Donnerstag, 28. Februar 2019

Kiewarra


Ein schwerer Gang für den Steuerermittler Aaron Falk. Er führt ihn zurück in seinen Heimatort Kiewarra, wo sein Jugendfreund Luke Hadler, dessen Frau und Sohn beerdigt werden. Alles sieht danach aus, als sei der Hof von Luke wegen der Dürre so überschuldet gewesen, dass dieser keine andere Möglichkeit sah, als sich und seine Familie umzubringen. Lukes Eltern mögen das nicht glauben und auch der Ortspolizist Raco hat Zweifel. Warum sollte Luke seine jüngste Tochter Charlotte verschonen? Aaron Falk möchte am liebsten schnellstens wieder aus dem Ort verschwinden, an den er nicht viele gute Erinnerungen hat. Doch Lukes Eltern bitten ihn Nachforschungen anzustellen.

In Aarons und Lukes gemeinsamer Vergangenheit ist etwas geschehen, das letztlich zu Aarons Weggang geführt hat. Auch wenn er erst später in den Staatsdienst eingetreten ist, ist es doch hart für ihn, an seinem Heimatort zu ermitteln. Er kennt die Menschen dort und sie kennen ihn. Natürlich kann er nicht völlig neutral sein und auch die Bewohner des Ortes behandeln ihn nicht wie einen fremden Beamten. Es fehlt die nötige Distanz. Dennoch kann er den Hadlers ihren Wunsch nicht abschlagen, wer würde nicht verstehen, wenn Eltern genau wissen wollen, was in den letzten Stunden ihres Kindes geschah.

Mit sonorer Stimme trägt Götz Otto vor wie Aaron Falk erst wiederwillig in die Ermittlungen einsteigt, diese aber, nachdem er erste Ungereimtheiten gefunden hat, immer mehr intensiviert. Bedrückend, wie das alte Geschehen wieder ins Bewusstsein der Leute kommt. Wilde Vermutungen werden angestellt. Fast könnte man meinen, Luke habe allen Grund für die Tat gehabt. Doch auch andere Gedanken drängen sich auf, Ereignisse, die Falk nicht bekannt waren und die Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen. Gekonnt lockt die Autorin von einer falschen Fährte zur nächsten und je tiefer sie ihren Ermittler graben lässt, desto mehr überraschen die Entwicklungen. Ein gelungenes Hörbuch, das die Zeit wie im Flug vergehen lässt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

The Dry von Jane Harper
ISBN: 978-3-7324-5132-6


Mittwoch, 27. Februar 2019

Die Drei


Gerade hat die SPD die Wahl von 1972 gewonnen, bei einer hohen Wahlbeteiligung von über 90% stellen sie die stärkste Fraktion. Die Koalitionsverhandlungen können beginnen. Doch Kanzler Willy Brand muss sich einem Eingriff unterziehen und kann nicht den vollen Einsatz geben. Die Wirtin des „Rheinblicks“ Hilde Kessel ist wie immer am Puls der Zeit, das Wahlergebnis ist Thema des Tages. Doch die Zeiten sind nicht mehr wie in den Vorjahren, die drei vom Rheinblick gibt es nicht mehr. Dennoch ist für Hilde die Vergangenheit wacher denn je, etwas von damals droht sie einzuholen. Sonja Engel, eine junge Logopädin, soll den Kanzler in seinem Heilungsprozess unterstützen, was sich als nicht so einfach erweist.

Was war das für eine Zeit, wo die Politik noch Tagesgespräch war und Diskussionen über politische Fragen in den Wohngemeinschaften junger Menschen eher der Regelfall waren. Wahlbeteiligungen über 90%. Politiker von heute würden davon träumen. Doch nicht alles war so schmuck und heimelig im beschaulichen Bonn, wie man zunächst annehmen könnte. Obwohl es für Hilde oberstes Gebot ist, dass was im Rheinblick erzählt wird, auch im Rheinblick bleibt, ist es nicht immer einfach wegzuhören. Und alle kommen zu Hilde, egal ob Rot, ob Schwarz, ob Gelb. Und auch in Sonjas WG geht es manchmal um so profane Dinge, wie wer das Essen macht und wie die Miete bezahlt werden soll. In der Behandlung von Brandt sieht Sonja ihre große Chance. 

Liest man den Roman, gelangt man zu der Ansicht, dass es sich damals um eine spannende Zeit gehandelt hat. Das Leben in Bonn ist von der Politik bestimmt. Doch auch der Dinge des alltäglichen Lebens dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Aus dieser Mischung strickt die Autorin eine packende Erzählung, die einem sowohl das politische Geschehen als auch das Studentenleben nahebringt. Die Aufbruchstimmung nach den 68ern, das Demokratiemanagement durch einen Kanzler, der verstanden hat, was für Schuld das Land mit diesem verheerenden Krieg auf sich geladen hat. Doch auch in dieser Zeit gibt es welche, die den anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnen. So werden Ränke geschmiedet, es wird bestochen und viele sind sich selbst die Nächsten. Ja, so könnte es gewesen sein. Glaubhaft und authentisch wirken die Worte der Autorin, mit denen sie einen Einblick in die Geschichte der damals noch jüngeren Republik gewährt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Rheinblick von Brigitte Glaser
ISBN: 978-3-471-35180-2


Montag, 25. Februar 2019

Letzter Ruf


Ein Serientäter geht um in Sydney. Sportliche junge Frauen werden umgebraucht und verstümmelt. Obwohl Eden Archer gerade erst halbwegs genesen ist, macht sie sich auf die Suche nach dem Killer. An ihrer Seite ihr Partner Frank Bennett, der langsam nicht mehr verleugnen kann und will, dass Eden keine normale Polizistin ist. Immer wieder fragt er nach ihrer Vergangenheit. Und auch Franks Freundin will hinter Edens Geheimnis kommen. Schließlich gibt es Belohnungen, wenn Privatleute Fälle zu lösen, an denen sich die Polizei die Zähne ausgebissen hat. Und dann ist da noch Hooky.

Nach den vorherigen Bänden der Reihe um Archer/Bennett glaubt man kaum, dass es gelingen kann, einen weiteren grausam intelligenten Fall zu formen. Man wird beim Lesen eines Besseren belehrt. Ein Konglomerat aus Spuren, Hinweisen, Entwicklungen über lange Zeit führt zu einem ausgesprochen spannenden Werk, das man nur verschlingen kann. Da ist Hades, der auf seine mitfühlende Art diesmal einen misshandelten Hund bei sich aufgenommen hat und wieder aufpäppelt. Da ist Imogen, deren Gier unerschöpflich ist und die für Geld bereit ist, in jeder Ritze zu graben. Da ist Hooky, die ihre Eltern verloren hat und jetzt Halt bei den ehemaligen Kollegen ihres Vaters sucht. Da ist Eden, die ihr Geheimnis wahren will, um beinahe jeden Preis. Und natürlich gibt es einen Täter, bei dem alles zusammenläuft, einer mit dem man nicht rechnet, der auch eine Geschichte zu erzählen hat. 

Man muss einiges aushalten können, wenn man diese Reihe, die mit diesem dritten Band beendet ist, liest. Allerdings ist man gebannt von der Andersartigkeit der Akteure und von dem Geschick, mit dem die Autorin ihre Personen durch Fall und Leben wandeln lässt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Fall von Candice Fox
ISBN: 978-3-518-46765-7


Sonntag, 24. Februar 2019

Bruderschmerz


Er gräbt eine Schlange aus, einen Hund und eine alte Schreibmaschine, Matthew, der älteste der fünf Dunbar-Brüder. Genau auf dieser Schreibmaschine wird er ihre Geschichte niederschreiben und die der Eltern. Ihre geliebte Mutter ist gestorben und ihr Vater hat sie verlassen. Etwas, womit  junge Menschen unmöglich klarkommen können. Doch die Dunbar-Brüder halten zusammen. Sie nehmen es als Lebensaufgabe an, sie müssen weiterleben, ihre Mutter hätte es so gewollt. Clay, der zweitjüngste der Fünf, ist es, der sich aufmacht zum Vater, um eine Brücke zu bauen, um die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. 

Nahezu jeder kennt „Die Bücherdiebin“, der herausragende Roman, mit dem der Autor bekannt wurde. Lange galt es auf den nächsten großen Roman zu warten. Und nun ist es soweit, die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder ist erschienen. Gespannt blickt man auf das Buch und fragt sich, ob das neue Werk mit dem Vorgänger mithalten kann. Der Anfang ist dabei vielversprechend, man erwartet eine skurrile aber dennoch anrührende Geschichte, in der die Brüder den tragischen Tod ihrer Mutter überwinden müssen. Doch nach dem vielversprechenden Beginn fängt man erstmal an, sich „Die Bücherdiebin“ zurückzuwünschen. Zu sperrig und verworren sind die ersten Seiten des Buches. Man fragt sich, ob die Begeisterung über „Die Bücherdiebin“, die fast in einer Nacht verschlungen war, übertrieben in Erinnerung geblieben ist, ob man das erste Buch nochmal lesen sollte oder ob man das aktuelle Buch wie das Erste lieber auf Englisch lesen sollte, um den Zauber zu empfinden. 

Zum Glück lassen sich die verschiedenen Fäden, die die Handlung zusammenhalten, entwirren. Es ergibt sich ein fesselndes und anrührendes Buch über fünf ungewöhnliche Kinder und Jugendliche, die vor der Zeit erwachsen werden müssen und die diese Aufgabe mit dem gebotenen Unperfektionismus meistern. Die Dunbar-Brüder raufen sich im wahrsten Sinne des Wortes, doch sie raufen sich auch zusammen. Ihre Mutter wird immer in ihren Herzen sein, doch die Trauer kann nicht ewig dauern. Der Tod wirft die Jungen in ein Tal, das unendlich tief erscheint.  Jedoch auch das tiefste Tal erreicht ein Sonnenstrahl. Das mag ein Hund oder eine Katze sein, vielleicht ein Mädchen. Die Erinnerung bleibt allerdings, an eine Mutter, die ihren Kindern alles gab, insbesondere sich selbst.

Ein Buch, auf das man sich einlassen sollte, damit man nichts verpasst.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak
ISBN: 978-3-8090-2706-5


Samstag, 23. Februar 2019

Bild gesucht


Rupert von Schleewitz bewegt sich in erlesenen Kreisen, da kann man ein von, auch wenn es nur ein Namensbestandteil ist, ganz gut gebrauchen. Mit den Mitarbeitern seiner Detektei hat er es sich zur Aufgabe gemacht, nach verschwundenen Kunstwerken zu suchen und deren Weg in der Welt darzustellen. Der neue Auftrag ist besonders brisant. Einem Gönner ist „Der Turm der blauen Pferde“, gemalt von Franz Marc und verschwunden nach dem zweiten Weltkrieg, angeboten worden. Rupert, Klara und Max sollen nun herausfinden, wo das Bild nach seinem Verschwinden versteckt war, durch welche Hände es gegangen ist und alles Weitere, wodurch die Echtheit bestätigt werden könnte.

Schon während der Lektüre wird man neugierig, inwieweit der Ansatz zu diesem Buch der Phantasie des Autors entsprungen ist. Durch eine einfache Recherche kann man in Erfahrung bringen, dass das bekannte Bild des berühmten und leider viel zu früh im ersten Weltkrieg dahingerafften Malers tatsächlich nicht auffindbar ist. Daraus lässt sich wie der Autor zeigt eine spannende Geschichte ersinnen. Die Detektive selbst angefixt von der Möglichkeit, das echte Bild vor sich zu haben, machen sich alsbald auf die Suche nach der Wahrheit. Diese gebärdet sich allerdings widerspenstiger als erwartet. So einfach lässt sich nicht klären, wieso das Bild dem reichen Industriellen angeboten wurde.

Hat man ein gewisses Interesse an der Kunstwelt des frühen letzten Jahrhunderts, wird man diesem Plot sicherlich so einiges abgewinnen können. Was könnte es Fesselnderes geben als die Herkunft eines wieder aufgetauchten Schatzes zu klären. Zwar geraten manche Handlungen der Detektive etwas hölzern und nicht immer wird die Motivation für einige Aktionen klar, aber insgesamt wurde eine tolle Idee mit intelligenten Twists bereichert. Als Start einer neuen Reihe ist dieser Roman sehr gelungen. Er entführt in die Welt der Kunst, in der es sicher noch etliche Geheimnisse zu entdecken gibt. Und wenn man durch die Lektüre seinen Horizont erweitert, vielleicht das Werk eines Künstlers für sich entdeckt, so hat das eigene Leben eine kleine neue Facette erhalten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann
ISBN: 978-3-462-31970-5


Sonntag, 17. Februar 2019

Siegler


Weil die Tochter ihrer Freundin verschwunden ist, reist Phoebe Siegler nach Kalifornien, um die junge Frau zu suchen. Hilfe bekommt sie von dem Detektiv Charles Heist, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Verschwundenen zu finden. Es ist die Zeit nach dem Wahlsieg des kleinen Turms und Phoebe fühlt sich nicht mehr gut in Brooklyn. Daher ist es ihr zwar ein Anliegen die junge Arabella zu finden, aber auch eine Gelegenheit wegzukommen. Im fernen Kalifornien taucht sie ein in Kolonien ehemaliger Hippies und anderer Aussteiger, die am Rande der Gesellschaft leben. Diese Menschen haben eine eigene Welt kreiert, die zu verstehen nicht leicht für Phoebe ist.

Der wilde Detektiv Charles Heist ist eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sein Name könnte beinahe als Programm gedeutet werden, bedeutet Heist doch so viel wie Überfall oder Raubüberfall und wie ein Überfall bricht er über Phoebe hinein und sie hat Mühe, beim Thema der Suche nach Arabella zu bleiben. Doch Heist ist auch ein geheimnisvoller Typ, der sich nur ungern in die Karten schauen lässt. Immer wieder verschwindet er und Phoebe ist unsicher, ob seine Art der Arbeit hilfreich bei der Suche nach Arabella sein kann. Doch meist schafft Phoebe, sich dem Detektiv anzuschließen und lernt sie eine Parallelwelt in den Bergen Kaliforniens kennen, die rau und ursprünglich und manchmal auch gewalttätig ist.

Leicht zu lesen ist dieser Detektivroman, aber nicht in allen Teilen leicht zu verdauen. Schließlich finden Phoebe und Charles schon zu Beginn zwei tote Jugendliche, deren Sterben geheimnisvoll bleibt. Auch die Begegnungen mit den Aussteigern gestalten sich schwieriger und gefährlicher als man vermuten könnte, wenn man den Begriff Aussteiger hört. Hier scheinen sich in langen Jahren hauptsächlich zwei Gruppen gebildet zu haben, die sich nicht nur wohlgesinnt sind. Man hofft, dass solche abgeschiedenen Gruppen eher in den großen Weiten Amerikas zu finden sind. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman sehr spannend, auch wenn er manchmal wie ein Trip durch ein Amerika wirkt, das durch die politischen Umstände auch nicht besser geworden ist. Manchmal sind Phoebes Handlungen nicht leicht nachvollziehbar und manchmal meint man, sie könnte eine Schwester im Geiste sein.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)


Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem
ISBN: 978-3-608-11077-7


Samstag, 16. Februar 2019

Offenbarer


Ein Brief soll Conawago und Duncan McCallum an einen Ort führen, an dem noch ein paar Nipmucks vermutet werden. Je näher der alte Indianer und sein junger schottischer Freund ihrem Ziel kommen, desto mehr Zeichen gibt es vom Krieg zwischen den Briten und den Franzosen. Zufällig findet Duncan einen ermordeten britischen Soldaten, der an ein Wagenrad gefesselt im See versenkt wurde. Ein schlechtes Omen wie sich herausstellt. Als Conawago und Duncan an der kleinen Siedlung ankommen müssen sie entsetzt feststellen, dass die meisten Einwohner einem Massaker zum Opfer gefallen sind. Bald erreicht eine britische Patroullie das Geschehen und Duncan gerät unter Verdacht.

Im Jahr 1760 hat der Krieg um die Vorherrschaft in Nordamerika nichts an Gewalt verloren. Die Kontrahenten versuchen jeweils die einheimischen Stämme auf ihre Seite zu ziehen. Doch auch die in der Heimat geschmähten Schotten mischen auf der Suche nach einer neuen Heimat mit. Eine schwierige Situation für Duncan McCallum, der aus Schottland fliehen musste und in Conawago einen väterlichen Freund gefunden hat, der in auf die Pfade der alten Stämme geführt hat. Nachdem Conawago erfahren musste, dass einer seiner wenigen verbliebenen Verwandten bei dem Massaker umgekommen ist, macht er sich auf den Weg, noch schlimmeres Unheil zu verhindert. Duncan folgt seinem Freund, nicht nur um ihm zu helfen, sondern auch um den geheimen Strippenzieher zu finden.

Wie auch in den vorherigen Bänden um Duncan McCallum und Conawago beschreibt Eliot Pattison mit großer Einfühlsamkeit wie es damals in Nordamerika zugegangen sein mag. Die Indianer werden von allen Seiten bedrängt, sei es durch die verschiedenen Kriegsparteien, die sie für ihre eigenen Ziele ausnutzen wollen oder auch durch die Verbreitung europäischer Krankheiten, die ihre Reihen dezimieren. Doch auch das unbedingte Verständnis, dass einige der Einwanderer den Indianern und ihren alten Sitten und Gebräuchen entgegenbringen, nimmt einen ein. Man bedauert den Bruch in der naturnahen Lebensweise der Indianer. Zerrieben zwischen den Fronten gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, sich ihre Ursprünglichkeit zu bewahren. Hätte nicht ein Miteinander eher zu einem friedlichen Zusammenleben geführt? Nicht immer muss dem Vorhandenen eine andere Art übergestülpt werden, die gewachsenen Strukturen können sich durchaus als erhaltenswert erweisen. Dieser Roman packt mit seinen exzellent recherchierten Passagen des geschichtlichen Rahmens und der alles tragenden Freundschaft zwischen dem weisen Indianer und dem klugen Schotten.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Original Death von Eliot Pattison
ISBN: 978-1-3863-6479-5


Sonntag, 10. Februar 2019

Wieder gut machen


Manchmal geschieht einfach ein Mord nach dem anderen und dann kommen auch noch dramatische Entwicklungen im so sicher geglaubten privaten Umfeld hinzu. Alex Recht und Fredrika Bergman müssen in mehreren Fällen ermitteln, die keinen Zusammenhang erkennen lassen. Ein Mann wird am Kamin sitzend erschossen, eine Frau wird tot auf einem Tennisplatz gefunden, ein Rentner liegt tot in seiner Wohnung. Und der Bestatter, der damals auch die Beerdigung von Rechts verstorbener Frau betreut hatte, behauptet steif und fest, seinem Bruder und dessen Familie sei etwas passiert, er habe die neue Stelle in Australien nicht angetreten. 

So viele Tote in so kurzer Zeit, da drängt sich der Gedanke an eine Serie auf. Doch es ist kein Zusammenhang festzustellen. Die Opfer kannten sich nicht, es gab auch keine gemeinsamen Bekannten. Oder doch? Jedenfalls finden Recht und Bergman heraus, dass die Tochter des ersten Opfers selbst eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Und es lassen sich Hinweise finden, dass gerade der Vater nicht genug getan hat, um sein Kind vor dem übergriffigen Ehemann zu retten. Das ist jedenfalls die Meinung des Bruders, der seitdem nicht mehr viel mit seinem Vater zu tun hatte. Ein erster Verdächtiger also, aber kann er auch der Täter sein? Das wäre wohl doch zu einfach.

Sollte dies wirklich der letzte Fall von Alex Recht und Fredrika Bergman sein, werden wir dieses Ermittler-Team vermissen. Am Schluss dieses ausgesprochen spannenden Kriminalromans wird es richtig dramatisch und die Ereignisse überschlagen sich. Auch wenn die Nachforschungen zu Beginn häufiger in eine Sackgasse führen, wie gerade der junge Kollege Ivan lernen muss, so kommt doch nach und nach ein Baustein zum anderen. Und eben jener Ivan zeichnet sich durch Ideenreichtum und Hartnäckigkeit aus, was zu neuen Ansätzen führt. Beim Lesen findet man etliche Anspielungen auf vorherige Fälle. Hat man diese vor längerer Zeit gelesen, kommt schon der Gedanke auf, sich die Reihe nochmal in näherem zeitlichen Zusammenhang zu Gemüte zu führen. Dies kann Menschen, die Recht und Bergman neu entdecken, wohl empfohlen werden, einige Zusammenhänge dürften dann noch klarer werden. Liegt die Lektüre der vorherigen Bände schon länger zurück, erinnert man sich vage, doch irgendwie nicht genau genug. Dennoch ist dieser Roman packend wie nicht viele andere. Der Autorin ist einfach eine intelligente Konstruktion eines Falles gelungen, mit der sie zu fesseln versteht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sündengräber von Kristina Ohlsson
ISBN: 978-3-8090-2697-6


Samstag, 9. Februar 2019

Selma und Luise


Für Luise ist Selma so etwas wie ein Leitstern. Selma ist die Seele im Haus, die alles zusammenhält. Luises Eltern gelingt das mit dem Zusammenhalten nicht so. Ihr Vater verlässt die Mutter und beginnt zunächst mit einer Psychotherapie. Als der Therapeut ihm empfehlt, einen Hund anzuschaffen als ausgelagerter Schmerz sozusagen, kommt Alaska ins Haus. Irgendwann ist auch Luises Mutter nicht mehr so richtig da. Doch Selma ist da. Und auch Luises Schulfreund Martin, mit dem sie so toll Zug fahren kann, so genau kennen sie die Strecke, dass sie aufsagen können, was in jedem Moment beim Blick aus dem Fenster zu sehen ist. Wenn aber Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf.

Luise erzählt die Geschichte eines Dorfes im Westerwald. Etwas speziell sind viele der Bewohner, aber eigentlich haben sie alle etwas Sympathisches. Wie es so ist in Dörfern, es gibt nichts was es nicht gibt. Nur gestorben wird manchmal viel zu früh. So ist Selma schon verwitwet seit ihr Sohn noch ein Kind war. Vielleicht ist Luises Vater deshalb ein wenig eigen geraten. Für ihn scheint es leichter zu fliehen als zu bleiben. Und Luise ist halt die Tochter ihres Vaters, wenn sie mal eine Verstockung hat, die das Leben nicht leichter macht. Zum Glück träumt Selma nicht allzu oft von einem Okapi, wenn es aber soweit ist, wird es schwer im Dorf.

Eine heimelige Stimmung verschafft dieses mit Gefühl von Sandra Hüller gelesene Hörbuch. Selma und Luise tragen dieses Buch. Manchmal überspringt es eine Generation und Großeltern und Enkel haben eine ganz besondere Beziehung und so ist es auch bei Selma und Luise. Wenn die Eltern mal nicht weiterwissen, kann Luise immer zu Selma kommen. Wobei auch Selma ihr Leben hat. Vieles zwischen den Menschen im Dorf lebt vom Unausgesprochenen, das dem Leben einen eigenen Schmelz verleiht. Ein Buch wie man es sich wünscht, warm, authentisch und mit einer Art Erdbeben. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky
ISBN: 978-3-8648-4436-2


Freitag, 8. Februar 2019

Ivy House


Alles passt für den knapp 30jährigen Toby Hennessy. Er hat eine tolle Freundin, zwei Kumpel, mit denen er immer mal auf einen Absacker in den Pub gehen kann, einen Job in einer Galerie, um den ihn manche beneiden. Er könnte ich als glücklich bezeichnen. Allerdings kommt es in der Galerie zu einem Vorfall, der Toby um den Arbeitsplatz fürchten lässt. Wäre da nicht sein vielgerühmtes Glück. Doch irgendwie scheint es für einen Moment aufgebraucht. Hennessy wird in seiner Wohnung, die von seinen Eltern vorfinanziert wurde, wird er überfallen, zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zieht Toby erstmal zu seinem Onkel Hugo ins Ivy House.

Es könnte so schön weitergehen für Toby Hennessy. Doch nach dem Überfall ist er nicht mehr derselbe. Die schweren Verletzungen haben ihre Spuren hinterlassen und die Folgen werden noch lange nicht überwunden sein, wenn sie überhaupt je verschwinden. Und so zieht er sich ins Idyll von Ivy House zurück, das Haus seines Onkels, in dem er, Suzanne und Leon in der Kindheit und Jugend häufig die Sommerferien verbrachten. Ruhig ist es dort zwar, doch durch eine schwere Erkrankung ist auch Onkel Hugo eingeschränkt und auf Toby könnte nicht nur eine Zeit der Erholung zukommen, sondern auch eine Zeit in der er Hugo betreuen muss.

Gewohnt akribisch beschreibt die Autorin ihre Personen und deren Lebensumstände, langsam und gründlich entwickelt sie ihre Handlungsstränge. So wird aus einem harmlosen vom Glück geprägten Beginn eine Geschichte, die wie bei einer Zwiebel mit jedem Abziehen einer Schale eine neue Färbung zeigt. Erinnerungen, die täuschen können, Gespräche, die neue Facetten zutage bringen, Mitmenschen, die manipulativ ins Geschehen eingreifen. Ehe man sich versieht, wird aus einer Schilderung von Tobys beneidenswert glücklichem Leben ein vielschichtiger Krimi, der sich mehr aus den Gesprächen der handelnden Personen entwickelt als aus den Ermittlungen der Polizei. Immer neue Haken werden dabei geschlagen, die so überraschend sind, dass kleine Längen leicht verziehen werden.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Der dunkle Garten von Tana French
ISBN: 978-3-651-02562-2


Dienstag, 5. Februar 2019

Die alte Weise


Mit seinem Vorbild Conawago wandert Duncan McCallum auf den alten Pfaden durch die ursprüngliche Landschaft Nordamerikas. Sein mühsam wiedergewonnener Seelenfrieden wird jäh gestört als er und sein alter Freund einen Sterbenden finden, dessen Hand an einen Baum genagelt ist. Bald kommt eine Patrouille hinzu und Conawago wird des Mordes verdächtigt. McCallum versucht alles in seiner Macht stehende, die Wahrheit um den Mord herauszufinden. Schließlich gilt es, seinen väterlichen Freund zu retten. Schnell findet Duncan Hinweise an der Leiche, die auf Rituale hindeuten, die allerdings nicht allein indianischen Ursprungs sein können.

Im Jahr 1760 ist der Krieg auf dem amerikanischen Kontinent zwischen Franzosen und Engländern noch nicht entschieden. Gegenseitig weist man sich die Schuld an Scharmützeln zu. Landgesellschaften versuchen dabei, den Indianern Abkommen abzuringen, um an Land zu gelangen. Und es zeichnet sich ab, dass etliche der jüngeren Ureinwohner nicht mehr unbedingt gewillt sind, den alten Sitten und Gebräuchen zu folgen und die Naturgeister zu ehren. Duncan erlangt mit Hilfe von Conawago große Einsicht in das Leben der Indianer und für ihn gibt es durchaus Ähnlichkeiten zum Clanwesen in den Schottischen Highlands, das von den Engländern brutal unterdrückt wird.

Auch in diesem zweiten Band um Duncan McCallum und Conawago kann man sich mittels eines spannenden Kriminalfalls auf die Spuren der Ureinwohner Nordamerikas begeben. Der Kriegspfad ist dabei sowohl wörtlich als auch im übertragenden Sinn zu sehen. Duncan schafft es mit seiner Kombinationsgabe einem hinterlistigen Plan auf die Spur zu kommen, mit dessen Drahtzieher in keiner Weise zu rechnen war. Hier will jeder jeden hinters Licht führen. Und nur knapp entkommen die Freunde so manches Mal dem Tod. Doch nicht etwaige Grausamkeiten machen den besonderen Reiz dieses Romans aus, sondern die authentischen Beschreibungen des Zusammenwirkens zwischen Ureinwohnern und Fremden und ein sehr geschickt aufgebauter Plot, der in jeder Sekunde zu fesseln versteht.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Eye of the Raven von Eliot Pattison
ISBN: 978-1-386-08336-2


Sonntag, 3. Februar 2019

Weißkohl


Ein junger Postbote erfährt, dass er unheilbar krank ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat. Nach dem ersten Schock, beginnt er sich die Frage zu stellen, was er mit der verbleibenden Zeit anfangen soll. Plötzlich erscheint ihm eine Person, die genauso aussieht wie er. Der Fremde behauptet, er sei der Teufel und er könne dem Postboten für jedes Ding, dass von der Welt verschwindet, einen Tag mehr Leben verschaffen. Wer würde sich nicht darauf einlassen, schließlich gibt es genug Dinge, auf die die Welt locker verzichten kann, Quallen zum Beispiel. Doch der Teufel entscheidet, was verschwindet.

Mit seinem überraschenden kleinen Debütroman, einfühlsam gelesen von Jan Katzenberger, greift der Autor nachdenklich stimmende Themen auf. Zum einen halt, wie man reagiert, wenn man nur noch kurze Zeit zu leben hat. Wie nutzt man seine Zeit? Zum anderen, wie es wäre, wenn Dinge von der Welt verschwinden. Und natürlich auch, wie lange macht man es mit, um das eigene Leben zu verlängern, die Welt ärmer zu machen. Leider kann der Erkrankte die nutzlosen Dinge nicht selbst auswählen. Vielleicht wäre das auch zu einfach. Schließlich gibt es vermutlich reichlich Sandkörner, von denen keines ist wie das andere. So verschwinden zunächst die Telefone, was möglicherweise nicht so schlecht ist. Wenn man sich das Straßenbild so anschaut, so verstecken sich doch viele hinter ihren kleinen Computern und haben den Blick für die Welt verloren. Was aber wenn es um Dinge geht, die man wirklich vermissen würde? Mit jedem Ding, das verschwinden soll, taucht der Briefträger tiefer in sein bisheriges Leben ein, beginnt zu reflektieren, wie es bisher gelaufen ist, was er hätte besser machen können oder auch was er gut gemacht hat. Die Beziehung zu seinen Eltern, zu seiner ehemaligen Freundin. Mit viel Ruhm hat er sich nicht bekleckert, doch hat er auch kein Übel in die Welt gebracht. Allerdings wie wichtig ist ein kleines Menschenleben im Lauf der Zeit? Ist es wert, dass dafür die Katzen von der Welt verschwinden? 

Ein schmales Bändchen, das berührt und anregt, in sich zu kehren und zu überdenken, was man selbst mit dem Rest seines Lebens anfangen möchte, auch wenn man zum Glück nicht weiß, wie viel Zeit noch bleibt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wenn die Katzen von der Welt verschwänden von Genki Kawamura
ISBN: 978-8-7260-5610-5