Dienstag, 29. November 2022

Kalkutta liegt am Ganges

Im Jahr 1921 arbeitet der britische Ermittler Sam Wyndham in Kalkutta. Allerdings sucht er neben dem Broterwerb auch so manches Mal eine Opiumhöhle auf, um trüben Gedanken zu entfliehen. Bei einer dieser Gelegenheiten gerät er beinahe in eine Razzia. Nur mit Mühe kann er sich vor seinen Kollegen verstecken. Auf der Flucht findet er einen Toten, der wohl erstochen wurde. Doch wie soll er in einem Mordfall ermitteln, dessen Opfer er hätte garnicht finden dürfen. So bleibt der Tote zunächst unentdeckt. Wyndham und sein Partner Surrender-Not sollen dafür sorgen, dass die Demonstrationen nicht überhand nehmen. Doch Gandhis Einfluss ist groß.


Dies ist der dritte Band einer Reihe um den britischen Ermittler Sam Wyndham und seinen einheimischen Partner Surrender-Not. Einen spannenden Ansatz bildet dabei der geschichtliche Hintergrund. Indien zur Zeit der beginnenden Ablösung von Groß Britannien. Die Situation der Briten verschlechtert sich, weil die Inder immer mehr den Mut fassen, sich aufzulehnen. Beeindruckend ist auch der zu dem Zeitpunkt gewaltlose Widerstand, der trotzdem alles durcheinanderbringt und die Kolonialherren zwingt zu reagieren. Zu Beginn des Romans steht die Diplomatie mehr im Vordergrund als die Ermittlungen. Das ändert sich als eine weitere Leiche gefunden wird, die für Wyndhams Kollegen die erste ist.


Wenn man vorher schon von der Reihe gehört hat, einen gerade der geschichtliche Ansatz interessiert, man sich aber nicht sicher ist, ob die Reihe etwas für einen ist, dann greift man vielleicht zu einen Exemplar aus der Kiste mit den Remittenden und nimmt in Kauf, dass es nicht der erste Band ist. Leider kann sich das als Fehlinvestition erweisen. Vielleicht liegt es daran, dass man Wyndhams Vorgeschichte nicht kennt, vielleicht auch daran, dass einem drogenabhängige Ermittler nicht liegen, doch irgendwie beginnt man Kapitel zu lesen, dann Seiten, Absätze und Sätze. Schließlich geschieht das, wozu man sich selten entschließt, man bricht ab. Schade, denn gerade die politischen Aspekte waren interessant und ansprechend beschrieben. 


2,5 Sterne


Eine handvoll Asche von Abir Mukhejee

ISBN: 978-3-453-42338-1


Montag, 28. November 2022

Miniking

Die Marie ist noch nicht lange wieder in ihrem heimatlichen Dorf. Sie hat etliche Jahre in Wien gelebt und erst als ihr Ziehvater starb und sie ihre Jugendliebe Youni wieder traf, führte der Weg zurück. Die Werkstatt, in der ihr Onkel Tiere präparierte, hat sie übernommen. Obwohl sie eine andere Ausbildung hat, durfte sie dem Onkel als Kind immer zuschauen und hat sich die Tätigkeit angeeignet. Doch dann starb Youni vor einigen Wochen bei einem Unfall. Marie ist untröstlich. Als ihre Tante Hella in ihrem Namen den Auftrag, einen kleinen Chihuahua namens King zu präparieren, ist sie nicht begeistert.


Eine ungewöhnliche Heldin ist Marie schon. Nicht mehr ganz die Jüngste mit einer Berufung, die man bei einer Frau nicht vermuten würde. Und wie sie mit dem toten kleinen Hund umgeht, mit Respekt vor dem Leben und dem Tod, mit Sanftheit. Da ist die Butz, eine Geschäftspartnerin von Youni, die plötzlich in der Tür steht, ein anderes Kaliber. Und die Butz ist es, die Maria zum Zweifeln bringt. Hätte Younis Tod verhindert werden können? Wie kam es dazu, dass er sein Leben so führte, wie es eben war? Was, wenn die Dorfgemeinschaft einfach über den Migrationshintergrund Younis hinwegsehen und ihn aufgenommen hätte.


Was einen sofort für den Roman einnimmt, ist ein Aufbau, mit dem man einfach nicht rechnet. Und auch Marie, deren Leben nicht zerbröseln darf, wirkt durch die Trauer um ihren Freund zwar niedergedrückt, aber keineswegs antriebslos. Allerdings empfindet man eine Änderung als Butz ins Spiel kommt. Diese resolute Dame nur wenig älter als Marie, eröffnet einige rohe Wahrheiten, die aber doch etwas vage gehalten sind, so dass sich letztlich nicht erschließt, was tatsächlich passiert ist oder ob etwas passiert ist. Und wenn man sich zu Beginn fragt, ob man richtig vermutet, so fragt man sich im weiteren, wie kann es dazu kommen. Wenn man so offen gestaltete Storys mag, ist man hier genau richtig. Gelungen ist die Beschreibung des liebevollen Umgangs mit dem toten kleinen Hund. In Maries Händen wird er wirklich zum kleinen König.


3,5 Sterne


Der tanzende Berg von Elisabeth R. Hager

ISBN: 978-3-608-98488-0





Sonntag, 27. November 2022

Zugereist

Nachdem Carolin Halbach in Düsseldorf nicht ihren Wunschjob bekommen hat, ist sie offen für etwas neues. Das Jobangebot aus Bad Gastein in Österreich kommt da gerade recht. Flugs macht sich Carolin auf den Weg. Sie soll die neu gestaltete öffentliche Bibliothek, die im neuen Medienzentrum untergebracht ist, leiten. Der Hausmeister des Gebäudes holt sie vom Bahnhof ab und freundlich bietet er ihr an, sie könne ein Apartment in der Pension seiner Frau beziehen. Carolin fühlt sich in Bad Gastein schneller heimisch als gedacht. Ihre Wirte Peter und Rosi haben sie gleich adoptiert. Allerdings wird die Feier anläßlich der Eröffnung der Bibliothek von einem plötzlichen Todesfall überschattet.


Carolin würde nicht manchmal Miss Marple genannt, wenn sie sich nicht bei ihrem ersten Auftritt Gedanken über den Tod des Kurarztes. Schnell stellt sich heraus, dass die Todesursache Gift war und dies vermutlich in den Häppchen des Caterers eingearbeitet war. Die örtliche Polizei beginnt zu ermitteln. Carolins freundliche Tipps sind dabei nicht immer willkommen. Das ändert sich erst als der Polizist Valentin feststellt, dass Carolin mit ihren Vermutungen nicht falsch liegt. Dennoch bleibt erstmal unklar, wieso der allseits beliebte Arzt einem Giftanschlag zum Opfer fiel. Und es gibt weitere Vorfälle beim Umbau des Medienzentrums.


In Teilbereichen liest dieser Kriminalroman fast wie eine Tourismus-Werbung. Das macht neugierig und mal wieder hilft der Blick in Internet, um zu sehen, dass die Beschreibungen durchaus ihre Berechtigung haben. Die häufiger besprochenen grandiosen Aussichten gibt es tatsächlich. Auch wenn man Teile der Lösung des Fall schon etwas früher erahnt, so wiegen die tolle Location und sympathische Protagonisten das zur Gänze auf. Carolin Halbach und ihre Hauswirte wachsen einem schnell ans Herz. Und man amüsiert sich bestens über die Intrigen in dem nicht ganz so großen Ort. Von Carolin Halbach und ihrer neuen Wirkungsstätte möchte man gerne mehr lesen.


Ein schöner und lesenswerter Einstieg in eine Krimireihe mit ordentlich Lokalkolorit und auch der Humor kommt nicht zu kurz.


4 Sterne


Bitterwasser von Karina Ewald

ISBN: 978-3-7104-0310-1





Samstag, 26. November 2022

Die neue Kanzlei

Die Kanzlei, in der er vorher tätig war, und er haben sich getrennt. Nun muss der Anwalt Anton Pirlo eigene Wege gehen. Nicht so einfach, wie er feststellt. Doch die Mutter der Marlene von Späth bittet ihn, die Tochter zu verteidigen. Marlene steht unter dem Verdacht, ihren Mann ermordet zu haben. Die Beweise erscheinen erdrückend zu sein, trotzdem beteuert Marlene von Späth ihre Unschuld. Nun, irgendwie muss die Kasse klingeln. Und er muss die Arbeit nicht mal alleine bewältigen. Die Junioranwältin Sophie Mahler übernimmt die Assistenz. Und gleich wird sie von Pirlo mit Arbeit überschüttet. 


Im ersten Fall für seine kleine Kanzlei muss Anwalt Pirlo ungewöhnliche Wege gehen. Zum einem ist da das Problem mit der Familie, bei der es sich um einen Clan handelt, der häufiger eher am Rande der Legalität operiert, zum anderen erweist sich auch die Verteidigung Marlene von Späths als komplizierter als gedacht. Die Mandantin verhält sich zugeknöpfter als ratsam und erschwert dadurch die Arbeit ihrer Verteidiger. Die Zusammenarbeit mit Sophie Mahler erweist sich als Glücksgriff, auch wenn Pirlo zunächst einige Schwierigkeiten hat, der Jüngeren auf Augenhöhe zu begegnen. Doch Sophie weiß ihr Fachwissen geschickt einzusetzen und so bleibt Pirlo bald nichts anderes übrig als das anzuerkennen.


Mit einem spannenden Fall wird die Anwaltskanzlei Pirlo eröffnet. Aus seinem Wohnzimmer heraus versuchen er und seine Junior-Anwältin Sophie Mahler die Verteidigung ihrer Mandantin zu koordinieren. Ob einem ein Protagonist wie Pirlo zur Gänze sympathisch werden kann, wird jeder Leser und jede Leserin nach eigenem Empfinden entscheiden. Wie sich jedoch Sophie und Pirlo für die Mandantin ins Zeug legen, die auch nicht immer glaubwürdig wirkt, das hat schon was. Fesselnd auch, was sie dabei aufdecken. Letztlich erweist sich Sophie Mahler in Teilbereichen als gewitzter als ihr Chef, was der Lektüre sehr guttut. Dieses spannende Hörbuch wird klasse vorgetragen von Sascha Rotermund und man hat einen Reihenstart, der sich gut anlässt, so dass man die Folgebände mit Neugier erwarten kann.


3,5 Sterne


Pirlo - Gegen alle Regeln von Ingo Bott

ISBN: 978-3-7324-5633-8




Freitag, 25. November 2022

Zürich, ein Dorf

Der Inhaber des Kafi Glück Gottfried Messmer bekommt eine Einladung der Züricher Bank. Er sei als Erbe eines nachrichtenlosen Kontos ausgemacht worden. Messmer, der sich längere Zeit im Ausland aufgehalten hatte, weiß nichts von einem Konto. Seine Eltern waren einfache Menschen, die nichts zu vererben hatten. Neugierig geworden nimmt er das Erbe an. In dem Schließfach befindet sich ein Spazierstock. Und dafür hat er die Kontogebühren gezahlt. Bei genauerem Hinsehen entdeckt er, dass in dem Stock ein kleines Gemälde versteckt ist. Der Brief seines Vaters erklärt einige Hintergründe, aber das Rätsel, wer der wahre Erbe des Bildes ist, bleibt.


Was ist die Geschichte dieses kleinen Gemäldes, von dem sich herausstellt, das es sich um ein frühes Werk von Gustav Klimt handelt? Weniger bekannt zwar als die späteren Arbeiten, aber nach so langer Zeit doch von einigem Wert. Messmer, der sich mit Menschen manchmal schwer tut, hat von seinem Vater den Auftrag bekommen, den Eigentümer oder seine Erben zu finden, um ihm sein rechtmäßiges Eigentum zurückzugeben. Doch wie soll das gehen? Er kennt weder das Bild, noch kann er sich vorstellen, wo sich mögliche Erben aufhalten sollen. Deshalb hängt er das Bild erstmal in seinem Lokal auf. Erstaunlich, wie schnell sich Interessenten finden.


Das Bild, um das es geht, ist auf dem Cover abgebildet. Und eine kleine Recherche ergibt, dass dieses Gemälde wirklich von Klimt geschaffen wurde. Ein trotz des kleinen Formats sehr beeindruckendes Bild, mit dem das Innere eines Waldes präzise getroffen ist. Darum eine Geschichte zu spinnen, zeugt von großer Vorstellungskraft. Auch wenn es in diesem Dorf genannt Zürich etwas zu viele Zufülle gibt, so fesselt der Roman sehr. Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinwirkt, bietet häufig einen packenden Rahmen für eine tolle Story über Menschen und ihre Lieben. Hier gelingt es, den handelnden Personen, ihre Identität zu finden, ihre Vorfahren besser kennenzulernen und lange gehegte Wünsche zu erfüllen. Auf fesselnde Weise wird aus der Familienerzählt zu einem spannenden Krimi.


4 Sterne


Waldinneres von Mónica Sibietes

ISBN: 978-3-10-397083-8





Mittwoch, 23. November 2022

westwärts

Anfang 1937 wird ein Offizier tot in seinem Auto aufgefunden. Offensichtlich hat er die giftigen Abgase eingeatmet. Allerdings deutet die Spurenlage darauf hin, dass es sich wohl nicht um einen Selbstmord handelt. Unter Verdacht gerät die Geliebte des Opfers Greta Overbeck. Diese wird nicht nur von der Polizei gesucht, sondern auch von Charly Rath. In der gemeinsamen Wohnung ist Greta schon seit Tagen nicht aufgetaucht. Eigentlich wollte Charly mit ihrem Ziehsohn Fritze ins Ausland gegangen sein. Doch zunächst mal muss sie ihn aus einer Anstalt herauspauken. Gereon Rath gilt als tot. Nur ganz wenige Menschen wissen von seiner Flucht.


In seinem neunten Auftritt kann sich Gereon Rath nicht mehr Kommissar nennen, er konnte sich absetzen und weiß noch nicht genau, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Eine Möglichkeit bietet sich, als eine Person aus der Vergangenheit wieder auftaucht. Auch seine vermeintliche Witwe Charly musste ihre Pläne ändern. Sie will sich unbedingt um Fritze kümmern und auch ihre Freundin Greta muss sie ausfindig machen, die inzwischen auch von der Polizei gesucht wird. Und so gerät Charly in die Ermittlungen um den Mordfall, der ihr die Ereignisse zur Olympiade des Vorjahres in Erinnerung ruft. 


Dieser neunte Fall um Gereon Rath bezieht sich recht eng auf den Vorgängerband, doch auch weitere Bezüge tauchen auf, die es als ratsam erscheinen lassen, die Reihe komplett zu kennen. Möglicherweise bietet es sich auch an, alle Teile noch einmal zu lesen, wenn die Reihe abgeschlossen ist. Wieder gelingt es dem Autor mit großem Können den immer beklemmender werdenden Alltag in dem politischen Umfeld Deutschlands kurz vor dem Krieg zu schildern und dies mit der spannenden Handlung eines Kriminalfalls zu verbinden. Man merkt einfach wie genau der Autor recherchiert, um diese besonders realistische Darstellung des Lebens unter dem grausamen Regime hervorzubringen. Wie die Menschen alltäglich durch Lautsprecherdurchsagen behelligt werden, wie tief die Propaganda in die Familien hineinwirkt, wie verblendet viele Menschen sind. Der Fall obwohl ebenfalls mit politischer Komponente bietet da einen Gegenpol.

Ein fesselnder zeitgeschichtlicher Kriminalroman aus einer Reihe, von der man sich wünscht, sie möge noch etliche weitere Bände bekommen.


4,5 Sterne


Transatlantik von Volker Kutscher

ISBN: 9788-3-492-07177-2





Sonntag, 20. November 2022

Klub der Spinnerinnen

Sie haben alle eine kleine Marotte, deshalb könnten sich die sechs Freundinnen glatt Klub der Spinnerinnen nennen. Nina fotografiert zum Beispiel gerne kleine Unkräuter, die sie eigentlich lieber Kräuter nennen würde. In regelmäßigen Abständen treffen sie sich, um über ihre Spleens oder den neuesten Klatsch zu plaudern. Im Alltag stehen sie alle ihre Frau und doch gibt es auch mal kleine Probleme. Als Nina bei einem Spaziergang ihre Handtasche vergisst nimmt jedoch eine Art Unheil seinen Lauf. Denn ausgerechnet der unsympathische Ex-Mann von ihrer Klub-Freundin Jelena findet die Tasche und setzt alles daran, die Situation weidlich auszunutzen..


Recht ruhig verläuft das Leben der sechs Frauen um Nina, die in einer Apotheke arbeitet. Nina meint ihr Grüppchen ist in Paare aufgeteilt. Denn irgendwie haben sie sich paarweise zusammen gefunden. Franzi wohnt im gleichen Haus wie Nina und da bot es sich natürlich an. Und ähnlich ist es auch mit den anderen. Jelena ist die einzige von ihnen, die ihre Kinder alleine erzieht. Manchmal muss sie schon einiges organisieren, um an den Treffen teilnehmen zu können. Ihr Ex-Mann hat sich nach dem Verlust seiner Arbeit nicht zum Besseren verändert, deshalb ist er auch ein Ex. 


Oberflächlich betrachtet wirken die Frauen etwas lieblich. Schnell merkt man jedoch, dass sie nicht zu unterschätzen sind. Schließlich stehen sie mit beiden Beinen im Leben und haben ihre speziellen Hobbys und geheimen Wünsche. Aus der Art, wie sie sich ausdrücken und wie sie beschrieben werden, würde man sie für ältlich und abgeklärt halten. Doch auch das erweist sich als Trugschluss. Spätestens wenn man das noch junge Alter von Jelenas Kindern bemerkt, kommt man auf den Gedanken, dass sie wohl eher um die Dreißig sind. So führt man sich selbst manchmal zu falschen Annahmen und darf sich alsbald von der Autorin eines Besseren belehren lassen. Und noch etwas: Diese nett dahin mäandernde Handlung ist doch manchmal ganz schön fies. Aus diesen Gegensätzen speist sich aus der Sicht der Leserin der Reiz dieses Romans, der sich kurzweilig liest und ob der freundlich geäußerten kleinen Gemeinheiten immer wieder überrascht und aufmerken lässt.


4 Sterne


Tea Time von Ingrid Noll

ISBN: 978-3-257-07214-3



Freitag, 18. November 2022

Alter Adel

Nach einem Anschlag kommt der alte Comte de Chacarasse plötzlich ums Leben. Er kann sich gerade noch nach Hause schleppen und auf dem Sterbebett nimmt er seinem Sohn Lucien das Versprechen ab, er möge die Familientradition fortführen. Lucien stimmt dem zu, obwohl er eigentlich nichts mehr mit dieser Beschäftigung der Familie zu tun haben wollte. Schon vor Jahren hat er ein Bistro eröffnet. Doch nun muss er sich in der Kunst des Mordens üben. Denn das ist die geheimnisvolle Tätigkeit, die die Chacarasses ausüben. Ihre Auftraggeber bleiben dabei unbekannt, doch das Salär ist üblich. Lucien hofft, er bringt es irgendwie zusammen, ohne anderen Menschen allzu sehr zu schaden.


Zum Start einer neuen Reihe muss der Killer wider Willen erstmal in seine neue Rolle finden. Sehr menschlich ist er entsetzt über den plötzlichen Tod seines Vaters. Und er will wissen, wieso sein Vater umgekommen ist. Doch zunächst stört sein Onkel, der einen Auftrag weiterzugeben hat. Wie soll das denn gehen? Jemanden umbringen? Lucien weiß nicht, inwieweit er Francine, die Sekretärin seines Vaters, einbeziehen kann. Eine Stütze ist ihm die ältere Haushälterin Rosalie, mit der das Leben einfacher wäre, wenn sie zugeben würde, dass sie in ihrem Alter nicht mehr so gut hört.


Von Wolfram Koch gekonnt vorgetragen, nimmt man es Lucien de Chacarasse ab, dass er sich mit einiger Selbstironie und doch auch einem gewissen Einsatz seiner neuen eher ungewollten Aufgabe widmet. Dabei ist er gezwungen, sein Leben neu zu ordnen. Man gewinnt den Eindruck, dass eine Rahmenhandlung sich durch die Krimireihe ziehen wird, in den einzelnen Bänden jedoch ein Hauptthema vorhanden sein wird. In diesem ersten Band muss sich alles zusammenfinden. Wie wird Lucien seine Arbeit im Bistro mit der Kunst des Tötens in Einklang bringen? Soll er Francine zu seiner Geschäftspartnerin machen? Die Interpretation seiner neuen Tätigkeit ist eigenwillig und interessant. Neben den spannenden Entwicklungen kommt zum Glück auch der Humor nicht zu kurz, der sich manchmal auch im Kopf abspielt.


Ein ansprechender erster Band, der im Ladenregal durch sein farbenfrohes und stimmiges Cover auffällt.


3,5 Sterne


Monsieur le Comte und die Kunst des Tötens von Pierre Martin

ISBN: 978-3-8398-2000-1




Donnerstag, 17. November 2022

Micromort

Kleine Tode warten überall, das Leben ist gefährlich. Das weiß die 35jährige Vilma Veierød genau, sogar Bananen weisen eine geringe Radioaktivität auf. Vilma versucht den größten Gefahren zu entgehen. Sie lebt allein in einem Haus in Oslo, dass sie von ihrer Großtante Ruth geerbt hat. Sie gibt Klavierstunden auch gerne Online. Verwandte hat sie nicht mehr. Deshalb ist sie ausgesprochen überrascht, als ihr der Pfarrer mitteilt, ihr Vater sei während eines Fluges verstorben und habe ihr ein Bündel Briefe hinterlassen. Vilma hat überhaupt keinen Vater, jedenfalls kennt sie ihn nicht. Und doch beginnt sie, die Briefe zu lesen.


Ihr Leben verlief in so ruhigen Bahnen, alles getaktet und geregelt. Auf Überraschungen steht Vilma nicht. Am liebsten würde sie ihren neuesten Klavierschüler nicht hereinlassen. Doch bei ihm daheim gibt es kein Klavier und er schafft es Vilma einige Überraschungen zu bereiten. Noch mehr beschäftigen sie jedoch die Briefe und der Umgang mit ihrem toten Vater. Wer kann schon behaupten, er habe seinen Vater erst nach dessen Tod kennengelernt. Doch durch die Briefe hat Vilma die unerwartete Gelegenheit, etwas über die Geschichte zu erfahren, wie sich ihre Eltern kennen- und lieben gelernt haben. 


Welch eine schöne Geschichte, die alles hat, was man von einem berührenden Roman erwartet. Vilma hat einen ein wenig eckigen Charakter, der sie sehr sympathisch macht, besonders je mehr man über die Erzählung ihres Lebens erfährt. Sie saugt die Briefe ihres Vaters förmlich auf, erst eher widerwillig, aber bald schon fällt es ihr schwer dem Wunsch des Vaters zu entsprechen, nur einen Brief pro Tag zu lesen. Sowohl Vilmas Geschichte als auch die ihres Vaters berührt das Herz. Da ist es unerheblich, dass manche Wendung vielleicht vorhersehbar ist. Hier ist wirklich der Weg das Ziel und diesen Weg beschreitet man ausgesprochen gerne. Dabei ist es ein Genuss, dass beim Hörbuch die Briefe von Wolfgang Gerber vorgelesen werden, während der Vortag der weiteren Handlung in die Stimme von Felicity Grist gelegt wurde. Zwar kann man sich das zum Glück ungekürzte Hörbuch nicht am Stück zu Gemüte führen, doch man freut sich immer wieder, wenn es weitergeht.


4,5 Sterne


Vilma zählt die Liebe rückwärts von Gudrun Skretting

ISBN: 978-3-8032-9294-0





Sonntag, 13. November 2022

Hohe Politik

Bei der EU-Behörde in Brüssel bearbeiten einige der Beamten den Beitrittsprozess einiger Balkanstaaten. Allerdings geht es nicht so schnell voran wie von den Kandidaten insbesondere Albanien gewünscht. Der Präsident Albaniens hat gewissermaßen die Schnauze voll. Er will doch derjenige sein, der sein Land nach Europa führt. Doch der Apparat ist so langsam und immer gibt es neue Forderungen. Der Pole Adam, der kurz bevor das sozialistische Regime in Polen viel im Widerstand war, hofft in seinem Freund Mateusz, der inzwischen Staatsführer von Polen ist, einen Verbündeten zu haben. Doch weit gefehlt. Mateusz verfolgt andere Ziele.


Mit diesem Roman hat der Autor eine Fortsetzung seines preisgekrönten Romans „Die Hauptstadt“ geschaffen. Und dieser Band ist für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Man begibt sich erneuten in die Mühlen der Brüsseler Europapolitik. Strukturen, die nicht leicht zu durchschauen sind. Klare Worte spricht am ehesten der Präsident Albaniens, dem der Verhandlungsprozess zu langsam geht. Er muss seinem Volk etwas bieten. Welche Idee einer seiner Berater, ein Dichter, ein Quereinsteiger, hervorbringt, ist beinahe unglaublich und schräg und gerade damit einnehmend. Dass sich daraus ein Kriminalfall entwickeln kann, war wirklich nicht vorhersehbar. Die diplomatischen Kanäle laufen heiß und größerer Schaden muss abgewendet werden.


Vermutlich konnte der Autor beim Schreiben des Romans nicht wissen, welche Bedeutung die Beitrittsersuchen der Balkanstaaten inzwischen gewonnen haben. Es wäre einem beim Lesen sicher nicht so gegenwärtig gewesen, wie hingehalten sich die Staaten vorkommen, wenn es nicht in der derzeitigen politischen Situation noch einmal deutlich geworden wäre. Gerade deshalb ist die Lektüre von besonderem Interesse. Die Trägheit des Prozesses, die Eigenheiten der Beamten hier und dort, Ausschnitte aus der Geschichte Albaniens. Gerne liest man von ungewöhnlichen Persönlichkeiten. Intrigante Staatenlenker, denen wenigstens relativ aufrechte Beamte gegenüber stehen, die sich wie im wahren Leben meist nicht durchsetzen können. Besonders zu Beginn ist es eine Freude vom Aberwitz des Beamtenapparates zu lesen und so manches Mal zu schmunzeln. Ein wenig fraglich ist es allerdings, ob der weitere Verlauf so gelungen ist, denn auch da könnte die Entwicklung inzwischen weiter sein. Vielleicht könnte sich die Frage stellen, ob gewisse Absichten anderer Staaten hinter den Ereignissen liegen, nur ein vager Gedanke, der vielleicht etwas weit hergeholt ist. Unter dem Eindruck des gesamten Werkes handelt es sich jedoch um eine tolle Groteske über den Politikbetrieb, dessen Ausuferung sich irgendwie nicht wieder einfangen lässt.


4 Sterne


Die Erweiterung von Robert Menasse

ISBN: 978-3-518-43080-4





Samstag, 12. November 2022

Nachbarn und andere

Frau Wiese kann nicht schlafen. Nicht einmal die Schafe, die auf grünen Wiesen über Zäune hüpfen, helfen. Herr Pohl braucht machmal Hilfe, damit sein Hund Lori an die Luft kommt. Er wünscht sich, die Beruhigungshalsbänder für Hunde gäbe es auch für Menschen. Und das sind nur zwei der Nachbarn der Autorin, deren Verwandte viel mit Psychoanalyse zu tun haben und damit auch einige Schrullen aufzuweisen haben. Und es gibt natürlich auch die Nachbarschaft des Elternhaus, wo es schon etwas schockiert, wenn der Briefkasten der Kindheit nicht mehr da ist. 


Mit dieser Sammlung kleiner Geschichten, die zuerst als Kolumnen in der Zeitschrift Psychologie Heute erschienen sind, gibt die Autorin einen kleinen Einblick in die Lebenswelt einer meist freundlichen Nachbarschaft. Obwohl das Verhältnis untereinander nicht unbedingt eng ist, so tauscht man sich doch aus. Auch bei kleinen Problemen, zum Beispiel der fehlende Zucker oder eben der Hund, der mal vor die Tür muss, hilft man sich. Die Erzählerin bewegt sich auch darüberhinaus, so hat sie gelernt, auf Lesereisen mit den Verspätungen der Bahn klarzukommen und sich auf Bahnhofstoiletten umzuziehen. Auch Begegnungen mit pubertierenden Teenagern können durchaus bereichern.


Ob man diese humorvollen und doch auch nachdenklich stimmenden kleinen Ausschnitte aus dem wirklichen Leben am Stück lesen möchte oder jeden für sich, muss man für sich entscheiden. So oder so wird man gut unterhalten, denkt, so ist es oder so würde man es sich wünschen würde. Die Geschichten sind manchmal so lebensnah, dass man hin und wieder meint, man könnte sich selbst daran erinnern oder zumindest an etwas ähnliches. Und so ist die Zeit, die man mit diesem Büchlein verbringt schnell verflogen, doch einzelne Geschichten oder Sätze, die man sofort unterschreiben würde, bleiben.


4 Sterne


Kummer aller Art von Mariana Leky

ISBN: 978-3-8321-8216-8





Freitag, 11. November 2022

Sehnsucht

In einer nicht allzu fernen Zukunft lebt der zwölfjährige Noah, der von seiner Mutter immer Bird genannt wurde, mit seinem Vater im Wohnheim einer Uni. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verschwunden. Sie gehörte zur Gruppe der asiatisch-stämmigen Amerikaner, die seit der Krise großen Repressalien ausgesetzt sind. Bird lebt nun allein mit seinem Vater, der in der Bibliothek arbeitet. In der Öffentlichkeit wird Bird Noah genannt und er soll sich möglichst unauffällig verhalten. Am besten sollte er garnicht zu sehen sein, damit seine asiatische Herkunft nicht auffällt. Doch der Junge vermisst seine Mutter. Gibt es keine Möglichkeit, mit ihr Kontakt aufzunehmen.


Bekommt Bird eine Möglichkeit, seine Mutter wiederzusehen. Manchmal fragt er sich, ob er sich überhaupt noch richtig an sie erinnert. Und sein Vater spricht nicht. Immer mahnt er zur Vorsicht. Natürlich wissen sie in der Schule, dass Birds Mutter Asiatin war und so ist sein Stand in der Klasse nicht besonders. Während einer kurzen Phase war seine Klassenkameradin Sadie ein Lichtblick in seinem Leben. Doch Sadie, in einer ähnlichen Situation wie er, verschwand von einem Tag auf den anderen. Nach einem winzigen Zeichen beginnt  Bird gegen alle Widerstände nach seiner Mutter zu suchen. 


Dieser dystopische Roman erzählt von einem Amerika, von dem man hofft, dass es so nie oder nie wieder bestehen möchte. Auch wenn man sich gerade in der heutigen Zeit mit Hoffnungen etwas schwer tut. Gerade zu Beginn des Buches fällt es einem schwer sich in Birds Lage zu versetzten. Etwas Ungläubig steht man davor und denkt, eigentlich kann es das nicht geben im Land der Freien. Wieso sind sie so? Schnell kommt die Überlegung, sind wir anders? Fast schon erleichtert macht man sich mit dem gewitzten Bird auf die Suche. Doch irgendwann ändert sich der Tonfall und die Erzählung wirkt mehr wie ein Bericht. Dieser kühle Ton macht es noch schwerer zu ertragen, was man vorgesetzt bekommt. Geradezu herzzerreißend wird die Handlung zum Ende hin. Dieser Roman angesiedelt in einer bedrückenden Welt hat doch auch etwas hoffnungsvolles.


4 Sterne


Unsere verschwundenen Herzen von Celeste Ng

ISBN: 978-3-423-29035-7





Mittwoch, 9. November 2022

Hitzesommer

Es ist heiß im Sommer 2018 in München. Da ist es nicht so angenehm für Kommissar Joachim Kant zu einem Leichenfund gerufen zu werden. Gemeinsam mit seinem Kollegen Rademacher begibt er sich auf den Weg zu einer alten Farbenfabrik, die schon lange geschlossen ist. In einem riesigen Metallbehälter liegt ein Toter, der wohl vor längerer Zeit verstarb. Die Beamten rechnen mit Schwierigkeiten bei der Identifizierung. Doch ihre neue Kollegin Hanna Weiß erweist sich in diesem Punkt als Joker. Da der Tote eine Schachfigur in der Hand hielt, versucht sie, ob dieser Hinweis zu einem Vermissten passen könnte. Und sie wird fündig.


In diesem zweiten Band um Kommissar Kant und sein Team gibt es einen rätselhaften Todesfall aufzuklären. Was die Sache nicht einfacher macht: die Leiche muss schon länger auf dem Fabrikgelände gelegen haben. Erst jetzt, als mit Abrissarbeiten begonnen wurde, wurde der Tote von einem Bauarbeiter entdeckt. Die Ermittler wollen herausfinden, warum der eher einfach gekleidete Tote eine so teure Jacke getragen hat. Doch wo anfangen, nur der Eigentümer der Anlage kann vielleicht ein paar Hinweise geben. Die neue Hanna Weiß macht sich gut und sein Partner Anton Rademacher hat immer gute Ideen, nur momentan hält er sich etwas zurück.


Es ist immer schön, wenn man mal wieder einen richtigen Kriminalroman zu lesen bekommt. Kommissar Kant und seine Kollegen ermitteln zielstrebig und akribisch. Schnell werden sie dem Leser sympathisch. Sie haben ein Privatleben, das eine gewisse Wichtigkeit hat, aber dennoch kommt der Fall nicht zu kurz. Manchmal ist einfach Klinken putzen angesagt und gerade dieses Unaufgeregte macht Spaß beim Lesen und es fördert die Lust am miträtseln. Und Rätsel gibt dieser Todesfall genug auf. Schon was es mit dieser Schachfigur auf sich hat, ist nicht so leicht festzustellen. 


Ein ausgesprochen lesenswerter klassischer Krimi, der durch seine Schnörkellosigkeit besticht mit einem Ermittlerteam, von dem man gerne mehr lesen möchte.


4 Sterne


Kant und der Schachspieler von Marcel Häußler

ISBN: 978-3-453-42701-3






Dienstag, 8. November 2022

Speed-Killing

Loretta Luchs will nicht länger alleine bleiben. Sie hat sich in einem Internet-Portal angemeldet, um auf Partnersuche zu gehen. Besonders ein Chatpartner ist ihr sympathisch. Aber auf einem Bein kann man nicht stehen und so nimmt Loretta an einem Speed-Dating teil. Schon beim ersten Treffen lernt sie Mike kennen, der mit ihr auf einer Wellenlänge zu sein scheint. Sie wollen sich bei einer weiteren dieser Veranstaltungen treffen. Es lässt sich gut an, bis Mike bei dem zweiten Speed-Dating plötzlich stirbt. Nein, das kann doch wohl nicht sein, wo Loretta doch allen unnatürlichen Todesfällen abgeschworen hatte.


Eigentlich wollte Loretta nicht mehr ermitteln. Aber wie es der Zufall so will, fällt ihr bei ihrer Suche nach einem Partner ein Toter förmlich vor die Füße. Wenn das schon so ist, muss Loretta natürlich auch bei ihrem zwölften Auftritt in die Ermittlungen einsteigen. Und ihre Freunde helfen ihr dabei. Sie sind alle dabei Frank und Bärbel, Erwin und Doris, Dennis und sogar Diana mischt aus der Ferne mit. Doch wer sollte einen Grund haben, jemanden zu töten, der wie die anderen auf der Suche nach Liebe war. Die Teilnehmer an dem Speed-Dating waren Loretta zwar nicht alle persönlich sympathisch, aber einen Mörder würde unter ihnen nicht vermuten.


Man kann ja verstehen, dass Loretta nach der Trennung von Pascal wieder einen Partner haben möchte. Aber was dann geschieht, ist doch typisch Loretta. Und es geht nicht nur um die Frage, wer Mike umgebracht hat, sondern auch noch etwas ganz anderes. Das ist überraschend und lustig zu lesen. Obwohl er durchaus seinen Platz einnimmt, ist der Fall nicht ganz so im Vordergrund, weil die andere Sache einfach unerwartet und damit interessanter ist. Irgendwie sind auch alle nett, so dass man garnicht glauben kann, dass sich unter den Parntersuchenden ein Mörder befindet. Ein schöner zwölfter Fall mit Loretta und ihren Freunden.


4 Sterne


Ringelpietz mit Abmurksen von Lotte Minck

ISBN: 978-3-7700-2124-6

Sonntag, 6. November 2022

Eisprinzessin

Er will Triathlet werden, der Polizist Arno Bussi. Mit Franziska trainiert er fleißig, was seiner Mutter nicht so gefällt. Sie überredet ihn, mit ihr übers lange Wochenende nach Maria Schnee zu fahren. Dort findet ein Volksfest statt wie es zwar vielen aber nicht dem Arno gefällt. Nur so ein richtiges Essen das könnte er nach der Trainingsdiät schon mal wieder vertragen. Er verträgt sich auch gut mit der Rosa von der Rezeption des Hotels, in dem die Mutter eine Suite reserviert hat. Die Rosa soll auch als Eisprinzessin beim Volksfest auftreten. Kann Arnos Mutter überhaupt richtig beobachtet haben, als sie behauptet, sie habe gesehen, wie die Rosa entführt wurde.


Diesen dritten Fall, in dem Arno Bussi ermittelt, kann man sich auch als Hörbuch gönnen. Immer noch langweilt sich Arno im Archiv, weil der Chef nicht damit einverstanden war, dass Arno mal eine Affäre mit seiner Frau hatte. Eigentlich ist Arno froh, wenn er mal aus Wien herauskommt. Aber mit seiner Mutter nach Maria Schnee zu einer Alpen Gaudi? Zwar muss sich Arno durch diesen Festlärm quälen, aber als die Rosa tatsächlich nicht auffindbar ist, beginnt Arno Fragen zu stellen. Natürlich gibt es keinen Fall und Arno ist auch nicht zuständig, aber fragen kann man ja mal. 


Gekonnt und mit ansprechendem Lokalkolorit wird dieses Hörbuch vorgetragen von Markus Völlenklee. Gerne hört man von Arnos Urlaubserlebnissen mit seiner chaotischen manchmal nervigen, aber doch liebenswerten Mutter. Seine Beziehung zu Franziska geht dabei etwas unter, vielleicht sind sie doch eher Trainingspartner. Mit dem Training wird es allerdings nicht viel während des Urlaubs, der sich immer mehr zur Arbeit auswächst. Nicht immer direkt undercover, doch eben auch nicht direkt als polizeiliche Ermittlung. Und doch findet Arno Bussi Spuren, die auf etwas ganz anderes hindeuten. Das ist spannend zu hören und gerade mit dem sprachlichen verortet sein in Österreich erhält man noch einen besseren Eindruck von Arno Bussi und seiner Welt. Obwohl die anderen Fälle noch etwas überzeugender waren, ist auch dieser Ausflug Arno Bussis nach Maria Schnee ein gutes Hörerlebnis.


3,5 Sterne



Totentanz im Pulverschnee von Joe Fischler

ISBN: 978-3-7324-1872-5





Samstag, 5. November 2022

Detective Jai

Jai und seine Freunde gehen in die öffentliche Schule. Sie wohnen in einem der Armenviertel und obwohl ihr Leben nicht einfach ist, Dann verschwindet ein Schulkamerad und seine Eltern sind sehr besorgt. Die Polizei vermutet, der Junge sei weggelaufen und sie wollen erst nach ihm suchen, wenn er in weiteren Tagen nicht wieder aufgetaucht ist. Jai, der gerne Polizei-Serien schaut, meint, wenn die echte Polizei nichts unternimmt, dann müssen er und seine Freunde zu Detektiven werden. Sie beginnen mit ihren Nachforschungen. Als jedoch ein weiteres Kind verschwindet, könnte die Suche auch gefährlich werden.


Mit diesem Debütroman wird nicht nur die Armut in den Vierteln einer Stadt in Indien dargestellt, sondern auch die Lebhaftigkeit und der Witz der Kinder. Der ungefähr zehnjährige Jai nimmt die Gelegenheit wahr, sich den Traum von einer Tätigkeit als Detektiv zu erfüllen. Natürlich will er seinen Freund finden, der es wegen eines Sprachfehlers weder daheim noch in der Schule leicht hatte. Er könnte zwar abgehauen sein, aber er war eigentlich nicht der Typ dafür. Die Kinder gehen jeder Idee nach und sie wagen sich über die Grenzen ihres Viertel hinaus. Sie hatten noch keinen Erfolg als das zweite Kind aus der Nachbarschaft verschwindet.


Nach hiesigen Maßstäben ist es kaum vorstellbar, wie die Kinder in diesem ärmlichen Viertel leben, immer unter der Bedrohung, dass die Häuser plattgemacht werden. Und doch geben die liebevollen Beschreibungen der Autorin den Kindern große Lebendigkeit. Da sind sie manchmal auch einfach nur Kinder, die ihr Abenteuer leben. Doch auch der Ernst des Lebens hinterlässt Spuren, die Sorge der Eltern um ihre Kinder, denen sie kein so behütetes Leben bieten können wie sie es wünschen würden. Und dann die Polizei, die die Menschen aus armen Verhältnissen und ihre Probleme für nicht so wichtig hält. Jai, der kleine Detektiv nimmt einen für sich ein und man wünscht, sein Leben würde nicht so viele Veränderungen erfahren.


4 Sterme


Die Detektive vom Bhoot-Basar

ISBN: 978-3-499-00085-0





Freitag, 4. November 2022

Der Falter

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg werden die jugendlichen Geschwister Nathaniel und Rachel von ihren Eltern in der Obhut eines befreundeten Mannes zurückgelassen. Die Gewischter nennen ihn den Falter und er wird ihnen für eine Weile zum Familienersatz. In seiner Welt lernen sie auch den Boxer und seine Freunde kennen. Dieser scheint ein Schmuggler und Gauner zu sein, der ihnen besonders Nathaniel auf seinen Touren etliche Abenteuer verschafft. Doch wieso mussten die Eltern fort und wohin sind sie? Nathaniel macht sich viele Gedanken, zwar genießt er seine Jugend, aber irgendwie vermisst er seine Eltern doch.


Natürlich erzählen Eltern Kindern nicht alles. Manches wollen sie nicht sagen, manches dürfen sie nicht sagen. Doch so relativ sang und klanglos zu verschwinden, ist schon nicht einfach zu ertragen. Auch wenn sich der Falter und der Boxer bemühen, Nathaniel und Rachel gut zu betreuen, ist es doch etwas anderes als eine normale Familie zu haben. Oder ist es garnicht so schlimm? Schließlich war und ist es in England durchaus üblich, Kinder früh zur Schule zu schicken und in der Folge auch früh in Internate zu geben. Doch besonders für Nathaniel bleibt eine Lücke, die er in späteren Jahren füllen möchte. Seine unbekannten Eltern sollen zu solchen werden, die er kennt.


Im Krieg ist es das Wichtigste zu überleben, Gedanken an die Familie müssen häufig zurückstehen. Manches dient sicher auch dem Schutz der Lieben, für die es besser ist, nicht zu viel zu wissen. In diesem Buch ist es sehr fesselnd zu lesen, welche große Resilienz die Jugendlichen besitzen. Gleichzeitig staunt man über die Geschichte insbesondere der Mutter, dieses unbekannte Wesen. Gespannt verfolgt man, was Nathaniel als Erwachsener herausfindet, wie er aus Kleinigkeiten ein Bild zusammensetzt. Er wirkt eher verzeihend, während Rachel eher anklagt. Doch hat ihre Mutter eine Wahl gehabt? Das bleibt ungewiss, wie einige andere Kleinigkeiten. Normal vielleicht, wenn den Fragen erst Jahre später nachgegangen wird. Dennoch verschlingt man diesen Roman um ungewöhnliche Lebenswege von Eltern und Kindern, die sich unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges entwickelt haben. 


4,5 Sterne


Kriegslicht von Michael Ondaatje

ISBN: 978-3-423-14760-6



Dienstag, 1. November 2022

Hoffnungsreise

Im Jahr 2017 macht sich die ungefähr 70jährige Signe mit dem Segelboot auf den Weg nach Süden. Signe ist eine Warnerin und Umweltaktivistin, die nach Jahren der Aktionen fühlt, dass sie kaum gehört wird. Und nun will sie den Mann wieder treffen, der der Mann ihres Lebens war und der doch so unterschiedlich dachte, dass sie nicht zusammenbleiben konnten. Im Jahr 2041 herrscht in Frankreich eine unbarmherzige Dürre. Mit knapper Not hat David mit seiner kleinen Tochter Lou ein Lager weiter nördlich erreicht. Dort wollen sie auf seine Frau Anna und seinen Sohn August warten. Die Familie wurde auf der Flucht getrennt. 


Mit diesem zweiten Band ihres Klimaquartetts widmet sich die Autorin dem Wasser, genauer dem Süßwasser. Die Klimaaktivistin Signe versucht den Raubbau an dem kostbaren Gut zu verhindern. Sie will die Seen und Flüsse Norwegens in ihrem natürlichen Verlauf erhalten. Doch gegen die kommerziellen Ziele der Besitzenden kommt sie nicht an. Ungefähr 25 Jahre später herrscht in Frankreich eine große Dürre. David, der lange in einer Firma zur Wasserentsalzung gearbeitet hat, muss nach katastrophalen Bränden aus seiner Heimatstadt fliehen. Dort hatte er alles, eine Frau, zwei Kinder, Eltern, Freunde und eine Arbeit. Und nun hat er wenigstens seine Tochter und ein Feldbett in einer Flüchtlingsunterkunft.


Während die Geschichte der Bienen (Band 1 der Reihe) die Erzählungen der Protagonisten auf spannende Weise verknüpft, kommt dieses Element hier lediglich am Rande vor. Dennoch fesselt die Handlung, denn auf beiden Erzählebenen verfolgt man mit Neugier, ob die handelnden Personen ihr Ziel erreichen. Wird Signe mit ihren Aktionen etwas ändern können, wird sie ihre Norwegischen Mitbürger überzeugen können, dass Gewinnstreben nicht alles ist, dass es sich lohnt, die Natur für künftige Generationen zu erhalten. Und wird David es schaffen, seine Tochter in den Norden zu bringen, wo es noch Süßwasser und Regen gibt. Ob der Raubbau an den Quellen des Wassers in Norwegen etwas mit der Dürre im Süden zu tun haben kann, bleibt unklar. Vielleicht wäre es auch interessant gewesen, inwieweit die Autorin die Handlung ihres Romans in der Realität verankert hat. Dies kam im ersten Band des Klimaquartetts besser zutage. Dennoch liest sich der vorliegende Roman sehr flüssig und spannend.


3,5 Sterne


Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

ISBN: 978-3-442-71831-3