Freitag, 31. Dezember 2021

Die große Reise

Tobias Ronnefeldt plant seine große Chinareise. Er wird über ein Jahr unterwegs sein. Friederike, seine Frau, hatte gehofft, er würde die Reise wenigstens verschieben, wenn sie ihm erzählt, dass sie das fünfte gemeinsame Kind erwartet. Doch die Reise war immer Ronnefeldts großer Traum, der Teehändler will unbedingt in das Teeanbaugebiet reisen und vielleicht sogar ein paar Pflanzen oder Samen mitbringen. Im Jahr 1838 kein einfaches Unterfangen. Tobias glaubt seine Frau auch gut versorgt, er hat einen neuen Prokuristen eingestellt und sein Bruder Nikolaus wird nach Friederike sehen. Außerdem steht sie in regem Austausch mit ihren Schwestern und einigen Freundinnen.


Bei diesem historischen Roman handelt es sich um den ersten Teil einer Reihe, wobei der Name Ronnefeldt durchaus dazu einlädt, einmal das weltweite Netz zu befragen. Die junge Friederike Ronnefeldt ist glücklich verheiratet. Doch als ihr Mann seine Reise antritt, obwohl sie ihm von der neuen Schwangerschaft berichtet hat, ist Friederike doch ein wenig enttäuscht. Sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ihr Traum ist es, sich selbst um das Geschäft zu kümmern, obwohl das in ihrer Zeit und ihrer gesellschaftlichen Position völlig unüblich ist. Man könnte beinahe meinen, es spiele ihr in die Hände, dass der neue Prokurist sich als nicht sehr zuverlässig erweist.


Zu Beginn des Romans kann man möglicherweise etwas Mühe haben sich mit Familie Ronnefeldt anzufreunden. Aus heutiger Sicht erscheint es schwer verständlich, dass ein Ehemann seine schwangere Frau einfach alleine lässt und seinen eigenen Träumen nachgeht. Erst wenn man merkt, was für eine tatkräftige und mit Ideenreichtum gesegnete Frau Friederike ist, ändert sich dies. Toll, mit welcher Verve sie darangeht, das Geschäft zu schützen und sogar auszubauen. Wenn die Frauen doch immer nur so dürften wie sie wollten. Auch Spannung kommt auf, wenn es gilt Probleme und Rätsel zu lösen. Und so kann man das Buch mit dem Gedanken schließen, dass man eine interessante Familie kennengelernt hat und bei der nächsten Tasse Tee an deren Namen denken wird.


4 Sterne


Die Teehändlerin von Susanne Popp

ISBN: 978-3-596-70603-7




Donnerstag, 30. Dezember 2021

Teamwork

Als die FBI-Agentin Atlee Pine sechs Jahre alt war, wurde sie bei einem Überfall schwer verletzt und ihre Zwillingsschwester Mercy wurde entführt. Seitdem vermisst Atlee ihre Schwester. Doch durch ihre Tätigkeit ist sie in die Lage versetzt, auch der kleinsten Spur zu folgen. Eine Spur führt sie nach New Jersey, wo sie dummerweise eine Aktion des Army-Ermittlers John Puller stört. Ihr gemeinsames Zielobjekt kann fliehen. Atlee und John nehmen es sportlich und gemeinsam mit Atlees Assistentin Carol Blum bündeln sie ihre Kräfte. Auch wenn für Atlee die Suche nach ihrer Schwester im Vordergrund steht, kommt sie zusammen mit John Puller einen richtig großen Verbrechen auf die Spur.


Der vorliegende Roman ist der dritte Band der Reihe um die FBI-Agentin Atlee Pine, die nach Jahren die Suche nach ihrer Schwester nicht aufgeben will. Hier trifft sie mit ihrem Kollegen von der Armee John Puller zusammen. Gemeinsam rollen sie einen brisanten Fall auf und beinahe nebenbei findet Atlee auch neue Hinweise auf den möglichen Verbleib ihrer Schwester. Obwohl Atlee immer noch befürchtet, ihre Schwester könnte die Entführung nicht überlebt haben, hegt sie doch die vage Hoffnung, sie würde sie eines Tages lebend finden. 


Wegen der Rahmenhandlung um das Verschwinden von Mercy ist es vielleicht besser, die Bücher der Reihe chronologisch zu lesen. Zum Verständnis ist dies zwar nicht notwendig, wahrscheinlich aber schon besser, um Atlees Charakter besser zu erfassen. Unabhängig davon, beinhaltet dieser Krimi eine spannende Story, die sich rasant aufbaut. So ist man es von dem Autor auch gewohnt. Atlee Pine und John Puller ergeben ein gutes Team, dass sich bestens ergänzt. Carol Blum bietet einen etwas ruhigeren, aber wichtigen Ausgleich. Den Schluss liest man vielleicht zweimal und ist doch nicht wirklich erleuchtet, was ein kleines Manko darstellt. Davon abgesehen handelt es sich hier um einen straffen, aus schnellen Szenen bestehenden Thriller, um zwei Ermittler, die mit ihren herausragenden Fähigkeiten ein tolles Team bilden. Auch ist ein vierter Band angekündigt, durch den vielleicht noch weitere Geheimnisse geklärt werden.


4 Sterne


Dayligt von David Baldacci

ISBN: 978-1-509-87459-0



und auf Deutsch:


Eingeholt von David Baldacci

ISBN: 978-3-453-27345-0




Mittwoch, 29. Dezember 2021

Pam's Kolumne

Gemeinsam mit ihrer Mutter lebt die fast vierzigjährige Jean Swinney im Süden Londons. Ihre Welt ist sehr geregelt, sie pendelt eigentlich nur zwischen Arbeit und Daheim hin und her. Wenn sie ehrlich ist, geht ihr die Unleidlichkeit der Mutter manchmal auf die Nerven. Da ergibt sich die Chance auf eine ungewöhnliche Reportage. Eine junge Frau behauptet, sie habe ihre inzwischen zehnjährige Tochter jungfräulich empfangen. Das wäre eine Sensation. Aber natürlich muss eingehend geprüft werden, ob das tatsächlich sein kann. Jean nimmt Kontakt mit Gretchen Tilbury auf, die inzwischen verheiratet ist. Eine aufregende Sache für Jean.


Im England des Jahres 1957 ist die Kriegszeit noch nicht vergessen und wegen der fehlenden Männer ist aus so mach hoffnungsvoller junger Frau eine inoffizielle Tante geworden. Auch Jean könnte in diese Kategorie passen. Sie hat sich in ihre Aufgabe, die hauptsächlich aus der Betreuung ihrer Mutter besteht, gefügt und kaum noch Hoffnung, dass sich an ihrem Leben noch groß etwas ändern könnte. Als Jean beginnt, sich mit Gretchens Geschichte zu beschäftigen, wird ihr Leben ganz schön durcheinander gewirbelt. Gretchen und ihre Familie wecken Sympathie in Jean und Gretchens Erzählung erscheint glaubhaft. Mithilfe einer ehemaligen Nachbarin verschafft sich Jean auch ein paar kleine Freiheiten von ihrer Mutter.


Diese beeindruckende Geschichte wird zwar eher ruhig erzählt, fesselt aber dennoch. Zum einen ersteht ein plausibles Bild vom England der 1950er Jahre und zum Anderen bekommt man einen Einblick in die Lebensentwürfe mehrerer Frauen. Die fehlenden Männer spielen zwangsläufig kaum eine Rolle, nur Gretchens Ehemann Howard nimmt einen wichtigen Einfluss. Hinzu kommt noch Jeans Suche nach der Wahrheit, eine Aufgabe, die zu ihrer Jobbeschreibung als Redakteurin gehört. Die Begegnung mit Gretchen bedeutet einen Wendepunkt in Jeans Leben und man gespannt zu erfahren, wie sie damit umgeht. Dieser Roman ist keine romantische Geschichte über den englischen Landadel, sondern eine realistische Erzählung über eine zupackende Frau, der man ihr persönliches Glück gönnte.


4 Sterne


Kleine Freuden von Clare Chambers

ISBN: 978-3-96161-116-4





Dienstag, 28. Dezember 2021

Raths Spiele

Kurz vor Eröffnung der olympischen Spiele im Berlin des Jahres 1036 stirbt ein amerikanischer Sportfunktionär. Oberkommissar Gereon Rath soll die Ermittlungen übernehmen. Offiziell wird er dafür der Wache im olympischen Dorf zugeteilt. Der deutsche Staat will verhindern, dass die Spiele durch den Todesfall in einem schlechten Licht dastehen.Am Besten Rath findet heraus, dass der Amerikaner eines natürlichen Todes starb. Doch die Umstände sind seltsam und Gereon Rath ist einfach zu sehr Kriminaler, um nicht wissen zu wollen, wie der Mann zu Tode kam. Mit Charly kann er sich nicht besprechen. Weil er in der gemeinsamen Wohnung während der Spiele eine amerikanische Familie beherbergt, ist Charly solange bei ihrer Freundin Greta. 


In seinem achten Fall soll Gereon Rath unter schwierigen Umständen einen Mordfall eher nicht aufklären. Mit den groß aufgezogenen Olympischen Spielen will der Staat die Welt blenden und von seiner Harmlosigkeit überzeugen. Da passt ein ungeklärter Todesfall natürlich nicht ins Bild. Rath eignet sich dabei gut als Ermittler, hat er sich doch erpressbar gemacht und es ist daher nicht zu erwarten, dass er zu unerwünschten Ergebnissen kommt. Trotzdem will Rath wissen, was passiert ist und er will auch Fritze schützen, der Hilfsarbeiten für eine amerikanischen Sportler ausübt. 


Im Jahr 1936 ist es kurz davor, dass die Maske fällt. Auch die Rath sind sich inzwischen einig, dass dieser Staat nicht mehr der ihre ist. Immer mehr ist zu befürchten, dass mal jemand verschwindet, dass Menschen bespitzelt und verraten werden. Und was dem Regime nicht passt, wird nieder geschwiegen oder für immer zum Verstummen gebracht. Die düstere Stimmung wird überdeckt durch die plakative Weltoffenheit während der Olympiade. Auch wenn die Ermittlung zu dem ersten Todesfall nur langsam Fahrt aufnimmt und schließlich auch ganz woanders mündet, so wird man doch wieder in das Vorkriegsdeutschland hineingezogen, wobei man nur froh ist, dass man damals nicht leben musste. Auch wenn dieser Band viellicht nicht der packendste der Reihe ist, so hat die Reise als solche der Fernsehserie doch einiges an Authentizität voraus. Zur Zeit der Olympiade ist das Land schon der Nazi-Herrschaft durchdrungen und eine freie Meinung kann nur noch im Verborgenen unter Vertrauten geteilt werden. Man kann gut verstehen, dass dieses Land nicht mehr das der Raths ist. 


4 Sterne


Olympia von Volker Kutscher

ISBN: 978-3-492-07059-1




Montag, 27. Dezember 2021

Adina Europa

Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes kommt die junge Adina aus ihrem tschechischen Dorf, aus dem schon die meisten jungen Menschen fortgezogen sind, nach Berlin, um zu studieren. Sie lernt die außergewöhnliche Fotografin Rikkie kennen, die Adina durch ihre Linse einen ganz eigenen Blick auf sich selbst eröffnet. Adina ist deshalb dankbar, dass Rikkie ihr ein Praktikum in der brandenburgischen Provinz verschafft. Dieses jedoch endet mit einem Desaster, nachdem Adina flieht. Sie landet in Helsinki, wo sie zur Ruhe kommen will. Hilfe bekommt sie von Leonidis, dem sie sich allerdings nicht anvertrauen kann. 


Nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2021 doch neugierig geworden, obwohl die Leseprobe nicht übermäßig ansprechend erschien, hat man sich an das von der Autorin selbst eingelesene ungekürzte Hörbuch hergemacht. Die Worte sind auf angenehme Weise vorgetragen. Man merkt, dass die Autorin ihren Text im Herzen trägt. Bei Adina handelt es sich um eine sympathische junge Frau, die auf ihrem Weg in die Welt, den sie wie jeder junge Mensch mit viel Enthusiasmus angetreten hat, aufs Übelste misshandelt wird. Dadurch verliert sie den so sicher geglaubten Halt und fällt in ein Tief, aus dem sie sich nur schwer befreien kann.


Mit dem Roman greift die Autorin im Rahmen der MeToo Debatte ein brennend aktuelles Thema auf. Leider erscheint die Umsetzung durch die nicht chronologische Erzählweise und etliche Abschweifungen zwar buchpreisgerecht, aber aus der persönlichen Lesersicht nicht übermäßig gelungen. Es dauert ein wenig, um überhaupt in den Roman hineinzufinden. Da war die Erkenntnis aus der Leseprobe durchaus wegweisend. Kommt man nach und nach hinter das eigentliche Thema, gewinnt das Buch mit seinen nachdrücklichen und emotionsgeladenen Beschreibungen durchaus an Profil, nur um im weiteren Verlauf wieder ins Verschwommene abzudriften. Und so hat man einen für sich selbst einen nicht ganz so packenden Roman, aber dennoch einen würdigen Buchpreisträger.


3 Sterne


Die blaue Frau von Antje Rávik Strubel

ISBN: 978-3-8398-1977-7




Sonntag, 26. Dezember 2021

Regentage

Mit ungefähr dreihundert Regentagen zeichnen sich die Faröer Inseln nicht gerade durch gutes Wetter aus. Trotzdem verschlägt es den Schotten John Callum eben dort hin. Zwar hat niemand dort auf ihn gewartet, dennoch findet er recht schnell einen Job in einer Fischfarm. Sein Chef Martin stellt ihm auch eine Unterkunft zur Verfügung. Callum merkt schnell, dass die Einheimischen meist recht offen und freundlich sind. Doch es gibt Ausnahmen, wie die Brüder Aaron und Nils, die es wohl sofort auf ihn abgesehen haben. Da sucht er doch lieber die Gesellschaft der hübschen Karis, nicht ahnend in welche Schwierigkeiten ihn das bringen könnte.


Als Schotte auf den Faröer Inseln ist John Callum prädestiniert für die Rolle des Außenseiters. Zwar findet er schnell Bekannte, aber er eckt auch an. Und er weckt Neugier, denn warum sollte jemand ausgerechnet auf den Inseln einen Neustart wagen. Callum will sich mit niemandem anlegen. Eigentlich möchte er nur zur Ruhe kommen, doch macht ihm das ein spezieller Kollege nicht leicht. Seine Wanderungen über die Insel sind zwar hilfreich, aber nicht alles. Und während der Kneipentouren fließt der Alkohol reichlich. Nach einer dieser Touren erwacht John Callum mit einem Filmriss und einem blutigen Messer in der Tasche.


Dieser Kriminalroman hat einen interessanten Aufbau, den man als Leser schnell entdeckt und der einen mit Neugier weiterlesen lässt. Zwar wartet das Buch mit einigen brutalen Szenen auf, die gerne etwas weniger explizit hätten ausfallen können. Doch die Geschicke des John Callum sind fesselnd komponiert und die Beschreibungen der kargen und wilden Landschaft lassen den Wunsch entstehen, einmal eine Reise zu tun. Nicht mal das mit den Regentagen scheint so schlimm zu sein. Callums Geschichte und die, in die er hineingerät, sind allerdings schon heftig. Beide sind von Gewalt und Schuld geprägt. Sie machen die Lektüre zu einer Achterbahnfahrt, die einen ordentlich durchrüttelt, aber auch ordentlich fesselt.


4 Sterne


Das Walmesser von C.R. Neilson

ISBN: 978-3-453-41967-4





Samstag, 25. Dezember 2021

Stadt der Hoffnung

Der namenlose Vietnamese und sein bester Freund Bon sind nach schweren Zeiten in Paris gelandet. Die Tante des Ersteren nimmt sie zunächst auf, doch einen Job kann sie ihnen nicht besorgen. Als Lektorin lebt sie unter Intellektuellen und wirkt sehr französisch. Die beiden Neuankömmlinge beginnen mit der Arbeit für den Boss im schlechtesten vietnamesischen Restaurant in Paris. Und sie müssen von unten anfangen. Aber natürlich merken sie schnell, dass es sich bei dem Lokal lediglich um eine Fassade handelt. Mehr Geld verdient der Boss mit seinen Drogengeschäften.


Anfang der 1980er ist der Sympathisant aus dem vorherigen Band in Frankreich, dem Land seines Vaters, angelangt. Leider hat sich dieser nie zu seinem Sohn bekannt. Eine richtige Zugehörigkeit gibt es nicht, aus der ehemaligen französischen Kolonie Indochina stammend, hat man in Paris nicht auf die Freunde gewartet. Eine Verkleidung als asiatischer Tourist soll helfen. Doch der Tante ist ein Lieferant abhanden gekommen und so hat der Namenlose die glorreiche Idee, er könne für den Boss einen weiteren Kundenkreis für seine Drogen zuführen und selbst dabei eine Menge Geld machen. Schon das klappt nicht und es dauert auch nicht lange, bis es Streß mit den Arabern gibt. 


Hatte der erste Band einen besonderen Reiz, der in der Art des Aufbaus lag, so sucht man in diesem zweiten Band nach dem Besonderen. Zwar werden Missstände angeprangert und die persönlichen Konflikte der Protagonisten zum Tragen gebracht, jedoch gewinnt man den Eindruck, dass etwas zu viel Wert auf recht lange Ergüsse gelegt wurde. Es fehlt ein wenig das unterschwellige Thema, das zu einem Aha-Erlebnis führt. Nichtsdestotrotz ist der Roman interessant, beleuchtet er doch verschiedene Milieus im Paris der 1980er. Da liegen schon die Wurzeln der Probleme, die uns auch heute noch begleiten. Dies aus Sicht eines Bootsflüchtlings, der nicht auf dieses eine Wort reduziert werden möchte, macht schon einen lesenswerten Roman aus.


3 Sterne


Die Idealisten von Viet Thanh Nguyen 

ISBN: 978-3-89667-595-8





Freitag, 24. Dezember 2021

Ort des Grauens

Es ist Winter in Kopenhagen und aus dem Hafenbecken wird eine Leiche geborgen, die keinen Kopf mehr hat. Kommissarin Kirsten Vinther und die externe Beraterin und Super-Recognizerin Marit Rauch Iversen müssen herausfinden, was sich hinter dem bizarren Mord verbirgt. Eigentlich unterstützt sie dabei der neue Kollege Jesper Bæk, der aus der Provinz nach Kopenhagen versetzt wurde. Jedoch ist Kirsten dem Neuen gegenüber misstrauisch, denn es gibt ein Leck unter den Ermittlern und Kirsten vertraut allen Kollegen, nur der Neue ist eben neu. Allerdings erfordert der Fall ihre ganze Aufmerksamkeit und dann wird auch noch ein Anwalt angegriffen und misshandelt.


Dieser Reihenauftakt führt ein Ermittlerteam ein, dass sich erstmal finden muss. Jesper ist nach seiner Versetzung noch nicht richtig in Kopenhagen angekommen und fühlt sich gehemmt. Dagegen kann Kirsten den Neuen zunächst nicht leiden und befürchtet, er könne die Untersuchung eher behindern. Die amazonenhafte Marit wirkt zum Glück etwas ausgleichend auf die beiden anderen, so dass die Nachforschungen schließlich vorankommen. Was für ein Fall. Schon das erste Opfer ist übel zugerichtet und es bleibt nicht bei dem einen Toten. Die Todesumstände geben Rätsel auf. Möglicherweise kann Marits Grönländische Herkunft bei der Aufklärung hilfreich sein.


Im Vergleich zur Handlung wirkt die Komposition des Covers geradezu ruhig, denn dies ist wirklich ein furioser erster Fall für das bunt und neu zusammengewürfelte Team. Zum Glück raufen sich die keifende Kirsten und der jammernde Jesper rechtzeitig zusammen, bevor der Gedanke aufkommt, man müsse sich vorzeitig von diesem Team verabschieden. Der Kriminalfall ist nämlich ausgesprochen spannend und ungewöhnlich. Sehr geschickt verbindet die Autorin die Taten mit der Fabelwelt Grönlands, über die einige unheimliche Geschichten erzählt werden. Und wenn das Team den Tätern schließlich näher kommt, ergeben sich unerwartete Wendungen und echte Thriller-Szenen. Je weiter man liest, desto packender wird das Geschehen. Irgendwann kann man einfach nicht mehr aufhören zu lesen, man muss einfach wissen, wer und was hinter allem steckt. 


4 Sterne


Eis. Kalt. Tot. von Anne Nørdby

ISBN: 978-3-8392-0024-7





Donnerstag, 23. Dezember 2021

Der Adler

Er hat die bessere Aufklärungsquote. Nur deshalb ist Kriminalinspektor August Emmerich noch bei der Abteilung Leib und Leben. Im September 1922 ist die Inflation auch in Wien hoch. Hundertzwanzig Kronen kostet eine Zigarette. Und dabei müht er sich um seine Pflegekinder und um die Aufklärung der Mordfälle. Nur durch Zufall wurde das letzte Opfer gefunden. Zwei Obdachlose haben in ihrem Unterschlupf eine Leiche gefunden. Emmerich und sein Kollege Winter übernehmen den Fall. An ihre Seite gestellt wird, nicht gerade zu Emmerichs Freude, der Psychoanalytiker Sándor Adler. Eigentlich könnten sie die Hilfe gut gebrauchen, aber in Emmerich sperrt sich alles gegen den Eindringling.


In seinem fünften Fall hat Kriminalinspektor es nicht leicht. Er hadert mit seiner Situation, seiner Kriegsverletzung, seinen Stand im Kommissariat, eigentlich mit allem. Das führt nicht unerwartet zu Problemen, wenn er wieder mal zu aufbrausend reagiert, kann es zu Beschwerden kommen. Winter kann ihn da nicht immer bremsen. Und Adler nervt ihn auch mit seinen unwillkommenen Ratschlägen. Der neue Fall ist äußerst rätselhaft, denn der Tote verstarb schon vor einer ganzen Weile, wodurch es schwierig wird auch nur die Identität festzustellen. Privat sorgt sich August um seine Ziehkinder, deren verstorbene Mutter er schmerzlich vermisst. Besonders Paul, der Jüngste, scheint die Erlebnisse nicht verwinden zu können.


Gekonnt schildert die Autorin das Leben sowohl der einfachen Leute als auch der oberen Schichten im Wien des Jahres 1922. Die Geldentwertung wird immer schlimmer, die einen müssen sehen, wo sie etwas Bezahlbares zu Essen auftreiben, während die anderen in eleganten Restaurants speisen. Dabei wird es auch für einen Polizisten wie Emmerich immer schwieriger, seine Familie zu versorgen. Und auch der Mordfall gibt schier unlösbare Rätsel auf. Doch mit Klugheit und auch mit der Hilfe seines treuen Assistenten Winter macht sich Emmerich an die Arbeit. Und auf dem Weg zur Lösung folgt man Emmerich und seinen Kollegen gebannt. Wie selten taucht man ein in diesen packenden Kriminalroman, der auch eine beeindruckende Milieuschilderung darstellt. Die Reihe um August Emmerich ist einfach herausragend, eine der wenigen, bei denen man eigentlich gleich den nächsten Band haben möchte, wenn man einen beendet hat.


4,5 Sterne


Der letzte Tod von Alex Beer

ISBN: 978-3-8090-2749-2




Mittwoch, 22. Dezember 2021

Fröhliche Weihnachtsmänner

Eines Abends, die Geschwister Mila und Jonas sind noch wach, sehen sie, wie ein Wichtel in ihrem Adventskalender verschwindet. Ausgerechnet hinter dem 24. Türchen, das darf man doch nicht vorher öffnen. Doch die Kinder sind einfach zu neugierig und schauen, wo der Wichtel sein könnte. Unversehens landen die Beiden im Weihnachtsdorf. Ach, so etwas haben sie noch nicht gesehen. Die Weihnachtsmänner aller Länder sind da und Rentiere, Elche und die Weihnachtskatze.Die Vorbereitungen auf das Fest laufen. Aber Väterchen Frost ist weg und die Rentiere sind krank. Hoffentlich kann Weihnachten stattfinden. Mila und Jonas wollen unbedingt helfen, Väterchen Frost zu finden.


Passend zur Adventszeit in 24 Kapiteln erzählt ist diese weihnachtliche Geschichte für Kinder. Mila und Jonas sind aufgeweckte Kinder, die neugierig in die Welt blicken. Als phantasiebegabte Geschwister geraten sie in das Weihnachtsdorf, wo sie die kennenlernen, die in unterschiedlichen Ländern für weihnachtliche Stimmung sorgen und auch die Geschenke bringen. Da gibt es niedliche Engel und Wichtel, aber auch Trolle, die eine Menge Schabernack treiben. Und natürlich sorgen sich die Kinder auch um die Rentiere, die wegen einer Erkältung im Stall bleiben müssen. Trotz der Sorgen erleben Mila und Jonas eine tolle Zeit im Weihnachtsdorf.


Jeden Tag ein Kapitel, da vergeht die Adventszeit wie im Flug und die Vorfreude steigt. Nicht nur für Kinder, auch Erwachsene können sich an dieser fröhlichen Geschichte erfreuen oder Eltern und Kinder lesen einfach gemeinsam. Die unterschiedlichen Weihnachtsfiguren werden liebenswert vorgestellt und wenn es um Väterchen Frost geht, wird es sogar richtig spannend. Die Story ist mit Herzenswärme erzählt und versetzt einen in weihnachtliche Stimmung und macht gute Laune. Und wenn man die Lektüre beendet hat, kann Weihnachten kommen. 


Eine liebevoll gezeichnete Auflockerung bieten die schönen Illustrationen.


4 Sterne


13 Weihnachtstrolle machen Ärger von Sabine Ständig

ISBN: 978-3-4148-2434-9

Montag, 20. Dezember 2021

The End

Und plötzlich ist der Strom weg. Die Mitarbeiter in den Kraftwerken versuchen verzweifelt, die Netze wieder aufzubauen. Doch die Störung breitet sich europaweit immer mehr aus und die Versuche des Neustarts scheitern. Auch Piero Manzano, ein IT-Spezialist, sieht die Störung erst noch relativ relaxed, obwohl er wegen des Ausfalls einer Ampelanlage in einen schweren Unfall gerät. Leicht verletzt ist er gemeinsam mit seinem Nachbarn noch zu Scherzen aufgelegt. Denn wie die meisten anderen nimmt er an, dass die Sache wohl in ein paar Stunden behoben sein wird. Dennoch schaut er nach seinem smarten Stromzähler, der ihm merkwürdige Dinge anzeigt bevor er scheinbar sein Leben aushaucht. Als Manzano seine Beobachtungen der Stromgesellschaft melden will, stößt er auf taube Ohren. Nach und nach sickert jedoch die Erkenntnis ein, dass es sich um ein größeres ziemlich katastrophales und weitreichendes Problem handelt, dass nicht so schnell behoben werden kann. Manzano kommt zu dem Schluss, dass ihm nichts anderes bleibt als selbst nach der Ursache zu suchen. Nach dem Lesen dieses Romans fühlt man erstmal das dringende Bedürfnis, die Vorräte insbesondere die Wasservorräte aufzufüllen, Batterien zu kaufen, Reservekanister anzuschaffen und zu befüllen, Holz für den Kamin zu beschaffen und etliche andere lebensnotwendige Dinge zu horten. Wie schnell es doch wegen einer relativ geringfügigen Ursache zu einer Wirkung kommen kann, die die gesamte Zivilisation fast zum Zusammenbruch bringt. Eine schauderhafte aber doch sehr realistische Vorstellung. Ein kleiner Stromausfall - alle kennen das, kramen ein paar Kerzen vor und denken, es wird wohl gleich wieder gehen. Aber was, wenn nicht? Und genau das wird hier sehr drastisch beschrieben, keine schöne Vorstellung. Lassen die Menschen wirklich so schnell jegliches Mitgefühl, jegliche Hilfsbereitschaft, jegliches Miteinander den Bach runtergehen, werden sie innerhalb von Tagen zu Monstern, die für ihren eigenen Vorteil, für ihr Überleben, über Leichen gehen. Nun wahrscheinlich ist das nicht weit hergeholt, Experimente, die uns die weniger schönen Seiten unserer sogenannten Menschlichkeit vor Augen führen, gab es ja schon. Ich jedenfalls hoffe, die Stromerzeuger und -verteiler dieser Welt lesen dieses Buch, machen sich viele Gedanken und handeln im positiven Sinne. Und nicht im Sinne von Sicherheitsmaßnahmen für Katastrophen, die zu 99,5 % nicht eintreten, braucht man nicht. Denn dass auch die 0,5 % eintreten können, hat der Sturm Catrina vor Jahren eindeutig belegt und auch die Folgen, die es hat, wenn man nicht vorbereitet ist. Und das Gewäsch über das wir haben alles im Griff kennt man auch spätestens seit Fukuschima. Nein, haltet auch die schlimmste Katastrophe für möglich und wappnet euch - ihr könntet die Welt retten.

5 Sterne

Blackout von Marc Elsberg
ISBN: 978-3-442-38029-9





Sonntag, 19. Dezember 2021

Die Fliegerin

Immer noch sucht Hannah Bloch nach jenen, die ihr nach dem Leben trachteten. Gemeinsam mit Scott Young arbeitet sie im Jahr 1947 beim CIC und sucht nach Nazi-Verbrechern, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Doch nun soll diese Aufgabe an die Deutschen übergeben werden und Hannah muss ihren Lebensunterhalt anders verdienen. Scott hat ihr ermöglicht, eine Ausbildung zur Pilotin zu machen. Er bietet ihr aber auch an, mit nach Amerika zu kommen. Hannah allerdings sieht ihre Aufgabe weiterhin darin, die Verbrecher zu finden, die viele ihrer Freunde grausam quälten und umbrachten. 


In diesem zweiten Band um Hannah Bloch, deren Leben die Nazis als unwert ansahen, wird sehr eindrücklich dargestellt, dass Hannah eine eine ganze Menge wert ist. Aufrecht versucht sie, die Nazi-Schergen aufzuspüren und den Behörden zu übergeben. Was dann passiert, ist schier unglaublich und hat mit einer echten Bestrafung wenig zu tun. Viel zu leicht kommen die Verbrecher davon. Da liegt der Gedanke an Rache nahe und als Hannah dem polnischen Überlebenden Pawel begegnet, erfährt sie, dass man die Sache auch anders angehen kann. Hannah gerät in eine Zwickmühle, soll sie die Verbrecher einem Gerichtsverfahren zuführen oder soll sie das Recht selbst in die Hand nehmen.


Wenn man so liest, wie leicht die Nazi-Verbrecher nach dem Krieg teilweise davonkamen, möchte man mit den Zähen knirschen. Es kaum zu verstehen, wie es überhaupt zu diesem Regime kommen konnte und wieso so viele mitmachten. Da haben wahrscheinlich auch Fragen, die man älteren Verwandten gestellt hat, nicht weitergeholfen, wird doch diese Zeit nur mit sehr kargen Worten bedacht. Und so kann dieser Roman, der die Zeit kurz nach Kriegsende beschreibt, wenigstens einen Einblick gewähren. Man fühlt den Kampf der Opfer wie Hannah um Gerechtigkeit und man ist angeekelt von sich aalhaft durch die leider sehr weitmaschigen Netze der Justiz windenden Nazis, die nicht für ihre Verbrechen geradestehen. Gefesselt liest man von dem inneren Kampf der Opfer, die sich nach Vergeltung sehnen, aber doch überlegen müssen, ob es richtig sein kann, dass Recht in die eigenen Hände zu nehmen. 

Dieser packende historische Thriller erzählt mit authentischen Worten von den Opfern, denen viel mehr Worte gegönnt sein sollten.


4,5 Sterne


Die Ungerächten von Volker Dützer

ISBN: 978-3-8392-0019-3





Freitag, 17. Dezember 2021

Alexandra in Sofia

Als die junge Englischlehrerin Alexandra Boyd in Sofia ankommt, nimmt sie an einem Taxistand versehentlich eine Tasche mit. Wie sich herausstellt, ist darin eine Urne. Alex weiß nicht, was sie tun soll, aber unbedingt will sie die sterblichen Überreste an die Familie zurückgeben. Hilfe findet sie bei Bobby, der gemeinsam mit Alexandra den Spuren folgt, die sich bei der Suche ergeben. Die Beiden finden heraus, dass der Verstorbene ein bekannter Geiger war, der hochbetagt kürzlich verstarb. Seine Familie aber ist zunächst verschwunden. Bobby und Alex bleibt nichts anderes, als den Spuren zu Häusern und Menschen zu folgen.


Zwei junge Menschen werden durch ungewöhnliche Umstände zusammengewürfelt und machen sich gemeinsam auf den Weg durch ein unbekanntes Bulgarien. Sie erkunden pittoreske Städtchen und kleine Dörfchen, Berge und Täler. Auf der Suche nach den Hinterbliebenen des Toten stoßen sie überraschend auf eine Geschichte des Verstorbenen und auch des Landes, die sich zwar in der Vergangenheit abgespielt hat, deren Auswirkungen auch heute noch zu spüren sind. Bobby und Alex lernen interessante Menschen kennen, die von dem Geiger und seiner Familie erzählen können. Eine schillernde Persönlichkeit, deren Leben unter anderen Umständen vielleicht ganz anders verlaufen wäre.


Dieser Roman hat unter anderem auch das Land Bulgarien zum Thema und beim Lesen merkt man, wie wenig man über das kleine europäische Land weiß. Auch wenn das Buch bei über siebenhundert Seiten einige Längen enthält, so ist die Erzählung doch sehr interessant und überraschend. Zwei junge Menschen, die sich auf Spurensuche begeben und dabei eine unbekannte Geschichte entdecken, aus diesem per se schon ansprechenden Ansatz entwickelt die Autorin eine Handlung mit Irrungen und Wirrungen, die in großen Teilen fesselt. Dabei sind die handelnden Personen sympathisch und jeweils mit einem Hintergrund ausgestattet, der sie zu authentischen Persönlichkeiten macht, die mehr sind als bloße Stichwortgeber für das, was den Mittelpunkt der Handlung bildet. 


Ein interessanter Roman mit einer spannenden Story in einem Land, das sonst zu wenig Beachtung findet.


4 Sterne


Das dunkle Land von Elizabeth Kostova

ISBN: 978-3-336-54792-0



 

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Tödliche Karibik

Gerne denkt Lady Veronica Blake an die Zeit zurück, die sie als Hofdame von Prinzessin Margaret auf Mustique verbracht hat. Nun ist die Prinzessin schon seit ein paar Monaten verstorben und Veronica kehrt nach Mustique zurück, um eine Überraschungsparty für ihre Ziehtochter Lily zu organisieren. Lily hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Korallenriffe um die Insel vor der Korallenbleiche zu retten. Doch im Moment ist sie sehr besorgt um ihre Freundin Amanda, die. obwohl sehr zuverlässig, zu einem Treffen nicht erschienen ist. Ebenfalls auf die Insel zurückgekehrt ist der Polizist Solomon Nile, der sich um seinen kranken Vater kümmern will.


Sie kennt sich aus unter den Reichen und Schönen Lady Veronica genannt Lady Vee. Und doch ist sie recht bodenständig geblieben und sie hat nicht nur die Prinzessin betreut, sondern sich auch ihres Mündels angenommen und die Ausbildung des Inselpolizisten gefördert. Das letzte womit sie bei ihrer Rückkehr auf die Insel rechnet, ist, in einen Kriminalfall zu geraten. Da jedoch die Freundin ihrer Ziehtochter verschwunden ist, will Lady Blake unbedingt an der Suche beteiligt sein. Insbesondere sollte sich herausstellen, dass Lily in Gefahr sein könnte, muss sie alles tun, um die junge Frau zu schützen.


Mit diesem ungewöhnlichen Kriminalroman bekommt man einen kleinen Einblick in eine Welt, zu der man sonst kaum Zugang hat. Doch auch in diesen wohl situierten Kreisen ist man nicht vor menschlichen Gefühlen und deren Untiefen gefeit. Auch wenn am Anfang die Schilderungen der gesellschaftlichen Umstände etwas zu ausführlich geraten, wird einem Lady Blake schnell zur sehr angenehmen Gesellschafterin. Im Wechsel mit DS Nile berichtet sie von den Ereignissen, wobei der stetige Wechsel der Perspektive die Handlung sehr gut abrundet. Denn wo Solomon Nile vor verschlossenen Türen steht, kann Lady Blake übernehmen. Und so bündeln die Beiden ihre Kräfte. Als Leser taucht man in eine karibische Welt ein, von der man sonst kaum etwas erfahren würde. Gerade im momentan vorherrschenden trüben Wetter, begibt man sich in Gedanken gerne mit einem Krimi an einen fernen Strand.


4 Sterne


Lady Blake und das Grab im Meer von Anne Glenconner

ISBN: 978-3-499-00602-9





Sonntag, 12. Dezember 2021

Weihnachtskinderclub

Ernst Mannsen ist langweilig. Seine Frau Gudrun engagiert sich für den Weihnachtsmarkt auf Sylt und für den Kinderclub. Niemand hat Ernst gefragt, ob er den Weihnachtsmann spielen möchte. Das macht immer der Bankfilialleiter Dietrich, als ob der das besser könnte. Doch Dietrich ist irgendwie weg und mit ihm die Spendenkasse. Und die Gemeinde hat verkündet, dass die Zuschüsse für das kostenlose Mittagessen, das im Kinderclub ausgegeben wird, gestrichen werden sollen. Wie soll man denn jetzt an Geld kommen? Die Kinder dürfen doch nicht enttäuscht werden. Ernst beginnt Pläne zu schmieden. Da war doch dieser Film über die Gentlemen-Bankräuber.


Auch auf Sylt hat die Vorweihnachtszeit etwas Beschauliches. Die Bewohner wollen es sich und den Kindern schön machen. Gudrun und ihre Freundinnen schmücken und backen gerne. Ein besonderes Augenmerk haben sie auf die Kinder. Deren Augen sollen strahlen, wenn die Geschenke verteilt werden. Wie gemein, dass Dietrich mit dem Geld abgehauen ist. Neue Spenden zu organisieren, gestaltet sich schwierig. Die Leute haben ja schon einmal gegeben. Von Ernsts Plänen weiß Gudrun nichts. Das ist auch besser so. Sie würde ihm wohl ordentlich die Leviten lesen. Ein Banküberfall, so etwas kann doch nicht gutgehen.


Dieser weihnachtliche Roman wird ganz hervorragend vorgetragen von Katja Danowski. Ihr gelingt es auf sehr angenehme Weise die weihnachtlich-nordische Stimmung einzufangen. 


Mit Wortwitz und ausgefallenen Ideen wird das weihnachtliche Thema etwas anders aufbereitet. Ernst ist ein wenig knurrig, Gudrun energisch, Der kleine Anton ist ein liebenswertes Kind, der von seiner Mutter alleine großgezogen wird. Auf turbulente Weise entwickeln sich die Ereignisse. Da gibt es Verdächtigungen, Hoffnungen und überraschende Wendungen. Über allem liegt die anheimelnde Weihnachtsstimmung, von der man beim Zuhören durchaus angesteckt wird. Für die Adventszeit ist dieses Hörbuch gerade richtig. Nicht süßlich, sondern Wärme verströmend. Kein Wunder, dass sich beim Hören gute Stimmung einstellt.


4 Sterne


Geld oder Lebkuchen von Dora Heldt

ISBN: 978-3-8337-4364-1



Samstag, 11. Dezember 2021

Adventsglück

Vor knapp zwei Jahren ist Emmas geliebter Niklas bei einem Unfall gestorben. Seitdem ist Emma nicht mehr dieselbe. Sie hat sich zurückgezogen, puzzelt in ihrem Laden rum und ist meist gedrückter Stimmung. Ihre Schwester Magda macht immer wieder Vorschläge, um Emma aufzumuntern, dringt allerdings nicht so richtig durch. Schon um ihre Ruhe zu haben, beginnt Emma selbst darüber nachzudenken, was sie in der Vorweihnachtszeit tun könnte. Sie fasst den Entschluss an jedem Adventstag eine gute Tag zu vollbringen. Und so lernt sie eine liebenswerte ältere Nachbarin besser kennen, hilft einem Autofahrer aus einer Schneewehe, adoptiert einen Hund und so langsam ändert sich Emmas Leben.


Nach ihrem schweren Schicksalsschlag fällt es Emma schwer ins Leben zurück zu finden. Wofür in der ersten Zeit jeder Verständnis aufbringt, wirkt je mehr Zeit verstreicht eher so, als klammere sie sich krampfhaft an die Vergangenheit. Wenigstens um ihren kleinen Laden kümmert sie sich mehr schlecht als recht. Dass Magdas Idee, eine Schülerpraktikantin anzustellen, doch nicht so schlecht war, merkt Emma immerhin nach einer Weile. Nach und nach verändert sich Emmas Leben. Durch die guten Taten, die Emma zu vollbringen versucht, muss Emma wieder mehr auf Menschen zugehen. Hund Lukas ist dabei als Stütze nicht zu verachten.


Dieses lockere leichte Buch ist genau das Richtige für die Weihnachtszeit. Auch wenn einem Emma zu Beginn etwas sehr schwermütig vorkommt, so versteht man ihren Verlust doch sehr gut und freut sich mitzuerleben, wie sie langsam mit vorsichtigen Schritten wieder ins Leben zurückfindet. Die turbulente Weihnachtszeit im schwedischen Winter wird lebhaft beschrieben. Die handelnden Personen, allen voran Emma und Lukas, wirken durchweg sympathisch. Gerne erlebt man auch die Geschichten von Emmas neuen Bekannten mit. Die Menschen haben etwas zu erzählen, man muss ihnen nur etwas Zeit geben. Dieses liebenswerte Buch schafft in der dunklen Jahreszeit einfach ein paar helle Stunden, so dass man sich nach den letzten Zeilen wünscht, es möge noch ein wenig weitergehen.




4 Sterne


24 gute Taten von Jenny Fagerlund

ISBN: 978-3-8321-6589-5





Freitag, 10. Dezember 2021

Das Uhrengeheimnis

Nathaniel genannt Thaniel arbeitet als einfacher Telegraf für das Innenministerium. Sein Leben verläuft eher eintönig. Er hat eine kleine Wohnung und unterstützt seine Schwester. Eines Abends findet Thaniel eine fein gearbeitete Taschenuhr. Rästelhaft, wie die Uhr in sein Zimmer gelangte. Nathaniel macht sich auf die Suche nach der Herkunft der Uhr. In dieser Zeit des Jahres 1883 verbreiten sich Gerüchte, dass ein Anschlag auf Scotland Yard geplant sein könnte. Die Telegrafendrähte zwischen den Ministerien laufen heiß. Doch immer noch bleibt das Rätsel um die Uhr und eine Spur führt Thaniel zu einem Uhrmacher, der in Japan geboren wurde. 


Der einfache Angestellte Nathaniel, der eigentlich einen anderen Lebenstraum hatte, kommt hier in Berührung mit einer anderen Welt. Der Uhrmacher Keito Mori mit japanischen Wurzeln führt in in ein japanisches Dorf, das zu Anschauungszwecken in London aufgebaut wurde. Und auch einen Einblick in seine Handwerkskunst gibt er dem jungen Thaniel Steepleton. Nathaniel ist fasziniert von den filigranen Uhrwerken, die Mori herstellt und bei denen es sich eher um Kunstwerke denn als um bloße Uhren handelt. Dass Angebot bei Mori einzuziehen, nimmt Nathaniel gerne an. Vielleicht erzählt Mori ihm noch mehr über die Uhr und deren Funktionsweise.


Der Beginn dieser phantastischen Geschichte überzeugt ungemein. Das geheimnisvolle Auftauchen der Uhr, die Suche nach dem Uhrmacher, die drohende Gefahr eines Anschlags. Schritt für Schritt nähert sich Nathaniel dem Rätsel und taucht dabei in nicht nur in eine fremde Kultur ein, sondern er betritt auch Kreise, mit denen er sonst nicht in Berührung gekommen wäre. Doch als es beginnt um den Hintergrund von Moris Anwesenheit in London zu gehen, wird die Lektüre schwieriger und wirkt verworren, noch später geht weiteres Interesse verloren, weil die Handlung von einer folgerichtigen Abfolge in eine Phantastik überführt wird, für die man als Leser geschaffen sein muss. Dennoch bleibt Nathaniel sympathisch und die Vermischung möglicher historischer Begebenheiten mit einigen übersinnlichen Elementen bildet einen Ansatz, der neugierig macht. Sehr ansprechend ist auch das liebevoll gestaltete Cover.


3,5 Sterne



Der Uhrmacher in der Filigree Street von Natasha Pulley

ISBN:  978-3-608-98475-0





Dienstag, 7. Dezember 2021

Das gelenkte Haus

Der Arzt Hendrik und seine Freundin Linda wollen heiraten. Ein tolles Haus in Hamburg ausgestattet mit allen Finessen haben sie schon. Es ist eben sehr bequem, wenn die Technik per App-Steuerung viel für einen erledigt. Doch kurz vor der Hochzeit verschwindet Linda. Hendrik ist schockiert und verzweifelt, auch weil die Polizei zunächst keinen Anlass sieht, Ermittlungen aufzunehmen. Als Erwachsene kann Linda auch aus freien Stücken gegangen sein, vielleicht hat sie sogar einen anderen. Hoffnung schöpft Hendrik als sich eine weitere Person meldet, der Ähnliches widerfahren ist. Unheimlich wird es als Hendrik merkt, dass sich die Haussteuerung nicht mehr ausschalten lässt.


Der Autor steht für seine man kann sagen schnell geschnittenen Thriller, mit denen er sich aktuellen Themen widmet. Hier beginnt es mit dem Verschwinden einer eigentlich glücklichen jungen Frau und einer App, die außer Kontrolle zu geraten scheint. Hendrik kann einfach nicht glauben, dass Linda ihn verlassen hat, obwohl es Anzeichen dafür zu geben scheint. Und dann kommt noch diese widerspenstige Steuerung hinzu. Manchmal beginnt Hendrik zu glauben, das Haus habe sich gegen ihn verschworen. Nur mit viel Hartnäckigkeit und Mühe kann er die Polizei bewegen, Nachforschungen anzustellen. Die vorläufigen Ergebnisse sprechen jedoch eher dafür, dass Linda sich freiwillig auf den Weg gemacht hat.


Dieser Roman ist spannend und gut zu lesen. Allerdings werden Themen dargestellt, die nicht so richtig zusammenpassen. In der Phantasie glaubt man, diese Steuerung könne nur aus sehr spektakulären Gründen gekapert werden. Auch sucht man man einem überzeugenden Sympathieträger. Natürlich könnte Hendrik das sein. Doch wenn man sich vorstellt, dass eigene Haus würde von einer App überwacht, wäre man am nächsten Tag im Hotel, würde Gespräche nur noch außerhalb führen und hätte ein Handy ohne App. Auch wirkt es etwas überkonstruiert, dass nahezu jede der handelnden Personen Verdacht erweckt. Dass man dennoch bei der Stange bleibt, liegt an der Sympathie, die man für den Autor hegt und an dem letztlich fesselnden Geschehen, welches zu einer überraschenden Lösung führt.


3 Sterne


Die App von Arno Strobel

ISBN: 978-3-596-70355-5