Montag, 31. Oktober 2022

Die Schweiz der Zukunft

Mit um die Siebzig hat der pensionierte Journalist Kurt Weilemann nicht mehr viel zu tun. Hin und wieder darf es ein Nachruf sein 1200 Zeichen, für mehr ist kein Platz. Da meldet sich sein alter Kumpel Felix Derendinger und sie verabreden ein Treffen. Von Angesicht zu Angesicht wirkt Derendinger sehr ängstlich, fahrig und nervös. Er sei einer großen Sache auf der Spur. Nur kurze Zeit später ist Derendinger tot. So wie beschrieben kann er nicht gestorben sein, sollte er ermordet worden sein? Ist Weilemann etwa auch in Gefahr? Weilemann will wissen, was geschehen ist.


Eigentlich ist man mit siebzig nicht alt und so will es Weilemann nochmal wissen. Schließlich hat er vor Jahren mal einen Fall aufgeklärt, der schon auf andere Weise gelöst schien. Vielleicht kann so ein Clou nochmal gelingen. Nach der Beerdigung lernt Weilemann die junge Eliza kennen, die eine Freundin von Derendinger war. Gemeinsam gedenken sie des Toten und sie bestärkt Weilemann darin, den Tod des Freundes genauer zu untersuchen. Doch wo anfangen, schließlich hatten sich die Männer ewig nicht gesehen. Zum Glück kann Eliza mit dem Wohnungsschlüssel Derendingers aushelfen. Da ist dann sogar die knarrende Hüfte des Kurt Weilemann, genannt kw, egal.


Kurt Weilemann wirkt mit seinen siebzig Jahren irgendwie tatteriger als es nötig wäre. Seine Abschweifungen, die schmerzende Hüfte, seine Teilnahmslosigkeit, da kennt man andere in dem Alter, die dem Leben mehr zugewandt sind. Und doch ist Weilemann gewieft und er ist in der Lage, den verschlüsselten Hinweisen Derendingers zu folgen. In einer Schweiz, von der man hofft, dass sie so nie existieren wird, sucht er nach dem mutmaßlichen Mörder seines Kumpels. Dass er dabei den Fängen der Täter immer näher kommt, lässt einen erschauern. Auch wenn der Roman nicht richtig zündet, weil Weilemann zwar schlau, aber gleichzeitig auch dem Schicksal ergeben wirkt, will man doch wissen, was hinter allem steckt. Mal wieder wird klar, dass die Menschen sich ihr Grab mit Freude selbst graben.


3 Sterne


Der Wille des Volkes von Charles Lewinsky

ISBN: 978-3-42314713-2




Sonntag, 30. Oktober 2022

Western Avenue

 Dorians Tochter wurde vor vielen Jahren umgebracht. Und sie gehörte nicht zu diesen Frauen, von denen etliche getötet wurden. Dorian versucht den Frauen zu helfen, sie dürfen sich in ihrem Lokal aufhalten. Nicht alle in der Nachbarschaft finden das gut. Vor allem nicht als erneut zwei dieser Frauen umkommen. Und die Polizei? Die Polizei möchte keinen Serienmordfall. Die Behörden sehen keinen Zusammenhang. Bis auf eine Polizistin, sie hat schon während der ersten Serie an den Fällen gearbeitet und als sie vom Mord an die Sitte versetzt wurde, hatte sie wieder mit diesen Frauen zu tun.

Aus der Sicht von fünf Frauen entwickelt sich das Geschehen. Schon in den 1990ern werden in Los Angeles mehrere Prostituierte umgebracht und nun in 2014 gibt es wieder Fälle. Und Dorian kann die Frauen nicht retten. Sie muss immer an ihre Tochter denken, die ihr Leben noch vor sich hatte. Besonders eine erinnert sie an ihre Tochter, Dorian warnt sie immer wieder, doch Julianna ist jung und glaubt, sie sei unverletzbar. Bis sie ermordet am Straßenrand gefunden wird. Und nur die abgehalfterte Polizistin Esmeralda Perry interessiert sich für die toten Frauen. Sie allein sieht die Ähnlichkeiten, sie vermutet eine Serie.


Gerade zu Beginn muss man sich in diesem Roman etwas zurechtfinden, weil es sich nicht einfach um einen Thriller handelt, bei dem auf eine Tat die Aufklärung folgt. Hier kommen die Frauen zu Wort, die nicht gehört werden, die zu Opfern werden, die gezeichnet sind. Erst nach und nach gewinnen die Ermittlungen von Esmeralda Perry an Gewicht, ob wohl auch ihr kaum jemand zuhört. Ein eigenwilliger Roman, der langsam immer intensiver wird. Warum bekommen die Frauen kein Gehör, warum müssen noch mehrere von ihnen sterben. Warum werden sie nicht geschützt? Wenn sich ein Zusammenhang herauskristallisiert, gewinnt dieser Roman an echter Tiefe und wächst sich tatsächlich zu einem packenden Thriller aus.


3,5 Sterne


Diese Frauen von Ivy Pochoda

ISBN: 978-3-7472-0218-0




Samstag, 29. Oktober 2022

Der Glückliche

Felix heißt der Glückliche. Ein wenig glücklich fühlt sich Felix Blom auch als er im Jahr 1878 nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Allerdings muss er bald feststellen, dass ihm das Schicksal in Form der Berliner Polizei doch einige Steine in den Weg legt. So soll er innerhalb von wenigen Tagen einen Wohnsitz und eine Anstellung nachweisen. Hier ist ihm das Glück hold, denn sein alter Mentor verhilft ihm zu einer Wohnung in seinem alten Viertel. Dort er hält er einen geheimnisvollen Brief, mit dem ihm angekündigt wird, er sei in wenigen Tagen tot. 


Felix Blom hat schon einiges auf dem Kerbholz, doch ausgerechnet den Einbruch, für den er gesessen hat, hat er nicht begangen. Doch wie soll er sich rehabilitieren? Einem Einbrecher, Dieb und Trickbetrüger glaubt doch keiner. Felix muss selbst herausfinden, was passiert ist und auch was es mit der eigenartigen Karte auf sich hat. Unerwartete Hilfe bekommt er von Mathilde Voss, die eine Detektei eröffnet hat und zu ihrem Leidwesen feststellen muss, dass sie als Frau in dieser Position nicht für voll genommen wird. Und so geht sie mit Felix eine Zweckpartnerschaft ein. Die Polizei ermittelt inzwischen in einem Tötungsdelikt, bei dem der Verstorbene einen Brief erhalten hat, in dem ihm angekündigt wird, er sei in dreißig Stunden tot.


Die bekannte Autorin Alex Beer hat mit Felix Blom einen neuen Ermittler erschaffen, der sehr gut in die Reihe ihrer weiteren Protagonisten August Emmerich und Isaak Rubinstein passt. Bei Felix Blom handelt es sich um einen sympathischen Hallodri, der es zunächst durch seine Gaunereien zu was gebracht hatte, dann doch ins Gefängnis musste und es nun mit ehrlicher Arbeit versuchen will. Dass er so zum Ermittler würde, hätte er wohl selbst nicht erwartet. Seine Erfahrung und sein Können kommen ihm dabei zupass. Und seine neue Bekanntschaft mit Mathilde Voss erweist sich als Glücksfall. Wird es Beiden gelingen, den Fall zu lösen und Bloms Leben zu retten? Vor dem Hintergrund des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat man eine spannende und interessante Lektüre. Es ist klasse gemacht, wie man verfolgen kann, was sich aus einer kleinen, aber geheimnisvollen Zeitungsnotiz entwickelt. Man darf gespannt sein, wie sich die Detektei Voss mit ihrem Angestellten Felix Blom weiter entwickelt. 


4,5 Sterne


Felix Blom - Der Häftling aus Moabit von Alex Beer

ISBN: 978-3-8090-2739-1





Freitag, 28. Oktober 2022

Der unverliebte Toni

In mittleren Jahren hat es Toni immerhin zum Philosophielehrer gebracht, zu einer geschiedenen Ehe und einem Sohn, der bei der Verteilung der Intelligenz nicht zugelangt hat. Am liebsten ist ihm wohl noch sein Hund Pepa. Eines Tages beschließt Toni, es reicht, in genau einem Jahr wird er sich das Leben nehmen. Und bis dahin wird er jeden Tag aufzeichnen. An was er sich erinnert, was ihm wichtig erscheint oder auch nur die alltäglichen kleinen Dinge. Und neben seiner niedergedrückten Stimmung freut er sich über die Dinge, die er nie wieder tun muss.


Über 800 Seiten, jeden Tag, jeden Monat lässt Toni den Leser oder die Leserin an seinem Leben teilhaben, dass sich nun dem Ende entgegen neigen soll. Sein Elternhaus war oft nicht leicht zu ertragen. Seine Ehe mit Amalia auf Wolke sieben gestartet hat doch eine harte Landung hingelegt. Und auch sein Sohn, auf dem alle Hoffnungen lagen, ist nur normal. Seinen besten und einzigen Freund, der bei einem Anschlag einen Fuß verloren hat, nennt er insgeheim Humpel. Und so beginnt Tonis letztes Jahr mit Gemecker und Genörgel. Kann es etwas geben, was seinen Entschluss ändert? Etwa Pepas treue Augen, der er eigentlich nicht im Stich lassen kann.


Der Ansatz dieses Romans weckt großes Interesse. Wie denkt jemand, der sich umbringen will, wie geht er sein letztes Jahr an, was sind die Gedanken und Erinnerungen, die Toni gerne hinterlassen möchte, ändert sich etwas im Laufe des Jahres. Leider stellt sich heraus, dass Toni ein eigenbrötlerischer Charakter ist, der den Eindruck erweckt, dass er den Misserfolgen viel zu lange hinterher hängt. Seinen einzigen Freund belegt er mit einem blöden Spitznamen und hat dann noch nicht mal den Mut, das offen auszusprechen. Wer will Toni retten? Man kommt bei der Lektüre des Buches, das den Weg auf die Wunschliste gefunden hat, weil man es mögen wollte, an den Punkt, an dem man sich fragt, ob man weiterlesen möchte. Wenn man sich befreit vom Wunsch des mögen wollens, kommt man mit der Lektüre gut voran, weil der Autor sehr gut mit Sprache umzugehen weiß. Wenn dieser Roman inhaltlich enttäuscht, kann das ja auch an der Person liegen, die vor den Zeilen sitzt. Der Autor jedenfalls hat eine tolle Idee verarbeitet.


3 Sterne


Die Mauersegler von Fernando Aramburu

ISBN: 978-3-498-00303-6





Donnerstag, 27. Oktober 2022

Freudenfest

Ihr Vater ist Rabbi einer kleinen Gemeinde in London. Ihm und der Mutter fällt es nicht leicht die acht Töchter unter die Haube zu bringen. Chani ist inzwischen neunzehn Jahre und immer noch ledig. Und sie möchte mal raus aus dem Elternhaus, weg von der Mutter, die für sie als mittleres Kind nur noch wenig Zeit hat. Auf einer anderen Hochzeit wird Chani von Baruch, einem angehenden jungen Rabbi entdeckt. Er ist fasziniert von ihr und möchte sie kennenlernen. Das erweist sich zwischen den gläubigen Juden als nicht so einfach. Die Treffen müssen erstmal ausgehandelt werden und eine mögliche Ehe vermittelt.


Im diesem Debütroman bekommt man einen kleinen Einblick in eine andere Welt, die angesiedelt in London neben der vermeintlich normalen angesiedelt zu sein scheint. Chanis Leben ist ebenso streng geregelt wie das von Baruch. Von ihrer Mutter bekommt Chani wenig Unterstützung, hilfreicher ist da die Frau des Rabbis, deren Horizont einst weiter war. Die Unterstützung, die Baruch von seiner Mutter bekommt, ist dafür intensiver als er jemals benötigen würde. Und so ist Baruch gehalten, zum ersten Mal seinen eigenen Weg zu gehen. Sein Freund Avirom überschreitet zur gleichen Zeit die engen Grenzen der Vorgaben seiner Religion. 


Das ist mal ein etwas anderer Roman. Neugierig liest man von einer ganz fremden Welt, die zwar manchmal auch befremdet, meist aber Verständnis und Sympathie weckt. Trotz der vermeintlichen Enge, die das Leben der gläubigen Juden zu bestimmen scheint, wirken die Protagonisten doch neugierig und einander zugewandt. Und mit den Eltern ist es wie mit allen Eltern, sie wollen das Beste für ihre Kinder. Und wie so häufig sind die Interpretationen von Eltern und Kindern darüber, was denn das Beste ist, durchaus unterschiedlich. Es entspinnt sich eine Geschichte, die wirklich alles hat, tragische Momente bestehen neben lustigen und frechen. Es gibt ernste Dinge zu bereden, aber auch das Geschnatter junger Hühner kommt nicht zu kurz. Auf ganz unterschiedliche Weise sind die Protagonisten in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen dargestellt. Das zu lesen macht einfach Spaß.


4 Sterne


Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

ISBN: 978-3-257-24430-4

Dienstag, 25. Oktober 2022

Gigi, der Trüffelhund

Das Sägewerk von Saint-Denis muss wegen Umweltauflagen schließen, Zwei mal konnte das verhindert werden. Doch nun ist der letzte Arbeitstag für viele aus dem Ort angebrochen. Sie werden von ihren Familien am Werkstor erwartet. Und auch Protestierende verkünden ihre Meinung. Bruno, Chef de Police, schafft es mit Mühe die Gruppierungen auseinander zu halten. Und der Spätherbst bleibt ereignisreich. Die Zeit der Trüffelernte bricht heran und auch Bruno hat auf seinem Grundstück die Möglichkeit die wertvollen Knollen zu finden. Seine Neugier wird geweckt als ein Freund von Ungereimtheiten bei den Trüffellieferungen berichtet. Pariser Restaurants sollen minderwertige Ware erhalten haben.


In seinem dritten Fall beschäftigt sich Bruno, Chef de Police, nicht nur mit der Suche nach Trüffeln, denn eben jener Freund, der den Verdacht geäußert hat, wird aufs Übelste ermordet. Bruno und seine anderen Kumpane betrauern den Verlust. Mehr noch will Bruno den Täter suchen. Als ortskundiger Polizist wird er an den Ermittlungen beteiligt, die weitere Kreise ziehen als erwartet. Im Nachbarort muss Bruno dann auch noch miterleben, wie der Imbiss eines Vietnamesischen Kochs zerstört wird. Das Périgord ist doch eine ruhige Gegend, sollte sich hier eine Art Mafia ausbreiten? Die Opfer sind nicht sehr auskunftsfreudig.


Selbst die trüben Herbsttage sind nach den Beschreibungen über Landschaft, Leute, kulinarische Erlebnisse und geschichtliche Zusammenhänge interessanter zu gestalten als hier. Jedenfalls wirkt es so beim Lesen. Immer wieder ist es schön, zunächst einmal wenigstens auf dem Papier reisen zu können. Wobei sowohl die Vorgänge um den Trüffelhandel mit Interesse zu verfolgen sind als auch Vorgänge um die bedauernswerten Imbissbesitzer. Rätselhaft bleibt zunächst der Mord und seine Ursache, doch nach und nach kristallisiert sich heraus, dass die Handlung sehr geschickt zusammengewoben ist. Und so liest sich dieser Ausflug nach Frankreich mit seinen liebevollen Schilderungen sehr unterhaltsam und spannend.


4 Sterne


Schwarze Diamanten von Martin Walker

ISBN: 978-3-257-24180-8



Sonntag, 23. Oktober 2022

Nie wieder

So ein Präsidentenbunker sollte eigentlich nicht mehr gebraucht werden. Dennoch ist für Präsidentin Pauline Green endlich ein Besuch fällig. Zum Glück bestehen zur Zeit nur die üblichen Probleme in der mehr oder weniger freien Welt. Nur das Engagement in Afrika macht ihr etwas Sorge. Bei einem Anschlag wurden Waffen chinesischen Ursprungs verwendet. Natürlich bestreitet China etwas mit Waffenlieferungen zu tun zu haben. Doch die Amerikaner haben jemanden im Tschad und in Nordafrika. Er hat arabische Wurzeln und er kann unter den Einheimischen verschwinden. Offener können die im Tschad stationierten Army-Mitglieder tätig werden, doch sie müssen sich an die diplomatischen Regeln halten.


Der Name Ken Follett ist normalerweise ein Garant für gute Unterhaltung. Hier befasst er sich mit einer Welt, in der die Bedrohungslage immer schlechter zu werden scheint. Beginnend von Defcon 5, wobei mit Defcon die Defence Readiness Condition gemeint ist, einem weitgehend friedlichen Zustand verändert sich die Welt durch Umstände, die niemand so recht kontrollieren kann immer weiter zum Schlechteren. Dabei sind die Regierenden abgesehen von kleinen Scharmützeln, von denen sie behaupten können, sie seien nicht beteiligt, daran interessiert, den Friedenszustand zu erhalten. 


Wenn man hier ein Buch erhofft wie „Sturz der Titanen“, in dem spannende politische Entwicklungen mit berührenden Familiengeschichten verbunden wurden, wird man doch enttäuscht. In einer hoffentlich ganz fernen am besten nie stattfindenden Zukunft angesiedelt, wird zwar auch eine Art geschichtliche Entwicklung dargestellt, doch irgendwann wird es schwierig, den Entscheidungskriterien der halbwegs Vernünftigen zu folgen. Dazu wirkt kaum eine der beschriebenen Personen sympathisch. Der Roman ist in mehrere Bücher aufgeteilt, deren Seitenzahl immer geringer wird, was wohl die Beschleunigung der Entwicklung darstellen soll. Doch gerade zu Beginn geht es so langsam voran, dass man sich antreiben muss, weiterzulesen. Und irgendwann treibt man sich an, damit man fertig wird und braucht dennoch eine gefühlte Ewigkeit. Natürlich konnte der Autor nicht wissen, dass ein Krieg auf einmal sehr nahe rückt  Vielleicht ist es für den Leser nicht das richtige Buch in dieser Zeit, vielleicht gibt es eine andere Zeit, in die eine derartige Lektüre passt.


3 Sterne


Never von Ken Follett

ISBN: 978-1-529-07699-8



Samstag, 22. Oktober 2022

Schockraum

Die Notärztin Tekla Berg reibt sich jeden Tag für ihre Patienten auf. In der Notaufnahme eines großen Stockholmer Krankenhauses ist ihre Arbeit nicht immer von Erfolg gekrönt, dennoch soll jeder Neuankömmling seine Chance erhalten. Eines Tages wird sie zu einem Explosionsort gerufen. Ein Opfer mit schwersten Verbrennungen kann sie gerade noch am Leben erhalten. Die Ursache für die Explosion ist nicht bekannt, aber der Gedanke an einen Anschlag drängt sich schon auf. Als die Polizei beginnt, Interesse an dem Brandopfer zu zeigen, beginnt auch Tekla, über die Sache nachzudenken. Etwas an dem Verletzten irritiert sie.


Bei diesem Thriller handelt es sich um den ersten Band einer Reihe um die Notärztin Tekla Berg. Beruflich ist Teklas herausragende Arbeit anerkannt, auch wenn ihre präzise Arbeitsweise schon den Neid von Kollegen wecken könnte. Mit ihrem Privatleben hält Tekla hinter dem Berg. Ihr Vater ist schon verstorben, die Mutter im Pflegeheim. Und mit ihrem Bruder Simon hat sie sich zerstritten. Sorgen macht sie sich trotzdem um ihn, wäre er in Not, würde sie ihm immer helfen. Doch auch ihre eigenen Probleme muss sie so langsam in Griff kriegen. Tekla ist überrascht, dass sie die Aufmerksamkeit der Chefin erregt hat. 


Tekla Bergs Wissen und ihre Hartnäckigkeit sind schon bewundernswert. Ob es jedoch nötig ist, eine ansonsten sympathische Protagonistin, mit Problemen zu versehen, von denen eines eigentlich nichts ist, was geheim gehalten werden muss und das andere vielleicht auch mit einer anderen Herangehensweise gelöst werden könnte als derer, die Tekla wählt. Spannend sind die Momente, in denen Tekla zu Hochform aufläuft. Wie sie sich einsetzt, um die Patienten zu retten und ihre Enttäuschung, wenn es nicht gelingt. Hier und wenn es um die Strukturen im Krankenhausapparat geht, zeigt sich die große Kompetenz des Autors, der lauf Info selbst als Arzt tätig ist. Manchmal kann es sein, dass man die Geschichte irgendwie verliert. Das mag natürlich auch einer Erkältung geschuldet sein, die einen auch beim Lesen ausbremsen kann. Wenn man nicht so glücklich ist mit sehr problembehafteten Protagonisten oder Protagonistinnen, muss man sich überlegen, ob man die Reihe weiterverfolgen möchte. Wünscht man sich einen Thriller, der im Krankenhausmilieu angesiedelt ist, kann man sicher eine spannende Lektüre erwarten.


3,5 Sterne


Dominoeffekt von Christian Unge

ISBN: 978-3-442-71950-3





Montag, 17. Oktober 2022

Novemberabend

Eines Abends im November spürt der Hund eines Obdachlosen eine weibliche Leiche auf. Kommissar Joachim Fuchs und seine neue Kollegin, die  Fallanalystin Lara Schuhmann von der Kripo Frankfurt werden an den Fundort gerufen. Die junge Frau ist offensichtlich nicht eines natürlichen Todes gestorben. Genauere Untersuchungen bringen die Ermittler auf den Gedanken, dass der Täter nicht das erste Mal gemordet hat. Ein Serienkiller in Frankfurt, keine schöne Vorstellung. Am besten wäre es natürlich, den Mord schnellstmöglich aufzuklären. Zunächst muss das Opfer identifiziert werden. Dass ausgerechnet Staatsanwalt Becker die Ermittlung leitet, ist für Kommissar Fuchs nicht gerade erfreulich.


Mit diesem ersten Band einer Reihe werden die Frankfurter Ermittler Fuchs und Schuhmann vorgestellt. Lara Schuhmann soll das Team ergänzen und mit den Erfahrungen, die sie in der Schweiz und in Amerika gesammelt hat, etwas frischen Wind bringen. Der geschiedene Fuchs ist ein gewiefter Kommissar, der manchmal seinen eigenen Weg geht, was dem Staatsanwalt nicht immer gefällt. Als eine weitere Frau von einer Freundin als vermisst gemeldet wird, ergeben sich erste Spuren und auch Ähnlichkeiten. Auch die Freundin der Verschwundenen ist ist im medizinischen Bereich tätig. Eine fieberhafte Suche beginnt, vermutlich befindet sich die verschwundene junge Frau in großer Gefahr.


Bei den Untersuchungen in ihrem ersten Fall werden die neuen Kollegen noch ein wenig zurückhaltend geschildert. Besonders Lara Schuhmann hält sich zurück. Als Team ergänzen sich Fuchs mit seiner Erfahrung und Schuhmann mit dem frischen Ansatz gut. Der Fall erweist sich als kompliziert und nicht leicht zu entschlüsseln. Zwar werden einige Schilderungen hin und wieder etwas zu ausführlich vorgenommen, doch grundsätzlich baut sich Spannung auf und die Auflösung überrascht. Vielleicht sollte man im Blick behalten, dass es sich um den Start einer Reihe handelt, bei dem noch nicht alles offenbart werden soll, so dass das Vage durchaus gewollt ist. Ob einem eine Reihe mit einer fortlaufenden Rahmenhandlung gefällt, muss jeder selbst entscheiden. Insgesamt liest sich dieser Thriller flüssig und kurzweilig.


3 Sterne


Totenblass von Frederic Hecker

ISBN: 978-3-7341-0735-1





Donnerstag, 13. Oktober 2022

Ein Jahrhundertbauwerk

Ende des neunzehnten Jahrhunderts verdichten sich die Pläne einen Kanal von der Nordsee zur Ostsee zu bauen. Vier Frauen sind auf unterschiedliche Weise mit dem Bauwerk verbunden. Beu Mimi Dahlström handelt es sich um die Tochter des Planers. Sanne ist eine junge Frau mit großen Träumen, sie möchte die Entwürfe für den Kanal fertigen und eigentlich auch mitbauen. Justine dagegen zieht es zu Handel und Wandel, ihr Großvater eröffnete einen liebevoll eingerichteten Trödelladen, den Justine gleichzeitig modernisieren und in Ehren halten möchte. Regina ist gezwungen eine Ehe einzugehen, die sie nicht wollte. Dennoch bleibt sie immer geradlinig und ehrlich.


Der Bau einer künstlichen Wasserstraße ist auch heute noch ein großes Projekt, schon der Neubau einer Schleuse kann Jahre dauern. Wie muss es da erst vor mehr als hundert Jahren gewesen sein. Da ist es beinahe selbstverständlich, dass sich die Geschichte eines solch riesigen Bauwerks nicht in ein Buch zwängen lässt. Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um den ersten Teil einer Trilogie. Hier geht es zum einen um den Beginn von Planung und Bau des Kanals. Gleichzeitig lernt man die vier Frauen kennen, deren Schicksale auf unterschiedliche Weise mit dem Bau verbunden sind. Vier junge Frauen, die etwas erreichen wollen im Leben, denen die Zeit und das Leben etliche Steine in den Weg legen.


Dieses Hörbuch wird sehr lebendig vorgetragen von Svantje Wascher. Auch wenn man vorher ahnte, dass hinter Planung und Bau eines solchen Bauwerks eine Menge Arbeit steckt, so wird einem beim Lesen/Hören dieses Romans erst richtig bewusst, wie viel Herzblut die Beteiligten in das Projekt gesteckt haben müssen. Und es tritt auch hervor, dass durchaus nicht alle mit dem Bau einverstanden waren oder mit seinem Verlauf. Es gab nicht nur etwas zu gewinnen, man konnte auch Grundstücke verlieren oder seine Geschäftsgrundlage. Manche haben sich vielleicht auch einfach verkalkuliert. Auch wenn es hier erst um den Beginn der Entstehung des Kanals geht, deutet sich dies schon an. Bestens verpackt ist der geschichtliche Hintergrund in die Lebensläufe der vier Protagonistinnen. Ihre Lebenswege, auf denen sie mal mehr und mal weniger leichtfüßig schreiten, sind wirklich lebensecht und mit Empathie geschildert, so dass man gerne wissen möchte, wie es mit Mimi, Regina, Justine und Sanne weitergeht.


4 Sterne


Zwischen den Meeren von Lena Johansson

ISBN: 978-3-96105-787-0




Dienstag, 11. Oktober 2022

Hardcastle

Mit ihren zwölf Jahren ist Myrtle Hardcastle ganz schön forsch. Im viktorianischen England ist das nicht selbstverständlich. Doch leider ist ihre Mutter schon verstorben und ihr Vater, der als Staatsanwalt tätig ist, lässt ihr so manches durchgehen. Zwar sieht sich Myrtle ein wenig in der Rolle der Frau des Hauses. Insgeheim wäre sie jedoch froh, wenn ihre Gouvernante Ada Judson diese Rolle übernehmen würde. Noch ist es aber nicht soweit. Inzwischen beschäftigt sich Myrtle mit ihren Studien, wobei sie ihrer verstorbenen Mutter nacheifern möchte. Dann verstirbt die ältere Nachbarin. Was allen wie ein natürlicher Tod vorkommt, wirkt auf Myrtle irgendwie seltsam.


Dies ist der erste Band einer Reihe von Krimis um die zwölfjährige Halbwaise Myrtle Hardcastle und ihre Gouvernante Ada Judson. Ein wenig älter als sie eigentlich ist wirkt Myrtle schon. Vielleicht liegt es eben daran, dass sie schon so früh auf ihre Mutter verzichten muss. In der Schule hat Myrtle keine wirklichen Freunde, doch das stört sie nicht weiter. Ihre Studien sind ihr sowieso wichtiger. Und mit dem Tod der Nachbarin, der sich als Mord erweist, hat sie ihren ersten Fall. Mit klugen Schlüssen geht sie auch manchmal in die Irre, doch sie gibt nicht auf. Sie wird denjenigen finden, der den Tod der Blumen züchtenden Nachbarin verursacht hat.


Man merkt schon, dass es sich bei dem Buch um ein Jugendbuch handelt. In diesen schwierigen Zeiten macht es das Leben für eine Weile etwas leichter, wenn man ein heiteres Buch zu lesen hat, das mit einem interessanten Setting und sympathischen Charakteren aufwartet. Vielleicht erinnert Myrtle etwas an Flavia, vielleicht wirkt die eine oder andere Szene etwas überzeichnet, aber vielleicht darf man da als älteres Semester keine übermäßigen Ansprüche stellen. Insgesamt jedoch überzeugt dieser Roman mit seinen lebendigen Personen, einem Fall, bei dem es einige Überraschungen gibt und einer guten Portion Humor, was man wie schon erwähnt in dieser Zeit besonders gut gebrauchen kann. Wenn es sich also ergibt, dann soll dieses nicht das letzte Treffen mit Myrtle bleiben.


4 Sterne


Mord im Gewächshaus von Elizabeth C. Bunce

ISBN: 978-3-9572-8486-0





Sonntag, 9. Oktober 2022

Nachgespürt

In seiner Kindheit im Berlin musste Otto lernen sich durchzusetzen, zunächst gegen die stärkeren Kinder und später auf der höheren Schule. Sein leiblicher Vater kam im ersten Weltkrieg um. Später lernt er die junge Sala kennen und beide verlieben sich sofort. Ein Happyend ist ihnen jedoch nicht beschieden. Die Nazis stehen vor der Machtergreifung und Salas Mutter ist Jüdin. Auch wenn sie Deutschland verlassen hat und ihr Vater als Intellektueller zunächst nichts zu befürchten hat, so machen die Nazi-Gesetze eine Heirat unmöglich und je länger die Herrschaft des Regimes dauert, desto gefährlicher wird es für Sala. Sie soll zu ihrer Mutter nach Madrid.


Was hat die Mutter ihrem Sohn erzählt, der erst nach diesen scheren Jahren geboren wurde. Nach der Trennung, die ihnen die Zeit auferlegte, haben sie wieder zusammengefunden. Doch was war davor. Der Sohn versucht, sie zum Erzählen zu bringen, obwohl sie schon einiges vergisst. Nur an wenige Dinge erinnert er sich selbst. Doch er will der Vergangenheit und dem Leben seiner Mutter auf die Spur kommen. Wieso war sie so? Wieso ist er so? Er will ganz sein, wie jeder. Das Leben von Sala erweist sich als dramatisch, sie ist eine Überlebende und das war nicht immer gesichert.


Der Autor hat dem Leben seiner Eltern und Großeltern nachgespürt und bei seinen Recherchen hat er Lebensgeschichten gefunden, die durchaus ungewöhnlich, bunt, dramatisch, aber auch mit vielen Gefahren und Bitternis behaftet sind. Das erinnert vielleicht an die eigenen Eltern, die auch nicht alles erzählt haben, auch wenn es sich bei deren unbekannten Lebenswelten eher um normale Geheimnisse handelt. Gut beschrieben hat der Autor die Wechsel zwischen den Gesprächen mit der Mutter, die an ihrem Lebensabend nicht mehr ganz Frau ihrer Sinne ist, und dem Eintauchen in die Vergangenheit, die er sich aus Erzählungen und Recherchen zusammenreimte. Auch wenn die Erzählung wohl da aufhört, wo die eigene Erinnerung anfängt und damit etwas unvollständig wirkt, so gibt es doch mitreißende Szenen über die Grausamkeit der Vorkriegs- und Kriegszeit, die nicht leicht zu ertragen sind und die auch nicht schnell vergessen werden. 


3,5 Sterne


Der Apfelbaum von Christian Berkel

ISBN: 978-3-568-06086-6





Samstag, 8. Oktober 2022

Der Brief

Ihre Briefe kann sie nicht öffnen, Weihnachten verbringt sie bei Notfallessen und ihre Arbeit im Marketing einer Berliner Firma für hippe Lebensmittel macht sie gut. Allerdings klappt es bei Charlie Benz mit Beziehungen nicht so gut. Am ehesten tauscht sie sich mit ihrem Brieföffner Herrn Schabowski oder ihrer Schwester Sybille aus. Ein Brief von einem Anwalt aus Wien sorgt bei Charlie für große Aufregung. Von einem Anwalt kann nichts Gutes kommen. Charlie mag den Brief noch nicht mal zu Schabowski mitnehmen. Und dann trifft sie bei einer Familienaufstellung, die ihr helfen soll, die Probleme zu verstehen, ausgerechnet einen Schulkameraden wieder, der damals schon ihr Leben durcheinander brachte.


Mit Anfang vierzig hat Charlie Benz noch nicht ganz viel erreicht. Der Vater hat die Familie früh verlassen, ist wieder in das Leben der Kinder getreten, nur um wieder zu verschwinden. Charlies Geschwister sind auch etwas speziell. Zu dem 60jährigen Herrn Schabowski, der ihr die Briefe abnimmt und bei dem es immer einen guten Kaffee gibt, hat sich im Laufe der Zeit eine Art Freundschaft entwickelt. Und dennoch kann Charlie Schabowski nicht alles erzählen oder eher nach und nach. Ein wenig konfus ist sie schon manchmal und wenn sie mit jemandem ins Gespräch kommt, dann kann es eine Weile dauern, bis sie fertig ist.


Vielleicht hat man diesen Roman im Frühjahr im Laden gesehen und gedacht, das ist aber umfangreich. Und ist das Buch auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises gelandet und es ergab sich die Gelegenheit, sich die Leseprobe zu Gemüte zu führen und das Interesse an dem Buch wurde dann doch geweckt. Dann ist es am Beginn so, dass man sich an Charlies konfuses Verhalten und ihren Depri-Talk gewöhnen muss. Es schleicht sich die Überlegung ein, dass der Roman möglicherweise nicht ganz der richtige ist. Doch nach und nach verlässt Charlie ihr Schneckenhaus, ihre Freundschaft vertieft sich und endlich öffnet sie den Brief. Und man merkt garnicht, wie sie und Schabowski sich einem ins Herz schleichen und man sie nicht mehr missen möchte. Es passiert dann erstaunlich viel in Charlies ereignislosem Leben und der Depri-Talk ist irgendwann nicht mehr Depri, sondern lebensbejahend, humorvoll und positiv. Nur chaotisch bleibt er, was Charlie und ihre Lieben umso sympathischer macht. Meist lohnt es sich, sich für die Bücher auf den Buchpreislisten etwas Zeit zu nehmen. Hier gewiss.


4,5 Sterne


Mon Chéri und unsere demolierten Seelen von Verena Roßbacher

ISBN: 978-3-462-00119-8





Freitag, 7. Oktober 2022

Das Kapitänshaus

Die Mitglieder der Familie Sander kommen und gehen im Kapitänshaus auf der Insel. Nun wohnt Hanne dort, zwei Jungs und ein Mädchen hat sie großgezogen. Ihr Mann Jens fuhr lange Zeit zur See. Irgendwann hat Hanne das Warten nicht mehr ausgehalten und Jens die Ehe. Nun beobachtet er die Vögel. Die Tochter Eske hätte die Insel verlassen können, doch ist als Altenpflegerin im einzigen Altenheim der Insel tätig. Ryckmer, der Älteste, hatte auch das Kapitänspatent, allerdings verlor er es und hilft nun auf der Fähre aus. Eine Bedingung gibt es, er muss nüchtern bleiben. Hendrik, der jüngste, ist Künstler.


Auf der kleinen Nordseeinsel kennt man sich. Zwar braucht die Fähre nur eine Stunde bis zum Festland, jedoch ist das Inselleben ein anderes. So viele Einheimische leben nicht mehr dort, dafür kommen schon die Touristen, erst eher im Sommer und nun fast während des ganzes Jahres. Früher war es im Sommer anders. Alles drehte sich um die Gäste, selbst die Kinder mussten ihren Platz räumen. Hanne war im Sommer eine andere. Inzwischen sind ihre einfachen Gästezimmer nicht mehr so gut besucht. Dafür lebt Ryckmer wieder daheim, nachdem er seinen Posten verlor. Und auch im Leben das Inselpastors ergeben sich Veränderung, die ihn nicht unbedingt begeistern.


Und wieder schenkt Dörte Hansen ihren Lesern einen fesselnden Roman. Das Buch atmet Nordseeluft, wobei neben der Sehnsuchtszeit des Urlaubs und des Sommers auch das Grau der anderen Jahreszeiten nicht ausgespart wird. Das Inselleben verändert sich ebenso wie das Leben im Kapitänshaus. Auch wenn sich die Beschreibungen, sehr norddeutsch dauert es eine Weile bis das erste Wort gesprochen wird, auf die Familie Sander fokussieren, so werden auch kleine Begebenheiten um die anderen Insulaner geschildert. Es ist so normal und doch so anders. Wortkarg sind sie und doch reich an Empfindungen. Kein leichtes Buch, doch sehr beeindruckend. Der Wind, die Brise, das Geschrei der Möwen, die Charaktere der Menschen sind perfekt und liebevoll gezeichnet, ohne irgendetwas zu beschönigen. Es herrscht eben nicht nur Urlaubsfeeling, sondern eben auch mal Wind und Wetter. Wenn sich Dörte Hansen eines Themas annimmt, kann man sicher sein, dass man eine anrührende Geschichte lesen darf.


4,5 Sterne


Zur See von Dörte Hansen

ISBN: 978-3-328-60222-4





Montag, 3. Oktober 2022

Außeneinsatz

Der Dekan der Unsichtbaren Universität bekommt einen Hilferuf aus dem fernen Land Hunghung. Sie sollen den großen Zauberer schicken. Die Zauberer rätseln, wer kann damit gemeint sein? Keiner möchte nach Hunghung, außer vielleicht Rincewind. Ihn könnten sie mit dem Hex schicken. Rincewind, der auf einer langweiligen, einsamen Insel im Exil weilt, ist froh als er zurück an die Universität geholt wird und nicht mehr so froh als er erfährt, was für eine Aufgabe er übernehmen soll. Und so ist Rincewind schneller in Hunghung als er bis drei zählen kann, aber der große Zauberer ist er nicht. In Hunghung liegt der langjährige und grausame Herrscher im Sterben.


Mal wieder etwas von Rincewind, dem Zauberer. Wie immer gerät er in unmögliche Situationen und er selbst sagt, ihm kann gar nichts Gutes passieren. Auf seinem Weg nach Hunghung trifft er auf Cohen, den Barbaren, und seine erstaunliche Truppe. Für eine Weile gehen der Zauberer und der Barbar gemeinsam, doch bald trennen sich ihre Wege wieder. Rincewind weiß nicht, ob er sich lieber auf die Suche nach den Revolutionären machen soll oder ob es besser ist das zu tun, was er am besten kann: Wegrennen. Jedenfalls scheint Hunghung doch ein seltsames Land zu sein.


Zum Glück kann man die Scheibenwelt-Romane unabhängig voneinander lesen, um die Personen besser kennenzulernen, ist es lediglich ratsam mit den ersten zwei, drei Bänden zu beginnen. Die Scheibenwelt ist wohl den meisten Lesern gut bekannt. Hier gibt es mal wieder ein Abenteuer von Rincewind, dem Zauberer. Der landet am anderen Ende der Scheibenwelt in einem seltsamen Land. Wie so oft in den Scheibenwelt-Romanen kann man aberwitzige Handlungsstränge ebenso genießen wie man gewisse Parallelen zu unseren Welt finden kann, die ironisch überspitzt mitunter unbequeme Wahrheiten aufzeigen. Auch wenn dies vielleicht nicht der Band der Reihe ist, der einem am besten gefallen hat, so wird man doch sehr gut unterhalten.


3,5 Sterne


Echt zauberhaft von Terry Pratchett

ISBN: 978-3-442-48363-1





Sonntag, 2. Oktober 2022

Schlafende Gene

Er sucht nach der großen Rolle. Was er bekommt hat er nicht gewollt. Eines Tages wacht der Schauspieler Michael Fayne neben einer Leiche auf. Der Abend, der so verheißungsvoll begonnen hatte, hätte nicht schlimmer enden können. Offensichtlich hat Michael die junge Frau zerfetzt. Erinnern kann er sich allerdings nicht. Was soll er nur tun? Als er in Haft kommt, stellt sich schnell heraus, dass er sich offensichtlich in einen Vampir verwandelt hat. Ausgelöst wurde die Verwandlung wohl durch ein Virus, das er sich bei einem Dreh eingefangen hat. Schon wenig später gibt es weitere entsetzliche Todesfälle, so dass die Polizei, aber auch die Forscher von mehreren Verwandlungen ausgehen müssen.


Bei dem Buch handelt es sich um eine Zusammenstellung von mehreren Geschichten, die durch den Patient Null Michael Fayne lose verbunden sind. Ob es sich um ein Buch zur Serie oder um eine Verfilmung des Buches handelt, ist wohl nicht von großem Belang. Allerdings wurde die Serie nach der ersten Staffel eingestellt. Dennoch ist es interessant zu lesen, wie die Menschen auf das Wiedererscheinen von Wesen reagiert, die eigentlich in den Bereich von Sagen und Legenden angesiedelt waren. Kann es ein Zusammenleben geben oder werden sich die beiden Parteien bekriegen? Muss jeder der Gewandelten töten? Sind sie sterblich? Was machen die nicht Infizierten, die nicht über die körperlichen Fähigkeiten der anderen verfügen?


Überraschend vielfältig sind die Ansätze, die die Autoren wählen, um sich dem Thema zu nähern. Gerade der Beginn ist in seiner Knappheit sehr spannend, doch auch in einigen der anderen Geschichten wird ein ungewöhnlicher Blickwinkel eingenommen. Auch die verschiedenen Zeitebenen und die Unterbrechungen, wahrscheinlich ähnlich wie in der Serie, geben dem Roman so ein gewisses Etwas. Die Serie möchte man wegen der teilweise doch sehr grausamen Mordmethoden nicht unbedingt sehen. Zum Ende hin wirkt die Handlung etwas zerfahren, möglicherweise, weil sie eigentlich weitergehen sollte. Zumindest auf Englisch sind weitere Bände zu den V-Kriegen erschienen. Insgesamt eine fesselnde und unterhaltsame Story, die eine gelungene Abwechslung in diesen ernsten Zeiten bietet.


4 Sterne


V-Wars von Jonathan Maberry 

ISBN: 978-3-596-70458-3