beruflich gut ergänzen, bleiben die beiden im privaten Bereich doch reserviert. Seiner Vergangenheit kann eben niemand entfliehen.

Mit seinem Debütroman hat Mark Griffin eine interessante neue Persönlichkeit eingeführt. Mit Holly Wakefield betritt eine energische und doch zarte forensische Psychiaterin die Bühne. Geformt durch ihre Herkunft, ist sie besonders geeignet für ihre Tätigkeit, aber auch verletzlich und angreifbar. Ihr zur Seite steht DI Bishop, der gewissenhaft ermittelt. Auch er hat in seiner Zeit bei der Armee einiges erlitten, das ihn geformt hat. Der Taten, mit denen die beiden es hier zu tun bekommen, sind an Brutalität und Grausamkeit kaum zu überbieten. So kommt man auch als Leser beinahe an die Grenze des Erträglichen. Dies gepaart mit der Fragilität der Ermittler macht diesen Thriller zu etwas Besonderem, das zwar vielleicht nicht jeden Geschmack treffen kann, aber dem Gewogenen eine packende Lektüre präsentiert.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Dark Call von Mark Griffin
ISBN: 978-3-95967-272-6


Sonntag, 10. März 2019

Rivolta


Im Jahr 1954 kommt der junge Ingenieur Vincent Schlewitz nach Mailand. Bei dem Autohersteller Rivolta soll er einen Lizenzvertrag über den Bau der Isetta abschließen. Da Vincent kein Wort italienisch spricht, muss ein Übersetzer her. Bereit steht die ebenfalls junge Sekretärin Giulietta. Vincent braucht nur wenige Minuten, um zu wissen, das ist sie. Giulietta genießt die Aufmerksamkeit des jungen Deutschen. Doch in Italien zählt die Familie viel, wenn nicht alles. Im Jahr 2014 hat die Mittdreißigerin Julia gerade einen Preis für ihre Modekollektion bekommen, da steht Vincent vor ihr und behauptet, er sei ihr Großvater.

Julia, deren Leben sich an einem Wendepunkt befindet, erfährt in Erzählungen der noch lebenden Beteiligten von ihren eigenen Vorfahren. Ihren Vater kennt sie kaum, von einem Großvater hat sie nie etwas gewußt. Ihre Mutter hat zwar gesagt, dass ihr Vater Italiener ist. Doch irgendwann hat sie auch berichtet, dass der Vater verstorben sei. Schon seit ihrer Kindheit hat Julia eine Zerrissenheit gefühlt. Nicht unbedingt, weil sie Halbitalienerin ist, das war in den Kreisen ihrer Mutter kein großes Thema, eher weil sie eine Leere in sich fühlte, weil ein Teil der Familie fehlte. Sie hat versucht im Job ihre Erfüllung zu finden. Und nun steht da ein unbekannter Großvater und berichtet von einer anderen Geschichte.

Inzwischen bereits fürs Fernsehen verfilmt, ist diese Familiengeschichte auch ein Spiegelbild der Kolonie der ersten italienischen Gastarbeiter in Deutschland. In Massen angeworben mussten sie feststellen, dass ihnen nicht viel Integrationswillen entgegen gebracht wurde. Man ging einfach davon aus, dass sie schon wieder gegen. Kinder wurden einfach in die Hauptschule gesteckt, anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen und ihnen wenigstens die Sprache beizubringen. Noch vor dieser Zeit beginnt die Liebe zwischen Giulietta und Vincent. Vincent, dessen Familie im Krieg geblieben ist, der allein zwar, aber auch frei mit Bildung begonnen hat, seinen Weg zu machen. Und Giulietta, die eigentlich am liebsten schneidert und ihre Kleider selbst entwirft, die aber zum Familieneinkommen beitragen muss und deshalb in der selben Firma arbeitet wie ihr Bruder. Giulietta ist ihren entfernten Cousin Enzo versprochen, der hat schließlich dafür gesorgt, dass die armen Sizilianer im Norden Italiens unterkommen konnten. 

Ein berührender Beginn einer unmöglichen Liebe, für die es kaum Hoffnung auf Erfüllung gibt. Zwar verliert die Geschichte sich ein wenig in Beschreibungen je weiter die Handlung voranschreitet, aber insgesamt bietet das Buch ein anschauliches zeitgeschichtliches Bild Italiens und Deutschlands der 1950 bis 1970er eingebettet in eine dramatische Familiengeschichte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Bella Germania von Daniel Speck
ISBN: 978-3-596-29597-5



Samstag, 9. März 2019

Der Anruf


Nathaniel ist als Kind erblindet. Nach den langen Jahren findet er sich ganz gut zurecht. Sogar ein Fernsehbeitrag wurde mit ihm gedreht. Doch einige Sachen gibt es, die kann ein Blinder einfach nicht. Zum Beispiel ein Hemd in der richtigen Farbe aus dem Schrank holen. Hilfreich ist hier die App „Be my Eyes“, die man aktivieren kann, um sich quasi die Augen anderer Menschen zu leihen. Über diese App bekommt Nathaniel mit, wie seine Helferin das Telefonat nach unheimlichen Geräuschen plötzlich abbricht. Nathaniel ist besorgt, möglicherweise ist der Frau etwas passiert. Ein Notruf bei der Polizei erweist sich als nicht hilfreich und Nathaniel beschließt die Frau zu suchen und sich zu versichern, dass es ihr gut geht.

Seinen Alltag meistert Nathaniel gemeinsam mit seiner Blindenhündin Alisha ganz passabel. Nicht immer klappt alles reibungslos, zum einen ist Alisha manchmal recht stürmisch und zum anderen braucht man manchmal einfach jemanden, der sehen kann. Trotzdem ist Nathaniel geschickt und intelligent. Allerdings regt es ihn schon auf, dass ihm im Moment keiner glauben will, dass die Frau, die sich am Telefon Carole genannt hat, in Gefahr schweben könnte. In seiner Not wendet sich Nathaniel an die Journalistin Milla, die damals zu dem TV-Team gehörte.

Die Welt der Blinden wird einem Sehenden relativ fremd bleiben, da hilft auch kein „Dinner in the Dark“ oder ähnliches. Denn im Gegensatz zu den Blinden, kann der Sehende ja wieder in die Welt der Sehenden zurück. Dennoch bietet dieser spannende Roman einen interessanten Einblick in dieses Miniversum. Nathaniel beeindruckt dabei mit seinen Fähigkeiten und seiner Kombinationsgabe. Auch Milla ist, was das anbetrifft, nicht von schlechten Eltern. Natürlich muss auch Milla überzeugt werden, dass Carole Hilfe braucht. Als das geschafft ist, nutzt sie ihre Kontakte, um Nathaniel zu helfen. Nathaniel und Milla anstelle der Polizei und dabei kommt Milla noch einer anderen entsetzlichen Geschichte auf die Spur. Aus diesen Zutaten entfaltet sich ein packender Thriller, der in jedem Moment fesselt. Wenn auch die Beweggründe der Handelnden in immer klar werden, so ist doch die Suche nach der jungen Carole spannend geschildert. 

Mit ihrem Roman bietet die Autorin beste Unterhaltung. Ihre Journalistin Milla Nova überzeugt mit ihrer gewitzten sympathischen Art.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blind von Christine Brand
ISBN: 978-3-7645-0645-2




Dienstag, 5. März 2019

Nachtwärts


Die junge Iniza soll als „Braut“ der Gottkaiserin der Hexen von Tiamande verheiratet werden. Keine schöne Aussicht. Einzige Alternative ist ihre Entführung und Hochzeit mit einem alten Griesgram, der die Macht ihrer Familie stärkt. Keine schöne Aussicht. Kein Wunder, dass Iniza einen Plan zur Flucht schmiedet. Der gelingt zwar eher mittelgut, denn es sind Tote zu beklagen. Doch mit ihrem heimlichen Geliebten Glanis, dem alten Kämpfer Kramit und der Marketenderin Shara kann Iniza zunächst entkommen. Die Hexen sind darüber alles andere als glücklich und nehmen die Verfolgung auf. Es sieht daher zunächst eher so aus als wären Iniza und ihre neuen Bekannten vom Regen in die Traufe gekommen.

Hat man schon länger keinen Science Fiction Buch gelesen, eignet sich dieser Auftakt einer Trilogie sehr gut für den Wiedereinstieg. Mit plastischen Worten mal der Autor Bilder von fremden Welten, seltsamen Techniken, Raumschiffen, die in der Lage sind Raumsprünge vorzunehmen. Eine hochentwickelte und gleichzeitig irgendwie altmodische Welt, in der eine junge Frau quasi einer Art Göttin dargeboten wird. Was wirklich mit den Bräuten geschieht, ist nicht bekannt, denn noch keine hat es zurück zu ihrer Familie geschafft. Iniza verfolgt allerdings einen eigenen Plan, dessen Umrisse sich erst im Laufe der Zeit abzeichnen.

Mit Kai Meyer hat man einen versierten Autor, der für „Die Krone der Sterne“ den bekannten deutschen Phantastik Preis 2018 gewonnen hat. Er hat eine Welt erfunden, in die man sich zwar etwas hineinfühlen muss. Ist das geschafft, hat man ein spannendes Abenteuer mit sympathischen Heldinnen und Helden, die hier einen ersten Schritt auf ihrem gemeinsamen Weg tun. Wie schön, dass im Buch der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind und dass mit einem Buch, die Phantasie der Leser angeregt wird. Iniza ist eine durchsetzungsstarke junge Frau, die sicher noch einige Geheimnisse hat. Und auch ihre Mitstreiter bieten eine interessante Vielfalt an Persönlichkeiten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Krone der Sterne von Kai Meyer
ISBN: 978-3-596-03585-4


Sonntag, 3. März 2019

Meldereiter


Im Jahr 1765 wird die Stempelsteuer in den amerikanischen Kolonien eingeführt. Erstmal formiert sich Widerstand gegen eine aus England kommende Maßnahme. Duncan McCallum hat ein paar ruhige Jahre in Edentown verbracht. Doch dann wird ein indianisches Artefakt gestohlen und es kommen mehrere Menschen zu Tode. Auch sein Freund aus alten Tagen Patrick Woolford wird schwer verletzt. Für Duncan gilt es, weitere Tode zu verhindern. Nur ungern verlässt er Edentown, doch er begibt sich auf die Spur der Toten. Unfreiwillig wird er dabei zum Betreuer eines jungen Mädchen, dass zwar französischer Herkunft war, aber bei Indianern aufgewachsen ist. Die Kleine lässt sich einfach nicht abschütteln.

Natürlich wurde die Unabhängigkeit nicht von einem Tag auf den anderen zu einem zwingenden Bedürfnis. Der Stempelsteuer Akt  markiert, wie er Autor im Nachwort erläutert, den Beginn einer Entwicklung, die schließlich zur Unabhängigkeitserklärung führte. Erstmals versuchten die Kolonien gemeinsam gegen die englischen Befehle vorzugehen. Duncan McCallum gerät hier zwischen die Fronten der englischen Vertreter und der Vertreter der Kolonien. Sein Versuch, die verschwundenen Meldereiter zu finden, scheitert kläglich. Duncan wird gefangen genommen und zum Sklaven erklärt. Erst ist gerade in die Hände jener geraten, die versuchen jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. Und das auf jede gewalttätige Art, die man sich nicht vorstellen möchte.

Wenn man mit der frühen Geschichte der amerikanischen Kolonien nicht vertraut ist, wird dieser Roman zunächst etwas schwer verständlich sein. Möglicherweise ist es angeraten, die Anmerkungen des Autors, die am Ende des Buches stehen, zuerst zu lesen. Hat man entschlüsselt, was den geschichtlichen Hintergrund des Romans ausmacht, bekommt man einen sehr spannenden historischen Kriminalroman. Mit Wehmut liest man, wie die alten Geister immer mehr zurückgedrängt werden. Allerdings auch mit Hoffnung empfindet man die Aufbruchstimmung. „Land of the Free“ man meint den neuen Geist zu spüren, man fragt sich, wo er geblieben ist.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blood of the Oak von Eliot Pattison
ISBN:  B07JZNVK7W

Samstag, 2. März 2019

Die Prüfung


Wenn sie ihm echte Fälle bringt, lässt ihr Chef sie aus dem Verlies. Eigentlich sollte Fiona Griffiths sich auf die Prüfung vorbereiten. Während der freien Tage, die sie deshalb genommen hat, macht sie vieles, Lernen ist nicht dabei. Wieder zurück im Dienst, landet sie in der Asservatenkammer, um jede Menge Beweismittel zu archivieren und zu katalogisieren. Viel lieber wäre Fiona draußen beim Polizeieinsatz. Nun, sie muss das Beste daraus machen. Die alten Fälle, die Jackson ihr gegeben hat, arbeitet sie eher nebenbei durch. Bei ihrer unnachahmlichen Spürnase dauert es nicht lange, bis aus einem vermeintlichen Unfall und einem vermeintlichen Selbstmord zwei Tötungsdelikte werden.

In diesem vierten Band der Fiona Griffiths Reihe muss die junge Polizistin ihr ganzes Geschick aufbringen. Natürlich will sie nicht in der Asservatenkammer versauern, doch wie immer, wenn sie mal wieder naseweis war, muss sie eine Weile kleine Brötchen backen. Doch wissend um ihre Fähigkeiten lassen die Vorgesetzten ein paar Fälle sichten, deren Ermittlung zu nichts weiter geführt hat. Fiona ergreift die Chance, sich wenigstens hin und wieder auf etwas Interessantes konzentrieren zu dürfen als auf ungeordnete Beweisstücke. Einiges kommt ihr komisch vor bei den erwähnten Todesfällen. Haben die eigentlich zuständigen Beamten etwas übersehen? Nicht unbedingt, die meisten sind einfach nicht mit Fionas Fähigkeiten ausgestattet, aus kleinsten Ungereimtheiten ein Delikt herauszuschälen.

Man will hier wirklich nicht zu viel verraten, wie Fiona aus Nichts ein Verbrechen konstruiert. Die Entdeckungen, die einem im Rahmen der Lektüre erwarten, sind einfach zu brillant und verwegen. So manches „Häh?“ entfleucht einem, gefolgt von einem „Cool“. Da wird einem beim Mitdenken schon die eine oder andere Kletterpartie abverlangt. Was einen zu Beginn manchmal zum Absetzen zwingt, wird im Verlauf der Handlung zu einem echten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen will. So langsam schält sich auch das Große und Ganze heraus, was es angeraten erscheinen lässt, die Reihe mit Band eins zu beginnen. 

Vielleicht muss man Fiona Griffiths erst etwas besser kennenlernen, um ihre komplexe, aber durchaus sympathische Persönlichkeit erfassen zu können. Doch je länger man einen gemeinsamen Weg mit ihr beschreitet, desto wohler fühlt man sich mit ihr.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Fiona - Unten im Dunkeln von Harry Bingham
ISBN: 978-3-499-27511-1


Freitag, 1. März 2019

Tochter einer Freundin


Immer um Mitternacht geschieht es, junge Frauen werden vergewaltigt. Zwei der Opfer überleben die Tat schwer traumatisiert, das dritte Opfer kommt ums Leben. Und der Polizei bleibt nicht viel Zeit, denn der Täter könnte an jedem Tag gegen Mitternacht wieder zuschlagen. Nathalie Svensson, die als Psychologin von der Polizei zu dem Fall hinzu gezogen wird, hat diesmal ein besonderes Interesse an der Aufklärung des Verbrechens. Sie kannte die getötete junge Frau persönlich. Sie war die Tochter einer Freundin, die Nathalie schon in ihrer Kindheit gekannt hat und die inzwischen mit dem Medizinstudium begonnen hatte. Eine zerstörte Zukunft.

Fieberhaft machen die die Ermittler von der Operativen Fallanalyse auf die Suche nach Hinweisen, die zum Täter führen können. Da sie zwei der Opfer befragen können, haben sie die Hoffnung auf hilfreiche Angaben. Die beiden jungen Frauen, die am Leben geblieben sind, können jedoch wegen des großen Schocks kaum brauchbare Aussagen machen. Auch aus dem Umfeld gibt es kaum Brauchbares. Die Eltern des Mädchens sind vor Schock erstarrt. Nathalie Svensson gönnt sich kaum eine Pause, dabei kämpft sie privat um ein geteiltes Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Bald gibt es zwar einige Verdächtige, doch jeder bestreitet etwas mit den Verbrechen zu tun zu haben.

Mit eher kurzen Kapiteln wird die Handlung rasant voran getrieben. Dabei verliert der Autor nie seinen Plan aus dem Blick. Wie in jeder Ermittlung müssen zunächst die irreführenden Spuren entdeckt werden, um dann auf den Punkt kommen zu können. Verdächtige sind nicht ohne Grund verdächtig. Nach den vorhandenen Informationen können sie an den Verbrechen beteiligt gewesen sein. Doch insbesondere die geschulte Psychologin Nathalie Svensson lässt auch entlastende Aussagen gelten und sorgt so dafür, dass immer weiter geforscht wird. Nicht ablenken lässt sie sich von ihrem schwierigen privaten Umfeld. Die Zeitknappheit im Nacken müssen die Beamten schnell vorankommen. Ihre Anspannung überträgt sich auf den Leser, der unbedingt wissen will, ob und wie sie es schaffen, weitere Taten zu verhindern. Ein packender Krimi, der mit lebendigen Dialogen überzeugt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mitternachtsmädchen von Jonas Moström
ISBN: 978-3-8437-1852-3