Dienstag, 31. August 2021

Dunkle Gasse

Es ist wahrlich eine dunkle Gasse, die zum Slade House führt. Und die Tür, die in den Garten führt, übersieht man leicht, wenn man nicht die Gabe hat, sie zu sehen und eine Einladung. Die wird nur alle neun Jahre ausgesprochen. Und diesmal sind es Rita Bishop und ihr Sohn Nathan, die die Tür durchschreiten und den traumhaft schönen, erstaunlich großen Garten mit dem höher gelegenen Herrenhaus betreten. Ihre Gastgeberin Norah Grayer ist ganz begeistert von der Musiksoiree, die sie geben wird und bei der Rita und Nathan spielen sollen. Und ein Spielkamerad für Nathan ist mit dem etwa gleichaltrigen Jonah auch da.


Alle neun Jahre werden Menschen ins Slade House eingeladen, in ein schönes Haus, dass eine besondere Aura verströmt. Täuscht die idyllische Stimmung, die in dem Garten herrscht? Die Gäste sollen sich wohlfühlen, so dass sie bleiben wollen. Doch die Stimmung kann auch umschlagen. In einem alten Haus gibt es dunkle Ecken, verwunschene Winkel und knarrende Stiegen. Was ist, wenn die Gäste den Weg hinaus nicht mehr finden, wenn sie das Gefühl bekommen von dem Haus oder seinen Bewohnern bedrängt zu werden?


Der Autor ist für seine klug und verschlungen konstruierten Romane bekannt. Wenn man diese rätselhaften und versponnen Bücher mag, ist man hier genau richtig. Im Vergleich mit dem Wolkenatlas gerade zu leicht zu lesen, ist diese Geschichte sehr spannend. Düster und unheimlich wie bei einer Gothic Novel erlebt man das Schicksal der Handelnden. Nicht viel Zeit bleibt einem, die Personen kennenzulernen, sie in der lichten Umgebung wahrzunehmen, schon meint man selbst das Knarren der Stiegen zu hören, das drohende Unheil herannahen zu ahnen. Bei diesem Roman wird sich die Leserin überlegen, ob sie eine Verfilmung anschauen würde. Der zu erwartende Grusel wäre wahrscheinlich allzu groß. Und den Grusel merkt man auch schon beim Lesen, was eine bestimmte Leseempfehlung darstellt.


4 Sterne


Slade House von David Mitchell

ISBN: 978-3-499-27239-4





Montag, 30. August 2021

Der Schönheitschirurg

Eine lange Zeit war Elisabeth leidlich glücklich mit dem Beamten Anton. Zurzeit ist Elisabeth dabei für ihr Buchprojekt ungewöhnliche Bücher im Umland Berlins zu finden, zu fotografieren und die Eigentümer zu befragen. Anton unterstützt sie dabei, zu seiner trockenen beruflichen Tätigkeit ist das eine willkommene Abwechslung. In der Nähe seiner Arbeitsstätte hat er ein ungewöhnliches weißes Haus im Bauhausstil entdeckt. Gemeinsam fahren Anton und Elisabeth dorthin. Der Besitzer, ein Schönheitschirurg namens Hanif, gibt bereitwillig Auskunft. Doch er scheint einen Narren an Elisabeth gefressen haben. Und damit brechen die kleinen Unstimmigkeiten auf, die auch vorher schon zwischen Anton und Elisabeth bestanden.


Eine Beziehung, die in Auflösung begriffen zu sein scheint. Hat Elisabeth nur darauf gewartet? Oder ist es eher Anton, der unzufrieden sowohl mit seinem beruflichen Fortkommen als auch mit der Beziehung ist? Er wollte schließlich nie heiraten, das war ihm zu spießig. Und ist es nur das Interesse an seinem Haus, was Hanif dazu bewegt, weiter Kontakt mit Elisabeth zu suchen? Durchaus bekannt ist, dass Menschen in den Vierzigern machmal ihr Leben nochmal komplett neu aufstellen. Und da kann es natürlich sein, dass einfach vier, Hanif ist verheiratet, aufeinander treffen, für die der Moment eines Neuanfangs gekommen ist.


Mit seinem vorherigen Roman „Der Freund von früher“ hat der Autor überzeugt, entsprechend gespannt ist man auf das neue Buch. Die Idee  der Recherche über Architektenhäuser ist erstmal sehr ansprechend, wenn man gerne mal besondere Häuser anschaut, sei es im Netz oder beim Fahren durch die Gegend. Leider hält das Buch nicht ganz, was die Umstände versprechen. Man wünscht sich schon, dass wenigstens eine der handelnden Personen sympathisch wäre. Aber eine Frau, die ihr eigenes Projekt überfordert, ein Mann, der mit seinem Beruf hadert, aber so lange nicht den Mut hat, sich anders aufzustellen, bis es zu spät ist und es damit richtig knallt und ein weiterer Mann, der mehr viel mehr zu sein scheint als er ist. Diese Leserin gesteht zu ihrem Bedauern, dieser Roman war so leider nicht das Wahre. Lediglich die überraschende Auflösung zum Schluss kann durchaus gefallen.


3 Sterne


Das weiße Haus von Wolfgang Mueller

ISBN: 978-3-442-71950-1






Sonntag, 29. August 2021

In der Seele

Im Jahr 1634 will der Generalgouverneur mit dem Schiff von Batavia nach Amsterdam reisen, um einen Sitz im Vorstand der niederländischen Ostindien-Kompanie zu werden. In diesem Zeiten ist es nie eine Spazierfahrt, doch die Fahrt auf der Saardam scheint unter einem besonders schlechten Stern zu stehen. Noch vor der Abfahrt stirbt ein Bootszimmer man unter schrecklichen Umständen und kaum losgesegelt, taucht auf dem Schiff ein seltsames Zeichen auf. Hat der Teufel dem Schiff seinen Stempel aufgedrückt? Arent Hayes soll versuchen, hinter die Ereignisse zu kommen. Dabei würde er gerne auf die Hilfe seines Förderers und Vorbilds Sammy Pipps bauen. 


Gemeinsam ermitteln können die Freunde Pipps und Hayes nicht, denn Pipps ist wegen unerklärlicher Beschuldigungen in der Gefängniszelle des Schiffes gelandet. Hayes muss sich also auf eigene Faust an die Lösung des Rätsels machen. Nur kurze Momente bleiben, die Hayes beim Gouverneur erstritten hat, bleiben den Beiden zum Austausch. Besser bündeln kann Arent Hayes seine Kräfte mit der Frau des Generalgouverneurs Sara Wessel. Auch sie ist um die Sicherheit auf dem Schiff besorgt, vor allem wegen ihrer Tochter Lia. Doch die unheimlichen Begebenheit lassen sich nicht so leicht erklären oder stoppen.


Mit Spannung wurde dieser zweite Roman von Stuart Turton erwartet und der Autor hat mit seinem ersten Werk die Messlatte hoch gelegt. Wäre dieses nicht der Fall, wäre dieser neue Roman wohl zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. So braucht man ein Weilchen sich zu befreien, um diesen Band uneingeschränkt genießen zu können. Dann hat man einen spannenden historischen Kriminalroman in einem besonderen Setting, der einige unheimliche Elemente hat. Die Enge des Schiffes trägt dazu bei, dass die Ereignisse, Gespräche und Stimmungen noch intensiver werden, die Gerüchte umso schneller um sich greifen und sich Emotionen hochschaukeln. Und so wird man langsam eingesaugt in eine Geschichte, die aus einer Mischung von verschiedenen Geschichten besteht, die sich schließlich zu einem Ganzen zusammenfügen. Auch wenn es einige unglaubliche Fügungen gibt, bleibt man immer gefesselt und ist am Schluss völlig überrascht. Und das ist doch das Beste, auf das man hoffen kann.


4 Sterne 


Der Tod und das dunkle Meer von Stuart Turton

ISBN: 978-3-608-50491-0





Samstag, 28. August 2021

Bald Schriftstellerin

Die junge Nancy Mitford, Älteste von sieben Geschwistern, möchte gerne Schriftstellerin werden. Doch mit sechzehn braucht sie erstmal ein neues Kindermädchen. Im Jahr 1920 ist es noch ungewöhnlich, dass sie dieses mehr oder weniger von der Straße aufliest. Louisa Cannon ist heilfroh aus London wegzukommen, denn sie wird von ihrem Onkel übelst drangsaliert. Während der Fahrt zum Landhaus der Mitfords wird ihn dem Zug, mit dem auch Louisa unterwegs ist, die ehrbare Krankenschwester Florence Nightingale Shore überfallen. Sie stirbt nach wenigen Tagen im Krankenhaus. Die Ermittlungen übernimmt der junge Bahnpolizist Guy Sullivan und heimlich Nancy und Louisa.


Dies ist der erste Band von Geschichten, welche die Autorin um die Mitford-Schwestern rankt. Nancy als erste steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie ist forsch und unbekümmert wie jede junge Frau. Im Gegensatz zu Louisa, die nur wenig älter ist, wächst Nancy sehr wohlbehütet und gut situiert auf. Louisa ist heilfroh, dass sie die Stelle bekommt und so aus London verschwinden kann. Aber so ruhig wie erwartet ist das Leben als Gouvernante der Mitford Kinder natürlich nicht, dafür sorgt schon Nancy, die immer wieder nachbohrt, um mehr über den tragischen Todesfall in Erfahrung zu bringen. Dass Louisa Kontakt mit dem Polizisten Guy Sullivan geknüpft hat, ist durchaus hilfreich.


Der erste Band der Reihe führt die Leser und Leserinnen ist die Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg, die sowohl von den Leiden geprägt ist, die der Krieg verursacht hat, aber auch von der neuen Leichtigkeit, von der gerade die Frauen sehr profitieren. Dabei hat die Autorin der Handlung einen Rahmen gegeben, der einen interessanten Bezug in der Wirklichkeit hat. Doch zu Beginn kann man den Eindruck gewinnen, die Handlung hätte etwas gestrafft werden können. Erst nach und nach wird das Interesse geweckt und man beginnt selbst ein wenig nachzuforschen. Und so wie es langsam, aber sicher mit der Lösung des Falles vorangeht, so wird man langsam tatsächlich gefesselt und lernt die Einblicke ins Landleben einer englischen Gutsherrenfamilie zu schätzen. Auch ist es immer abschreckend welch grausame Spuren in den Seelen der Menschen ein Krieg hinterlässt. Die Autorin hat eine schöne Mischung aus Drama und behütetem Landadel geschaffen, wobei der reale Hintergrund überzeugt.


3,5 Sterne


Die Schwestern von Mitford-Manor  Unter Verdacht von Jessica Fellowes

ISBN: 978-3-86612-452-3




Freitag, 27. August 2021

Das letzte Geheimnis

Im Jahr 1972 verschwinden drei Leuchtturmwärter vor der englischen Küste spurlos. Es sieht so auch als sei der Leuchtturm eben verlassen worden. Die Ehefrauen der Wärter sind schockiert und die Chefs entsetzt. Der Leuchtturm steht zwar komplett in der See und ist damit schwer zugänglich, aber er ist doch sicher. Die drei Männer bleiben unauffindbar und die Frauen bleiben zurück, einigermaßen abgesichert durch den Arbeitgeber der Männer. Zwanzig Jahre später beginnt ein Schriftsteller, in der Sache von Neuem nachzuforschen. Er beginnt mit den ehemaligen Beteiligten zu reden, wobei er besonders den Frauen das Wort gönnt.


Auf den beiden Zeitebenen 1972 und 1992 ist die Handlung dieses Romans angesiedelt. Jenny, Hanna und Michelle müssen mit dem Verlust ihrer Männer leben. Der Schock und die Trauer bleiben bestimmend für die Hinterbliebenen. Auch zwanzig Jahre später sind die Ereignisse so gegenwärtig als seien sie gerade erst geschehen. Vielleicht liegt es daran, dass das Verschwinden ihrer Männer nie richtig aufgeklärt wurde. Natürlich ist das Leben irgendwie weitergegangen, aber es ist doch eine späte Genugtuung, dass sie jetzt ihre Gedanken mit dem fremden Autor teilen können. Was hat den Schriftsteller dazu bewogen, sich gerade dieses Themas anzunehmen? 


Vage auf einem wahren Geschehen beruhend ist die Idee zu diesem Roman sehr spannend und dramatisch. Wie ergeht es Menschen, die nach einem solchen Ereignis, dass keinen richtigen Abschluss hat. Gedanken nach dem wirklichen Geschehen, die nie vergehen. Nach langer Zeit ein Ansatz, ein Versuch zu einer späten Klärung zu kommen. Leider jedoch ist besonders der Beginn des Romans etwas langatmig, für einen Familienroman zu distanziert, für einen Kriminalroman nicht so packend. Gefühlt erst nach der Hälfte wird es fesselnder, weil sich ein paar neue Informationen ergeben. Wegen der durchgängigen Berichte auf beiden Zeitebenen und der kürzeren Kapitel beginnt man die Dramatik des Geschehens nachzuempfinden. Was ist die Wahrheit, was glauben die Überlebenden. Können sie sich schließlich doch noch arrangieren? Eine Idee, die neugierig macht und die bald in einem spannenden Roman mündet.


3,5 Sterne


Die Leuchtturmwärter von Emma Stonex

ISBN: 978-3-1039-7037-1





Donnerstag, 26. August 2021

Philomena

Nach einem Fall, der sie traumatisiert hat, ist Philomena Schimmer in einer Sondereinheit des BKA. Ihre Aufgabe ist es, vermisste Personen ausfindig zu machen. Bei einem Mordfall wird festgestellt, dass die elfjährige Tochter der Familie verschwunden ist, und Philomena wird zu der Ermittlung hinzugezogen. Dabei trifft sie auch ihren Ex-Freund wieder, von dem sie auch nicht so richtig lassen kann. Natürlich kommt Philomena Schimmer nicht umhin, sich auch um den eigentlichen Fall zu kümmern, wenn sie etwas über das Mädchen erfahren will. Der Mord hat eine unbescholtene Familie getroffen, die Mutter zwar getrennt, aber Wissenschaftlerin, die es vorgezogen hat, sich auf dem Land eine andere Existenz aufzubauen.


Ein erster Fall für Philomena Schimmer, mit drei Schwestern an der Backe, die ihr aber doch sehr lieb sind. Noch immer leidet sie unter ihrem Trauma, mit dem sie zum Glück zu leben gelernt hat. Nur manchmal überwältigen sie die Ängste und dass sie immer etwas gegen ihre Besucher hat, kann man auch nicht sagen. Mitunter helfen sie ihr sogar, einen anderen Blickwinkel zu finden. Doch nun stehen Philomena und ihre Kollegen vor einem Rätsel und sie hoffen das junge Mädchen schnellstmöglich zu finden, sie hoffen, dass die Kleine noch am Leben ist.


Der Autor ist vielleicht von seinen Kriminalromanen um Major Schäfer bekannt und nun schickt er eine neue Ermittlerin an den Start. Es mag nicht für jeden oder jede ganz leicht sein, sich mit ihr anzufreunden. Man schwankt vielleicht zwischen Mitgefühl und der Schwierigkeit, ihre Besucher zu verstehen. Etwas schwierig ist es auch, das Beziehungsgeflecht der betroffenen Familie zu entschlüsseln. Zum Glück blitzt auch der spezielle Humor Philomenas immer wieder auf und ihre Bande zur Familie sind bemerkenswert. Der Fall ist kompliziert und überraschend und die tragischen Opfer erwecken Mitgefühl. Möglicherweise werden Major Schäfer und Philomena Schimmer einmal die Gelegenheit bekommen, ihre Kräfte zu bündeln, aber auch alleine ist Philomena eine spannende neue Persönlichkeit am Krimihorizont.


3,5 Sterne


Seht ihr es nicht? von Georg Haderer 

ISBN: 978-3-7099-8125-2




Mittwoch, 25. August 2021

Buchpreiszeit 2021

 Der Buchpreisherbst beginnt wie in jedem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis, der dann zu Beginn der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Und in jedem Jahr mit großer Spannung und Neugier erwartet sind die Longlist und später die Shortlist mit den möglichen Kandidaten.

Einen ersten Eindruck kann man sich Ende August eines jeden Jahres verschaffen, wenn die Longlist bekanntgegeben wird und das Büchlein mit den Leseproben und kurzen Informationen zu den Autoren in den Handel gegeben werden.


Und so auch in diesem Jahr. Ich habe mir gleich nach Erscheinen die Leseproben vorgenommen. Und die Jury hat eine tolle Auswahl aus den eingereichten Romanen getroffen. Männer und Frauen fast gleichmäßig verteilt. Autoren, die zum ersten Mal auf der Liste stehen und solche, die schon mal hier anzutreffen waren. Bekannte Autoren, die trotzdem zum ersten Mal dabei sind und weniger bekannte Autoren, die sicher ein Forum verdient hat. Unterschiedlichste Verlage und unterschiedliche Gestaltungen. Es ist bestimmt für jeden etwas dabei. 


Auch ich habe, selbst wenn die Probe nur einen ungefähren Eindruck verschaffen kann, schon ein paar Bücher auf der Liste gefunden, die mich unbedingt ansprechen oder die zumindest sehr interessant klingen, so dass sie auf die Wunschliste kommen und ihnen bei Gelegenheit die rechte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man lese und staune, eines der Bücher habe ich sogar schon gelesen und für gut befunden. Mit meinen Buchpreisahnungen oder Vorlieben liege ich allerdings regelmäßig daneben, deshalb behalte ich sie lieber für mich.


Ich bin sicher, dass ein toller und lesenswerter Roman ausgewählt werden wird, ob er mir gefällt oder gefallen hätte, ist zum Glück nicht maßgeblich. Ich genieße einfach die herausragenden Bücher des Leseherbstes und drücke allen Autoren und Verlagen gleichermaßen die Daumen.


Auf eine tolle Buchpreiszeit 2021



Deutscher Buchpreis 2021 - Die Nominierten




Dienstag, 24. August 2021

Die Familie

Der 15jährige Oscar ist nach der Schule nicht heimgekommen. Seine Eltern nahmen an, er übernachte bei einer Freundin und so ist wertvolle Zeit verloren gegangen, bevor sie ihn als vermisst gemeldet haben. Jeppe Kørner und Anette Werner werden mit der Organisation der Suche  betraut. Sie befragen die Eltern, Geschwister und die Freundin, bei der Oscar eigentlich übernachten wollte. Doch fließen die Informationen zunächst spärlich. Dann wird eine männliche Leiche in einer Müllverbrennungsanlage gefunden. Und ausgerechnet der Vater von Oscars Freundin Iben informiert die Polizei. Nun wird fieberhaft ermittelt. Es gilt herauszufinden, um wen es sich bei dem Toten handelt.


In ihrem vierten Fall müssen Anette und Jeppe einiges aushalten. Das rätselhafte Verschwinden des Jungen zerrt an ihren Nerven, zumal die Nachforschungen nicht so voran gehen. Und auch im privaten Bereich scheinen sich Probleme oder gar Umbrüche anzudeuten. Natürlich muss das Private zurückstehen, es heißt, dass bei verschwundenen Kindern die ersten Stunden und Tage am Wichtigsten sind, soll noch Hoffnung bestehen, den Jugendlichen lebend zu finden. Wieso aber arbeiten die Verwandten nicht aus ganzem Herzen mit der Polizei zusammen? Die beiden Beamten begeben sich in eine Welt, die ihnen fremd erscheint. 


Bei ihrem vierten Auftritt sind Jeppe und Anette schon alte Bekannte, auf die man sich freut. Zwar müssen sie im Privaten mit einigen Problemen kämpfen und im Beruflichen bewegen sie sich auf unsicherem Terrain, aber der Fall ist spannend und in seinen Verwicklungen toll konstruiert. Beim Miträtseln liegt man regelmäßig falsch. Die Auflösung erwartet man nicht und was zu dem hauptsächlichen Handlungsstrang noch hinzukommt, macht einen betroffen. Man blickt in eine fremde Welt, die vielleicht nicht ganz so komprimiert, aber grundsätzlich schon so existieren kann.  Man ist gefesselt und gleichzeitig etwas konsterniert, ob der Spuren, die sich auftun. Ein lesenswerter Kriminalroman aus einer Reihe, die unbedingt empfohlen werden kann.


4 Sterne


Das Nest von Katrine Engberg

ISBN: 978-3-257-07173-3

Montag, 23. August 2021

Astrids Welt

Astrid Hekne ist eine, die mehr will. Doch im kleinen Ort Butangen in Norwegen geht es nicht so schnell mit dem Fortschritt. Als im Jahr 1880 der neue Pfarrer Kai Schweigaard sein Amt antritt hofft Astrid auf eine andere Zukunft. Neue Ideen hat Schweigaard schon einmal. Er will die alte Stabkirche abbauen lassen und ein neues größeres und modernes Kirchengebäude errichten. Den Abbau überwachen soll der junge Architekturstudent Gerhard Schönauer. Und mit ihm weht der Wind des Unbekannten ins kleine Butangen. Astrid muss überlegen, wohin ihre Sehnsucht sie zieht. Sieht sie sich als Pfarrersfrau oder will sie lieber mit der Kirche ins ferne Dresden reisen.


Die Hekne Familie hat eine enge Bindung zu der Stabkirche. Einer ihrer Vorfahren hat die Kirchenglocken gestiftet. Allerdings sind nicht nur die Heknes wenig begeistert, dass die Glocken mit ihrer Kirche ins ferne Deutschland reisen sollen. Da war der neue Pfarrer vielleicht doch etwas zu schnell mit dem Verkauf. Astrid dagegen will irgendwie beides, das Moderne und die Heimat. Wie soll sie sich entscheiden? Ihre Phantasie lässt sie nicht im Stich, sie wird sich etwas einfallen lassen, so dass alle zufrieden sind. Auch die Schwesternglocken? Das ist der Plan.


Der Prolog dieses Romans ist spannend, dramatisch und tragisch. Wie kam es zu der Stiftung der Glocken? Und wieso werden sie die Schwesternglocken genannt? Welche Legenden ranken sich um sie? Dagegen verliert Astrids Geschichte fast zwangsläufig an Fahrt. Schließlich lässt sich der Autor viel Zeit sie zu entwickeln. Astrids forsche wissbegierige Art macht sie sehr sympathisch. Da hat es der Pfarrer mit seinen inneren Widerständen nicht nur bei den Dorfbewohnern schwerer zu punkten. Der angehende Architekt Schönauer wirkt dagegen wie ein frischer Wind, der um ein altes Gemäuer bläst. Auch ein gewisser Humor und die eigene Art zu sprechen der Leute aus Butangen runden die Geschichte ab. Auch wenn man das Gefühlt hat, die Handlung hätte eine gewisse Straffung vertragen, so ist sowohl die Geschichte der Schwesternglocken als auch die Astrids interessant und zum Ende hin ergreifend. Dieses vermag die Vorleserin Beate Rysopp bestens zu transportieren.


3,5 Sterne


Die Glocke im See von Lars Mytting

ISBN: 978-3-8697-4333-2

Sonntag, 22. August 2021

Vaterfreuden

Nach wenig sehnt sich Sörensen mehr als nach einem Besuch seiner kleinen Tochter zu Ostern. Wenn ihm nur seine Angststörung keinen Strich durch die Rechnung macht oder seine Ex-Frau. Da kann ein neuer Mord fast schon eine gute Ablenkung bieten. Jetzt wo er doch endgültig nach Katenbüll gezogen ist. Obwohl als der Tankstelleninhaber eine Leiche am Koog findet, ist es auch nicht recht. Natürlich machen sich Sörensen und Jenni zum Fundort auf den Weg. Bei dem Toten handelt es sich um einen ortsansässigen Lehrer. So weit so unauffällig. Besorgniserregend ist allerdings, dass der werdende Vater Ole Kellighusen, der im Tankstellenshop aushilft, verschwunden ist.


Zum dritten Mal ermittelt Sörensen in der nordfriesischen Provinz. Mit der neuen Praktikantin tun sich alle auf dem Revier schwer. Dabei ist sie nicht mal dumm, aber irgendwie neigt sie dazu jedes Fettnäpfchen wahrzunehmen. Jenni Holstenbeck dagegen um ihre hochschwangere Tochter, denn bei dem verschwundenen Ole handelt es sich um Lucys Freund. Und es kommt noch schlimmer, offensichtlich war es Ole, der dem Lehrer an der Tankstelle begegnet ist. Sörensen und Jennifer legen sich mächtig ins Zeug. Das Offensichtliche erscheint ihnen doch zu einfach.


Gut kann man sich die norddeutsche Landschaft vorstellen. Manchmal grau, wolkenverhangen und stürmisch. Doch mitunter auch in strahlendem Sonnenschein. Da wünscht man Sörensens Angststörung möge mit dem nächsten Sturm davongetragen werden. Aber man muss ja realistisch bleiben. Und trotz der Schwierigkeit bilden Sörensen und Jenni ein tolles Team, dass sich bestens ergänzt. Und auch bei dem neuen Fall müssen sich wieder hinabsteigen in die Tiefe des provinziellen Lebens, das wie ein kleines Abbild einer großen Stadt wirkt. Es gibt nichts, was es nicht gibt und vielleicht noch ein wenig mehr. Bei den diesmal emotional fordernden Nebenhandlungen gerät der Fall fast etwas in den Hintergrund. Dafür reißen Sörensen, sein Hund Cord und Jenni es echt raus. Ihre authentisch menschliche Art hat gerade die richtige Mischung zwischen etwas schräg und wunderbar normal. Man wünscht schon den nächsten Mord herbei, um zu erfahren wie es mit ihnen weitergeht.


4 Sterne


Sörensen am Ende der Welt von Sven Stricker

ISBN: 9783-3499-00121-5






Donnerstag, 19. August 2021

Silberstreif

Sörensens junger Kumpel Ole Kellinghusen liest kurz vor Weihnachten eine junge Frau auf. Sie ist blind und demzufolge etwas desorientiert. Sörensen findet heraus, dass sie in einem Keller versteckt gehalten wurde. Er findet auch heraus wo und dort sitzt ein Toter vor dem Fernseher. Handelt es sich um den Vater der jungen Frau? Was ist passiert? Jette kann sich nicht erinnern. Hat sie den Mann etwa umgebracht? Schnell stellt sich heraus, dass der Hausbewohner wohl noch lebt und er ist es, der nun unter Verdacht steht. Wieder ein Fall im beschaulichen Katenbüll, den Sörensen, der gerade seine Medikamente absetzen möchte, am liebsten nicht bearbeiten würde.


Nicht nur seine Angststörung, auch diesen zweiten Fall muss Sörensen aushalten. Leicht ist es nicht. Und Jenni Holstenbeck hat die geniale Idee, Sörensen habe ja Platz, also solle er Jette für den Übergang zu sich nehmen. Dass Sörensen sich nicht anders zu helfen weiß, als seinen Vater zu bitten, die Betreuung der blinden jungen Frau zu übernehmen, macht es auch nicht einfacher. Die Ermittlungen erweisen sich als zusätzlich schwierig, da mal wieder keiner der Einheimischen richtig reden will. Doch wieso sind an ein und dem selben Tag mehrere Menschen aus dem Ort aus der Kirche ausgetreten.


Sehr atmosphärisch umgesetzt ist dieser zweite Fall als Hörspiel durch den Deutschlandfunk Kultur, wobei der Kommissar Sörensen seinem Sprecher Bjarne Mädel wieder auf den Leib geschrieben ist. Hervorragend bringt er die Persönlichkeit des Kommissars rüber, der trotz seiner gesundheitlichen Probleme eine gehörige Portion trockenen Humor hat. Auch wenn bei einem knapp einstündigen Hörspiel gegenüber einem über vierhundert Seiten langen Buch einiges recht knapp und episodisch gefasst sein muss, ist der Fall schlüssig und spannend dargestellt. Wieder stellt sich heraus, dass in der vermeintlich betulichen Kleinstadt Katenbüll etwas Arges lauert und Sörensen genau der Richtige ist, um der Sache auf den Grund zu gehen.


4 Sterne


Sörensen fängt Feuer von Sven Stricker

Hörspiel Deutschlandfunk Kultur

Dienstag, 17. August 2021

Schöne Aussicht

Zwei Jahre hat er krankheitsbedingt nicht gearbeitet. Aber nun wird er es wieder packen, Kriminalhauptkommissar Sörensen hat deshalb absichtlich nach einem Einsatzort gesucht, der so in der Provinz versteckt ist, dass Verbrechen wirklich unwahrscheinlich sind. Er hat sich seinen neuen Kollegen und Kolleginnen in Katenbüll gerade erst vorgestellt, als die Nachricht hereinkommt, dass der Bürgermeister tot aufgefunden wurde. Das darf doch wohl nicht wahr sein, noch nicht mal richtig angekommen und schon ist es vorbei mit der Ruhe. Und schon hat Sörensen wieder Probleme mit seiner Angststörung und auch Probleme mit dieser Kleinstadt, die auf der Landkarte nicht leicht zu finden ist.


In seinem ersten Fall wagt es Sörensen trotz seiner psychischen Probleme, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Sein Wunsch, am liebsten erstmal eine ruhige Kugel zu schieben, bis es ihm wirklich besser geht, wird ihm nicht erfüllt. Er muss sich an dem neuen Ort zurechtfinden, mit den neuen Kollegen bekannt machen und gleich einen Mordfall bearbeiten. Der Bürgermeister sollte doch ein renommiertes Mitglied der Gemeinde sein, wer kann also etwas davon haben, ihn umzubringen. Gemeinsam mit Jennifer Holstenbeck macht er sich auf die Suche nach der Lösung. Gefunden wird Sörensen erstmal von Cord, dem Hund.


Sörensen kämpft gegen seine Erkrankung, in schwachen Momenten versinkt er in Selbstmitleid. Allerdings merkt er auch, dass es auch hellere Momente gibt. Seine Kabbeleien mit Jenni und Cord bringen durchaus helle Flecken in sein Leben. Dass er letztlich ein gewiefter Ermittler ist, lässt sich nicht lange verbergen. Der Fall gestaltet sich komplizierter und überraschender als zunächst gedacht. Dabei ist auch Jennifer Holstenbecks Anteil nicht zu verachten. Sie hat die Ortskenntnis, eine sympathische Art und sie bietet Sörensen die nötige Unterstützung, wenn er mal durchatmen muss. Dieser erste Band der Krimireihe wurde bereits verfilmt, wobei die Stimmung des Buches ausgesprochen gut herausgearbeitet wurde. Die Besetzung von Bjarne Mädel als Sörensen ist einfach treffend. Und so hat man mit diesen trockenen norddeutschen Tonfall in Buch und Film einen Krimi, der trotz des ernsthaften Themas in den richtigen Augenblicken sehr gut unterhält.


4 Sterne


Sörensen hat Angst von Sven Stricker

ISBN: 978-3-499-27118-2






Montag, 16. August 2021

Stuntdouble

Im Los Angeles des Jahres 1969 versucht der Schauspieler Rick Dalton seine Karriere wieder in Gang zu bringen. Früher war er ein Serienheld, doch inzwischen ist er auf kleinere Rollen des Bösewichts abonniert. Weil er keinen Führerschein mehr hat, lässt er sich von Cliff Booth durch die Gegend kutschieren. Dieser ist eigentlich Ricks Stuntdouble, doch da Jobs rar gesät sind, macht er auch das. Das Nachbargrundstück bei Ricks Haus wird von neuen Leuten bewohnt und zwar dem Regisseur Roman Polanski und seiner Frau Sharon Tate. In einer alten Kulissenstadt hat sich die Family von Charles Manson eingenistet.


Bei diesem Debütroman handelt es sich um das Buch zu dem Film „Once upon a Time in Hollywood“. Wenn man sich die Beschreibung zum Film anschaut, scheint der Roman ausführlicher zu sein und in Teilen möglicherweise auch anders. So könnte es eine gute Idee sein, zur Lektüre des Buches sich auch den Film zu Gemüte zu führen. Einen erheblichen Teil des Romans macht auch die Beschreibung des Hollywood-Geschäftes aus. Als Teil davon hat der Autor einen guten Durchblick und kann seinen Lesern einen tollen Abriss darüber geben, wie es im Filmgeschäft zugeht. Und da ist Sharon Tate eine der Wenigen, die sich von ihrer Heimat aus aufmacht, um Erfolg zu haben und die es tatsächlich schafft. Leider kann sie es nicht lange genießen.


Wenn man einige der Filme von Quentin Tarantino gesehen hat, hegt man einige Erwartungen, die der Roman nicht so ganz erfüllen kann. Vielleicht hat man da auch einfach die falschen Filme gesehen und sollte sich zusätzlich den Film anschauen, zu dem das Buch erschienen ist. Jedenfalls wirken gerade die beschreibenden Szenen schon etwas ausgewalzt. Zum Glück blitzt ab und zu auch das Tarantino mäßige auf und zusätzlich schafft es der Autor teilweise mit wenigen prägnanten Worten die Szenen zu zeichnen, so dass es schon wieder gut rüberkommt. Auch wenn der Roman ein wenig zu viele beschreibende Elemente hat, so bekommt man doch ein vermutlich sehr authentisches Bild vom Hollywood der späten 1960er. Die Welt hat sich für die Schauspieler alter Schule verändert, sie müssen den Jungen Platz machen und sie wagen noch ein Aufbäumen. Die Grundstimmung der Zeit und der Personen ist wahrscheinlich sehr gut getroffen.


3,5 Sterne


Es war einmal in Hollywood von Quentin Tarantino

ISBN: 978-3-462-00228-7





Samstag, 14. August 2021

Sommerwind

Der geplante und durchorganisierte Urlaub platzt und beinahe scheint es so als wäre damit auch ihre langjährige Ehe perdu. Doch als ihre mütterliche Freundin Ruth mitteilt, Viktor habe einen Schlaganfall erlitten und sie wolle mit ihm in die Reha, sagt Rahel sofort zu, auf dem Hof der beiden einzuhüten. Ihr Mann Peter ist überrascht und etwas lustlos. Drei Wochen liegen vor Rahel und Peter, in denen sie auf sich selbst zurückgeworfen werden. Nur ein paar Stunden von Dresden entfernt liegt das Anwesen, auf dem es zwar viel zu tun gibt, in einer Gegend, in der man nicht viel unternehmen kann. Können Rahel und Peter wieder einen Weg zu einer wenigstens freundschaftlichen Co-Existenz finden.


Ein Ehepaar in einem mittleren Alter, in dem es für Paare mitunter heißt, gehen oder bleiben. Können Rahel und Peter die unverhoffte Auszeit in Brandenburg nutzen, um ihrer Ehe wieder eine Basis zu geben. Was würden ihre beiden Kinder sagen, wenn die Eltern sich trennten? Selma war für Rahel eher ein Problemkind, während Simon einfach seinen Weg geht. Doch Selma ist es, die selbst eine Familie gegründet hat. Rahel, deren Mutter ihr nie gesagt hat, wer ihr leiblicher Vater ist, muss mit dieser Leerstelle leben.


Auf sanften Schwingen gleitet Rahel durch den Urlaub. Als Leser ist man etwas unschlüssig, ob hier die sommerliche Ruhe in eine Ehe einkehrt oder ob eine gewisse Melancholie, die über allem liegt, dazu führt, dass die Ehegatten den Schritt zur Trennung gehen. Mal angedeutet, mal klar herausgestellt, wird Rahels Vergangenheit und die ihrer Ahnen beleuchtet. Wieso ist sie so? Die Vergangenheit kann sicher einiges erklären, aber nicht alles entschuldigen. Es entsteht der Eindruck, dass der Fokus etwas mehr auf der weiblichen Sichtweise liegt. Besonders auf Rahels Blickwinkel, die ihrem Mann wieder näherkommen möchte und auch ihre Sehnsucht nach einem Vater stillen möchte. Ein stilles kleines Büchlein, das trotz oder gerade wegen seiner ruhigen Darstellung eines ländlichen Sommers zum Nachdenken und selbst Reflektieren einlädt. 


4 Sterne


Der Brand von Daniela Krien 

ISBN: 978-3-257-07048-4

Freitag, 13. August 2021

Fünf Unbekannte

Nach dem letzten Fall haben sich Inga Björk und Christian Brand nicht wieder gesehen. Dennoch hat Björk ihn immer im Auge behalten. Als super Recognizerin fällt es ihr leicht, hin und wieder einen Blick auf Brand zu erhaschen. Und so bemerkt sie auch, dass Brand in Schwierigkeiten geraten ist. Unterdessen verschwindet die junge Hanna Carlsen. Unversehens findet sie sich in einem geheimnisvollen Raum wieder, eingesperrt in einem durchsichtigen Zylinder, ohne eine Chance auf Entkommen mit vier weiteren Menschen in ähnlicher Lage. Wenig später tritt eine Person an die Öffentlichkeit, die sich als Täter bezeichnet und erklärt, würden gewisse Aufgaben erfüllt, könnten die Gefangenen gerettet werden.


In ihrem zweiten gemeinsamen Fall finden Inga Björk und Christian Brand zu einer neuen Form der. Natürlich gibt es wieder ein paar Geplänkel, aber es ist spürbar, dass sich die Beiden besser einzuschätzen wissen. Und diese Form der Zusammenarbeit brauchen sie auch, schließlich wollen sie alles versuchen, um die Gefangenen zu retten. Keine leichte Aufgabe, schließlich gibt es keine Hinweise auf den Ort des Gefängnisses. Auch der angebliche Täter kann keine Auskünfte mehr geben, obwohl er sich doch gestellt hatte. Mit einer Schusswunde landet er im Krankenhaus. Und die Zeit für die entführte Hanna und ihre Mitgefangenen wird immer knapper.


Wieder versteht es der Autor einen ausgesprochenen Thriller zu präsentieren. Wenn dabei auch Kleinigkeiten etwas unausgefeilt wirken, so liest sich dieser Roman rasant und grundsätzlich schlüssig. Man vermisst einige Erklärungen und ist doch gebannt von den fiesen und schnellen Wendungen, die einen wirklich um die Gefangenen bangen lassen. Gleichzeitig gerät man in Zweifel, ob die Opfer tatsächlich so sehr zu bedauern sind. In diesem Zwiespalt hastet man durch den Roman, den man irgendwann nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man wissen will, wie es ausgeht. Gleichzeitig freut man sich über den Prozess des Zusammenwachsens von Björk und Brand, die schließlich ein richtig gutes Team abgeben und denen gerne noch der eine oder andere Fall beschieden werden kann.


4 Sterne 


Die Nacht von Jan Beck

ISBN: 978-3-328-10667-8





Montag, 9. August 2021

Alte Sitten

Mick Hardin ist als Militärermittler in Deutschland stationiert. Seine Ehe mit Peggy ist schwierig. Dass Peggy schwanger ist, hat er von seiner Schwester Linda erfahren. Hardin reist nach Kentucky. Als eine weibliche Leiche entdeckt wird, ist Linda froh, dass sie die Sache mit Mick besprechen kann. Linda ist noch nicht lange als Sheriff des Ortes tätig. Da Peggy sowieso nicht mit ihm reden will, macht sich Mick gerne auf den Weg zum Fundort, um nach Spuren zu suchen. Auch die Anwohner befragt er. Dabei kommen Erinnerungen an die Zeit hoch als Mick Hardin selbst noch hier lebte.


Mick Hardin ist ein ungewöhnlicher Ermittler mit seinen Erfahrungen bei der Armee. Doch auch seine Schwester ist eine durchsetzungsfähige Polizistin, die sich nicht so schnell die Butter von Brot nehmen lässt. Die Leute am Ort haben sich inzwischen an ihre Position als Sheriff gewöhnt. Meist folgen sie Lindas Anweisungen auch. Der Todesfall ist schon ungewöhnlich und zunächst mal müssen die verwandtschaftlichen Beziehungen der Toten geklärt werden. Aus welcher Familie stammt sie, in welche Familie hat sie eingeheiratet. Der Ort ist so klein, dass jeder jeden kennt, im Grunde über ein paar Generationen. Die familiären Freundschaften und Feindschaften sind festgefügt. Fremde kommen eigentlich nicht dazwischen. Deshalb wundert sich Linda, wieso auch das FBI einen Beamten schickt.


Mick Hardin ist ein eigensinniger, aber sympathischer Ermittler, der seinen Weg geht und sich vielleicht mit einer leichten Verzögerung den Situationen stellt so wie sie sich ihm darbieten. Er und seine Schwester bilden ein gutes Team, auch wenn sie ihre Berufe normalerweise an sehr unterschiedlichen Plätzen ausüben. Am Ende dieses Kriminalromans ist alles auf unkonventionelle Art geregelt, doch die Zahl der Todesfälle ist doch etwas hoch. Abgesehen davon ist dies ein Krimi mit witzigen trockenen Dialogen und einer kenntnisreichen Beschreibung des dörflichen Leben in einem kleinen Ort in Kentucky. Die Einwohner wissen um die Familienbande teilweise über mehrere Generationen. Es nutzt auch nichts, wenn jemand weggezogen ist. Die Erinnerung bleibt. Das ist packend und treffend beschrieben. Das, die ansprechende Sprache und die knorrigen, aber sympathischen Personen, machen den Roman sehr lesenswert. Das merkt man im Übrigen schon auf den ersten Seiten.


4 Sterne


Unbarmherziges Land von Chris Offutt

ISBN: 978-3-608-50512-2




Donnerstag, 5. August 2021

Ein hartnäckiger Ermittler

1969, Glasgow, Di Duncan McCormack soll versuchen herauszufinden, was im Fall der drei ermordeten jungen Frauen schief gelaufen ist. Seit Monaten wird der Täter gesucht und es gibt keine großen Fortschritte. Die Nachforschungen sind förmlich in einer Unmenge an Hinweisen aus der Bevölkerung erstickt. McCormack versucht, dem nachzugehen und herauszufinden, ob nicht doch etwas übersehen wurde. Doch seine Kollegen fühlen sich kontrolliert und sie sind nicht besonders interessiert an einer ordentlichen Zusammenarbeit. Wie soll McCormack am besten mit den Kollegen umgehen und gleichzeitig doch im Fall weiterkommen. Da geschieht ein Raubüberfall, der weitere Kräfte bindet.


Duncan McCormack im ersten der Morde bereits selbst erfolglos ermittelt und nun soll er den Kollegen auf die Sprünge helfen. Das ist schon eine spezielle Situation und dessen ist sich Duncan auch bewusst. Trotzdem will er den Mörder, der Quäker genannt wird, unbedingt fassen. Es kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass der Killer wieder zuschlägt, auch wenn nun schon länger nichts passiert ist. Gleichzeitig ist es für den zurückhaltenden McCormack nicht leicht, einen Zugang zu den anderen Beamten zu finden. Dennoch scheinen seine Chefs auf ihn zu setzen. Wenn er seine Aufgabe gut bewältigt, könnte eine Beförderung winken.


Ein etwas anderer Ansatz für einen Kriminalroman, eine Idee, die neugierig macht. Hier soll also ein Ermittler eine Untersuchung nachvollziehen, um Tips geben zu können, was besser gemacht werden könnte. Man ist gespannt, wie Duncan McCormack an die Aufgabe herangeht und die Kollegen auf ihn reagieren. Gleichzeitig will man wissen, welche neuen Gesichtspunkte sich auftun könnten. Doch gerade zu Beginn wird gerade durch diesen ungewöhnlichen Ansatz Geschwindigkeit aus der Geschichte genommen, was die Lektüre etwas erschwert. Erst im Fortgang der Story, besonders natürlich zum Ende hin wird es richtig spannend. Dann kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen und man ist gepackt von den unerwarteten Entwicklungen, die sich auftun. 


4 Sterne


Ein frommer Mörder von Liam McIlvanney

ISBN: 978-3-453-44093-7




Sonntag, 1. August 2021

Der Ausbruch

Im Jahr 1962 kann man so einiges von einer Geschäftsreise mitbringen, leider auch noch die Pocken. Und so passiert es einem Monteur der Monschauer Rither-Werke. Da er nur leicht erkrankt, wird er falsch diagnostiziert und geht bald wieder arbeiten. Als jedoch seine kleine Tochter schwerer erkrankt, wird ein Arzt aufmerksam und lässt sie nach Aachen in eine Klinik bringen, um sie zu isolieren. Dort jedoch weigert man sich, das Kind aufzunehmen und in Monschau muss eine provisorische Isolierstation aufgebaut werden. Aus Düsseldorf eilen Professor Stüttgen und sein junger Assistent herbei, die dafür sorgen sollen, Kranke in Quarantäne zu schicken und Ansteckungen zu verhindern.


Ein historisches Ereignis wird hier romanhaft aufgearbeitet. Im Vergleich mit der heutigen Pandemie ist der Ausbruch der Pocken damals eher winzig. Die Reaktionen der Politiker, Industriellen, der Menschen, Mediziner und Kranken sind jedoch erschreckend ähnlich wie heute. Man darf sich also fragen, wie groß ein Lerneffekt ist. Eher klein, ist zu befürchten. So redeten die Politiker schon damals alles klein, die Fabrikanten wollten ihre Werke am Laufen halten, die Quarantäne war eher ungeliebt und die Monschauer im Umkreis unbeliebt und das im Karneval. Und doch bemüht sich das medizinische Personal mit Hilfe von Freiwilligen, die Ansteckungsgefahr zu gut wie möglich einzudämmen. 


Natürlich ist es gerade in der heutigen Pandemiezeit sehr interessant auf einen historisch belegten Krankheitsausbruch in einem beschaulichen Städtchen zu schauen. Spannend sind dabei auch Veröffentlichungen aus dem Internet, mit denen man einen Eindruck bekommt, wie genau der Autor recherchiert hat. Doch man bekommt das Gefühl, dass der Autor machmal etwas zu weit abschweift, mitunter anekdotisch oder auch zeitgeschichtlich, wodurch dann die eigentlichen Begebenheiten im Epilog abgehandelt werden. Auch wenn das Drumherum durchaus lesens- und wissenswert erscheint, hätte man gerne mehr über den Krankheitsausbruch und seine Auswirkungen auf die Monschauer gewusst. Auch wie die Ärzte ihre Aufgabe empfinden und wie sie mit ihren Patienten umgehen, hätte noch etwas eingehender geschildert werden können. Dennoch verarbeitet der Autor in seinem Roman ein spannendes Thema, das von Johann von Bülow sehr sympathisch vorgelesen wird.


3,5 Sterne


Monschau von Steffen Kopetzki

ISBN: 978-3-7324-1866-4